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Tinte, Familienzwist, Homeland

1. “Anmerkungen mit grüner Tinte”
(sueddeutsche.de, Nico Fried)
Nico Fried beschreibt die Autorisierung von Interviews, “ein Verfahren, das es fast nur in Deutschland gibt: Die Politiker können ihre Aussagen präzisieren, streichen, kürzen”: “Es geht im Zweifel durch viele Hände, durch die zuständigen Fachabteilungen, zu engen Mitarbeitern – und am Schluss noch einmal zu Merkel. Mit grüner Tinte macht sie letzte Anmerkungen, wenn sie noch welche hat.”

2. “‘Ich nenne sie Kopolitiker'”
(taz.de, Anne Fromm und Ines Pohl)
Ein Interview mit Politikwissenschaftler Thomas Meyer: “Politik wird nicht mehr als eine Mischung aus Konflikten, Interessen, Akteuren, Institutionen und als längerer Prozess verstanden, sondern der Einfachheit halber als so eine Art Familienzwist zwischen Promis präsentiert. Das Symbol dafür ist die politische Talkshow. Dort wird das politische Geschehen als Unterhaltung inszeniert, als ein Gezänk, bei dem es eigentlich nur um den persönlichen Streit zwischen Politikern und anderen Promis geht. Das ist ein entpolitisierendes, irreführendes Bild von der Politik.”

3. “Vom Falschen im Echten”
(3sat.de, Video, 5:27 Minuten)
“Störbilder. Schöne Gedanken. Emotionen. Ist das die Zukunft des Journalismus? Nein. Aber die Satiriker zeigen, wie man sperrige Themen verständlich an den Zuschauer bringt. Und wo Meinungsmache wirklich hingehört. Auf ihre Bühnen. Und nicht in die Nachrichten.” Siehe dazu auch “Kulturzeit-Interview mit den Machern von ‘Die Anstalt'” (3sat.de, Video, 6:28 Minuten).

4. “‘Kein Cartoon ist ein Menschenleben wert'”
(schweizamsonntag.ch, Yannick Nock)
Ein Interview mit Jørn Mikkelsen, Chefredakteur der Jyllands-Posten: “Ein Cartoon ist nie ein Menschenleben wert. Schon gar keine 300 Menschen, die im Zuge der Karikaturen mittlerweile ihr Leben verloren haben. Es geht um ein Prinzip, aber auch ein Prinzip kann nie ein Leben Wert sein. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass Prinzipien wichtig sind für unsere Demokratie. Wir dürfen nicht über die schleichende Zensierung, die momentan leider im Gange ist, hinwegsehen. Wir müssen darüber diskutieren.”

5. “Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne”
(annettebaumkreuz.wordpress.com)
Eine Kontroverse um die Nominierung von Ronja von Rönne als Kandidatin für den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis: “Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Immerhin handelt es sich bei den Diskutanten nicht um irgendwelche ‘Empörten’ von der Straße, sondern um die ‘Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de’, eine Bachmann-Preis-Nominierte, einen FAZ-Blogger und den stellvertretenden Chefredakteur der WELT-Gruppe. Man fragt sich dann schon: Ist das die Diskussionskultur unter den ‘Eliten’, die uns als Vorbild dienen soll?”

6. “Irgendwie persisch”
(freitag.de, Katharina Schmitz)
Katharina Schmitz besucht in Berlin Kreuzberg ein Casting für die US-Serie Homeland: “Ich frage eine junge Türkin, ich sähe nicht so richtig authentisch südländisch oder aus dem Mittleren Osten aus, oder? Es klingt immer noch doof, jedenfalls fühle ich mich unwohl, wir vom Freitag machen uns ja immer so viele Gedanken. In ihrer Antwort liefert sie die Kritik an Homeland gleich mit: ‘Es gibt ja auch Hellhäutige. Aber bei so was will man doch eher Stereotype. Aber du würdest sofort als Araberin durchgehen.'”

Fluchtfantasien

Was ist das Schlimmste, was ein Fußballer nach seinem letzten Spiel für einen Verein machen kann? Zum Beispiel sich wutentbrannt sein Trikot runterreißen und schnurstracks im Kabinentrakt verschwinden, ohne sich von den Fans zu verabschieden.

