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Big Brother, Focus, Tierquälerei

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Big Brother, keiner braucht’s in Zeiten von Youporn”
(welt.de, Johanna Merhof)
Niemand brauche die RTL2-Sendung “Big Brother”, die so zynisch sei, dass es beinahe weh tue, meint Johanna Merhof: “Und das nicht etwa, weil die Show so skandalös ist, sondern weil sie so unfassbar billig produziert ist. Es passierte – nichts.”

2. “Focus: Generalüberholung unter altem Chef”
(sueddeutsche.de, Hans-Jürgen Jakobs)
Der neue “Focus”-Chefredakteur Wolfram Weimer darf das Blatt noch nicht von Helmut Marktwort übernehmen, die geplante Neuausrichtung soll aber so aussehen: “Er will das Magazin Focus, das in Politik und Wirtschaft wegen seines bemühten Verbraucherjournalismus nur müde belächelt wird, zum ernstzunehmenden Debattenheft machen. Das Kunststück soll mit bekannten Fremdautoren gelingen.”

3. “Kritik an Merkels Führungsstil: Warum erst jetzt?”
(carta.info, Andreas Griess)
Andreas Griess fragt sich, warum die Medien erst jetzt, in der neuen Koalition, eine Führungsschwäche von Bundeskanzlerin Angela Merkel feststellen.

4. Interview mit Gabriele Fischer
(innovativ-in.de, Elita Wiegand)
Über “Unternehmer, die gerne in brand eins über sich lesen würden”, sagt Chefredakteurin Gabriele Fischer: “Es gibt einige Unternehmen, die das gerne wollten und dann anschließend fassungslos darüber waren, dass ihnen kritische Fragen gestellt wurden.”

5. “Der ‘Spiegel’ geht googeln”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Es gab mal eine Zeit, die Älteren werden sich erinnern, in der Deutschland als Land der Technik und der Innovation galt. ‘Made in Germany’ war eine Auszeichnung und verkaufte Produkte weltweit. Deutschland, das setzten viele auf dem Globus gleich mit ‘Fortschritt’. Heute ist in Deutschland Fortschritt dagegen pfuibah.”

6. “Tierquälerei bei Wiesenhof? Wie Hühner leiden müssen”
(youtube.com, Video, 6:16 Minuten)
Der “Report Mainz” berichtet über die Tierhaltung in einem Betrieb der PHW-Gruppe, für deren Marke Wiesenhof Dieter Bohlen Werbung macht. Inzwischen hat Wiesenhof Strafanzeige gegen die “Betreiberin der Elterntierfarm in Twistringen” und auch gegen die Tierrechtsorganisation PETA gestellt.

Will the real Kai Diekmann please stand up?

Nach wie vor ungeklärt ist, wer unter dem Namen “Kai Diekmann” in dem Blog Kai-Diekmann.de der Axel Springer AG schreibt. Zunehmend deutlicher wird allerdings, dass es sich nicht um den bekannten Chefredakteur gleichen Namens handeln kann.

Der Blogger “Kai Diekmann” macht sich heute wieder einmal über den Anwalt Johannes (“Jony”) Eisenberg lustig, der für viele Mandanten erfolgreich gegen Lügen und Persönlichkeitsrechtsverletzungen der “Bild”-Zeitung vorgegangen ist. Vor einigen Tagen hatte “Diekmann” in seinem Blog ein Interview veröffentlicht, das den spektakulären Eindruck erwecken sollte, mit eben diesem gegnerischen Anwalt geführt worden zu sein. Eisenberg hat nun vorhersehbar auf die Provokation reagiert und “Diekmann” aufgefordert, das zu unterlassen. “Diekmann” hat daraufhin ebenso vorhersehbar enthüllt, dass es ein ganz anderer Johannes Eisenberg war, mit dem er gesprochen hatte, und arbeitet weiter an seinem Image als coole Sau inmitten einer Welt voller klagewütiger Spaßbremsen:

Nur zur Klarstellung: Es kann doch wohl keiner geglaubt haben, Johannes sei Jony. Am allerwenigsten Jony selbst! Sie, liebe Blog-Freunde, haben für diese Erkenntnis nur gefühlte zehn Minuten gebraucht!!!

