Archiv für April 30th, 2020

Bild.de beerdigt filmreif BMW und Hummer

Schon dem Grab des altägyptischen Pharaos Tutanchamun wurde, neben vielen anderen Schätzen, ein goldener Streitwagen beigelegt. Und ein bisschen so, angepasst an den Puls der Zeit freilich, klingt auch die Meldung aus Südafrika, wo ein Mann in seinem alten Mercedes beerdigt wurde.

So eine Skurrilität ist natürlich auch für die „Bild“-Redaktion ein Thema. Bei Bild.de berichtet sie über das ungewöhnliche Begräbnis:

Screenshot Bild.de - Seine Hände waren mit Kabelbinder am Lenkrad befestigt - Politiker nimmt Mercedes mit ins Grab

Am Ende des Beitrags steht in einer Bildunterschrift der Hinweis:

In Afrika wurde nicht zum ersten Mal ein Mensch in einem Auto beerdigt.

Autobestattungen seien zwar extrem selten, schreibt Bild.de, doch:

Doch in Afrika ist diese bizarre Form der Beisetzung nicht zum ersten Mal passiert

Jaja, „in Afrika“. Für die Behauptung liefert die „Bild“-Redaktion zwei Belege:

Vor zwei Jahren beerdigte ein Nigerianer seinen Vater in einem brandneuen BMW X5. 2015 brachte ein Geschäftsmann (ebenfalls aus Nigeria) seine Mutter in einem Hummer unter die Erde.

Allerdings hat weder die eine noch die andere Beerdigung in Wirklichkeit je stattgefunden. Beide gab es nur in Filmen aus Nollywood.

An der Stelle mit dem BMW-X5-Begräbnis — tatsächlich geht es um einen BMW X6, aber das nur am Rande — verlinkt Bild.de einen eigenen älteren Artikel, in dem über diese vermeintliche Trauerfeier berichtet wird:

Screenshot Bild.de - Nigeria - Sohn begräbt Vater in Luxusauto

Dieser Luxusschlitten geht aus der Fabrik direkt unter die Erde …

In Nigeria hat ein Mann seinem Vater eine besondere letzte Ruhestätte ermöglicht: Er ließ ihn statt in einem Sarg in einem brandneuen Luxusauto beerdigen.

In dem Artikel von 2018 verlinkt die Redaktion wiederum die britische „Daily Mail“, sozusagen als Beleg. Problem: Selbst die sonst „Bild“-haft krawallige „Daily Mail“ hatte nach der Veröffentlichung darauf hingewiesen, dass die Meldung falsch war:

Screenshot dailymail.co.uk - Social media claims that son buried his father in a 66000 Pounds BMW in Nigeria are shown to be false as it is revealed the image is actually from a Nigerian film

Die Agentur AFP hatte bei einem Faktencheck herausgefunden, dass die Aufnahmen aus dem nigerianischen Film „Social Club“ stammen:

Screenshot aus dem Film Social Club, auf dem die BMW-Beerdigung zu sehen ist

Und auch das Hummer-Begräbnis, das die „Bild“-Redaktion erwähnt, gab es nur im Film.

In dem bereits erwähnten fehlerhaften „Daily Mail“-Artikel ist die Rede von einem Milliardär aus der nigerianischen Stadt Enugu, der 2015 seine Mutter in einem „brand new Hummer“ beerdigt haben soll — also ziemlich genau das, was auch Bild.de behauptet.

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Sucht man nach „enugu billionaire burial mother hummer“, findet man tatsächlich Bilder eines Hummers, der in ein Grab rollt. Diese Aufnahmen stammen allerdings nicht von einem echten Begräbnis, sondern aus dem dritten Teil der nigerianischen Filmreihe „Get Rich & Die Young“:

Screenshot aus dem Film Get rich and die young, auf dem die Hummer-Beerdigung zu sehen ist

Mit Dank an Peter S. für den Hinweis!

Zynischer Trinkgeldbecher, Coronaparty, Grenzüberschreitend

1. Haste mal nen Cent für die armen Künstler?
(zeit.de, Daniel Gerhardt)
Die Corona-Krise bedeutet für viele Branchen dramatische Umsatzrückgänge, doch es gibt auch Gewinner. Zu denen gehören Streaminganbieter wie das schwedische Unternehmen Spotify. Neuerdings biete der Musikdienst notleidenden Musikerinnen und Musikern an, ihre Spotify-Präsenz mit einem virtuellen Trinkgeldbecher zu bestücken. Das sei reiner Zynismus, wie Daniel Gerhardt bei „Zeit Online“ findet: „Wollte der Streamingdienst wirklich jenen Musikschaffenden helfen, mit deren Arbeit er seine Profite erwirtschaftet, müsste er sich eigentlich selbst bekämpfen.“
Weiterer Lesehinweis: Rechte Podcasts auf Spotify: Höcke in der Playlist: „Auf Spotify geben sich extreme Rechte mit Podcasts ganz bürgerlich. Die Plattform ist informiert — und lässt sich mit der Überprüfung Zeit.“ (taz.de, Volkan Agar).

