Archiv für Februar 20th, 2020

Spekulationen zum Täter von Hanau: Warum „Bild live“ der letzte Mist ist

Gestern gegen 22 Uhr dringt ein bewaffneter Mann im hessischen Hanau in eine Bar ein und erschießt mehrere Menschen. Dort und an einem weiteren Tatort, zu dem der Täter fährt, sterben neun Personen. Später entdeckt die Polizei in einer Wohnung zwei weitere Leichen: die des Täters und die von dessen Mutter. Die Bundesanwaltschaft soll von einem „Verdacht einer terroristischen Gewalttat“ sprechen. Ein Bekennerschreiben spricht dafür, dass es sich bei dem Täter um einen Rassisten handelt.

Gegen 1:30 Uhr startet die erste „Bild live“-Sondersendung zur „Bluttat in Hanau“.

Ein kommentiertes Protokoll.

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Moderator Moritz Wedel sagt zu Beginn der Sendung:

Die Informationen derzeit unübersichtlich. Wir versuchen, das, was wir zur Stunde wissen, für Sie zu dieser späten Stunde zusammenzufassen.

Das Versprechen „was wir zur Stunde wissen“ werden er und seine „Bild“-Kollegen in den kommenden knapp 43 Minuten nicht ansatzweise einlösen können.

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„Bild“-Reporter Tobias Bayer ist in Hanau. Er erzählt von seinen Erlebnissen vor Ort. Offenbar hat er ein paar Angehörige der Getöteten belästigt befragt:

Ich habe mit einigen Angehörigen sprechen können. Die Stimmung hier deutlich aggressiv. Man drohte mir, das Handy aus der Hand zu schlagen. Da sind Emotionen im Spiel. Das waren wohl auch Angehörige von mutmaßlich Toten hier. Da muss man das auch, denke ich, verstehen und richtig einordnen können.

Zum „Täterumfeld“ sagt er:

Ich habe aus relativ gut unterrichteten Quellen in Hanau hier erfahren — aber ich muss dazu sagen: Das sind nur Spekulationen –, dass es sich hier bei dem Täterumfeld um Russen handeln könnte.

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Moderator Moritz Wedel will wissen: „Beschreib uns das Milieu bitte etwas: Was ist das für ein Stadtteil? Was ist das für eine Straße? Könnte vielleicht das Umfeld dieser Shisha-Bar Schrägstrich Sportsbar auf irgendwelche Motive oder Hintergründe dieser Tat hindeuten?“

Reporter Bayer weiß, dass das, was er nun antwortet „alles nur reine Spekulation“ ist — und spekuliert dann wild rum:

Das ist jetzt zu diesem Zeitpunkt alles nur reine Spekulation. Ich habe aber aus mehreren Quellen erfahren, dass es eben bei den Opfern mit ziemlich großer Sicherheit um kurdischstämmige Menschen handeln soll. Das bestätigt auch mein Bild, das ich hier vor Ort sehe. Die Menschen, die hier stehen und weinen. Einige sind zusammengebrochen. Da mussten die Rettungssanitäter noch mal helfen und die Menschen beruhigen. Die Menschen, die ich hier sehe, sind eben vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund, mutmaßlich türkischem, was ich so sprachlich höre: türkische Sprache, aus dem arabischen Sprachraum kommend. Also türkische und kurdische Menschen, die unter den Opfern sein sollen. Und eben es gibt auch Quellen, die behaupten, dass die Täter aus mutmaßlich russischem Umfeld kommen sollen. Es gibt auch Anwohner, aber das halte ich für viel zu früh, zumindest Spekulationen, dass es aus einem sehr rechtsradikalen Milieu eine Tat sein könnte. Einfach aufgrund der Tatsache, dass es um Shisha-Bars geht. Aber ich glaube, das ist viel zu früh, um das einzuordnen.

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„Bild“-Chefreporter Frank Schneider wird zugeschaltet und erzählt, dass man ja noch gar nicht wisse, ob die Angriffe an den zwei Tatorten nacheinander stattfanden oder gleichzeitig. Und er spricht auch von Organisierter Kriminalität. Da hakt Moderator Wedel nach: „Frank, wenn Du jetzt ein bisschen Hanau einschätzen musst: Ist das, Du hast von Organisierter Kriminalität gesprochen, ist das ein Hotspot in der Region?“ Das könne er so nicht sagen, antwortet Schneider, speziell was die angegriffenen Bars angeht. Aber:

Wenn jetzt möglicherweise diese Bars von Menschen betrieben werden, die Streit mit anderen haben, oder es geht da um Vormacht, worum auch immer, oder eben Schutzgelderpressung. Es kann ja auch sein, dass die Betreiber der Bars schlicht und ergreifend kein Schutzgeld bezahlen wollten. Das wäre dann natürlich, wie gesagt, eine Qualität, die hat es in Deutschland so noch nicht gegeben. Aber das wären jetzt alles reine Spekulationen.

