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Franz Josef Wagner macht Jamaikaner zu Analphabeten

Wenn “Bild”-Briefchenschreiber Franz Josef Wagner einen Text so beginnt …

ein bisschen Völkerkunde in diesem Brief muss sein

… dann kann es danach nur bemerkenswert werden.

Der Text, aus dem dieser Einleitungssatz stammt, ist zwar schon ein paar Tage alt — er erschien am 27. September in “Bild” und am späten Vorabend bei Bild.de. Wir wollen ihn hier aber doch noch aufgreifen. Also dann, Herr Wagner:

Ausriss Bild-Zeitung - Liebes Jamaika, ein bisschen Völkerkunde in diesem Brief muss sein. Jamaika geht es schlecht. 80 Tonnen Kokain werden pro Jahr von Südamerika nach Nordamerika durchgeschleust. Mafiöse Banden beherrschen die Insel. Es gibt Feuergefechte zwischen den Dealern und der Polizei.

Wagner kommt anschließend auf “die Koalitionsverhandler” in der deutschen Bundespolitik, die nicht wüssten, “was Jamaika bedeutet.” Danach eine mehr oder weniger zusammenhängende Gedankenkette: Sklaven-Händler, spanische Kolonialisten, britische Kolonialisten, Tanz und Gesang, Bob Marley, Dreadlocks, “I Shot the Sheriff” und “No Woman, No Cry”*. Was einem eben so einfällt, wenn man fünfeinhalb Minuten vor Abgabe merkt, dass man ja noch gar nichts aufgeschrieben hat.

Und dann dieser Satz:

80 Prozent der Jamaikaner sind Analphabeten.

Nach einem kurzen Ausflug zum seit 20 Jahren entkriminalisierten Kiffen endet Wagner mit:

Ich machte einmal Urlaub auf Jamaika. Weißer Strand, Luxushotel. Als Tourist erfährt man nichts über Jamaika. Herzlichst, F. J. Wagner

Und auch später als “Bild”-Kolumnist hat man offenbar nich genug über Jamaika erfahren.

80 Prozent Analphabeten? Im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, gibt es rund 80 Prozent Analphabeten. Aber selbst in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan oder Mali können mehr als 30 Prozent der Menschen lesen und schreiben. Auf Jamaika liegt die Alphabetisierungsrate bei 88,7 Prozent. 11,3 Prozent der Bevölkerung sind also Analphabeten. Das ist immer noch ein hoher Wert. Sieht aber ganz anders aus als die “Völkerkunde” eines Franz Josef Wagner.

Mit Dank an Lothar Z. für den Hinweis!

*Nachtrag, 12. Oktober: In einer ersten Version hatten wir den vermeintlichen Namen des Marley-Songs von Wagner übernommen: “No Women No Cry” hatte der “Bild”-Kolumnist geschrieben. Das ist gleich doppelt falsch. Erstens muss es die Singular-Form “Woman” sein. Und zweitens ist das Komma zwischen “No Woman” und “No Cry” inhaltlich bedeutend.

Mit Dank an @isoglosse für den Hinweis!

ARD-Spiegelfechterei, Präzedenzfall, Hauswinkelspinnen-Hysterie

1. “Simple Schmähkritik”: ARD kontert dem “Spiegel”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der “Spiegel” beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe sehr kritisch mit dem öffentlich-rechtlichen System (“Die unheimliche Macht — Wie ARD und ZDF Politik betreiben”). Die ARD hat mit einer Stellungnahme reagiert, die sie mit dem Wort “Zerrspiegel” überschreibt. Alexander Krei fasst die Antwort des Senders bei “DWDL” zusammen. Weiterer Lesetipp zum Thema: “Zapp” mit “Wie der “Spiegel” Medienpolitik betreibt”.

2. #np13 – Datenjournalismus als Gegenpol zur staatlichen und kommerziellen Datenanalyse
(netzpolitik.org, Johann Stephanowitz, Video, 26:54 Minuten)
Michael Kreil arbeitet bei “Data Science and Storys”, dem Datenjournalismus-Team der Berliner Zeitung “Tagesspiegel”. Auf der “Netzpolitik”-Konferenz gab er unter dem Titel „Datenjournalismus für die Informationsgesellschaft“ einen Überblick über die Möglichkeiten von Datenjournalismus und stellte verschiedene interaktive Projekte vor. Zum Beispiel das Lobbyradar, das die Lobby-Netzwerke der Hauptstadt grafisch darstellt, oder die GSM Map, die zeigt, wie gut die Mobilfunknetze verschlüsselt sind. Sein Vortrag liegt als Video und als Audiomitschnitt vor.

3. Floskel des Monats: Schlechter Tag für die Demokratie
(journalist-magazin.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
War der 24. September ein “schlechter Tag für die Demokratie”? Ganz im Gegenteil finden die Floskel-Experten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in ihrer Monatsglosse: “Trotzdem war die Bundestagswahl auch 2017 wieder ein guter Tag für die Demokratie — weil die freie Wahl eines ihrer wichtigsten Merkmale ist. Selbst wenn das Ergebnis nicht jedem gefällt.”

