Archiv für Politically Correct!

Wie Robin Alexander Fakten verdreht, um sich empören zu können

Kaum ein Politikjournalist ist gerade in den Medien so präsent wie der stellvertretende Chefredakteur Politik der „Welt“ Robin Alexander. Vor allem in Talkshows gibt er den Politik-Erklärer. Bei „Übermedien“ hat Arno Frank den „Politischen Journalisten des Jahres“ 2017 nach dessen Selbstverständnis und dessen Haltung befragt. Gleich mehrmals behauptet Alexander, dass seine persönliche Haltung keine Rolle spiele. Hier etwa:

Persönlich hältst du also Äquidistanz? Keine politischen Vorlieben?

Ich entscheide danach, welche Geschichte stimmt.

Oder ein paar Fragen später:

Also gar keine Versuchung, sozusagen selbst in dieses Rad zu greifen oder den Dingen eine andere Richtung zu geben?

Ich wüsste gar nicht, welche.

Nochmal:

Sagen, was ist?

So ist es.

Es muss aber doch auch eine Haltung geben, die hat doch jeder!

Der Journalismus liefert Informationen für die offene Gesellschaft. Haltungen gibt es auch anderswo.

An anderer Stelle im Interview beschreibt Alexander, wie er sich frei macht vom „Spin“ im politischen Journalismus, also von den Versuchen der politischen Akteure, ein Thema in eine bestimmte Richtung zu drehen:

Du bekommst also eine SMS, wo der Fakt einen Spin hat. Dann fragst du ein paar andere Teilnehmer: „Wie haben Sie es gehört?“ Zwei sagen so, drei sagen so. Und dann schreibst du: Die einen haben dies gehört, die anderen jenes.

Ich behaupte, dass Robin Alexander in diesem Interview unwidersprochen ziemlich viel Unsinn erzählt. Zumindest in bestimmten Politikgebieten offenbart er nicht nur eine eindeutige Haltung; er betreibt auch selbst ziemlich abgebrühtes Spinning. Er manipuliert, dreht sich Zitate, Zeitabläufe und Fakten so zurecht, dass diese seine Haltung unterstützen. Ich kann nicht beurteilen, wie symptomatisch das ist, ob er das generell so macht, also ob er bei seiner Arbeit notorisch manipuliert. Aber zumindest bei einem Thema kann ich das sehr gut beurteilen, weil ich Teil einer seiner Geschichten um dieses Thema bin. Und da es nicht irgendein Thema ist, sondern eines, das offensichtlich symptomatisch für seine Sicht auf den Hauptstadtjournalismus ist, möchte ich seinen Spin hier etwas geraderücken.

Alexander nutzt im Interview die Schilderung der medialen Berichterstattung um den Karnevalswitz von Annegret Kramp-Karrenbauer Anfang März dieses Jahres dazu, um eine grundsätzliche Aussage über das Funktionieren medialer Berichterstattung zu treffen:

Es sind darüber Artikel erschienen, die ihren Auftritt super fanden. Und zweieinhalb Tage später steht im Nollendorfblog ein Text von einem Autor, den ich gar nicht kenne, gegen den ich auch nichts habe, aber der erkennbar sauer auf Kramp-Karrenbauer ist.

Wegen des Witzes?

Eher, weil sie mal gegen die Ehe für alle war. Als fast alle in der CDU noch dagegen waren, by the way. Und dieser Autor schreibt sinngemäß, die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde. Was ich für eine sehr gewagte These halte. Ich habe nichts dagegen, dass das in irgendeinem Blog steht! Ich habe auch nichts dagegen, dass es in der „taz“ steht. Was ich aber problematisch finde: Angesicht dieser Empörung vom Rand fallen in der Mitte nun alle, alle um und beginnen mit zweitägiger Verspätung, sich ebenfalls zu empören! Es ändert also der gesamte Betrieb wegen eines einzigen Empörten seine Meinung. Und das kann nicht sein.

Es mag kleinlich wirken, hier all die Dinge aufzuzählen, die an dieser Schilderung nicht stimmen. Aber die Sache, über die wir hier reden, ist keine Kleinigkeit. Einer der „wichtigsten Politik-Erklärer“ („Übermedien“ über Robin Alexander bei Facebook) erklärt hier die Hintergründe einer Mediengeschichte, die laut seiner eigenen Einschätzung dazu geführt hat, dass eine der wichtigsten Politikerinnen und Politiker Deutschlands in der öffentlichen Wahrnehmung plötzlich völlig anders beurteilt wird. Und er erklärt sie eben falsch.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Für seinen „Nollendorfblog“ bekam er eine Nominierung für den „Grimme Online Award“, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Also:

Es stimmt nicht, dass der von Alexander erwähnte Blogbeitrag mit dem von ihm erwähnten „1945“-Zitat die „Empörung“ verursachte, sondern ein Facebook-Post von mir. Als der Blogbeitrag einen Tag nach diesem Facebook-Post erschien, war der Witz schon längst Thema in den aktuellen Medien. In vielen Berichten und Agenturmeldungen ist auch zu lesen, dass es eben nicht mein Blog war, sondern mein Facebook-Beitrag, der die Berichterstattung ins Rollen brachte. In diesem Posting spielt das von Alexander angeführte Zitat, das angeblich die Empörung verursachte, überhaupt keine Rolle — es kommt darin nicht vor.

Es stimmt nicht, was Alexander über das Zitat im Blog behauptet. Seine Aussage „dieser Autor schreibt sinngemäß, die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde“ ist zumindest grob irreführend, auf jeden Fall aber manipulativ. Wie „Übermedien“ nachträglich kenntlich machte, habe ich tatsächlich geschrieben: „Hat es das nach 1945 schon einmal gegeben, dass ein aussichtsreicher Bewerber, eine aussichtsreiche Bewerberin um das Kanzleramt so hemmungslos diese niederen Instinkte bedient?“

In meinem (wie gesagt: nach der „Empörung“ geschriebenen) Blogbeitrag ging es also nicht um ganz Deutschland, sondern um potenzielle Kanzlerkandidatinnen und Kandidaten. Und es ging nicht um „das Schlimmste, was (…) gesagt wurde“, sondern um das Bedienen niederer Instinkte. Ich vertrete in dem Beitrag die These, dass selbst einem Franz Josef Strauß so etwas — also eine solche Äußerung wie die von Kramp-Karrenbauer — nicht passiert wäre, „dass dieser ein Niveau hatte, um eine Grenze wusste, die man nicht übertritt: Sich genau auf Kosten einer der Minderheiten zu profilieren, die aufgrund der Mißstände in dieser Gesellschaft besonders verletzlich ist. Und diese dann auch noch genau da zu bespotten, wo sie am verletzlichsten ist.“

Nun kann man diese These natürlich für Blödsinn halten, sie ablehnen und kritisieren. Aber mir einfach eine andere These zu unterstellen, zu behaupten, da stünde sinngemäß, „die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde“, ist so ziemlich das Gegenteil von „sagen, was ist“, also dem Leitsatz, dem sich Alexander nach eigener Aussage verpflichtet fühlt.

In einem Beitrag für die „Welt“ hatte er sich vorher schon einmal an meinem Zitat abgearbeitet und damals sogar versucht, mir dieses aufgrund der Formulierung „seit 1945“ als „Nazi-Vergleich“ in Bezug auf Kramp-Karrenbauer unterzujubeln. Dass er zumindest diesen Punkt im Interview mit „Übermedien“ nicht wiederholt, mag damit zu tun haben, dass ich ihn darauf hingewiesen hatte, wie er selbst die „seit 1945“-Formulierung benutzt. Etwa in einem Artikel für die „Welt“ über den damaligen Unions-Fraktionschef Volker Kauder und das Thema Werbeverbot für Abtreibungen:

Kauder tat nicht, was jeder Vorsitzende jeder Fraktion seit 1945 in so einer Situation getan hätte: Auf den Koalitionsvertrag verweisen

(Hervorhebung durch den Autor.)

Es stimmt nicht, was Robin Alexander über meine Kritik an Kramp-Karrenbauers Position zur Ehe für alle behauptet. Seine Aussage im „Übermedien“-Interview, mit der er meine Motivation, mich über den Karnevalswitz aufzuregen, zu erklären versucht, ist ebenfalls eine ziemlich dreiste Verdrehung: Ich sei ein Autor, der „erkennbar sauer“ auf die CDU-Parteivorsitzende sei, „eher, weil sie mal gegen die Ehe für alle war.“ Ich habe sehr erkennbar Annegret Kramp-Karrenbauer nie dafür kritisiert, dass sie gegen die Eheöffnung war, sondern immer dafür, wie sie diese Haltung begründet hat. Und ich habe deutlich gemacht, dass die Position selbst in der CDU eine extreme gewesen ist.

