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Jacobi, Focus, Monopolisten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Doppelt hält Leser”
(politplatschquatsch.com)
“Bild”-Kolumnist Claus Jacobi erzählt zweimal eine Anekdote, die mit den Worten “Der Kunsthistoriker Emil Schaffner vergaß nie” beginnt und auch bei Google zu finden ist.

2. “Bodycount bei Focus”
(nice-bastard.blogspot.com, Dorin Popa)
Dorin Popa versucht aus dem “Focus”-Impressum herauszulesen, welche Mitarbeiter das Magazin verlassen werden.

3. “Brüder Grimm oder Blogger vs. Journalisten?”
(netzpiloten.de, Jeanette Gruber)
Jeanette Gruber befragt Blogger zu angeblichen Grabenkämpfen mit den klassischen Medien.

4. “In der feedback-Schlaufe”
(wozu-noch-journalismus.mazblog.ch, Valentin Groebner)
Valentin Groebner macht sich Gedanken zur Zukunft des Journalismus: “Mediale Berichterstattung hat die Macht, ihre Gegenstände – das gilt für vergnügte Untergrund-Bands ebenso wie für ‘unberührte’ Ausflugsziele – in eigenartig unechte und grelle Kopien ihrer selbst zu verwandeln. Da ist es mir eigentlich fast lieber, wenn sich die Journalisten vornehmlich mit Selbstaufgeblasenem befassen, da kann nichts kaputtgehen.”

5. “Die Kolonialmächte der Datenwolke”
(carta.info, Christian Stöcker)
Christian Stöcker möchte nicht, dass das Internet “zum lukrativen Spielplatz einiger weniger Monopolisten wird”. “Wünschenswert wäre es, dass auch das Überall-Internet von morgen noch ein freies und damit auch chaotisches Gebilde ist.”

6. “Umgang mit behinderten Menschen: Euer Mitleid kotzt mich an!”
(blindpr.wordpress.com, Heiko Kunert)
Der blinde Heiko Kunert nervt sich über aufgezwungene Hilfe: “Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr.”

Milchmädchen unter Polizeibeobachtung

Gleich drei Autorennamen stehen über dem Artikel über einen freigelassenen Sexualstraftäter (“Die genaue Adresse darf BILD aus rechtlichen Gründen nicht nennen.”) in der Hamburger “Bild”-Ausgabe, aber das hat offenbar auch nicht ausgereicht.

Erst wird die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wieder mal als “EU-Urteil” bezeichnet und dann ereignet sich auch noch diese mathematische Meisterleistung:

Drei Polizisten sind ständig in W.s Nähe, drei Schichten à 8 Stunden. Insgesamt 24 Mann für rund 20 000 Euro pro Tag.

Die Autoren haben also einfach zwei beliebige Zahlen des ersten Satzes multipliziert und kamen auf “24 Mann”. Rechnerisch kämen bei drei Polizisten je Schicht am Ende neun Beamte raus, die Gewerkschaft der Polizei in Hamburg sprach auf unsere Anfrage hin von zwölf Polizisten, die in vier Schichten im Einsatz seien.

Die von “Bild” angegebenen Kosten von 20.000 Euro pro Tag seien bei 24 Beamten zwar durchaus denkbar, aber es seien ja nur halb so viele im Einsatz, die Kosten also auch entsprechend niedriger.

Mit Dank an Niko M. und Sabine L.

Nachtrag, 29. Juli: Auch das “Hamburger Abendblatt” vertut sich heute beim Durchzählen:

24 Beamte folgen jedem Schritt des Sexual-Täters

Mit Dank an Wieland S.

2. Nachtrag, 2. August: Unser Leser Patrick K. hat entdeckt, dass die Zahlen in der “Bild”-Bundesausgabe vom 29. Juli zwar noch falscher waren, aber wenigstens mathematisch Sinn ergaben:

Acht Beamte sind ständig in seiner Nähe, drei Schichten à 8 Stunden. Insgesamt 24 Mann für rund 20000 Euro pro Tag.

