Archiv für April 20th, 2020

Bei Mordverdacht macht „Bild“ einen Deutschen wieder zum Flüchtling

Wann ist man eigentlich Deutscher? Also so richtig deutsch, akzeptiert sogar von der „Bild“-Redaktion? Braucht man dafür einen deutschen Namen, deutsche Vorfahren, ein irgendwie geartetes deutsches Aussehen? Muss man in Deutschland geboren sein? Oder reicht die deutsche Staatsbürgerschaft?

In Leipzig soll ein Mann seine Ex-Freundin getötet haben. Der 30-Jährige ist Deutscher mit deutschem Pass und lebt seit knapp 25 Jahren in Deutschland. Als 6-Jähriger flüchteten er und seine Familie aus Afghanistan, was bei dieser Geschichte eigentlich keine Rolle spielen sollte. „Bild“ und Bild.de sehen das offenbar anders. Denn wenn man möglicherweise zum Straftäter geworden ist, dann kann man noch so lange schon in Deutschland leben und einen noch so deutschen Pass haben. Dann ist man direkt: einstiger „Vorzeigeflüchtling“, wie die „Bild“-Redaktion in einem Facebook-Teaser schreibt.

Mehrere Tage berichteten die „Bild“-Medien in der vergangenen Woche über den Fall. In ihrer Leipzig-Ausgabe titelte die „Bild“-Zeitung am Mittwoch:

Ausriss Bild-Zeitung - Myriams Killer war mal ein Musterbeispiel gelungener Integration

Man kann nur mutmaßen, was der Leserschaft eine solche Überschrift sagen soll — hängen bleibt aber irgendein Zusammenhang zwischen Migration und Gewaltverbrechen. Und dann noch nicht mal von irgendeinem sowieso schon kriminellen Dahergelaufenen verübt, sondern von einem „Musterbeispiel gelungener Integration“. Wenn jetzt die sogar schon …

Die Onlineversion des Artikels wurde über 4000 Mal bei Facebook geteilt, von AfD-Politikern und -Ortsverbänden, von der NPD, von „Pegida“, von Facebookgruppen mit Namen wie „Büdingen wehrt sich — Asylflut stoppen“, „Klartext für Deutschland — FREI statt bunt“ und „Aufbruch deutscher Patrioten“. Sie alle stürzen sich auf die Bezeichnungen „Vorzeigeflüchtling“ und „Musterbeispiel gelungener Integration“. Die „Bild“-Redaktion weiß sehr genau, für wen sie schreibt.

Den viel passenderen größeren Zusammenhang lässt sie hingegen außen vor: Gewalt gegen Frauen. Der Tod der Frau in Leipzig reiht sich ein in die zahlreichen Frauenmorde, die hierzulande und überall auf der Welt eine traurige Alltäglichkeit haben. Wegen Fällen wie diesem gab es in letzter Zeit Debatten zu verharmlosenden Bezeichnungen in Medien wie „Beziehungsdrama“: Gewalttaten in Beziehungen sollen nicht mehr als einzelne „Tragödien“ beschrieben werden, sondern als strukturelles Problem. Die dpa kündigte beispielsweise an, künftig auf Begriffe wie „Familientragödie“ verzichten zu wollen.

Anders Bild.de. Als die genauen Hintergründe der Tat in Leipzig noch nicht bekannt waren, titelte die Redaktion:

War der Mordversuch eine Beziehungstat?

Kolumnistin Katja Thorwarth schrieb vergangenes Jahr in der „Frankfurter Rundschau“ darüber, „warum Mord keine ‚Beziehungstat‘ ist“. Solche Überlegungen scheinen an „Bild“ spurlos vorbeizugehen.

Das gilt auch für Überlegungen zu Persönlichkeitsrechten: Regelmäßig veröffentlichen die „Bild“-Medien unverpixelte Fotos von Tatopfern und von bisher nicht verurteilten Tatverdächtigen. Die Unschuldsvermutung ist der Redaktion eher lästig. Und so lässt „Bild“ auch diese Gelegenheit nicht aus und zeigt sowohl ein Foto der Getöteten als auch eines des mutmaßlichen Täters ohne jegliche Unkenntlichmachung.