Und was das Sympathischste? Vielleicht noch schnell sein Trikot einem Fan mit Behinderung schenken, bevor er ordnungsgemäß und direkt zur vom Verband angeordneten Dopingkontrolle geht.

Na, und wie haben “Bild” und Bild.de wohl dieses Foto interpretiert?

Genau:

Der Hintergrund: Am vorletzten Spieltag der 2. Fußballbundesliga bekam Fortuna Düsseldorfs Stürmer Charlison Benschop seine fünfte Gelbe Karte der laufenden Spielzeit. Er ist damit für die letzte Partie der Saison am kommenden Sonntag gesperrt. Gut möglich, dass Benschop nie wieder für Fortuna Düsseldorf aufläuft: Es gibt Gerüchte, dass er bald den Verein wechselt.

Diese Gemengelage nutzt “Bild” für eine kleine Skandalgeschichte:

Direkt nach Abpfiff stürmt Benschop vom Platz, reißt sich sauer das Trikot vom Körper und verschwindet zur Doping-Probe — ohne sich wie der Rest des Teams von den mitgereisten Anhängern zu verabschieden.

Charlison Benschop wollte das so nicht stehen lassen:

Die Wahrheit: Ich gab mein Trikot dem behinderten Mann hinter dem Zaun, der es gerne haben wollte und musste anschließend direkt mit dem Herren links in blau zur Doping Kontrolle. Ich kann am Sonntag leider nicht spielen, was mich natürlich ärgert aber ich bin mit der Mannschaft dabei. Danke an alle mitgereisten Fans, die uns immer unterstützen und bis Sonntag :) @f95_fortunaduesseldorf

Aber auch ohne Benschops Erklärung stünde die “Bild”-Interpretation auf wackeligen Beinen. Man sollte bei Sportreportern schließlich das Wissen voraussetzen können, dass Fußballprofis vor einer Dopingprobe nicht noch lange Fans umarmen und alte Wegbegleiter herzen können. In den “Anti-Doping-Richtlinien” des DFB steht dazu (PDF):

Jeder betroffene Verein ist dafür verantwortlich, dass seine zur Kontrolle bestimmten Spieler den Chaperons bzw. dem Doping-Kontrollarzt und/ oder seinem Helfer nach Spielende direkt vom Spielfeld zum Raum für die Doping-Kontrolle folgen.

Mit Dank an Andreas S.!

Thomas Schaaf, Wait But Why, Malawi

1. “Verifizieren – die journalistische Schlüsselqualifikation”
(get.torial.com, Bernd Oswald)
Bernd Oswald stellt Sessions vor, die sich an der re:publica mit dem Verifizieren von Inhalten befasst haben: “In Zeiten, wo die Gier nach schnellen Informationshäppchen und Aktualisierungen stetig steigt, ist eine saubere Verifizierung um so wichtiger.”

2. “Millionen Klicks – mit 3 Mitarbeitern und 100 Artikeln: Wie Wait But Why den Online-Journalismus neu erfindet”
(t3n.de, Martin Weigert)
Martin Weigert stellt die Website “Wait But Why” vor: “Tim Urban publiziert immer dann einen Artikel, wenn er einen fertig hat. Und da viele der Stücke viele tausend Worte umfassen (der Text über Elon Musk liegt bei rund 6.500), können mitunter mehrere Wochen vergehen, bis Leser einen neuen Beitrag bei WBW finden.”

3. “Frischer Wind von unten”
(journafrica.de, Deogracias Kalima)
Vier Journalisten in Malawi gründen eine private Nachrichtenagentur: “Chefredakteur Paul Akomenji schwört, dass LINA politische Einflussnahme als Folge finanzieller Zuwendungen nicht in Kauf nehmen werde – eine Andeutung dafür, dass es solche Zuwendungen sind, die freie und lebendige Medien vernichten. ‘Ehe wir uns von Politikern unterstützen lassen, schließen wir lieber’, sagt Akomenji nachdrücklich. Stattdessen wollen sie unabhängige Organisationen um Unterstützung zu bitten: Botschaften, internationale Organisationen und die Geschäftswelt zum Beispiel, nicht aber Politiker.”

