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Komparsen hautnah, Bayerische Umfragezeitung, Frosch kein Romeo

1. Welche Texte gefälscht sind – und welche nicht
(spiegel.de)
Rund 60 Relotius-Texte sind in den vergangenen Jahren beim “Spiegel” erschienen, von denen sich viele als Fälschungen beziehungsweise Fantasiewerke herausgestellt haben. Der “Spiegel” will alle Texte überprüfen und stellt die Ergebnisse nach und nach auf einer Seite zusammen. (In mehrfacher Hinsicht lustig ist, dass jede Analyse mit den Worten “Erneut verifiziert” eingeleitet wird, selbst bei Texten, von denen es heißt: “Der Text muss daher in weiten Teilen als Fälschung bezeichnet werden.”)

2. Michael Bröcker gibt Mathias Döpfner Kontra und nennt 5 Vorsätze für besseren Journalismus
(kress.de, Michael Bröcker)
Michael Bröcker, Chefredakteur der “Rheinischen Post”, antwortet auf die jüngsten Äußerungen von Springer-Vorstand Mathias Döpfner: “Wenn aber Verlegerverbands-Präsident und Branchenprimus Mathias Döpfner uns Journalisten ins Stammbuch schreibt, wir seien zu erwartbar, zu angepasst und wir sollten uns lieber aus den sozialen Medien heraushalten, muss man das ernst nehmen. Denn recht hat er damit nicht.”

3. “Es gibt keine Parallelen zum Fall Relotius”: WDR-TV-Chefin Ehni über Fehler bei “Menschen hautnah”
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
Bei drei Folgen des WDR-Doku-Formats “Menschen hautnah” stellten sich etliche Ungereimtheiten heraus. Bei einigen der Protagonisten handelte es sich allem Anschein nach um gecastete Komparsen. “Meedia” hat mit der WDR-Fernsehchefin Ellen Ehni über den Vorfall, redaktionelle Fehler und die Konsequenzen daraus gesprochen.
Siehe dazu auch den aktuellen “Zapp”-Fernsehbeitrag: Ungereimtheiten bei “Menschen hautnah” (ndr.de, Inga Mathwig & Daniel Bouhs).

4. So manipulierbar sind wir gar nicht
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 haben sich etliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Einfluss von “Fake News” auf Wählerinnen und Wähler beschäftigt. Das Ergebnis: Soziale Medien seien eine wichtige Informationsquelle während des US-Wahlkampfes gewesen, aber nicht die dominante. Ebenfalls interessant: 0,1 Prozent der Twitter-Nutzer posteten 80 Prozent der Fake-News.

5. 8 Jahre, 350 Umfragen, 0 Aussagekraft?
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries)
Online-Umfragen sind oft problematisch, weil nicht repräsentativ. Doch es geht noch schlimmer, wie die “Bayerische Staatszeitung” beweist: Bei deren Online-Umfragen konnten die Nutzerinnen und Nutzer problemlos mehrfach abstimmen und damit das Ergebnis in ihre Richtung drehen. Aus diesen “Umfragen” wurden dann von der Zeitung wieder Artikel gemacht. Nach einer Beschwerde beim Deutschen Presserat hat die “Bayerische Staatszeitung” nun Hunderte dieser Umfragen aus den letzten acht Jahren gelöscht.

6. Romeos Rettung
(kontextwochenzeitung.de, Minh Schredle)
Minh Schredle hat sich das Rührstück über das traurige Liebesleben des “einsamsten Froschs der Welt” angeschaut, über das viele nationale und internationale Medien berichteten und das wenig mit den tatsächlichen Fakten zu tun habe: “Nachdem “Spiegel”-Reporter Claas Relotius erst vor wenigen Wochen als Betrüger entlarvt worden ist, war in aufgebrachten Artikeln und nachdenklichen Kommentaren zu lesen, die Branche solle weniger darauf fixiert sein, rührselige Geschichte herbeizuschreiben. Dieser Vorsatz scheint ebenso schnell wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden zu sein wie das Interesse an Ribérys goldenem Steak.”

“Bild” schenkt hochgefährliche Aufmerksamkeit

Bei Bild.de geht es heute mal wieder um “Internet-Klicks”, aber diesmal etwas anders:

Screenshot Bild.de - Wahnsinn-Aktionen - Für Internet-Klicks riskieren sie ihr Leben

“sie”, das sind die Roofer in Frankfurt am Main, also zumeist junge Leute, die auf hohe Gebäude oder Kräne in der Stadt klettern und sich dabei selbst filmen oder filmen lassen. “Hochgefährlich und illegal” sei das, mahnt “Bild”-Reporter Stefan Schlagenhaufer in seinem Text. Er zitiert Polizeisprecher Andrew McCormack:

“Dieses Verhalten ist nicht nachvollziehbar, nicht nachahmungswürdig, das ist lebensgefährlich. Wir haben Anzeigen wegen Hausfriedensbuch eingeleitet, wegen Einsatz der Drohnen wird ermittelt.”

