„Klartext“. Das heißt: Hier traut sich jemand, die Fakten auszusprechen, die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Keine Schönrederei, keine political correctness. Nur Klartext, damit sich der mündige Bürger sein eigenes Bild machen kann.
Und “Hier” ist natürlich der Ort, wo Menschen noch unzensiert Klartext reden dürfen: in der “Bild”-Zeitung.
Er will, dass Flüchtlinge aus Nordafrika schnell abgeschoben werden: Sachsens Innenminister Markus Ulbig (51, CDU) klagt über hohe Kriminalität bei Asylbewerbern aus der Region.
BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?
Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.“
BILD: Um welche Delikte geht es?
Ulbig: „Schwerpunkte der durch Zuwanderer begangenen Straftaten waren Diebstahlsdelikte mit 40 Prozent. Dabei ist …
Und so redet Ulbig weiter über kriminelle Flüchtlinge. „Bild“ hört geduldig zu, fragt hin und wieder „Wer ist noch auffällig?“ oder „Warum wird nicht abgeschoben, welche Hindernisse gibt es?“
Und keiner will bemerken, dass er die erste Frage gar nicht richtig beantwortet hat. Schauen wir noch mal rein.
BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?
Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.
Und was sagt uns das? Genau: nix. Weil die Vergleichsgröße fehlt — die Gesamtzahl der Zuwanderer 2014.
Um den „Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung“ zu untersuchen, muss man die Flüchtlingszahlen erst mal kennen. Ulbig aber liefert nur die für die Kriminalitätsentwicklung. Und „Bild“ belässt es dabei.
Allerdings hätte ein Blick in die Statistik den „Klartext“ auch deutlich getrübt. Laut der Sächsischen Staatskanzlei lebten zum Stichtag 31. Oktober 2014 (die Zahl für den Zeitraum bis September liefern wir nach, sobald wir sie haben) in Sachsen insgesamt 13.747 Asylbewerber.
Nimmt man die Zahlen von Ulbig hinzu …
… lässt sich vereinfacht sagen: 2014 ist jeder fünfte, fast jeder vierte Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst worden, davon hat jeder 2,3 Straftaten begangen. Ein Jahr später war es nur noch jeder zehnte. Mit jeweils 2,2 Straftaten. Die Kriminalitätsrate ist also gesunken.
Aber um bequeme Wahrheiten geht’s hier ja nicht.
***
Und dann war da noch die „Welt“.
Ulbig sagt in dem „Bild“-Interview, „Zuwanderer aus den sogenannten Maghreb-Staaten“ seien in Sachsen besonders auffällig, sie seien „für rund 43 Prozent aller Straftaten von Zuwanderern verantwortlich“.
… und suggeriert damit, 43 Prozent aller Straftaten in Sachsen würden von Nordafrikanern begangen.
Auch wenn es keine Absicht gewesen sein sollte — dass die Überschrift mindestens missverständlich ist, dürfte auch die “Welt” inzwischen mitbekommen haben, trotzdem macht sie keine Anstalten, die Überschrift zu ändern. Und sammelt weiter die Klicks, während die besorgten Leser immer besorgter werden.
1. Polizei bestätigt: Geschichte über toten Flüchtling ist ausgedacht (tagesspiegel.de, Sabine Beikler & André Görke & Johannes Laubmeier und weitere)
Ein kollektiver Aufschrei ging durchs Netz, als ein ehrenamtlicher Helfer am Berliner Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) vom Tod eines syrischen Flüchtlings berichtete. “Jetzt ist es geschehen. Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme – VERSTORBEN.” Nun stellt sich heraus, dass die Geschichte wohl frei erfunden war.
2. Ist Angela Merkel schlimmer als Hitler? (opinion-club.com, Arne Hoffmann)
Der Medienwissenschaftler Arne Hoffmann schreibt über die zunehmende Radikalisierung innerhalb der Flüchtlingsdiskussion, die auch etablierte Medien betreffe. “Wenn eine Situation derart diffizil gerät, wie es bei der Flüchtlingskrise der Fall ist, nimmt der Wunsch nach Komplexitätsreduzierung offenbar überhand. Personalisierung und Dämonisierung suchen sich ihren Sündenbock.” Eindringlich warnt er vor der rechten Hysterie: “Wenn immer wieder so getan wird, als befänden wir uns in einem totalitären Staat, gilt vielen jeder Anschlag auf ein Flüchtlingsheim als mutiger Widerstand.”
3. Uns reicht es! (berliner-zeitung.de, Arno Schupp)
In sozialen Netzwerken und Foren geht es nicht immer höflich und gesittet zu, das wissen wir alle. Doch was Medienvertreter (“Lügenpresse”) in letzter Zeit erleben, geht oft über das hinaus. So veröffentlicht der Lokalressortleiter der “Berliner Zeitung” eine an einen Redakteur gesandte Hassnachricht und erklärt unter der Überschrift “Uns reicht es!”, warum man gegen eine bestimmte Sorte digitaler Leserbriefschreiber in Zukunft juristisch vorgehen werde.
4. Maulkorb für Abgeordnete (correctiv.org, Justus von Daniels & Marta Orosz)
Das journalistische Portal “Correctiv” berichtet über ein bisher geheimes Dokument der EU-Kommission. Aus diesem ginge hervor, dass Bundestagsabgeordnete zwar unter Aufsicht in den TTIP-Dokumenten lesen dürften. Sollten jedoch Informationen über den Inhalt der Dokumente weitergegeben werden, würde man auf Veranlassung der USA die Leseräume schließen und “disziplinäre und/oder rechtliche Maßnahmen” ergreifen. Eine Drohung, die ins Leere läuft, denn bislang werden es nicht sonderlich viele Volksvertreter gewesen sein, die sich in den streng bewachten Leseräumen zur entspannten TTIP-Lektüre eingefunden haben …
5. Warum Ihre Tochter Minecraft spielen sollte (irights.info, Rey Junco)
Ein amerikanischer Pädagogikprofessor macht sich Gedanken über Genderungleichheit und spricht sich für das Computerspiel Minecraft aus. Der von Geschlechterstereotypen freie Konstruktionsklicker sei besonders gut für Mädchen geeignet. Das Game stärke das räumliche Vorstellungsvermögen, was die Grundlage für die Entwicklung weiterer, komplexerer Fähigkeiten sei. Ja, Minecraft könne das besorgen, was die Schule oft so straflässig versäume: Stärkung und Ausbau der sogenannten MINT-Fähigkeiten.