4. “‘Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine'”
(telemedicus.info, Fabian Rack)
NDR-Verwaltungsratsmitglied Dagmar Gräfin Kerssenbrock fordert eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine: “Eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine müsste eine vergleichbare Nutzenfunktion haben wie Google, jedoch bereinigt um den Einfluss verschiedenster Interessengruppen auf das Suchergebnis. (…) Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine, die ausschließlich eine dienende Funktion für eine informierte Gesellschaft im wachsenden digitalen Datenberg hat, ohne wirtschaftliche Interessen verfolgen zu müssen.”

5. “Schluss mit muffig”
(11freunde.de, Dirk Gieselmann)
Die Medien werfen Thomas Schaaf vor, er habe Probleme, mit seiner Mannschaft zu kommunizieren: “Die Spekulationen haben Thomas Schaaf in eine Lage versetzt, aus der er sich naturgemäß kaum wird befreien können. Wir sehen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Schaafs Hang zur Einsilbigkeit wird zu seinen Ungunsten ausgelegt, und das soll er, der ja tatsächlich ungern mehr sagt als unbedingt nötig, nun bitteschön wortreich entkräften. (…) Er wird öffentlich einer Prüfung unterzogen, ob er als leitender Angestellter den Ansprüchen an eine modernen Unternehmenskommunikation genügt. Beherrscht er den Jargon angenehm sedierender Pressemitteilungen? Kann er professionell dementieren?”

6. “I had (the privilege) to give a couple of interviews to media journalists these last days and keep wondering”
(facebook.com, Wolfgang Blau, englisch)

Heißen alle gleich (3)

Heute sind die ersten Ergebnisse der britischen Unterhauswahlen veröffentlicht worden. Gewonnen hat demnach wieder dieser … wie heißt er nochmal?

Dort hat James Cameron die Wahlen zum Unterhaus gewonnen.

(“Spiegel Online”)

Ach ja.

Da sind sich die Medien schon seit Jahren einig:

Den britischen Premierminister James Cameron

(süddeutsche.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(abendblatt.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(merkur.de)

Premierminister James Cameron

(wiwo.de)

Premierminister James Cameron

(n-tv.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(op-online.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(manager-magazin.de)

Der britische Premier James Cameron

(handelsblatt.com)

mit dem britischen Premier James Cameron

(abendzeitung-muenchen.de)

mit dem britischen Premierminister James Cameron

(vip.de)

der britische Noch-Premierminister James Cameron

(dradiowissen.de)

Großbritanniens Premierminister James Cameron

(gala.de)


(hr-online.de)

Hat ja ein ganz schönes Pensum, dieser James Cameron. Großbritannien regieren und nebenbei „Avatar“ 2 bis 5 drehen — Hut ab!

Falschmeldungen, Heftig.co, 4U9525

1. “Wie Falschmeldungen im Netz entstehen”
(medium.com, Jan Tißler)
Jan Tißler denkt darüber nach, wie Falschmeldungen im Netz entstehen: “Wenn jeder Klick Geld bringt, gewinnt man als Betreiber nun einmal nicht dadurch, dass man seine Leser besonders gut informiert, sondern allein dadurch, dass man sie auf die eigene Seite lockt. Entsprechend ändern sich wie erläutert die Prioritäten bei der Themenauswahl, beim Schreiben und bei der Überschriftenfindung. Prominente Namen sind dann wichtiger als der eigentliche Nachrichtenwert. Sensationen sind wichtiger als die Wahrheit. Schnelligkeit ist wichtiger als Genauigkeit.”

2. “Wie die Macher von heftig.co gegen den Relevanzverlust ankämpfen”
(onlinemarketingrockstars.de, Roland Eisenbrand)
Wie DS Ventures versucht, Wachstum und Interaktionen bei Heftig.co hochzuhalten.

3. “‘Die Hölle, das sind die anderen'”
(imageandview.com, Heike Rost)
Die Berichterstattung zu Germanwings-Flug 9525: “Zwischen Controllern, Juristen, Zeitungssterben und kaputt gesparten Redaktionen einerseits, dem Ringen um Auflagen und Quote andererseits ist das Mitgefühl auf der Strecke geblieben: Vor allem der Berichterstattung, die aus der Kenntnis eigener Grenzen die Grenzen anderer respektiert – und innehält. Schweigt, wo es nichts zu sagen gibt außer unbestätigten Meldungen und Vermutungen.”

