1. “Geomagnetisches Stürmchen droht” (heise.de)
Die Schlagzeile “Gigantischer Sonnen-Sturm im Anmarsch” auf Bild.de: “In den zurückliegenden Sonnenfleckenmaxima gab es solche Stürme über Jahre hinweg im Abstand von wenigen Wochen, ohne dass diese Schäden hinterlassen hätten. Erst wenn die höchste Kategorie erreicht ist, geraten Satelliten und Stromnetze in Gefahr; ob tatsächlich Probleme auftreten und wie groß diese sind, hängt von verschiedenen Parametern ab.”
2. “China überholt Deutschland bei den regenerativen Energien” (diewunderbareweltderwirtschaft.de, Dieter Meyeer)
Die Schlagzeile “Erneuerbare Energien: China überholt Spitzenreiter Deutschland” auf Spiegel.de: “Sicher, China investiert in Wind und Solar. Aber zu behaupten, dass China bereits in der Größenordnung liegt wie Deutschland, ist kompletter Unfug, den man sich nur zusammenschreiben kann, wenn man in Mathe gepennt hat (oder wenn man ne knallige Überschrift braucht).”
4. “Im Interesse der Öffentlichkeit” (sonntagszeitung.ch, Stephan Russ-Mohl)
Warum ist die Zahlungsbereitschaft für Journalismus “in der jungen Generation so drastisch geschwunden, während man für SMS und Klingeltöne bereitwillig Geld hinblättert”, fragt Stephan Russ-Mohl und antwortet, dass “zumindest die klügeren Leserinnen und Leser zu Recht mehr und mehr an der Glaubwürdigkeit ihrer Medien” zweifeln. Sie sähen “nicht recht ein, dass sie für weniger redaktionelle Leistung mehr Geld bezahlen sollen.”
5. “Testament der Ratlosigkeit – Anmerkungen zu Blumencron” (datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat beschäftigt sich mit dem Text “Schafft den Online-Journalismus ab” (faz.net, Mathias Müller von Blumencron): “Nein, wirkliche Rezepte hat Blumencron nicht anzubieten. Einerseits meint er, dass Redaktionen Feuer anzünden müssten, um zu bestehen. Gleichzeitig verweist er auf den Innovation Report der NYT. Das US-Mediums brennt wie kein anderes ein Feuer im Netz ab. Aber es gibt selber zu, so zitiert Blumencron die Analyse, bislang nicht den ‘Code der digitalen Ära’ geknackt zu haben. Warum sollte man also der NYT nacheifern? Weil man selbst keine bessere Idee hat? Und spielt man wirklich in der gleichen Liga wie die NYT oder der Guardian?”
Normalerweise kümmern wir uns hier ja nicht um das Fehlverhalten von Parteien, sondern um das von Medien. Da sich gestern aber das eine aus dem anderen ergeben hat, wollen wir nochmal kurz über die AfD sprechen.
Die Partei hat am Montag bei Facebook einen Artikel der “Bild”-Zeitung geteilt. Darin geht es, wie wir gestern berichteten, um das Deutsche Rote Kreuz in Bautzen, das sich neuerdings Schutzwesten besorgt hat — laut “Bild” aus “Angst vor Attacken” in einem Asylbewerberheim. Allerdings hat sich der “Bild”-Reporter die Fakten nur geschickt zurechtgedreht. In Wahrheit steht die Anschaffung der Westen laut DRK in keinem Zusammenhang mit dem Heim, und auch der Polizei ist dort “kein Übergriff auf Rettungspersonal bekannt.”
Gut, das konnte die AfD am Montag noch nicht wissen. Und klar: Wenn die “Bild”-Zeitung Quatsch berichtet, kann die AfD nichts dafür.
Trotzdem hat auch die Partei dazu beigetragen, die Wahrheit zum Nachteil der Asylbewerber zu verzerren. In der Ankündigung des Artikels schrieb sie nämlich:
Häufig stehen die Bewohner unter Alkohol- oder Drogeneinfluss und stellen dann eine Gefahr für die Hilfskräfte dar.