4. Bundesnetzagentur zwingt Telekom zum Nachbessern
(zeit.de)
Die Bundesnetzagentur hat entschieden: Die sogenannten “StreamOn-Tarife” der Telekom verstoßen nur in Details gegen die Netzneutralität. Bei den Streaming-Tarifen werden datenintensive Audio- und Videodienste wie Spotify, Netflix, Apple Music, Amazon Prime und Youtube nicht auf das Datenvolumen des Vertrags angerechnet. Kritiker sehen in der unterschiedlichen Behandlung der Medientypen einen Verstoß gegen das Gebot der Gleichbehandlung allen Datenverkehrs und sprechen von einem “gefährlichen Präzedenzfall”.

5. Unsere kleine Stadt
(sueddeutsche.de, Viola Schenz)
“Merkurist” ist ein Web-Portal für Lokaljournalismus, das von den Zulieferungen und Vorschlägen seiner Nutzer lebt. Gegründet wurde die Plattform von Manuel Conrad, der das Projekt mit einem Team von Software-Entwicklern hochgezogen hat. Seit zwei Jahren gibt es den “Merkurist” schon, der von bezahlten PR-Texten und sonstigen Anzeigen lebt. Und Investoren, die an diese Form von Journalismus glauben.

6. Invasion! Plage! Bissig! Die alle Jahre wiederkehrende Hauswinkelspinnen-Hysterie der Online-Medien
(meedia.de)
Social-Media-Star ist derzeit die “Hauswinkelspinne” und das hat einen schlichten Grund: Im Herbst werden die Tiere am häufigsten gesehen. Da das Thema viele Klicks generiert, überbieten sich viele Online-Medien geradezu mit sensationsheischenden Beiträgen, bei denen auch fleißig voneinander abgeschrieben wird. Das Medienportal “Meedia” bleibt jedoch gelassen: “Aber wie das so ist mit Medien im Allgemeinen und Online-Medien im Speziellen. Wenn der Winter da ist, wird sich aufgrund der Temperaturen die Spinnen-Hysterie erledigt haben und das „Blitz-Eis“, bzw. der „Russen-Winter“ drohen. Und im nächste Herbst holt dann garantiert wieder jemand das Thema Hauswinkelspinne aus der Schublade.”

Bitte nicht weiter klauen!

In der “Bild”-Zeitung gibt es seit einigen Wochen eine neue Klatsch-Kategorie mit dem Namen “GEHEIM — Bitte nicht weitersagen!”, und man erfährt dort Dinge, die man auf keinen Fall weitersagen will, nicht im Freundeskreis, nicht bei der Arbeit, nirgends, weil man sonst direkt als deppert gilt. Der Titel der neuen Klatsch-Spalte soll wohl lustig sein. Und der Inhalt ist noch dünner als bei anderen “Bild”-Texten auf der letzten Seite. Da steht dann zum Beispiel, dass das Gepäck von Veronica Ferres bei einem Flug verloren gegangen ist. Oder dass Sandra Maischberger bei einer TV-Premiere zu Marietta Slomka gesagt haben soll, dass es keinen Wein mehr gebe. Oder dass ein “Bild”-Mitarbeiter neulich Didi Hallervorden auf der Toilette getroff …

Pardon, wir sind kurz eingenickt.

In der heutigen Ausgabe geht es gewohnt ungesprächsstoffig weiter (bei Bild.de sind all diese Knaller-Geschichten übrigens nur mit einem “Bild plus”-Abo lesbar). Meldung Nummer eins lautet beispielsweise, dass “Bild”-Promi-Experte Norbert Körzdörfer irgendwann mal 17 Biere in einer Bar bezahlt hat. Schau an.

Und dann wird es auf einmal doch etwas interessanter, dank dieser Meldung:

Ausriss Bild-Zeitung - Zur Seite, Justin Trudeau! Der neue Polit-Star Kanadas ist Jagmeet Singh, der Chef der New Democratic Party, ein Sikh. Als ihn neulich ein Schreihals beschuldigte, er wolle die Scharia einführen, hätte er ihn von der Security abführen lassen oder ihn (er ist Star-Anwalt) mit Wortwitz über den Unterschied zwischen den aus Indien stammenden Sikhs und Muslimen belehren können. Stattdessen versicherte er dem Störer, auch er sei liebenswert, worauf der verblüfft den Saal verließ. Premierminister Trudeau boxt in seiner Freizeit, aber auch da liegt Trudeau auf der Coolness-Skala hinter Hipster und Social-Media-Darling Singh, der brasilianisches Jiu-Jitsu betreibt.

In der Tat spannender als “Körzis” Bier-Rechnung. Nur: An diesem Text ist so gut wie alles geklaut. Die Formulierungen. Die Pointen. Selbst die Klammer mit der Anwalt-Info. Alles. Es ist fast eine wortwörtliche Übersetzung eines “Economist”-Artikels, der vor zwei Tagen erschienen ist.

Nur eine Sache hat die “Bild”-Redaktion selbst hinbekommen: Beim Übersetzen ihrer Beute hat sie die weibliche Zwischenruferin in einen männlichen Schreihals vermurkst.

Beim “Economist” heißt es:

JAGMEET SINGH could have done many things when a heckler accused him at a rally last month of plotting to subject Canada to sharia law. The turbaned politician could have pointed out that he is a Sikh, not a Muslim. He could have skewered her with lawyerly wit (he is a criminal lawyer) or asked security guards to remove her. Instead he told the heckler that everyone loved her and led a chant of “Love and courage”. She eventually walked out. (…)

A “hipster Sikh”, with a penchant for striking turbans, Mr Singh embodies the diversity that Mr Trudeau constantly celebrates. Like the prime minister, he is adept at social media and single-combat sports. (He practises Brazilian ju-jitsu; Mr Trudeau is a boxer.)