4. “Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft”
(fraumeike.de)
Auf der Suche nach Fakten stößt Frau Meike auf “Spekulationen, Sensationsgier und eine abgrundtiefe Menschenverachtung”: “Bis jetzt gibt es ausschließlich die Aussagen des Marseiller Staatsanwaltes, die sämtlich Interpretationen der Tonaufnahmen aus dem Cockpit sind.”

5. “FLUG 4U9525 – Ein Vor-Ort-Bericht aus Montabaur”
(f1rstlife.de, Daniel Schüler)
Daniel Schüler berichtet, wie Journalisten aus Montabaur berichten: “Es ist falsch, auf alle Journalisten einzuprügeln, die berichten (wollen). Einige verhalten sich angemessen, denken über das nach, was sie machen sollen, reflektieren. Und: Wir dürfen nun nicht automatisch die Fähigkeit und Eigenarten der Menschen hinterfragen und dabei vergessen, dass wir selbst welche sind.”

6. “Und was, wenn ich nichts fühle?”
(hermsfarm.de)
Die Trauer um die Opfer des Unglücks in Sozialen Medien: “Es fühlt sich an, als würde alle Welt um mich herum im digitalen Raum plötzlich einen schwarzen Trauerflor tragen, Und das nicht still und leise, sondern aktiv und laut. Es scheint, als müsse Trauer möglichst plakativ gezeigt werden.” Siehe dazu auch “Acht Arten, im Internet zu trauern” (boess.welt.de, Gideon Böss).

Schnelligkeit, Spekulation, Witwenschütteln

1. “Der Aufstieg des Lesers”
(freitag.de, Katharine Viner)
Eine Rede von Katharine Viner, der designierten “Guardian”-Chefredakteurin: “Von der Frage, wozu Journalismus dient, hängt alles ab. Wenn man findet, er soll außerhalb der Macht stehen und den Mächtigen die Wahrheit sagen, wird man für das offene Netz eintreten, den offenen Journalismus, den freien Fluss von Engagement, Kritik und Debatte mit den Leuten, die früher Publikum genannt wurden. Wenn man aber meint, Journalismus solle dazu dienen, zwischen der Macht und den Bürgern zu vermitteln, Einfluss zu nehmen und Herrschaft zu festigen, so wird man das Netz so weit wie möglich eindämmen und die Debatten auf ein Minimum beschränken.”

2. “Guter Journalismus macht keine Kompromisse”
(spiegel.de, Florian Harms)
“Spiegel Online” setzt sich neue Ziele: “Früher lautete unser Leitspruch ‘Schneller wissen, was wichtig ist.’ Aber Schnelligkeit ist für sich allein genommen inzwischen kein Mehrwert mehr. Schnelle Informationen finden Sie heute im Internet überall, leider allzu oft eher halbrichtig als wirklich stimmig – oder sogar ganz falsch. Das ist nicht unser Weg. Unser Anspruch ist es, jeden Tag, auch unter dem Zeitdruck eines minutenaktuellen Mediums, so exakt, ausgewogen, transparent und wahrhaftig wie irgend möglich zu berichten. Damit Sie nicht nur eine einseitige oder verkürzte Darstellung von Ereignissen bekommen, sondern sich anhand verlässlicher, häufig investigativ recherchierter Nachrichten, kundiger Erläuterungen und pointierter Meinungsbeiträge aus unterschiedlichen Perspektiven Ihr eigenes Bild von der Welt machen können.”

3. “An die Medienvertreter”
(facebook.com/Welovehalternamsee)
Menschen in der von Reportern belagerten Ortschaft Haltern am See fühlen sich nach dem Absturz von Germanwings-Flug 9525 in ihrer Trauer gestört: “Wer zum Gedenken eine Kerze abstellen oder einen Moment an der Treppe zum Gymnasium innehalten möchte, fühlt sich wie im Zoo oder auf einem Laufsteg: Vor einer Front aus teilweise über 50 Kameras wird jeder Emotionsausbruch von den geifernden Kameraleuten schnell eingefangen und geht kurz darauf um die Welt und wird von distanzierten Stimmen kommentiert.” Siehe dazu auch “Es gibt Tage, da schäme ich mich Journalist zu sein” (facebook.com/bjvde, Michael Busch).

