Man muss sich schämen

In ihrem großen „LIVE-TICKER“ zum Coronavirus schrieb die „Bild“-Redaktion am vergangenen Freitag:

Webasto beklagt Ausgrenzung von Mitarbeitern
Die Angst vor dem Coronavirus führt offenbar zur Ausgrenzung von Webasto-Mitarbeitern und deren Angehörigen. „Uns erreichen vermehrt Meldungen von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehören, dass sie und ihre Familien von Institutionen, Firmen oder Geschäften abgewiesen werden, wenn bekannt wird, dass sie bei Webasto arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Freitag. „Wir verstehen, dass die aktuelle Situation Menschen verunsichert und auch ängstigt, aber das ist eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter.“

Einer Sprecherin zufolge haben Mitarbeiter unter anderem davon berichtet, dass ihre Eltern oder Ehepartner von deren Arbeitgebern nach Hause geschickt worden seien. Kinder seien von Kindergärten nicht mehr angenommen worden. In einem Fall habe es zudem eine Autowerkstatt mit Verweis auf das Virus abgelehnt, das Auto eines Mitarbeiters zu reparieren.

Diese Ausgrenzung ist natürlich völlig daneben. Gut, dass Bild.de dem Webasto-Vorstandsvorsitzenden die Möglichkeit gibt, deutlich zu sagen, dass diese Situation „eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter“ sei.

Einen Tag später beantwortete „Bild“ dann „DIE WICHTIGSTEN FRAGEN ZUM AUSBRUCH DER SEUCHE“. Darunter diese:

Screenshot Bild.de - Muss ich mich schämen, wenn ich aus Angst vor Ansteckung asiatisch aussehenden Menschen aus dem Weg gehe?

Anders als bei den Webasto-Angestellten, wies bei der Ausgrenzung „asiatisch aussehender Menschen“ niemand darauf hin, dass dies für die Betroffenen „eine enorme Belastung“ sei. Stattdessen lieferte ein „Angst- und Traumaforscher“ eine Rechtfertigung:

Christian Lüdke, Angst- und Traumaforscher: „Aus fachlicher Sicht ist die Angst absolut nachvollziehbar. Wir Menschen haben ein gleichbleibendes Angstniveau. Was sich ändert, ist die Angstrichtung. Und durch die aktuellen Realängste vor dem Corona-Virus bedeutet das, dass sich unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Chinesen richtet.“

Lüdke weiter: „Angst ist eine Grundbefindlichkeit und muss ernst genommen werden. Sie lässt uns in einen Überlebensmodus schalten. Und sie hilft uns letztlich, mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen.“

Das ist die komplette Antwort auf die Frage. Keine weitere Einordnung, kein Hinweis auf Rassismus. Bei „Bild“ wird der Eindruck vermittelt, dass es völlig in Ordnung und sogar hilfreich wäre, um „mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen“, wenn man Menschen nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Herkunft anders behandelt und Angst vor ihnen hat.

Beim „Tagesspiegel“ beschreibt Marvin Ku den Rassismus, den er erlebt, „seit sich das Coronavirus ausbreitet“. Und auch der „Express“ schreibt in seiner Sonntagsausgabe, „dass die ganz subjektive Sorge vor einer Ansteckung offenbar in generelle Ausgrenzung und Rassismus umschlagen kann“ — was sich auf einen Fall bezieht, bei dem eine Frau mit ihrer Tochter fluchtartig einen Kölner Asia-Markt verlassen hat. Auf Seite 1 macht die Redaktion so auf das Thema aufmerksam:

Ausriss Titelseite Kölner Express - Coronavirus-Panik - Angst vor Kölns Chinesen - Die wehren sich: Wir sind nicht krank. Das ist Rassismus.

Was bewirkt so eine Titelseite wohl (bei der Passanten, wenn sie am Kiosk vorbeigehen, nicht mal die Unterzeilen richtig sehen können): Dringt die Kritik an der falschen Angst durch? Oder befeuert sie sie?

Mit Dank an Barbara W. und Mario V. für die Hinweise!