Während die “heckler”-Anekdote bei der britischen Wochenzeitschrift Teil eines kurzen Portraits über Jagmeet Singh ist, ist sie bei “Bild” die Nachricht. Allerdings spielte sich die Szene nicht “neulich” ab, wie das Boulevardblatt schreibt, sondern vor über einem Monat. Bei “Bild” kann man heute das falsch lesen, was vor Wochen bei anderen richtig stand.

Diskretionsgrenze, Xavier und die Medien, Tatort-Fucktencheck

1. Die unsichtbare Grenze der Diskretion
(taz.de, Bettina Gaus)
Bettina Gaus kommentiert in der “taz” die viel gelobte “Spiegel”-Reportage über Martin Schulz. Wenn es nach ihr geht, wäre die Reportage besser nie erschienen: “Natürlich wollte Markus Feldenkirchen so dicht wie irgend möglich an den SPD-Kanzlerkandidaten herankommen. Das ist sein Job. Er hat seine Möglichkeiten genutzt, und er hat sich – soweit das von außen zu beurteilen ist – nicht unfair verhalten gegenüber seinem Protagonisten. Aber viele Szenen, die in der Reportage geschildert, und Äußerungen, die zitiert werden, gehen die Öffentlichkeit schlicht nichts an.”

2. Sturm Xavier – wie Medien Menschen auf dem Gewissen haben: Nichtstun tötet.
(wetterkanal.kachelmannwetter.com, Jörg Kachelmann)
Jörg Kachelmann wirft den ARD- und ZDF-Verantwortlichen schwere Versäumnisse bei den Fernsehwetterberichten vor Eintreffen des Sturms “Xavier” vor, der in Deutschland mehrere Menschenleben gekostet hat: “Ich verachte diese Leute dafür, sehr. Denn Menschen sind gestorben und werden wieder sterben. Und es wird durch die, die dafür zuständig wären, nichts getan, dass sich das ändert.”

3. Wir sollten über “Political Correctness” diskutieren, aber bitte nicht so
(broadly.vice.com, Yasmina Banaszczuk)
Zerstört die Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft, wie es im Buch “Es war doch gut gemeint” behauptet wird? Unter anderem darüber hat sich Yasmina Banaszczuk mit den beiden Autoren des Buchs unterhalten. Doch die wollten die Zitate aus dem Interview nicht freigeben. Das Gesagte sollte angeblich durch schönere, relativierende Dinge ersetzt werden. Auch ohne das Interview wird deutlich, wo die Probleme des Buchs nach Ansicht von Banaszczuk liegen: “Ein – im besten Falle gut gemeintes – Buch über eine falsch verstandene linke Entwicklung kann potenziell gefährlich sein, wenn wir den Vorurteilen, die dem teils zugrunde liegen, nicht widersprechen. Und widersprechen sollten wir, egal, wie oft wir uns wiederholen müssen.”

4. Fellner übernahm am deutschen Wahlabend die ARD-Sendungen
(kurier.at, Philipp Wilhelmer)
Bei der Bundestagswahl verfiel der österreichische Fernsehsender “oe24.tv”, wohl aus Ermangelung eigener Teams vor Ort, auf eine kostensparende Idee und ließ die Bilder der ARD ausstrahlen – allerdings ohne Genehmigung. Der “Kurier” hat bei der ARD nachgefragt, wie man mit dem Vorgang umgehe. Dort wird nun der Rechtsweg geprüft. Für “oe24.tv” kann die Sache nach Auskunft eines Juristen teuer werden. Weil es sich beim Fernsehsender um einen Medienbetreiber handele, der zumindest theoretisch wissen müsse, wie man das Urheberrecht einhält, könnte sich das vom Gericht zu ermittelnde Ersatzentgelt verdoppeln.

5. Wie porno ist Deutschland?
(faz.net, Eva Heidenfelder)
Im aktuellen “Tatort” ging es auch um die darniederliegende Porno-Branche. Eva Heidenfelder hat für die “FAZ” den Faktencheck gemacht und Experten gefragt, ob die Porno-Produzenten wirklich “im Arsch wegen diesem Internet-Scheiß” sind, wie es ein Protagonist im “Tatort” behauptet. Außerdem geht es um Künstlernamen von Sex-Darstellern, Spermaspuren und den Unterschied zwischen Erwürgen und Erdrosseln. Weiterer Lesetipp: Die Tatort-Nachlese der “SZ”: “Porno im Planschbecken”

6. »Kothaufen in der Dusche«
(11freunde.de, Stephan Reich)
Andere besprechen Schallplatten oder Bücher – Fußballer Arne Tiedemann rezensierte zu seiner Kreisligazeit beim TSV Kollmar die Kabinen und Duschen der Kreisliga Steinburg. Im Gespräch mit den “11Freunden” geht es um den Kachelreport, die Wischmopp-Skala von eins bis elf und die hygienischen Abgründe von Dusch- und Kabinentrakten.

