Archiv für Februar, 2020

Ultimativ falsch

Heute ist Freitag, und damit läuft heute vermeintlich das Ultimatum des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ab, das dieser Syriens Machthaber Baschar al-Assad gestellt haben soll. Jedenfalls behaupten Bild.de und „Bild“-Redakteur Julian Röpcke so was:

Screenshot Bild.de - Ultimatum bis Freitag - Erdogan warnt Assad: Rückzug aus Idlib - oder es gibt Krieg!

Erneute Zuspitzung im Kampf um die syrische Provinz Idlib — letzte Rebellenhochburg gegen Assad und Heimat von mehr als drei Millionen Zivilisten.

Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte dem syrischen Diktator Baschar al-Assad am Mittwochmorgen ein Ultimatum von 48 Stunden: In dieser Frist soll der sich von allen belagerten türkischen „Observationspunkten“ in der Region zurückzuziehen.

Bei anderen Medien heißt es hingegen, Erdoğans Ultimatum gelte bis Ende Februar. Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt zum Beispiel:

Die Türkei stellt der syrischen Regierungsarmee ein Ultimatum zum Rückzug in der Provinz Idlib hinter die türkischen Beobachtungsposten. Sollten sich die syrischen Soldaten nicht bis Ende des Monats hinter diese Linie zurückgezogen haben, werde die Türkei sie zurücktreiben, drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Mittwoch.

Noch bevor er seinen falschen Artikel bei Bild.de veröffentlichte, verbreitete Röpcke auch bei Twitter das falsche Ultimatum. Mehrere Leute wiesen ihn auf den Fehler hin. Dennoch landete der heutige Freitag als vermeintliches Ultimatum in Röpckes Beitrag. Als dann die „Bild“-Politikredaktion diesen Beitrag bei Twitter verlinkte, wiesen erneut mehrere Leute auf den Fehler hin. Auch das brachte nichts.

Erst heute reagierte Julian Röpcke: Er löschte nach eigener Aussage „zwei Tweets“. Seinen Artikel bei Bild.de korrigierte er hingegen nicht — er steht nach wie vor falsch online.

Mit Dank an Luca für den Hinweis!

Nachtrag, 8. Februar: Bei Bild.de haben sie den Fehler korrigiert. In der Dachzeile steht nun: „ULTIMATUM GESTELLT“. Und im Artikel:

Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte dem syrischen Diktator Baschar al-Assad am Mittwochmorgen ein Ultimatum von drei Wochen: In dieser Frist soll der sich von allen belagerten türkischen „Observationspunkten“ in der Region zurückzuziehen.

Am Ende des Beitrags gibt es einen Hinweis auf die Korrektur:

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels hatte es geheißen, ein Teil des Ultimatums beziehe sich auf Freitag, den 7. Februar. Dies ist nicht der Fall. Das Ultimatum Erdogans an Assad gilt vollumfänglich bis Ende Februar 2020.

Assange freilassen, Negativer Kaufpreis, Podcast-Millionäre

1. Julian Assange aus der Haft freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
In einem gemeinsamen Appell fordern zahlreiche bekannte Personen aus Politik, Kultur und Journalismus die Freilassung von Julian Assange: „Wir sind in großer Sorge um das Leben des Journalisten und Wikileaks-Gründers Julian Assange, der in kritischem Gesundheitszustand seit über einem halben Jahr im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in Auslieferungshaft sitzt. Wir unterstützen die Forderung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen zum Thema Folter, Nils Melzer, nach einer umgehenden Freilassung von Julian Assange, aus medizinischen sowie aus rechtsstaatlichen Gründen.“ Wer den Appell auch unterzeichnen möchte: Assange helfen.
Weiterer Lese- oder Hörhinweis: Im Deutschlandfunk spricht Christoph Sterz mit dem UN-Sonderberichterstatter für Folter Nils Melzer. Immer mehr Staaten würden versuchen, Whistleblower hart zu bestrafen, so Melzer: „Wenn in den USA sich so ein Präzedenzfall etabliert, dann wird das überhand nehmen in der Praxis.“

2. Geld hinterhergeworfen
(taz.de, Marco Carini & Peter Weissenburger)
Wie Sauerbier hat der Medienkonzern DuMont die „Hamburger Morgenpost“ zum Kauf angeboten. Nun ist es soweit: Die traditionsreiche Boulevardzeitung geht an Arist von Harpe, den Marketingchef der Karriereplattform Xing. Und dem musste DuMont wohl einen Millionenbetrag in die Hand drücken, damit er das Blatt „kauft“. Das Ganze nennt sich euphemistisch „negativer Kaufpreis“.

3. Praxistipps: Mit Bildjournalismus und Fotografie zusätzliche Einnahmen generieren
(fachjournalist.de, Ralf Falbe)
Im „Fachjournalist“ verrät Ralf Falbe, wie sich mit Bildjournalismus und Fotografie Geld verdienen lässt. Viele gute Anregungen und Tipps, die sich auch für Einsteigerinnen und Einsteiger eignen.

4. ARD bestätigt Ausstieg bei Burdas Medienpreis „Bambi“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Nach annähernd einem Vierteljahrhundert steigt die ARD beim Medienpreis „Bambi“ aus — das heißt, es wird zukünftig keine Live-Übertragung der Veranstaltung geben. Damit entgehen uns im TV Highlights wie die Verleihung des „Integrations-Bambis“ an den zwielichtigen Unterwelt-Rapper Bushido.