Oder ist alles noch viel schlimmer? Schlägt sich Jonys Verfolgungswahn Empfindlichkeit jetzt schon darin nieder, dass er sogar Interviews mit Namensvettern verbieten will? (…)

Lieber Jony, ich kann Dir als Dein Freund und Genosse wirklich nur noch raten: Mach doch mal Urlaub (vielleicht sogar in Thüringen, Tschechien oder im Erzgebirge…). Das wirkt bei Überspannungen Wunder.

Wegen so eines Spaßes gleich den Rechtsweg beschreiten — das würde “Kai Diekmann”, der Blogger, nicht tun.

Im Gegensatz zu Kai Diekmann, dem Chefredakteur der “Bild”-Zeitung.

Vor einem Dreivierteljahr begann Stefan Sichermann*, der Chefredakteur der sympathischen, nicht-kommerziellen Satireseite “Der Postillon”, unter dem Namen “DerChefred” zu twittern. Sein erster Eintrag lautete: “So der Chefredakteur von Der
Postillon ist jetzt auch bei Twitter! Geil!” Als Homepage gab er den “Postillon” an. Aber als Profilfoto benutzte er ein Bild von Kai Diekmann. Was er schrieb, las sich so:

Nun würde man sagen: Es kann doch wohl keiner geglaubt haben, “DerChefred” sei Kai Diekmann. Selbst die Blog-Freunde von “Kai Diekmann” hätten für diese Erkenntnis nur gefühlte zehn Minuten gebraucht (!!!). Aber Diekmann sah da offensichtlich eine reale Verwechslungsgefahr …

… und schaltete, sicher geplagt von schlimmen Überspannungen, seinen Anwalt ein. Der hatte ebenfalls keine Mühe, den wahren Absender zu erkennen, und mahnte ihn ab:

(…) Der Betrieb dieses Profils und insbesondere die unerlaubte Veröffentlichung des Bildes meines Mandanten stellt einen rechtswidrigen Eingriff in sein allgemeines Persönlichkeitsrecht und Recht am eigenen Bild gemäß § 22 KUG dar. Die unerlaubte Bildveröffentlichung erfüllt außerdem den Straftatbestand des § 33 KUG. (…)

Stefan Sichermann hat daraufhin das Bild Diekmanns sofort aus seinem Twitter-Profil genommen, das zu diesem Zeitpunkt das Interesse von gerade einmal 13 Followern (regelmäßigen Lesern) erreicht hatte. Obwohl er sich — abgesehen von der Verwendung des urheberrechtsfreien Fotos — nie als Kai Diekmann ausgegeben hat, war die Sache damit nicht erledigt: Diekmanns Anwalt schickte ihm eine Rechnung. Er setzte den Streitwert auf 7500 Euro fest und errechnete daraus Gebühren in Höhe von 661,16 Euro — ein erheblicher Betrag für den 28-jährigen Volontär. Sichermann schaffte es mithilfe eines befreundeten Anwaltes immerhin, die Forderung unter Verweis auf den übertrieben hoch festgesetzten Streitwert auf einen “niedrigen dreistelligen Betrag” herunterzuhandeln.

Ein niedriger dreistelliger Betrag für die harmlose, weitgehend unbeachtete und erkennbar scherzhaft gemeinte Verwendung eines Fotos, in der ausgerechnet der “Bild”-Chefredakteur eine Verletzung seines Persönlichkeitsrechtes sah.

Soviel zum Verfolgswahn des wahren Kai Diekmann.

*) Hinweis: Stefan Sichermann schreibt gelegentlich für BILDblog.

Born (Somewhere) In The U.S.A.

