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To B, or not to B

Etwas war anders in diesem Jahr, als die „Bild“-Zeitung am Rande der Berlinale ihre traditionelle Promi-Party „Place to B“ veranstaltete: Hinter den Kulissen gab es unter vielen der „500 handverlesenen Gäste“ Diskussionen darüber, ob man überhaupt hingehen sollte — oder ob man die Party boykottieren sollte, aus Protest gegen „Bild“.

Nur wenige Tage zuvor hatten die „Bild“-Medien in nicht weniger traditioneller Weise über den Anschlag von Hanau berichtet. Zwar stellte sich heraus, dass der mutmaßliche Täter rechtsradikale Motive hatte, „Bild“ jedoch mutmaßte nach der Tat reflexhaft darüber, dass kriminelle Ausländer dahinterstecken könnten. Russen womöglich oder Schutzgelderpresser aus „gewissen Milieus“. Eine weitere Folge der unendlichen „Bild“-Serie: Wie können wir Angst und Hass noch größer machen?

Kurz darauf also: Schicke „Bild“-Party im Borchardt. Doch einige Gäste konnten und wollten das nicht.

Nicht einmal 100 Stunden nach der Tat von Hanau mit den Menschen zu feiern, die für die rassistische Stimmung im Land entscheidend mitverantwortlich sind, fühlt sich für viele falsch an. Allen ist klar, dass man die Party nicht verhindern wird und dass man dadurch nicht die Welt verändert, aber es wäre ein Zeichen, ein dringend notwendiger Schritt, wenn die BILD versteht, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, ihre Hetze hinzunehmen. Und am allerwichtigsten: Dass die Stars und Sternchen, mit denen sie ihre Seiten so gerne füllen, nicht mehr „mitspielen“, solange dieser Zustand anhält.

So schreibt es die Aktivistengruppe „Modus“, die während der Berlinale dazu aufrief, die „Bild“-Party zu boykottieren. Auch einige der Eingeladenen regten im Hintergrund Diskussionen an: Hingehen? Nicht hingehen? Irgendeine Art Zeichen setzen?

Als auch die Agentur- und Presseleute Wind von den Boykott-Ideen bekamen, wurde es plötzlich hektisch. „Modus“ schreibt:

Bereits nach wenigen Stunden ist klar: Der Boykott-Aufruf sorgt für Wirbel. Presseagenten und Agenturen schreiben ihre Klienten und Klientinnen an. Hinter den Kulissen werden Gespräche geführt. Aus verschiedensten Richtungen wird Druck aufgebaut.

Und sichtbar wird das Dilemma, in dem sich nicht nur die Entertainmentbranche, sondern auch Politikerinnen und Politiker und andere Personen der Öffentlichkeit offenbar immer wieder zu befinden fühlen: Sie wollen eigentlich nicht mit „Bild“, können aber anscheinend auch nicht ohne.

Die „Place to B“-Party zur diesjährigen Berlinale fand dann fast wie gewohnt statt. „Bild“-Chef Julian Reichelt kam, einige Schauspieler kamen, einige Models, Dschungelcampteilnehmer und andere „Stars“.

Einige blieben jedoch bewusst fern, aus Protest gegen „Bild“.

Andere kamen mit Statements:

Eine Gruppe von 15 Schauspielerinnen und Schauspielern auf dem Roten Teppich der Party halten Schilder, auf denen Botschaften stehen wie NORACISM

„Diversität ist Normalität“ oder „#NORACISM“ stand auf den Schildern. Es gab auch subtile „Bild“-Kritik: „Euer Bild ist nicht unser Bild“ oder „Deutschland sind wir ALLE!“, geschrieben in typischer „Bild“-Aufmachung.

Am Tag darauf berichtete auch die „Bild“-Zeitung über die Party, widmete ihr sogar die komplette letzte Seite:

Letzte Seite der Bild-Zeitung gefüllt mit Fotos von der Place-to-B-Party. Überschrift: So bunt war PLACE TO B noch nie!

Dass einige Gäste mit Botschaften kamen, erwähnte die Redaktion jedoch mit keinem Wort. Auch Fotos davon druckte sie nicht ab.

Online berichtete Bild.de ebenfalls über die Party, zeigte mehr als drei Dutzend Fotos. Von den Gästen mit Schild: kein einziges. Für Kritik an „Bild“ ist in „Bild“ eben kein Platz. Ganz traditionell.

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