5. On the record – Off the record
(arminwolf.at)
Armin Wolf nimmt ein Hintergrundgespräch des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz zum Anlass, die Unterschiede zwischen der amerikanischen, österreichischen und deutschen Praxis für derlei vertrauliche Gespräche zu erklären.

6. Podcast-Multimillionäre: Sind das die sechs einkommensstärksten Podcaster?
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Mit Podcasts lässt sich mittlerweile gutes Geld verdienen. In den USA gibt es bereits die ersten Podcast-Millionäre. Das Magazin „Forbes“ hat ein Ranking der einkommensstärksten US-Podcaster und -Podcasterinnen erstellt. Roland Eisenbrand stellt einige ihrer Formate vor.

„Bild“ auf Zitate-Jagd

Das ist eine ganz schön heftige Aussage, die „Bild“-Reporter Celal Çakar „Verkäufer Johan“ auf der Messe „Jagd & Hund“ entlockt haben soll:

Am Stand von „HHK Safaris“ treffen die BILD-Reporter auf Berater Johan. Er macht ein Angebot für 18 Tage Safari in Simbabwe für 54 700 Dollar (knapp 50 000 Euro). Der Abschuss von Tieren kann dazu gebucht werden: Giraffe rund 2700 Euro, Zebra 1300 Euro, Löwe 36 400 Euro.

Braucht man einen Jagdschein?

Verkäufer Johan: „Du musst halt schießen können und bezahlen. Wir fahren bei Leoparden auf 30 Meter ran, schießen dem Tier erst in die Beine, du kannst es dann erlegen.“

Dieses Zitat passte auch bestens in die Geschichte, die Çakar und dessen Kollegin Christina Drechsler von der Jagdmesse in Dortmund mitgebracht hatten:

Ausriss Bild-Zeitung - Die perverse Preisliste der Tierkiller

Beim Deutschen Jagdverband haben sie sich über die Aussage von „Verkäufer Johan“ ziemlich gewundert: „Als ich das Zitat gesehen habe, ist mir die Kinnlade auf den Tisch gefallen“, sagt uns Stephan Wunderlich, der beim Verband für die Auslandsjagd und den internationalen Artenschutz zuständig ist. Daher hat er bei Johan Bezuidenhout nachgefragt, ob er das, was in „Bild“ und bei Bild.de steht, wirklich gesagt hat. Bezuidenhout antwortete, er habe so etwas nie gesagt. Der Reporter, mit dem er gesprochen hat, habe ihm die Worte im Mund umgedreht: „He put totally wrong information in the newspaper.“

Die Aussage, so wie sie in „Bild“ steht, passe auch schon inhaltlich nicht, sagt Stephan Wunderlich: Niemand werde mit einem Auto an Leoparden herangefahren. „Die 30 Meter sind die Distanz beim Ansitz auf Leoparden.“

Wunderlichs Verband hat zu dem Zitat im „Bild“-Artikel eine Pressemitteilung herausgegeben:

Der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) in Deutschland haben zwischenzeitlich den anerkannten Berufsjäger mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser ist schockiert: „Es stimmt, dass ich mich mit einem Journalisten der BILD unterhalten habe. Aber diese Behauptung ist eine Lüge. Der Journalist hat mich bewusst falsch zitiert. Sonst hätte er keine Story.“ Für den tatsächlichen Wortlaut des geführten Interviews gibt es Zeugen. Demnach habe Johan Bezuidenhout auf Englisch gesagt, dass nach einem schlechten Treffer, etwa auf dem Vorderlauf, immer eine Nachsuche durchgeführt wird und diese erläutert. Dieses Vorgehen ist auch in Deutschland aus Tierschutzgründen Pflicht.

„Nicht mal, wenn jemand nicht so gut Englisch spricht, darf so ein Zitat daraus entstehen“, sagt Stephan Wunderlich: „Das ist rufschädigend.“

Die „Bild“-Geschichte wurde international von anderen Medien aufgegriffen, etwa in der Schweiz vom „Blick“ und in England von der „Sun“.

Wir haben bei „Bild“ nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibt, dass das veröffentlichte Zitat von Johan Bezuidenhout so gefallen ist. Sprecher Christian Senft antwortete: „ja.“

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Dresdner Desaster, Geschäftsmodell Panikmache, Diagnose vom toten Arzt

1. Semperopernball: Desaster in Dresden
(ndr.de, Inga Mathwig & Juliane Puttfarcken & Nils Altland, Video: 6:21 Minuten)
Seit Tagen wird in den Medien über den Semperopernball in Dresden gesprochen. Das Spektakel mit 2.500 Gästen, viel Prominenz und Tamtam genießt eine enorme Aufmerksamkeit und wird vom MDR sogar live übertragen. Doch das Event wurde zum medialen Desaster: Wegen der Verleihung eines Preises an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah al-Sisi bat zunächst Moderatorin Judith Rakers, danach ihre Nachfolgerin Mareile Höppner um Auflösung des Vertrags. Den „Zapp“-AutorInnen Inga Mathwig, Juliane Puttfarcken und Nils Altland ist es zu verdanken, dass endlich mal über die Hintergründe der seltsamen Ordenverleihungspraxis gesprochen wird. Und die sind reichlich bizarr und augenscheinlich von indirekten Eigeninteressen des Veranstalters getrieben.