Preisfrage: Wo wurde US-Präsident Barack Obama geboren?
A) Kenia; B) Chicago; C) Hawaii; D) Chicago

Wenn Sie sich für Antwort A entschieden haben, gehören Sie möglicherweise zur Gruppe der sogenannten “Birthers”, die glauben, dass Obama außerhalb der USA geboren wurde und deshalb gar nicht Präsident sein dürfte. Diese Menschen gelten als Opfer von Verschwörungstheorien und allgemein als seltsam.

Wenn Sie Antwort B oder D, also “Chicago”, gewählt haben, gehören sie wahrscheinlich zu jenen Redakteuren bei Bild.de, die in den letzten Tagen mehrfach die Mär verbreiteten, Obama habe beim IOC-Gipfel in Kopenhagen für seine “Geburtsstadt” die Werbetrommel gerührt:

Schock für US-Präsidenten Barack Obama! Olympia-Bewerberstadt Chicago (Obamas Geburtsstadt) musste bei der Vergabe für die Spiele 2016 schon in der ersten Runde die Segel streichen.

Gestern vergab das IOC in Kopenhagen die Olympischen Spiele 2016. Den Zuschlag bekam Rio de Janeiro – und nicht die vom US-Präsidenten beworbene Stadt Chicago. Seine Geburtsstadt musst schon in der ersten Runde die Segel streichen.

Stutzig hätten die Redakteure von Bild.de eigentlich werden können, wenn sie ihre eigenen Artikel gelesen hätten. In beiden steht nämlich das Zitat des 48-jährigen Obama:

“Ich hab mich vor 25 Jahren nicht nur wegen Michelle in Chicago verliebt.”

Aber zurück zur Preisfrage: Sollten Sie sich trotz widriger Umstände für Antwort C (“Hawaii”) entschieden haben, dann liegen Sie nach allem, was man weiß, richtig — es sei denn, Sie sind ein seltsamer Verschwörungstheoretiker oder Redakteur bei Bild.de …

Mit Dank an Steffen.

Nachtrag, 17:20 Uhr: Bild.de hat die “Geburtsstadt” kommentarlos aus beiden Artikeln entfernt.

TV-Duelle, Kamera-Kriege, Krisen-Thesen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “TV-Duell: Eine journalistische Katastrophe “
(blog.zeit.de, Jörg Lau)
Jörg Lau ist mit den Moderatoren des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier nicht zufrieden: “Statt die Kontrahenten zu den Inhalten zu befragen, wurde sofort auf die Metaebene ausgewichen: Sind Sie nicht ein altes Ehepaar? Wann wird der Wahlkampf endlich unterhaltend? (Als ginge es darum!) Wollen Sie nicht in Wahrheit eine zweite Große Koalition gründen? (Als wäre das nicht dem Wähler vorbehalten.)”

2. “Haben Sie doch Interesse!”
(faz.net, Jürgen Kaube)
Jürgen Kaube bemerkt: “Maybrit Illner und Frank Plasberg unterbrachen die Kandidaten mitunter nachgerade, als hätten die Moderatoren sich nicht nur die Fragen, sondern auch gleich noch die richtigen Reaktionen notiert und stellten nun unwirsch fest, dass das Personal falsch antworte.”

3. “Der TV-Journalismus hat verloren”
(carta.info, Robin Meyer-Lucht)
Und auch Robin Meyer-Lucht sieht den Journalismus als Verlierer des Abends: “Das ‘Duell’ war nicht die Feier einer Fernsehkultur, wie es sich die Veranstalter erhofft hatten. Es war der Bankrott eines TV-Journalismus, der sich in den letzten Jahren zum dominanten Paradigma der Bewegtbild-Politikvermittlung hochgedient hat.”