Und zur Motivation der Roofer schreibt Schlagenhaufer:

Alles nur für Likes bei YouTube und Instagram.

Diese jungen Leute setzen also ihr Leben aufs Spiel, um Aufmerksamkeit für ihre Fotos und Videos zu bekommen. Und was macht Bild.de? Schenkt diesen jungen Leuten reichlich Aufmerksamkeit für ihre Fotos und Videos. Die Redaktion garniert ihren Artikel mit insgesamt zehn Aufnahmen der “Wolkenkraxler”. Als Aufmacher erstmal ein Bild, das einen jungen Mann “mit blanken Händen ohne Sicherung (…) am 240 Meter hohen Kran des Omniturms” zeigt. Dann noch zwei Bilder. Und dann noch …

Screenshot Bild.de - Weitere Fotos der Roofer

Viele davon sind Standbilder aus deren Youtube-Videos, die Bild.de mit so zurückhaltenden Bildunterschriften versehen hat wie:

Todesmutig springt einer der Roofer über den Vorsprung, der andere filmt es mit der Mega-Selfie-Stange

Oder:

Auf- bzw. Abstieg vom Ausleger des Krans — der Roofer sieht aus wie Spiderman

In der Frankfurt-Ausgabe der “Bild”-Zeitung ist der Text ebenfalls erschienen, mit etwas weniger Bildern, dafür aber riesengroß:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei jagt Wolken-Kraxler - Illegal am Abgrund
(Unkenntlichmachung durch uns.)

“Roofer (Dachspitzen-Kletterer) erobern Frankfurts Hochhäuser”, schreibt Stefan Schlagenhaufer dort. Gut, das hat “Bild” ziemlich genau vor vier Jahren schon einmal verkündet, aber warum nicht noch mal? Schließlich kann man dann so heiße Fotos zeigen.

Mit Dank an Michael I. für den Hinweis!

Flughafen-Journalismus, Authentisch schlecht gelaunt, Handball-Promoter

1. Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht»
(medienwoche.ch, Eva Hirschi)
Der norwegische Politikwissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung macht sich Sorgen, was die Auslegung seiner Nachrichtenwert-Theorie anbelangt: “Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!” Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Das Resultat sei ein “Flughafen-Journalismus”, bei dem “alle darüber berichten, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.”

2. Der erste Umweltjournalist
(taz.de, Manfred Kriener)
Der im Alter von 96 Jahren verstorbene Horst Stern war nicht nur der erste Umweltjournalist, sondern auch Mitbegründer des Bunds für Umwelt- und Naturschutz. Und er war eine Persönlichkeit, wie Manfred Kriener in seinem Nachruf feststellt: “Seine Fernseh-Nachhilfestunden machten ein breites Publikum mit dem Artensterben und dem Siechtum des Wald bekannt, mit Gentechnik-Größenwahn und dem Elend der Massentierhaltung. Was ihm fehlte zum Fernsehstar, war die joviale Ausstrahlung eines Ranga Yogeshwar oder die Lässigkeit anderer, ewig gut gelaunter TV-Größen. Stern wirkte vor der Kamera immer bekümmert, als sei gerade die Hauskatze gestorben. Das eigentlich Großartige: Er machte keinerlei Versuche, einmal zu lächeln oder gar heiter rüber zu kommen. Er blieb authentisch schlecht gelaunt.”

3. Leicht sein ist nicht alles
(sueddeutsche.de, Anna Steinbauer)
Zu Beginn des Jahres beschäftigen sich Frauenzeitschriften besonders intensiv mit dem Thema Abnehmen. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch etwas geändert, so die Soziologin Paula-Irene Villa: “Diätmachen spielt nach wie vor eine große Rolle. Allerdings dreht es sich immer mehr darum, gesund und fit sein.” Zeitschriften seien aber eher Überbringer als Verursacher von Körperkult und Schlankheitswahn: Die Popkultur spiele eine enorme Rolle dafür, dass Diäten nicht wegzukriegen seien.

4. Der Fall Relotius und die Medien: Wir schreiben einfach wundervoll
(nzz.ch, Susanne Gaschke)
Susanne Gaschke nimmt den Fall Relotius zum Anlass, über die Entfremdung zwischen Medienmachern und ihrem Publikum nachzudenken. Gaschke beklagt die mangelnde Selbstkritik der Medien: “Journalisten müssen mehr Bescheidenheit und manchmal auch mehr Wohlwollen gegenüber ihren Berichtsgegenständen — und Lesern — entwickeln. Und sie brauchen eine Entschuldigungskultur, die nicht verschämt oder trotzig Fehler höchstens auf Seite 18 zugibt. Ob das alles hilft, um die Öffentlichkeit zu reparieren und Vertrauen zurückzugewinnen? Vielleicht nicht. Es aber nicht einmal versucht zu haben, hilft auf keinen Fall.”

5. Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen
(journalist-magazin.de, Daniel Drepper)
Das Medienmagazin “journalist” startet die Serie “Mein Blick auf den Journalismus”, in der sich die “klugen Köpfe der Branche” Gedanken darüber machen, wie Journalismus besser gemacht werden kann. Im ersten Teil dabei: Daniel Drepper, Chefredakteur von “BuzzFeed News Deutschland”, im zweiten Teil die Journalistin und Medienexpertin Carline Mohr.

6. Kommentatoren ohne Distanz
(djv.de, Sebastian Huld)
Sebastian Huld vom Deutschen Journalisten-Verband kritisiert die seiner Ansicht nach zu positive TV-Kommentierung des vergangenen Handballspiels der deutschen Nationalmannschaft. Die Kommentatoren seien irgendwo zwischen Fans und Teammitgliedern anzusiedeln. Sie “geben wie ARD und ZDF insgesamt vor, die Handball-WM zu übertragen und das Geschehen mit Expertise aufzubereiten. Tatsächlich aber sind sie nur die ersten Promoter des Produkts Handball-WM, weil der Erwerb der Übertragungslizenzen nur durch hohen Zuschauerzuspruch zu rechtfertigen ist. Vor diesem Konflikt stehen alle Sender beim Übertragen von Sportevents, ganz besonders aber die Öffentlich-Rechtlichen.”

Fantastischer Penis, “Pastewka”-Verbot, Julians Schrumpf-“Bild”

1. “Es muss so fantastisch sein, einen Penis zu haben”
(zeit.de, Sigrid Neudecker)
Die Autorin Simone Buchholz hat, wie auch ihre Kollegen Matthias Wittekindt und Max Annas, den Deutschen Krimipreis gewonnen. Ihre Freude über die Auszeichnung wird von Störgefühlen begleitet: “Ich verehre die beiden Kollegen (…), wir haben alle zusammen gewonnen, aber wenn mein Buch “lichte Unterhaltung” ist, und die Bücher der Männer “existenzialistische Literatur” oder “politisch radikal” sind, dann denke ich schon: Oh Mann, es muss so fantastisch sein, einen Penis zu haben!”

2. taz ist zu unbequem
(taz.de, Jean-Philipp Baeck)
Es könnte dem Lehrbuch für Trumpsche Rhetorik entspringen: Die AfD beklagt sich gerne darüber, in den Medien zu wenig Beachtung zu finden. Interessiert sich dann jemand für sie, verweigert sie sich. So jüngst geschehen, als die “taz” von einer Pressekonferenz der AfD in Bremen als einziges Medium ausgeschlossen wurde.

3. “Pastewka”-Verbot
(sueddeutsche.de)
Anscheinend haben es die Macher der neuen “Pastewka”-Staffel mit der Schleichwerbung etwas übertrieben: Auf Anordnung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien darf die vierte Folge der achten Staffel (“Das Lied von Hals und Nase”) nicht mehr gezeigt werden.

4. Böse Trump-Fans, guter Ureinwohner? Die zu einfache Geschichte einer Konfrontation
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In den vergangenen Tagen ging ein Videoausschnitt viral, der die Konfrontation eines jugendlichen Trump-Fans mit einem amerikanischen Ureinwohner zeigt. In den klassischen und sozialen Medien war man sich bei der Be- und Verurteilung des Geschehens weitgehend einig. Der Fall ist jedoch bei näherer Betrachtung keineswegs eindeutig. Stefan Niggemeier hat sich der Sache angenommen und kommt zum Schluss: “Die Welt ist komplizierter, als sie scheint. Das ist eine Tatsache, an die man nicht nur Trump-Anhänger immer wieder erinnern muss. Und die Heftigkeit der Angriffe als Reaktion sagt dann vielleicht doch etwas darüber aus, wie sehr etwas an der politischen Kultur in den USA kaputt ist.”

5. Alle schrumpfen, aber Bild schrumpft am schnellsten
(de.statista.com, Mathias Brandt)
Die überregionalen Tageszeitungen schrumpfen weiter, doch ein Medium hat es besonders schlimm erwischt: “Bild”. Die Boulevardzeitung (inkl. “B.Z.” und “Fussballbild”) habe einen Rückgang von 6,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und 9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal hinnehmen müssen.

6. Robotius
(twitter.com/ROB0TIUS)
“Eine Meldung und ihre Geschichte: Ein englischer Pizzabäcker bekommt Ärger wegen seiner bösen “Nazi-Kühe”.” Derartige Titelgeschichten und Themenvorschläge spuckt der “ROB0TIUS” regelmäßig auf Twitter aus, der ein Verwandter des “Spiegel”-Dichterfürsten Claas Relotius sein könnte.

“Aber immer noch frei!”

Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Champion Barrow zogen, soweit wir wissen, nie durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt), und auch sonst ist der Vergleich mit dem mordenden US-Duo, den die “Bild”-Redaktion im ersten Absatz ihrer heutigen Titelgeschichte zieht, recht gewagt:

Wie Bonnie & Clyde zogen Peggy N. (39) und ihr Freund (41) durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Sie lebten als Mietnomaden, begingen Einbrüche und räumten Briefkästen leer. Die Polizei wies dem drogensüchtigen Duo 640 Straftaten in 18 Monaten nach — und ließ es wieder laufen!

