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Nazi-Skandal Reloaded

Vor knapp acht Jahren erschütterte ein Skandal die “Junge Union” — und die „Bild“-Zeitung.

Mitten im Machtkampf der CDU platzt jetzt eine weitere Bombe! Mindestens drei CDU-Mitglieder sollen in einen Hakenkreuz-Skandal verwickelt sein. Jetzt tauchte ein geheimes Videoband bei der CDU-Zentrale im Abgeordnetenhaus auf. (…)

Der Film zeigt die CDU-Mitglieder während einer Fahrt vor zwei Jahren: Sie haben ihre Oberkörper mit Hakenkreuzen beschmiert, schreien wüste Nazi-Parolen!

Das mit den beschmierten Oberkörpern ist, wie wir schon damals festgestellt haben, völliger Quatsch. „Bild“ hatte das Video vor der Veröffentlichung des Artikels gar nicht gesehen.

Dummen Nazi-Mist gibt es in dem Video, das 2005 auf einer Reise der “Schüler Union” in Riga entstanden ist, aber tatsächlich: Es zeigt mehrere junge, sichtlich alkoholisierte Männer, die sich zum Zeitvertreib wie in einer Talk-Show Fragen stellen. Irgendwann hält einer der Anwesenden kurz einen Sticker mit Hakenkreuz-Motiv vors Objektiv, den er an einem Rigaer Souvenirstand erworben hat; ein anderer findet es sichtlich lustig, mit rechten Parolen wie der Bekämpfung „des jüdischen Bolschewismus“ zu provozieren.

2008 wurde das Video dann der Berliner CDU zugespielt, kurz darauf berichteten „Bild“ und andere Medien (etwa der „Tagesspiegel“), es gab große Aufregung — und Konsequenzen: Die beteiligten Nachwuchspolitiker legten ihre Ämter nieder, traten aus der Partei aus, einer erstattete Selbstanzeige und bekam eine zweijährige Ämtersperre. Ihre politische Karriere war vorerst hinüber, vom öffentlichen Ansehen ganz zu schweigen.

Damit war das Thema erledigt, die Politiker hatten ihre Strafe bekommen.

Und wenn Sie sich fragen, warum wir heute, elf Jahre nach der Entstehung des Videos und acht Jahre nach der Berichterstattung darüber, plötzlich wieder damit ankommen — nun ja:

Das ist die „B.Z.“ von heute. Der Skandal ist der von damals.

Von mit Hakenkreuzen beschmierten Oberkörpern ist immerhin nichts mehr zu lesen, denn diesmal haben die Springer-Leute sich das Video sogar angeschaut, bevor sie darüber geschrieben haben, was im Grunde auch die einzige Neuigkeit ist.

Aber weil die beteiligten JU-Mitglieder inzwischen wieder in der Partei aktiv sind, haut die „B.Z.“ ihnen den Skandal einfach noch mal um die Ohren.

Das Blatt erwähnt zwar, dass die Sache elf Jahre her ist (die Männer kommen auch alle zu Wort und erklären, dass sie diesen „sehr, sehr dummen Fehler“ immer noch “zutiefst bereuen”), doch es klingt alles so, als käme die Sache erst jetzt an die Öffentlichkeit:

Sie sind in jungen Jahren schon weit gekommen: (…). Jetzt holt die drei Freunde mit CDU-Parteibuch die Vergangenheit des Jahres 2005 ein: ein Video von einer Reise der Schüler-Union nach Riga.

Jetzt ist ein Video aufgetaucht, das drei Unions-Fraktionäre bei einer Partei-Reise 2005 nach Riga zeigt: Hakenkreuze, Nazi-Parolen, Hass.

Das Video, das der B.Z. exklusiv vorliegt, kennen bislang nur führende CDU-Funktionäre.

Schwupps — Skandal wieder da.


(“Focus Online”)


(“Huffington Post”)


(berliner-zeitung.de)


(stern.de)


(news.de)


(mz-web.de)


(oe24.at)

Auch die “Bild”-Zeitung berichtet wieder:

Dass sie schon vor acht Jahren darüber geschrieben hat und damals noch von beschmierten Oberkörpern die Rede war, erwähnt die Redaktion — Überraschung: nicht.

Mit Dank an Matthias M.

Millionärsformel, Blattmacherformel, Ironieformel

1. Maschmeyer und Freunde – verdächtig positive Kommentare
(tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
Der Tagesspiegel berichtet über ein seltsames Phänomen, dem man selbst zum Opfer fiel: In Online-Foren werde der umstrittene Unternehmer Carsten Maschmeyer (aktuelles Buch: “Die Millionärsformel”) oft dann besonders bejubelt, wenn es Kritik gebe. Dieselben Fans würden auch von Veronica Ferres und Mirko Slomka schwärmen. Ist das gesteuerte PR oder wahre Verehrung, fragt sich Tagesspiegel-Redakteurin Álvarez und geht der Sache detektivisch nach. Álvarez schaut sich jeden der Kommentierer an, stolpert über zahlreiche Auffälligkeiten und kommt schließlich einem Netzwerk von Online-Claqueuren auf die Schliche.

2. Fotoveröffentlichung – was muss man bei der Einwilligung des Abgebildeten beachten?
(fachjournalist.de, Frank C. Biethahn)
Fotos von Personen gehören zur Medienberichterstattung, doch deren Veröffentlichung berührt das Persönlichkeitsrecht. Deshalb bedarf es oft einer Einwilligung. Der “Deutsche Fachjournalisten-Verband (DFJV)” hat einen auf Urheber- und Medienangelegenheiten spezialisierten Juristen um eine Erläuterung der Rechtslage gebeten. Interessant für Fotografierer und Fotografierte.