@martinagedeck, Polizeireporter, Twitpic

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1. @martinagedeck vs. Martina Gedeck
(titanic-magazin.de)
Die Redaktion der “Titanic” reserviert sich das Twitter-Konto @martinagedeck und setzt am 29. Juni einen ersten Tweet ab. Wie eine Bildergalerie zeigt, halten die Nachrichtenagentur ddp sowie Online-Portale wie bild.de, ftd.de, tagesspiegel.de, taz.de und welt.de die dort getwitterten Inhalte für Aussagen der Schauspielerin Martina Gedeck, insbesondere diesen Tweet, der den Ausgang des ersten Wahlgangs der Wahl des Bundespräsidenten zu kennen vorgibt. Auch faz.net meldete kurzfristig, dass der Kandidat Christian Wulff “nach unbestätigten Gerüchten im Internet” bereits im ersten Wahlgang gewählt wurde.

2. “‘Titanic’-Gag”
(spiegel.de, Ole Reißmann)
Ole Reißmann stellt Indizien zusammen, die Medien zur Erkenntnis hätten führen müssen, dass es sich bei @martinagedeck nicht um einen Publikationskanal von Martina Gedeck handelt.

3. “Erster!”
(dummy-magazin.de, Fabian Dietrich, PDF-Datei, 579 kb)
Fabian Dietrich begleitet für “Dummy” einen Polizeireporter in Berlin. “Häuser, Parks, Ampeln schießen an uns vorbei. In der Ferne kann man Blaulicht und ein baumhohes Feuer sehen, das aus ein paar Müllcontainern in einem Hinterhof quillt. ‘Oh geil! Schönes Ding!’, ruft Mathias Wegner. Er hechtet aus dem Auto und rennt mit seiner Kamera auf die Flammen zu.”

4. Interview mit Tom Schimmeck
(heise.de/tp, Reinhard Jellen)
Für Tom Schimmeck ist der Einfluss von “Bild” auch mit den anderen Medien zu erklären: “Der Ton den ‘Bild’ anschlägt, findet sich am nächsten Tag auch in Qualitätsmedien wieder. Viele Medienmacher verkünden inzwischen stolz, dass sie ‘Bild’ jeden Tag als Pflichtblatt lesen – und zwar gerne. Dafür kann man aber schlecht ‘Bild’ die Schuld geben. Das hat eher mit der Entleerung des Journalismus zu tun, dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen, dem Trend zur schnellen News, zum Event.”

5. “Urheberrechte im Web: Der Fall Twitpic”
(netzfundbuero.de, Tom Hillenbrand)
Tom Hillenbrand geht seinen Bildrechten auf Twitpic nach. “Der Fall ist interessant, weil er ein grundsätzliches Dilemma aufzeigt: Jeder dieser Dienste, ob Facebook, Twitpic oder Posterous, hat ein großes Interesse daran, wie ein Schwamm usergenerierten Content aufzusaugen, es dem Nutzer dann aber möglichst schwer (am besten unmöglich) zu machen, diesen wieder zu exportieren.”

6. “Live aus dem Serengeti-Park Hodenhagen”
(tagesspiegel.de, Dirk Gieselmann)
Dirk Gieselmann sieht in den TV-Reisereportagen aus Südafrika, die zwischen den WM-Spielen gesendet werden, “Fernsehkolonialismus, von unseren Gebühren getragen”. “Dass der Folklore-Schrott gesendet wird, ist das eine. Dass ihn sich jemand reinzieht, das andere. Wir sind von dieser Zielgruppe umzingelt. Menschen, die bei ‘Die weiße Massai’ weinen, die vom ‘Traumschiff’ aus die Welt entdecken wollen.”

Wilhelm, Polanski, Burka

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1. “Klartext oder Ressentiment?”
(dradio.de, Joachim Scholl)
Nikolaus Blome (“Bild”) und Sven Scheffler (“Handelsblatt”) erklären, wie sie mit den Schulden von Griechenland umgehen und ob es sich dabei um eine Kampagne beziehungsweise eine Gegenkampagne handelt.

2. “Warum ein Regierungssprecher nicht Intendant werden sollte”
(epd.de)
Der Regierungssprecher Ulrich Wilhelm soll diese Tage zum Intendant des Bayrischen Rundfunks gewählt werden. Die Medien empören sich darüber nur verhalten. “Was würde die deutsche Presse ? zu Recht! – schäumen, wenn der französische Präsident Nicolas Sarkozy oder gar der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi es wagen würden, ihren Regierungssprecher zum Chef eines Staatssenders zu machen?!”