2. „Panikmache ist ein Geschäftsmodell“
(zdf.de, Marcel Burkhardt)
Marcel Burkhardt hat mit dem Kommunikationsforscher Tanjev Schultz über den medialen Umgang mit dem Coronavirus gesprochen. Die Panikmache sei ein Geschäftsmodell, so Schultz: „Zudem gibt es politische Profiteure — Radikale, Extremisten, die aus der Krise Kapital für ihre Zwecke herauszuschlagen versuchen, indem sie uns verunsichern wollen. Sie fahren Angriffe gegen das System der Wissenschaft, mit dem Ziel, seriöse Strukturen der Wissensvermittlung zu zerstören, um Angst und Schrecken verbreiten zu können.“

3. Es geht auch ohne Klischees
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 4:29 Minuten)
Samira El Ouassil beschäftigt sich in ihrer Medienkolumne mit der klischeehaften Darstellung von Journalistinnen in Film und Fernsehen: „Glaubt man einigen stereotypen Darstellungen von Journalistinnen aus aktuellen Serien, dann habe ich heute mit mindestens einem Politiker gesextet, um an Bundestagsinterna zu gelangen, habe mit mindestens einer Quelle geschlafen, um ein geheimes Passwort zu erhalten, habe später noch ein Arbeitstreffen in einer dunklen Tiefgarage — und werde am Ende des Tages vermutlich aufgrund meines Wissens von einem Bürogebäude gestoßen — um schließlich von einem gutaussehenden Alien mit Cape gerettet zu werden.“

4. Dem Komiker verzeiht man viel
(faz.net, Harald Staun)
Die „FAZ“ hat sich mit dem Comedian Bastian Pastewka unterhalten. Anlass ist die aktuell anlaufende zehnte und letzte Staffel der Serie „Pastewka“, doch es geht im Gespräch um viel mehr: um Pastewkas Humorverständnis, den fiktiven Pastewka und seine Leidenschaft fürs Fernsehen. Pastewka spricht auch über die diversen in die Serie eingebauten, shitstormverdächtigen Provokationen: „Wenn wir in ‚Pastewka‘ — und das haben wir massenhaft gemacht — politische Unkorrektheiten, Frechheiten, Abwertungen gezeigt haben, dann ausschließlich, damit diese fliegenden Bumerangs alle am Hinterkopf der Rolle Bastian Pastewka zerschellen.“

5. Kamel- und Straussenrennen
(pro-quote.de)
Der Verein ProQuote tritt für mehr Frauen in der Medienwelt ein: „Wir fordern, dass 50 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen mit Frauen besetzt werden — wir wollen die Hälfte der Macht!“ In zwei Animationen (Kamel- und Straußenrennen) kann man anschaulich sehen, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren verbessert hat, das Ziel aber noch lange nicht erreicht ist.
Weiterer Lesehinweis für alle, die es detaillierter wissen wollen: Welchen Anteil haben Frauen an der publizistischen Macht in Deutschland? Eine Studie zur Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen, herausgegeben von ProQuote (PDF).

6. „Neue Post“: Toter Arzt stellt tödliche Diagnose
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Bei „Übermedien“ bietet Mats Schönauer seinen beliebten Berufseignungstest an: „Haben Sie das Zeug, Regenbogenredakteur*in zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine knallblattwürdige Schlagzeile daraus zu basteln.“

„Nordkurier“ baut in der Gerüchteküche eine Moschee

Vergangene Woche große Aufregung in Neubrandenburg. Dort gebe es eine Großbaustelle, schrieb der „Nordkurier“, von der „offenbar kaum jemand weiß, was dort gebaut wird“. Von einer Moschee sei die Rede.

Screenshot Nordkurier.de: Wird in Neubrandenburg eine Moschee gebaut? - Seit Wochen gibt es eine Groß-Baustelle auf dem Neubrandenburger Datzeberg, von der offenbar kaum jemand weiß, was dort gebaut wird. Die Rede ist von einer Moschee.

Auf der Facebookseite des „Nordkuriers“ war dieser Artikel einer der meistgeteilten des Tages. Viele Leserinnen und Leser waren wütend. „Das fehlt ja auch noch“, kommentierte einer. Oder: „So weit kommt das noch ,die Dinger könn die in der Wüste basteln .Wir brauchen hier keine illegalen Waffenlager .“

Dabei wusste die Redaktion die Antwort auf die Frage längst:

Recherchen des Nordkurier haben ergeben, dass dort keine Moschee entsteht, sondern eine Pflegeeinrichtung.

So steht es im Artikel — aber erst, nachdem der „Nordkurier“ sich zwei Absätze lang der angeblichen „Geheimnistuerei rund um die Baustelle“ und den Gerüchten irgendwelcher Leute gewidmet hatte.

Was die Redaktion als exklusives Ergebnis ihrer „Recherchen“ verkauft, war übrigens keineswegs geheim, sondern seit Wochen öffentlich. Schon an Heiligabend meldete sich der Oberbürgermeister Neubrandenburgs bei Facebook mit einer Videobotschaft vom Datzeberg, in der er sagte:

Hier hinter mir kann man sehen: eine große Baustelle. Hier entsteht ein Seniorenheim.

„Herzlichen Glückwunsch, lieber Nordkurier, zur dämlichsten Überschrift dieses Jahres“, kommentiert ein anderer Leser. „Bitte stellt euch nicht mehr unschuldig, wenn in euren Kommentarbereichen der Hass brodelt, denn ihr zündelt munter mit. Das ist unverantwortlich und hat nichts mit seriöser Medienarbeit zu tun!“

Aber es klickt sich doch so gut!