Nein, auch wenn “Bild” den Eindruck erwecken mag: “und ließ es wieder laufen” bedeutet nicht, dass sich die Angelegenheit für das Paar damit erledigt hat. Es bedeutet nicht, dass Peggy N. und ihr Freund trotz der vielen mutmaßlichen Straftaten (größtenteils wohl Beschaffungskriminalität) straffrei bleiben. Es bedeutet erstmal nur, dass sie nicht in Untersuchungshaft sitzen.

Das wird auf der “Bild”-Titelseite noch nicht ganz klar:

Ausriss Bild-Titelseite - Verbrecher-Paar aus Magdeburg - 640 Straftaten, aber immer noch frei! Und die Polizei hilft auch noch bei Behördengängen

Auf Seite 6 im Blatt wird “Bild” immerhin konkreter:

Ausriss Bild-Zeitung - 640 Straftaten, keine U-Haft! Polizisten helfen Intensivtätern bei lästigen Behördengängen

Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Warum das Paar nicht in U-Haft sitzt? Unklar!

So “Unklar!” dürfte es aber gar nicht sein.

Die U-Haft dient der Durchführung von Strafverfahren. Sie dient nicht der Strafe. Und sie hat hohe Anforderungen, schließlich geht es darum, jemanden ohne ein Urteil ins Gefängnis zu stecken. “Ihr Vollzug ist die ultima ratio; der Erlass eines Haftbefehls muss sich an den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Unschuldsvermutung messen lassen”, erklärt uns Strafverteidiger Carsten Hoenig. Zur Untersuchungshaft komme es nur, “wenn gar nichts mehr anderes geht”.

In den Paragraphen 112 und 112a der Strafprozessordnung ist geregelt, wann es soweit ist und wann nicht: Besteht Flucht- oder Verdunkelungsgefahr (§112)? Wenn nicht: Besteht Wiederholungsgefahr (§112a)? Wenn auch nicht: keine U-Haft. Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten wollte sich uns gegenüber zwar nicht zum konkreten Fall äußern, sagte aber, dass die Staatsanwaltschaft Magdeburg immer prüfe, ob eine dieser Gefahren besteht. Und dass sie keinen Haftbefehl beantrage, wenn keine davon vorliegt.

Es kann auch sein, dass es einen Haftbefehl gibt, dieser aber gegen Auflagen ausgesetzt wurde. Eine solche Auflage könnte zum Beispiel darin bestehen, so Strafverteidiger Hoenig, “dass die Beschuldigte sich in Therapie begibt, um auf diesem Wege die Wiederholungsgefahr zu minimieren beziehungsweise zu beseitigen.” Das könne er ohne Akteneinsicht aber natürlich nicht sicher sagen.

Das Polizeirevier Magdeburg hat eine Pressemitteilung zu dem Fall herausgegeben, aus der auch “Bild” zitiert. Darin steht unter anderem:

Mit der Beschuldigten konnten eingehende Gespräch zu ihrem Lebenswandel geführt werden. Ebenso erhielt sie von den Beamten unterstützten bei Ämtergängen. Auch wurde innerhalb ihres sozialen Umfelds vermittelt, um ein erneutes in Erscheinung treten zu verhindern. Der beschuldigte 41-jährige wies solche Maßnahmen zurück.

Das klingt zumindest bei Peggy N. wie ein Versuch, die Wiederholungsgefahr zu minimieren.

Nicht, dass er es sich wünsche, sagt Strafverteidiger Carsten Hoenig noch, aber mit anderen Argumenten hätte man vielleicht auch eine Inhaftierung vertreten können: “Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Haftrichter bereits die Fluchtgefahr bejahen könnte — wegen der Höhe der zu erwartenden Strafe, die einen Fluchtanreiz bieten könnte.”

Es sind also nicht ganz einfache, aber ziemlich normale rechtsstaatliche Vorgänge und Fragen, um die es bei der Untersuchungshaft geht. Es ist auf jeden Fall nicht das große Ärgernis, das “Bild” daraus macht.

Nachtrag, 22:52 Uhr: Wir haben vergessen, eine weitere Stelle aus der verlinkten Pressemitteilung des Polizeireviers Magdeburg zu zitieren, die auf eine Therapie der Beschuldigten hinweist und damit einen Grund gegen eine mögliche Wiederholungsgefahr liefern könnte. Diese Passage wollen wir hier nachreichen:

Zeitweise arbeiteten bis zu 5 Kriminalbeamte gleichzeitig an den Verfahren in der Ermittlungsgruppe. Neben strafprozessualen Maßnahmen wurden auch Therapiemaßnahmen durch die Polizisten begleitet, da es sich bei der Begehung der Straftaten um Fälle der so genannte “Beschaffungskriminalität” gehandelt hat. Die Beschuldigten haben durch die Taten ihren Drogenkonsum finanziert.