Guttenbergs Anwalt, bedrohte Journalisten, fehlende Tanit Koch

1. Wiedervereinigte Medienrepublik – was eint, was trennt?
(ndr.de, Video, 29:49 Minuten)
Passend zum Tag der Deutschen Einheit hat das Medienmagazin “Zapp” eine Schwerpunktsendung zur “wiedervereinigten Medienrepublik” zusammengestellt. In den drei Beiträgen geht es um “Medien-Klischees über den Osten”, “Zuschauerbindung beim MDR” und den “‘Neues Deutschland’-Fake”, dazu gibt es ein Interview mit Sergej Lochthofen, den früheren Chefredakteur der “Thüringer Allgemeinen”.

2. Guttenbergs Firma ist weltweit präsent – aber kaum zu finden
(morgenpost.de, Sebastian Geisler)
Fragt man Karl-Theodor zu Guttenberg nach einem möglichen politischen Comeback, verweist der frühere Verteidigungsminister gern auf sein “expandierendes Unternehmen” “Spitzberg Partners”. Fragt man nach “Spitzberg Partners”, meldet sich Guttenbergs Anwalt Christian Schertz. Sebastian Geisler von der “Berliner Morgenpost” hat sich von drohenden Gegendarstellungen und Unterlassungen nicht abschrecken lassen und weiterrecherchiert, auf der Suche nach “Spitzberg”-Dependancen und -Mitarbeitern. Sein Werkstattbericht handelt nicht nur von Guttenbergs Firma, sondern auch von dessen Umgang mit den Medien.

3. Morddrohungen gegen Journalisten
(taz.de, Marina Mai)
Trung Khoa Le betreibt von Berlin aus die zweisprachige Onlinezeitung thoibao.de. Dort hat er unter anderem über die Entführung des vietnamesischen Expolitikers Trinh Xuan Thanh berichtet — ausgesprochen erfolgreich, mit 1,5 Millionen Klicks allein im August, von denen 80 Prozent aus Vietnam gekommen sein sollen. Nun wird Le verfolgt. Fotos von ihm tauchen im Internet auf, genauso Informationen über seine Kinder und Morddrohungen gegen ihn. Verwandte von Le wurden bereits vom vietnamesischen Geheimdienst befragt.

4. Die Reise zum Mittelpunkt des Bebens
(newsroom.de, Christian Jakubetz)
“Vor ein paar Jahren”, schreibt Christian Jakubetz, habe er mal eine Idee gehabt, die nie über den Status einer Idee hinausgekommen sei: ordentlichen Lokaljournalismus ordentlich aufziehen. “Man geht raus, schreibt Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der Menschen, immer unter der Fragestellung: Wie geht’s uns eigentlich in Deutschland gerade so? Das alles zum einen multimedial aufbereitet und zum anderen an und aus Orten erzählt, die sonst nicht so sehr im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stehen.” Das Interesse von Redaktionen damals: ganz knapp über null. Plötzlich entdecken “taz” und “Zeit Online” den Lokaljournalismus wieder. Dass nun “eine nur leichte Abwandlung” seiner Idee “gerade als das wirklich heiße Ding im Journalismus gefeiert” werde, amüsiert Jakubetz.

5. Kleines Heft mit großen Zielen
(sueddeutsche.de, Oliver Meiler)
Das Magazin “Eastwest”, das seit kurzer Zeit auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz an den Kiosken liegt, hieß eigentlich mal “East” und war das PR-Blatt der italienischen Bank “Unicredit”. Heute steckt das Kreditinstitut teilweise zwar immer noch hinter dem Printprojekt, aber “Eastwest” ist ein durchaus ernstzunehmendes Politmagazin geworden. Oliver Meiler hat die kleine Redaktion, die inzwischen auf italienisch, englisch und deutsch publiziert und der Anfragen aus Spanien und Portugal vorliegen, in ihrer Produktionswohnung in Rom besucht.

6. Warum Tanit Koch im neuen “Bild”-Buch fehlt
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath hat sich das große “Bild”-Buch aus dem “Taschen Verlag” genauer angeschaut, auch die Übersicht aller Chefredakteure des Boulevardblatts. Auffällig: In dem von Kai Diekmann und Julian Reichelt herausgegeben Werk lauten die letzten zwei Chefredakteure: Kai Diekmann und Julian Reichelt. Es fehlt: Tanit Koch, die aktuelle Chefredakteurin der gedruckten “Bild”, der im Februar dieses Jahres Reichelt als “Bild”-Oberchef vorgesetzt wurde. Lückerath fragt sich: “Warum ignoriert das Buch zur Geschichte der Bouevardzeitung aber ihre [Kochs] gut 13 Monate an der Spitze von ‘Bild’ von Anfang 2016 bis Februar 2017?” Die Antwort, die der Verlag ihm auf diese Frage liefert, hält er für “interessant”.

Die Suche nach dem richtigen Netzwerkgesetz

Seit dem 1. Oktober ist es nun also in Kraft, das Netzwerkdurch …

Screenshot n-tv.de - Um dem Hass und um Falschmeldungen im Netz Einheit zu gebieten, hat Bundesjustizminister Heiko Maas das Netzwerkdurchsuchungsgesetz vorangetrieben

Nee, n-tv.de*, so heißt das nicht. Kennt Handelsblatt.com den richtigen Namen?