4. “Appell an die Chefredaktionen: Witwenschütteln – Das wollt Ihr alle nicht erleben”
(facebook.com, Sandra Schink)
“Lasst die Menschen einfach trauern”, bittet Sandra Schink und erzählt, wie ihre Familie 1982 von Mitarbeitern einer Boulevardzeitung besucht wurde: “Viele Jahre später führte mich das Schicksal in die Branche und die Redaktionen, für die die Männer von damals arbeiteten. Ich begegnete beiden wieder, und ich stellte beide zur Rede. Keiner konnte sich an ‘diesen Fall’ erinnern. Vielleicht wollte sich auch keiner erinnern. Und während der eine, der mit der sonoren Stimme, empört bestritt jemals ‘so etwas’ getan zu haben, wurde der andere sehr still, als ich ihn fragte, wie oft er diesen Job gemacht hat in seinem Leben.”

5. “Livejournalismus zu 4U9525: Warum wir nicht innehalten”
(n-tv.de, Christoph Herwartz)
Christoph Herwartz verteidigt den Versuch, “dem grenzenlosen Informationsbedürfnis der Leser hinterherzukommen”: “Wenn Menschen am Düsseldorfer Flughafen von dem Absturz erfahren und sich weinend in den Armen liegen, dann kann man davon in einem Liveticker genauso gut berichten wie in einer Reportage. Ein Liveticker ist nicht per se anrüchig. Und eine Zeitung ist nicht per se taktvoll.”

6. “Wir wollen nicht spekulieren…”
(youtube.com, Video, 5;54 Minuten)
TV-Ausschnitte, in denen “nicht spekuliert” wird. Und ein Pro und Contra zum Umgang mit dem Unglück.

Monica Lewinsky, Handelsblatt, SZ

1. “Monica Lewinsky: The price of shame”
(ted.com, Video, 22:26 Minuten, englisch)
Monica Lewinsky spricht über die mediale Bewirtschaftung von Demütigungen (Transkript): “A marketplace has emerged where public humiliation is a commodity and shame is an industry. How is the money made? Clicks. The more shame, the more clicks. The more clicks, the more advertising dollars. We’re in a dangerous cycle. The more we click on this kind of gossip, the more numb we get to the human lives behind it, and the more numb we get, the more we click. All the while, someone is making money off of the back of someone else’s suffering.”

2. “Russ-Mohl: ‘Wahrheit in Meer von Desinformation'”
(derstandard.at, Harald Fidler)
Ein Interview mit Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl: “Es scheint mir schon ein besonders krasser Fall, dass in Österreich offenbar jene Medien mit vom Steuerzahler finanzierter Werbung besonders gehätschelt werden, welche ihrerseits führende Politiker mit netten Homestories bedienen, statt sie kritisch zu begleiten. Das halte ich für korrupt.”

3. “Voglio una donna!”
(medienspiegel.ch, Daniel Weber)
Daniel Weber schreibt zum “Brechreiz-Thema” Frauenquote: “Für unser ‘Folio’ zum Verhältnis Schweiz-Europa gingen wir eine Reihe von Führungspersönlichkeiten an; wir baten ebenso viele Frauen wie Männer um ein Gespräch. Bis auf eine sagten alle ab: Man wolle sich nicht exponieren, man verzichte lieber auf politische Stellungnahmen, aus Compliance-Gründen müsse man leider, es sei zurzeit nicht opportun … Von den Männern waren keine solchen Skrupel zu hören. Und was hauten uns empörte Leserbriefschreiberinnen um die Ohren? – Ja, genau. Auf bedingte Reflexe ist unbedingt Verlass.”

4. “Wieso wir agil werden müssen”
(ploechinger.tumblr.com)
Wie sich in Deutschland Abo-Modelle für Zeitungen durchsetzen werden? Stefan Plöchinger: “Niemand kann diese Frage beantworten, bevor man sich an Abo-Modellen versucht hat. Deshalb schrecken so viele davor zurück. Trial and error ist noch unbeliebt. Dabei ist es hier wohl der beste Lösungsansatz.” Siehe dazu auch “Willkommen bei der neuen SZ im Netz” (sueddeutsche.de).