Es stimmt deshalb auch nicht, wenn Robin Alexander behauptet, dass „sie mal gegen die Ehe für alle war. Als fast alle in der CDU noch dagegen waren, by the way“, auch weil Kramp-Karrenbauer ihre grundsätzliche Position zur Ehe für alle nie revidiert hat. Sogar im September noch, auf mehrmalige Nachfrage, ob sie „ihren Frieden“ mit der Eheöffnung gemacht habe, wollte sie dieses nicht bejahen und gab lediglich zu Protokoll, die gesetzlichen Bestimmungen hierzu durchsetzen zu wollen.

Es stimmt nicht, wenn Robin Alexander sagt: „Es ändert also der gesamte Betrieb wegen eines einzigen Empörten seine Meinung.“ Bevor der „gesamte Betrieb“, also die nicht-queeren Medien über das Thema berichteten, taten das die wichtigsten queeren Medien, als erstes das Online-Portal queer.de, dessen Reichweite in der LGBTI-Community enorm ist und das im Nachrichtensektor als das unbestrittene Leitmedium gilt. Noch am selben Tag meines Facebook-Posts, also bevor „der gesamte Betrieb“ losging, hatten sich bereits der queerpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion Sven Lehmann und Berlins Kultursenator Klaus Lederer kritisch zu Kramp-Karrenbauers Witz geäußert. Es stimmt, dass der Witz vor meinem Facebook-Post untergegangen war. Aber als ich ihn in dem Sozialen Netzwerk dann öffentlich machte, war die Reaktion fast der gesamten Community die gleiche: Dass es sich um eine krasse Grenzüberschreitung auf Kosten von Minderheiten handele und dass man diese einer potenziellen Kanzlerkandidatin nicht durchgehen lassen dürfe.

Problematisch finde ich nicht nur, dass und wie Robin Alexander in dieser Sache die Fakten verdreht. Problematischer noch finde ich, dass hinter all dem eben doch eine Haltung, eine politische Agenda steckt, die er hier versucht, als neutrale Faktenberichterstattung zu camouflieren. Er desinformiert nicht nur, er propagiert eine politische Position und erklärt diejenigen, die diese Position nicht vertreten, zum „Rand“. Denn natürlich kann man der Meinung sein, ein solcher Witz einer möglichen Kanzlerkandidatin sei nicht so schlimm und verdiene nicht diese Aufmerksamkeit. Aber das ist eben eine Haltung. Und so zu tun, als stamme die Aufregung darüber nur von einem Einzelnen, ist nicht nur falsch, sondern Propaganda.

Alexanders Gesamterzählung ist eine Art Täter-Opfer-Umkehr. Er verbindet sie mit der Kritik an Kramp-Karrenbauers Position zur Ehe für alle und erweckt so den Anschein, dass die CDU-Politikerin ohne triftige Gründe angegangen wurde. Deshalb zur Erinnerung: Kramp-Karrenbauer argumentierte nicht wie „fast alle in der CDU“. Sie hat bis heute ihrer Aussage, hinsichtlich der Ehe für alle müsse man im Blick behalten, „dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert“, nicht widersprochen. Sie suggeriert also, dass die gleichen Rechte für eine Minderheit eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Auch das muss man nicht problematisch finden. Aber es ist eben eine Haltung, es nicht problematisch zu finden. Und die, die es problematisch finden, zum gesellschaftlichen „Rand“ zu erklären, ist es ebenfalls.

Falsch ist auch Alexanders Behauptung: „Angesicht dieser Empörung vom Rand fallen in der Mitte nun alle, alle um und beginnen mit zweitägiger Verspätung, sich ebenfalls zu empören!“ Denn natürlich war es nicht so, dass „alle“ „umgefallen“ sind. Ja, es gab eine breite Berichterstattung, aber die Kommentierung war höchst unterschiedlich. Hinter der Formulierung, alle seien umgefallen, steckt die Unterstellung, Medien seien hier vor homosexueller Meinungsmacht eingeknickt. Dabei hat sich ein beachtlicher Teil der veröffentlichten Meinung eben nicht über Kramp-Karrenbauer empört, sondern über die ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Empörung.

Alexander spinnt sich hier eine Geschichte zurecht, die zwar vorgeblich nur einen Homosexuellen, tatsächlich aber einen Großteil der queeren Community an den „Rand“ stellt. Dabei lässt er so ziemlich alle journalistischen Grundsätze sausen, die er an gleicher Stelle für sich proklamiert. Er prangert eine angeblich maßlose Empörung an, aber in Wahrheit ist er es, der maßlos an den Fakten herumbastelt, so, dass man sich möglichst gut über sie empören kann. Wenn Robin Alexander wirklich einer der wichtigsten deutschen Politik-Erklärer ist, dann sollte man sich um die Politik-Erklärerei in Deutschland wirklich Sorgen machen.

Boris Palmer: Den Rassismus beim Namen nennen

Ist Rassismus weniger schlimm, wenn er von einem Grünen-Politiker kommt? Oder sind die meisten Medien der Ansicht, dass es sich bei Palmer in Wahrheit ja gar nicht um Rassismus handeln kann, weil er eben Palmer ist? Der provoziert nun mal gern. Der übertreibt es halt manchmal. Das ist ungefähr das, was deutschen Medien gerade zu Boris Palmers rassistischem Post über eine Bildcollage der Deutschen Bahn einfällt. Und nicht etwa, dass es ein rassistischer Post ist.

Muss man tatsächlich noch darüber diskutieren, ob eine Aussage rassistisch ist, die Hautfarbe per se mit „andere Herkunft“ gleichsetzt? Oder dass es nicht-weiße Menschen sind, die in Werbung und Medien eklatant unterrepräsentiert sind? Und dass man weißen Menschen keinen Schaden zufügt, wenn sie einmal nicht in der Mehrheit sind? Ist es tatsächlich erklärungsbedürftig, dass man Menschen rassistisch angreift, wenn man faktisch eine Hautfarbe als erwünscht darstellt und andere nur, wenn sie unter einer Art Obergrenze verschwinden? Muss es immer so weit kommen, dass einer der direkt Angegriffenen sich persönlich zu Wort meldet, bis überhaupt über Rassismus gesprochen werden kann?

Bevor Sternekoch Nelson Müller sich persönlich diskriminiert und „tief bestürzt“ durch Palmers „rassistisch anmutende Äußerungen“ zeigte, stellte „Spiegel Online“ die ganze Sache noch auf eine Stufe zu Palmers Frotzeleien gegen die Hauptstadt: „Palmer hatte in der Vergangenheit immer wieder für Kontroversen gesorgt. So sagte er beispielsweise über die Bundeshauptstadt Berlin: ‚Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: ‚Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands'“.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Für seinen „Nollendorfblog“ bekam er eine Nominierung für den „Grimme Online Award“, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

So sieht das Fazit in fast allen Berichten aus: Der will doch nur spielen, einen raushauen. Kann sein. Aber ist das so wichtig, warum Palmer das macht? Ist es nicht viel wichtiger, was er da macht? Warum fällt es deutschen Medien so schwer, das zu benennen? Warum taucht das Wort Rassismus so gut wie nicht auf? Und wenn, dann fast nur als der Vorwurf seiner Gegner, also derer, denen Palmer sowieso suspekt ist? So, als ob das eigentliche Problem eines solchen Posts das ist, wer parteipolitisch davon gerade profitiert? So, als ob die eigentliche Nachricht ein Streit unter Politikern ist und nicht die Tatsache, dass da gerade ein Politiker Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe abspricht, Deutsche Wirklichkeit zu repräsentieren. Oder zumindest nicht, wenn es zu viele davon sind.

Über „Bild“ braucht man in der ganzen Sache eigentlich gar nicht reden. Muss man aber trotzdem. Natürlich nutzen die Leute von „Bild“ auch dieses Ereignis, um die Messlatte für Rassismus noch weiter nach unten zu ziehen. „Boris ist eine eitle Krawallnudel aber kein Rassist. Und die Deutschen haben nicht zu 80 Prozent Migrationshintergrund. Können wir uns darauf einigen?“, twittert Nikolaus Blome. Rassistisches doch mal eben so sagen zu wollen und gleichzeitig damit durchzukommen, kein Rassist zu sein, ist seit gestern noch salonfähiger geworden. In „Bild“ hatte Blome zuvor sogar die Sichtbarkeit von Nicht-Weißen in der öffentlichen Wahrnehmung selbst zum Problem erklärt, wenn diese nicht der tatsächlichen Repräsentanz in der Bevölkerung entspricht: „Der Kampf gegen alltägliche Diskriminierung ist auch in Deutschland längst nicht gewonnen. Traurig, aber wahr. Doch mit einseitigem Überbetonen ist auch niemandem gedient. Das wirkt nur lächerlich.“ Nicht die Regel, in der People of Colour fast immer unterrepräsentiert sind, machen also Rassismus, sondern die eine Ausnahme, in der das nicht so ist. Mit dieser Logik schafft sich „Bild“ eine lupenreine Rassismus-Formel, da jeder Versuch, Rassismus dadurch zu bekämpfen, immer öfter auch nicht-weiße Menschen sichtbar zu machen, dadurch skandalisiert werden kann, dass es hier eine Art Bevorzugung gäbe.