Das von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vorangetriebene Netzwerkdurchsuchungsgesetz, das seit Sonntag in Kraft ist, hat laut OSZE-Repräsentant Harlem Désir möglicherweise eine “abschreckende Wirkung auf die freie Meinungsäußerung”.

Auch nicht. Aber “Wired”* kann uns bestimmt sagen, wie das oft auch als “Facebook-Gesetz” bezeichnete Gesetz heißt!

Das oft auch als Facebook-Gesetz bezeichnete Netzwerkdurchsuchungsgesetz verpflichtet Online-Netzwerke dazu, schneller auf Beschwerden über Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte zu reagieren und betreffende Inhalte zügiger zu entfernen.

Hm. Kann FAZ.net helfen?

Screenshot FAZ.net - Netzwerkdurchsuchungsgesetz - Kritik am Gesetz gegen Hasskommentare

Durch Großbuchstaben wird es auch nicht richtiger. Weiß “Deutschlandfunk Kultur”* vielleicht was?

Screenshot Deutschlandfunk Kultur - Netzwerkdurchsuchungsgesetz - Der Schritt in die Zensur ist nicht weit

Mdr.de?

Der Wirtschaftsjurist Gerald Spindler von der Universität Göttingen sieht in dem “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” des SPD-Politikers gar eklatante Verstöße gegen europäisches Recht.

“Meedia”*?

Facebook wehrt sich gegen das geplante Netzwerkdurchsuchungsgesetz von Heiko Maas

Taz.de*?

Bundesjustizminister Heiko Maas hatte in den vergangenen Monaten mit seinem “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” eine breite Debatte über den richtigen Umgang mit Hass im Netz angestoßen.

“Vice”?

Anlass für die versuchte Besetzung war das sogenannte Netzwerkdurchsuchungsgesetz von Maas.

“Mitteldeutsche Zeitung”?

Screenshot Mitteldeutsche Zeitung - Beschränkt das Netzwerkdurchsuchungsgesetz die Meinungsfreiheit?

“Huffington Post”*?

Hinter dem Titel “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” versteckt sich der Vorstoß von Justizminister Heiko Maas, mit dem er Hass in sozialen Netzwerken bekämpfen will.

“Badische Zeitung”?

Facebook reagiert auf das Netzwerkdurchsuchungsgesetz und baut sein Löschteam aus.

Netzpolitik.org*?

Die Themen, die von der Kollaboration zwischen Kunst und Wissenschaft schon 2016 aufgegriffen wurden, erlangten in den letzten Wochen durch das Ende des NSA-Untersuchungsausschusses, den Staatstrojaner und auch das Netzwerkdurchsuchungsgesetz erneute Brisanz.

“Telepolis”?

Auf der einen Seite wurde der Beschluss zur “Ehe für alle” bei einem Teil der Bevölkerung mit großer Freude zur Kenntnis genommen wurde, auf der anderen Seite hat das Parlament zur gleichen Zeit noch ein paar Gesetze (Netzwerkdurchsuchungsgesetz; Reform des Wissenschaftsurheberrechts und einheitliche Netzentgelte) durch das Parlament gepeitscht, die für wesentlich weniger Verzückung sorgen werden sobald die breite Masse davon erfährt.

Süddeutsche.de?

Die Bundesregierung hat mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz Facebook die Löschung von Hasskommentaren überantwortet und dem Konzern eine Richterrolle zugewiesen.

Irgendjemand? BILDblog vielleicht?

Das umstrittene Netzwerkdurchsuchungsgesetz ist besser als sein Ruf, findet Christian Humborg in seiner Kolumne auf “Carta”.

Ugh! Ja, auch wir haben “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” geschrieben statt Netzwerkdurchsetzungsgesetz, wie es richtig heißt — oder in Langform: Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken. Den einst fehlerhaften Artikel haben wir inzwischen korrigiert.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bringt alle Voraussetzungen mit, um zum neuen “EU-Gericht” zu werden.

Mit Dank an @Rigolachs für den Hinweis!

*Nachtrag, 6. Oktober: n-tv.de, “Wired”, “Deutschlandfunk Kultur”, “Meedia”, taz.de, “Huffington Post” und netzpolitik.org haben auf unsere Kritik reagiert und ihre Artikel — mitunter sogar sehr transparent — korrigiert.

NSA-Affäre, “Krisenschauspieler”, Babylon-Verspätung

1. Nichts gefunden: Auch der Generalbundesanwalt hat NSA-Affäre beendet
(netzpolitik.org, Anna Biselli)
Im Zuge der Snowden-Enthüllungen kam heraus, dass die NSA in Deutschland im großen Stil abhörte und wahrscheinlich deutsche Behörden eingeweiht oder sonst wie involviert waren. Einige Menschen erstatteten daraufhin Anzeige beim Generalbundesanwalt, unter anderem wegen des Verdachts auf geheimdienstliche und landesverräterische Agententätigkeit. Einer der Anzeigeerstatter, Markus Beckedahl von netzpolitik.org, bekam nun Post vom Generalbundesanwalt. Dieser sieht vier Jahre nach Eingang der Anzeige keinen Anfangsverdacht für eine Massenüberwachung durch britische und US-Geheimdienste in Deutschland und hat die Sache für sich als beendet erklärt.