Das stimmt nicht. Zumindest ist davon im “Bild”-Artikel keine Rede. Der DRK-Chef hatte lediglich gesagt:
“Meine Mitarbeiter sind nicht zu beneiden. Wenn sie zu Patienten müssen, die unter Einfluss von Drogen- oder Alkohol stehen, psychische Erkrankungen haben oder gewaltbereit sind, dann ist eine Schutzausrüstung einfach notwendig!”
Er spricht ganz klar von allen Patienten. Auf die Bewohner des Asylbewerberheims geht er gar nicht ein.
Das heißt: Entweder hat die AfD den Artikel nicht richtig gelesen, oder sie will bewusst Stimmung gegen die Asylbewerber machen. Und wenn man sich das weitere Verhalten der Partei anschaut, muss man wohl zu dem Schluss kommen, dass Letzteres der Fall ist.
Denn obwohl spätestens seit gestern Mittag klar ist, dass die “Bild”-Zeitung ihre Leser mit dem Artikel in die Irre geführt hat, blieb der Facebook-Eintrag der AfD weiter online — und der Hetzmob durfte sich weiter austoben.
Selbst die übelsten Kommentare — von rassistischer Hetze bis hin zu konkreten Mordfantasien — wurden nicht gelöscht. Nun könnte man annehmen: Die AfD, die sich ja gerne als Wächterin der Meinungsfreiheit und Kämpferin für Transparenz inszeniert und deren Anhänger immer gleich “ZENSUR!!” schreien, wenn ihre Kommentare irgendwo gelöscht werden, moderiere auf ihrer Facebook-Seite aus Prinzip gar nicht. Aber: Doch, das tut sie.
Gut ein Dutzend Personen hat gestern auf der AfD-Seite unseren BILDblog-Eintrag verlinkt. Jeder einzelne davon wurde binnen Minuten gelöscht. Wir haben es selbst versucht, doch kurze Zeit später war unser Kommentar verschwunden — und wir als Kommentator gesperrt. Auch andere Kommentare (ohne Link), die darauf hinwiesen, dass der “Bild”-Artikel falsch sei, wurden sofort entfernt. Die Hetzsprüche hingegen blieben unangetastet.
Erst heute hat die Partei den Eintrag komplett gelöscht.
Nachtrag, 12. September: Wir haben versucht, eine Stellungnahme von der AfD zu bekommen, doch auf den versprochenen Rückruf warten wir bis heute.
Unsere Leserin Julia S. hat aber ebenfalls nachgefragt und gestern tatsächlich eine Antwort bekommen.
Die Anfrage:
Sehr geehrte Damen und Herren,
in den sozialen Medien diskutiert man zur Zeit über eine vor kurzem veröffentlichte Falschmeldung, die auch Sie auf Ihrer FB-Seite geteilt haben. In besagter Meldung wird suggeriert, dass Rettungssanitäter aufgrund des Einsatzes mit Asylbewerbern Schutzwesten tragen. Trotz diverser Kommentare auf Ihrer FB-Seite, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, haben Sie erst nach einiger Zeit den Artikel gelöscht. Zuvor wurden kritische Kommentare entfernt und Nutzer blockiert. Im Gegensatz dazu blieben viele hetzerische Kommentare bestehen.
Ich frage mich nun, wie ein solches Handeln beispielsweise mit dem Slogan der AfD zur Landtagswahl in Thüringen (“Politik ohne Denkverbote”) vereinbar ist. Weiterhin heißt es in Ihrem Link (http://www.alternativefuer.de/landtagswahl-thueringen/): “Die Schere zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung muß sich wieder schließen. In diesem Bewußtsein wenden wir uns mit Nachdruck gegen zunehmend verbreitete Tendenzen, Andersdenkende einzuschüchtern oder zivilgesellschaftlich auszugrenzen. Wo dies militant geschieht, erinnern wir den Staat an sein Gewaltmonopol und die Öffentlichkeit an ihre demokratische Pflicht, sich für die Wahrung von Grundrechten und -werten zu engagieren.” Auch diese Aussage steht für mich im Gegensatz zu Ihrem Handeln zwecks besagter Falschmeldung.