3. Heftkritik: Wenn “junge Zielgruppe” keine Beleidigung ist
(wuv.de, Ben Krischke)
“WuV”-Autor Ben Krischke hat sich die neue “FAZ Woche” angeschaut und zeigt sich recht angetan. “Was die erste Ausgabe der “FAZ Woche” jung macht, sind keine seltsamen Ressortnamen, keine Geschichten über Beziehungsprobleme, die schon tausendfach erzählt wurden, keine Listen und schon gar keine ausufernden Artikel, die mir meine Gefühle erklären wollen. Und vor allem: Kein Gebrabbel über die Generation Y. Was das Magazin jung macht sind die vielen Einseiter, die sich relativ nüchtern, aber keineswegs langweilig lesen, ihr modernes Format, das sogar im Gedränge der morgendlichen Rush Hour nicht zum Problem wird, und die Themenauswahl, eine gelungene Mischung aus “Das ist gerade wichtig!” (Asylpolitik, AfD, Böhmermann, FDP, Kohl) und “Das könnte für dich als jungen Menschen interessant sein” (Rente, Ratenfinanzierung, Roboter, Bitcoins).”

4. Einbruch bei Erdogan-kritischer Journalistin in Amsterdam
(faz.net)
Aus der Türkei kommen fast täglich Horrormeldungen, was den Umgang mit Journalisten anbelangt. Und es wird immer unglaublicher: So wurde die wegen kritischer Äußerungen über Präsident Erdogan festgenommene niederländische Journalistin Ebru Umar nach einer Intervention der niederländischen Regierung zwar freigesetzt, darf aber die Türkei nicht verlassen. Während in Amsterdam in ihre Wohnung eingebrochen und ein Computer gestohlen wurde.

5. Die viralste Serie der Welt
(fluter.de, Hannah Schlüter)
Das von der Bundeszentrale für politische Bildung verantwortete Onlinemagazin “fluter” berichtet über den Erfolg von “Games of Thrones” in den sozialen Medien (2015 dominierende Serie bei Facebook und Twitter). Dies sei nicht nur auf die Serie selbst zurückzuführen, sondern liege auch an der ausgeklügelten und langfristig angelegten Marketing-Kampagne: HBO fördere Online-Fanaktivität und bediene strategisch die Social-Media-Kanäle, indem z.B. ausgesuchte Fanseiten mit exklusiven Fotos, Videos und News ausgestattet würden.

6. Die Sprachpolizei informiert (1): Ironie für Idioten
(michaelbittner.info)
“Das finde ich echt witzig. Nicht.” Michael Bittner wird übel, wenn er solche Sätze liest. Warum Äußerungen dieser Art als schwere Sprachverbrechen zu ahnden sind, erläutert der erste Beitrag seiner neuen Reihe “Die Sprachpolizei informiert”.

“Compact”: Lesen, was andere schon geschrieben haben

Am 7. März schrieb der Brüsseler Korrespondent Michael Stabenow in der “FAZ”:

Ahmet Davutoglu kam, lächelte und gab sich siegesgewiss. Als der türkische Ministerpräsident am Montagvormittag am Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäude einer schwarzen Limousine aus deutscher Produktion entstieg, wirkte er entspannt.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins “Compact” schreibt Chefredakteur Jürgen Elsässers in seinem Leitartikel:

Der türkische Ministerpräsident war bester Stimmung, als er am 7. März in einer schwarzen Luxuslimousine eines deutschen Autobauers vor dem Justus-Lipsius-Gebäude in Brüssel vorfuhr.

Klingt sehr ähnlich? Steht auch an der gleichen Position, ganz oben im ersten Absatz. So geht es weiter:

“FAZ”, 7. März:
“Zu diesem Zeitpunkt ahnten wohl nur wenige, dass es nicht beim Mittagessen — Selleriesuppe mit Karottenstückchen, Seezunge in Basilikumöl und Kleingemüse sowie Mango- und Himbeerdessert — bleiben werde.”
“Compact”, 1. April:
“Als sich die große Runde an die Mittagstafel setzte — es gab Selleriesuppe mit Karottenraspeln, Seezunge mit glaciertem Gemüse und zum Abschluss Mango- und Himbeerdessert –, ließ Ahmet Davutoglu die Katze aus dem Sack:”

Das muss noch kein bewusstes Plagiat sein, auch wenn sonst nur ein Liveticker der österreichischen Gratiszeitung “Heute” über das Menü berichtet. Manchmal schnappt man eben etwas auf und vergisst dann, dass es keine eigene Idee war. Kann passieren.

Bemerkenswert ist aber, dass ausgerechnet “Compact” einen Leitartikel fast wortgleich mit der “FAZ” beginnt. Gehört diese Zeitung doch zur “Mainstreampresse”, auf die das Magazin sonst nur verächtlich herabblickt. Schließlich wirbt “Compact” mit der Parole “Lesen, was andere nicht schreiben dürfen”.

Nun. Der Artikel ist 185 Zeilen lang. Die ersten 100 davon sind eine Nacherzählung der bisherigen Verhandlungen der EU mit der Türkei zur Rücknahme von Flüchtlingen, mit einem kleinen Exkurs zum Krieg der Türkei gegen die Kurden. Alles, was dort beschrieben wird, stand fast genauso auch in den verhassten “Systemmedien”.