Erst im April vergangenen Jahres titelte der „Nordkurier“:

Screenshot Nordkurier.de: Wird eine Moschee im Reitbahnviertel gebaut? - In einer Baracke am Neubrandenburger Reitbahnsee sind muslimische Gottesdienste in einem Gebetsraum möglich. Wird dort nun auch der Bau einer Moschee genehmigt?

Auch damals: hunderte Kommentare, viele Likes und Shares und vor allem jede Menge Wut. Und auch damals kannte der „Nordkurier“ die Antwort längst, hielt es aber nicht für nötig, sie in Überschrift oder Teaser zu erwähnen. Denn:

Alles Quatsch, so die Zusammenfassung einer Nachfrage im Neubrandenburger Rathaus.

Mit Dank an R. für den Hinweis.

Kaufbares Klimaleugner-Institut, Angeschossene Funkhäuser, Hoaxfibel

1. Das Heartland Institute: Wie US-Klimaleugner Politik in Europa machen
(correctiv.org, Annika Joeres & Susanne Götze)
Undercover bei den Klimawandelleugnern: „Frontal 21“ (ZDF) und „Correctiv“ haben verdeckt zur Strategie des sogenannten Heartland Institute recherchiert, einer der wichtigsten Lobbygruppen in der Szene der Klimawandelleugner. Hinter dem dubiosen Institut stecke wohl vor allem das Geld von Kohle- und Erdölindustrie. Für die Investigativrecherche hat „Correctiv“ eine fiktive PR-Agentur gegründet und sich als angebliche Auto- und Kohle-Lobbyisten ausgegeben — um herauszufinden, ob und wie man sich bei dem Institut Agitation gegen Umweltschutz und den menschengemachten Klimawandel erkaufen kann, samt dazugehöriger Stimmen aus der Wissenschaft. Eine erschütternde und lesenswerte Recherche, die „zeigt, wie das US-amerikanische Heartland Institute Leugner des Klimawandels in Deutschland unterstützt, um Maßnahmen zum Klimaschutz zu untergraben. Undercover lernen wir den Chefstrategen des Instituts kennen: James Taylor. Er wird uns erzählen, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner funktioniert, wie Spenden verschleiert werden und wie sie eine deutsche, AfD-nahe Youtuberin nutzen wollen, um ‚die Jugend‘ zu erreichen.“
Der dazugehörige „Frontal 21“-Bericht ist in der ZDF-Mediathek zu sehen (ab Minute 24:08).

2. Sollten wir alle in Panik verfallen? Ich bitte um Handzeichen!
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Jürn Kruse hat sich die neue Talkshow von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt und dessen fehlgeschlagene Bemühung um mehr Empörung angeschaut: „Wenn die Diskutierenden in ‚Hier spricht das Volk‘ die normalen Menschen sind, wie Reichelt sagt, ‚ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, ein Querschnitt durch Deutschland‘, dann bildet seine Zeitung diese Gesellschaft nicht mehr ab. Dann hat ‚Bild‘ den Großteil unserer Gesellschaft verloren. Dann bleibt ihr nur noch der Rand.“

3. Sieben Statistiken zum Journalismus und zum Geschäft der Republik
(republik.ch, Oliver Fuchs & Thomas Preusse)
Das von rund 19.000 Unterstützerinnen und Unterstützern getragene Schweizer Online-Magazin „Republik“ lässt sich in die Karten schauen: Woher kommt die Leserschaft? Wann wird „Republik“ gelesen? Wie gewinnt man Mitglieder, und wie hält man sie bei der Stange? Und welche der Recherchen und Analysen wurden am meisten aufgerufen?
Weiterer Lesehinweis: Zehn Learnings aus zwei Jahren Republik.

4. Das waren 2019 die beliebtesten Magazine im Netz
(horizont.net, David Hein)
Der Flatrate-Digitalkiosk Readly bietet mehr als 4.000 Magazine zur Lektüre an. Doch auf welche Inhalte stürzen sich Leser und Leserinnen am liebsten? Es ist ein Hang zum Seichten zu erkennen: Zu den beliebtesten Magazinen bei Readly würden Technik- und Autozeitschriften sowie Klatschblätter zählen. Die beliebteste Kategorie sei vergangenes Jahr „Stars & Entertainment“ gewesen.

5. Angeschossene Funkhäuser: Die sieben größten Probleme von ARD und ZDF
(rnd.de, Imre Grimm)
Für ARD und ZDF brechen schwierige Zeiten an: Der Spardruck wachse, die Kritik am Rundfunkbeitrag werde lauter, und den Sendern laufe die junge Generation davon. Imre Grimm beschreibt die sieben größten Probleme der Öffentlich-Rechtlichen.
Weiterer Lesehinweis: Der Deutschlandfunk hat mit dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow gesprochen: „Rundfunkanstalten müssen Prioritäten setzen“ (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 10:05 Minuten).

6. „Verschwörungsideologien und Fake News – erkennen und widerlegen“ (Kostenlose Broschüre)
(dergoldenealuhut.de, Giulia Silberberger)
Giulia Silberberger und Rüdiger Reinhardt vom „Goldenen Aluhut“ haben eine Fibel über Hoaxes, „Fake News“ und Verschwörungstheorien zusammengestellt. Die Online-Version der Broschüre steht ab sofort zum kostenlosen Download bereit (PDF), die Printversion soll Mitte Februar folgen.