4. “Der Krieg der Kameras”
(blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale, Johannes Boie)
Johannes Boie kritisiert die Veröffentlichung eines nicht-anonymisierten Videos (das kurzzeitig auch bei ihm zu sehen war, wie er in den Kommentaren zugibt): “Auf den Videos, die vor allem von Datenschutzaktivisten verbreitet werden, ist zum Beispiel keine Person anonymisiert. So sehr man den Polizisten beim Anblick der Schläge auch eine harte Bestrafung wünscht, hätte es nicht gereicht, den Ermittlungsbehörden die Gesichter des Polizisten zu zeigen?”

5. 5 Krisen-Thesen
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen liefert fünf ausführliche Thesen zur Zeitungskrise: “1. Der Leser wird zum Nutzer, 2. Zeitungen sind viel mehr als bloße Mittler zwischen Anzeigenkunden und Lesern, 3. Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten, 4. Es geht um Zugang, nicht um Content” und “5. Der aktive Rezipient wird zum (zahlenden) Mitglied.”

6. “Eleven Things I’d Do If I Ran a News Organization”
(mediactive.com, Dan Gillmor)
Und Dan Gillmor zählt 11 Dinge auf, die er tun würde, wenn er ein Nachrichtenunternehmen führen würde.

(Do You) Remember The Time

Fast hätten die Leser von Bild.de einen Tag ohne Neuigkeiten vom “King Of Pop” verbringen müssen.

Aber nur fast:

Seit Kurzem kursiert ein Video im Internet, das Jackson von einer Seite zeigt, die uns oft verborgen blieb: ganz normal und frei von Zwängen.

Anders als sonst hat Bild.de das Video nicht mit dem eigenen Logo versehen und online gestellt, sondern direkt von YouTube eingebunden.

Und das macht es einem besonders leicht, herauszufinden, was für einen Zeitraum Bild.de mit “seit Kurzem” meint:

06 April 2007
Knapp zweieinhalb Jahre.

Mit Dank an Robert, Andre S. und Can K.

Bild  

Rumkitteln an der nackten Katherine Heigl

Es gibt Artikel Textrudimente, die lassen einen etwas ratlos zurück. Fragen stehen im Raum und es ist zu befürchten, dass niemand kommen und sie wegräumen (oder wenigstens beantworten) wird: “Was soll das?”, “Mit welchem Körperteil wurde wohl der Text verfasst?” oder auch einfach nur “Hä?”

Katherine Heigl, nackt in "Bild"Wenn Sie dieses Foto sehen – welcher Filmtitel fällt Ihnen dazu ein? Volltreffer! “Die nackte Wahrheit” (Filmstart: 1. Oktober). Hauptrolle: Katherine Heigl (30), die wir bisher als Assistenzärztin “Izzie” in der Serie “Grey’s Anatomy” im blauen OP-Kittel kennen. Eine deutliche Steigerung.

Ja, das ist der vollständige Artikel. Und der Bildtext lautet:

Katherine Heigl tritt in ihrem neuen Film ganz ohne Arztkittel auf.

Nur zu gerne wüsste man, was genau dieses Foto (und ein weiteres im gleichen Setting, das Bild.de heute zeigt) mit dem Film “Die nackte Wahrheit” zu tun hat — also von Katherine Heigl und dem “nackt” vielleicht mal ab.

Das Bild entstammt nämlich einer Serie von Fotos, die schon vor einiger Zeit im Magazin “Maxim” erschienen sind. Genau genommen im Juni 2000, lange bevor Frau Heigl den “blauen OP-Kittel” zum ersten Mal angezogen hat.

PS: Der “Volltreffer” entpuppt sich vollends als Blindgänger, wenn man weiß, wie der Originaltitel von “Die nackte Wahrheit” lautet: “The Ugly Truth” (“Die hässliche Wahrheit”).

Mit Dank an Natalie R.