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Währenddessen blendet die „Bild“-Redaktion ein:

Screenshot Bild live - Möglicherweise zwei Schießereien gelichzeitig

Auch an anderen Stellen in der Sendung fällt der Begriff „Schießerei“. Das ist wahrlich nicht der schlimmste Aspekt an dieser Sondersendung, die die „Bild“-Redaktion zusammengezimmert hat, aber passend ist das Wort nicht.

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„Bild“ hat Hanaus Bürgermeister Claus Kaminsky am Telefon. Er sagt:

Meine Aufgabe sehe ich im Moment eher, dafür zu plädieren, dass wir Ruhe und Besonnenheit an den Tag legen. Und auch wildes Spekulieren, in welche Richtung auch immer, hilft uns im Moment überhaupt nicht weiter.

In welche Richtung ein solche Hinweis wohl zielt? Moderator Wedel will dann gleich Informationen zu den Opfern. Kaminsky sagt, dass er lieber verlässliche Informationen der Polizei abwarten will.

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Reporter Tobias Bayer ist wieder dran:

Ich habe mich ein bisschen weiterbewegt. Hier hinter mir sieht man direkt die gelbe Wand. Ich weiß nicht, ob man es im Dunklen so gut erkennen kann. Da ist wohl die Shisha-Bar, um die es gehen soll. Man sieht sogar eine Aufschrift: […]. Eine kleine Leuchtreklame „Open“ leuchtet da. Dieses „Open“ gilt nun natürlich nicht mehr.

Moderator Moritz Wedel fragt schon wieder: „Was ist das für ein Viertel, für ein Stadtteil dort, wo sich der Tatort befindet?“

Bayer antwortet:

Hanau ist eine relativ beschauliche Stadt in Hessen. Natürlich bekannt auch ein bisschen für die relativ hohe Kriminalität. Ähnlich wie Offenbach oder Darmstadt gibt es hier gewisse Milieus und soziale Schichten hier. Ich würde mal von einer nicht gutbürgerlichen Stadt sprechen, sonder eher eine etwas prekärere Lage vor Ort und in den Stadtteilen eher eine höhere Arbeitslosigkeit und deswegen sozial eine eher schwache Stadt. Aber die Menschen sind trotzdem irritiert, dass das in ihrem Hanau passiert ist.

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„Bild“-Redakteur Florian von Heintze steht im „Bild live“-Studio. Er sagt: „Die Täter oder der Täter, man kann aber von mehreren Tätern wohl ausgehen, sind flüchtig.“

Und:

Es hat sich noch nicht bestätigt, dass es sich bei der Auseinandersetzung oder bei den Angriffen, muss man schon sagen, auf diese Bars um Auseinandersetzungen im kriminellen Milieu gehandelt hat. Es war zunächst auch die Rede von möglichem rechtsextremen Hintergrund. Das ist aber auch alles noch Spekulation. Es verdichten sich allerdings dann doch wohl die Hinweise darauf, dass es eher im kriminellen Milieu sich abspielt das Ganze.

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Nun erzählt wieder Reporter Tobias Bayer über den möglichen Hergang am Tatort, an dem er gerade steht. Seine Ausführungen beendet er mit: „Aber all das bisher unbestätigte Informationen, ganz wichtig, reine Spekulation.“

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Moderator Wedel will wieder über die Hintergründe sprechen:

Tobi, jetzt ist natürlich die Frage: Welche Hintergründe könnten diese Taten haben? Ist es ein Verbrechen im Milieu? Ist es ein Anschlag aus dem rechten Lager? Was glauben oder was fühlen die Menschen zumindest vor Ort? Glauben oder wissen kann man ja zu dieser Stunde wohl kaum sagen, aber was hörst Du so? Das hat ja auch viel damit zu tun, in welchem Milieu sich diese Straße, dieser Bereich der Stadt befindet.

Bayers Antwort:

Es gab hier die Angst, dass es sich um einen rechtsradikalen, einen rechtsextremen Anschlag handeln könnte, weil eben zwei Shisha-Bars oder Bars mit Shisha-Konsum aufgesucht wurden, wo ja vermehrt auch immer Menschen sind mit, muslimische Menschen öfters auch vorzufinden sind. Aber die meisten Spekulationen, die ich bisher wahrnehmen konnte, gehen eher in die Richtung, dass es sich um eine Milieutat handeln könnte. So soll es sich bei den Tätern mutmaßlich um Russen handeln.

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Die Redaktion zeigt ein Video, auf dem Schüsse des Täters zu hören sein sollen. Moderator Wedel mutmaßt, dass dort „offensichtlich Sanitäter“ zu sehen sind, und sagt:

Das Ganze noch nicht verifiziert, aber so verbreiten sich die Videos im Netz jetzt nach dieser schrecklichen Tat und geben einen Einblick auf das, was passiert sein könnte in Hanau

Und „Bild“ verbreitet mit.