6. Bitte geben Sie uns Ihr Ehrenwort (zeit.de, Friedhelm Greis)
Der WLAN-Gesetzentwurf der Bundesregierung verlangt von Betreibern offener Netze, dass sie den Nutzern auf einer Vorschaltseite eine sogenannte “Rechtstreueerklärung” abverlangen. Die Digitale Gesellschaft und die Freifunker haben nun ihre Bedenken angemeldet, die sowohl technischer als auch juristischer Natur sind. Vielleicht sind all die Bedenken jedoch unnötig, denn IT-Rechtsexperte Ulf Buermeyer setzt die Wirksamkeit einer derartigen Erklärung laut Artikel eh mit “gleich Null” an. Die Abgabe einer falschen Erklärung sei mit keinerlei Sanktionen versehen. Nutzer könnten sie also trotz geplanter Rechtsverletzungen problemlos abgeben.
Um etwas Differenzierung in die Debatten zu bekommen, können Zahlen helfen. Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Sachsens Innenminister Markus Ulbig eine “Kriminalitätsstatistik im Zusammenhang mit dem Thema ‘Zuwanderung'”. Zusammengefasst: Ja, es gebe mehr Kriminialität, seit die rund 45.000 Zuwanderer zwischen Januar und September 2015 nach Sachsen gekommen sind, allerdings sei die Anzahl der Straftaten verhältnismäßig gering gestiegen (2014: 7.029 Straftaten, 2015: 10.397). Einen Großteil der Delikte bildeten Ladendiebstähle und Schwarzfahren. Ulbig sagte zur Statistik:
Die überwiegende Mehrheit der Zuwanderer in Sachsen verhält sich rechtskonform. Bei den ermittelten Tatverdächtigen gilt es zu differenzieren. Es sind nicht die Zuwanderer, die einmalig mit Bagatelldelikten straffällig werden, die uns Sorge bereiten, sondern einige wenige Mehrfach-/Intensivtäter, die fast die Hälfte aller durch Zuwanderer begangenen Straftaten zu verantworten haben.
Die regionalen Medien berichteten über die Zahlen des Innenministeriums und griffen in ihren Überschriften entweder die Aussage Ulbigs auf, vermeldeten die Veröffentlichung der Statistik oder fassten sie kurz zusammen:
Die Dresden-Ausgabe der “Bild”-Zeitung berichtete ebenfalls. Im Artikel steht zwar direkt zu Beginn:
Von wegen, Ausländer seien besonders kriminell. Dieses Vorurteil will jetzt Sachsens Innenminister Markus Ulbig (51, CDU) widerlegen.
Die dazugehörige Überschrift ist allerdings nicht gerade geeignet, um hitzige Debatten abzukühlen:
Hinzu kommt die Aufmachung: Ein Foto zeigt einen “Drogendealer aus Tunesien”, der die Polizei verhöhnt; ein anderes eine Festnahme bei einer “Drogenrazzia am Wiener Platz”, obwohl (wie auch “Bild” immerhin erklärt) Rauschgiftdelikte gerade einmal fünf Prozent aller 10.397 Straftaten ausmachten.
Die “Bild”-Kollegen aus Leipzig haben ebenfalls über die Statistik berichtet. Überschrift:
1. Lügt die Presse? So erkennen Sie es. (krautreporter.de, Rico Grimm)
Als Journalist bekommt Rico Grimm von Freunden und “Krautreporter”-Lesern immer wieder eine Frage gestellt: “Welchen Zeitungen, Foren usw. kann man überhaupt noch was glauben?” Deshalb gibt er Einblick in sein Vorgehen “als ‘Recherche-Profi'” und zehn Ratschläge, wie man ohne viel Aufwand die Glaubwürdigkeit von Quellen überprüfen kann. Kein Geheimwissen und erst recht keine Raketenwissenschaft, aber gerade deswegen für viele sicher hilfreich.
2. SWR — ganz elastisch (kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Mit einer internen Mail hat der SWR seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu aufgefordert, die AfD in den Nachrichten künftig nicht mehr als “rechtspopulistisch” zu bezeichnen. Die Partei sei “mittlerweile bekannt genug”, sodass der “erklärende, aber auch wertende Zusatz” weggelassen werden könne. Bei der CDU werde schließlich auch kein “konservativ” angehängt, die FDP werde nicht ständig als “liberal” bezeichnet. Diesen Vergleich kritisiert Liane Bednarz. Sie fordert den SWR auf, sich damit zu beschäftigen, was andere Parteien von der AfD unterscheidet, und liefert zehn Belege für den Rechtspopulismus der AfD.
3. Hohe Medienkonzentration, geringe Transparenz (reporter-ohne-grenzen.de)
Vier Mediengruppen teilen sich 83 Prozent des Marktes, die meisten Eigentümer haben enge Verbindungen zur Regierung — die Voraussetzungen für kritischen Journalismus und Meinungspluralismus sind in Kambodscha nicht gerade ideal. Eine Studie von “Reporter ohne Grenzen” und einer örtlichen Organisation verdeutlicht die problematischen Besitzverhältnisse im südostasiatischen Land. Im “Media Ownership Monitor” untersuchen die “Reporter ohne Grenzen” regelmäßig die Medienkonzentration in verschiedenen Ländern. In der ersten Veröffentlichung ging es um Kolumbien.
4. Warum ich Prince Charles nicht interviewe (facebook.com, Armin Wolf)
Der “Independent” berichtet, dass Prince Charles deutliche Regeln für Interviews vorgebe. Die Journalisten müssten einen 15-seitigen Vertrag unterschreiben. Jede Frage müsse vorab bekannt und abgesegnet sein. Dem österreichischen Moderator Armin Wolf ist es “schleierhaft, wie ein ernstzunehmendes Medienunternehmen einen solchen Vertrag unterschreiben kann.”
