Archiv für April 22nd, 2020

Mit der Corona-Angst der Leserschaft zum „meistgeklickten Artikel“

In einer Zeit, in der nicht endgültig geklärt ist, welche gesundheitlichen Schäden eine Infektion mit dem Coronavirus hinterlässt, in der gerätselt wird, ob die Erkrankung vielleicht sogar Langzeitfolgen haben kann, braucht es eins ganz gewiss nicht: Eine Redaktion, die vermeintliche Corona-Symptome ausnutzt, um ein paar schnelle Klicks einzusammeln, und dabei mit der Verunsicherung und der Angst der Leserschaft spielt.

Womit wir auch schon bei Bild.de wären.

Dort war gestern auf der Titelseite dieser Teaser zu finden:

Screenshot Bild.de - China-Fernsehen zeigt unglaubliche Bilder - Corona-Patienten haben plötzlich dunkle Haut
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Der Artikel beginnt so:

Stellen Sie sich vor, Sie haben plötzlich eine ganz andere Hautfarbe.

So ist es angeblich zwei chinesischen Ärzten ergangen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Entsprechende Bilder zeigte der Staatssender „Beijing TV Station“ in einer Dokumentation.

Erst nach mehreren Absätzen, am Ende des Textes, gibt es die Auflösung auf die Frage „Was ist der Auslöser der Haut-Veränderung?“. Erst dort erfährt man, dass das alles nichts mit dem Coronavirus beziehungsweise Covid-19 an sich zu tun haben soll, sondern mit einem Medikament, mit dem die zwei Männer behandelt worden sein sollen:

Ein behandelnder Arzt sagte dem Sender, dass womöglich ein Medikament schuld an der dunkel gewordenen Haut sei. Beide Patienten hätten es zu Beginn ihrer Behandlung bekommen. Die Hautverfärbung sei eine der Nebenwirkungen des Medikaments.

Er erwarte, dass sich die Hautfarbe beider Mediziner wieder normalisieren würde, wenn sich die Funktion ihrer Leber verbessert, so der Arzt weiter.

Der Plan der Redaktion, mit diesem Verwirrspiel reichlich Klicks zu generieren, ist offensichtlich aufgegangen:

Screenshot Bild.de - Meistgeklickte Artikel - Unglaubliche Bilder aus China - Corona-Patienten haben plötzlich dunkle Haut

Mit Dank an @jbecker98 und Florian H. für die Hinweise!

„Bild“ vermittelt falsche Sicherheit beim Mund-Nasen-Schutz

Bundesland um Bundesland beschließt momentan, wegen der Corona-Pandemie eine Maskenpflicht einzuführen — hier nur im öffentlichen Nahverkehr, dort auch zusätzlich in Supermärkten. Daher wäre es gut, wenn möglichst viele Leute wüssten, welche Maske in welchem Umfang schützt. Eigentlich bekommen es auch alle Redaktionen hin, die Wirksamkeit der verschiedenen Masken, die es auf dem Markt gibt, richtig zu erklären. Fast alle.

Ausriss Bild-Titelseite - Maskenpflicht - Wo sie jetzt gilt - Welche Masken wirklich schützen - Und wo man sie überhaupt bekommt

Als Antwort auf „Welche Masken wirklich schützen“ präsentieren „Bild“ und Bild.de diese Grafik:

Screenshot Bild.de - zu sehen ist eine Tabelle mit den verschiedenen Masken: Halstuch oder Schal, selbstgenähte Mundbedeckung, FFP2/FFP3 ohne Ventil, FFP2/FFP3 mit Ventil, Mund-Nasen-Schutz - dazu grüne Haken beziehungsweise rote Kreuze bei schützt den Träger, schützt das Umfeld und benötigt von Klinikpersonal

Während man so gut wie überall seit Wochen hört und liest, dass der Mund-Nasen-Schutz (MNS), häufig auch als „OP-Maske“ bezeichnet, vor allem das Gegenüber schützt und nicht so sehr den Träger beziehungsweise die Trägerin, setzt die „Bild“-Redaktion einen grünen Haken bei „Mund-Nasen-Schutz (MNS)“ und „Schützt den Träger“. Der Grafik zufolge bietet der MNS also optimalen Schutz für alle und wirkt scheinbar so gut wie FFP2- und FFP3-Masken ohne Ventil.

