Suchergebnisse für ‘CDU’

Lobbyismus und Dirty Campaigning, Axel V.s 500 Freunde, Inszenierungen

1. EU-Urheberrechtsreform: Zensur ist nicht der Zweck
(wolfgangmichal.de)
Als Musterbeispiel der Irreführung bezeichnet Wolfgang Michal den Streit um die europäische Urheberrechts-Reform: “Nicht die Zensur von Inhalten, sondern die Pflicht zur Lizenzierung ist der Kern der EU-Urheberrechtsreform: Handlungen sollen nicht verhindert, sondern zu Geld gemacht werden. Die entscheidenden Fragen sind also: Wohin fließt das Geld? Und: Wer macht durch fortschreitende Kommerzialisierung das “freie Internet” kaputt?”
Weiterer Tipp: Stefan Niggemeier hat sich im “Deutschlandfunk” zum Lobbyismus der Zeitungen in eigener Sache geäußert. Niggemeier kritisiert die einseitige und teilweise verzerrende Berichterstattung und nennt dafür auch Beispiele (deutschlandfunk.de, Audio: 5:44 Minuten).
Der Jurist Thomas Stadler kommentiert auf seinem Blog: “Das was wir hier beobachten können, ist nichts anderes als eine Form des Dirty Campaignings, bei dem die Grenzen zwischen politischem Lobbyismus und Journalismus verschwimmen. Diese Form der politischen und medialen Auseinandersetzung scheint endgültig auch hierzulande angekommen zu sein und sie benutzt dieselben Techniken, die einen Trump an die Macht gebracht und den Brexit ermöglicht hat.” (internet-law.de).
Und noch ein Lesetipp: Die “FAZ” konnte anscheinend Unterlagen einsehen, welche die Haltung der Bundesregierung in Sachen Urheberrechtsreform in ein neues Licht rücken würden: “Demnach soll Deutschland auch deshalb den Kompromiss mittragen, weil diese Haltung mit einem vollkommen anderen Projekt verknüpft wurde, nämlich mit einem Zugeständnis Frankreichs im Streit um die Nord-Stream-2-Gaspipeline. So schätzt es jedenfalls ein mit der Sache befasster Beamter ein.”

2. Das Axel-Voss-Interview von @frauhegemann, annotiert. Ein Drama in 13 Tweets.
(twitter.com/SimonHurtz)
Der Journalist Simon Hurtz nimmt auf Twitter das aktuelle “Zeit”-Interview mit Axel Voss (CDU), dem “Vater der Urheberrechtsreform”, auseinander. Die Lektüre des Gesprächs lohnt, wenngleich man im Verlauf immer fassungsloser wird. Zum Ende hin behauptet Voss nämlich, man könne für 500 Facebook-Freunde fremde Texte online stellen, weil dies ein “geschlossener Kreis” sei. Eine interessante rechtliche These und höchst fraglich, ob dies die Verleger ebenso sehen. Aber Voss hat ja eh interessante Internet- und Rechtsauffassungen. Siehe auch: Axel Voss will nicht sagen, ob er Fotos geklaut hat, und löscht stattdessen 12 der 17 fraglichen Facebook-Beiträge (buzzfeed.de, Karsten Schmehl & Marcus Engert).

3. “Wir bekommen wahnsinnig gute Kommentare auf Facebook und wahnsinnig beknackte”
(journalist-magazin.de, Leif Kramp & Stephan Weichert)
Das Medienmagazin “journalist” hat mit Torsten Beeck gesprochen, dem “Leiter Platform Partnerships & Engagement” bei “Spiegel Online”. Es geht um Nutzerbeteiligung und Partizipationskultur, vor allem auf den großen Plattformen wie Facebook. Beeck kritisiert den Umgang der deutschen Medien mit Kommentaren insgesamt: “Ich finde, dass es in Deutschland keiner schafft, Nutzern halbwegs auf Augenhöhe zu begegnen. Es geht oft nur um die Möglichkeit, Traffic zu generieren. Es ist nicht so, dass Redaktionen sich inhaltlich dafür interessieren, was ihre Nutzer da schreiben. Ich kenne keine.”

4. Angebliche Staatsgefährdung: Ministerien halten Namen von Lobbyisten unter Verschluss
(abgeordnetenwatch.de, Sabrina Winter)
Die Transparenz-Initiative abgeordnetenwatch.de hat bei den Ministerien nachgefragt, welche Lobbyisten dort ungehindert ein und aus gehen können, weil man ihnen einen sogenannten Hausausweis ausgestellt habe. Einige Bundesministerien würden ein großes Geheimnis daraus machen und brächten zweifelhafte Gründe dafür an. So antwortete das Verteidigungsministerium: “Das Bekanntwerden der Information [kann] nachteilige Auswirkungen auf militärische und sonstige sicherheitsempfindliche Belange der Bundeswehr haben.”

5. taz durfte Namen nennen
(blogs.taz.de, Patricia Hecht)
Der Presserat hat entschieden: Die “taz” durfte den Namen des notorischen Ärzte-Anzeigers Yannic Hendricks nennen. Hendricks habe anonymisiert Interviews über seine Anzeigen gegeben “und damit eine breite öffentliche Diskussion zu diesem Thema befeuert”. Damit habe er sich zu einer Person des öffentlichen Interesses gemacht, so der Ausschuss.