Es wird auch fleißig zitiert in diesen ersten 100 Zeilen. Die O-Töne stammen ursprünglich unter anderem aus der “FAZ”, aus einer dpa-Meldung (allerdings wird dieses Zitat von Elsässer als Reaktion auf eine Regierungserklärung ausgegeben, obwohl es schon etwa eine Woche vorher erschienen war), ein weiteres stammt aus einem Interview der “Passauer Neuen Presse”, eines stammt aus einem Interview der “Bild”-Zeitung, der letzte Absatz paraphrasiert eine Reuters-Meldung.

Wir haben mal hervorgehoben, was schon an anderer Stelle geschrieben wurde:

Nur beim letzten Zitat gibt Elsässer die Quelle an.

Im Rest des Artikels geht es dann um die Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei. Es gab eine Zeit vor den Diskussionen um “Extra 3” und Jan Böhmermann, die älteren Leser erinnern sich vielleicht. Die April-Ausgabe von “Compact” wurde vor dieser aktuellen Diskussion um Erdoğans Verhältnis zur Presse produziert. Kritik an der Türkei war aber schon damals und lange davor mitnichten ein Alleinstellungsmerkmal der “Compact”.

Zum Beispiel kann man aus den “Konformisten-Medien” wissen, dass die Korrespondenten von “Spiegel” (Hasnain Kazim) und “Welt” (Deniz Yücel) im März zu ihrem eigenen Schutz das Land verließen. Auch die Schließung der Zeitung “Zaman”, die “Compact” aufgreift, war in vielen deutschen (und internationalen) Medien bis hin zur “Tagesschau” ein großes Thema.

Vom “Mut zur Wahrheit”, den “Compact” für sich beansprucht, ist in diesem Leitartikel wenig zu finden. Denn Mut würde ja voraussetzen, dass da etwas ausgesprochen wird, was nicht ohnehin schon jeder sagt. Elsässer aber fasst nur einen breiten Konsens der Presse gegen Erdoğan zusammen, und tut derweil weiterhin so, als verkünde er subversive, verbotene Wahrheiten.

Dennoch trifft er den typisch hysterischen “Compact”-Stil. Dazu braucht er allerdings nicht viel. Die eigenartige Hauptthese des Artikels ist, dass durch den Türkei-Deal nun erst recht Flüchtlinge nach Deutschland kommen würden. Elsässer lobt darum den ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán für dessen Grenzpolitik (alles einzäunen).

Und dann sind da noch einige Vokabeln, die Jürgen Elsässer wie Zuckerstreusel über seinen Fertigbacktext streut. So spricht er gleich im Teaser von einer “Asylanten-Invasion”, die durch das Abkommen mit der Türkei erst recht angeheizt werde und später von “Osmanen” die in Berlin Privilegien genössen. Flüchtlinge nennt er “Neusiedler” auf dem Weg ins “gelobte Deutschland”. Merkel bezeichnet er als “die autistische Kanzlerin”. Eine Bildunterschrift lautet: “Im Harem des Sultans hat Angela Ayse Merkel nicht viel zu lachen”. Der Titel: Merkel im Erdowahn. Das Cover: Merkel mit Fes.

In einem weiteren Artikel zum Titelthema kommt Elsässer auch auf die Morde des NSU zu sprechen. Er nennt sie immer noch konsequent “Döner-Morde” und behauptet, dass nicht etwa Neonazis, sondern “Erdogans Geheimdienste etwas mit den Verbrechen zu tun haben könnten”. Dafür gebe es “etliche Hinweise”.

Was dann folgt, sind aber keine neuen Belege, sondern alte Gerüchte, die größtenteils aus der Zeit stammen, in der noch wenig über den NSU bekannt war. Elsässer hat sie in 15 Jahre alten Artikeln gefunden — genauer: im “Spiegel”, im “Stern”, beim WDR und in “osmanischen Zeitungen”.

Wer “Compact” also im Glauben kauft, dass da endlich mal einer die Fakten auf den Tisch legt, die sonst keiner bringt, der wird getäuscht. Lässt man die heiße Luft raus und streicht das fremdenfeindliche Vokabular, bleibt bloß: eine sehr selektive Zusammenfassung der “Lügenpresse”.

Reporter mit Grenzen, Hessliches, Lobbyarbeit vs. Pressefreiheit

1. Journalisten weltweit unter zunehmendem Druck
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” stellt die Rangliste der Pressefreiheit 2016 vor. Der Druck auf Journalisten würde weltweit zunehmen. Vorstandssprecher Michael Rediske kommentiert: „Viele Staatsführer reagieren geradezu paranoid auf legitime Kritik durch unabhängige Journalisten. Wenn sich selbstherrliche Präsidenten und Regierungen per Gesetz jeder Kritik entziehen, fördert das Selbstzensur und erstickt jede politische Diskussion. Dabei sind lebendige, debattierfreudige Medien gerade dort nötig, wo die Probleme am größten sind und sich Gesellschaften über den besten Weg in die Zukunft verständigen müssen.“

2. ARD-Korrespondent zurück in Kairo
(tagesschau.de)
Die Türkei hat dem Kairo-Korrespondenten der ARD, Volker Schwenck, die Einreise verweigert. Auf dem Flughafen von Istanbul wurde er in einem Abschieberaum festgesetzt. Inzwischen ist Schwenck wieder zurück in Kairo. Die Hintergründe für das Einreiseverbot sind nach ARD-Angaben noch unklar. Schwenck wollte eigentlich von Istanbul weiter in das türkisch-syrische Grenzgebiet reisen, um dort u.a. mit syrischen Flüchtlingen zu sprechen.