5. Übersetzungshilfe für eine Fintech-Pressemitteilung (handelsblatt.com, Martin Dowideit)
Viele Fintechs, die Start-ups in der Finanzbranche, machen wenig Umsatz, haben aber große Ambitionen. Deshalb verschicken sie gern verschleiernde Pressemitteilung an Redaktionen. Martin Dowideit decodiert fürs “Handelsblatt” eine typische PR-Meldung und entlarvt den Werbesprech.
1. “Wir holen dich da raus” (sz-magazin.sueddeutsche.de, Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck)
Als sie eine Zeit lang in Kabul leben und von dort berichten, lernen Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck den afghanischen Jungen Hasib kennen. Plötzlich meldet sich Hasib, er sitze auf seiner Flucht in Ungarn fest. Die zwei Journalisten machen sich auf den Weg, um ihn nach Deutschland zu schmuggeln.
2. Warum es sich gut anfühlt, über Flüchtlinge Lügen zu verbreiten (diepresse.com, Sibylle Hamann)
Warum veröffentlichen Leute in den sozialen Medien Gerüchte über Flüchtlinge, die ganze Gruppen in Verruf bringen und gleichzeitig gar nicht stimmen (hier ein aktuelles Beispiel)? Aus Bösartigkeit? Sibylle Hamann will “eine andere, kompliziertere Erklärung zur Diskussion stellen”: die Rechtfertigung für das eigene Nichtstun.
3. Der Shitstorm als Mittel der politischen Kommunikation (lampiongarten.wordpress.com, Sebastian Baumer)
Aus gegebenem Anlass erinnert Sebastian Baumer an die Wirkungsweise von (bewusster) Provokation und (reflexhaft-empörter) Reaktion: “Es ist ein bisschen traurig (…), aber die ältere CDU-Dame versteht das Internet sehr viel besser und weiß es cleverer zu nutzen als die Leute, die sich über sie aufregen.” Und Ole Reißmann appelliert: “Erika Steinbach ist ein Internet-Troll. Die füttert man nicht, die ignoriert man.”
4. “Ich entschuldige mich!” (sueddeutsche.de, Nadia Pantel)
Der Inhaber von Serbiens größter Tageszeitung, dem Boulevardblatt “Kurier”, entschuldigt sich auf der Titelseite seiner Sonntagsausgabe: Er habe jahrelang Selbstzensur geübt und sich bereitwillig mit den Mächtigen des Landes arrangiert. Dazu ein offener Brief, in dem er beschreibt, wie die Regierung Journalisten zu positiver Berichterstattung nötige. Der Fall sorgt in Serbien für Aufruhr — und auch die EU-Kommission warnt: “Es besteht Sorge über die sich verschlechternden Bedingungen der Meinungsfreiheit in Serbien. (…) Drohungen und Gewalt gegenüber Journalisten bleiben besorgniserregend.”
5. “Im Magazinmachen steckt die Sehnsucht, unsterblich zu werden” (buchalsmagazin.tumblr.com, Peter Wagner)
Beruflich macht Horst Moser Magazine, privat sammelt er sie — mittlerweile braucht es zum Lagern eine ganze Halle: “Wieviele haben Sie beisammen?” — “Keine Ahnung, es sind viele Regalkilometer.” Peter Wagner hat sich mit ihm über seine Leidenschaft unterhalten.
6. Berliner Drehtüreffekt: Vom Journalisten zum Regierungssprachrohr (youtube.com, Tilo Jung, Video, 1:53 Minuten)
Hier ein Wechsel aus der Wirtschaft in die Politik (oder andersrum), dort ein Wechsel aus dem Journalismus in die Wirtschaft. Nun ist mal wieder ein Wechsel aus dem Journalismus in die Politik dran: Sibylle Quenett, zuletzt stellvertretende Chefredakteurin der “Mitteldeutschen Zeitung”, arbeitet jetzt im Pressereferat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Tilo Jung zu ihrer Vorstellung in der Bundespressekonferenz: “Der ganz normale, andere Drehtüreffekt im Berliner Regierungsviertel”.
Bayern ist ein in vielerlei Hinsicht erfolgreiches Land. Stolz verkündet die bayerische Staatsregierung daher auf ihrer Seite www.bayern.de:
Bayern belegt in vielen zentralen Feldern Spitzenplätze im Ländervergleich. Mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze, mehr Wachstum und Einkommen, mehr Zukunftsinvestitionen, bessere Bildung und eine umweltfreundlichere Energieerzeugung, weniger Kriminalität und weniger Staatsschulden – von diesem Leistungsvorsprung profitieren Bayerns Bürgerinnen und Bürger unmittelbar. Das spürbare “Mehr” an Lebensqualität und Zukunftschancen in Bayern wird im Vergleich wichtiger Kennziffern mit den anderen großen Flächenländern im Westen Deutschlands deutlich.
Auf zahlreichen Unterseiten listet man all die Rekorde und Superlative detailliert auf. Da ist vom boomenden bayerischen Arbeitsmarkt die Rede, der die Zahl der sozialversicherungspflichtig Tätigen auf Rekordhöhen treiben würde. Auszubildende hätten im Ländervergleich die größte Auswahl an freien Stellen. Die Erwerbstätigenquote sei unter allen Bundesländern (Originalzitat: „Fleiß ist eine bayerische Tugend“) die höchste; die Arbeitslosenquote die allerniedrigste …
Die Wirtschaft wachse schneller als in anderen Ländern, wovon die Bürger durch höheren Wohlstand profitieren würden. Außerdem sei man Gründerland Nummer 1 und führend bei der Anmeldung von Patenten.
In Sachen Energie bezeichnet man sich als „Motor des Aufbruchs in das neue Energiezeitalter“. In Bayern würde man zudem dank der niedrigsten Kriminalitätsrate am sichersten leben. Der Bildungsstandort Bayern erreiche bei nationalen und internationalen Vergleichsstudien hervorragende Spitzenplätze. Für Familien werde gesorgt wie nirgendwo, und der Staatshaushalt verschaffe dem Land dank kluger Investitionen und geringer Verschuldung „beste Zukunftschancen und mehr Gerechtigkeit für kommende Generationen“.
Nach einem Besuch der offiziellen Webseite muss man es sich wie einen reibungslos laufenden Familienbetrieb vorstellen, dieses Bayern. Eine heile Welt voll Glück, Friede und Wohlstand.