6. Die Selbstinszenierung der Parteien
(zdf.de, Florian Neuhann, Video: 3:42 Minuten)
Die ZDF-Sendung “Berlin Direkt” berichtet über die Selbstinszenierung in der Politik: Immer mehr Parteien und Ministerien produzieren ihre Nachrichten selbst — teilweise in eigens dafür eingerichteten Studios unter professionellen Bedingungen. Die Absicht: Totale Kontrolle über Inhalte und Wirkung und das Vermeiden von lästigen Journalistenfragen.
Weiterer Lesetipp: Die Wissenschaftler Jan Rau (GESIS-Leibniz Institut für Sozialwissenschaften) und Felix M. Simon (Reuters Institute for the Study of Journalism) beschäftigen sich mit dem Thema Agenda Setting der Parteien im Internet, speziell mit der AfD, und den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie: Agenda Setting im Internet: Rechts(außen) führt, der Rest folgt (hamburger-wahlbeobachter.de).

Vossnungsloser Fall, Harald Schmidts Bart, Apples Nachrichten-Abodienst

1. Axel Voss vs. Julia Reda: Stimmungsbild vor dem Urheberrechtsvoting
(futurezone.at)
Barbara Wimmer hat sich zusammen mit anderen Digital-Journalisten angehört, was der “Vater der Urheberrechtsreform” Axel Voss (CDU) zu den Bedenken gegen das Gesetzesvorhaben zu sagen hat. Leider verweigerte Voss die Freigabe einzelner Zitate, angeblich weil zu viel “aus dem Kontext” gerissen werde. So muss sich Wimmer auf die Schilderung ihres Eindrucks von Voss beschränken: “Oft genug war ihm vorgeworfen worden, das Internet nicht zu verstehen. Dieser Eindruck bestätigte sich bei unserem Gespräch, ohne auf die Inhalte näher eingehen zu dürfen.”
Weiterer Lesehinweis: Dieser Protest könnte Artikel 13 stoppen (sueddeutsche.de, Simon Hurtz).

2. Apples News-Abodienst: “New York Times” warnt andere Verlage vor Kontrollverlust
(heise.de, Ben Schwan)
Apple will demnächst einen Nachrichten-Abodienst starten. Das oft als “Netflix für Nachrichten” bezeichnete Projekt stößt auf Verlagsseite auf verhaltene Reaktionen bis deutliche Ablehnung. Der Chef der US-Tageszeitung “New York Times” gab nun Gründe für die Teilnahmeverweigerung an. Es bestehe das Risiko, die Kontrolle über das eigene Produkt zu verlieren. Dazu dürften auch finanzielle Gründe kommen: Apple verlangt dem Vernehmen nach relativ hohe Provisionen.

3. Disney schluckt Fox: Tabula rasa!
(beta.blickpunktfilm.de, Thomas Schultze)
Der Kampf um die Streaming-Vorherrschaft ist in vollem Gange. Netflix und Amazon Prime sind bereits am Start, der Gigant Apple wird wohl heute seinen Einstieg ins Business bekanntgeben. Derweil bringt sich der Disney-Konzern in Stellung und übernimmt das Filmstudio 20th Century Fox (u.a. “Avatar”). Disney hatte sich in der Vergangenheit bereits Marken wie Pixar, Marvel und Lucasfilm einverleibt.

4. Die Zeitung ist tot – es lebe die gedruckte Zeitschrift!
(infosperber.ch, Christian Müller)
Christian Müller empfiehlt fünf bislang eher wenig bekannte Zeitschriften: “Zeitpunkt”, “Makroskop”, “Neue Wege”, “Marxistische Blätter” und “Monthly Review”. Er begründet seine Auswahl wie folgt: “Manche Leserinnen und Leser mögen nun denken, dass die hier vorgestellten Zeitschriften politisch etwas gar einseitig positioniert sind. Sie haben recht. Wir leben in einer Zeit, da die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. (…) In einer solchen Zeit muss man nicht Zeitschriften empfehlen, die das propagieren, was wir schon haben: Unfriede und Ungerechtigkeit. Wir müssen uns damit beschäftigen, was wir ändern müssen, wenn auch unsere Enkelkinder noch glücklich leben können sollen.”

5. SUBSCRIBE 10
(media.ccc.de)
Am Wochenende haben sich ein paar Hundert Podcast-Begeisterte in Köln zur Subscribe 10 getroffen. Die Veranstaltung fand im Funkhaus des “Deutschlandfunks” statt, der die Podcast-Community mit seinen Räumlichkeiten und freien Getränken unterstützte. Inzwischen gibt es Video-Mitschnitte der meisten Sessions.

6. Harald Schmidt oder: Der ehemalige Großmeister
(dwdl.de, Hans Hoff)
Late-Night-Legende Harald Schmidt hat seit einiger Zeit ein neues mediales Zuhause: Im Bezahlbereich von “Spiegel Online” unterhält Schmidt eine tägliche Videokolumne. Hans Hoff macht sich Sorgen um den ehemaligen Großmeister. Das hat etwas mit den Inhalten der Filmchen zu tun, aber auch mit profanen Dingen wie dem Schmidtschen Bart. Hoff hofft auf eine Spendenaktion für den berühmten Video-Talker: Damit werde dann “ein Coach finanziert, der ihm erklärt wie man in Würde altert. Und wenn nicht genug für einen Coach zusammenkommt, müsste es doch wenigstens für einen Besuch im Barbershop reichen. Und für eine Creme gegen das Jucken im Bart.”