Das Foto der Getöteten hat „Bild“ vom Facebook-Account der Frau:

Screenshot Bild.de - Foto: Facebook

Dabei hatte der Deutsche Presserat schon vergangenen Dezember festgestellt:

Facebookeintrag kein Freibrief für Verwendung von Opferfotos

Konkret ging es damals um einen Fall, bei dem Bild.de ein Foto einer getöteten Frau von Facebook gezogen und veröffentlicht hatte — für den Presserat ein Verstoß gegen den Opferschutz. Der Ehemann des Opfers sei in den Sozialen Netzwerken zwar offen mit dem Tod seiner Frau umgegangen, so das Gremium, trotzdem hätte die „Bild“-Redaktion eine Erlaubnis zur Veröffentlichung der Bilder einholen müssen:

Die Veröffentlichung von Fotos und Angaben zu Opfern durch die Angehörigen in sozialen Netzwerken ist nicht gleichzusetzen mit einer Zustimmung zu einer identifizierenden Darstellung in den Medien.

Gab es für die „Bild“-Berichterstattung aus Leipzig so eine Zustimmung? „Bild“-Sprecher Christian Senft wollte sich dazu nicht äußern: Man kommentiere, „wie üblich“, keine redaktionellen Entscheidungen. Nach unserer Anfrage hat die Redaktion die Fotos des Opfers bei Bild.de verpixelt.

Mit Dank an Maria T. und anonym für die Hinweise!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Mit dem Herauskramen der Bezeichnung „Vorzeigeflüchtling“ ist die „Bild“-Redaktion nicht allein. Auch Sächsische.de bezeichnet den Tatverdächtigen in einem später erschienenen Artikel so.

Mit Dank an @doestrei für den Hinweis!

Nachtrag, 21. April: Auch die „Leipziger Volkszeitung“ berichtet von dem Fall und schreibt über den Tatverdächtigen, er sei ein „Musterbeispiel gelungener Integration“ gewesen.

„Tag24“ bekommt es hin, den Mord an der Frau sprachlich auf ganz besondere Weise zu verharmlosen: Die Redaktion schreibt vom „dramatischen Höhepunkt einer toxischen Liebe im Sozialarbeiter-Milieu“.

Mit Dank an @RASSISMUSTOETET für den Hinweis!

Corona-Studien-Inszenierung, Kurzarbeit zu kurz gedacht, „maiLab“

1. Heinsberg-Studie: Deutscher PR-Rat prüft Vorgehen der Agentur Storymachine
(stern.de, Hans-Martin Tillack)
Die mediale Vermarktung der Heinsberg-Studie durch die PR-Agentur „Storymachine“ wurde bereits vielfach kritisiert (zum Beispiel hier, hier und hier). Nun habe der Deutsche Rat für Public Relations ein förmliches Prüfverfahren eingeleitet. Investigativreporter Hans-Martin Tillack hat sich die Vorgänge um die PR-Agentur, die neuerdings abstreitet, eine PR-Agentur zu sein, näher angeschaut und ist auf einen Dschungel von geschäftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen gestoßen.
Weiterer Lesehinweis: Auch „Capital“ hat zu dem Fall recherchiert und berichtet von einem internen PR-Konzept der Agentur „Storymachine“, das weder nach einer „journalistischen Herangehensweise“ noch nach einer „Beobachtung“ der Forschungsarbeit klinge. Das Papier lese sich eher wie eine klassische PR-Kampagne, die über den Umweg einer Erzählung beziehungsweise Inszenierung ihr Ziel verfolge: Corona-Studie: der Plan hinter dem „Heinsberg-Protokoll“ (capital.de, Thomas Steinmann).

2. „Je länger wir für die Recherche gebraucht haben, desto besser kommt es an“
(brandeins.de, Johannes Böhme)
Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim betreibt auf Youtube den Kanal „maiLab“ und hat dort mehr als 800.000 Abonnenten und Abonnentinnen. Ihr Erklärvideo zur Covid-19-Pandemie verzeichnet mittlerweile mehr als 5,7 Millionen Aufrufe. Johannes Böhme hat sich mit Nguyen-Kim über die Vermittlung von komplexen Sachverhalten unterhalten. Eine ihrer Erkenntnisse: „Je länger wir für die Recherche gebraucht haben, desto besser kommt es an. Je mehr Details wir präsentieren, je tiefer wir gehen, desto besser. Die Leute sind regelrecht besessen von Fakten. Viele fragen sofort nach Quellen, die wir deshalb auch detailliert unter unseren Videobeschreibungen auflisten.“
Weiterer Guckhinweis: „Schauen wir uns die Kommunikation von drei der prominentesten Virologen Deutschlands an: Professor Christian Drosten, Professor Hendrik Streeck und Professor Alexander Kekulé“: Virologen-Vergleich (youtube.com, maiLab, Video: 17:36 Minuten).