Nebenbei würde mich auch interessieren, warum ihre Partei, die auch Personen der Hochschullandschaft vertreten möchte, noch die alte Rechtschreibung (z.B. muß, Bewußtsein) nutzt.
Über eine Antwort Ihrerseits würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Julia S.
Die Antwort:
Hallo Julia,
wir sind es gewohnt, dass zu fast jedem unserer Threads einige User kommentieren, das sei alles nicht wahr, übertrieben o.ä. Wir nehmen das sicherlich nicht jedesmal zum Anlass, den Wahrheitsgehalt eines verlinkte Berichts aus den Medien zu überprüfen. “Kritische” Kommentare wurden nicht gelöscht, sondern nur Kommentare, die gegen unsere Forenregeln verstoßen (siehe Impressum [Link von uns, Anm.]). Nachdem wir heute früh festgestellt haben, dass die kritischen Kommentare vermehrt gepostet worden waren, haben wir das geprüft und den Post danach entfernt. Man muss aber feststellen, dass es vielen “Kritikern” nicht darum ging, einen Post mit falscher Information zu verbergen, sondern offensichtlich nur darum, auf der Seite gegen die AfD “Stimmung” zu machen. Nicht anders ist es zu interpretieren, dass genau diese “Kritiker” nach der Löschung des Posts dazu übergingen, genau diesen immer wieder hier zu posten und eine “Entschuldigung” zu verlangen…
Diese, unsere Handlungsweise entspricht im Übrigen genau dem von Ihnen zitierten Absatz: Man versucht durch organisierte Aktionen auf unserer Seite “Andersdenkende” auszugrenzen, diffamiert AfD Anhänger und beleidigt diese. Wir halten die Meinung des überwiegenden Teils dieser “Kritiker”, die wir gestern zu diesem Thema auf unserer Seite hatten, nicht für die öffentliche Meinung!
Ihre abschließende Frage ist darin zu beantworten, dass es auch Unterstützer der AfD gibt, die ihre Schulausbildung bereits vor 1996 beendet haben. An den Reaktionen der User erkennen wir, dass sich kaum jemand daran stört, da es den Menschen hauptsächlich um die Inhalte geht. Grundsätzlich haben Sie jedoch Recht und wir sind bereits auch in diesem Punkt dabei, unsere Strukturen professioneller zu gestalten. Bis dahin verweisen wir auf die Aussagen unserer vielen und sehr gut ausgebildeten Funktions- und Mandatsträger wie Hr. Lucke, Hr. Henkel usw., die sicherlich den Ansprüchen des von Ihnen genannten Personenkreises in vollem Umfang entsprechen dürften.
VG (RH)
2. “Öffentlich-Rechtliche: Mord, Liebe, Ärzte und Tiere” (novo-argumente.com, Benjamin Buchwald und Alexander Fink)
Eine Auswertung des TV-Programms vom 15. bis zum 21. August 2014: “Während Unterhaltungssendungen bei der ARD 55 Prozent der Sendezeit in Anspruch nehmen, sind es 57 Prozent beim ZDF. Sendungen mit Bildungsinhalten werden bei der ARD lediglich 14 Prozent der Sendezeit zuteil und 8 Prozent beim ZDF.”
3. “Why More Americans Should See the Beheading Videos” (firstlook.org/theintercept, Peter Maass, englisch)
Nicht weniger, sondern mehr Bilder von toten oder verwundeten Amerikanern sollten in den Medien gezeigt werden, findet Peter Maass: “Support for the wars since 9/11 could be undermined if Americans were to see the ghastly things that happen to their brothers and sisters in combat. This is generally attributed to a lesson supposedly learned by the generals in Vietnam: If you let photographers take pictures of American dead and injured, you will lose public support for the messy undertaking of mass violence.”