3. “Verlage vs. Journalismus”
(dondahlmann.de)
Don Dahlmann bemerkt, dass “Qualitätsjournalismus” in der westlichen Welt gerne mit den Verlagen gleichgesetzt wird, diese aber “die leere Hülle des Journalismus und der Pressefreiheit zunehmend instrumentalisieren, um die eigenen wirtschaftlichen Ziele durchsetzen zu können”. “Ich schreibe kaum noch für sie. Zum einen, weil es sich nicht lohnt. Würde ich nur Zeitungen nach Zeilenhonorar arbeiten, ich hätte Probleme meine Miete zu zahlen. Zum anderen sehe ich nicht ein, dass die Rechte an meinen Texten bis zum St. Nimmerleinstag bei irgendeinem Verlag liegen.”

4. “Ich kann nicht länger schweigen”
(nzz.ch, Roman Polanski)
Der im Herbst 2009 in Zürich verhaftete Filmregisseur Roman Polanski legt seine Sicht der Lage dar.

5. “Ja, Kruzifix: Die ZEIT hat einen an der Waffel”
(blog.dummy-magazin.de, Arne Semsrott)
Arne Semsrott empfiehlt dem “Zeit”-Feuilleton, das der niedersächsischen Ministerin Aygül Özkan mehr Demut gegenüber dem Kreuz empfiehlt, Zurückhaltung: “Denn Frau Özkan hat sich nicht gegen das christliche Symbol an sich, sondern lediglich gegen seine Verwendung in staatlichen Institutionen ausgesprochen.”

6. “Auf dem Weg in die Illegalität – mit der Burka durch Wien”
(profil.at, Robert Treichler)
Robert Treichler zieht sich eine Burka an und geht damit zum Blumensteckkurs und an eine FPÖ-Veranstaltung. Und ins Restaurant: “Ein Kellner kommt, obwohl er sieht, dass wir bereits bedient werden, und beginnt auf Arabisch mit uns zu sprechen. Wir erklären ihm, dass wir ihn nicht verstehen. Er zieht ein bisschen enttäuscht wieder ab.”

TV-Politik, Mäzenatentum, Wikileaks

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1. “Eine Doppelpressekonferenz namens Fernsehduell”
(faz.net, Reiner Burger)
Reiner Burger hat sich das “Duell” (wdr.de, Video, 66 Minuten) zur anstehenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen angesehen. “Über weite Strecken war ‘Das Duell’ eher eine Doppel-Pressekonferenz mit ausgestanzten Versatzstücken aus unzähligen Wahlkampfauftritten und den Parteiprogrammen der beiden Kontrahenten, die merkwürdigerweise nebeneinander standen in der Weite der Kölner Vulkanhalle.”

2. “ARD Griechenland-Brennpunkt: ‘Sensationell schlecht’ geht weiter”
(carta.info, Robin Meyer-Lucht)
Robin Meyer-Lucht beschäftigt sich kritisch mit dem Brennpunkt “Ruiniert Griechenland Europa?” (tagesschau.de, Video, 9:35 Minuten). “Im Ergebnis ist dieser ARD-Brennpunkt sehr nah dran an der offiziellen Interpretationsmaschinerie der Bundesregierung. Er findet keinen eigenen Standpunkt, er leistet keinen eigenen Aufklärungs- und Orientierungsbeitrag, sondern er gibt Wolfgang Schäuble eine Bühne für seine beschwichtigenden Botschaften.”

3. “Danke für die Spende, Leser!”
(spiegel.de, Frank Patalong)
Frank Patalong fragt in einem ausführlichen Artikel: “Ist Mäzenatentum durch große und kleine Spender ein Weg, Medien zu retten?”

4. Interview mit Daniel Schmitt
(dctp.tv, Video, 36 Minuten)
Daniel Schmitt ist eine der wenigen öffentlichen Figuren von Wikileaks. Am Rande der re:publica gibt er Auskunft über die Plattform, die Dokumente öffentlich macht.

5. “Leben zwischen Eiben”
(taz.de, Gabriele Goettle)
Gabriele Goettle besucht Juergen Jonas, der zwischen den Villen von Berlin-Dahlem im Freien lebt. “Und wie gesagt, Geld interessiert mich überhaupt nicht. Kein Geld, keine Geldsorgen. Geld ist was, womit der meiste Unsinn überhaupt getrieben wird. Arbeit interessiert mich auch nicht. Ich biete keine Leistungen und nehme auch keine in Anspruch. (…) Ich esse Brot, das man nicht mehr haben will. Vom Chinesen bekomme ich ab und zu Reis geschenkt, oder ich besorge mir was, aus der Ökotonne am Supermarkt vorne. Ich esse die abgelaufenen Sachen, und mir ist längst nicht jedes Mal schlecht geworden danach.”