Wenn man die Facebookseite der regierenden CSU aufruft, bekommt man jedoch einen ganz anderen Eindruck: Ein Land, das vom „Flüchtlingsstrom“ hinweggespült zu werden droht, dem „ein Kollaps mit Ansage“ bevorsteht, dessen „Belastungsgrenze“ erreicht und ja, dessen Kultur durch die Flüchtlinge bedroht ist.
Im Social-Media-Bierzelt der CSU auf Facebook wird ununterbrochen „Klartext geredet“, mit Ängsten und Vorbehalten gespielt, mit Hingabe gefordert und aufgefordert, über die große Schwesterpartei gelästert, von „Skandal“ und „grandiosem Scheitern“ gesprochen und mit „Notwehr“ gedroht.
Man könnte beim Lesen der Einträge auf den Gedanken kommen, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Bayern sei vollkommen zum Zusammenbruch gekommen. Außerhalb des Flüchtlingsthemas scheint nichts anderes zu interessieren, nichts anderes zu existieren.
Die ansonsten rosarote bayerische Brille scheint sich urplötzlich tiefschwarz verfärbt zu haben.
Doch Eindrücke sind das eine, objektive Fakten das andere. Schauen wir uns deshalb die Facebookseite der CSU und die thematische Verteilung der Beiträge im Monat Oktober 2015 etwas genauer an.
Zunächst müssen wir die „Nullmeldungen“, sprich Mitteilungen ohne Nährwert abziehen. Dabei handelt es sich um neun Posts (eine Geburtstagsgratulation („Ois Guade!“), zwei Bilder aus historischen Tagen, fünfmal „Schönes Wochenende!“).
Die verbleibenden Facebook-Einträge ohne Flüchtlingsbezug lassen sich wie folgt zuordnen (als Sortierkriterium dienen die bayrischen Ministerressorts):
Ressort
Beiträge
Themen
Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie
3
Energiewende, Netzkongress, Moderne Medienwelt
Bundesangelegenheiten und Sonderaufgaben
1
Foto (“25 Jahre Deutsche Einheit”)
Europaangelegenheiten und regionale Beziehungen
–
–
Inneres, Bau und Verkehr
–
–
Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
–
–
Finanzen, Landesentwicklung und Heimat
1
Foto (“Bayern Das Land”)
Umwelt und Verbraucherschutz
–
–
Gesundheit und Pflege
–
–
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
1
Foto (“Erntedankfest”)
Arbeit und Soziales, Familie und Integration
3
Arbeitslosenquote, zweimal Betreuungsgeld
Parteiinterna und Verschiedenes
5
JU, Vorstandsmeldung, Todestag FJS, Fragestundenaufruf, Diskussionsbilder “Gesellschaft von morgen”
Wenn man großzügig rechnet und auch die hübschen, bunten Bildchen zu Erntedankfest etc. miteinbezieht, kommt man also auf neun Beiträge, die man elf Ressorts zuordnen kann. Das macht 0,82 Beiträge je bayerisches Ministerressort im Monat (zzgl. fünf Posts zu Parteiinterna und Verschiedenes).
Ganz anders beim Thema „Flüchtlinge“: Den insgesamt 14 mehr oder weniger drögen Beiträgen aus allen Ressorts stehen 36 alarmierende Posts zur Flüchtlingsthematik gegenüber.
Hier eine chronologische Übersicht über den gesamten Monat:
1.10.2015
Zur Bewältigung der Flüchtlingskrise wird Bayern die Ausgaben für Schulen und Bildung, Wohnungsbau, Polizei, Justiz und Verwaltung erhöhen.
Das Ziel ist, Geld einzusetzen für die Integration der Schutzbedürftigen, nicht für diejenigen, die nicht in Deutschland bleiben dürfen.
Bildzitat: „Wir werden keine Leistungen für die einheimische Bevölkerung kürzen.“
3.10.2015
Der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ist heute Abend Gast in einer Extraausgabe der Münchner Runde zu der aktuellen Flüchtlingssituation.
4.10.2015
Wenn in den nächsten Wochen das Ruder nicht rumgerissen wird und die Zuwanderung begrenzt wird, dann droht ein Kollaps mit Ansage. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer spricht Klartext und fordert die Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik zum verstärkten Handeln auf.
6.10.2015
Deutsche Leitkultur ist viel mehr als das Grundgesetz: Dazu gehören unsere Traditionen, unsere Lebensweise und unsere gemeinsamen Werte. Integration kann nicht bedeuten, dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht. Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: Unsere Werte akzeptieren!
Die Belastungsgrenze ist erreicht. Wir brauchen eine Begrenzung des Zustroms.
8.10.2015
8.10.2015
Horst Seehofer spricht in der Bild #Klartext!
Bildzitat: „Das bayerische Kabinett wird morgen Maßnahmen der Notwehr zur Begrenzung der Zuwanderung beschließen, wie etwa Zurückweisungen an der Grenze zu Österreich und unmittelbare Weiterleitung neu eintreffender Asylbewerber innerhalb Deutschlands.“
9.10.2015
Weiterhin große Zustimmung zur Asylpolitik der CSU. Wir brauchen dringend eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms!
Bild: Diagramm
9.10.2015
Das bayerische Kabinett hat unter der Leitung von Ministerpräsident Horst Seehofer beschlossen, dass der ungebremste Zustrom von Flüchtlingen nach Bayern gestoppt werden muss, notfalls durch Zurückweisungen an der bayerisch-österreichischen Grenze. Bayern wird Flüchtlinge auch direkt in andere Bundesländer weiterleiten, wenn diese sich weigern, Bayern Flüchtlinge abzunehmen. Bei weiterer Untätigkeit des Bundes behält sich Bayern vor, Klage zum Bundesverfassungsgericht zu erheben.
10.10.2015
Es schadet Deutschland nicht, wenn es auf Bayern hört. Horst Seehofer spricht Klartext auf dem Fachkongress Migration und Flüchtlinge.
10.10.2015
CSU-Chef Horst Seehofer hat auf dem CSU-Fachkongress Migration und Flüchtlinge in Erding die CSU als Seismograph der Lebenswirklichkeit bezeichnet.