Wo „Bild“ offen Rassismus schürt, fällt es anderen Medien schwer, Rassismus überhaupt zu benennen. Ist der Rassismus in der Geschichte etwa so abwegig? Oder so unwichtig? Oder ist das Eis einfach zu dünn, wenn man über Rassismus schreiben muss? „Palmer hat offenbar ein Problem damit, dass vier der fünf Bilder keine Nord- oder Mitteleuropäer zeigen, sondern Menschen mit dunkleren Hautfarben“, meint etwa „RP Online“, so, als ob es keine Nord- oder Mitteleuropäer mit dunkler Hautfarbe gebe.

„Ob Enteignung, Erziehung von Zuwanderern oder Multikulti-Werbekampagnen – Boris Palmer provoziert. Das Tübinger Stadtoberhaupt sucht Streit. Meist sehr zum Leidwesen seiner Partei“, beginnt heute.de seinen Bericht und kommt bis zum Ende kein einziges mal auf die Idee, dass das eigentliche Leid die Minderheiten trifft, die die Opfer seiner Ausgrenzungen sind.

Wieso steht eigentlich bei der rassistischen Entgleisung eines AfD-Politikers die rassistische Entgleisung im Vordergrund der Berichterstattung, während es hier bei einem Grünen-Politiker vor allem die — wie suggeriert wird — überbändige Reaktion darauf ist? Lautete die Durchschnittsüberschrift damals „Gauland beleidigt Boateng“, heißt es heute „Shitstorm gegen Boris Palmer“. Der Arme. Meinetwegen will er nur spielen. Meintewegen will er nur provozieren. Aber ganz offensichlich will er eben rassistisch spielen und provozieren. Was muss Palmer eigentlich noch alles machen, dass er von deutschen Medien endlich als Rassist wahrgenommen wird?

Das Versagen der Medien bei AKKs Spott über intersexuelle Menschen

Hallo. Ich bin der Typ, der diese ganze Kramp-Karrenbauer-Intersex-Witz-Sache losgetreten hat, über die, glaube ich, heute jedes deutsche Nachrichtenmedium berichtet hat. Und ja, natürlich freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die die Äußerung der CDU-Vorsitzenden erfährt, und über die Kritik, die sie dadurch von so vielen Seiten aus bekommt.
Und doch ist die eigentliche Dimension dieses Vorfalls eine andere.

Als ich gestern während der TV-Übertragung des „Stockacher Narrengericht“ auf Facebook aus der Rede Kramp-Karrenbauers zitierte …

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür — dazwischen — ist diese Toilette.

… ging ich davon aus, dass es sich um eine Livesendung handelte. Ich habe das auf Facebook rausgehauen, weil ich glaubte, das, was ich da gerade höre und kaum glauben kann, passiert gerade jetzt. Die Äußerung Kramp-Karrenbauers ist — Karneval hin oder her — meines Wissens das Herabwürdigstende, das ein deutscher Spitzenpolitiker oder eine deutsche Spitzenpolitikerin in den vergangenen Jahren über LSBTI gesagt hat, inklusive AfD.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Für seinen „Nollendorfblog“ bekam er eine Nominierung für den „Grimme Online Award“, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Jeder, der nur etwas im Thema ist, weiß, wie sehr viele intersexuelle Menschen in Deutschland darunter leiden, dass sie als Kinder aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen zwangsoperiert wurden. Und wie sehr sie dafür kämpfen, dass das heute nicht mehr passiert und dass sie nicht als krank oder fehlerhaft betrachtet werden. Ein Betroffener schilderte gestern auf Facebook, dass er siebenmal operiert worden sei, nur um „beim Pinkeln stehen zu dürfen.“ Kramp-Karrenbauer hat sich also nicht nur eine der vulnerabelsten Gruppen für ihren Spott ausgesucht, sie hat sie auch noch da getroffen, wo es am meisten wehtut. Selbstverständlich musste ich also denken, diese Sätze passieren gerade live. Denn wenn nicht, dann hätte es ja schon längst irgendwo stehen müssen.

Was ich da noch nicht wusste: Die TV-Sendung war eine Wiederholung vom Donnerstag, also fast zwei Tage alt. Man sieht dort einen Festsaal voll mit Politikprominenz, man hört, wie Kramp-Karrenbauers Intersex-Pointe begeistertes Gejohle hervorruft, man hört, dass es offensichtlich (anders als an anderen Stellen) keinen Protest gibt.

So weit sind wir also schon in Deutschland: Die Politikerin des Landes, die die größten Chancen hat, Deutschlands nächste Kanzlerin zu werden, wirft einem grölenden Festsaal eine Minderheit zum Fraß vor — und es spricht sich zwei Tage lang nicht rum. Es wird nicht darüber berichtet. Es hat einfach nicht stattgefunden. Und das, obwohl es sogar live im SWR übertragen wurde.

Was ich wirklich nicht verstehe: Sind die Grenzen des Sagbaren mittlerweile so weit verrutscht, dass keiner der offensichtlich vielen anwesenden Journalistinnen und Journalisten so etwas für berichtenswert hält? Wie kann das selbst dem übertagenden Sender durch die Lappen gehen? Und wieso hat der SWR nicht spätestens nach der großen medialen Aufregung heute nachgelegt und wenigstens jetzt darüber etwas gemacht, wer da alles parteiübergreifend im Saal mitgejohlt hat? Und wer möglicherweise nicht? Ist das so unwichtig?

Aber nicht nur für die anwesenden Journalistinnen und Journalisten ist es ein unglaubliches Versagen. Dies gilt auch für alle, die schwerpunktmäßig über Kramp-Karrenbauer berichten. Hat denn keiner von ihnen mitbekommen, wie sie sich in den vergangenen Monaten ihre Macht gesichert hat, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Homophobie zur CDU-Vorsitzenden wurde? Hatte man nicht davon ausgehen müssen, dass sie bei einer solch prominenten TV Karnevalssendung in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe hauen würde? Oder ging man davon aus, aber es ist einfach egal?

Ist es egal, was die mögliche nächste Kanzlerin für ein Menschenbild hat? Ist es egal, dass sich immer mehr abzeichnet, wie sehr ihre Verächtlichmachung anderer immer mehr zum System wird? Und: Wie kann etwas, was zwei Tage lang so egal ist, plötzlich so unegal sein, dass es auf einmal bei der „Tagesschau“ und in „Berlin direkt“ vorkommt? Wieso reicht dann ein einziger Facebook-Post und ein anschließender Bericht auf dem queeren Nachrichtenportal queer.de, dass dann plötzlich alles andersherum ist?

Und: Was kann eigentlich noch in Deutschland gerade so alles vor laufender Kamera gesagt werden, ohne dass es jemand mitbekommt?

David Berger und der WDR: ein Sender auf Koks

Beim WDR ereignete sich in den vergangene Tagen eine Geschichte, die sehr an die Kokainaffäre des Fußballtrainers Christoph Daum im Jahr 2000 erinnert. Dieser sollte eigentlich Coach der deutschen Männer-Nationalmannschaft werden, doch es gab die starke Vermutung, dass er Kokain konsumierte, ein Verhalten, das der um einen „sauberen Sport“ bemühte DFB nicht dulden konnte. Die Vorwürfe standen, vorgebracht durch Uli Hoeneß, im Raum. Daum bestritt heftig und bot schließlich zu seiner Ehrenrettung auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz eine freiwillige gerichtsmedizinische Überprüfung seiner Haare auf Kokainrückstände an. Dort verkündete er: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe“.

Als das Resultat der Haarprobe schließlich mit einem positives Testergebnis feststand, war wissenschaftlich belegt, dass Daum gelogen hatte. Bis heute wird darüber gerätselt, warum er sich im Wissen über das zu erwartende Ergebnis in eine solche Situation brachte, die zu einem riesigen Skandal führte.

Und nun zum WDR.

Dessen Radiosender WDR 5 hatte auf seiner Homepage ein Interview mit dem Blogger David Berger angekündigt. Berger ist eine schillernde Figur der Neuen Rechten. Er tritt mit Mitgliedern der Identitären Bewegung auf, sitzt im Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung der AfD, sein Blog ist nicht nur eines der reichweitenstärksten der Szene, sondern verzeichnet laut „Correctiv“ bei Facebook und Twitter mehr Interaktionen als taz.de oder Tagesspiegel.de. Dort werden immer wieder Beiträge veröffentlicht, die auch objektiv betrachtet als Hetze gegen Minderheiten bezeichnet werden müssen. Unter anderem wurde dort der „Johannes Gabriel“-Text erstveröffentlicht, der Homosexuelle mit Pädophilie assoziierte und der später, nach seinem Abdruck in der „FAZ“, vom Presserat als „diskriminierend“ gerügt wurde.