Hier spricht Julian Reichelt – und erzählt ziemlichen Unsinn

Schon die Ankündigung von „Bild“-Chef Julian Reichelt ist völlig daneben:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Ab morgen bei Bild: Hier spricht das Volk – die erste Talkshow, in der ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie wirklich bewegt.

Das ist WIRKLICH Unsinn, den Reichelt zu seiner neuen Sendung „Hier spricht das Volk“, die seit gestern bei Bild.de läuft, verbreitet.

Ein Talk-Format, in dem „ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie WIRKLICH bewegt“, ist nun wahrlich keine Erfindung, die auf die „Bild“-Redaktion zurückgeht. Im deutschen Fernsehen gibt es davon bereits etliche, teilweise seit fast einem halben Jahrhundert: Im WDR läuft „Ihre Meinung“, im SWR „mal ehrlich“, im MDR der „Fakt ist! Bürgertalk“, im hr „Jetzt mal Klartext“, im rbb „Wir müssen reden!“, bei Phoenix eine Sendung, die ebenfalls „Wir müssen reden“ heißt, und im BR „Jetzt red i“, das es seit 1971 gibt.

Aber Julian Reichelt hat laut Julian Reichelt natürlich etwas ganz, ganz Neues kreiert.

Schon im Oktober, bei der Ankündigung seiner TV-Pläne, erzählte der „Bild“-Chef diesen Unfug, dass er und seine Redaktion Dinge zeigen werden, über die andere Fernsehsender, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, gar nicht berichten würden:

Ich frage mich: Wo findet die Realität, die wir auf der Seite 2 von „Bild“ abbilden, im Fernsehen statt? Etwa, dass Menschen, die 40 Jahre gearbeitet haben, jetzt Flaschen sammeln müssen.

Und:

Reichelt: Exklusive News zeigen und emotionale Geschichten erzählen. Man kann natürlich sagen, das bieten andere auch schon. Die Wahrheit ist: Die meisten Fernsehsender machen das, was wir uns vorstellen, eben nicht. Aus dem brennenden Amazonasgebiet, so wie wir zuletzt, sendet nicht jeder.

SPIEGEL: Vielleicht nicht mit acht Reportern wie „Bild“, aber etliche Sender haben durchaus direkt vor Ort berichtet.

Reichelt: Ja, aus dem Hotelzimmer. Aber nicht mit mehreren Teams, die im brennenden Regenwald stehen und mit Menschen reden, um die herum alles gerodet wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass es diese menschliche Geschichte im Nachrichtenangebot gab.

Selbstverständlich standen Reporterinnen und Reporter verschiedener Fernsehsender „im brennenden Regenwald“ und redeten „mit Menschen, um die herum alles gerodet wird.“ Und selbstverständlich haben schon etliche Fernsehsender, auch und vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, über Menschen berichtet, die „Flaschen sammeln müssen.“ Aber was interessieren Julian Reichelt schon Fakten, wenn er da so ein „Gefühl“ hat?

Mittlerweile gibt es zu „Hier spricht das Volk“ erste Kritiken:

Verfangen also womöglich Rainer Wendts Es-ist-so-schlimm-wie-damals-bei-der-RAF-Warnungen vor linker Gewalt doch nicht? Ist die Sorge vor dem bösen Messerstecher vielleicht doch nicht so riesig? Gibt es vielleicht doch auch inhaltliche Gründe, warum die „Bild“ innerhalb eines Jahres 10 Prozent ihrer Auflage verloren hat (und liegt es nicht nur daran, dass die Leute einfach immer weniger gedruckte Zeitungen lesen)? Tragen die „Bild“-Leser*innen vielleicht gar nicht so viel Angst und Hass und Wut in sich wie die „Bild“-Macher*innen?

Wenn die Diskutierenden in „Hier spricht das Volk“ die normalen Menschen sind, wie Reichelt sagt, „ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, ein Querschnitt durch Deutschland“, dann bildet seine Zeitung diese Gesellschaft nicht mehr ab. Dann hat „Bild“ den Großteil unserer Gesellschaft verloren. Dann bleibt ihr nur noch der Rand.

Reichelt fragt, ob die Bundestagsabgeordneten zu gut bezahlt werden, und die 15 [Talk-Gäste] antworten, es käme drauf an. Reichelt fragt, wer ein Messer mit sich führe — und es hat niemand eines dabei. Er fragt den anwesenden Polizisten mit dem sympathischen Vornamen Niels, wie es denn so sei mit der Messergewalt im Lande und bekommt zur Antwort, die sei nicht gestiegen. Das Volk der 15 fühlt sich auch nicht „unsicherer als früher“, und eine junge Frau sagt auf die Frage, ob sie sich denn noch nachts in die öffentlichen Verkehrsmittel traue: „Ja, sicher!“ (…)

Die Antworten sind also vernünftiger als die Fragen. Darin liegt der konzeptionelle Fehler der Sendung: Das Volk kommt zu Wort, nachdem Julian Reichelt es ihm erteilt hat, um auf eine Frage zu antworten, die ihn interessiert und solange sie ihn interessiert — und das ist arg kurz.

Schnell lässt sich durchschauen, dass ein großer Teil der Fragen, die Julian Reichelt an das vermeintliche „Volk“ richtet, in Wahrheit Suggestivfragen sind, die die Antwort bereits vorwegnehmen sollen — das erklärt vielleicht auch, weshalb den eigentlichen Antworten so wenig Platz eingeräumt wird, denn so recht drauf anspringen wollten die Diskutanten darauf nicht. Am Ende bleibt der Eindruck, als gehe es Julian Reichelt in erster Linie um Bestätigung der eigenen Ansichten. Bleibt die Bestätigung aus, folgt einfach das nächste Thema.