11.10.2015
Horst Seehofer betonte auf dem Fachkongress Migration und Flüchtlinge: „Einfach zu sagen, in unserer Zeit lassen sich 3.000 Kilometer Grenze nicht mehr schützen, ist eine Kapitulation des Rechtsstaats vor der Realität. … Es schadet Deutschland nicht, wenn es auf Bayern hört.
11.10.2015
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ist heute um 21:45 Uhr zu Gast in der ARD. Bei Günther Jauch wird die Flüchtlingssituation das Thema sein. Einschalten lohnt sich!
12.10.2015
Horst Seehofer bringt CDU auf Kurs! Transitzonen sollen kommen. Das ist ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der Beschlüsse der Bayerischen Staatsregierung.
13.10.2015
Es kann nicht sein, dass bayerische Landkreise mehr Flüchtlinge aufnehmen als Frankreich.
Wie der massenhafte Zustrom begrenzt und die Integration der Bleibeberechtigten gelingen kann, war das Thema des CSU-Fachkongresses Migration und Flüchtlinge.
13.10.2015
#CSUtvTipp: Heute Abend um 22 Uhr diskutiert Generalsekretär Andreas Scheuer in der Münchner Runde im BR zum Thema “Flüchtlingsziel Deutschland”. Einschalten lohnt sich!
15.10.2015
Wie geht es weiter in der Flüchtlingskrise? Horst Seehofer spricht Klartext im Landtag!
15.10.2015
15.10.2015
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise dringend zum Handeln aufgefordert.
Was die Menschen jetzt brauchen, sind Taten!
16.10.2015
19.10.2015
Bundestag und Bundesrat haben das Asylpaket I beschlossen. Das reicht jedoch nicht: Wir brauchen jetzt ein Asylpaket II mit Transitzonen, der Begrenzung des Familiennachzugs und einer Obergrenze für die Zuwanderung.
20.10.2015
Die Themen Asyl und Integration werden derzeit heiß diskutiert. Am Donnerstag stellt sich Andreas Scheuer in einem Facebook Q&A ab 17.30 Uhr euren Fragen.
22.10.2015
Danke für’s mitmachen bei unserem Facebook Q&A mit Andreas Scheuer, das diesmal stark vom Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik dominiert war.
Für uns gilt: wir nehmen eure Sorgen ernst und werden uns weiter auf allen Ebenen dafür stark machen, den Zustrom an Flüchtlingen zu begrenzen.
23.10.2015
Andreas Scheuer fordert ARD und ZDF dazu auf, ein „Deutsches Integrationsfernsehen“ einzurichten.
Dieses Angebot soll Sprachkurse, Grundgesetz-Unterricht, Informationen für das Leben in unserem Staat und in unserer Gesellschaft, Dokumentationen über gelungene Integrationsprojekte und selbstverständlich die Vermittlung unserer deutschen Werte und unserer deutschen Leitkultur umfassen.
23.10.2015
23.10.2015
“Was nun?” Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wird heute Abend um 19:20 Uhr im ZDF Klartext zur Flüchtlingssituation sprechen!
Einschalten lohnt sich! #CSUtvTipp
24.10.2015
Horst Seehofer redet im Interview mit dem ZDF #Klartext:
“Wir müssen über die Zuwanderungsbegrenzung reden, weil wir ohne Zuwanderungsbegrenzung die Integration nicht schaffen, die Zustimmung der Menschen hier im Lande verlieren und auch manche Sicherheitsprobleme bekommen.”
26.10.2015
26.10.2015
Wir wehren uns entschieden gegen die Vorwürfe der SPD-Generalsekretärin Fahimi. Alle demokratischen Parteien müssen doch gemeinsam Lösungen finden, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Die SPD muss sich konstruktiv beteiligen. Wir brauchen schnellstens Transitzonen.
Bildzitat: “SPD-Generalisekretärin Fahimi zeigt einmal mehr, dass sie von der politischen Lebenswirklichkeit keine Ahnung hat.”
27.10.2015
Die Politik des Durchwinkens ist skandalös und muss ein Ende finden!
Innenminister Joachim Herrmann kritisiert, dass Österreich weiterhin tausende Flüchtlinge an die bayerische Grenze weiterleitet. Dieses Problem muss endlich auf Ebene der Kanzler geregelt werden.
Bildzitat: „Das können wir uns von niemandem gefallen lassen, und schon gar nicht von unserem Nachbarland Österreich.“
27.10.2015
Unser heutiger #CSUtvTipp: Ministerpräsident Horst Seehofer stellt sich um 17:30 Uhr bei SAT.1 Bayern den Fragen zur aktuellen Flüchtlingssituation.
27.10.2015
#CSUtvTipp: Gleich diskutiert Entwicklungsminister Gerd Müller um 22 Uhr in der Münchner Runde im BR über das Thema “Flüchtlingskrise und kein Ende: Wohin steuert Europa?”. Einschalten lohnt sich!
28.10.2015
Bayern geht unter den Bundesländern voran und ergreift Maßnahmen für eine effektivere Abschiebepraxis.
Überall muss wieder der Grundsatz gelten: Ablehnung heißt Abschiebung oder Ausreise!
28.10.2015
29.10.2015
30.10.2015
Nach den erneuten Angriffen aus der SPD stellt CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer klar: Der CSU geht es nicht um theoretische Debatten, sondern um konkrete Entscheidungen: Wir brauchen eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms, da sonst die hier lebende Bevölkerung überlastet wird.
Bayern hat die Hauptlast des Flüchtlingsstroms zu tragen, aber diese Realität ist im Rest der Republik scheinbar noch immer nicht bei jedem angekommen.
Bildzitat: „Der CSU geht es nicht um Spielchen, sondern um die richtigen Entscheidungen für das Land.“
***
Bei einer Gesamtzahl von 36 Beiträgen …
wird mindestens zehnmal mit Ängsten, Vorbehalten und Ressentiments gespielt.
wird 14-mal geradezu gebetsmühlenhaft die „Begrenzung des Flüchtlingszustroms“ gefordert.
wird 16-mal „Klartext“ geredet, auf „Kurs gebracht“, gedroht oder anderweitig in den kraftmeiernden Bierzeltmodus geschaltet.