Screenshot WDR.de - Tischgespräch - Theologe und Blogger David Berger

Die Rechercheplattform „Correctiv“ weist in einem Faktencheck völkische Rhetoriken und reihenweise Falschmeldungen nach, vor allem seine Kritik am Islam habe Berger mittlerweile auf die Spitze getrieben:

Schlagzeilen auf seinem Blog lauten:
„‚Goldstücke‘ oder die Wiederkehr der Zoophilie“ (25.05.2018)
„Bombenentschärfung, Messer- und Giftattacken: Auch in Frankreich wird Ramadan gefeiert“ (19.05.2018)
„ISLAMische Merkmale: Dominanzdenken, Kritikresistenz, Schuldverweigerung, Opferrollen und Forderungsmentalität“ (03.10.2017)
„Europa: ‚Eines Tages wird das alles uns gehören'“ (24.08.2017).

In der Vorab-Information des WDR zum „Tischgespräch“ mit David Berger war nichts über die öffentliche Rolle zu lesen, die dieser seit Jahren einnimmt. „Verharmlosend“ ist ein viel zu verharmlosendes Wort für die Beschreibung, die der WDR für seinen Gesprächsgast wählte. Er sei bei manchen Schwulen zur Hassfigur mutiert und mache sich mit den politischen Äußerungen in seinem Blog „bei vielen unbeliebt“, heißt es dort lediglich.

In den sozialen Netzwerken wuchs folglich der Protest darüber, dass der Sender seinen Hörerinnen und Hörern Basisinformationen über Berger vorenthielt. Außerdem wurde angesichts des Weglassens der aktuellen Rolle Bergers in der Ankündigung befürchtet, dass auch das Interview selbst keinerlei Einordnung und Reflexion seiner politischen Bedeutung enthalten würde.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Für seinen „Nollendorfblog“ bekam er eine Nominierung für den „Grimme Online Award“, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Das wäre die Stelle gewesen, an der der WDR eine saubere Lösung hätte finden können. Das „Tischgespräch“ war nämlich schon längst aufgezeichnet, und die Verantwortlichen wussten, dass die Befürchtungen der Kritiker (auch von mir in meinem „Nollendorfblog“ geäußert) nicht nur berechtigt waren — in Wahrheit war alles noch viel schlimmer: Es gibt in der Sendung nicht nur keine kritische Auseinandersetzung; vielmehr hilft der Interviewer seinem Gesprächsgast sogar bei dessen Legendenbildung, unterstützt ihn dabei, nachweislich falsche Angaben über dessen Werdegang in sanftem Plauderton zu verquirlen. „Deutschlandradio Kultur“ wird den Beitrag später als „journalistische Bankrotterklärung“ bezeichnen. (Erst nach erneuter heftiger Kritik heftete der WDR einen Hinweis vor den Beitrag: „In dem Gespräch ist auch David Bergers Internetblog Thema. Darin veröffentlicht Berger zum Teil rechtsradikale und menschenverachtende Beiträge.“)

Als Erwiderung auf die Kritik hätte der WDR also zugeben können, dass da etwas falsch gelaufen ist. Man hätte sagen können, man möchte David Berger gerne noch einmal einladen, aber in eine Sendung, in der man auf eine kritische Auseinandersetzung vorbereitet ist. So hätte man zu einer Lösung kommen können, die sowohl den Berger-Kritikern als auch den -Unterstützern zu vermitteln gewesen wäre. Vor allem hätte man aber hier noch eine Entscheidung treffen können, die den eigenen journalistischen Prinzipien genügen könnte.

Stattdessen entschied man sich beim WDR für die Haarprobe. Der Sender platzierte eine Notlüge, von der alle Beteiligten wissen mussten, dass sie spätestens bei der Ausstrahlung des Gespräches auffliegen wird. Auf der Website wurde die Ankündigung des Berger-Interviews um einen Hinweis ergänzt, in dem es unter anderem heißt:

Die Redaktion hat über die Frage, ob es eine Sendung mit David Berger geben soll, im Vorfeld ausführlich diskutiert. Den Ausschlag gab letztlich die Überzeugung, dass WDR 5 auch mit Menschen in den journalistisch-kritischen Diskurs gehen möchte, die Positionen vertreten, die viele nicht teilen. Wenn unsere Gesellschaft die offene Diskussion will, dann sollte sie auch die verschiedenen Positionen kennen — selbst, wenn das für manche nur schwer zu ertragen sein mag.

So wie Christoph Daums „reines Gewissen“ eine bewusste Irreführung war, so war es beim WDR das Beschwören eines beabsichtigten „journalistisch-kritischen Diskurses“. Der WDR musste wissen, dass das Interview genau das Gegenteil davon war. Trotzdem blieb der Sender bei dieser Behauptung, die bald jeder als falsch erkennen konnte.

Und wie Fußballtrainer Daum trieb sich der WDR immer tiefer in die Misere: Jetzt hatte man also nicht nur eine zur baldigen Ausstrahlung vorgesehene PR-Sendung für einen Rechtspopulisten. Man hatte auch das Versprechen des Senders, dem sei nicht so. Und nach wie vor entschied man sich dazu, auf der Ankündigungsseite des Senders keine angemessene Einordnung des Interviewgastes vorzunehmen, während man gleichzeitig den Protestlern auf Twitter permanent mitteilte, wie ernst man ihre Kritik nehme.

Am Vormittag der für den Abend geplanten Ausstrahlung ging dann der Senderchef selbst in die Offensive, um eine weitere Etage auf das Kartenhaus zu setzen. In der Sendung mit dem für die momentane Situation wunderbar zynischen Titel „Neugier genügt“ nahm Florian Quecke Stellung zu den Vorwürfen. Er verteidigte unter anderem die unterlassenen Informationen im Ankündigungstext mit dem Hinweis darauf, dass es die Höflichkeit gebiete, einen Gast nicht schlechter als beschrieben aussehen zu lassen, und bestätigte damit zumindest, dass es in der ganzen Sache nie um journalistische Kriterien gegangen sein kann. Und er verteidigte die Einladung Bergers und behauptete, es handele sich lediglich um „das falsche Format“, weil das „Tischgespräch“ vom Charakter her zu wenig politisch konfrontativ sei.

Aus dem Umfeld des Senders hört man, dass die Einladung Bergers in die Sendung „Tischgespräch“ allerdings kein Unfall gewesen sei; das Gespräch habe genau so stattfinden sollen. Die journalistische Katastrophe sei nicht aus Unwissenheit passiert, sondern weil der Gesprächsführer exakt gewusst habe, wen er da vor sich haben wird: „Tischgespräch“-Moderator Ulrich Horstmann soll diesen Gast für genau dieses Format gewollt haben. Man merkt dem Gespräch an, dass der Moderator nicht undankbar dafür ist, an gewissen Stellen nicht nachfragen zu müssen. Insofern war es genau das richtige Format.

Wir haben beim WDR nachgefragt. Dort sagte man uns, dass die Redaktion sich dazu entschieden habe, „David Berger einzuladen, weil sie seine Entwicklung vom Kirchenkritiker und gefragten Talkgast zum polemisierenden Publizisten am rechten Rand nachzeichnen wollte.“ Doch auch das ist nicht gerade glaubwürdig: Die Radikalisierung Bergers spielte in der Sendung nicht nur keine Rolle, der Interviewer stellte sie durch Suggestivfragen sogar in Abrede.

Wie es zu all dem kommen konnte, müsste der WDR mal erklären. Doch dafür müsste der Sender erst einmal eingestehen, dass so gut wie nichts von dem, was er bisher zur Sache verlautbart hat, mit der Realität in Einklang zu bringen ist. Der WDR müsste erst einmal runter. Runter vom Koks.

Wie Özil und Gündogan bei Erdogan die Werte des DFB hochgehalten haben

Man muss Mesut Özil und Ilkay Gündogan dankbar sein. Rechtzeitig vor der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft räumen sie mit einem Missverständnis auf, einem von Medien und DFB gepflegten Missverständnis, das den Sieg der deutschen Mannschaft beim vergangenen Turnier zu etwas verklärte, was er nicht war. Es reichten ein paar Fotos der beiden Fußballer mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die in vielen Redaktionen aktuell für Verwunderung und Entsetzen sorgen.

„Die Mannschaft“, wie sie seit 2015 aus Vermarktungsgründen heißt, ist nämlich keine Wertegemeinschaft. Sie ist, ja!, eine Fußball-Mannschaft. Sie besteht aus Fußballspielern. Fußballspieler sind keine dümmeren Menschen, aber auch keine schlaueren, keine mit edleren Werten als andere.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Klar sollen Spitzenspieler Vorbilder sein, das ist Teil ihres Jobs, sie sollten also möglichst wenig Unsinn in der Öffentlichkeit veranstalten, der von ihren minderjährigen Fans nachgemacht werden könnte. Darüber hinaus ist aber das Gerede von den „Werten der Mannschaft“ vor allem Marketing-Geschwätz, Marketing-Sprech, der von den allermeisten Medien kritiklos weiterverbreitet wird. In der Pressemitteilung zum Launch der Marke „Die Mannschaft“ ließ der DFB verlauten:

„Die Mannschaft zeichnet ihr Zusammenhalt aus. Wir sind immer füreinander da, wir gehen respektvoll miteinander um, und natürlich stehen wir für den Erfolg“, sagt Mesut Özil. Benedikt Höwedes pflichtet seinem Weltmeister-Kollegen bei. „Das wir in aller Welt als ‚Die Mannschaft‘ bezeichnet werden, ist echt etwas Besonders“, sagt er.