Im „Bild“-Artikel wird das noch einmal durch die Aussage eines Arztes bekräftigt:

Mund-Nasen-Schutz (MNS): Der Klassiker im Krankenhaus und aus der Apotheke. Prof. Zastrow: „Diese einfachen Masken sind der beste und sicherste Schutz. Sie werden sogar bei Operationen getragen.“

Dass die Umgebung — etwa eine Person, die sich mit einem Corona-Infizierten unterhält, der einen Mund-Nasen-Schutz trägt — durch solche Masken geschützt werden kann, bestätigen auch offizielle Stellen (wobei es eine Untersuchung aus Südkorea gibt, die zu etwas anderen Ergebnissen kommt). Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Beispiel schreibt (PDF):

Medizinische Mund-Nasen-Schutzmasken (MNS), so genannte Operations (OP)-Masken werden vor allem im medizinischen Bereich wie Arztpraxen, Kliniken oder in der Pflege eingesetzt. Sie können die Verbreitung von Speichel- oder Atemtröpfchen der Trägerin oder des Trägers verhindern und dienen primär dem Schutz des Gegenübers.

Insofern ist es durchaus sinnvoll, einen MNS zu tragen, selbst wenn man keine Symptome zeigt. Es gibt schließlich auch asymptomatische Infektionsverläufe.

Dass der Träger oder die Trägerin ordentlich vor Coronaviren geschützt wird, sehen viele offizielle Stellen hingegen anders. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte heißt es:

Medizinischer Mund-Nasen-Schutz (MNS; Operations-(OP-)Masken) dient vor allem dem Fremdschutz und schützt das Gegenüber vor der Exposition möglicherweise infektiöser Tröpfchen desjenigen, der den Mundschutz trägt. Zwar schützen entsprechende MNS bei festem Sitz begrenzt auch den Träger der Maske, dies ist jedoch nicht die primäre Zweckbestimmung bei MNS. Dieser wird z.B. eingesetzt, um zu verhindern, dass Tröpfchen aus der Atemluft des Behandelnden in offene Wunden eines Patienten gelangen. Da der Träger je nach Sitz des MNS im Wesentlichen nicht durch das Vlies des MNS einatmet, sondern die Atemluft an den Rändern des MNS vorbei angesogen wird, bieten MNS für den Träger in der Regel kaum Schutz gegenüber erregerhaltigen Tröpfchen und Aerosolen.

Der Schutz für Trägerinnen und Träger bestehe vor allem in dem Umstand, dass sich durch den MNS etwas vor Mund und Nase befindet, das beispielsweise größere herumfliegende Speicheltropfen abfangen kann:

[Die Masken] können jedoch Mund- und Nasenpartie des Trägers vor einem direktem Auftreffen größerer Tröpfchen des Gegenübers schützen sowie vor einer Erregerübertragung durch direkten Kontakt mit den Händen.

Das könnte man aber auch sagen, wenn man sich eine „Bild“-Zeitung oder ein großes Stück Pizza nah vor Mund und Nase hält.

Dass die „Bild“-Redaktion den Eindruck erweckt, dass das Tragen von OP-Masken für die Trägerin oder den Träger einen optimalen Schutz bietet, kann zu einem gefährlichen, falschen Sicherheitsgefühl führen.

Mit Dank an Andreas und @chappitoday für die Hinweise!

Nachtrag, 18:09 Uhr: Bei Bild.de hat die Redaktion die Grafik inzwischen aktualisiert:

Screenshot Bild.de - Wieder die Grafik mit den verschiedenen Schutzmasken - dieses Mal steht bei MNS und schützt den Träger allerdings eingeschränkt

Heinsberg-Update, Home-Office bei den „Waltons“, Versteckspiel der AfD

1. Streeck, Laschet, StoryMachine: Vom PR-Plan zum Exit-Rush – ein Update
(riffreporter.de, Christian Schwägerl & Joachim Budde)
Die wirtschaftlichen, politischen und sonstigen interessengeleiteten Verflechtungen rund um die sogenannte Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck und das Engagement der PR-Agentur „Storymachine“ geben Anlass zu weiteren Diskussionen. Nach ihrem ersten, viel beachteten Text schließen Christian Schwägerl und Joachim Budde mit einem Update an und schildern, was sich in der Woche danach getan hat.