6. “Liebe Online-Presse.”
(opalkatze.wordpress.com)
30 womöglich nicht ganz ernst gemeinte Tipps für Zeitungen online. Tipp 6: “Klickstrecken bauen, je länger, je lieber, das vermittelt dem Leser das heimelige Gefühl des Umblätterns.”

Herr Copy und Frau Paste, Politikredaktion

Wenn Firmen, Verbände oder Politiker in die Medien wollen, sie aber von keinem Medium gefragt werden, veröffentlichen sie Pressemitteilungen. Darin stehen dann Informationen über das neueste Produkt, ein paar markige Forderungen oder ein paar Thesen, derer sich hoffentlich die Medien annehmen werden — zitierfähige O-Töne werden ja gleich mitgeliefert.

Pressemitteilungen beginnen häufig mit Formulierungen wie dieser:

Anlässlich des Gedenktages des Genozids an den Armeniern erklärt die Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach MdB:

Nur: Das ist nicht der Beginn einer Pressemitteilung, sondern der eines Artikels auf sueddeutsche.de.

Also, genauer: Es ist sowohl der Beginn einer Pressemitteilung der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, als auch der Beginn des Artikels auf sueddeutsche.de zum gleichen Thema. Und es bleibt nicht nur beim Beginn.

Nun hat sueddeutsche.de die Pressemitteilung nicht 1:1 übernommen: Der Text ist an anderen Stellen abgesetzt als im Original, außerdem wurde ein Grammatikfehler korrigiert (“Genozid an den Armeniern” statt “Genozid an der Armeniern”) und ein Wort ersetzt (“etwa1,5 Million” statt “rund 1,5 Million”). Ein bisschen Mühe hat sich der zuständige Journalist also schon gegeben.

Auf unsere Anfrage erklärte die Redaktion von sueddeutsche.de, die Veröffentlichung der Pressemitteilung im Wortlaut sei ein Versehen gewesen, das “sehr ärgerlich” sei. Man habe schließlich den Irrtum bemerkt und dann “wie ursprünglich geplant” eine eigene Meldung veröffentlicht: Steinbachs Aussagen stehen nun zu weiten Teilen in indirekter Rede.

Mit Dank an Lars F.

Nachtrag, 17.50 Uhr: Schon nachdem sueddeutsche.de den Artikel gestern überarbeitet hatte, hat die Redaktion einen Hinweis in eigener Sache online gestellt.

Keese, Polizeifotos, Baudrexel

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1. “‘Krieg der Welten’ 2010”
(blog.tagesschau.de, Silvia Stöber)
Silvia Stöber fasst die Ereignisse (Video, 1:41 Minuten) rund um den im georgischen Privatsender Imedi TV gesendeten Scheinangriff russischer Truppen auf Georgien zusammen, der von vielen Menschen ernst genommen wurde.

2. “Blogger rütteln Russland auf”
(nzz.ch, Klaus-Helge Donath)
Über die Dynamik der Medien in Russland, wo die “wachsame Bloggerszene” immer wichtiger wird. “In der gleichgeschalteten Medienlandschaft Russlands übernehmen Internetnutzer inzwischen nicht nur Aufgaben der Presse, sondern auch Funktionen der korrupten Ordnungshüter.”

3. “Ein Angebot an Christoph Keese”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer antwortet dem Lobbyisten des Axel-Springer-Verlags, Christoph Keese, der Abgaben einfordert für die Organisierung der Rangreihenfolge von Informationen im Internet.

4. Interview mit Alan Rusbridger
(derstandard.at, Michael Kremmel)
“Guardian”-Chef Alan Rusbridger spricht über den Druck, den Leser auf Journalisten ausüben, “sodass diese zeigen müssen, dass sie wirklich gut sind”. “Das entblößt vor allem Journalisten, die nicht sehr gut sind. Deshalb werden Journalisten, die nicht sehr gut sind, in diesem Job auch nicht mehr bestehen können.”

5. “Polizeifotos als Quotenbringer”
(faz.net, Nina Rehfeld)
Internetableger von US-Zeitungen machen Klicks mit Galerien von Polizeifotos: “Tampabay.com, das Netzportal der ‘St. Petersburg Times’, erzielt ein Siebtel des Websiteverkehrs mit Besuchern der ‘Mugshot’-Seite.”