Bezahlte Demonstranten gegen Uploadfilter? Bild.de hakt nicht nach

Die “Bild”-Medien sind auffallend still beim Thema EU-Urheberrechtsreform. Gestern, als deutschlandweit Zehntausende auf die Straße gingen, um unter anderem gegen die Einführung von Uploadfiltern zu demonstrieren, erschien bei Bild.de einer der wenigen Artikel zu dem großen aktuellen Streitthema. Und der hatte dann auch eine besondere Ausrichtung:

Screenshot Bild.de - Wegen Abstimmung zu Upload-Filtern im Europaparlament - Deutscher Abgeordneter bekam Morddrohungen

Ohne Frage: Morddrohungen gegen CDU-Politiker Axel Voss sind unter keinen Umständen in Ordnung.

Im Bild.de-Artikel kommt nicht nur Voss zu Wort, sondern auch dessen Parteikollege Daniel Caspary. Und der erzählt gar Unglaubliches:

Daniel Caspary, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, wirft Internet-Konzernen in den USA sogar unlautere Mittel vor, mit denen sie die Reform zu torpedieren versuchten — und sich so die Zahlungen von Lizenzgebühren zu sparen. Caspary zu BILD: “Der Kampf gegen eine faire Bezahlung von Musikern, Journalisten, Fotografen und anderen Kreativen wird mit allen Mitteln geführt.”

Casparys Verdacht: “Nun wird offensichtlich versucht, auch mit gekauften Demonstranten die Verabschiedung des Urheberrechts zu verhindern. Bis zu 450 Euro werden von einer sogenannten NGO für die Demoteilnahme geboten. Das Geld scheint zumindest teilweise von großen amerikanischen Internetkonzernen zu stammen. Wenn amerikanische Konzerne mit massivem Einsatz von Desinformationen und gekauften Demonstranten versuchen, Gesetze zu verhindern, ist unsere Demokratie bedroht.”

Von amerikanischen Internetkonzernen bezahlte Demonstranten? Das ist entweder ein ganz schöner Skandal oder ein ziemlich übler Desinformationsversuch. Da würden wir ja gern mal mehr wissen: Welche “sogenannte NGO” soll das sein? Woher hat Daniel Caspary diese Geschichte? Und: Stimmt die überhaupt? Bild.de-Autorin Anne Merholz und ihr Kollege Florian Kain stellen keine dieser Fragen. Sie haken bei Caspary nicht nach. Sie äußern keine Zweifel. Der CDU-Mann kann das alles einfach so bei Bild.de behaupten. Ein bemerkenswertes Desinteresse einer Redaktion, die sich sonst auf jedes Skandälchen stürzt.

Journalist Dennis Horn hat eine ganz plausible Erklärung, was hinter den angeblichen 450 Euro Demogeld stecken könnte: Die Vereinigung von Bürgerrechts-NGOs EDRi hat für rund 20 Personen, die mit Abgeordneten des Europaparlaments über die Urheberrechtsreform sprechen wollten, die Kosten dieser Lobbyreise übernommen: bis zu 350 Euro Reise- und 100 Euro Übernachtungskosten — insgesamt also bis zu 450 Euro. Die Finanzierung dafür stamme zu zwei Dritteln von der von George Soros gegründeten Open Society Foundation und zu einem Drittel von Copyright 4 Creativity.

Das ist dann doch ein ziemlicher Unterschied zu einer “von großen amerikanischen Internetkonzernen” finanzierten “sogenannten NGO”, die “gekauften Demonstranten” “für die Demoteilnahme” 450 Euro biete. Aber das scheint bei Bild.de niemanden zu interessieren.

Ach, und ein Service-Hinweis noch für alle, die gestern bei den Demonstrationen waren und ihr Demogeld noch nicht bekommen haben: Das kann man sich hier holen. Aber dabei bitte auch diese “wichtigen Informationen” beachten.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

6-vor-9-Sonderausgabe zur Urheberrechtsreform: Richtlinie für Politikverdrossenheit, Taschenspielertricks, #Axelsurft

1. So entsteht Politikverdrossenheit
(tagesschau.de, Samuel Jackisch)
Die geplante EU-Richtlinie zum Urheberrecht auf Online-Plattformen vergrault Wähler und sorgt für weitere Politikverdrossenheit, meint ARD-Brüssel-Korrespondent Samuel Jackisch. Außerdem sei fraglich, ob und inwieweit Autoren, Fotografinnen, Komponisten oder Filmschaffende finanziell von der Regelung profitieren würden, “denn eine Pflicht für Presse-, Musik- und Filmindustrie, das von Google und Co künftig eingesammelte Geld tatsächlich an Künstler und Kreative umzuverteilen, diese Stelle sucht man im Text vergeblich.”

2. Lügen fürs Leistungsschutzrecht, jetzt auch von dpa
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Deutsche Presse-Agentur dpa steht hinter der geplanten Reform des Urheberrechts in der EU, bedient sich dabei jedoch rhetorischer Taschenspielertricks, wie Stefan Niggemeier erklärt.