3. Autoren erleiden “kolossale Niederlage” gegen Google
(golem.de, Friedhelm Greis)
Lange Jahre wurde um “Google Books” gestritten, aber nun hat der Oberste Gerichtshof der USA entschieden: Suchmaschinenkonzern Google darf für sein Projekt Google Books beliebig viele Bücher in den USA ohne die Zustimmung der Autoren digitalisieren und durchsuchbar machen. Google dürfte das einige Milliarden sparen. Die amerikanische Autorenvereinigung (Authors Guild), deren Revision abgelehnt wurde, sprach von einer “kolossalen Niederlage”.

4. Nichts wissen, aber das Ende der Pressefreiheit in Hessen ausrufen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ein Lokalpolitiker zeigt einen “Bild”-Reporter wegen Verleumdung an. Ohne die Hintergründe zu kennen, skandalisiere das Blatt die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft als Einschüchterungsversuch des hessischen Innenministers. Und Journalistenverbände und Politiker gingen “Bild” auf den Leim, so Stefan Niggemeier auf “Übermedien”.

5. Recherche-Journalismus und Urheberrecht: Kaum rechtliche Möglichkeiten für Schweizer Journalisten
(investigativ.ch, Florian Imbach)
“Investigativ” macht auf einen Fall von fragwürdiger Einflussnahme auf journalistische Arbeit aufmerksam: Die Zürcher Lobbyfirma HirzelNeefSchmid nutze das Urheberrecht, um Druck auf einen ihr lästigen Journalisten auszuüben und die Publikation eines für die Berichterstattung wichtigen Dokuments zu unterdrücken. Der Artikel erklärt Problem und Rechtslage dieses Falls und lässt die beschuldigte Firma mit ihrer Stellungnahme zu Wort kommen.

6. Presse-Fail: Die kleine WELT gegen die große Galaxis
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi hat in der “Welt” einen Artikel über “Star Wars” gelesen und ärgert sich. In einer Erwiderung geht er akribisch die aus seiner Sicht erfolgten Fehler und Ungenauigkeiten durch. Die Frage des “Welt”-Artikels “Dürfen wir dich Versager nennen, Star Wars?” beantwortet er am Ende mit einem “Nein. Hau ab”.

Werte, Pfefferspray, Selfies

1. Schwimmen im Common Sense: Medien, wo sind eure Werte?
(derstandard.at, Franziska Weder)
Medienwissenschaftlerin Franziska Weder kritisiert die Medien, die sich mit “Common-Sense-Issues” und Allgemeinplätzen begnügen und neue, andere Sichtweisen und Gegenargumente scheuen würden. Der vom “gesunden Menschenverstand” getriebene Common Sense sei erwartbar und unterdrücke Debatten, was schade sei. Gefordert sei ein “aufklärender, verantwortungsorientierter Informationsjournalismus, ein Aufbrecherjournalismus, der nach Für und Wider sucht, der mit neuen Argumenten und Gegenargumenten anstelle von Allgemeinplätzen spielt, der Themen problematisiert und einen öffentlichen Dialog ermöglicht”.

2. Lästiges Pfefferspray-Bild: US-Universität zahlte 175.000 Dollar für Suchmaschinenoptimierung
(netzpolitik.org, Jonas Klaus)
Manch einer erinnert sich noch an die Bilder von Studentenprotesten an einer amerikanischen Uni, bei der die friedlichen Teilnehmer eines Sitzstreiks aus nächster Nähe mit Pfefferspray attackiert wurden. “Netzpolitik” berichtet nun davon, dass die Uni verschiedene Marketingunternehmen beauftragt hat, die für sie unangenehme Berichterstattung aus dem Netz zu drängen. Rund 175.000 Dollar habe sich die Uni die Bereinigungsaktion kosten lassen. Mit zweifelhaftem Erfolg: Wenn man den Namen der Universität (“uc davis”) bei Google eingibt, erscheint bereits als erster Ergänzungsvorschlag “pepper spray”.

3. Lügenpresse
(lügenpresse.de)
Journalisten bekommen seit geraumer Zeit den Vorwurf der angeblichen “Lügenpresse” zu hören. Nun wehrt man sich mit Video-Statements: “Deshalb wird es Zeit, dass die “Lügenpresse” das Wort ergreift und wir unsere Version erzählen. Hier spricht also die “Lügenpresse”!” Produziert wird die Seite von der DDV Mediengruppe (“Sächsische Zeitung”, “Mopo24” etc.). Verantwortlicher Redakteur ist der Chefredakteur der “Morgenpost Sachsen” und “MOPO24.de” Robert Kuhne.

4. Der Zusammenhang: Die Flüchtlingskrise
(krautreporter.de, Dominik Wurnig)
Weil seit mehr als einem Jahr die Flüchtlingsthematik die Berichterstattung in Deutschland bestimmen würde, hat Krautreporter Dominik Wurnig die 13 wichtigsten Fragen dazu aufgegriffen, erklärt und mit weiterführenden Links versehen. Wer zum Thema mitreden will: Kompakter und dennoch ausführlich kann man sich wohl keinen Überblick verschaffen.