Und, weil man es möglicherweise falsch verstehen kann: Carsten Hoenig äußert sich hier als Experte und nicht als Verteidiger des beschuldigten Paares — denn das ist er nicht.

Mehr zu den Schwierigkeiten der “Bild”-Redaktion mit der Untersuchungshaft:

Ende der Drohbriefe, AfD-Maier muss zahlen, Reporter gegen die Mafia

1. Keine Drohbriefe mehr
(faz.net, Constantin von Lijnden)
Medienrechtsanwälte haben eine pfiffige Strategie entwickelt, um ihre prominenten Mandanten vor Erwähnungen in der Presse zu schützen: Vorauseilende Drohbriefe, die sie euphemistisch als “presserechtliche Informationsschreiben” bezeichnen. Allein bei der “FAZ” seien von der bekannten Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann zwischen Ende 2012 und Mitte 2016 mehrere Dutzend solcher Schreiben eingegangen, ungefragt und zuletzt ausdrücklich unerwünscht. Die “FAZ” hat sich gegen diese Praxis juristisch gewehrt — bis zum Bundesgerichtshof (BGH), der die “Informationsschreiben” grundsätzlich für zulässig hält. Anders sieht es der BGH, wenn ein solches Schreiben “keine Informationen enthält, die dem Presseunternehmen die Beurteilung erlauben, ob Persönlichkeitsrechte durch eine etwaige Berichterstattung verletzt werden.” Das Faxen derartiger Schreiben ist mit dem Urteil des BGH nun untersagt.

2. AfD-Rechtsaußen muss Noah Becker Schmerzensgeld zahlen
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Vor einem Jahr erschien auf dem Twitter-Profil des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier ein Tweet, in dem der Künstler Noah Becker wegen dessen dunkler Hautfarbe rassistisch beleidigt wurde. Maier, selbst gelernter Richter, gab sich unschuldig: Ein Mitarbeiter habe den Tweet ohne Absprache veröffentlicht, was der Mitarbeiter auch offiziell zugab. Becker verklagte den AfD-Politiker daraufhin auf 15.000 Euro Schmerzensgeld. Sein vorheriges Angebot, 7.500 Euro an eine karitative Organisation zu spenden und den Streit damit zu beenden, hatte Maier abgelehnt. Nun hat das Landgericht Berlin Becker Recht gegeben und Maier zur Zahlung der vollen 15.000 Euro plus Zinsen verurteilt.

3. Re: Der Tod im Auge – Reporter gegen die Mafia
(arte.tv, Chiara Sambuchi, Video: 30 Minuten)
Wer in Italien über die Mafia berichtet, muss sehr mutig sein und setzt unter Umständen sein Leben aufs Spiel. Die Arte-Reportage “Re: Der Tod im Auge” begleitet den unter permanenter Bewachung stehenden Journalisten Paolo Borrometi bei dessen Arbeit für den Fernsehsender TV2000, bei dem er mit Staatsanwälten, Richtern und Kronzeugen Interviews über die Mafia führt.

4. „Politik setzt gezielt auf Framing“
(fr.de, Ruth Herberg)
Die “Frankfurter Rundschau” hat sich mit den beiden “Floskelwolke”-Betreibern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl über Wortmacht, Medienkompetenz und politisches Framing unterhalten.

5. Hoher Anspruch, rote Zahlen
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:32 Minuten)
Unglaubliche 3,5 Millionen Franken sammelten der Journalist Constantin Seibt und seine Kollegen an Spendengeldern ein, um vor etwa einem Jahr mit dem Schweizer Online-Magazin “Republik” starten zu können. Die Medienjournalistin Brigitte Baetz gibt dem Startup durchwegs gute Noten. Allein finanziell laufe es nicht so gut: Laut Geschäftsbericht sei das Online-Magazin im ersten Jahr auf ein Minus von rund 2,5 Millionen Euro gekommen.

6. Wann Ihr einen Blogbeitrag als Werbung kennzeichnen müsst
(fitfuerjournalismus.de, Bettina Blaß)
Viele Youtuber, Instagrammer, Facebooker und Blogger sind verunsichert, ob sie ihre Beiträge als Werbung kennzeichnen müssen, wenn sie dort zum Beispiel mit Markenware zu sehen sind oder ein Produkt empfehlen. Zum Glück gibt es die Kennzeichnungsmatrix der Landesmedienanstalten und Bettina Blaß, die Licht ins Kennzeichnungsdunkel bringen.