4. “Déjà-Vu nach 13 Jahren” (heise.de/tp, Stefan Korinth)
Stefan Korinth kommentiert den öffentlichen Umgang mit 9/11 und dem Ukraine-Konflikt: “Das Scheitern vor allem der Leitmedien an journalistischen Idealen wie Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit, kritischer Distanz, Sorgfalt oder Ergebnisoffenheit ist dabei mehr als nur eine Parallele zwischen 9/11 und dem Ukraine Konflikt. Die bedingungslos unkritische Unterstützung der nationalen Regierungslinie sowie der Einsatz für konkret nie benannte ‘westliche Werte’ ist quasi die verbindende Konstante der Auslandsberichterstattung von damals bis heute und gleichzeitig eine Bankrotterklärung an das eigene Berufsethos.”
5. “Die PR-Virtuosen von Ringier” (blog.tagesanzeiger.ch/offtherecord, Christian Lüscher)
Christian Lüscher liest Medienmitteilungen des Ringier-Verlags über Leserzahlen: “Nirgends verkaufen PR-Verantwortliche Niederlagen schöner; es sind wahre PR-Virtuosen am Werk.”
Gestern wurde bekannt, dass der Fußballspieler Maicon aus der brasilianischen Nationalmannschaft geworfen wurde. Weil die Gründe für den Rauswurf zunächst nicht genannt wurden, sind seither viele Spekulationen im Umlauf. Die Version mit der Chili-Schote hat es den Medien aber ganz besonders angetan:
Maicon soll seinem alkoholisiert schlafenden Mitspieler Elias nach einer Party-Nacht eine Chili-Schote (mit Milch!) in den Po geschoben haben. Später soll Maicon dem aufgewachten Elias auch noch erzählt haben, er habe ihn auf einer Disko-Toilette gefunden. Vergewaltigt von vier Männern. Eine ziemlich üble Verarsche.
Kann man so sagen. Und hätte sich die “Bild”-Reporterin die Quelle (die sie natürlich nicht nennt) mal etwas genauer angesehen, hätte sie auch schnell gemerkt, wer hier eigentlich verarscht wurde — nämlich sie selbst. Das Portal, das die Chili-Geschichte in die Welt gesetzt hatte, ist eine Satire-Seite.
Überall auf der Welt sind die Medien aufdenFakereingefallen. Inzwischen hat die Satire-Seite den Artikel gelöscht und sich entschuldigt. Viele Medien (Bild.de ausgenommen) haben ihre Artikel dementsprechend korrigiert.
Doch wer glaubt, das würde die Journalisten jetzt davon abhalten, das Märchen weiter zu verbreiten, der kennt “Focus Online” nicht. Obwohl nach dreisekündiger Recherche feststeht, dass an dieser Geschichte nicht das Geringste dran ist, schrieb das Portal vor ein paar Stunden:
Im Teaser heiß es:
Offiziell ist Maicon mit der Begründung “Disziplinlosigkeit” aus der brasilianischen Nationalmannschaft geflogen. Er soll nach einem freien Tag zu spät zurückgekommen sein. Doch laut Gerüchteküche soll er einem Mitspieler ganz übel mitgespielt haben. Die Vorwürfe sind unglaublich.
In der Tat.
Mit Dank an Anita.
Nachtrag, 11. September: “Focus Online” hat den Artikel unauffällig korrigiert. Bild.de gibt den Fehler immerhin zu.
1. “Ein Koffer voller Mitleid: Judith Rakers im Betroffenheits-TV” (dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader schaut “Schicksal Armutsfalle – mit Judith Rakers” (ndr.de, Video, 28:57 Minuten): “Diese halbe Stunde festzementierte Chancenlosigkeit ist eine unfassbare Herabsetzung all derer, die daran glauben, dass es sich zu kämpfen lohnt, um die eigene Situation zu verbessern – und auch deshalb so perfide, weil sich Rakers am Ende wieder den Blazer überstreift, um sich im selben Ton, mit dem man Kleinkinder tröstet, die gerade vom Dreirad gekippt sind, von ihrer Protagonistin zu verabschieden: ‘Danke, dass ich in dein Leben gucken durfte.'”