5. Der Appell an die Ethik wird immer weniger gehört.
(planet-interview.de, Henry Steinhau)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) vertritt als Gewerkschaft 35.000 Mitglieder und ist damit die größte Journalisten-Organisation Europas. Seit 2015 leitet Frank Überall den Verband, in den 12 Jahren zuvor war dies Michael Konken. Im Interview mit “Planet Interview” spricht der ehemalige DJV-Chef Konken über Trennungsgebote, den Umgang mit “Lügenpresse“-Vorwürfen, wirkungslose Rügen, Autorisierung und seine Idee einer Haushaltsabgabe für Printmedien.

6. Das perfekte Selfie – wo liegen die Grenzen?
(netzpiloten.de, Michael Weigold)
Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema “Selfie”, samt geschichtlichem Abriss (erstes “Selfie”: 1839), unzähligen Links zum Weiterlesen und kulturpessimistischem Ende: “Letztendlich ziehen Selfies Aufmerksamkeit auf sich, was eine gute Sache zu sein scheint. Aber das tun Autounfälle auch. Die Bestätigung, die durch Likes und positive Kommentare in sozialen Medien entsteht, ist belohnend – besonders für die Einsamen, Isolierten und Unsicheren. Die Tatsachen weisen alles in allem (einschließlich der Tode von Menschen und Tieren!) darauf hin, dass es bei diesem Hype nur wenig zu verherrlichen gibt.”

TV-Ausschalter, Chat-Schrott, Nordkorea-Auszeit

1. Im Reich des Beleidigten
(taz.de, Çiğdem Akyol)
Die ehemalige “taz”-Redakteurin und Autorin einer Erdogan-Biographie Çiğdem Akyol hat sich in Istanbul mit einem türkischen Medienkritiker zum Gespräch getroffen. Gönenç Ünaldı ist studierter Medienwissenschaftler und betreibt auf Facebook die Seite „Istanbul Revolution“. Dort dokumentiert er nach seiner Arbeit auf Englisch den politisch-medialen Alltag in der Türkei. Bei seinen Kommentaren werde er nie beleidigend, er mache lediglich auf Artikel aufmerksam, die in der mittlerweile überwiegend staatstreuen türkischen Presse kaum noch zu finden sind. Mittlerweile folgen “Istanbul-Revolution” auf Facebook mehr als 16.000 Menschen.

2. Medien: “Vom Thema Vertrauen und Glaubwürdigkeit ist nur Gerede übriggeblieben”
(heise.de, Marcus Klöckner)
Im “Aufwachen-Podcast” beschäftigt sich der Soziologe und ehemalige “FAZ”-Journalist Stefan Schulz zusammen mit Tilo Jung regelmäßig mit den Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen. Nun hat Schulz ein Buch mit dem Titel “Redaktionsschluss” vorgelegt, in dem er sich intensiv mit der Berichterstattung in Deutschland und der Glaubwürdigkeitskrise der Medien auseinandersetzt. Interessant sei beispielsweise der Stellenwert der Nachrichten im ZDF. Dort hätte man ein News-Budget von 86 Millionen, was sich relativiere, wenn man hört, dass allein für die Champions League fünfzig Millionen Euro hingeblättert wurden. Sein Fazit und Ratschlag: Fernseher aus!

3. Analyse statt Erregung: Gestatten, Bernhard Pörksen
(dwdl.de, Hans Hoff)
DWDL-Kolumnist Hans Hoff mit einem Loblied auf einen professoralen Talkshowgast. Wenn Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen als Gast in Talkshows auftrete, solle man ihm unbedingt Gehör schenken. Ganz gleich, ob es um die Causa Böhmermann oder die Kölner Silvesternacht ginge. Wenn der Professor käme, werde es anstrengend, aber es lohne wegen des Erkenntnisgewinns. “Ich weiß nicht, wie es in Pörksens Seminaren zugeht, ob es da langweilig oder aufregend zugeht. Aber wenn sie nur halb so viel Erkenntnis beinhalten wie seine öffentlichen Wortmeldungen, würde ich gerne mal an einer solchen Veranstaltung teilnehmen.”

4. Hey, du Mensch!
(zeit.de, Eike Kühl)
Auf der diesjährigen Facebook-Entwicklerkonferenz F8 hat Facebook gezeigt, wie man sich die mobile Kommunikation der Zukunft vorstellt. Ein Element davon sind Chatbots, die im Messenger automatisiert in den Dialog mit Interessenten und Kunden eintreten sollen. Eike Kühl hat sich die auf künstlicher Intelligenz basierenden Programme angeschaut. Zum jetzigen Zeitpunkt sei der Umgang mit den Bots jedoch noch frustrierend. Und: “Wieso sollte ich in einem kleinen Chatfenster im Messenger einkaufen, wenn es auf der Website mehr Informationen gibt? Was kann ein Bot wie Poncho mehr liefern als ein Wetter-Widget auf dem Smartphone? Die Antwort: Nicht viel, jedenfalls noch nicht.”

5. The CIA Is Investing in Firms That Mine Your Tweets and Instagram Photos
(theintercept.com, Lee Fang)
Vor zwei Jahren wurde die Nachrichten-Webseite “The Intercept” gegründet. Sie wird von den US-amerikanischen Journalismus-Größen Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill betrieben, als Finanzier wirkt der ebay-Gründer Pierre Omidyar. Im Artikel beschreibt der Journalist Lee Fang wie der der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten zielgerichtet in Technologiefirmen investiert, die Datamining betreiben, um z.B. Twitter und Instagram auszuwerten.