5. “‘Wieso das Handelsblatt dicke Rechnungen an Startups schreibt'”
(facebook.com/janbechler)
Jan Bechler erhält und bezahlt eine von der FAZ im Auftrag des “Handelsblatts” ausgestellte Rechnung: “Eurem Vertriebsmitarbeiter, der lustigerweise 2 Tage nach Rechnungseingang anrief, um uns Print-Anzeigen in Eurem ‘Wein&Genuss’-Special zu verkaufen, mussten wir aber leider absagen. Ich hoffe, Ihr könnt das nachvollziehen.”

6. “Meme-Check: Was der lachende Spanier wirklich sagt”
(blogrebellen.de, Lena Mandarina, Video, 3:40 Minuten)
Siehe dazu auch “‘El Risitas’ Interview Parodies” (knowyourmeme.com, Brad, englisch).

FAS, Fußball, Apple Watch

1. “Fraport weist Vorwurf einer Sicherheitslücke am Flughafen Frankfurt zurück”
(fraport.de)
Die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens Fraport weist einen Bericht der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (FAS) zurück: “Nach einer umgehenden Überprüfung des in der Berichterstattung geschilderten Falls durch die Fraport AG in enger Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden befand sich der Redakteur zu keinem Zeitpunkt in diesem sicherheitskontrollierten Bereich, sondern lediglich auf einer Frachtabfertigungsfläche im Betriebsbereich. Er hätte auch den sicherheitsrelevanten Bereich ohne Befugnis und Sicherheitskontrolle auf keinem Weg erreichen können. Eine wie im Bericht dargestellte Lücke im Sicherheitszaun gibt es nicht, wie auf den beigefügten Bildern zu erkennen ist.” Siehe dazu auch “Korrektur: Wie sicher ist der Frankfurter Flughafen?” (faz.net) und “6 vor 9” von gestern.

2. “FAS verliert die Kontrolle”
(zeigensiemal.wordpress.com)
Eine genauere Betrachtung von Infografiken im FAS-Wirtschaftsteil.

3. “The sinister treatment of dissent at the BBC”
(theguardian.com, Nick Cohen, englisch)
Nick Cohen beklagt den Umgang der BBC mit den Enthüllern der von Jimmy Savile verübten sexuellen Mißbräuche: “The BBC is forcing out or demoting the journalists who exposed Jimmy Savile as a voracious abuser of girls.”

4. “Warum es egal ist, was Medien von der Apple Watch halten”
(nzz.ch, Henning Steier)
Henning Steier fasst die Rituale einer Apple-Pressekonferenz zusammen.

5. “Philipp Köster: ‘Zu scheitern wäre nicht die schlechteste Visitenkarte gewesen'”
(vocer.org, Jan Göbel)
Philipp Köster, Gründer von “11 Freunde”, lobt Gruner + Jahr, den Mehrheitseigner des Fußballmagazins, als Verlag, “dessen höchstes ideelle Gut die Unabhängigkeit der Redaktionen ist. In nun fast fünf Jahren hat es keinen einzigen Fall gegeben, dass von Verlagsseite Druck ausgeübt worden wäre. Ganz im Gegenteil war der Druck aus dem Anzeigenmarkt vorher viel größer.”

6. “Was erlauben Westermann?”
(sueddeutsche.de, Christof Kneer)
Christof Kneer packt die schwierige Situation von Fußballjournalisten in eine Wutrede: “Wir halten hier seit Jahren unsre Laptops hin, ständig müssen wir Geschichten aufbauschen, Skandale konstruieren und Zitate erfinden, meint ihr vielleicht, es macht Spaß, ein Zeitungsfritze zu sein, keinen Charakter zu haben, in scheißkalten Stadien zu sitzen und über etwas zu berichten, wovon man keine Ahnung hat? Wir Journalisten sind vielleicht nur ein kleiner Piss-Verein, aber wer es besser kann, der soll herkommen und selber schreiben.”

Nato, Alkohol, Daily Mail

1. “Durchgestochen: Justiz und Journalisten”
(ndr.de, Video, 4:50 Minuten)
Die Weitergabe von teilweise kompletten Ermittlungsakten aus Kreisen der Staatsanwaltschaft an Journalisten “als politisches Kalkül”: “Nur wenn sie Amtsträger zum Geheimnisverrat anstiften oder Hilfestellung dazu leisten, begehen sie eine Straftat. Ansonsten endet der Geheimnisverrat in dem Moment, wo der Journalist die Unterlagen bekommt, ergänzt Martin Huff. Dadurch bleiben die Journalisten straffrei.”