2. Nach Las Vegas gilt in Social Media, was die ganze Zeit galt!
(wired.de, Johnny Haeusler)
Unmittelbar nach dem schrecklichen Geschehen in Las Vegas verbreiteten sich in den sozialen Medien Lügen und Spekulationen über den Schützen, der aus einem Hotelfenster im 32. Stock in die Menge schoss. Johnny Haeusler fragt sich, warum das Fake-News-Problem noch immer nicht gelöst ist und plädiert auf breite Aufklärung, Bildung und Digitalkompetenz: “Tun wir dies nicht, dann waren Teilergebnisse der Bundestagswahl 2017 erst der Anfang eines Zeitalters, in dem in immer größeren sozialen Gruppen gefühlte Richtigkeit, Populismus, Emotionen und Sensationen mehr zur Meinungsbildung beitragen als Argumente, Fakten, sachliche Erklärungen und geltendes Recht.”

3. Die angeblichen Krisenschauspieler
(faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker)
Immer wieder bezeichnen Verschwörungstheoretiker besondere Vorkommnisse als politische Inszenierung. Besonders oft werden diese Legenden bei Amokläufen oder Attentaten gestrickt. Überlebende und Zeugen werden dann regelmäßig als “Krisenschauspieler” bezeichnet. Durch Fehlinterpretationen von Videomaterial wird den Opfern, Augenzeugen oder Zeugen unterstellt, Teil einer Inszenierung zu sein. Kristin Becker erklärt das perfide Vorgehen der Verschwörungstheoretiker anhand von Beispielfotos und Tweets.

4. Antipolizeitaste in iOS 11: Schutz vor neugierigen Blicken
(strafakte.de, Mirko Laudon)
Strafverteidiger Mirko Laudon weist auf eine Besonderheit beim Apple-Betriebssystem iOS 11 hin: Die sogenannte Antipolizeitaste. “Wer Sorge hat, sein iPhone könnte gleich von der Polizei beschlagnahmt werden, deaktiviert durch fünfmaliges Drücken der Einschalttaste schnell in der Hosentasche die Touch-ID. Das führt dazu, dass das iPhone nur noch durch die Eingabe des Passcodes im Sperrbildschirm zu entsperren ist. Denn die Biometriescanner können durch die Polizei leichter überlistet werden …” Die Barriere des Passcodes zu überwinden, sei dagegen deutlich schwieriger, zumal Beschuldigte nicht verpflichtet seien, der Polizei Passwörter jeglicher Art mitzuteilen.

5. Bildagentur Getty nimmt den Kampf gegen Photoshop auf
(wuv.de, Petra Schwegler)
Die US-Bildagentur Getty reagiert auf ein neues Gesetz in Frankreich, das Fotografen dazu verpflichtet, retuschierte Bilder von Models zu kennzeichnen: “Seit dem 1. Oktober 2017 übernimmt Getty Images als weltweit erste Bildagentur keine Bilder mehr von Models in die Datenbank, deren Körperform retuschiert wurde, um sie schlanker oder fülliger erscheinen zu lassen”. Petra Schwegler hat die neue Geschäftspolitik kommentiert und Beiträge über umstrittene Werbekampagnen und Photoshop-Fails der Mode- und Kosmetikindustrie verlinkt.

6. Wie die ARD ihre Zuschauer warten lässt
(haz.de, Imre Grimm)
Stolze 40 Millionen Euro flossen in „Babylon Berlin“, das teuerste deutsche TV-Epos aller Zeiten. Das Projekt wurde maßgeblich finanziert mit Gebührengeldern der ARD, zu sehen bekommen es jedoch vorerst nur die fünf Millionen “Sky”-Kunden. Die “ARD”-Zuschauer müssen sich ein Jahr gedulden. Imre Grimm kommentiert: “Das Problem ist das Signal, das die ARD aussendet. Sie scheint nicht zur Kenntnis genommen zu haben, dass zwölf Monate Wartezeit in Zeiten globalisierter Sofortbefriedigung aller Entertainmentbedürfnisse ein Anachronismus sind. Im Ersten scheint man weiterhin dem Irrglauben anzuhängen, dass eine Produktion wie früher erst Gültigkeit hat, wenn sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelaufen ist. Ganz so, als betreffe Sky, HBO, Netflix & Co. nur eine Minderheit. Ein fataler Irrtum.”

LKA-Löschkommando, Tödlicher Kommentar, Sallys Millionenwelt

1. Das große Löschen
(tagesschau.de, Arnd Henze)
Die Affäre um den Entzug von Presse-Akkreditierungen beim G20-Gipfel weitet sich aus: Nachdem viele der Betroffenen Aufklärung gefordert und geklagt haben, hat das LKA Berlin anscheinend einen Löschtrupp losgeschickt und Beweismittel vernichtet. Der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte, Peter Schaar: “Wenn Daten gelöscht werden, um zu verhindern, dass die Rechtmäßigkeit ihrer Speicherung überprüft wird, handelt es sich um die Unterdrückung von Beweismitteln”. Kritikwürdig ist auch das System als solches, das die Speicherung von fehlerhaften und illegalen Daten erlaubt. Die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke, wirf der Bundesregierung vor, einen permanenten Rechtsbruch zu akzeptieren: “Es kann nicht angehen, dass die Polizeibehörden genau darüber Bescheid wissen, wie fehleranfällig das System ist, aber keinerlei Schritte unternehmen, um diesen rechtswidrigen Zustand endlich abzustellen.”