Identitäre Plakate, Erfolgsfaktor Niveaumangel, Marktplatz Instagram

1. taz-Mitarbeiterin bei Aktion von Identitären angegriffen
(blogs.taz.de)
Die rechtsgerichtete “Identitäre Bewegung” hat gestern Aktionen bei unterschiedlichen Redaktionen und Organisationen in verschiedenen Städten Deutschlands durchgeführt, unter anderem bei der “Frankfurter Rundschau”, am ARD-Hauptstadtstudio und bei den Grünen. Auch das “taz”-Verlagsgebäude war Ziel der Aktion. Als eine Gruppe von etwa sechs Personen der “Identitären Bewegung” mit Pflastersteinen, Plakaten und Flugblättern anrückte, kam es zu Tätlichkeiten gegen eine couragierte “taz”-Mitarbeiterin.

2. Wenn Männer über Männer schreiben
(deutschlandfunk.de, Anne Baier)
Beim Medienforum des Journalistinnenbundes wurde auch nach Abschluss der Veranstaltung fleißig weiterdiskutiert. Dabei ging es vorwiegend um das Ungleichgewicht der Geschlechter im Politikjournalismus, Denkfallen, typische Stereotype und Rollenzuschreibungen sowie das sich daraus entwickelnde Framing.

3. Journalisten im Visier
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner kommentiert die Wut der französischen Gelbwesten gegen Journalistinnen und Journalisten, die angeblich nicht im Sinne der Protestbewegung berichten würden: “Ach, wirklich? Französische Zeitungen und Rundfunksender als verlängerter Arm von Emmanuel Macron? Wahrscheinlicher dürfte sein, dass im Zuge der Radikalisierung der Gelbwesten jegliches Verständnis für Ausgewogenheit in den Medien auf der Strecke geblieben ist. In Deutschland kennen wir das von Pegida.”

4. Die Kommentare sind tot, lang leben eure inhaltlichen Ergänzungen!
(netzpolitik.org)
netzpolitik.org steht vor einem Problem, vor dem auch viele Nachrichtenseiten stehen: Wie der wachsenden Zahl von beleidigenden und unsachlichen Kommentaren Herr werden? Mit gewaltigem Aufwand moderieren oder den Kommentarbereich ganz abschalten? Man hat sich für einen Mittelweg entschieden: In Zukunft werden nur noch Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltliche Ergänzungen zu den Artikeln stehen gelassen.

5. Blaulicht, Flutlicht, Rotlicht: Mit Niveaumangel zum Online-Spitzenplatz
(journalismus.online, Hektor Haarkötter)
Der Online-Chef der Münchner Tageszeitungen “tz” und “Merkur” hat Grund zum Feiern: Die Zugriffszahlen steigen beständig. Wenig feierlich ist jedoch die Methode, die auf Niveaumangel und Stillosigkeit beruht. Hektor Haarkötter hat einige typische Clickbaiting-Beispiele herausgesucht, bei denen man sich fragt, wie diese Masche immer noch so gut ziehen kann.

6. Wie sich Instagram zum Marktplatz wandelt – und wer schon jetzt auf der Plattform verkauft
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Viele sehen in Instagram nur die Bilder-Abwurfhalde der Generation Selfie, doch die Plattform wird zunehmend für Verkaufszwecke genutzt. Instagram könnte sich gar zur echten Handelsplattform entwickeln. Roland Eisenbrand in seiner spannenden Analyse: “Weil die Plattform durch ihren visuellen Charakter deutlich produktfixierter ist als Facebook selbst, ist es durchaus vorstellbar, dass eine Erweiterung um einen Marktplatz von Erfolg gekrönt sein könnte. Facebook würde mit diesem Schritt eine komplett neue Erlösquelle erschließen. Als potenzieller “Man in the Middle” bei allen Käufen könnte das Unternehmen dann nicht nur wie bisher durch Werbeeinnahmen einen Anteil am gesamten Business, dass über die Plattform läuft, für sich abzuzwacken, sondern auch durch Provisionen.”

Das “meistzitierte Medium Deutschlands” zitiert nicht

Bescheidenheit ist nicht gerade die Sache der “Bild”-Redaktion. Am vergangenen Montag schlagzeilte sie auf der eigenen Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Bild ist das meistzitierte Medium Deutschlands!

Das Korkenknallen ging im Text weiter:

Es ist die härteste Währung im politischen Journalismus: mit Exklusiv-Nachrichten von der Konkurrenz zitiert zu werden. Niemandem gelang dies 2018 so häufig wie BILD.

1203-mal wurde BILD laut des angesehenen Zitate-Rankings von “Media Tenor” im vergangenen Jahr mit Nachrichten, Berichten, Interviews etc. von anderen Medien zitiert. Eine klare Meinungsführerschaft: vor “Spiegel” (1098), “New York Times” (907) und BILD am SONNTAG (895 Zitate). “Süddeutsche Zeitung” und “Handelsblatt” belegten die Plätze 5 und 6.

In der “taz” wies Steffen Grimberg darauf hin, dass es “schon mehr als etwas verräterisch” sei, “wenn man die Quelle des Freudentaumels selbst mit Attributen wie ‘angesehen’ aufpeppen muss. Denn bei Media Tenor handelt es sich um einen Laden, der mit der Kneifzange anzufassen ist.” Aber das nur nebenbei.