2. “My Year Ripping Off the Web with the Daily Mail Online”
(tktk.gawker.com, James King, englisch)
James King berichtet aus seiner Zeit im New Yorker Newsroom der “Daily Mail”: “In a little more than a year of working in the Mail’s New York newsroom, I saw basic journalism standards and ethics casually and routinely ignored. I saw other publications’ work lifted wholesale. I watched editors at the most highly trafficked English-language online newspaper in the world publish information they knew to be inaccurate.”

3. “Zum Totlachen”
(peterbreuer.me)
Peter Breuer wertet Voting Buttons auf Bild.de aus: “Ich habe willkürlich sieben Stichproben gezogen und in fünf von sieben Fällen dominierte bei diesen Texten die Emotion ‘Lachen’.”

4. “Die Nato bleibt undurchschaubar”
(n-tv.de, Christoph Herwartz)
Nato-Informationen zum Krieg in der Ukraine lassen sich kaum überprüfen, schreibt Christoph Herwartz: “Journalisten und Abgeordnete kommen schnell an die Grenzen dessen, was sie selbst beobachten können. Das liegt auch daran, dass die Nato ihre Mitteilungen sehr allgemein hält. Wenn sie von russischen Truppen und russischen Waffen in der Ukraine spricht, gibt sie nicht an, wann wo wie viele Einheiten gesichtet wurden. Wenn sie es täte, könnten Journalisten an diese Orte fahren oder mit Anwohnern telefonieren.”

5. “Aus der Rausch: Leben mit der Alkoholsucht”
(spiegel.de, Video, 23:01 Minuten)
Eine Reportage über Alkoholiker in Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland mit den “meisten Alkoholtoten der Republik”.

6. “So kann man’s natürlich auch machen”
(twitter.com/dennishorn)
Wie eine Beilage der “Zeit” die Trennung von Inhalten und Werbung transparent macht.

Bild, Bild.de  etc.

Kachelmann vs. Bild

Verhandlungen vor deutschen Gerichten sind selten so spannend und ereignisreich, wie man es aus amerikanischen Serien und Filmen gewohnt ist. Noch dazu, wenn es sich nicht um einen Straf- sondern einen Zivilprozess handelt und eigentlich vorher schon klar ist, dass heute wenig bis nichts passieren wird.

Mehr als ein Dutzend Kameraleute und Fotografen stehen sich trotzdem gegenseitig auf den Füßen herum im Flur des Kölner Landgerichts, um gleich für zwei Minuten absolut nichtssagende Schnittbilder des Klägers Jörg Kachelmann, seinen Anwälten und einigen beeindruckenden Aktenbergen, auf die ein Gerichtsdiener extra hinweist, zu produzieren. Für die Gegenseite interessiert sich niemand.

Die Gegenseite, die Beklagten, das sind die Axel Springer SE als Herausgeberin der “Bild”-Zeitung und Bild Digital als Verantwortliche hinter Bild.de. Beide Medien hatten vor fünf Jahren eine beispiellose Berichterstattung über den Meteorologen Jörg Kachelmann begonnen, dem eine frühere Lebensgefährtin damals vorgeworfen hatte, sie vergewaltigt zu haben. “Bild” und Bild.de hatten – neben anderen Medien wie “Focus” und “Bunte”, gegen deren Verlag Kachelmann in einem weiteren Prozess vorgeht – anhaltend und ausführlich aus dem Intimleben Kachelmanns berichtet und dafür schon zahlreiche juristische Schlappen erlitten. Nach seinem Freispruch im Jahr 2011 fordert Kachelmann jetzt 2,2 Millionen Euro Geldentschädigung von “Bild” und Bild.de.

Die Menschen im Gerichtssaal versuchen, die ganze Zeit über interessiert zu wirken, was ihnen aber nicht immer gelingt. So werden viele Zeigefinger an Schläfen gelegt und Schriftsätze begutachtet. Die anwesenden Journalisten machen sich Notizen über die Kleidung Kachelmanns (dunkler Anzug, blaue Krawatte) und die Optik des Gerichtssaals (helles Holz, viel Braun). Das Kölner Landgericht ist schön wie die Ruhr-Universität Bochum.