3. Sind alle Journalisten Versager?
(faz.net, Werner D’Inka)
Der ehemalige „FAZ“-Herausgeber Werner D’Inka unternimmt in Sachen Corona-Berichterstattung so etwas wie eine Medienkritik der Medienkritik: „Medienkritik tut not und gut, aber gerade wer eine wache wissenschaftliche Begleitung des Journalismus für berechtigt und notwendig hält, darf erwarten, dass sie sich auf den Gegenstand einlässt, den zu kritisieren sie vorgibt.“ Dies sei laut D’Inka keineswegs immer der Fall, wie er an Beispielen festmacht.

4. „Die massenhafte Verbreitung von Bullshit ist das Problem“
(zeit.de, Dirk Peitz)
Der Brite Peter Pomerantsev hat ein Sachbuch über Desinformation und Wirklichkeitsverzerrungen auf Social Media geschrieben („Das ist keine Propaganda“). Im Gespräch mit „Zeit Online“ geht es um Fake-Realitäten, die Ausbreitung von Verschwörungstheorien und die Zerstörung demokratischer Debatten: „Die Redefreiheit wird heutzutage dafür benutzt, Menschen zum Schweigen zu bringen, ihr Sprechen mit Lärm zu übertönen. Und die Pluralität der Meinungen und Haltungen hat sich in eine derart starke politische Polarisierung insbesondere in den USA verwandelt, dass dort Debatten nicht mehr ergebnisoffen geführt werden können. Die Metapher vom Markt der Ideen schließlich ist untauglich geworden, weil nicht mehr klar ist, ob eine Zunahme an Informationen tatsächlich zu einem Mehr an Demokratie führt.“

5. „Entscheidend ist, jemanden in einem Stream zu halten und zu einem Fan zu verwandeln“ – Kunst im Stream
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen hat auf seinem Blog eine kleine Serie zu Livestreams und Videokonferenzen gestartet („Zehn Lehren aus der Coronakrise“). Regelmäßig befragt er Menschen, die in Zeiten der Corona-Pandemie statt auf Live-Events auf Videostreams und Online-Lehre setzen. Aktueller Gesprächspartner: Der Performancekünstler Marcus John Henry Brown. Dessen Empfehlung an Streaming-Interessierte: „Recherchiere, bis Deine Augen blutig werden. Denke an den Kontext des Streams. Denke in Formaten. Talent imitates — genius steals: Stehle vom Live-Fernsehen. WWE Pay-per-Views, Frühstücksfernsehen, Tele-Shopping, Nachrichten oder alte MTV-Formate wie ‚MTV’s Most Wanted‘ mit Ray Cokes. Verbringe Tage in TWITCH, YouTube oder MIXER. Denke daran: Das, was Du da planst, ist ‚Internet-Fernsehen‘.“

6. Da passt was nicht zusammen
(taz.de, Anne Fromm)
Es ist ein höchst widersprüchliches Phänomen: Einerseits freuen sich die Verlage über Webseiten- und Digital-Abo-Rekorde, andererseits schicken sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Kurzarbeit. Die zusätzlichen Online-Erlöse würden nicht das ausgleichen, was im Anzeigengeschäft verlorengehe, so die Begründung der Medienhäuser. Anne Fromm merkt dazu an: „Wer JournalistInnen in Kurzarbeit schickt, senkt die Qualität. Und riskiert Subventionsbetrug. Wenn bei Kurzarbeit die JournalistInnen weiter 100 Prozent arbeiten, ist das illegal. Denn das ausfallende Gehalt und die Sozialbeiträge werden zu bis zu 67 Prozent von der Allgemeinheit übernommen. Ja, Corona bedeutet für angeschlagene Presseverlage weitere Verluste. Bloß ist Kurzarbeit, pauschal für ganze Redaktionen, dagegen kaum das richtige Mittel.“
Weiterer Lesehinweis: Medien: Hier könnte Ihre Anzeige stehen — Wie Covid‑19 ProSieben, RTL, SPIEGEL & Co trifft (deraktionaer.de, Leon Müller).