All Along the Watchblog

von Kathrin Passig

Gibt es nicht schon viel zu viel Erbsenzählerei, Besserwisserei und Bastiansickness auf der Welt? Und muss es nicht auch irgendwie ungesund für einen netten Menschen wie Stefan Niggemeier sein, sich so viel mit dem Schlechtfinden anstatt mit dem Gutfinden oder dem Ausdenken neuer, ganz anderer Dinge zu befassen? Ja und ja, und trotzdem brauchen wir dringend mehr Watchblogs. Denn der Mensch ist ein träges Geschöpf, das sich durch gute Vorsätze wie “ordentlich recherchieren” und “nicht immer lauter haltlosen Unfug in die Zeitung schreiben” nur begrenzt motivieren lässt. Eine viel robustere Antriebskraft ist der Wunsch, von anderen Menschen nicht bescheuert gefunden zu werden. Das erklärt David Simon, Autor der Serie “The Wire”, in einem Interview, das Nick Hornby 2007 geführt hat:

“Ich will, dass Mordermittler, Dealer, Hafenarbeiter oder Politiker in Amerika sagen können: Tatsache, genau so sieht mein Tag aus. Das ist mein Ziel. Und zwar nicht aus Stolz oder Ehrgeiz oder irgendeiner Autoreneitelkeit heraus, sondern aus Angst. Nackter Angst. Wie viele Autoren beschäftigt mich ständig der vage Albtraum, dass sich eines Tages jemand, der mehr vom Thema versteht als ich, hinsetzt und in epischer Breite auflistet, in welchen Punkten meine Texte oberflächlicher Betrug sind und auf lahmen, halbherzigen Annahmen fußen. Ich trage das Autorenetikett, und ich kriege gute Rezensionen, aber bei allem Erfolg hege ich immer noch die gleichen latenten Zweifel. Ich nehme an, so geht es sehr vielen Autoren.”

Das mag stimmen, aber es gibt eben auch sehr viele Autoren, deren Texte oberflächlicher Betrug sind und auf lahmen, halbgaren Annahmen fußen, und die nie von solchen Vorstellungen heimgesucht werden. Was daran liegt, dass es in der Praxis einfach viel zu selten vorkommt, dass jemand, der mehr vom Thema versteht als man selbst, sich hinsetzt und ganz genau auflistet, wo man überall schlampig gearbeitet hat.

Der Ethnologe Richard K. Nelson hat in den 1960er Jahren Orientierungstechniken der Inuit in Alaska untersucht und dabei unter anderem die öffentliche Bloßstellung als Motivationsinstrument beschrieben. Junge Inuit begleiten Erfahrenere auf der Jagd und werden bei jedem Fehler zurechtgewiesen und verspottet. Später erzählt man die Fehler überall herum, damit auch die Nichtdabeigewesenen noch einmal wie Nelson Muntz bei den Simpsons mit dem Finger auf den armen Trottel zeigen und “Ha-ha!” rufen können. “Die Angst vor solchem Spott”, so Nelson (jetzt wieder der Ethnologe, nicht die Simpsonsfigur), “zwingt den Eskimo dazu, sich solide Navigationskenntnisse anzueignen und bei seinen Unternehmungen Vorsicht walten zu lassen”. (Ich habe die Originalquelle übrigens nicht gelesen und zitiere hier nur fahrlässig aus der Sekundärliteratur; diejenigen Leser, die ordentliche Journalisten sein oder werden wollen, machen das bitte zu Hause nicht nach.) (Immerhin habe ich mir die Mühe gemacht, herauszufinden, ob Nelson auch auf Deutsch ein “Kulturanthropologe” ist. Ist er nicht.)