6. “Mein Brief an Martin Baudrexel”
(hansdorsch.com)
Hans Dorsch fragt den Fernsehkoch Martin Baudrexel, warum er Werbung macht für ein Fertigprodukt. “Wer dich jemals mit den Kochprofis oder den Küchenchefs im Fernsehen gesehen hat, hat dieses Bild im Kopf: Martin geht in die Küche und wirft alle Fertigprodukte in den Müll.”

Merian, Politico, Breaking News

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1. “Wo Merian draufsteht, ist Mercedes drin”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Das Sonderheft “Formel 1” der Zeitschrift “Merian”: Während der Mediendienst “Meedia” noch am Dienstag “mit ihrem Formel eins-Heft kehrt die Chefreaktion zu ihren journalistischen Wurzeln zurück” urteilte, schrieb Stefan Winterbauer am Donnerstag: “Das fertige Zeitschriften-Produkt allerdings dürften auch Profis kaum von einem Kundenmagazin unterscheiden können.” Lesenswert dazu ist auch der Beitrag von Manfred Scharnberg auf freelens.com.

2. “Woher wusste ‘Bild’ vom ‘Fall Käßmann’?”
(sueddeutsche.de, Antje Hildebrandt)
Die Staatsanwaltschaft Hannover erhält vier Strafanzeigen wegen Geheimnisverrats, gegen unbekannt. “Adressaten sind aber zumindest in einem Fall die Hannoveraner Polizei und Bild: Ein Hannoveraner Anwalt wirft den Polizeibeamten vor, sie hätten dem Blatt vertrauliche Informationen über den Vorfall gesteckt – angeblich gegen Geld.”

3. Interview mit Jim VandeHei
(focus.de, Leif Kramp und Stephan Weichert)
Einer der Gründer von “Politico”, Jim VandeHei, im Gespräch: “Die Zeitung ist nur ein Ableger, der Kern von ‘Politico’ ist unsere Website. Unser Geheimrezept ist: Baue ein Nachrichtenangebot rund um eine Internetseite auf, nicht um eine Zeitung.”

4. “Wir Medienpraktikanten!”
(laurencethio.de)
Laurence Thio startet eine neue Interviewreihe mit Medienpraktikanten. Zuerst spricht er mit Adrian, der “ein mehrmonatiges Praktikum bei der Produktionstechnik der RBB-Abendschau” gemacht hat. “Ich habe auch mal den Monitor getragen und eingestöpselt oder mal Sachen aus dem Auto geholt. Es lief im Endeffekt aber darauf hinaus, dass ich im Grunde immer nur das Stativ getragen habe.”

5. “Hinter all diesen Türen”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Eine Pressemitteilung der Bremer Polizei, “unglaublich, aber wahr”.

6. “Breaking News”
(theonion.com, Video, 1:53 Minuten, englisch)
“Breaking News” sind in vielen Fällen von zweifelhafter Relevanz. “The Onion News Network” über “Some Bullshit Happening Somewhere”.

Frau Polle und der Schnee von gestern

Manche Sachen kommen immer wieder. Heuschnupfen zum Beispiel. Jedes Jahr das gleiche Elend. Und jedes zweite Jahr ist es zum Beispiel bei Birkenpollen-Allergikern besonders schlimm. 2010 wird wohl so ein Jahr.

Wenn also in einem Artikel, der gestern auf sueddeutsche.de erschien, folgende Formulierung steht …

Eines steht jedenfalls fest: Ein Spaziergang dürfte das Jahr 2008 für Pollenallergiker nicht gerade werden.

… dann ist die naheliegende Erklärung, dass sich jemand die Mühe ersparen wollte, den ganzen Rotz noch einmal aufzuschreiben, einen zwei Jahre alten Text einfach unter dem aktuellen Datum noch einmal veröffentlicht hat und dabei vergaß, die Jahreszahl zu ändern.

So einfach ist es aber nicht.

Weite Teile des sueddeutsche.de-Artikels basieren auf einer Meldung, die die Nachrichtenagentur DAPD am vergangenen Freitag verbreitet hat. Die DAPD-Meldung wiederum basiert auf einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, worauf DAPD auch hinweist.