6. Post von Jan Böhmermann
(www.facebook.com, Jan Böhmermann)
Der Satiriker Jan Böhmermann verabschiedet sich auf Facebook von seinen Fans in eine Fernsehpause: “Daher verlasse ich jetzt erstmal das Land, lasse mir beim Twerk&Travel durch Nordkorea die Sache mit der Presse- und Kunstfreiheit nochmal genau erklären, bevor ich noch ein paar Tage mit meinem Segway auf dem Jakobsweg pilgere, um mich selbst zu finden.”

Merkels Geschwafel, Hundepimmel Diekmann, umgefallener Reissack

1. “Washington Post” schimpft über “Merkels Geschwafel”
(welt.de)
Die Herausgeber der “Washington Post” haben scharfe Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkels Haltung im Fall Böhmermann geübt. Das deutsche Gesetz, das ausländischen Staatsführern erlaube, Kritiker in Deutschland zu verklagen, sei anachronistisch und müsse abgeschafft werden. Und: “Merkels Geschwafel ist dazu angetan, Erdogan und andere Regime, die kritische Äußerungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Grenzen unterdrücken wollen – China kommt uns in den Sinn –, zu ermutigen”.

2. TITANIC-Super-Scoop: Das erste Interview mit Böhmermann-Interviewer Kai Diekmann!
(titanic-magazin.de)
Fake vs Fake: Der Titanic ist es gelungen, den Böhmermann-Interviewer Kai Diekmann zu interviewen. “Lieber Hundepimmel, sämtliche deutsche Prominente außer Ex-Papst Benedikt, Affe Charly, die aktuelle Schwiegermutter von Lothar Matthäus und Hans-Dietrich Genscher haben sich bereits zum Fall Böhmermann geäußert. Nun also auch noch Sie – mit einem peinlichen Fake-Interview, das nicht mal “Meedia” gefällt. Wozu die Scheiße?”

3. ZDF-Stellungnahme gegenüber der Staatsanwaltschaft Mainz
(presseportal.zdf.de)
Das ZDF hat eine Stellungnahme zum Ermittlungsverfahren gegen Jan Böhmermann abgegeben. Man stützt sich dabei auf ein Rechtsgutachten, das zum Ergebnis gekommen sei “dass die in Rede stehende Sequenz einschließlich des so genannten “Schmähgedichts” rechtlich zulässig war und daher die Grenzen zur Strafbarkeit nicht überschritten worden sind. Die grundgesetzlich garantierte Satirefreiheit umfasse gerade im Zusammenhang mit Angelegenheiten von öffentlichem Interesse auch den Einsatz grober Stilmittel…” Trotzdem sah sich das ZDF augenscheinlich genötigt, sich vom Gedicht abzugrenzen. Es entspreche nicht den “Qualitätsansprüchen und Regularien des ZDF”.

4. “Eine Kritik aus Deutschland ist für Erdogan Gold wert”
(heise.de, Gerrit Wustmann)
Baris Uygur, Mitgründer des türkischen Satiremagazins “Uykusuz”, im Interview über Erdogan gegen Böhmermann und die Lage der Satire und der Medien in der Türkei. “Außerdem braucht Erdogan Feinde. Er bekämpft die Opposition, die Journalisten, Künstler, Satiriker nicht aus Angst. Es wäre falsch, sehr falsch, das so zu verstehen. Er hat keine Angst. Im Gegenteil. Jede Kritik an seiner Person ist für ihn eine willkommene Gelegenheit, Angst zu verbreiten. Und seine Anhänger glauben ihm. Eine Kritik aus Deutschland ist für ihn Gold wert. Seine Anhänger sind anfällig für Verschwörungstheorien. Wenn er sagt, Deutschland oder die USA würden eine gezielte Kampagne gegen ihn führen, dann verfängt das bei seinem Publikum.”

5. Konzern gerät durch Parteispenden unter Rechtfertigungsdruck
(horizont.net, Ulrike Simon)
Die Funke Mediengruppe (früher “WAZ-Gruppe”) ist das drittgrößte Verlagshaus Deutschlands und einer der größten Regionalzeitungsverlage Europas. Sie verlegt in Deutschland 12 Tageszeitungen, mehr als 170 Publikums- und Fachzeitschriften, über 70 Anzeigenblätter sowie 400 Kundenzeitschriften und besitzt eine Reihe von Großdruckereien. Nun stellt sich heraus, dass die Mediengruppe 15.000 Euro an die CDU überwiesen hat. Dies sei besonders unangenehm für die Journalisten der Zeitungen, von “WAZ” bis “Hamburger Abendblatt”, von “Berliner Morgenpost” bis “Braunschweiger Zeitung”. Diese würden nun betonen, trotz der Parteispende ihres Unternehmens parteipolitisch unabhängig arbeiten zu können.

6. +++ EIL +++ In China ist ein Sack Reis umgefallen +++ EIL +++
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl, Jost Langheinrich & Steffen Wurzel)
Die Sondersondersendung zum umgefallen Reissack in China. Natürlich mit Live-Schaltung und ARD-Experten!