Persönliche Schlussanalyse: Bewertet man die CSU nur nach ihrer Selbstdarstellung auf Facebook, drängt sich der Eindruck auf, man habe es nicht mit einer christlichen und sozialen Union, sondern mit einer Antiflüchtlingspartei zu tun. Dann sollte konsequenterweise auch ein Namenswechsel erfolgen. Anti-Flüchtlingspartei Deutschland würde sich anbieten, ist als Kürzel aber leider schon vergeben.
Die Regierung in Kanada hat eine Reisewarnung für Ostdeutschland herausgegeben. Darin ist die Rede von extremistischen Jugendbanden, die in Teilen Ostdeutschlands eine Bedrohung darstellten. Mitglieder solcher Gangs seien bekannt dafür, Personen wegen ihrer Rasse oder ihres ausländischen Aussehens zu belästigen oder direkt zu attackieren. Auch habe es schon Brandanschläge auf parkende Fahrzeuge gegeben.
Die „Warnung aus Kanada konkret für Ostdeutschland“ komme „nicht von ungefähr“, schreibt das „Handelsblatt“: “Die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung verzeichnet in Dresden in Sachsen weiter Zulauf.”
Darauf habe die kanadische Regierung also reagiert. Und das schmeckt den hiesigen Politikern so gar nicht.
Die Sachsen-CDU reagiert empört auf die Reisewarnung. „Das entspricht nicht der Realität und ist extrem rufschädigend“, sagte der Generalsekretär der sächsischen CDU und Vize-Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, dem Handelsblatt. „Deutschland muss dieser Beurteilung entschieden entgegen treten.“
Bevor Deutschland damit loslegt, würden wir ihm raten, sich ein bisschen besser zu informieren als das “Handelsblatt” oder der Herr Generalsekretär. Die Geschichte stimmt nämlich gar nicht.
Kanada hat keine Reisewarnung für Deutschland herausgegeben. Es gelten nach wie vor die „normalen Sicherheitsvorkehrungen“, also die niedrigste Sicherheitsstufe.
Auf der Internetseite der kanadischen Regierung gibt es lediglich einige Sicherheitshinweise für Deutschland. Da wird zum Beispiel vor Taschendieben „an Bahnhöfen, auf Flughäfen und Weihnachtsmärkten“ gewarnt. Oder davor, dass Demonstrationen ohne Vorwarnung in Gewalt umschlagen könnten. Oder eben vor extremistischen Jugendgruppen, die besonders „in einigen kleineren Städten und in Teilen des früheren Ostdeutschlands“ eine Bedrohung seien.
Das „Handelsblatt“ verdreht diesen Vermerk zu einer „Reisewarnung für Ostdeutschland“. Und erweckt den Eindruck, als reagiere die kanadische Regierung damit auf „Pegida“ & Co. – aber auch das ist falsch. Die Hinweise stehen nicht erst seit Neuestem auf der kanadischen Seite (wie auch ein Blick in die Wayback-Machine verraten hätte), sondern seit zehn Jahren.
Was sich vor dem Hintergrund der Angriffe auf Flüchtlingsheime vor allem im Osten der Republik wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung liest, stammt allerdings schon aus dem Jahr 2005.
… schreibt „Zeit Online“, eines der wenigen Medien, die nicht einfach blind vom “Handelsblatt” abgeschrieben haben.
Nur ein Hinweis zu gestiegenen Flüchtlingszahlen in Europa sei am 28. September neu hinzugekommen, sagt die Sprecherin der kanadischen Botschaft in Berlin, Jennifer Broadbridge ZEIT ONLINE. Dadurch könne es zu Verspätungen an Grenzübergängen und Bahnhöfen kommen, steht in dem Absatz.
Anders gesagt: Das einzig Neue an den der Geschichte ist, dass die kanadische Regierung vor Verzögerungen im Zugverkehr warnt. Alles andere ist entweder falsch oder mindestens zehn Jahre alt.
Immerhin: Es gibt noch eine Handvoll Journalisten, die erkannt haben, dass das alles Unsinn ist. Bernhard Honnigfort etwa schreibt auf der Onlineseite der „Frankfurter Rundschau“:
Tatsache ist, Kanada hat nicht vor Reisen nach Ostdeutschland gewarnt, sondern bittet seine Landsleute nur darum, aufzupassen und wachsam zu sein.
Und:
Natürlich ist das lange bekannt und der kanadische Warnhinweis ist nicht neu, sondern nur aktualisiert.
Natürlich. Und dass er das Märchen zuvor selbst ganz empört verbreitet hatte, sowohl in der “FR” …
Bei “Focus Online”, wo ebenfalls eindringlich über den Fall berichtet wird …
… haben sie sich nicht bloß auf die falschen Fakten der Kollegen verlassen, sondern selbst welche erfunden. Das Portal schreibt:
Auch vor in Brand gesteckten geparkten Autos wird gewarnt – das betreffe vor allem Berlin.
Berlin wird in den Hinweisen an keiner Stelle erwähnt.
So zieht die Geschichte munter ihre Kreise und wird mit jedem Mal ein bisschen weniger wahr.
Man will sich gar nicht vorstellen, was die kanadische Botschaft inzwischen denkt. Auf Anfrage gibt sie sich aber, klar: diplomatisch. Dem Evangelischen Pressedienst sagte die Sprecherin, man könne die ganze Aufregung zwar nicht nachvollziehen, jedoch würde die Ostdeutschland-Passage „angesichts der aktuellen Debatte” nun “geprüft und möglicherweise in den kommenden Tagen geändert“.
In den Sicherheitshinweisen schreibt die Regierung übrigens, dass man, wenn man in Deutschland unterwegs sei, „die lokalen Medien verfolgen“ solle. Auch ein Ratschlag, über den man mal nachdenken könnte.
Dagegen ist auch erstmal nichts zu sagen. Bloß wäre dieses Engagement viel glaubwürdiger und vor allem: wirksamer, wenn „Bild“ nicht gleichzeitig an vielen Stellen genau diesen Hass, die Feindbilder und die Ressentiments gegen Flüchtlinge befeuern würde.