Begriffe wie “Selbstöffnung” (wer sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreitet, hat weniger Anrecht auf Privatsphäre als jemand, der sich zu intimen Details nicht äußert — das Gericht sieht bis heute keine solche Selbstöffnung bei Kachelmann), “kumulative Berichterstattung” und “Schmähkritik” werden engagiert diskutiert und zu definieren versucht.

Im Wesentlichen geht es hier um die Frage, in wie vielen Fällen “Bild” und Bild.de Kachelmanns Persönlichkeitsrechte verletzt haben (diese Zahl hat dann Auswirkungen auf die Höhe der Geldentschädigung), und darum, ob auch Berichte dazugerechnet werden, gegen die Kachelmann gar keine Unterlassungsansprüche geltend gemacht hatte. Kachelmanns Anwalt Ralf Höcker hatte zuvor argumentiert, dass sein Mandant gar nicht gegen alle zweifelhaften Artikel von “Bild” und Bild.de hätte vorgehen können, weil der Verlag durch alle Instanzen gehe und sich die Gerichtskosten im schlimmsten Falle auf 3,5 Millionen Euro summiert hätten — Geld, das Kachelmann im Gegensatz zu Springer nicht habe.

Es dürfte das Verlagshaus daher auch nicht wirklich schmerzen, sollte es am Ende die von Kachelmann geforderten 2,2 Millionen Euro zahlen müssen — wonach es allerdings nicht aussieht: Der Vorsitzende Richter Dirk Eßer lässt von Anfang an durchblicken, dass das Gericht eine Entschädigung für richtig hält, diese aber deutlich niedriger ausfallen dürfte. Das Gericht sieht 36, womöglich 47 schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzungen: mindestens 15 von Bild.de und mindestens 21 von “Bild”.

Eine organisierte Pressekampagne zwischen Springer und Burda, wie sie Kachelmanns Anwälte erkannt haben wollen, sieht das Gericht eher nicht — die Springer-Anwälte sehen die Schuld an der damaligen Berichterstattung erwartungsgemäß nicht bei einer “Bande von Journalisten”, sondern bei der offensiven Pressearbeit der Staatsanwaltschaft und des Landgerichts Mannheim.

Für ein paar kurze Momente wird es dann doch noch lustig und geistreich, als Höcker und Gegenanwalt Hegemann durchspielen, wie sie an Stelle des jeweils anderen auf Argumente der Gegenseite reagiert hätten. Der Unterhaltungswert fällt dann aber sehr schnell wieder von dem Niveau einer Folge “Liebling Kreuzberg” auf das der Verlesung der Lottozahlen.

Eher nebensächlich lässt Höcker einfließen, dass ihm eine E-Mail der Gegenseite aus der Zeit des Verfahrens gegen Kachelmann vorliege, die er als “Erpressungsversuch” bezeichnet: “Bild” hätte einen Ausblick auf die zukünftige (wohl besonders negative) Berichterstattung über Kachelmann und dessen damaligen Verteidiger Reinhard Birkenstock geboten, bei einer gewissen Kooperationsbereitschaft aber freundlichere Artikel in Aussicht gestellt.

Es war, wie gesagt, klar, dass es hier heute keine Einigung und kein Urteil geben würde, mithin keine Summe, die gleich aufgeregt in die Redaktionen getickert werden kann. Der Vorsitzende Richter gibt den beiden Seiten sechs Wochen Zeit, sich zu einigen. “Sprechen kann man immer”, sagt Springer-Anwalt Hegemann, was aber auch eher nach einer halbherzigen Zusage zum Besuch beim Paartherapeuten klingt als nach der Aussicht auf eine außergerichtliche Einigung. Wenn dabei nichts rumkommt, will das Gericht am 24. Juni ein Urteil verkünden — “mein Namenstag”, wie Anwalt Jan Hegemann feststellt.

Fans etwas grobschlächtigerer Metaphern kommen anschließend aber auch noch auf ihre Kosten, als Kachelmann und Höcker gemeinsam mit den sie belagernden Kameraleuten in der automatischen Drehtür des Gerichtsgebäudes stecken bleiben.

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