3. “Ebola-Falschmeldung verbreitet sich rasant” (merkur-online.de, Patrick Wehner)
Ein Mann aus Somalia muss sich am Hauptbahnhof in München übergeben, worauf Ebola-Fehlalarm ausgelöst wird: “Die Medienhäuser ließen ihre Reporter in Scharen ausschwärmen. Mit Kameras, Fotoapparaten und nett gemeinten Wünschen, gesund zu bleiben. Dass es in Somalia zwar alles Mögliche gibt, wie zum Beispiel Hungersnöte und Warlords, aber bislang nicht einen einzigen Ebola-Fall: wurscht.”
4. “Legats falsche Freunde” (reviersport.de, Ulrich Homann)
Ulrich Homann kommentiert die “Bild”-Titelschlagzeile “Bundesliga-Star Thorsten Legat (45): Mein Vater hat mich sexuell missbraucht!”.
5. “Fokussierung auf hochwertige Publizistik” (nzz.ch, Etienne Jornod)
Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod bezeichnet “die Herstellung hochwertiger journalistischer Angebote” sowie “Relevanz, profilierte Meinungen und Recherche” als das Kerngeschäft der NZZ-Mediengruppe: “Wir haben viel Zeit verloren. Entsprechend müssen wir nun rasch und entschieden, aber auch mit grosser Sorgfalt reagieren. Eine Lehre ist, sich frühzeitig mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Ich kenne keine andere Industrie, die so wenig in Forschung und Entwicklung investiert wie die der Medien. Die Medienbranche hat ihre eigene Revolution verschlafen.”
6. “Erneute Attacke auf RUNDSCHAU-Redaktion” (lr-online.de, Sascha Klein)
Die Lokalredaktion der “Lausitzer Rundschau” in Spremberg wird mit Naziparolen verunstaltet. “RUNDSCHAU-Chefredakteur Johannes M. Fischer verurteilte die Tat: ‘Der Überfall hat offenkundig mit unserer Berichterstattung über einen Prozess gegen gewalttätige Neonazis zu tun. Es bleibt dabei: Einschüchterung funktioniert bei uns nicht. Wer uns schlagen will, trifft sich selbst.'” Siehe dazu auch “Nicht mit uns!” (lr-online.de, Johannes M. Fischer).
1. “Das Ende des klassischen Teasers” (sueddeutsche.de, Niklas Hofmann)
Ist ein vom bezahlpflichten Artikel abgetrennter und frei verfügbarer Teaser presserechtlich etwas Eigenständiges? Niklas Hofmann schreibt zu einem konkreten Rechtsstreit mit Bild.de: “Falls beide aber tatsächlich getrennt zu behandeln sind, dann wären in Zukunft auch Konstellationen denkbar, in denen ein Artikel als solcher nicht zu beanstanden, ein Anreißer mangels Differenzierung aber sehr wohl verbotsfähig wäre.”
2. “‘Wer die Ausnahmestellung von Bild nicht anerkennt, geht unter'” (vocer.org, Christian Wulff)
Ein Auszug aus dem Buch “Ganz oben, ganz unten” von Christian Wulff: “Im Dezember 2007 suchte Bettina ihre Gynäkologin auf, sie war im fünften Monat schwanger. Ihr Mutterpass lag auf dem Tresen. Ein Mann, der im Wartezimmer saß und sie erkannte, unterrichtete die Bild-Zeitung. Meinem Pressesprecher blieb nichts anderes übrig, als die Information zu bestätigen. Die wichtigste Frage, die Bild und andere jetzt beschäftigte: Wird es ein Mädchen oder ein Junge? Das ging wochenlang hin und her, und am 23. März 2008 ‘enthüllte’ Bild, Bettina erwarte ein Mädchen. Als am 12. Mai unser Sohn Linus auf die Welt kam, war Bild blamiert.”