2. Alte Schule
(taz.de, Ambros Waibel)
Vor wenigen Tagen ist der investigative Journalist und bekannte Buchator Jürgen Roth im Alter von 71 Jahren verstorben. Roth war für seine zahlreichen Bücher und Fernsehdokumentationen über die organisierte Kriminalität und die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik bekannt. Mit scharfen Worten hatte er zum Beispiel Gerhard Schröders Putin-Connection kritisiert. Ambros Waibel erinnert in seinem Nachruf an den Kollegen, dessen politische Stimme er auch vermisst: “Jürgen hätte seinen Teil beitragen können, zu dem, was man spätestens seit dem Wahlsonntag nicht mehr Erneuerung der Sozialdemokratie nennen kann, sondern fällige Neubegründung nennen muss.”

3. Millionen Nutzer sahen russische Propaganda
(zeit.de)
Im Rahmen des US-Präsidentschaftswahlkampfs wurden anscheinend rund 3.000 Anzeigen mit politischen Botschaften aus Russland auf Facebook geschaltet. Hinter den Werbeanzeigen steckt offenbar eine russische Werbeagentur, die sich die Aktion etwa 100.000 Dollar hat kosten lassen und dafür 470 Facebook-Konten verwendete. Bei Twitter passierte Ähnliches. Dort soll eine russische Mediengruppe knapp 2.000 Anzeigen oder promotete Tweets gekauft haben.

4. Ein tödlicher Kommentar
(wdr.de, Markus Bark & Robert Kempe, Video, 9:29)
Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Rasim Aliyev aus Aserbaidschan hatte es gewagt, einen prominenten Fußballer zu kritisieren. Ein tödlicher Fehler: Er wurde in eine Falle gelockt, krankenhausreif geschlagen und verstarb im Krankenhaus unter nicht geklärten Umständen. Der Fußballer, der für den Tod des Journalisten mitverantwortlich ist, soll demnächst wieder in einem Spiel gegen Deutschland auf dem Platz stehen. Markus Bark und Robert Kempe sind dem Fall in ihrer Filmreportage nochmal nachgegangen. Ein Film, der auch das planvolle Vorgehen einer Autokratie thematisiert, die sich die mediale Zuneigung durch allerlei Investitionen in Sportevents erkauft.

5. Mogelpackung
(faz.net, Michael Hanfeld)
Was die einen “Zukunftsplan” nennen, ist für Michael Hanfeld von der “FAZ” eine “Mogelpackung”. Es geht um die Absicht von ARD und ZDF, zwei Milliarden Euro einzusparen. Das klinge zunächst nach einer großen Summe, schrumpfe aber nach näherer Betrachtung ziemlich zusammen, wie Hanfeld findet.

6. Sallys Welt: Diese Back-Youtuberin verzeichnet in ihrem Shop über 1.000 Sales täglich
(omr.com, Torben Lux)
Im Jahr 2012 stellt Saliha Özcan, genannt “Sally”, ihr erstes Backvideo auf Youtube ein, eine Backanleitung für einen Nusszopf. Fünf Jahre später ist daraus ein Youtube-Kanal mit angeschlossenem Onlineshop geworden. “Sallys Welt” hat sich zu einem Backimperium entwickelt: 30 Mitarbeiter werkeln hinter den Kulissen und kümmern sich um die 1.000 bis 1.500 täglich eingehenden Bestellungen. Für ein Wohnhaus inklusive Studioküche und ein “Innovationszentrum” will Sally sechs Millionen Euro ausgeben.

Twitterfakes, Die Affäre Silberstein, ARD-ZDF-Fusion erstrebenswert?

1. Zahlreiche Fake News auf Twitter
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Bei Extremsituationen wie Anschlägen, Naturkatastrophen oder Unglücksfällen dient Twitter oft als Kommunikationskanal, um beispielsweise wichtige Informationen von Polizei oder Feuerwehr zu verbreiten. Doch gleichzeitig kursieren Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen. So auch beim gestrigen Massaker in Las Vegas. Patrick Gensing hat sich nach dem Attentat auf Twitter umgesehen.
Weiterer Lesetipp: Auch bei “Spiegel Online” hat man sich mit der “Fake-Flut” nach dem Attentat in Las Vegas beschäftigt.

2. Die Affäre Silberstein
(falter.at, Barbara Toth & Florian Klenk & Josef Redl & Nina Horoczek)
Ein SPÖ-Berater soll in Österreich mit einer geheimen “Spezialeinheit” im Auftrag seiner Partei auf Facebook eine Schmutzkampagne gegen ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz betrieben haben. Der “Falter” hat versucht, mit allen Beteiligten zu sprechen. Anschließend hat man den Skandal in 20 Fragen und Antworten aufgearbeitet. So gut es nach jetzigem Kenntnisstand ging.

3. Interpol muss politischen Missbrauch abstellen
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” fordert die internationale Polizeiorganisation Interpol zu schnellen Reformen auf, um den zunehmenden Missbrauch ihrer Fahndungsaufrufe durch repressive Regierungen zu verhindern: “Niemand sollte in ein Land ausgewiesen werden, in dem ihm ein unfairer Prozess oder gar Folter drohen, und kein kritischer Journalist sollte wegen eines willkürlichen Fahndungsaufrufs bei jeder Auslandsreise in ständiger Angst vor Verhaftung leben müssen. Interpol darf sich nicht zum Handlanger autoritärer Regime bei der Verfolgung unliebsamer Journalisten machen lassen.” Dazu auch ein Lesetipp aus dem Jahr 2015 vom “SZ-Magazin”: “Der viel zu lange Arm des Gesetzes”.

