Archiv für April 23rd, 2020

Kurz korrigiert (537)

Die besondere Art von Sorgfalt, die die „Bild“-Redaktion bei ihrer Berichterstattung an den Tag legt, hat etwas sehr Praktisches: Braucht sie noch ein Foto zu einer Meldung aus Italiens Hauptstadt, muss sie nur einen Fotografen zum Berliner Bebelplatz schicken, und der macht dann eine Aufnahme vom Hotel de Rome. Fertig. Gibt es Neuigkeiten von der griechischen Insel Lesbos, reicht zur Bebilderung ein Screenshot der Speisekarte der Taverne Ägäis in Hamburg-Altona. Und taucht im Corona-News-Ticker bei Bild.de eine Meldung aus dem Fürstentum Monaco auf, dann können die „Bild“-Leute auch dieses Foto nehmen:

Screenshot Bild.de - Wegen Corona: Fürstenhaus Monaco muss sparen - Wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise wird auch das Fürstenhaus Monaco den Gürtel enger schnallen. Der Ernst der Lage erfordert ein rigoroses Finanzmanagement und eine allgemeine Reduzierung der Staatsausgaben, heißt es in einer Mitteilung des Palastes. Der royale Haushalt wird demnach seine Lebenshaltungskosten um 40 Prozent von 13,2 Millionen auf acht Millionen Euro zurückfahren. Die Wirtschaft des kleinen Fürstentums leidet unter der Absage mehrerer Großveranstaltungen wie dem Großen Preis von Monaco der Formel 1. Da zudem in den Luxusboutiquen und Casinos die Touristen ausbleiben, gehen die Steuereinnahmen zurück. - dazu ist ein Foto zu sehen der Modemarke Club Monaco, im Hintergrund sieht man einen für Monaco eher ungewöhnliches Wolkenkratzer und ein Straßenschild mit der Aufschrift one way

Corona-Folgen? Luxusboutiquen? Monaco? Was könnte da passender sein als eine Außenaufnahme eines verrammelten Geschäfts der einst kanadischen und inzwischen US-amerikanischen Modemarke Club Monaco an der 5th Avenue in New York, auf dessen Holzverkleidung groß „BE HOPEFUL NYC“ gemalt wurde?

Mit Dank an Jonas F. für den Hinweis!

Steingarts Metaphern-Basteln, Fragwürdige Frage, Schattenbanken

1. Eskalierende Metaphern
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell, Audio: 5:03 Minuten)
Matthias Dell vermutet, dass hinter der metaphernreichen Sprache in Gabor Steingarts Newsletter „Morning Briefing“ mehr als eine Marotte des Autors steckt: „Steingarts eitles Metaphern-Basteln bemäntelt im Grunde nur seine Agenda. Der herausgestellte Stil macht Leute und Ideen groß, klein oder lächerlich, wie das bei einer bestimmten Form des Politikjournalismus üblich ist. Steingart ist ein gut integrierter, prototypischer Vertreter dieser Schicht — inszeniert sich und seine neue Unternehmung aber als Außenseiter mit ‚anderem Blick‘, weil dieses Opferdingsbums gerade so en vogue ist auf der konservativen Seite des politischen Spektrums.“
Weiterer Lesehinweis aus dem Archiv: Wie würde Gabor Steingart über die Weihnachtsgeschichte schreiben, wenn es sich um ein aktuelles Geschehen handeln würde? Hier geht es zu Steingarts „Morning Briefing“ über Marias neues Religions-Startup aus der Feder des „6 vor 9“-Kurators. (uebermedien.de, Lorenz Meyer).

2. Journalisten unter Druck von vielen Seiten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Reporter ohne Grenzen haben ihre aktuelle Rangliste der Pressefreiheit veröffentlicht (PDF) und merken bei der Gelegenheit an, dass autoritäre Regierungen die derzeitige Krise für ihre Zwecke missbrauchen würden. Vorstandssprecherin Katja Gloger: „Die Corona-Pandemie bündelt bestehende repressive Tendenzen weltweit wie ein Brennglas. Die aktuelle Rangliste der Pressefreiheit zeigt, dass schon vor der aktuellen Krise erschreckend viele Regierungen und politische Kräfte in ganz unterschiedlichen Ländern bereit waren, die Pressefreiheit ihrem Machtstreben unterzuordnen.“

3. Umfrage: Wie fragwürdig ist diese ntv-Umfrage?
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz hat für „Übermedien“ beobachtet, wie sich eine massiv beworbene Umfrage des TV-Senders ntv über den Tag (nicht) entwickelt hat: „Eine Umfrage, die sich den ganzen Tag nur marginal verändert, und von der man auch gar nicht weiß, wie viele und ob nicht immer wieder die selben Menschen daran teilgenommen haben. Inwieweit ist dem Ganzen überhaupt zu trauen?“

4. Von Schattenbanken und Netz-Oligarchen
(golem.de, Stefan Mey)
Als die „Big Five“ bezeichnen Safari-Fans gerne fünf Tierarten, die man auf dem afrikanischen Kontinent finden kann: Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel. In der IT-Welt wird der Begriff oft für die fünf marktbeherrschenden Firmen verwendet: Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft. Wem gehören die Unternehmen, die weite Teile des Internets dominieren? Was haben die sogenannten Schattenbanken damit zu tun? Stefan Mey geht in seiner Analyse den komplizierten Eigentumsverhältnissen nach und untersucht die daraus resultierenden Auswirkungen.

5. IVW-Blitz-Analyse Tages- und Wochenzeitungen: Zeit gewinnt erneut Auflage, Welt bricht völlig ein
(meedia.de, Jens Schröder)
Die Auflagen der Tages- und Wochenzeitungen sind auch im vergangenen Quartal fast routinemäßig zurückgegangen. Besonders stark fiel dies bei der „Welt“ mit einem Verlust von fast 24 Prozent aus. Dies könne unter anderem mit dem Aus der „Welt kompakt“ zu tun haben, wie Jens Schröder anmerkt. Als Gewinner kann sich die „Zeit“ feiern lassen, die nicht zurückfiel, sondern bei Abos und Einzelverkäufen um 1,2 Prozent zulegte.
Weiterer Lesehinweis: Bei Netflix klingeln hingegen die Kassen. Der Streamingdienst konnte deutlich wachsen und erlebte das bislang stärkste Quartal in der Unternehmensgeschichte: So profitiert Netflix vom Lockdown in der Corona-Pandemie (horizont.de, dpa).

6. We rate Skype rooms
(twitter.com/ratemyskyperoom, Mad Dog Production)
Im Fernsehen ist die Zeit der Home-Office-Schalten angebrochen. Das ermöglicht so manchen unfreiwilligen Blick aufs Interieur des Interviewgasts. Ein Twitterer sammelt Screenshots aus aller Welt und bewertet Wohnumgebung und Einrichtungsdesign. Und das ist oft recht lustig.