2. «Für den Journalismus als Geschäft sieht es immer schlechter aus»
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Viele Medienhäuser waren vor der Corona-Krise schon angeschlagen und geraten jetzt in ernsthafte Schwierigkeiten. Wie soll es weitergehen in Zeiten, in denen der werbefinanzierte Journalismus kaum mehr eine Zukunft hat? Sich in die Abhängigkeit von Google und Facebook begeben, einen reichen Gönner suchen oder auf eine stärker werdende zahlende Nutzerbasis hoffen? Es sei eine Situation, bei der die Gewinner vor allem auf der anderen Seite des Ozeans sitzen, wie Adrian Lobe resümiert: „Die Krise unbeschadet überstehen werden hingegen Google und Facebook, die auch in Zukunft das Gros der Werbeeinnahmen absorbieren und den darbenden Medien mit ihrem Almosen ein prekäres Weiterleben ermöglichen.“

3. Das Versteckspiel der AfD
(netzpolitik.org, Daniel Laufer & Jan Petter)
Nach Recherchen von Daniel Laufer und Jan Petter werde das neue rechtsradikale Jugendportal „Fritzfeed“ offenbar von Angestellten der AfD-Fraktion in Nordrhein-Westfalen betrieben. Einer von ihnen sei sogar als Pressesprecher für die AfD-Fraktion tätig und habe sich am Telefon verleugnen lassen.

4. Wikipedia als Eldorado für PR-Abteilungen
(verdi.de, Marvin Oppong)
Vor wenigen Tagen hat der Deutsche Rat für Public Relations der Online-Enzyklopädie Wikipedia eine Rüge erteilt. Für die Leserinnen und Leser sei „nicht auf den ersten Blick erkennbar, ob die Beiträge von den Autoren auf Eigeninitiative oder im Auftrag von Dienstleistern erstellt wurden.“ Marvin Oppong nimmt dies zum Anlass, an die Aktivitäten eines Burda-Accounts zu erinnern, der den Wikipedia-Eintrag über den „Focus“ in manipulativer Absicht und auf beschönigende Weise bearbeitet habe.
Dazu auch aus unserem Archiv: „Verlagsleitung BILD Gruppe“ hübscht „Bild am Sonntag“ bei Wikipedia auf.

5. Star der Inszenierung
(taz.de, Ralf Leonhard)
Wenn Österreichs Boulevardzeitungen Bundeskanzler Sebastian Kurz als Helden in der Corona-Krise feiern, sei dies kein Wunder, so Ralf Leonhard: „Kurz und seine Regierung danken die Hofberichterstattung mit einem Füllhorn an Sonderförderungen. Aus dem mit 12,1 Millionen Euro dotierten Coronatopf für Printmedien bekommt die Krone mit 2,72 Millionen den üppigsten Happen, gefolgt von den nicht minder Kurz-hörigen Gratisblättern Österreich und Heute (1,81 bzw. 1,82 Millionen).“
Weiterer Lesehinweis: Coronavirus bedroht Pressefreiheit, Österreich rutscht weiter ab (derstandard.at, Doris Priesching).

6. Die Corona-WG
(sueddeutsche.de, SZ-Autorinnen und Autoren)
Netflix-Aficionados und Bingewatcher kennen das Phänomen: Manchmal taucht man derart intensiv in die TV-Parallelwelt ein, dass man sich bei den Protagonistinnen und Protagonisten regelrecht zu Hause fühlt. Wie wäre es, wenn man dort gedanklich sein Home-Office aufschlägt? Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich bei ihren Autoren und Autorinnen erkundigt, ob zum Beispiel die „Waltons“, die „Gilmore Girls“ oder „Better Call Saul“ eine wünschenswerte Arbeitsumgebung abgäben.