Kommentare, Kronenzeitung, Kuppelshow

1. Guardian hat 70 Millionen Leserkommentare untersucht
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Der “Guardian” hat die Leserkommentare der letzten zehn Jahre untersucht, eine Datenbasis von immerhin 70 Millionen Stück. Eines der Ergebnisse: Journalistinnen sind besonders von Hasskommentaren betroffen. “Dabei kam heraus, dass unter den Top10 der Autorinnen und Autoren mit den meisten geblockten Kommentaren acht Frauen waren und nur zwei Männer. Die beiden betroffenen Männer waren schwarz. Zwei der Autorinnen und ein Autor in der Top10 waren homosexuell. Von den acht Frauen war eine Muslima und eine Jüdin.”

2. Ejaculatio praecox: Wenn Medienprofis erst teilen und dann denken
(http://blog.ronniegrob.com)
Ronnie Grob über das von Kai Diekmann auf Facebook lancierte Interview mit Jan Böhmermann, das sich später als falsch herausstellte. Unzählige Medienprofis hätten das Interview verbreitet, ohne die Echtheit zu überprüfen. Dabei hätte bereits die Fotomontage Zweifel aufkommen lassen müssen. “Lernt man heute nicht schon in der Schule, dass man genau prüfen sollte, was man teilt, um nicht betrogen zu werden? Und sollten nicht gerade Journalisten etwas genauer hinsehen, bevor sie offensichtlichen Quatsch als echt verkaufen?”

3. Drohen, wünschen, hoffen
(sprachlos-blog.de)
Das Sprachlos-Blog über eine kleine Meldung der “Thüringer Allgemeinen”, die zeige, wie schnell man mit falscher beziehungsweise auslassender Kontextualisierung einen völlig gegensätzlichen Eindruck erwecken kann. Die Zeitung suggeriere, Antifa-Aktivisten hätten den Thüringer Ministerpräsidenten mit Mord bedroht, weil er sie mit Nazis verglich. Die Drohung sei aber aus der völlig anderen Richtung gekommen.

4. Kronenzeitung verbreitet Falschinfos zur Einbürgerung von Flüchtlingen
(sosmitmensch.at)
Die österreichische Menschenrechtsorganisation “SOS Mitmensch” übt scharfe Kritik an der “Kronenzeitung”, die Falschinformationen zur Einbürgerung von anerkannten Flüchtlingen verbreiten würde. Mit irreführenden Angaben und falschen Zahlen werde der Leserschaft der Eindruck vermittelt, dass nahezu alle Asylberechtigten nach 6 Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten würden. Davon sei Österreich mit seinen restriktiven Einbürgerungsbestimmungen jedoch meilenweit entfernt.

5. Putins “Untergrund-Truppe”, die von einem “Putin-Experten” aufgedeckt wurde
(heise.de, Florian Rötzer)
Florian Rötzer berichtet auf “Telepolis” über die Meldungen von “Bild” und “Focus”, ein direkt von Putin gesteuertes “Elite-Kämpfer-Netzwerk” habe sich in deutschen Kampfsportschulen angesiedelt. Dieses weltweit bereitstehende angebliche Schläfer-Netzwerk von Putin-Kämpfern würde sich auf den Einsatz nicht in Terroristencamps vorbereitet, sondern in sogenannten “Systema-Kampfschulen”. Hinter den Meldungen stünde der langjährige Leiter des Moskauer Focus-Büros, der Experte darin sei, den russischen Präsidenten Putin zu dämonisieren.

6. Illustrer Infrarotsaunagänger sucht kokette Kurzhaarträgerin
(uebermedien.de)
“Übermedien” weist auf die sprachlichen Spitzenleistungen von RTLs Erfolgssendung „Schwiegertochter gesucht“ hin. Bei der als Kuppelshow getarnten Sendung handele es sich in Wahrheit um ein “Festival der albernen Alliteration und des stupiden Stabreims”. Eine konzentrierte Kompilation, die ohne die lästigen Handlungsstränge auskommt, zeigt, was gemeint ist.

Presserat hält “Galgenmann”-Fotos für unzulässig

Ja, da freute er sich, der Online-Chef der „Bild“-Zeitung:

Äh, ja.

In der Geschichte ging es um einen Mann, der auf einer „Pegida“-Demo einen selbstgebauten Galgen getragen hatte („Reserviert“ für Angela Merkel und Sigmar Gabriel). „Bild“ hatte den Mann kurz darauf zu Hause besucht, dabei offenbar heimlich in seiner Wohnungstür fotografiert und die Fotos groß in der Print-Ausgabe und bei Bild.de veröffentlicht (BILDblog berichtete).

Darüber haben wir uns beim Deutschen Presserat beschwert. Der sieht es — anders als Julian Reichelt suggeriert — so wie wir:

Die Mitglieder des Beschwerdeausschusses sind mehrheitlich der Ansicht, dass die Beschwerde begründet ist. Die Verwendung der Fotos, die den Mann in seiner Wohnungstür zeigen, verstoßen gegen Ziffer 8, Richtlinie 8.8 des Pressekodex.

Der Ausschuss halte es zwar für presseethisch zulässig, „den Betroffenen auch an seiner Wohnungstür mit den Äußerungen, die er auf der Demonstration getätigt hat, zu konfrontieren“, heißt es in der Begründung. Aber:

Die Veröffentlichung heimlich angefertigter Bildaufnahmen hält er hingegen für unzulässig. (…) Auch die politischen Umstände des Sachverhalts oder die mögliche strafrechtliche Relevanz der Äußerungen des Betroffenen auf der Demonstration rechtfertigen ein heimliches Vorgehen nach Ansicht der Ausschussmehrheit nicht.