Das Unverständnis, das Per Mertesacker von ehemaligen Profis, Experten und auch Medien entgegenschlug, als er im März 2018 über seine Ängste als Profifußballer und früherer Nationalspieler sprach („irgendwann realisierst du, (…) dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist“), liegt auch darin begründet, dass viele Redaktionen PR-Floskeln wie in der zitierten DFB-Mitteilung allzu gerne unreflektiert weiterverbreiten.

Das Gerede von den Werten ist vor allem dafür da, Produkte zu verkaufen, und vor allem solche, die sich einen Imagetransfer erhoffen. Einen Imagetransfer haben besonders die Marken nötig, die ein Imageproblem haben. Der neue Hauptsponsor VW zahlt deutlich mehr als sein Vorgänger Mercedes, hauptsächlich wohl, weil er es nötig hat. Der Konzern darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass seine Vergehen an der hiesigen Bevölkerung von dieser mit Milde betrachtet werden. Lieber, als in Aufklärung, transparentere Konzernstrukturen und möglichst saubere Autos zu investieren, investiert er in Wohlfühl-Propaganda. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft müssen also bei ihren Fans für Dinge werben, die gegen deren Interesse sind. Ohne das VW-Engagement beim DFB wäre der Druck auf den Konzern vermutlich größer.

Das Problem ist, dass Medien die PR-Geschichten um die Nationalmannschaft weitererzählen, als wären es keine PR-Geschichten, sondern Nachrichten; sie also nicht nur den verlogenen Kern, das Inszenierte, das Verkäuferische an diesen Geschichten nicht offenbaren und problematisieren, sondern — im Gegenteil — durch ihre Berichterstattung Reklame zur Wahrheit machen.

Über einen gemeinsamen PR-Termin im Vorfeld der WM 2010 mit den beiden Mercedes-Werbeträgern Niko Rosberg und Deutsche Nationalmannschaft, einen Termin also, der keinen anderen Grund hat, als die Marke Mercedes über die von ihr bezahlten Sportler zu erzählen, schreiben die „Bild“-Medien:

Mercedes-Pilot Nico Rosberg (24) glaubt fest daran, dass die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister werden kann. Und sagte es Poldi & Co. gleich ganz persönlich — in Eppan (Südtirol).

Rosberg besuchte das Trainingslager von Jogi Löws (50) Jungs. Schoss wie ein ganz normaler Fan Erinnerungsfotos mit dem Busfahrer, dem Bundestrainer und Bayern-Profi Philipp Lahm (26).

Doch nicht nur das von Mercedes nahegelegte Storytelling übernimmt „Bild“, sondern auch die direkte Verknüpfung mit dem Markenzeichen:

Lahm spielte mit 21 Jahren seine erste Europameisterschaft (2004 in Portugal). Rosberg fuhr mit 21 seinen ersten Formel-1-Grand-Prix (2006 in Bahrain). Seitdem sind beide Sportler Stars. Und tragen Sterne auf der Brust. Freizeit-Kicker Rosberg (mit dem Mercedes-Stern) wünscht Lahm und dessen Kollegen den vierten Weltmeister-Stern.

Die Penetration des Begriffes des „vierten Sterns“ war damals einer der Schwerpunkte der gemeinsamen Markenkampagne von DFB und Mercedes.

Die meisten Medien, allen voran „Bild“, spielen die Marketing-Märchen solange mit, bis es kracht. Und auch danach. Als es während der WM-Vorbereitung 2014 bei einer gemeinsame PR-Autorfahrt mit Rosberg und Spielern der Nationalmannschaft zu einem lebensgefährlichen Unfall kommt, widerspricht kaum jemand, als Team-Manager Oliver Bierfhoff sagt:

Man hat immer im Leben ein Restrisiko, das müssen wir so klein wie möglich halten. Wir werden aber auch weiterhin Aktivitäten und Teamaktivitäten anbieten, wo ein geringes Restrisiko vorhanden ist, uns nicht einigeln und auf eine Sache konzentrieren. Meine Meinung, mit der Mannschaft auch außerhalb des Platzes Aktivitäten zu starten, hat sich nicht geändert.

… und dabei eine Werbeaktion zu einer Art sportlichem Teambuilding umdeklariert.

Kolumne Politically Correct

Die Spieler sind es gewohnt, dass ihre „Werte“ zur Promotion entgegengesetzter Anliegen verscherbelt werden. Aktuell müssen sie nicht nur für Autos einer Schummel-Marke werben, sondern auch Kinder zu Süßigkeiten verführen, die zu einem pervers hohen Anteil aus Zucker bestehen. „Nur vollwertige und abwechslungsreiche Kost gewährleistet auch volle körperliche und geistige Leistung. Das Risiko von Sportverletzungen sinkt, die Konzentrationsfähigkeit steigt“, schreibt Nationalmannschaftskoch Holger Stromberg auf der DFB-Website über die „Philosophie“ der „Mannschaft“, was natürlich auch reines Marketing-Geschwätz ist. Die offiziellen Sammelkarten der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2018 liegen unter anderem dem Ferrero-Produkt Kinder-Riegel bei, bei dem Foodwatch 2016 gesundheitsgefährdende Mineralöle entdeckt hatte.

Die Organisation warf dem Hersteller damals vor, „grob fahrlässig“ zu handeln und forderte ihn auf, diese Produkte vom Markt zu nehmen, was dieser verweigerte. Dafür, dass Ferrero sich dazu bis heute nicht erklären muss, werben die Spieler der Nationalmannschaft mit ihrem Imagetransfer. Auch ohne den DFB verkaufen sich Fußballspieler hemmungslos an die Werbeindustrie, während der DFB die Marke „Mannschaft“ mit Charaktereigenschaften aufbläst, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet geben. Die Fußballspieler haben das längst begriffen. Sie haben gelernt, sich, ohne viel nachzudenken und nachzufragen, neben irgendwelche Marken zu stellen, in die Kamera zu lächeln und irgendwas Nettes zu sagen. Nicht viel mehr und nicht viel weniger haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan jetzt bei Erdogan getan.

„Bild“ feiert den schwulen Selbsthass

Die „Bild“-Redaktion weiß, was ihre Leserschaft gerne über Schwule lesen möchte. Zum Beispiel das: „70-Jährige lassen sich hier in der Berliner Herbstsonne öffentlich auspeitschen“, heißt es in einem Text über das Fetisch-Treffen „Folsom“ in Berlin, „Menschen urinieren sich vor Imbissständen gegenseitig ins Gesicht. Manche stehen einfach an der Straßenkreuzung und onanieren stundenlang vor sich hin.“

Kolumne Politically Correct

Früher hat die „Bild“-Zeitung wahlweise offen gegen Homosexuelle gehetzt oder sich an ihrem Außerirdischsein ergötzt. Da das heute nicht mehr so en vogue ist, hat sie sich etwas Neues einfallen lassen. Damit die Redaktion sich nicht selbst die Finger schmutzig machen muss und sich als weltoffen und tolerant darstellen kann, hat sie das Homophobieressort outgesourct: Nina Queer, prominente Berliner Dragqueen und Protagonistin der LGTBI*-Community darf jetzt seit einem Jahr in einer Kolumne („Darf’s ein bisschen queer sein?“) Ressentiments gegen die eigenen Leute bedienen, was den Ressentiments nicht nur zusätzliche Legitimität verleiht, sondern auch einen besonderen Unterhaltungsfaktor garantiert. „Nichts ist so amüsant für homophobe Menschen, wie Homos, die so sehr von Selbsthass angefressen sind, dass sie sich zum Hofnarren machen lassen“, sagt die Journalistin Stephanie Kuhnen über die „Bild“-Kolumnistin.

Queer war „Toleranzbotschafterin“ der Berliner SPD. Die Partei distanzierte sich aber von ihr nach einem „menschenverachtenden Kommentar“ auf Facebook, in dem die Dragqueen in Folge eines homophoben Übergriffs Jugendlicher gefordert hatte:

Es ist doch zum Kotzen! SOFORT ABSCHIEBEN! Ob in Deutschland geboren oder nicht. Wer Stress haben will, für den lässt sich doch bestimmt ein tolles Kriegsgebiet finden…..

… nachher aber — wie man das heute so tut — erst darauf bestand, missverstanden worden zu sein, später dann darauf bestand, einen Fehler im Affekt gemacht zu haben. Gleichzeitig hatte sie offensichtlich nichts dagegen, dass ihre Anhänger sie in Kommentaren für die „ABSCHIEBEN“-Aussage feierten.

Schon in ihrem ersten „Bild“-Text im Februar 2017 machte Queer klar, dass sie alles dafür tun wird, bestehende Homo-Stereotype zu zementieren. Sie gab zum Auftakt den Lederschwulen eins auf die Mütze, also denen, die neben der Tunte das mediale Bild homosexueller Männer prägen:

Leder ist das Material der Verzweiflung! Zudem hat es einen starken Eigengeruch und überdeckt den fiesen Alte-Leute-Mief. Und wenn man seine Wampe oder wahlweise sein knochiges, leicht brüchiges Gerippe erst mal in einen sündhaft teuren Lederpyjama gezwängt hat, gibt es auch kein Schämen mehr!