Recherche ist ein zeitraubendes und oft gar nicht besonders interessantes Ding. Man wird in den seltensten Fällen für sie bezahlt, und 99,97% aller Leser des fertigen Artikels nehmen Dahinbehauptetes entweder für bare Münze oder sind zu träge, sich zu beschweren, selbst wenn offensichtlich erfundene Statistiken zum Einsatz kommen. Das macht das gründliche Recherchieren (wie so viele andere Tätigkeiten, die mit “gründlich” anfangen) zu einer Beschäftigung, der sich kein normaler Mensch freiwillig widmet. So wie Ärzte und anderes Krankenhauspersonal mehrmals täglich dazu angehalten werden müssen, sich die Hände zu waschen, weil sie es trotz aller Einsicht eben nicht von sich aus tun, so muss irgendjemand sich die Mühe machen, mehrmals täglich mit dem Finger auf schludrige Journalisten zeigen und “Ha-ha!” zu rufen. Weil es der Weltverbesserung dient.

Kathrin Passig ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist Mitglied der “Zentralen Intelligenz-Agentur” (ZIA), bloggt in der Riesenmaschine, hat 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und u.a. die Bücher “Lexikon des Unwissens” (mit Aleks Scholz) und “Dinge geregelt kriegen — ohne einen Funken Selbstdisziplin” (mit Sascha Lobo) geschrieben.

Misteltherapien, Ackeret, Gewalt

1. “Die ARD wirbt wieder für Pharma-Unternehmen”
(faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog, Stefan Niggemeier)
In der Telenovela “Sturm der Liebe” geht es auffällig oft um Mistelpräparate: “Alles, was sich ein Hersteller wünschen würde, ist vorhanden: Immer wieder, sogar in den Programmtexten, fällt der zentrale Begriff ‘Misteltherapie’. Empfohlen wird das Mittel von einem Krebskranken, der ihm die Verantwortung dafür gibt, überhaupt noch am Leben zu sein. Er demonstriert gleich, wie einfach das Präparat in der Apotheke zu bekommen ist. Später wird der betroffene Zuschauer fast unverhohlen dazu aufgefordert, im Internet nach vermeintlichen Beweisen für die Wirksamkeit zu suchen.”

2. “Auslandsberichterstattung durch Private Militärdienstleister?”
(heise.de/tp, Susanne Härpfer)
Die Auslandberichterstattung etablierter Journalisten nimmt ab, die Zahl privater Militärfirmen nimmt zu: “Private Militärdienstleister bringen gewissermaßen Auslandsberichterstattung für Abonnenten; Spezialdienste unter besonderem Blickwinkel.”

3. “Tschechien fesselt investigative Journalisten”
(dradio.de, Kilian Kirchgeßner)
Eine Neuerung im tschechischen Strafrecht vermindert journalistische Möglichkeiten. Journalistenvertreter sprechen von einer Beschneidung der Pressefreiheit durch die Hintertür: “Die schärfste Kritik richtet sich dabei gegen das neue Verbot, Protokolle von abgehörten Telefongesprächen zu veröffentlichen. In Tschechien ist das deshalb ein sensibles Thema, weil die Medien damit in der Vergangenheit kriminelle Verstrickungen von Spitzenpolitikern bewiesen haben.”

Read On…

Neulich am Grab des Prometheus

Der “Goldene Prometheus” ist auch kein schöner Preis. Er zeichnet seit einigen Jahren Journalisten Menschen aus, die von der “Prometheus”-Jury zu “Journalisten des Jahres” erklärt werden. Anders gesagt: Der “Prometheus” bzw. die “Verleihungszeremonie” (“eingebettet in ein Drei-Gänge-Menü, unterbrochen von musikalischen Darbietungen und inhaltlich gewürzt mit interessanten Laudatoren, unterhaltsamen MAZ-Einspielern und eindrucksvollen Gastrednern und Überraschungsgästen” nebst anschließender “Medienparty”, “die in ausgelassener Atmosphäre neue Möglichkeiten des Community-Building erschließt”) hat den Ruf, “ein wenig korrupt zu sein” und wird “diesem Ruf, so darf sagen, wer dabei war, […] voll gerecht” (Quelle: Claudius Seidl auf FAZ.net).