Sie erinnernsich vielleicht an den Artikel, den die Dresdner „Bild“-Ausgabe vor gut einem Jahr veröffentlicht hat:
Obwohl schnell klar war, dass die Schutzwesten nicht aus Angst vor den Flüchtlingen angeschafft wurden, sondern zum generellen Schutz der Rettungskräfte, und obwohl auch „Bild“ weiß, dass es in Wahrheit keine Vier-Sterne-Luxusbude mehr ist, sondern ein ausrangiertes Hotel ohne jeden Schnickschnack, und obwohl der Artikel mit diesen falschen Behauptungen nachweislich die Stimmung gegen Flüchtlinge anheizt, ist er immer noch online.
Wenn den „Bild“-Leuten und vor allem ihrem Online-Chef so viel daran gelegen ist, den Flüchtlingen zu helfen, warum korrigieren oder löschen sie den Artikel nicht einfach?
Also wenn es in diesem Land jemanden gibt, der das „geschmacklose Spiel mit Angst und Vorurteilen“ beherrscht, dann ist das die “Bild”-Zeitung.
Ein anderes Beispiel. Anfang vergangener Woche erschien in „Bild“ Hamburg und bei Bild.de ein Artikel über den Hamburger Verkehrsbund (HVV):
Aus Angst vor „schlechter Presse“ hat der HVV hat seine Fahrkartenkontrolleure angewiesen, bei Flüchtlingen, die ohne Ticket angetroffen werden, ein Auge zuzudrücken.
Das geht aus einem internen Schreiben des Unternehmens hervor, das BILD vorliegt. Wörtlich heißt es darin: Bei „Asylsuchenden“ müsse man „viel „Augenmaß walten lassen“, da viele von Ihnen „Opfer von professionellen Fahrkartenfälschern“ würden oder „nachvollziehbar kaum Kenntnisse“ von der HVV-Tarifstruktur hätten.
Dann, wie üblich, ein schockierter Politiker:
Das will CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering (31) so nicht stehen lassen: „Die ,Augen-zu-Anweisung‘ muss zurückgenommen werden. Es gibt in Hamburg die Möglichkeit, eine vergünstigte HVV-Zeitkarte zu erwerben, explizit auch für Personen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten.“
Und der Artikel schließt mit der Bemerkung:
In der Tat erhält jeder neu ankommende Flüchtling 149 Euro Taschengeld pro Monat. Davon sind nach Angaben der Sozialbehörde 25,15 Euro für Fahrkarten im Nahverkehr vorgesehen.
Die haben also — in der Tat — genug Geld, die Flüchtlinge. Und dann kommt der HVV auf die Idee, sie alle schwarzfahren zu lassen, damit es keine negativen Artikel gibt? Und der arme Deutsche muss wieder blechen?
Soweit — und so verzerrt — die Version der „Bild“-Zeitung.
Was das Blatt nämlich nicht erwähnt: Es sind nicht nur Flüchtlinge, bei denen der HVV „ein Auge zudrückt“, sondern alle Leute, die aufgrund von Sprachproblemen oder aus anderen guten Gründen versehentlich ein ungültiges Ticket dabeihaben.
„Egal ob Hamburger oder Flüchtling oder Tourist“, erklärte uns der HVV-Sprecher auf Nachfrage, “da machen wir keinerlei Unterschied”. Wer zum Beispiel glaubhaft versichern könne, dass er Opfer von Fälschern wurde oder sich beim Fahrkartenkauf vertan hat, dürfe mit der Kulanz der Kontrolleure rechnen, das gelte für alle und sei schon immer so gewesen.
Mit dem internen Schreiben (hier im Wortlaut) habe der HVV lediglich der aktuell hohen Zahl von Flüchtlingen Rechnung tragen und die Mitarbeiter daran erinnern wollen, dass bei den Kontrollen Fingerspitzengefühl gefragt sei. Es sei auch nicht aus Angst vor schlechter Presse verschickt worden, sondern „aus Überzeugung“. Der HVV-Sprecher:
Ich kenne den Kollegen, der das Schreiben verschickt hat. Der hat vor Kurzem miterlebt, wie verängstigt einige Flüchtlinge waren, als sie, umringt von Uniformierten, am Bahnsteig kontrolliert wurden, da dachte er sich einfach: „Da muss man was tun“ und hat dann das Schreiben verschickt, um die Kollegen für die spezielle Situation zu sensibilisieren.
Das alles hätte der „Bild“-Reporter auch erfahren, wenn er beim HVV nachgefragt hätte. Aber das hat er laut HVV nicht.
So reißt “Bild” das Dokument aus dem Zusammenhang und erweckt den Eindruck, die Flüchtlinge bekämen eine ungerechtfertigte Extrawurst.
Die Reaktionen auf den Artikel sehen übrigens so aus:
Das ist nur eine winzige Auswahl. Auf der Facebookseite der Hamburger “Bild” stehen noch über 900 weitere Kommentare, viele davon gehen in die gleiche Richtung. In den Sozialen Medien, in Foren und in analogen Diskussionen ist die “Nachricht”, dass “die Flüchtlinge jetzt sogar offiziell schwarzfahren dürfen”, zu einem weiteren Scheinargument geworden, mit dem der Hass genährt wird.
Auch der HVV habe aufgrund der Berichterstattung Dutzende Hassbriefe und -mails bekommen, sagte uns sein Sprecher, die meisten davon seien „offen rassistisch“.
Die Hütte brennt, “Bild” schüttet Benzin nach, und Julian Reichelt steht davor und tut so, als wolle er löschen.
Sie müssen sich sehr beeilt haben bei der “Bild am Sonntag”. So schafften sie es noch, die dramatische Meldung vom späten Samstagabend in einem Teil ihrer Auflage unterzubringen:
Das Drama in Bayreuth spielte sich in diesem Jahr nicht nur auf der Bühne ab. Nach Informationen von bild.de erlitt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Bayreuther Festspielen einen Kollaps!
(…) Um 16 Uhr beginnt “Tristan und Isolde”. Gegen 17.20 Uhr ist der erste Akt zu Ende. Während der Kaffeepause fällt die Kanzlerin in Ohnmacht, rutscht von ihrem Stuhl. Zwei Minuten soll es gedauert haben, bis Merkel wieder auf die Beine kommt. Die Menschen an ihrem Tisch kümmern sich um sie. Unter anderen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsministerin Monika Grütters.