Der Trick, eine solche Kolumne von einer Kunstfigur schreiben zu lassen, ermöglicht es, sich bei jeder Kritik eine Ebene aussuchen zu können, mit der man das, was an solchen Sätzen problematisch sein könnte, ins Leere laufen lassen kann. Alles nicht so ernst gemeint, alles überhöht und nur ein Witz, heißt es dann, man habe die Satire eben nicht verstanden. Oder es ist umgekehrt: Kritik an der Kolumne sei der Beweis dafür, dass dort Abgründe oder Missstände präzise beschrieben werden, sich aber bisher niemand getraut habe, diese zu benennen:

Es ist mir völlig klar, dass meine Texte oft zu hart für schwache Gemüter sind und es ist nun mal erwiesen, dass nichts mehr weh tut, als die Wahrheit. Vor allem wenn man sich selbst dabei entdeckt oder erwischt fühlt.

Die Queer-Kolumne von vergangenem Donnerstag ist mit dem Befund überschrieben:

Screenshot Bild.de - Unsere Gesellschaft ist krank

Dass sie krank aufgrund ihrer Homosexuellen ist, schreibt Nina Queer nicht. In ihrem Text geht es zunächst um schnorrende „Influencer“, „unterprivilegierte Drecksschlampen“, die nicht mehr „als einen Schminkkanal bei YouTube aufweisen“ könnten und Dschungelcamp-Stars, die, Achtung!, überhaupt keine richtigen Stars seien.

Dann geht es aber doch zur Sache. Auf den Satz „Je hässlicher, abartiger und entwürdigender desto besser“ folgt direkt die Erkenntnis:

Es scheint auch nur noch einen Typ von Schwulen in der Öffentlichkeit zu geben: Die hysterisch kreischende Tunte.

Widerlich aussehende Männer mittleren Alters mit schlechtem Modegeschmack (gerne was aus den 80ern), ohne Grundschulabschluss, Arbeit und Lebensinhalt.

Die Gesellschaft krankt also nicht an allen Schwulen, sondern nur an einem Teil von ihnen. Ein Homo trifft in „Bild“ ein Urteil zwischen guten Homos und schlechten Homos, um dann die schlechten Homos den Homohassern zum Fraß vorzuwerfen. Die Queer-Kolumne ist aber nicht nur ein Serviceangebot für heterosexuelle Homophobiker, die so ihre Vorbehalte weiterhin kultivieren und sich trotzdem einreden dürfen, nichts gegen Homosexuelle zu haben. Sie wendet sich auch an diejenigen unter den Homosexuellen, die, um endlich in der „Mitte der Gesellschaft“ ankommen zu können, dazu ermutigt werden, den Ballast in den eigenen Reihen von Bord zu werfen:

Diese Schwulen sind Schwule für die sich Schwule schämen. POSER! BLENDER! NERVENSCHÄNDER!

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

„Bild“ bedient also nicht nur das psychologische Phänomen der internalisierten Homophobie, also des homosexuellen Selbsthasses, sondern auch das soziologische Prinzip, nach dem sich oft viele Mitglieder jener gesellschaftlichen Gruppen, die gerade einen Emanzipationsgewinn verbuchen konnten, gerne dadurch abzusichern versuchen, dass sie besonders heftig nach unten treten.

Als sie über die homophoben Zustände auf Jamaika schreibt, bemüht sich Nina Queer nicht einmal um einen Millimeter Differenzierung:

Mit dieser Kolumne möchte ich Homosexuelle davor warnen, Jamaika zu besuchen. Die Insel und ihre Bewohner haben es wahrlich nicht verdient, auch nur einen Dollar durch uns zu verdienen.

Homosexuelle sind keine besseren Menschen. Auch Homosexuelle haben das Recht auf einfache Sichtweisen. Kein Homosexueller hat die moralische Pflicht, sich für seinesgleichen oder andere diskriminierte Gruppen einzusetzen. Homosexuelle müssen nicht politisch korrekter sein als andere. Und abgesehen davon ist bitterböser Trash, wie Nina Queer ihn formuliert, auch Teil der schwulen Subkultur. In jeder Subkultur gibt es eingeübte Codes des Über-sich-selber-Lachens und der kontrollierten Grenzüberschreitungen. Doch außerhalb dieser Räume — erst recht in einem Medium, zu dessen Markenkern das Ressentiment, die Vereinfachung, die Empörung gehören — erfüllt das, was innerhalb einer Gruppe oft als Selbstbestärkung funktioniert, im Zweifel den gegenteiligen Zweck. Ob Nina Queer, die dazu neigt, sich inhaltliche Kritik an ihren Texten mit Neid auf ihre Aufmerksamkeit zu erklären, das bewusst ist, ist zweitrangig. Denn da es beim Emanzipationskampf der Homosexuellen auch darum ging, dass sie die gleichen Dinge tun dürfen können wie die Heteros, haben letztendlich die solidarischen Lesben und Schwulen auch dafür gekämpft, dass Lesben und Schwule unsolidarisch sein dürfen.

Gomringer-Gedicht: Wer ist hier der Tugendterrorist?

„Stoppt die neuen Tugendterroristen!“ fordert der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Peter Huth, in einem Kommentar, er wittert „Sprachpolizei“ und ruft zum Kulturkampf auf:

Der Versuch, Sprache um jeden Preis zu politisieren, Kunst dadurch zu brechen und in ein Korsett aus Political Correctness zu stopfen, ist in Wirklichkeit ein Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit.

Screenshot Welt.de - Sprachpolizei - Stoppt die neuen Tugendterroristen

Es geht um die Sache mit dem Gomringer-Gedicht, das an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule aufgemalt ist und das nach intensiven Diskussionen über einen unterstellten sexistischen Charakter, schulinternen Partizipationsprozessen und einer demokratischen Entscheidung des dafür zuständigen Gremiums jetzt durch andere, alle paar Jahre wechselnde Gedichte ersetzt werden soll.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Tugendterrorismus! Echt jetzt?

Angenommen, der Begriff „Tugendterrorismus“ wäre nicht dafür da, eine Debatte zu beenden, sondern eine zu führen, angenommen, er wäre kein Kampfbegriff, sondern ein Argument, wofür könnte es stehen?

Angenommen, es wäre so, dass es nicht nur Kunstfreiheit gibt, sondern auch die Freiheit jedes Einzelnen, ob Privatperson, Gruppe oder Institution, mit welcher Kunst er oder sie sich schmücken möchte.

Angenommen, weder Sexismus noch Tugend noch Kunst wären Dinge, die in einer offenen Gesellschaft fest definiert sind, sondern einer permanenten Entwicklung, einer permanenten Auseinandersetzung bedürfen.

Angenommen, es gäbe Dinge, die für die einen nicht sexistisch sind, es für die anderen aber sehr wohl sein könnten. Angenommen, eher jüngere Menschen könnten auf Sexismus eine andere Perspektive haben als eher ältere. Und viele Frauen eher eine andere als viele Männer.

Angenommen, die demokratische Entscheidung einer Hochschule darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, wäre eine Entscheidung darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, und nicht darüber, wie die Gesellschaft Kunst oder Sexismus zu betrachten hat.

Angenommen, es gäbe diese Freiheit. Und nicht eine festgelegte Tugend, die eine Abweichung direkt zum „Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit“ erklärt. Und angenommen, wirklich nur mal ganz kurz angenommen, „Tugendterrorist“ wäre ein Begriff, der wirklich etwas diskutieren wollte.

Wer wäre dann der Tugendterrorist?

Das Heimtückische am Rassismus ist nicht Absicht, sondern Ignoranz

Ist das wirklich wahr? Ist das wirklich das Niveau, auf dem wir in Deutschland über Rassismus diskutieren? Können wir da bitte irgendwann mal einen Schritt weiter gehen, oder es zumindest versuchen?

Das eigentliche Problem, das wir in Deutschland mit Rassismus haben, sind die Rassismusvorwürfe — das zumindest ist der Eindruck, wenn man sich weite Teile der medialen Diskussion über die schwedische Modekette H&M anschaut, die einen schwarzen Jungen fotografiert hat mit einem Kapuzenpulli, auf dem steht: „Coolest Monkey in the Jungle“.

Kolumne Politically Correct

Auf die Spitze treibt es Oliver Rasche, der in der „Welt“ und bei Welt.de kundtut:

Screenshot Welt.de - Das Empörende ist der Rassismus-Aufschrei

Dem Kommentar des Autors liegt ein Verständnis von Rassismus zugrunde, nach dem es in Deutschland quasi keinen Rassismus gibt.

Da in der „Welt“ Leute über Rassismus schreiben dürfen, die sich offenbar noch nie damit beschäftigt haben, hier ein kleiner kostenloser Einsteigerkurs:

Regel 1: NEIN, Rassismus ist nicht nur da, wo er beabsichtigt ist.