3. “Ehe, Gewicht, Promis: Wie man Experte für Allesmögliche bei ‘bunte.de’ wird” (stefan-niggemeier.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz befragt Abbas Schirmohammadi, der Bunte.de regelmäßig “Einschätzungen mit psychologischem Hintergrund” liefert: “Ach, ja: Ich habe Herrn Schirmohammadi übrigens seine Zitate zugeschickt. Wünschte er so. Und dann hat er einiges duchaus Interessantes gestrichen. Auf die Frage, ob er das bei bunte.de auch so mache, antwortet er, dass er den Redaktionen, die anfragen, seine Einschätzungen schriftlich zukommen lasse. Was sie daraus verwenden würden, obliege den Redaktionen. Darauf habe er keinen Einfluss.”
4. “Gläserner User: Wie Verlage ihre Leser ausspähen” (ndr.de, Video, 5:52 Minuten)
Während Zeitungen Google und andere Dienste in langen Artikeln als “Datenkraken” bezeichnen, lassen sie selbst die Nutzer ihrer Websites per Webtracking ausspähen.
5. “Die Spur der 40.000” (deutschlandradiokultur.de, Janosch Delcker)
Janosch Delcker geht der Frage nach, wie sich das Gerücht verbreiten konnte, dass während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 “40.000 ausländische Prostituierte” (“Zeit”) / “40.000 Huren aus Osteuropa” (“Spiegel”) in Deutschland erwartet werden. “Eine Zahl steht im Raum. Ein Journalist der dpa schreibt sie auf. Er verweist auf eine prominente Frauenbeauftragte, die sich wiederum auf eine Behörde beruft. Diese dementiert, dass die Zahl von ihr kommt. Aussage gegen Aussage. Hier endet die Spurensuche nach dem Ursprung dieses Gerüchts.”
1. “‘Bei Naturkatastrophen finden wir besonders viele Fakes'” (journalist.de, Catalina Schröder)
Ein Interview mit Mark Little von Storyful, das Medienhäuser mit verifizierten Inhalten aus Sozialen Medien beliefert. “Vor ein paar Jahren haben Reporter Sätze gesagt wie ‘Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, was ich gerade sehe’. Heute hat jeder Zugang zu Fotos und Videos von Augenzeugen. Soziale Netzwerke machen es auch für Politiker viel schwieriger, Dinge zu ignorieren. Sie können nicht mehr sagen, dass sie von einem Thema nichts wussten. Es gibt für alles Augenzeugenberichte, die überall für jeden verfügbar sind.”
2. “Wir haben nicht zugehört” (taz.de, Karim El-Gawhary)
“In einer Zeit, in der die Medien den Krieg in Syrien fast vergessen und andere Konflikte auf die Tagesordnung des wandernden Krisenzirkus gesetzt hatten”, haben James Foley und Steven Sotloff aus Syrien berichtet, und wir hätten nicht zugehört, schreibt Karim El-Gawhary: “Westliches Wegsehen und auch ein Stück Arroganz und arabische Verzweiflung sind die Grundstoffe, die den IS zu dem gemacht haben, was er heute ist: eine Organisation, auf deren Gräueltaten wir nun angstvoll blicken.”
3. “Kool Savas: Kein Pantoffelheld” (woz.ch)
Die WOZ erhält ein Schreiben einer Anwaltskanzlei, die Kool Savas vertritt: “Staiger hatte Kool Savas im Text eine homophobe Geisteshaltung, Highlander-Romantik und völkischen Heroismus vorgeworfen. Das allerdings war nicht Gegenstand der Beschwerde: ‘Unserem Mandanten wird unterstellt, (…) ein ‘Pantoffelheld’ zu sein’, schreibt die Kanzlei. Der Begriff ‘Pantoffelheld’ findet sich allerdings nicht im besagten WOZ-Text. Er ist eine Kreation von Höcker Marken & Medienrecht. Weil es sich aber tatsächlich nicht zweifelsfrei belegen lässt, dass es sich beim Berliner Gangstarapper in Wirklichkeit um einen, wie seine Anwälte es interpretieren, ‘Pantoffelhelden’ handelt, ist die WOZ bereit, die entsprechenden zwei Sätze in der Online-Version zu schwärzen.”