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Presserat sprach deshalb einen „Hinweis“ gegen „Bild“ und Bild.de aus. Julian Reichelt hatte zwar noch wortreich argumentiert …

Wir betrachten es als eine unserer herausragenden Aufgaben, politischen Bewegungen und Einzelpersonen, die Deutschland offenkundig aus dem grundgesetzlichen Rahmen herausreißen wollen, konsequent entlarvende Recherche und Berichterstattung entgegen zu setzen. Es wäre gefährlich, Berichterstattung auf das Umfeld zu beschränken, in dem sich radikale Bewegungen und Einzelpersonen nach Belieben inszenieren können. (…)

Es ist (leider) ein historisch belegtes Phänomen, dass sich in radikalen Organisationen soziale Außenseiter sammeln und durch das gemeinsame Auftreten den Eindruck von Stärke, Entschlossenheit, Tatkraft und vor allem gesellschaftlicher Legitimation zu erwecken. In der Masse treten sie quasi als Stimme der schweigenden Mehrheit auf. Die These der „schweigenden Mehrheit“, der Denk- und Redeverbote gehört zu ihrem ideologischen Standard-Repertoire.

Wir halten es daher für zwingend geboten, journalistisch gerechtfertigt und als Lehre aus der Geschichte unumgänglich, die Träger einer solch Staats- und Grundgesetzfeindlichen Ideologie in ihrem banalen Alltag zu konfrontieren und zu zeigen und den Kontext ihres Gedankenguts abseits choreographierter Flaggen- und Fackelzüge zu dokumentieren.

Ob die Fotos heimlich aufgenommen wurden, wollte Reichelt dem Presserat aber nicht verraten.

Inzwischen hat Bild.de die Fotos gelöscht.

Angeklagter Staatsanwalt, Schleichwerbung, Fischgräte

1. Journalisten haben keine Zeit für Recherche? Stimmt nicht
(journalist.de, Kathi Preppner)
Nach einer neuen Umfrage unter 1400 Journalisten beschäftigen sich diese vor allem mit dem Recherchieren und Schreiben eigener Texte. Als Recherchequelle diene das Internet – Telefongespräche und Vor-Ort-Gespräche würden jedoch dicht dahinter rangieren. Social Media würden die Befragten insgesamt eher passiv benutzen. Es ginge ihnen vor allem darum mitzubekommen, worüber andere Medien berichten und worüber debattiert wird. Oder wie es Professor Siever ausdrückt, der die Studie begleitet hat: “Journalisten schauen offenbar auch in Social Media vor allem, was andere Journalisten machen”.

2. “Was Frau Kröger sonst so treibt”
(sueddeutsche.de, Thomas Hahn)
Ein früherer Oberstaatsanwalt soll dem Weser-Kurier verraten haben, dass hohe Polizeibeamte überlegten, mit Lauschangriffen und Durchsuchungen gegen eine Reporterin zu ermitteln. Fünf Jahre später findet sich der Ex-Staatsanwalt auf der Anklagebank wieder. Ihm werde ein Rechtsbruch zur Last gelegt, durch den ein erwogener Rechtsbruch der Polizei erst öffentlich wurde.

3. Korrekter Porno
(fluter.de, Annette Kammerer)
Die 32-jährige Journalistin und Ex-Domina Nichi Hodgson hat ein Netzwerk für faire Pornografie gegründet, die „Ethical Porn Partnership“. Im Interview erzählt sie von ihren Gedanken über “ethische Pornographie” und den Ethikkodex von fairer Bezahlung, ärztlicher Betreuung und Zustimmung. Zu den Zukunftsplänen gehöre die Zertifizierung von Pornos. Außerdem soll das Netzwerk eine anonyme Anlaufstelle für Beschwerden werden.

4. Versuchte Einflussnahme im Journalismus
(markus-wolsiffer.de)
Markus Wolsiffer geht einem Fall von Schleichwerbung nach. Eine Agentur für Auslandsaufenthalte köderte Rückkehrer: Für Berichte, in denen der Name der Agentur genannt wird, gab es einen 50-Euro-Einkaufsgutschein, für die Nennung der Webseite nochmal zehn Euro obendrauf. Die Geschichte hat im konkreten Fall ein Happy End: Die Zeitung hat nach Bekanntwerden umgehend reagiert und den werblichen Teil des Artikels gelöscht.

5. Warum ich an einem Snapchat-Format arbeite
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz)
Viele Journalisten finden keinen Zugang zu Snapchat. Warum Inhalte bei einer Plattform einstellen, wenn diese schon nach wenigen Stunden verfallen und gelöscht werden? Zumal es mit Youtube eine Alternative gibt. Jannis Kucharz kennt beide Welten und kann Snapchat Vorteile abgewinnen: Die Aussicht mit dem aufstrebenden Format mitzuwachsen und die derzeitige mediale Aufmerksamkeit.

6. „Traue niemand“, schreibt der Blogger Don Alonso, und bringt mich in Ärger wegen einer Fischgräte.
(facebook.com, Constantin Seibt)
Constantin Seibt hat in einem Artikel die Meinung geäußert, dass Terrorismus überschätzt werde und der Opferzahl die Anzahl von fischgrätenbedingten Erstickungstoten entgegengesetzt. Don Alphonso von der “FAZ” hat diese Zahl angezweifelt. Seibt stimmt dem selbstkritisch zu und erklärt, wie es dazu gekommen ist. Und fast wichtiger als das Detail im Einzelnen: Er entwickelt einige grundsätzliche Gedanken über unseren Umgang mit Terrorismus.

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