3. Die große Koalition zerstört unsere Zukunft
(t-online.de, Jenna Behrends)
Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends sieht in der Urheberrechtsreform eine Gefahr für die Entwicklung Europas. Behrends schreibt in einem Gastbeitrag für t-online.de: “Die beiden Regierungsparteien haben sich denkbar schlecht präsentiert, indem sie die Bedenken der jungen Generation nicht ernst genommen haben. Was bleibt, ist das Bild von Politikern, die keine Ahnung von ihren Themen haben und sogar lügen.”

4. Martin Kretschmer: “Die EU würde wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt”
(irights.info)
Der Jurist Martin Kretschmer hat den Reformprozess in der EU von Anfang beobachtet, dokumentiert und mit konstruktiven Vorschlägen begleitet. Nach anfänglicher Zustimmung sieht er nun viele Schwachstellen und konstatiert: “Europa ist kulturell so reich. Warum sollen Innovationen für unerwartete, interessante, verwertbare kulturelle Materialien, wie ich sie mit meinen Beispielen skizziert habe, ausgebremst werden? Als Ganzes ist die Richtlinie unsauber. Aus meiner persönlichen Sicht würde die EU wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt.”

5. Merkel verteidigt Bruch des Koalitionsvertrages
(golem.de, Friedhelm Greis)
Für Kanzlerin Merkel sei die europäische Einigung zum Urheberrecht wichtiger als der Koalitionsvertrag, meint Friedhelm Greis. Außerdem habe Merkel einen entscheidenden Faktor für den Kompromiss mit Frankreich zu den Uploadfiltern im Bundestag verschwiegen.

6. #AxelSurft ist das Lustigste, das aktuell auf Twitter passiert
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Der EU-Politiker und Vater der Urheberrechtsreform Axel Voss (CDU) fiel vergangene Woche durch ein Interview auf, das bezweifeln ließ, ob er sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Online auskennt. Auf Twitter rief Gavin Karlmeier als Antwort den Hashtag #axelsurft ins Leben, der die Inkompetenz des Politikers karikiert. Und wenigstens das ist ganz lustig.

Axels Meme-Rubrik, Staat mahnt “FragDenStaat” ab, Wikipedia offline

1. Dies ist unsere letzte Chance. Helfen Sie uns, das Urheberrecht in Europa zu modernisieren
(wikipedia.de)
Die deutschsprachige Wikipedia ist seit Mitternacht für 24 Stunden offline. Mit der Aktion protestieren die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsreform: “Die geplante Reform könnte dazu führen, dass das freie Internet erheblich eingeschränkt wird. Selbst kleinste Internetplattformen müssten Urheberrechtsverletzungen ihrer Userinnen und User präventiv unterbinden (Artikel 13 des geplanten Gesetzes), was in der Praxis nur mittels fehler- und missbrauchsanfälliger Upload-Filter umsetzbar wäre. Zudem müssten alle Webseiten für kurze Textausschnitte aus Presseerzeugnissen Lizenzen erwerben, um ein neu einzuführendes Verleger-Recht einzuhalten (Artikel 11). Beides zusammen könnte die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit erheblich beeinträchtigen.”

2. Axel Voss findet eine Memes-Rubrik bei Google – und das Netz flippt aus
(t3n.de, Jörn Brien)
Der als Vater der umstrittenen EU-Urheberrechtsreform geltende Europaabgeordnete Axel Voss (CDU) hat in einem Interview Sachen gesagt, die im Netz für allerhand Verwunderung sorgten. Auf Twitter wurden ihm daraufhin Wissenslücken, absichtliche Irreführung, das Verbreiten von Verschwörungstheorien oder schlicht Dummheit unterstellt. Für besonderes Kopfschütteln sorgte ein Part des Interviews, in dem Voss von einer “Meme-Rubrik” bei Google sprach. Diese Art von “technischem Verständnis” wurde vom offiziellen Twitter-Account der Europa-CDU/CSU nochmal überboten: “Dabei wurde — mit rotem Pfeil und eingekreist — auf den vorgeschlagenen Suchbegriff Memes in der Bildersuche (nach Axel Voss) verwiesen. Nicht klar war den Twitter-Verantwortlichen des Accounts offenbar, dass es sich dabei lediglich um häufig gesuchte Begriffe im Zusammenhang mit dem Namen des Politikers handelt.”

3. #Zensurheberrecht: Bundesregierung mahnt uns ab, wir wehren uns
(fragdenstaat.de)
Die Informationsfreiheitsaufklärer von “FragDenStaat” haben Post von der Bundesregierung bekommen. Im Umschlag steckte jedoch nicht ein Dankesschreiben oder das längst verdiente Bundesverdienstkreuz für besondere Dienste an der Demokratie, sondern eine Abmahnung. “FragDenStaat” hatte ein staatliches Gutachten zu Krebsrisiken von Glyphosat veröffentlicht, woraufhin die Regierung nun mit jener Abmahnung reagiert — wegen einer angeblichen Verletzung des Urheberrechts. “FragDenStaat” wird sich gegen die Abmahnung wehren, so Projektleiter Arne Semsrott: “Wir lassen uns aber nicht einschüchtern. Wenn es sein muss, ziehen wir mit dem Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof. Das Urheberrecht darf nicht zum Zensurheberrecht werden.”

4. Fall Relotius: Ullrich Fichtner wird nicht “Spiegel”-Chefredakteur
(sueddeutsche.de, David Denk)
Eigentlich sollten die “Spiegel”-Redakteure Ullrich Fichtner und Matthias Geyer Chefredakteur beziehungsweise Blattmacher werden. Doch dann kam der Fall Relotius, und die Personalie lag erst einmal auf Eis. Drei Monate später hat sich der “Spiegel” neu sortiert: Fichtner und Geyer sollen nicht die für sie vorgesehenen Leitungsfunktionen erhalten, sondern “mit neuen strategischen Aufgaben” betraut werden, wie der “Spiegel” mitteilt.