Wer nicht dabei war*, durfte bereits gestern lauter interessante Dinge über Lobbying, “Prometheus”-Chefjuror Hajo Schumacher und BILD über die Verleihung des V.I.S.D.P.- bzw. VISDP-Preises "Prometheus" an zwei BILD-Redakteureseinen “fragwürdigen Schaulauf der Eitelkeiten” (Quelle: Tom Schimmek in der “Süddeutschen Zeitung”) lesen bzw. in der “Bild”-Zeitung auf Seite 1 und heute abermals erfahren, dass unter den Preisträgern auch zwei “Bild”-Redakteure sind – ausgezeichnet als “Zeitungsjournalisten des Jahres”. Denn:

Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise [haben] die verantwortlichen Redakteure Thomas Drechsler und Oliver Santen […] sachlich und vor allem verständlich berichtet.

So steht es in der Begründung der “Prometheus”-Jury. Wir hingegen würden ja das, was die beiden “Bild”-Redakteure offenbar zu “Zeitungsjournalisten des Jahres” macht, kurz als journalistische Selbstverständlichkeiten zusammenfassen. Aber geschenkt, zumal “Bild” in Wirtschaftsdingen sowieso gern zu devoten Gesten neigt.

Prometheische Freude:

“BILD wird gern wegen angeblicher Fehler wahrgenommen. Wenn wir heute ausgezeichnet werden, weil wir etwas richtig gemacht haben, erfüllt mich das mit besonderer Genugtuung.”

(“Bild”-Politikchef Thomas Drechsler)

Die Laudatio auf Drechsler und Santen hielt übrigens Ex-Commerzbank-Chef Klaus Peter Müller, der “Bild” tatsächlich dafür loben zu müssen glaubte, “der Versuchung reißerischer Schlagzeilen widerstanden” zu haben. Doch schwergefallen sein dürfte Müller das Lob der “Bild”-Finanzberichterstattung ohnehin nicht – nicht nur, weil Müller von Berufs wegen davon profitiert, sondern auch, weil er sogar selbst sein Teil dazu beitragen durfte.

Lesen Sie daher in unserer allseits beliebten Reihe “Meilensteine des Zeitungsjournalismus” aus aktuellem Anlass: Der ehemalige Pressesprecher Oliver Santen, Ressortleiter Wirtschaft bei der “Bild”-Zeitung und “Zeitungsjournalist des Jahres”, im Gespräch mit dem Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken und Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank, Klaus Peter Müller.

BILD: Haben Banker komplett versagt?
Müller: Keine Frage, wir haben Fehler gemacht, das gestehe ich freimütig ein. Aber von Pauschalverurteilungen halte ich gar nichts. Die große Mehrheit der Banker macht gute Arbeit und hat sich nichts vorzuwerfen.
BILD: Stichwort US-Immobilienkrise, IKB-Skandal, KfW-Desaster: Sind viele Banker gewissenlose Zocker?
Müller: Auch das ist ein Pauschalurteil, das nicht einfach so stehen bleiben sollte. Es gibt überall schwarze Schafe. Aber wenn Einzelne Fehler machen, darf man nicht einen ganzen Berufsstand in Misskredit bringen.
BILD: Haben Sie keinen Grund zur Selbstkritik?
Müller: Doch natürlich. Wie schon gesagt, es wurden Fehler gemacht. Wir hätten nicht zulassen dürfen, dass Finanzprodukte so kompliziert werden, dass der Kunde sie nicht mehr versteht. Und: In der Immobilienkrise in den USA wurde vieles nicht richtig geprüft und bewertet. Wir haben uns zu sehr auf das Urteil der Rating-Agenturen verlassen.
BILD: Können Sie verstehen, dass viele Kunden den Banken nicht mehr trauen?
Müller: Diese Erfahrung machen wir bei der Commerzbank mit unseren Millionen Kunden nicht. Es ist vielmehr so, dass … usw. usf.

*) Hinweis: BILDblog war 2005 selbst (kurzzeitig) für den “Goldenen Prometheus” nominiert.

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