4. “Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion” (bzw-weiterdenken.de, Franziska Schutzbach)
Franziska Schutzbach schreibt über Politische Korrektheit: “Der Vorwurf des Tugendterrors spiegelt letztlich eine autoritäre Geisteshaltung, die weder verstehen will, noch an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen interessiert ist, sondern vor allem eines im Sinn hat: Zu verbieten und über falsch und richtig zu urteilen.”
Sie wirkt leicht angespannt, ja skrupulös in ihren Ausführungen, wie sie dasitzt am Tisch eines Cafés in Berlin-Charlottenburg und von ihrem Romandebut spricht.
“Sie”, das ist Schriftstellerin Judith Hermann. Die Passage stammt aus einem Porträt über sie, das in der vergangenen Ausgabe des “Cicero” erschienen ist, geschrieben von Peter Henning, der ebenfalls Schriftsteller ist.
Und es wirkt, als habe Peter Henning seine Gesprächspartnerin sehr genau beobachtet, während sie so dasaß in dem Café in Berlin-Charlottenburg, denn er schreibt:
Jede ihrer Bewegungen erscheint bewusst und kontrolliert, ihr Lächeln beinahe scheu.
Oder:
(…) erläutert sie und fährt sich mit den Händen über das streng zu einem Knoten gefasste Haar.
Oder:
(…) sagt Judith Hermann und lächelt.
Oder:
Über ihren Zügen liegt Anspannung.
Oder:
Wenn sie aber kurz lacht, weicht die grüblerische Konzentriertheit so schnell, wie sie kam, mädchenhafter Leichtigkeit.
Das Problem ist allerdings: Judith Hermann saß gar nicht in diesem Café in Berlin-Charlottenburg. Also, vielleicht schon, irgendwann mal. Aber nicht mit Peter Henning. Das Treffen zwischen ihm und der Schriftstellerin, das er hier suggeriert, hat es in Wahrheit nämlich nie gegeben.
Der “Cicero” hat das in seiner aktuellen Ausgabe richtiggestellt:
Wir wollten von Peter Henning wissen, warum er die Redaktion — und die Leser — dermaßen getäuscht hat, doch auf unsere Anfragen hat er nicht reagiert.
1. “Die Zwei-Klassen-Gesellschaft beim ‘Spiegel'” (wiwo.de, Bettina Röhl)
Bettina Röhl beleuchtet das “sozialistische Experiment” der Mitarbeiterbeteiligung beim “Spiegel”: “Links schreiben, rechts leben ist kein unbekanntes Phänomen. Tatsächlich wurden die Redakteure schnell zu saturierten Kapitalisten, die ihre Pfründe unter keinen Umständen und zu keinem Zeitpunkt mit irgendjemand wieder teilen wollten. Und da ist man schnell bei dem aktuellen Geschehen im Spiegel. Eigentlich könnte die Mitarbeiter-KG selbstherrlich durchregieren. Doch dazu ist sie aufgrund innerer Befindlichkeit offenkundig nicht in der Lage, obwohl sie in einer sehr komfortablen Lage ist.”