Rasche schreibt:

Wem ist eigentlich damit geholfen, wenn überall immer sofort Rassismus, Sexismus, Angriff vermutet wird?

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Niemand vermutet in dem Pullover-Foto einen „Angriff“. Es geht darum, dass ein rassistischer Zusammenhang übersehen wurde. Das Heimtückische an Rassismus ist nicht die Absicht, sondern die Unabsicht, die Ignoranz. Die Frage ist nicht: Warum hat H&M das gemacht? Sondern: Warum ist es ihnen nicht aufgefallen?

Regel 2: NEIN, das Problem sind nicht die, die sensibel sind.

Wieso wird bei vielen Menschen überhaupt ganz offenbar sofort diese Assoziation hervorgerufen? Und diejenigen, die zunächst kein Problem in dem Bild erkennen konnten; sind die völlig unsensibel — oder einfach unvoreingenommen und damit viel weiter im Bestreben, rassistischen Vorurteilen entgegenzuwirken?

Weiß der Autor das wirklich nicht? Hat er wirklich gar keine Ahnung, warum bei manchen Menschen „sofort diese Assoziation hervorgerufen“ wird? Rasche tut hier so, als sei „diese Assoziation“ völlig aus der Luft gegriffen, ja er deutet sogar an, dass die, denen sie kommt, das eigentliche unreflektierte Rassismusproblem haben. Ernsthaft? Nie gehört etwa von der Tradition der Menschenzoos, in denen ab Ende des 19. Jahrhunderts in Europa schwarze Menschen wie wilde Tiere zur Schau gestellt wurden? Nie mitbekommen, dass alles rund um das Bild des Affen auch heute noch eine der gängigsten Beleidigungen ist? Nie was davon gelesen, dass schwarze Fußballer mit Affengeräuschen im Stadion konfrontiert werden, ja manche von ihnen sogar mit Bananen beworfen wurden? Ist die Frage wirklich, wie man auf „diese Assoziation“ kommen kann? Oder nicht vielleicht doch, wie man nicht darauf kommen kann, wie man auf die Idee kommen kann, einen schwarzen Jungen mit einem solchen Pulli für eine Werbung zu fotografieren?

Regel 3: NEIN, nicht die Problematisierer sind das Problem.

Rasche schreibt weiter:

Sagt die Problematisierung nicht auch eine Menge über die Problematisierer aus?

Rasche tut so, als werde das „Problem“ erst durch die erzeugt, die darauf hinweisen. Damit macht er jene, die aus der Perspektive der Opfer argumentieren, zu Tätern — und die Täter zu deren Opfern. Wie auch bei dieser Schussfolgerung:

Vorwerfen kann man den Schweden allerdings weniger, dass sie offenbar kein Problem darin gesehen haben, ein Kind in einen flapsig bedruckten Pullover gesteckt zu haben — nein, vorwerfen kann man dem Modehaus höchstens, dass es das Erregungspotenzial in einem komplett digitalisierten und von sozialen Medien dominierten 2018 völlig unterschätzt hat.

Hier: das Erregungspotenzial eines entfesselten Onlinemobs. Dort: Flapsigkeit.

Regel 4: NEIN, Rassismus ist nicht nur das Problem der anderen.

Rasche schreibt:

Hilft man schwarzen Menschen, wenn man sie in solchen Fällen zwangsweise zu Opfern macht? (…)

Dabei findet Rassismus statt, zieht seine ekligen, braunen Kreise inzwischen bis in das höchste deutsche Parlament. Das gilt es zu ächten und zurückzudrängen, da ist leider mehr als genug zu tun.

Das Gefährliche am Rassismus ist, dass er im Alltag stattfindet. Dass Gefährliche am Rassismus ist, dass er nicht laut „Rassismus“ schreit, wenn er um die Ecke kommt. Nach der Definition von Rasche gibt es entweder keinen Alltagsrassismus, oder er ist weiter kein Problem: Jeder, der nicht „in ekligen, braunen Kreisen“ verkehrt, ist fein raus. Das ist ein Freibrief für den täglichen Rassismus, weil er die, die sich gegen ihn wehren, zu Simulanten erklärt.

Weinstein und #metoo in deutschen Medien: Das Schweigen der Männer

Es gibt ein paar beeindruckende Ausnahmen. Alan Posener in der „Welt“ zum Beispiel oder Christian Gesellmann auf „Krautreporter“. Dort streiten Männer gegen die Bagatellisierung sexueller Übergriffe gegen Frauen, verdeutlichen, warum der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein nicht nur mit Hollywood, nicht nur mit den USA zu tun hat, sondern auch Mechanismen beschreibt, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind.

#metoo - Politically Correct - Die BILDblog-Kolumne

Aber wer die Meinungsartikel zum Thema liest, insbesondere die, die um die Bewegung um das Hashtag #metoo geschrieben wurden, der liest vor allem Beiträge, die von Frauen geschrieben sind. Auf den ersten Blick erscheint das sinnvoll, geht es bei dem Thema doch um eines, bei dem Frauen um Sichtbarkeit ihrer Situation kämpfen. Doch müssten nicht eigentlich genau deshalb vor allem Journalisten-Männer in die Bresche springen? Gerade weil Frauen die Opfer des Missstandes sind, müsste die journalistische Debatte doch so laufen, dass es nicht zum Frauen-Thema gemacht wird, dass es nicht vor allem Frauen sind, die hier Veränderungen fordern. Wenn es vor allem Frauen sind, die diese Debatte führen müssen, bleibt der Eindruck der Befindlichkeit.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Ich als Schwuler kenne das aus der leidigen Diskussion um die rechtliche Gleichstellung Homosexueller. Auch hier waren es — im Gegensatz zu den Debatten in anderen Ländern — vor allem Lesben und Schwule, die das Thema nach vorne bringen mussten. Auch wenn die allermeisten heterosexuellen Journalistinnen und Journalisten die Ehe für alle wohl unterstützen, haben sie sie nie richtig zum Thema gemacht. Sie empfanden sie als und erklärten sie für überfällig, aber auch als und für zweitrangig, beschrieben sie mehrheitlich als eine Angelegenheit, die vor allem Lesben und Schwule anging. Ich bin mir sicher, dass die Ehe für alle in Deutschland schon bedeutend früher eingeführt worden wäre, wenn — wie etwa in England, Frankreich oder den USA — mehr Journalistinnen und Journalisten hier ebenfalls ein Gespür dafür entwickelt hätten, dass die Ehe für alle auch wirklich alle angeht, dass es sich um einen Emanzipationsschritt für die gesamte Gesellschaft handelt, dass es kein Minderheiten-, sondern ein Menschenrechtsthema ist.

Deutsche Medien neigen oft dazu, gesellschaftliche Konfliktthemen den „Betroffenen“ aufzubürden, was dazu führt, dass diese vor allem als Bittsteller wahrgenommen werden. Warum waren es fast immer Lesben und Schwule, die in Talkshows erklären mussten, warum sie nicht diskriminiert werden wollen? Warum saßen da nicht in erster Linie heterosexuelle Eltern, Unternehmer, Lehrer, Politiker und so weiter, um zu verdeutlichen, wie sehr die ganze Gesellschaft von Vielfalt profitiert und davon, dass es allen gut geht?

Und warum kommen jetzt so wenige Redaktionen auf die Idee, Männer mit einer Herausforderung zu konfrontieren, die ohne Männer nicht bewältigt werden kann? Die letzten Diskussionen in Deutschland über Sexismus und sexuelle Gewalt sind weitgehend ohne einen gesamtgesellschaftlichen Erkenntnisgewinn versandet. Der #aufschrei nach der Brüderle-Debatte wurde zwar gehört, aber nicht verstanden. Seitdem sich jedes genauere Hinschauen auch noch verstärkt gegen den latenten Vorwurf einer angeblichen Political Correctness wehren muss, ist es teilweise sogar noch schwieriger geworden, eine solche Debatte jenseits der bekannten Reflexe zu führen. Diesmal könnte es anders sein. Gefragt wären dafür: Männer.

Gauland, die Soldaten, Mitterrand und die Medien: Der große Bluff

Es ist nicht irgendein Zitat. Die Aussage von Alexander Gauland …

Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.

… war eine der schaurigen Attraktionen des Wahlkampfs. Der Satz markierte den vorläufigen Höhepunkt der Radikalisierung der AfD. Er veranschaulichte aber auch die Fähigkeit der Partei, die Grenze des Sagbaren zu verschieben und gleichzeitig diese Grenze verschwinden zu lassen, als ob es sie nie gegeben hätte.