4. Google kommt Verlagen bei Bezahl-Artikeln entgegen
(zeit.de)
Viele Paywalls lassen sich derzeit über eine Google-Suche umgehen. Das soll sich nun ändern, denn Google will die Verlage selbst entscheiden lassen, wie viele bezahlpflichtige Artikel Nutzern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Das neue Modell habe Google zusammen mit vielen Verlagen entwickelt, auch mit der “New York Times” und der “Financial Times”.

5. Warum ARD und ZDF fusionieren sollten
(handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
ARD und ZDF haben Sparvorschläge vorgelegt, doch für Handelsblatt-Kolumnist Hans-Peter Siebenhaar handelt es sich nur um kosmetische Korrekturen. Die Politik sei gefordert, das “verkrustete und ineffektive” Rundfunksystem zu reformieren. “Im digitalen Zeitalter braucht niemand mehr eine mediale Grundversorgung durch staatsnahe Rundfunkanstalten mit einem beamtenähnlichen Pensionssystem.” Eine Möglichkeit, die Rundfunkgebühr nachhaltig zu senken, sei die Zusammenlegung von ARD und ZDF.

6. Mehr als 500 Podcasts von und mit Frauen in Deutschland
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Sind Podcasts vor allem eine Männerdomäne? Weit gefehlt! Die Medienforscherin Nele Heise pflegt eine Datenbank, in der mehr als 500 aktive Podcasts und Podcastformate gelistet sind, an denen Frauen beteiligt sind. Die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender seien dabei noch nicht einmal mitgezählt. Leider würden Podcasts von Frauen im medialen Diskurs weitgehend unberücksichtigt werden. Podcasterinnen kämen kaum als Interviewpartnerinnen, kaum bei Vorstellungen des Formats Podcast und selten in Bestenlisten vor.

Der Chef-Interviewer von “Welt”

Das Medienmagazin “Zapp” fragte vor einer Weile: “Dürfen Journalisten Mitglied einer Partei sein?” Holger Stark, zuständig für Investigatives bei der “Zeit”, und “Spiegel”-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hatten eine ähnliche Meinung zu dem Thema.

Ich finde, wer wahrhaft unabhängig und frei berichten möchte, sollte sich nicht an eine Organisation binden, sondern sollte ungebunden sein und dementsprechend kein Parteimitglied.

… sagte Stark. Und Brinkbäumer:

Für mich ist das keine Option. Also ich möchte neutral sein, ich möchte Distanz zu alle Parteien, zu allen Politikern wahren und nicht einmal durchscheinen lassen, was ich wähle.

Schaut man sich die Berichterstattung der “Welt” an, muss man wohl noch viel grundlegender ansetzen. Und etwa diese Frage hier stellen: Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?

Vergangenen Mittwoch, zwei Tage nach der Bundestagswahl, erschien ein größeres Interview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner in der “Welt” (bei Welt.de hinter einer Paywall):

Ausriss der Welt - Interview mit Christian Lindner - Überschrift Ganz offensichtlich brodelt es im Land

Lindner darf dort über den Absturz von CDU und CSU reden, über die Situation bei den Grünen, über die SPD, er darf den Preis der FDP vor den anstehenden Koalitionsverhandlungen ein wenig hochtreiben. Die kritischste Frage an Christian Lindner im gesamten Gespräch: “Haben Sie Angst vor der eigenen Courage?” Ansonsten eher solche Vorlagen: “2013 sind Sie mit dem Satz angetreten: Ab sofort muss die FDP neu aufgebaut werden. Ist der Neuaufbau jetzt abgeschlossen?”

Das Interview haben zwei “Welt”-Mitarbeiter geführt, Thorsten Jungholt und Adrian Arab. Arab sprach früher für die FDP im nordrhein-westfälischen Jugend-Landtag. Und er war 2016 studentischer Mitarbeiter von Christian Lindner. Weder das eine noch das andere erfahren die Leserinnen und Leser des “Welt”-Interviews.

Wir hatten Ende August hier im BILDblog kritisiert, dass die stellvertretende “Welt”-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld, die mit Christian Lindner verheiratet ist, in der “Welt” und bei Welt.de einen Text veröffentlichte, in dem sie unter anderem Christian Lindner süffisant Stylingtipps gibt, und nirgends schreibt, dass es sich um ihren Ehemann handelt. Darauf gab es Kommentare, dass ein paar Stylingtipps wohl kaum den Wahlkampf entscheiden würden. Und dass das doch alles lustig gemeint sei. Das mag so sein. Uns ging es damals um die Intransparenz der “Welt”. Und so auch in diesem Fall: Natürlich kann eine Redaktion die Frage “Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?” mit “Ja” beantworten. Gerade in Zeiten, in denen sich Menschen von Medien abwenden, auch weil sie das Gefühl haben, Journalisten und Politiker steckten unter einer Decke, wäre es aus unserer Sicht aber eine gute Idee, den Leuten offen mitzuteilen, wer da wen interviewt.

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