Schauen wir doch mal, wie “Bild” und Bild.de selbst so mit dem Zitieren umgehen. Am Dienstag, da war der “Bild”-Jubel in eigener Sache gerade mal einen Tag alt, erschien dieser Artikel:

Screenshot Bild.de - Facebook-Fotos entlarvten ihn als Betrüger - Motz-Urlauber muss TUI 22000 Euro zahlen

Ein Brite forderte von TUI Schadensersatz, da er bei seinem Urlaub auf den Kapverdischen Inseln wegen der vermeintlich mangelnden Hygiene und des vermeintlich schlechten Essens vermeintlich krank geworden sei. Allerdings zeigten Facebook-Posts des Mannes, was für eine gute Zeit er in dem Fünf-Sterne-Hotel hatte und wie begeistert er vom angebotenen Essen war. TUI ging gegen ihn wegen Betrugs vor, der Mann soll dem Reiseveranstalter nun 20.000 Pfund zahlen.

Mirror.co.uk hatte die Geschichte exklusiv. Doch von dieser Quelle ist bei Bild.de, wo sie so stolz aufs Zitiertwerden sind, kein Wort zu lesen (anders als zum Beispiel bei “Focus Online”). Zugegeben, die Story vom betrügenden Briten ist kein politischer Journalismus. Aber nur weil die Politik fehlt, wird “die härteste Währung” doch nicht dramatisch an Wert verlieren.

Autorin des Bild.de-Artikels ist Silke Hümmer, die bereits im vergangenen September im BILDblog auftauchte, nachdem sie, ohne Nennung der Quelle, bei einem anderen Portal abgeschrieben hatte.

Mit Dank an anonym für den Hinweis!

Kretzschmar-Diskussion, Klassik-Pop-et cetera, Identitäre Vollpfosten

1. Warum die Diskussion, ob Stefan Kretzschmar plötzlich rechts ist, nur der AfD hilft
(bento.de, Jan Petter)
Auf Twitter und Facebook sorgt ein isolierter Interviewausschnitt mit dem Ex-Handballer Stefan Kretzschmar für viel Kritik und wird besonders in rechten Kreisen gerne und oft geteilt. Jan Petter stellt dazu fest: “Kretzschmar beklagt nicht, dass man für rechte Parolen Gegenwind erhalte, so wie es manche Kritiker nun weismachen wollen. Sondern nur, dass es polarisierende Meinungen heute schwerer hätten und es bequem geworden sei, einfach unpolitisch zu bleiben.”

2. Gute Zuwanderer, schlechte Zuwanderung: So unausgewogen waren die Flüchtlings-Berichte
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
War die Berichterstattung der Medien über die “Flüchtlingskrise” so einseitig und irreführend, wie ein größerer Teil der Bevölkerung meint? Eine Inhaltsanalyse räumt mit einigen Vorurteilen auf und zeigt: Es ist komplizierter. Und schon gar nicht stimme es, so Stefan Niggemeier, dass die Berichte von “Bild” über das Thema “ausgewogen” waren, wie das Blatt heute stolz auf Seite 1 behauptet.

3. “Die digitale Viertelstunde” mit Martin Fuchs
(lead-digital.de, Christian Jakubetz, Audio: 17:13 Minuten)
Christian Jakubetz hat sich in der “digitalen Viertelstunde” mit dem Politikberater Martin Fuchs über den Rückzug des Grünen-Politikers Robert Habeck aus den sozialen Medien unterhalten. Fuchs kann Habeck zwar verstehen, wäre aber dennoch zu einer anderen Entscheidung gekommen.

4. «Am liebsten würde ich ein Porträt von Erwin Koch oder Margrit Sprecher über Relotius lesen.»
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Daniel Puntas Bernet ist der Chefredakteur des Magazins “Reportagen”, bei dem Claas Relotius als “Hausautor” geschrieben hat. Im Interview mit der “Medienwoche” spricht Bernet über seinen ersten Kontakt mit Relotius, seinen Zweifeln und seiner Einschätzung der Person Relotius: “Ich habe das Gefühl, dass er in Wirklichkeit ein scheuer Typ ist und gar kein klassischer Reporter. Ein Reporter muss neugierig sein, muss frech sein, muss vorwärts gehen, muss Menschen anreden können, auf sie zu- und eingehen wollen und sie auch mal fair kritisieren. Auch muss er seine These über den Haufen werfen können und in eine neue Richtung recherchieren, wenn es mal nicht läuft. Diese Grundelemente der Reporter-DNA fehlen Relotius offensichtlich. Ihm scheint es an Empathie zu fehlen, mit Menschen in Verbindung zu treten und wirklich etwas aus ihnen herauszuholen. Deshalb, so meine Vermutung, begann er zu erfinden.”

5. Vollpfosten sind Vollpfosten
(taz.de, Christian Rath)
Eine Facebook-Nutzerin hatte das Verhalten der Identitären Bewegung mit “Vollpfosten sind Vollpfosten und basta” kommentiert und war dafür vom Netzwerk für 30 Tage gesperrt worden. Zu Unrecht, wie nun das Amtsgericht Tübingen entschieden hat.