5. KNV
(voland-quist.de, Leif Greinus)
Vor etwa einem Monat meldete Deutschlands größter Buchgroßhändler, die Firma KNV, Insolvenz an. Viel zu schnell wird vergessen, was das für die Gläubiger bedeutet. Zu denen gehören nämlich Verlage, die nun in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Leif Greinus ist Geschäftsführer des 2004 gegründeten Verlags Voland & Quist und erzählt in beeindruckender Offenheit von den wirtschaftlichen Auswirkungen der KNV-Pleite. Und von dem Gefühlscocktail aus Überraschung, Wut, Ratlosigkeit, Resignation und Aufbäumen.

6. Schelte der “Kollegenschelte”
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Matthias Dell kritisiert Journalistinnen und Journalisten dafür, alles zu kritisieren, nur nicht sich selbst. Weil sich “Kollegenschelte” angeblich nicht gehöre: “Das Problem mit der Kollegenschelte ist: Sie fasst den Bereich des Internen zu weit. Natürlich redet man in der eigenen Familie anders als in der Öffentlichkeit über sie. Aber wenn alle Kollegen plötzlich Familie sind, dann stimmt irgendetwas nicht. Dann hat man Angst oder ist eitel oder ignorant oder was weiß ich. Man hat jedenfalls weder Lust auf Kritik. Noch auf Öffentlichkeit. Das allerdings ist für den Journalismus und seine populäre Rolle als vierte Gewalt keine gute Voraussetzung.”

Axel Voss und das Kopf->Tisch-Interview, Reichelt, Gottschalk

1. Streit um Uploadfilter: Wie Axel Voss das Internet sieht
(vice.com, Theresa Locker)
Achtung! Diesen Artikel solltest Du nur in gesicherter Umgebung lesen. Das verzweifelte Lachen könnte Dritte verunsichern. Außerdem solltest Du vorher die Tischplatte abpolstern wegen der vielen zu erwartenden “Kopf->Tisch”-Situationen. Und darum geht’s: “Vice” hat mit Axel Voss (CDU) gesprochen, der als Vater der geplanten Urheberrechtsreform gilt. Und der liefert eine Vielzahl verstörender Sätze. Zum Thema Uploadfilter: “Ja, es kann sein, dass was blockiert wird, was nicht blockiert werden soll. Man muss schon davon ausgehen, dass das nicht 100 Prozent funktioniert.” Außerdem gebe es Ausnahmen: “Wenn ich meinem Nachbarn auf einer Plattform den neuesten Song von Shakira vorspielen will, dann fällt das immer noch unter die Ausnahmen.” Auf die Frage wie viele YouTube-Kanäle er abonniert habe: “Keine”. Zu den Demonstrationen gegen die Reform: “Da waren ja immer nur so’n paar Leute da.” Auf die Frage, ob Uploadfilter die Zukunft der Wikipedia bedrohen: “Ich weiß das nicht mehr so im Detail, das ist alles so rasant und schnelllebig.” Aber vielleicht muss man auch etwas nachsichtig mit dem Mann sein, denn: “Ich bin kein Techniker”.

2. Falscher Eindruck erweckt: WDR entfernt Reportage
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der WDR hat erneut Ärger mit einer Sendung seiner Reportagereihe “Menschen hautnah”. In der Folge “Ausgerechnet — Billig-Kreuzfahrt” wurde der Eindruck suggeriert, dass der Reporter in einer der billigen Innenkabinen übernachtete. Tatsächlich hatte er jedoch ein hochwertigeres Zimmer bezogen. Aufgefallen war der Schmu nicht etwa der Redaktion, sondern einigen aufmerksamen Zuschauern auf Youtube. Die hatten nämlich die Kabinennummer des Reporters gecheckt und das unter anderem in den Kommentarbereich gepostet. Nun hat der WDR die Sendung aus der Mediathek gelöscht. Man bedauere den falschen Eindruck.

3. Da waren’s nur noch drei
(taz.de, Steffen Grimberg)
Steffen Grimberg kommentiert in der “taz” den Abgang des “FAZ”-Herausgebers Holger Steltzner. Die “FAZ” hatte sich zu den Gründen nicht geäußert und lediglich mitgeteilt: “Die Grundlage für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Herausgebern war nicht mehr gegeben.” Ein Vorgehen, das Grimberg einen Vergleich heranziehen lässt: “Das beweist vom Stil her einmal mehr die Parallelen zwischen FAZ und taz — hier beschränkt man sich beim Kegeln von ChefredakteurInnen ja auch kurz und knapp aufs rustikal Notwendigste.”