2. “‘Print und Online! Macht endlich gemeinsame Sache!'” (jensrehlaender.tumblr.com)
Jens Rehländer hat Ideen, wie die “Spiegel”-Print-Redaktion aktiviert werden könnte: “Vielleicht ist der Kulturkampf zwischen Print- und Online ja auch bloß wieder eine Frage des Geldes. Auch beim SPIEGEL. Denn offenbar gibt es eine enge Relation zwischen festem Monatseinkommen und persönlicher Innovationsfähigkeit. So lange das Konto zu jedem Ersten verlässlich gefüllt ist, lahmt der Wille zum Wandel. Ist das Geld aber gefährdet ist man plötzlich zu vielem fähig. Vielleicht ja auch zur Kooperation mit jenen, die man vorher noch als Gegner betrachtet hat?”
3. “‘Gaza ist eigentlich ein hübscher Ort'” (freitag.de, Tracy McVeigh und Joëlle Weil)
Tracy McVeigh und Joëlle Weil sprechen mit vier Kriegsfotografinnen: Loulou d‘Aki, Lynsey Addario, Alixandra Fazzina und Maggie Steber.
4. “‘RP Online’ hat das Rätsel gelöst: So wird der Journalismus im Netz finanziert!” (tobiasgillen.de)
“Konsequentes Leservergraulen, maximale Ausschlachtung der Werbeplätze, minimale Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte”, so funktioniere die Finanzierung von Journalismus online, stellt Tobias Gillen fest, der eigentlich nur einen Artikel lesen wollte: “Statt einen Text über ‘Funkschalter und Funkempfänger’ zu lesen, sah ich VW-, Aldi- und Hemden-Werbung, die dann aber von einem fahrenden Auto-Duo inklusive Banner und Stadtpanorama überdeckt wurde.”
5. “Werbespot vor der Hinrichtung” (medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
In einem von Werbung unterbrochenen Beitrag kritisiert Rainer Stadler Werbung vor einem Reuters-Video “mit der minutenlangen, erzwungenen Deklaration” des Journalisten James Foley “kurz vor seiner Ermordung”.
2. “Propagandatricks – oder schlichte Versehen” (tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Zur Bildunterzeile “Russische Kampfpanzer fahren am 19.08.2014 noch unter Beobachtung von Medienvertretern in der Ukraine” zeigt Wdr5.de ein Foto, das mutmasslich aus dem Jahr 2009 stammt: “Tatsächlich stammte das Bild offenbar aus dem Jahre 2009 und zeigte das russische Manöver ‘Kaukasus 2009’. In diesem Kontext jedenfalls wurde es vor fünf Jahren auf der Internetseite des Fernsehsenders n-tv verwendet.”
3. “Nachruf auf den Chefredakteur” (welt.de, Peter Praschl)
Peter Praschl stellt den heutigen Chefredakteur dar als einer, der es “jeden Tag allen, allen, allen recht machen muss: Den alten Lesern, die er nicht verlieren darf, den Jungen, die er gewinnen muss; seinen Mitarbeitern, und zwar sowohl den Onlinern als auch den Printern; den Anzeigenkunden, die sehr viel divenhafter geworden sind; den Controllern und Managern, für die er den Laden schmeißt, dem sie ihre Renditen entnehmen, und die ihn dennoch ohne Erbarmen feuern werden, wenn das von ihnen angelegte prognostische Lineal eine Linie nach rechts unten zeigt.”
4. “Wie sich der Journalismus durch Klicks und Traffic verändern wird” (onlinemarketing.de, Roger Taiber)
Journalisten, die ihr Einkommen mit hohen Besucherzahlen aufbessern: “Viele Zeitungen in den USA arbeiten bereits mit dem neuen Provisionsmodell. Der Journalist erhält ein Grundgehalt und erwirtschaftet den Rest seines Gehalts mit Traffic im Internet.”
5. “When it comes to chasing clicks, journalists say one thing but feel pressure to do another” (niemanlab.org, Angèle Christin, englisch)
Angèle Christin verbringt über 400 Stunden in verschiedenen Newsrooms und befragt rund 100 Journalisten: “In other words, all media sites now rely on web analytics to make editorial decisions. But this does not mean that they all use and interpret metrics in similar ways. In fact, each editorial department makes sense of traffic numbers differently. There is not one but several ‘cultures of the click.'”