Screenshot aus der ARD-Sendung Wahl 2017 Schlussrunde, in dem AfD-Politiker Alexander Gauland zu sehen ist

Die Aussage war — zusammen mit dem Spruch über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, die man ja „in Anatolien entsorgen“ könne — der größte Hit des AfD-Spitzenkandidaten im Endspurt des Wahlkampfes. Sie war es nicht nur deshalb, weil der gezielte Tabubruch die offensichtlich gewünschte Empörung entfachte, und jede Empörung über die AfD dieser im Wahlkampf zu nutzen schien. Ein Hit wurde die Geschichte mit den Soldaten vor allem deshalb, weil sie eine Pointe hatte. Eine Pointe, die den Tabubruch auf die Spitze trieb, weil sie es ermöglichte, die Geschichte immer wieder erzählen zu können, und gleichzeitig diejenigen, die sich darüber aufregten, als geschichtsvergessene Idioten dastehen zu lassen:

„Im Übrigen habe er nichts anderes gesagt als Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand am 8. Mai 1995 in einer Rede“, gab die „dpa“ am 15. September ein Gespräch mit Gauland wieder. In dieser Rede habe Mitterrand …

„die Tapferkeit der deutschen Soldaten wie auch der anderen Soldaten gelobt und hat diese Tapferkeit dem verbrecherischen Regime gegenübergestellt“, behauptete der AfD-Mann. „Und diese persönliche Tapferkeit, auf die kann man stolz sein.“

Hätte die „dpa“ einfach mal nachgeschaut, was Mitterrand in dieser Rede wirklich gesagt hatte, dann hätte die wundersame Karriere der Gauland-Provokation vielleicht schon da zu Ende sein können. Der damalige französische Staatspräsident lobte in seiner Versöhnungsrede 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag zwar die Tugenden des deutschen Volkes und auch den Mut der Soldaten. Doch nirgendwo auch nur im Ansatz die „Leistungen deutscher Soldaten“ in den Weltkriegen. Gaulands Behauptung ist keine Verdrehung oder eine Missinterpretation. Es ist ganz einfach: Gauland lügt.

Mitterrand wörtlich:

Ich bin nicht gekommen, um den Sieg zu feiern, über den ich mich 1945 für mein Land gefreut habe. Ich bin nicht gekommen, um die Niederlage herauszustellen, weil ich wusste, welche Stärken das deutsche Volk hat, welche Tugenden, welcher Mut, und wenig bedeutet mir seine Uniform und auch die Vorstellung in den Köpfen dieser Soldaten, die in so großer Zahl gestorben sind. Sie waren mutig. Sie nahmen den Verlust ihres Lebens hin. Für eine schlechte Sache, aber ihre Taten hatten damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland. Das muss man sich klar machen. Europa bauen wir auf, wir lieben unsere Vaterländer.

Die „dpa“-Meldung mit Gaulands Mitterrand-Lüge wurde von fast allen großen Zeitungen verbreitet, ohne diese aufzudecken. Keiner dieser Zeitungen kam es offensichtlich komisch vor, dass ausgerechnet ein französischer Staatspräsident die „Leistungen“ der Wehrmacht lobt. Waren sie vielleicht eingeschüchtert durch die Verweise des AfD-Mannes auf Kaiser, Nelson und Churchill, die auf vermintes Gelände hindeuteten? Gauland kritisieren hätte womöglich bedeutet, Mitterrand zu kritisieren, gar „die Franzosen“ und auch noch „die Engländer“. Dann lieber erst gar nicht nachschauen, worum es dabei eigentlich geht. Dabei ging es um nichts. Die Mitterrand-Pointe ist ein Bluff.

Womöglich hat sich Gauland selber gewundert, wie gut er damit durchkam. Alle Journalisten, auf die er nach dem 15. September traf, mussten nicht nur wissen, dass seine Soldaten-Äußerung Thema sein würde. Sie mussten auch wissen, wie er sie rechtfertigten würde — was heißt rechtfertigen: wie er seine Äußerung immer wieder damit krönen würde, indem er sie Mitterrand in die Schuhe schiebt. Wieso ließen sich unzählige Journalisten bei dieser für den Wahlkampf und die Bewertung der AfD so wichtigen Sache immer wieder mit dem gleichen Argument abspeisen, ohne auch nur einmal zu überprüfen, ob es überhaupt eines ist? Verließen sie sich darauf, dass das irgendwer schon gemacht hätte? Oder war es ihnen egal, was Mitterrand wirklich gesagt hatte, weil sie zwar ihre Aufgabe darin sehen, die Unsäglichkeit der AfD zur Schau zu stellen, aber nicht zu erklären, was es mit ihr auf sich hat, nicht zu benennen, was das Unsägliche ist?

Gauland schien sein Glück, die Sache so auf die Spitze treiben zu dürfen, kaum fassen zu können. Bei seinen letzten Auftritten wirkte es so, als würde er fast schon darauf warten, dass man ihn auf seinen Wahlkampfhit anspricht, und half, wenn es sein musste, noch etwas nach: Als ihn Tina Hassel, die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, in der vom „Ersten“ und vom ZDF übertragenen Wahlkampf-Schlussrunde der Spitzenkandidaten mit den Schlagzeilen konfrontierte, die zur Empörung geführt hätten, ohne den Inhalt dieser Schlagzeilen zu nennen, verwies er selbst auf sein Soldaten-Zitat. Natürlich als eines, das Mitterrand auch so gesagt hätte. Und dann: „Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.“ Warum fragt Hassel ihn etwas, von dem sie wissen musste, dass er es so beantworten würde, ohne ihm zu widersprechen? Warum bringt sie ihn in eine Situation, in der er vor einem Millionenpublikum behaupten kann, es gäbe da irgendeine Mitterrand-Argumentation, der zufolge man unterschiedlicher Meinung darüber sein könne, ob die Verbrechen der Wehrmacht etwas seien, worauf man stolz sein könne oder nicht? Warum lässt auch die ZDF-Hauptstadtstudio-Leiterin Bettina Schausten, die die Anschlussfrage stellt, das ebenfalls einfach so stehen?

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

In den vergangenen Wochen wurde darüber diskutiert, welchen Anteil die Medien am Erstarken der AfD haben, und über das Dilemma, das darin besteht, wenn Medien über gezielte Provokationen der AfD berichten. Dass man nicht über jedes Stöckchen springen müsse, was diese einem hinhalte. Dass man aber auch nicht nicht berichten könne, weil man ja schließlich aufklären müsse.

Am Wahlabend war Gaulands Soldaten-Zitat zunächst Thema in der „Elefantenrunde“, vorgebracht von der Linken-Chefin Katja Kipping, woraufhin der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen entgegnete: „Wollen Sie etwa Mitterrand angreifen?“ Es waren nun zehn Tage, in denen eine Mitterrand-Aussage, die es gar nicht gibt, permanentes Medienthema war. Nach den Leiterinnen der Hauptstadtstudios waren es diesmal die Chefredakteure von ARD und ZDF, Rainald Becker und Peter Frey, die sie, ohne sie in Frage zu stellen, einfach durchwinkten.

Etwas später am selben Abend saß Gauland dann bei Anne Will. Hier wollte der Journalist Hans-Ulrich Jörges den AfD-Mann selbst mit dessen Soldaten-Geschichte konfrontieren. Doch die Moderatorin entschied sich dafür, ihr Wissen um die Pointe („Herr Jörges, sie kennen die Antwort, Herr Gauland wird sagen, das hat Mitterrand auch schon gesagt.“) nicht etwa dafür zu nutzen, diese zu hinterfragen, sondern schnell zu einem anderen Thema zu wechseln. Am nächsten Tag, als die AfD in der Bundespressekonferenz ihren Wahlerfolg erklärte, Gauland wieder nach den Soldaten gefragt wurde und er erneut mit Mitterrand antwortete, musste das Kribbeln besonders groß gewesen sein. Der Saal war voll mit Hauptstadtjournalisten. Ob er auch diesmal damit durchkommen würde? Ob einer, nur einer von ihnen auf die Idee kommen würde, da einmal nachzufragen? Er musste sich keine Sorgen machen.

Nachtrag, 22:24 Uhr: Wir hatten diesen Beitrag heute Nachmittag so bei Twitter rumgeschickt:

Daraufhin meldete sich „dpa“-Nachrichtenchef Froben Homburger und sagte, dass die Nachrichtenagentur durchaus über die Differenz zwischen Gaulands Aussage und Mitterands Aussage berichtet habe:

Der Link, den Homburger mitschickte, führt zu einem „Tag 24“-Artikel, veröffentlicht am 25. September um 12:39 Uhr.

Wenn wir die Kritik von Froben Homburger im weiteren Twitter-Gespräch richtig verstehen, stört ihn vor allem ein Satz in unserem Tweet: „Kein Journalist hat es gemerkt“.

Homburger hat recht, dass seine „dpa“ zehn Tage nach dem ersten „dpa“-Gespräch gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt an der Rechtfertigung von Alexander Gauland. Insofern ist der eine Satz in unserem Tweet falsch. Dafür möchten wir um Entschuldigung bitten.

Wenn wir die Kritik von Froben Homburger immer noch richtig verstehen, hat er an dem Artikel selbst, den Johannes Kram hier geschrieben hat und der sich ohnehin auf einen Zeitraum bezieht, der mit dem Auftritt Gaulands in der Bundespressekonferenz am Morgen des 25. September endet, nichts auszusetzen.

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