4. “Ich muss Ihre Einladung leider ausschlagen”
(kontextwochenzeitung.de, Mario Damolin)
“Kontext”-Autor Mario Damolin berichtete unlängst von einer Podiums-Diskussion über “Ethik und Moral im Journalismus”, auf der “Bild”-Chef Julian Reichelt zugegen war (“Bild”-Chef im Delirium).
Damolins Artikel weckte anscheinend die Aufmerksamkeit des Delirierenden und bescherte dem “Kontext”-Autor eine Einladung in die Berliner “Bild”-Redaktion. Trotz Reichelts, nennen wir sie einfach schmeichelhafter, Einleitung (“mit Ihrem Artikel haben Sie nahezu all meine Vermutungen über autoritäre BILD-Hasser bestätigt”) hat sich Damolin entschieden, lieber zu Hause zu bleiben. In einem offenen Brief an den “Bild”-Chef erklärt er, warum er dessen Einladung ausschlagen muss. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es hat am Ende etwas mit Hohlräumen zu tun.

5. dpa arbeitet für Facebook – und will trotzdem kritisch berichten
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
Im Kampf gegen Desinformation arbeitet Facebook mit 43 Medienorganisationen zusammen. Ganz neu dabei: Die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die dafür voraussichtlich drei Vollzeit-Faktenchecker abstellt. Eine Interessenkollision sieht die dpa nicht: Die Agentur werde ihrem Sprecher zufolge “genauso unabhängig” über Facebook schreiben wie bisher.

6. Fernsehkritik: Gottschalk liest? – Altherrenbräsigkeit lockt nicht zum Buch
(literaturcafe.de, Wolfgang Tischer)
Warum sollte Thomas Gottschalk nicht auch mal eine Literatursendung moderieren? Diese Frage kann nach der ersten Sendung durch folgende Frage ersetzt werden: “Warum sollte Thomas Gottschalk eine Literatursendung moderieren?” So jedenfalls die Meinung des Kritikers und “Literaturcafe”-Gründers Wolfgang Tischer: “Es wird leider nicht automatisch eine Literatursendung daraus, wenn man Gottschalk mit Autorinnen und Autoren auf eine Sitzgruppe setzt. Sein »Wetten, dass …?«-Elan ist längst dahin, seine Altherrenbräsigkeit lockt niemand zum Buch.”
Weiterer Lesehinweis: In der “FAZ” kommt die Sendung ähnlich schlecht weg: Prominenz statt Kompetenz (faz.de, Andreas Platthaus).

Bild.de-“Chor der Oberflächlichen” findet Oberflächlichkeit jetzt schlimm

Manchmal stehen bei Bild.de ja auch Sachen, die richtig sind:

Screenshot Bild.de - Kommentar - Was bei der Kritik an Philipp Amthor falsch läuft

“Bild-Redakteur Timo Lokoschat kommentiert ganz treffend zu den mitunter heftigen Äußerungen zum CDU-Bundestagsabgeordneten Amthor:

Eingedroschen wird aber nicht nur auf seine Positionen, sondern fast immer auch auf sein Äußeres.

Diese Haare! Diese Brille! Dieses Gesicht! Ein Großteil der Tweets und Posts, die in den sozialen Netzwerken zu Amthor abgesetzt werden, beschäftigen sich mit seiner Optik und greifen zu üblen Vergleichen oder sogar Beschimpfungen.

Es geht also um Lookism:

Lookism, vom Englischen “to look” (aussehen) — das bedeutet die Diskriminierung und Stereotypisierung eines Menschen aufgrund seines Aussehens. (…)

Natürlich: Man kann Amthors Habitus thematisieren, sein Auftreten, das auf viele Menschen altmodisch und inszeniert wirkt. Wer Trachtenjancker mit Tierhornverschlüssen und Deutschlandflagge am Revers trägt, der setzt damit ein Statement und muss in Kauf nehmen, dass das aufgegriffen wird. Damit begnügen sich die meisten Kritiker jedoch nicht — es wird persönlich, es wird diffamierend.

Moment, da fällt uns doch was ein:

Screenshot Bild.de - SPD-Sterit um Groko - Dieses Milchgesicht will Merkel stürzen

… titelte Bild.de über Juso-Chef Kevin Kühnert. Die Redaktion macht sich auch gern mal über Sängerinnen lustig, die “SPECKtakulär” im “Neoprall-Anzug” “dick auftragen”: “Zehn knackige Presswurst-Outfits von Mariah Carey”. Und auch Menschen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, zieht Bild.de wegen ihres Aussehens und Gewichts ins Lächerliche.

Timo Lokoschat schreibt zur “Kritik an Philipp Amthor”:

Sogar Journalisten stimmen auf Twitter in den Chor der Oberflächlichen ein.

… oder sie schreiben in den “Bild”-Medien.

Mit Dank an Marco S. für den Hinweis!

Erfolglose Populismus-Fischer, Facebook-Stasi, Anti-LGBTI-Wahlkampf

1. Nichts als Ärger: Wie Springers Bild Politik mit seinen Magazin-Covern im Populismus fischt
(meedia.de, Georg Altrogge)
“Meedia”-Chefredakteur Georg Altrogge hat sich die vier bisherigen “Bild Politik”-Ausgaben angesehen und erkennt darin ein wiederkehrendes System von Negativismen und Populismus. Ein Konzept, das zumindest im Print-Bereich nicht aufzugehen scheint.