2. Die Coronaparty der Medienvertreter
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 3:39 Minuten)
Es war ein groteskes Bild: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gibt noch auf dem Rollfeld ein Statement zu einer Lieferung Schutzmasken aus China ab. Um sie herum eine dichtgedrängte Traube von Journalisten und Journalistinnen, allesamt ohne Schutzmaske. Eine visuelle Ohrfeige, wie Samira El Ouassil findet: „Solche Bilder setzen fatale Signale und wenn das jemand wissen sollte, dann Journalisten. Medienmacher müssen gerade jetzt im Hinterkopf behalten, dass einige Bürger nicht das Virus, sondern Politik und Presse für die Einschränkungen verantwortlich machen.“

3. TikToken die ganz richtig?
(politik-kommunikation.de, Sandra Peters)
Will man Schülerinnen oder Studenten erreichen, muss man auf deren bevorzugte Plattformen gehen. So denken derzeit viele Politikerinnen und Politiker und machen ihre ersten zaghaften Schritte bei TikTok, Snapchat und Jodel. Grundsätzlich eine richtige Entscheidung, wie Sandra Peters findet, doch es sei eine Gratwanderung zwischen nahbar und peinlich: „Wie kann eine Respektsperson einer Plattform entsprechend kommunizieren, ohne sich lächerlich zu machen? Ein Kanzleramtschef Helge Braun, der sich auf Jodel betont staatsmännisch den Fragen der User stellt, wandelt auf einem schmalen Grat zwischen Nahbarkeit und Autoritätsverlust.“

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4. Rekorde, Rekorde: Der unrühmliche Reichweiten-Wettlauf
(dwdl.de, Uwe Mantel)
ProSieben feierte am Mittwochmorgen 10,37 Millionen Zuschauer für das „The Masked Singer“-Finale, doch die offiziellen Quotencharts wiesen mit 5,34 Millionen Zuschauern gerade mal knapp die Hälfte aus. Uwe Mantel erklärt, wie es zu den stark voneinander abweichenden Zahlen kommt und welche Rechenwege dahinterstecken.

5. Konstruktiver Journalismus in Zeiten von Covid-19
(correctiv.org, David Schraven)
„Correctiv“-Geschäftsführer David Schraven schreibt über die Vorteile des „konstruktiven Journalismus“ in Corona-Zeiten und verweist dabei auf die Empfehlungen des dänischen Constructive Institute. Sein Fazit: „Konstruktiver Journalismus in Zeiten der Corona-Krise ergänzt Meldungen und investigative Recherche. Es geht darum, sich auf den Zweck des Journalismus zurückzubesinnen: Wir wollen durch kritische und konstruktive Beiträge zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen.“

6. Das viel zu späte Entsetzen über die Verachtungs-Show
(uebermedien.de, Nora Voit)
Anfangs sah es für viele so aus, als gebe es mit „Promis unter Palmen“ (Sat.1) ein weiteres unterhaltsames Trash-TV-Format der Kategorie „Dschungelcamp“. Doch bald offenbarte sich die Sendung als Plattform für Grenzüberschreitungen aller Art einschließlich Mobbing und sexueller Belästigung. Nora Voit hat sich ihren Ärger darüber von der Seele geschrieben: „‚Promis und Palmen‘ ist selbst mit Lockdown-Langeweile nicht die ‚beste Show gegen den Quarantäne Blues‘, sondern eine Bühne für Arschlöcher, eine Spielwiese für Anti-Solidarität, ein Rückschlag für die Gleichberechtigung.“
Weiterer Lesehinweis: Beim „Spiegel“ kommentiert Trash-TV-Expertin Anja Rützel: „Das Problem an ‚Promis unter Palmen‘ war nicht, dass es von Mobbing erzählt, sondern dass es seinen Vorteil nicht nutzt, den es gegenüber dem echten Leben genießt: seine Editiermacht und sein Gespür für einen Cast, der zwar menschliche Abgründe kennt und auslotet, aber nicht Diskriminierung als Lebensprogramm betreibt.“