Dazu kommt, dass eine gute Diskussion schon alleine durch die Sitzordnung verhindert wird. Weil Reichelts Gesprächspartner in zwei Reihen hintereinander sitzen, bedarf es mitunter einer gewissen Gelenkigkeit, um mit dem Hintermann ins Gespräch zu kommen. Einzig Julian Reichelt hat alles gut im Blick. Er, der Chefredakteur, auf der einen Seite, die „ganz normalen Menschen“ auf der anderen. Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte.

Coronavirus-Berichterstattung, Falscher Preis, „Spiegel“-Standards

1. Die „gelbe Gefahr“ ist zurück
(welt.de, Maximilian Kalkhof)
Mit deutlichen Worten kritisiert Maximilian Kalkhof Teile der Berichterstattung über das Coronavirus: „Vorsicht vor dem Virus ist das eine. Sie ist angebracht. Aber Diskriminierung von Menschen, die asiatisch sind oder asiatisch aussehen, ist das andere. Sie ist widerwärtig.“
Weiterer Lesehinweis: Zu einer ähnlichen Feststellung kommt Kira Ayyadi bei Rassismus gegen Asiaten (belltower.news): „Spätestens seitdem das Coronavirus auch in Deutschland gemeldet wurde, tritt der Rassismus gegen Asiat*innen und asiatisch aussehende Menschen so deutlich zutage wie selten. Selbst Medien beteiligen sich an der Stigmatisierung von Menschen nur wegen ihres Aussehens. Das kann für Betroffene ernst zu nehmende Folgen haben.“

2. Die verschenkte Dekade der Tageszeitungen
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz ist sich sicher: „Der Kampf um die Zukunft ist für die meisten Tageszeitungen in Deutschland endgültig verloren.“ Das Unangenehme: Man kann ihm nicht leicht widersprechen. Jakubetz ist ein langjähriger Medienbeobachter und hat gute Argumente für seine These.

3. Die Antworten sind vernünftig, die Fragen nicht
(spiegel.de, Nils Minkmar)
„Bild“-Chef Julian Reichelt will in einem neuen Talk-Format („Hier spricht das Volk“) mit „ganz normalen Menschen“ ins Gespräch kommen. Das geht schief, wie Nils Minkmar findet. Reichelts Gäste würden sich einfach nicht empören wollen: „Selbst das Thema Geflüchtete bringt nicht die üblichen Erregungszustände. Eine junge Frau bemerkt, sie sei selbst als Flüchtling aus Russland nach Deutschland gekommen und eine andere meint, wir sollten uns glücklich schätzen, in der Lage zu sein, den armen Menschen helfen zu können. Die Antworten sind also vernünftiger als die Fragen. Darin liegt der konzeptionelle Fehler der Sendung: Das Volk kommt zu Wort, nachdem Julian Reichelt es ihm erteilt hat, um auf eine Frage zu antworten, die ihn interessiert und solange sie ihn interessiert — und das ist arg kurz.“
PS: „Hier spricht das Volk“ hat übrigens die absolut gelungene Website hiersprichtdasvolk.de, hihi. PPS: Danke dafür an @schmidtlepp!

4. Nach Relotius: Neue journalistische Standards beim „Spiegel“
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Ein Jahr nach Relotius hat sich der „Spiegel“ neue Standards (PDF) verpasst. Der neue journalistische Leitfaden ist 74 Seiten lang und sei von insgesamt 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erarbeitet worden.

5. Lieber die taz digital lesen, statt von der taz abgehängt zu sein
(blogs.taz.de, Andreas Bull)
Bei der „taz“ macht sich der digitale Wandel samt seiner logistischen Herausforderungen für das Printprodukt bemerkbar. Noch könne die gedruckte „taz“ überall im Land zugestellt werden, doch das werde nicht mehr lange der Fall sein: „Wir ahnen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis (…) sich dann weiße Flecken auf der Landkarte ausbreiten, in denen die taz nicht mehr gelesen werden könnte. Was können die Leute im Thüringer Wald dafür, wenn ihnen weder Post noch lokaler Trägerdienst die taz in den Briefkasten bringen will?“

6. Rassistische Journalistin flog für falschen Preis nach Prag
(kurier.at)
Die Journalistin Katie Hopkins hetzt bevorzugt gegen Muslime, Homosexuelle und Feministinnen und hat es damit in Großbritannien zu trauriger Berühmtheit gebracht. Nun hat sie ein südafrikanischer Youtuber gefoppt und zu einer angeblichen Preisübergabe in ein Prager Luxushotel gelockt: „Als sie den Preis annahm, leuchtete auf einer Leinwand hinter Hopkins der Schriftzug ‚Campaign to Unify the Nation Trophy‘ mit gefetteten Initialen auf. Die Abkürzung ‚Cunt‘ ist auf Englisch eine üble sexistische Beleidigung.“ Hier der Videomitschnitt der würdevollen Verleihung (youtube.com, 10:10 Minuten).