6. Für dieses Programm lohnt sich jeder Gebührencent
(welt.de, Timo Feldhaus)
Timo Feldhaus hat ein Loblied auf “Klassik-Pop-et cetera” (“Deutschlandfunk”) verfasst. In der seiner Meinung nach schönsten Radiosendung der Welt stellen die unterschiedlichsten Personen eine Stunde lang ihre Lieblingsmusik vor. Ganz altmodisch und frei von jeden Algorithmen: “Die Musik kommt uns entgegen, gerade nicht, weil ich vorher diese und jene Musik gehört habe, gerade nicht aufgrund eines genialen technischen Codes, gerade nicht, weil ich vorher irgendetwas getan habe, aufgrund dessen mich ein System erkannt und kategorisiert hat — sondern weil es Lieder sind, die einem anderen Menschen übrig geblieben sind.”

“Es war eine regelrechte Flut, die nicht zu bewältigen war”

Am Sonntagmorgen klingelten Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) bei Jan Schürlein, durchsuchten anschließend seine Wohnung und befragten den 19-Jährigen zum großen Datenklau. Schürlein hatte nach eigener Aussage Kontakt zu der Person, die das BKA wenige Tage später als geständigen Tatverdächtigen präsentierte.

Als die BKA-Beamten verschwunden waren, klingelte es wieder an Schürleins Tür, dieses Mal standen Journalisten davor. Sie hatten von der Durchsuchung gehört und vermuteten nun die große Story. Manche machten Schürlein flugs zum Tatverdächtigen oder titelten: “Spur des Politiker-Leaks führt zu 19-Jährigem in Heilbronn”. Das BKA stellte später klar, dass es sich bei Schürlein um einen Zeugen handelt.

Wir haben mit Jan Schürlein über den Medienrummel vor seiner Wohnung und um seine Person gesprochen.

Wann hast du die erste Medienanfrage bekommen?
Die kam bereits, soweit ich mich erinnere, am Samstag. Also noch bevor das BKA bei mir war. Zuvor hatte ein alter Kollege in TV-Interviews und über Soziale Medien auf mich aufmerksam gemacht.

Und wie viele waren es seitdem?
Insgesamt fast bis in den dreistelligen Bereich, wenn nicht sogar mehr. Ganz genau kann ich das nicht sagen. Es war auf jeden Fall eine regelrechte Flut, die nicht zu bewältigen war. Die erste Anfrage für ein TV-Interview kam dann auch direkt von RTL.

Gab es Unterschiede bei der Art und Weise, wie die Anfragen formuliert waren?
Ja, natürlich. Die meisten waren sehr freundlich und höflich. Ein paar sehr wenige aber auch ziemlich arrogant, sehr aufdringlich und unverschämt. Zum Beispiel diese Anfrage, die von “Bild” kam:

Screenshot eines Tweets von Jan Schürlein - Bild per E-Mail: Hallo Herr Schürlein, kommen Sie kurz runter? Oder sollen wir zu Ihnen hochkommen? - Wie kann man so unverschämt sein? Viel Spaß die Nacht über in deinem schwarzen Auto im Halteverbot, ich bin leider nicht oben

Du hast getwittert, dass Journalisten das Haus deiner Familie und Nachbarn belagerten, nachdem das BKA bei Dir war. Was war da genau los?
Ich war zum Glück die ganze Zeit nicht zu Hause, stand aber mit Personen von vor Ort und meiner Familie, die auch da wohnt, natürlich immer wieder in Kontakt. Die ersten, die am Haus waren, kamen von der “Heilbronner Stimme”. Später wurden Kamerastative auf der Straße aufgebaut, das Haus wurde von RTL, aber vermutlich auch von anderen Sendern gefilmt. Ein Kamerateam wollte wohl auch in das Haus meiner Nachbarin. Geschätzt wurde die Zahl an Personen, die über den Tag verteilt anwesend waren, auf um die zwanzig.

“Bild”-Reporter haben das Haus auch noch länger belagert, vermutlich in der Hoffnung, mich irgendwann abzufangen. Die saßen mehrere Stunden in einem schwarzen Auto mit Stuttgarter Kennzeichen vor dem Haus.

Wie haben Deine Verwandten und Nachbarn reagiert?
Die waren verärgert. Die Nachbarn haben unter anderem mit einem Rechtsanwalt gedroht.

Manche Journalisten sind auch Angehörigen von mir hinterhergelaufen. Selbst meinem jüngeren Cousin, der gerade mal 8 Jahre alt ist. Geklingelt haben sie natürlich auch. Nach meiner Information hat aber niemand versucht, irgendwie ins Haus zu gelangen.

Hast Du inzwischen wieder Deine Ruhe?
Durch die aktuelle Medienpräsenz nicht, aber früher oder später sollte sich hoffentlich alles beruhigen.

Das Interview haben wir schriftlich geführt.

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