Offenbar war es ein ähnlicher Kollaps wie beim CDU-Parteitag in Köln, damals ging man von Stress und Dehydrierung aus. Auch diesmal zeigte Merkel Nehmer-Qualitäten, ließ sich den Empfang nach der Aufführung nicht nehmen!
Um 22:59 Uhr hatte Bild.de das unter der Überschrift “Schock in Bayreuth: Angela Merkel – Kollaps!” gemeldet.
Keine halbe Stunde später alarmiert eine Reihe von Online-Medien seine Leser mit Eilmeldungen. “Festspiele in Bayreuth: Merkel offenbar kurzzeitig kollabiert”, berichtet “Spiegel Online”. “Kollaps während der Pause – Schock in Bayreuth: Angela Merkel bricht zusammen”, tickert “Focus Online”. “Zusammenbruch! Sorge um die Kanzlerin”, schreibt Bunte.de.
Um 0:23 Uhr verbreitet die Nachrichtenagentur AFP die “Bild”-Meldung:
“Bild”: Merkel bei Wagner-Festspielen kurzzeitig in Ohnmacht gefallen
– Kanzlerin offenbar schnell wieder auf den Beinen
Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth laut einem Medienbericht einen Kollaps erlitten. Die 61-Jährige sei am Samstag während der ersten Pause der Oper “Tristan und Isolde” in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht, berichtete das Nachrichtenportal “Bild Online”. (…)
Eineinhalb Stunden später rudert AFP zurück:
Regierungssprecher: Merkel bei Wagner-Festspielen nicht kollabiert – Kein Schwächefall – Stuhl der Kanzlerin brach zusammen
Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth am Samstag trotz eines Zwischenfalls in der Pause unbeschadet überstanden. Merkel habe keinen Schwächeanfall erlitten, lediglich der Stuhl der Kanzlerin sei zusammengebrochen, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter der Nachrichtenagentur AFP.
Er dementierte damit einen Bericht des Nachrichtenportals “Bild Online”, wonach die 61-Jährige während der ersten Pause der Oper “Tristan und Isolde” kurzzeitig in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht sei.
Auch die Agentur dpa, die die “Bild”-Behauptung, anders als AFP und viele Online-Medien, nicht ungeprüft verbreitet hatte, vermeldet gegen zwei Uhr früh das Dementi.
Und bei Bild.de steht an der Stelle, an der gerade noch über den dramatischen “Kollaps” der Kanzlerin berichtet wurde, nun ein Stück über eine “Panne bei Bild.de”, nee: “bei Festspielen in Bayreuth: “Weshalb Angela Merkel mit ihrem Stuhl zusammenbrach”:
Zunächst hatte es geheißen, die Bundeskanzlerin habe einen Schwächeanfall gehabt und sei kollabiert. Lokale Medien und auch BILD hatten darüber berichtet.
Na sowas: Als “Bild” noch an die Richtigkeit der eigenen Geschichte glaubte, war von anderen, “lokalen Medien” als Quelle noch nicht die Rede gewesen.
PS: In einem großen Artikel über die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Presse hatte die “Bild am Sonntag” zum Tag der Pressefreiheit vor zwei Monaten übrigens erklärt:
Viele Medien, wie auch BILD am SONNTAG, haben zudem einige praktische Regeln für ihre Arbeit. Dazu gehört zum Beispiel das Zwei-Quellen-Prinzip. Das bedeutet: Es genügt nicht, eine Information zu bekommen, sie kann erst verwendet werden, wenn sie durch mindestens eine zweite Quelle bestätigt wurde.
1. “The Sunday Times’ Snowden Story is Journalism at its Worst — and Filled with Falsehoods” (firstlook.org/theintercept, Glenn Greenwald, englisch)
Glenn Greenwald ärgert sich über die unkritische Aufnahme eines Artikels in der “Sunday Times” durch Journalisten: “The whole article does literally nothing other than quote anonymous British officials. It gives voice to banal but inflammatory accusations that are made about every whistleblower from Daniel Ellsberg to Chelsea Manning. It offers zero evidence or confirmation for any of its claims. The ‘journalists’ who wrote it neither questioned any of the official assertions nor even quoted anyone who denies them.” Siehe dazu auch “Five Reasons the MI6 Story is a Lie” (craigmurray.org.uk, englisch).
3. “NZZ verbreitet irreführende Statistik” (infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Urs P. Gasche kritisiert die NZZ, weil sie bei einer Kriminalitätsstatistik das Bevölkerungswachstum nicht einbezogen hatte: “Im konkreten Fall gab es im Jahr 1984 eine Verurteilung pro 105 Einwohner, im Jahr 2014 eine Verurteilung auf 60 Einwohner. Das ist immer noch eine starke Zunahme, jedoch nicht um 138 Prozent, sondern um 75 Prozent.”
5. “Wirtschaftsförderung auf Abwegen” (nzz.ch, Christoph Eisenring)
Die “taz” erhält 3,8 Millionen Euro Fördergelder aus der “Gemeinschaftsaufgabe ‘Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur'”. Wie sie auch im eigenen Hausblog transparent macht: “Die taz braucht keine staatlichen Subventionen, um auch Ihr Handeln weiterhin kritisch verfolgen zu können. Die 3,7 Mio. ‘Subvention’ dienen der taz Verlagsgenossenschaft eG ausschließlich dazu, ein neues Haus zu bauen. Hier wird also nicht irgendwas subventioniert, sondern investiert – in die Zukunft.”
6. “Tim Hunt: ‘I’ve been hung out to dry. They haven’t even bothered to ask for my side of affairs'” (theguardian.com, Robin McKie, englisch)
Wissenschaftler Tim Hunt tritt nach Aussagen an einem Vortrag von seiner Honorarprofessur zurück: “‘I was very nervous and a bit confused but, yes, I made those remarks – which were inexcusable – but I made them in a totally jocular, ironic way. There was some polite applause and that was it, I thought.’ (…) Hunt may have meant to be humorous, but his words were not taken as a joke by his audience. One or two began tweeting what he had said and within a few hours he had become the focus of a particularly vicious social media campaign.”