2. Deutsche Datenschützer alarmiert über Facebooks interne Spitzelabteilung
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Es liest sich schon ein wenig gruselig, was über Facebooks firmeninterne Überwachungsabteilung bekannt wurde. Ein “Sicherheitsteam” observiere Mitarbeiter, die es als mögliche Gefährder einstufe, lese die Standortdaten von Ex-Mitarbeitern aus oder schnüffle in den Nachrichten von Praktikanten, die nicht zur Arbeit erscheinen. Facebook bestreitet, mit seinem Vorgehen gegen Datenschutzregeln zu verstoßen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte sieht das laut netzpolitik.org etwas anders und habe die Datenschutzbehörde in Irland eingeschaltet, die in Europa die Hauptzuständigkeit für Facebook hat.
Weiterer Lesetipp in Sachen Facebook: Facebooks Anti-Datenschutz-Lobbying geleakt (golem.de, Friedhelm Greis).

3. Hilfe, die «Junge Freiheit»! Die Schweizer Kette Press & Books säubert die Regale
(nzz.ch, Marc Felix Serrao)
Die Schweizer Handelskette “Press & Books” (mehr als 200 Verkaufsstellen) hat die rechtskonservative Wochenzeitung “Junge Freiheit” aus dem Programm genommen. “NZZ”-Autor Marc Felix Serrao ist irritiert und fragt sich, ob die deutsche Öffentlichkeit in Sachen Pressefreiheit toleranter als die Schweiz ist.

4. Zoë Beck: “Frauenquoten? Auf jeden Fall!”
(ndr.de, Jürgen Deppe, Audio: 8 Minuten)
Mit Blick auf den bevorstehenden Weltfrauentag hat der NDR sich mit der vielfach ausgezeichnete Thriller-Autorin Zoë Beck unterhalten. Es geht um die Frage, ob es auch im Kultur-, speziell im Literaturbereich eine Frauenquote geben sollte. Aber auch der Film- und Fernsehbereich sei betroffen, so Beck: “Da studieren an den entsprechenden Hochschulen genauso viele oder teilweise sogar ein bisschen mehr Frauen als Männer im Bereich Kamera oder Regie. Im Abspann sieht man aber, dass Männer deutlich in der Überzahl sind. Das ist ein Ungleichgewicht, und warum soll es da keine Quote geben?”

5. Nach AKK-Witz: BILD-Chef beschwört Wahlkampf gegen geschlechtliche Vielfalt
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Johannes Kram schreibt über den Umgang der “Bild”-Redaktion mit dem LGTBI-Thema. Einerseits habe die Zeitung einiges getan, um queeren Menschen das Gefühl zu geben, ihre Andersartigkeit zu akzeptieren. Andererseits hetze und polemisiere die Zeitung unvermindert gegen geschlechtliche Vielfalt. Kram vergleicht den Mechanismus wie folgt: “… wie sich die BILD-Macher heute als Alliierte von LGTBI erklären, machten sie es noch vor wenigen Jahren, als sie sich als Flüchtlingshelfern generierten. Um dann, als es nicht mehr opportun war, genau das Gegenteil zu machen, also Geflüchtete fast ausnahmslos als Deutschlands Gefahr zu stilisieren.”

6. “Ich rechne jeden Tag mit meiner Absetzung”
(fr.de, Danijel Majic)
“Titanic”-Chefredakteur Moritz Hürtgen hat schon einige erfolgreiche Coups gelandet: Ob “Miomio-Gate” bei “Bild”, die “Blasebalg-Leaks” bei “Focus Online” oder die Falschmeldung über die vermeintlichen Bündnisaufkündigung von CDU und CSU. Danijel Majic hat dem respektlosen Satiriker einige nicht minder respektlose Fragen gestellt.

Das Versagen der Medien bei AKKs Spott über intersexuelle Menschen

Hallo. Ich bin der Typ, der diese ganze Kramp-Karrenbauer-Intersex-Witz-Sache losgetreten hat, über die, glaube ich, heute jedes deutsche Nachrichtenmedium berichtet hat. Und ja, natürlich freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die die Äußerung der CDU-Vorsitzenden erfährt, und über die Kritik, die sie dadurch von so vielen Seiten aus bekommt.
Und doch ist die eigentliche Dimension dieses Vorfalls eine andere.

Als ich gestern während der TV-Übertragung des “Stockacher Narrengericht” auf Facebook aus der Rede Kramp-Karrenbauers zitierte …

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür — dazwischen — ist diese Toilette.

… ging ich davon aus, dass es sich um eine Livesendung handelte. Ich habe das auf Facebook rausgehauen, weil ich glaubte, das, was ich da gerade höre und kaum glauben kann, passiert gerade jetzt. Die Äußerung Kramp-Karrenbauers ist — Karneval hin oder her — meines Wissens das Herabwürdigstende, das ein deutscher Spitzenpolitiker oder eine deutsche Spitzenpolitikerin in den vergangenen Jahren über LSBTI gesagt hat, inklusive AfD.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Für seinen “Nollendorfblog” bekam er eine Nominierung für den “Grimme Online Award”, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Jeder, der nur etwas im Thema ist, weiß, wie sehr viele intersexuelle Menschen in Deutschland darunter leiden, dass sie als Kinder aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen zwangsoperiert wurden. Und wie sehr sie dafür kämpfen, dass das heute nicht mehr passiert und dass sie nicht als krank oder fehlerhaft betrachtet werden. Ein Betroffener schilderte gestern auf Facebook, dass er siebenmal operiert worden sei, nur um “beim Pinkeln stehen zu dürfen.” Kramp-Karrenbauer hat sich also nicht nur eine der vulnerabelsten Gruppen für ihren Spott ausgesucht, sie hat sie auch noch da getroffen, wo es am meisten wehtut. Selbstverständlich musste ich also denken, diese Sätze passieren gerade live. Denn wenn nicht, dann hätte es ja schon längst irgendwo stehen müssen.