Man muss sich schämen

In ihrem großen „LIVE-TICKER“ zum Coronavirus schrieb die „Bild“-Redaktion am vergangenen Freitag:

Webasto beklagt Ausgrenzung von Mitarbeitern
Die Angst vor dem Coronavirus führt offenbar zur Ausgrenzung von Webasto-Mitarbeitern und deren Angehörigen. „Uns erreichen vermehrt Meldungen von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehören, dass sie und ihre Familien von Institutionen, Firmen oder Geschäften abgewiesen werden, wenn bekannt wird, dass sie bei Webasto arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Freitag. „Wir verstehen, dass die aktuelle Situation Menschen verunsichert und auch ängstigt, aber das ist eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter.“

Einer Sprecherin zufolge haben Mitarbeiter unter anderem davon berichtet, dass ihre Eltern oder Ehepartner von deren Arbeitgebern nach Hause geschickt worden seien. Kinder seien von Kindergärten nicht mehr angenommen worden. In einem Fall habe es zudem eine Autowerkstatt mit Verweis auf das Virus abgelehnt, das Auto eines Mitarbeiters zu reparieren.

Diese Ausgrenzung ist natürlich völlig daneben. Gut, dass Bild.de dem Webasto-Vorstandsvorsitzenden die Möglichkeit gibt, deutlich zu sagen, dass diese Situation „eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter“ sei.

Einen Tag später beantwortete „Bild“ dann „DIE WICHTIGSTEN FRAGEN ZUM AUSBRUCH DER SEUCHE“. Darunter diese:

Screenshot Bild.de - Muss ich mich schämen, wenn ich aus Angst vor Ansteckung asiatisch aussehenden Menschen aus dem Weg gehe?

Anders als bei den Webasto-Angestellten, wies bei der Ausgrenzung „asiatisch aussehender Menschen“ niemand darauf hin, dass dies für die Betroffenen „eine enorme Belastung“ sei. Stattdessen lieferte ein „Angst- und Traumaforscher“ eine Rechtfertigung:

Christian Lüdke, Angst- und Traumaforscher: „Aus fachlicher Sicht ist die Angst absolut nachvollziehbar. Wir Menschen haben ein gleichbleibendes Angstniveau. Was sich ändert, ist die Angstrichtung. Und durch die aktuellen Realängste vor dem Corona-Virus bedeutet das, dass sich unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Chinesen richtet.“

Lüdke weiter: „Angst ist eine Grundbefindlichkeit und muss ernst genommen werden. Sie lässt uns in einen Überlebensmodus schalten. Und sie hilft uns letztlich, mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen.“

Das ist die komplette Antwort auf die Frage. Keine weitere Einordnung, kein Hinweis auf Rassismus. Bei „Bild“ wird der Eindruck vermittelt, dass es völlig in Ordnung und sogar hilfreich wäre, um „mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen“, wenn man Menschen nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Herkunft anders behandelt und Angst vor ihnen hat.

Beim „Tagesspiegel“ beschreibt Marvin Ku den Rassismus, den er erlebt, „seit sich das Coronavirus ausbreitet“. Und auch der „Express“ schreibt in seiner Sonntagsausgabe, „dass die ganz subjektive Sorge vor einer Ansteckung offenbar in generelle Ausgrenzung und Rassismus umschlagen kann“ — was sich auf einen Fall bezieht, bei dem eine Frau mit ihrer Tochter fluchtartig einen Kölner Asia-Markt verlassen hat. Auf Seite 1 macht die Redaktion so auf das Thema aufmerksam:

Ausriss Titelseite Kölner Express - Coronavirus-Panik - Angst vor Kölns Chinesen - Die wehren sich: Wir sind nicht krank. Das ist Rassismus.

Was bewirkt so eine Titelseite wohl (bei der Passanten, wenn sie am Kiosk vorbeigehen, nicht mal die Unterzeilen richtig sehen können): Dringt die Kritik an der falschen Angst durch? Oder befeuert sie sie?

Mit Dank an Barbara W. und Mario V. für die Hinweise!

Anderer Blick auf den Fall Assange, Binsen-Profilerin, Offener DW-Brief

1. „Vor unseren Augen kreiert sich ein mörderisches System“
(republik.ch, Daniel Ryser & Yves Bachmann)
Wer heute nur einen Text lesen will oder kann: Hier ist er! Der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, erzählt von den Erkenntnissen seiner Untersuchung im Fall des „Wikileaks“-Gründers Julian Assange. Und die sind brisant, aufrüttelnd und verstörend. Seiner Meinung nach habe die schwedische Polizei die Vergewaltigungsvorwürfe herbei konstruiert: Beweise seien manipuliert, Aussagen umgeschrieben worden. Julian Assange werde bei einer Auslieferung in die USA kein rechtsstaatliches Verfahren bekommen. Assange werde auch jetzt nicht rechtsstaatlich fair behandelt, sondern auf verschiedene Weise psychologisch gefoltert. Melzer fragt: „Was ist die Rechts­grundlage dafür, jemandem das fundamentale Recht seiner eigenen Verteidigung zu verweigern? Warum wird ein ungefährlicher, nicht gewalt­tätiger Mann monatelang in Isolations­haft gehalten, wo doch die Uno-Standards jede Isolations­haft von mehr als 15 Tagen grundsätzlich verbieten? Keiner dieser Uno-Mitglieds­staaten hat eine Untersuchung eingeleitet, meine Fragen beantwortet oder auch nur den Dialog gesucht.“

2. Wohltäter, Streber, Freigeister
(faz.net, Tobias Rüther & Peter Körte & Andreas Lesti & Timon Karl Kaleyta & Harald Staun)
Einige Sportlerinnen und Sportler zieht es nach ihrer Sportkarriere in die Medien, zum Beispiel als Expertinnen und Experten hinter dem Mikro. Doch sind sie tatsächlich die besseren Fachleute? Die „FAZ“ hat sich ein paar von ihnen näher angeschaut, darunter die ehemalige Biathletin Laura Dahlmeier (ZDF), den Ex-Skirennfahrer Felix Neureuther (ARD), die Ex-Fußballer Oliver Kahn (ZDF), Steffen Freund (RTL Nitro), Thomas Broich (ARD) und Dietmar Hamann (Sky), die Ex-Tennisspielerin Andrea Petkovic (ZDF) und den ehemaligen Zehnkämpfer Frank Busemann (ARD).