Der Artikel von sueddeutsche.de basiert aber nicht nur auf der DAPD-Meldung: Den Hinweis, dass dieses Jahr ein sogenanntes “Mastjahr” mit besonders starker Birkenpollenbelastung werden könnte, bekommen Leser von sueddeutsche.de als zusätzliche Information. Er stammt offenbar aus einem Artikel aus einem Asthma-Online-Portal, der erklärt, dass ein solches “Mastjahr” alle zwei Jahre auftritt und unter anderem 2004 und 2006 stattfand und für 2008 erwartet wurde — der Artikel ist nämlich schon zwei Jahre alt (und basiert zum Teil auf dieser Nachricht von journalmed.de, der wiederum basiert auf … Ach, egal).

Jedenfalls kommt in diesem Artikel auf dem Asthma-Online-Portal auch folgender Satz vor:

Eines steht jedenfalls fest: Ein Spaziergang dürfte das Jahr 2008 für Pollenallergiker nicht gerade werden.

Und der fand dann (mit zwei weiteren Sätzen) wörtlich Einzug in den Artikel auf sueddeutsche.de. Der deshalb jetzt aussieht, als sei er schon zwei Jahre alt. (Einen entsprechenden Leserhinweis in einem Kommentar unter dem Artikel hat die Redaktion, wie es üblich ist, ignoriert.)

Manche Menschen mögen dieses Produktionsverfahren “Flickenteppich” oder “Kraut und Rüben” nennen, andere sprechen vielleicht von einem “Mashup”. Wir würden einen anderen Begriff für diese Textform empfehlen: “Onlinejournalismus”.

Mit Dank an Urs Sch. und Annika K.

Nachtrag, 19.50 Uhr: sueddeutsche.de hat aus der “2008” eine “2010” gemacht.

Polanskis Oktoberfestmädchen wiederentdeckt

Über Roman Polanski hört man inzwischen ja wieder so allerhand. Seit seiner Festnahme in der Schweiz zuckt der gestählte Boulevard-Redakteur sofort zusammen, wenn der Name Polanski insbesondere im Kontext mit jüngeren Frauen fällt. Schon am 7. Oktober kramte “Bild” ein Foto hervor, das den Regisseur 1977 auf dem Oktoberfest in München mit einigen tatsächlich sehr jungen Frauen zeigt — ein Foto, das bei einem Prozess Ende der siebziger Jahre einen Richter anscheinend so schockierte, dass er einen ausgehandelten Deal (Geständnis gegen Strafmilderung) angeblich wieder platzen ließ.

Der “Bild am Sonntag” ließ dies keine Ruhe. Vor allem wollte sie wissen, wer die jungen Frauen waren, die damals anscheinend nur eines im Sinn hatten, nämlich den berühmten Regisseur zu umgarnen. Denn bisher, so kündigt man im Text an, sei es “nicht bekannt” gewesen, wer die Mädchen waren. Eineinhalb Wochen später trug die Recherche jetzt Früchte: Man kannte zumindest eines der Mädchen, interessanterweise übrigens die heutige Ehefrau des deutschen Regisseurs Ulli Edel. Ihre Einlassungen kündigt die “BamS” damit an, dass jetzt “erstmals” eines der Mädchen spricht. Was das damalige Mädchen spricht, ist allerdings nur wenig spektakulär:

Was Gloria Edel, die mit dem deutschen Regisseur Uli Edel (“Baader-Meinhof-Komplex”) verheiratet ist, für wichtig hält, ist die Tatsache, dass alle Mädchen mit ihren Freunden da waren. “Man sieht sie nur nicht, weil der Fotograf nur Roman und uns Frauen auf dem Bild haben wollte.”

Das deckt sich übrigens ziemlich genau mit dem, was auch Polanski vor 25 Jahren in seiner Biographie schrieb:

“Das Foto war so zurechtgestutzt, dass man um mich herum nur Weiblichkeit sehen konnte. In Wahrheit hatten die Damen sämtlich Begleiter gehabt.”

Und wäre bei “Bild am Sonntag” jemand auf die großartige Idee gekommen, diese Autobiographie zu lesen, man hätte sich auch noch eineinhalb Wochen anscheinend aufwändige Recherchen sparen können. Darin nämlich schreibt Polanski, wer die vermeintlich bis heute Unbekannten sind:

Da war Gloria, Sam Waynbergs Frau; Vava Oiangen, Hans Möllingers Freundin; und Monika, die Frau eines anderen deutschen Freundes, Thomas Datzmann, für den ich vor Jahren einmal Brautführer gespielt hatte.

Mit Dank an Eva R.!

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