Was ich da noch nicht wusste: Die TV-Sendung war eine Wiederholung vom Donnerstag, also fast zwei Tage alt. Man sieht dort einen Festsaal voll mit Politikprominenz, man hört, wie Kramp-Karrenbauers Intersex-Pointe begeistertes Gejohle hervorruft, man hört, dass es offensichtlich (anders als an anderen Stellen) keinen Protest gibt.

So weit sind wir also schon in Deutschland: Die Politikerin des Landes, die die größten Chancen hat, Deutschlands nächste Kanzlerin zu werden, wirft einem grölenden Festsaal eine Minderheit zum Fraß vor — und es spricht sich zwei Tage lang nicht rum. Es wird nicht darüber berichtet. Es hat einfach nicht stattgefunden. Und das, obwohl es sogar live im SWR übertragen wurde.

Was ich wirklich nicht verstehe: Sind die Grenzen des Sagbaren mittlerweile so weit verrutscht, dass keiner der offensichtlich vielen anwesenden Journalistinnen und Journalisten so etwas für berichtenswert hält? Wie kann das selbst dem übertagenden Sender durch die Lappen gehen? Und wieso hat der SWR nicht spätestens nach der großen medialen Aufregung heute nachgelegt und wenigstens jetzt darüber etwas gemacht, wer da alles parteiübergreifend im Saal mitgejohlt hat? Und wer möglicherweise nicht? Ist das so unwichtig?

Aber nicht nur für die anwesenden Journalistinnen und Journalisten ist es ein unglaubliches Versagen. Dies gilt auch für alle, die schwerpunktmäßig über Kramp-Karrenbauer berichten. Hat denn keiner von ihnen mitbekommen, wie sie sich in den vergangenen Monaten ihre Macht gesichert hat, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Homophobie zur CDU-Vorsitzenden wurde? Hatte man nicht davon ausgehen müssen, dass sie bei einer solch prominenten TV Karnevalssendung in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe hauen würde? Oder ging man davon aus, aber es ist einfach egal?

Ist es egal, was die mögliche nächste Kanzlerin für ein Menschenbild hat? Ist es egal, dass sich immer mehr abzeichnet, wie sehr ihre Verächtlichmachung anderer immer mehr zum System wird? Und: Wie kann etwas, was zwei Tage lang so egal ist, plötzlich so unegal sein, dass es auf einmal bei der “Tagesschau” und in “Berlin direkt” vorkommt? Wieso reicht dann ein einziger Facebook-Post und ein anschließender Bericht auf dem queeren Nachrichtenportal queer.de, dass dann plötzlich alles andersherum ist?

Und: Was kann eigentlich noch in Deutschland gerade so alles vor laufender Kamera gesagt werden, ohne dass es jemand mitbekommt?

“Bild” lässt WDR Bernd Stelter zensieren

Flachwitzeerzähler Bernd Stelter machte neulich bei einer Karnevalssitzung Bernd-Stelter-Flachwitze über den Doppelnamen der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine Frau im Publikum, die ebenfalls einen Doppelnamen tragen soll, ärgerte sich darüber, ging auf die Bühne und geigte Stelter die Meinung. Diese Kleinigkeit wurde zu einer ziemlich großen Sache, vor allem in den sozialen Netzwerken.

Am 4. März steht die Ausstrahlung dieser Karnevalssitzung im Ersten an. Von der Frau wird dabei aber nichts zu sehen sein: Der WDR hat ihren Bühnenbesuch im Schnitt rausgenommen (wie auch viele weitere Passagen der zwei jeweils sechsstündigen Sitzungen, die auf insgesamt 3:15 Stunden gekürzt werden mussten), auch weil dieser “in vielen Teilen akustisch in der Aufzeichnung nicht hörbar und teilweise unverständlich” sei.

“Spiegel Online” schrieb dazu gestern bei Twitter:

Screenshot eines Tweets von Spiegel Online - Der WDR hat entschieden: Der Doppelnamen-Witz wird in der Ausstrahlung am Rosenmontag nicht zu sehen sein.

… was nicht stimmt und was die Redaktion später korrigierte. Stelters Auftritt wird samt Witz zu Kramp-Karrenbauers Doppelnamen im Ersten zu sehen sein. Dazu soll es ein eingeblendetes Laufband mit Infos zu dem Vorfall mit der Frau geben.

“Bild” macht es in der heutigen Ausgabe noch falscher. Das Blatt behauptet, Stelter sei komplett aus der Sendung geschnitten worden, und schreibt von Zensur:

Ausriss Bild-Zeitung - WDR zensiert Bernd Stelter - Komiker Bernd Stelter (57) wird aus der Sendung Karneval in Köln (ARD, 4. März, 20:15 Uhr) geschnitten. Hintergrund: Bei der Aufzeichnung einer Karnevalssitzung hatte sich Stelter über Doppelnamen lustig gemacht. Einer Zuschauerin gefiel das gar nicht, sie konfrontierte ihn auf der Bühne. Der WDR begründete seine Entscheidung damit, dass die Aufzeichnung in vielen Teilen akustisch nicht hörbar und teilweise unverständlich gewesen sei.

Diese Leistung der “Bild”-Redaktion ist ebenfalls ein schlechter Witz.

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