3. Grieger-Langer und die gefakte Kundenliste
(haufe.de, Ruth Lemmer)
„Suzanne Grieger-Langer nennt sich ‚Profilerin‘ und zieht mit einer martialischen Show durch Deutschland, in der Binsenweisheiten über Persönlichkeit und Führung verbreitet werden. Sie findet zahlreiche Zuhörer, obwohl ihr Umgang mit der eigenen Vita und mit ihrer Kundenliste Zweifel an ihrer Kompetenz und Wahrheitsliebe aufkommen lassen.“ Ruth Lemmer berichtet über eine, nennen wir es euphemistisch „schillernde“, Person, die berechtigte Kritik gerne mit Abmahnungen beantworten lässt.
Weitere Lesehinweise zum Hintergrund: Grieger-Langer: Profilerin mit Hang zur Lüge (mba-journal.de, Bärbel Schwertfeger). Und: Eine zweifelhafte Expertin fürs „Charakter-Profiling“ (uebermedien.de, Bärbel Schwerdtfeger).

4. Sag zum Abschied leise Kamener Kreuz
(zeit.de, Nils Markwardt)
Nach über 50 Jahren hat der Deutschlandfunk (DLF) seine Stau- und Verkehrsmeldungen eingestellt. Nils Markwardt winkt dem Format zum Abschied zärtlich hinterher: „Die DLF-Verkehrsmeldungen waren (…) der Soundtrack des Franz-Josef-Wagner-Deutschlands: ein melancholisch-kitschiges Hörspiel über jene mystische ‚Mitte‘, die in Talkshows und Leitartikeln unentwegt beschworen wird. Meldete die sonore Stimme Störungen bei Dettingen an der Iller und Erlangen-Frauenaurach oder Sperrungen auf A1 und B12, konnte sich der einfühlsame Hörer die Schicksale hinter dem zähfließenden Verkehr vorstellen: den genervten Pendler, der eigentlich zum Anstoß zu Hause sein wollte; die müde Truckerin, der im Laderaum langsam 200 Kilo Mett weggammeln; oder den hungrigen Schichtarbeiter, der auf eine Senfpeitsche an der Tanke hinfiebert.“
Hörtipp: Der Deutschlandfunk verabschiedet sich auf besondere Weise von den Staumeldungen: Auf Twitter verliest DLF-Chefsprecher Gerd Daaßen die schönsten Orte und Autobahnkreuze. (Video: 1:06 Minuten).
Weiterer Lesetipp: Torsten Kleinz beleuchtet einen anderen Aspekt: „Aus meiner Sicht ist diese Episode ein plastischer Beleg dafür warum DAB+ keine Chance hatte. Wenn man schon den Rundfunk digitalisiert, dann hätten die Verkehrsnachrichten an erste Stelle gehört. Statt alle Verkehrsnachrichten für alle auszustrahlen, könnte man ein Opt-In realisieren. Technisch ist das ohne weiteres möglich — man hat es halt nicht getan.“

5. Mehr als 250 Mitarbeitende kritisieren die Deutsche Welle für ihren Umgang mit Vorwürfen von Belästigung, Mobbing und Einschüchterung
(buzzfeed.com, Pascale Müller & Juliane Loeffler)
Von mehr als 250 Mitarbeitenden der Deutschen Welle (DW) ist die Rede, die sich in einem Offenen Brief an den DW-Intendanten Peter Limbourg gewandt haben. Es sind schwere Vorwürfe, die dort erhoben werden: „Wir glauben, dass Machtmissbrauch bei der Deutschen Welle allgegenwärtig ist“. Die „Buzzfeed“-Reporterinnen Pascale Müller und Juliane Loeffler erklären den Hintergrund des Beschwerdebriefs. Dem Artikel ist außerdem der Offene Brief im Original (in englischer und deutscher Sprache) beigefügt.
Weiterer Lesehinweis: Die „taz“ konnte die Antwort der Geschäftsleitung einsehen: „Wenn sich offenbar mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranlasst sehen, sich anonym an den Intendanten zu wenden, scheint tatsächlich einiges nicht zu funktionieren“ (taz.de, Peter Weissenburger).

6. Deutsches Fernsehballett vor dem Aus
(spiegel.de)
Das 1962 zu DDR-Zeiten gegründete Deutsche Fernsehballett steht vor dem Aus. Geschäftsführer Peter Wolf habe dem „Spiegel“ gegenüber bestätigt, dass das Ensemble Ende 2021 aufgelöst werde. TV-Aufträge kämen nur noch vom MDR. Allein mit diesen Auftritten lasse sich die Gruppe mit 18 Tänzerinnen und Tänzern nicht finanzieren. 
Tipp des Kurators für einen nostalgischen Rückblick: Auf der Seite des Deutschen Fernsehballetts gibt es eine Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte und eine Zusammenstellung von Videomitschnitten.

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