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Der beste, vielleicht einzige journalistische Moment der „Bild live“-Sendung: Auf die Frage, was er zu einem angeblich gefassten Täter berichten kann, antwortet Reporter Tobias Bayer:

Dazu liegen mir momentan noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Der Polizeisprecher ist noch nicht vor Ort, der Pressesprecher der Polizei, der macht sich gerade hier auf den Weg. Und sobald ich den bekommen kann, werde ich das versuchen, dass wir auch mit ihm sprechen können.

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Frank Schneider ist noch mal dran. Moderator Moritz Wedel will von ihm wissen, „in welchem Milieu“ sich die Tat abgespielt haben könnte. Schneider:

Ja, wie ich vorhin schon gesagt habe: Das Milieu kann eigentlich nur sein, dass es möglicherweise um Delikte geht im Drogenmilieu oder es geht um Schutzgelderpressung. Was genau die Hintergründe sind, kann man natürlich momentan noch nicht sagen, weil man nicht weiß, was in diesen Bars genau passiert, welche Kundschaft dort verkehrt, was es für Vorfälle vielleicht in jüngster Vergangenheit gab. Das muss man jetzt im Einzelnen klären.

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Das war’s dann auch.

Natürlich ist es leicht, im Nachhinein schlauer zu sein und zu wissen, dass es nicht „Russen“ waren, die da geschossen haben; dass es nicht um „Schutzgeld“ oder ums „Drogenmilieu“ ging; dass man nicht „von mehreren Tätern wohl ausgehen“ kann. Es wäre aber auch leicht, nicht so viel zu spekulieren, wenn man noch nicht so schlau ist. Und vor allem wäre das verantwortungsvoll.

Stattdessen aber kritisieren „Bild“-Mitarbeiter wie Paul Ronzheimer die öffentlich-rechtlichen Sender, die den Ereignissen nicht mit Live-Sendungen hinterherhecheln und mit ihrer Breaking-News-Raterei Falschinformationen verbreiten. Auf die Kritik, dass es bei „Bild“ lediglich „pure Spekulation zum Tathintergrund im Livestream“ gebe und dass das „kein seriöser Journalismus“ sei, antwortete Ronzheimer, dass er diesen ganzen, oben protokollierten Murks für eine tolle Sendung hält:

Sehe ich anders, das war eine hochprofessionelle Sendung, u.a. mit Augenzeugen und Live-Interview des Bürgermeisters.

Weist man ihn dann darauf hin, dass seine Redaktion „hochprofessionell“ über völlig falsche Tatmotive spekuliert, entgegnet Ronzheimer nur:

BILD war das erste Medieum, das über den rechtsradikalen Hintergrund berichtet hat heute morgen.

Es ist zu befürchten, dass er das tatsächlich für ein gutes Argument hält.

  • Drüben bei „Übermedien“ spricht Stefan Niggemeier die Parallelen zur Berichterstattung über eine Mordserie an, die sich später als die Morde des NSU entpuppten. Außerdem hat er einen Worst-of-Zusammenschnitt der „Bild live“-Sendung erstellt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Glaskugelitis, Gehaltssteigerung trotz Spardrucks, Erneuerte „MotorWelt“

1. turi2 edition #10: Marieke Reimann über alte weiße Männer und Print-Könige.
(turi2.de, Markus Trantow & Anne-Nikolin Hagemann)
Marieke Reimann ist als Chefredakteurin für „ze.tt“ verantwortlich, die junge Online-Plattform der „Zeit“. Im Interview spricht sie über ihren Werdegang, das Gendersternchen sowie alte weiße Männer und erklärt, warum aus ihrer Sicht die meisten Berufsbezeichnungen eben nicht alle Geschlechter einschließen: „Ich bringe an dieser Stelle immer gerne ein Beispiel: ‚Sitzen zwei Piloten im Flugzeug. Sagt die eine zur anderen: ‚Bestimmt haben sich jetzt alle zwei Männer vorgestellt‘.‘ Ich finde, dieser Witz reicht, um offensichtlich zu machen, dass unsere Lebenswirklichkeit männlich geprägt ist. Es gibt hierzu mittlerweile genug Studien, die belegen, dass das Gehirn beim Verwenden des generischen Maskulinums eben nicht ‚alle mitdenkt‘.“

2. Zu tief in die Glaskugel geguckt
(freitag.de, Klaus Raab)
„Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“, so lautet ein beliebtes Zitat, das den verschiedensten Personen zugeschrieben wird. Kürzlich warnte der Journalist Gabor Steingart vor falschen Prognosen in den Medien und forderte seine Leserinnen und Leser auf, die entsprechenden Blätter zu kündigen. Er übersah dabei geflissentlich, dass er bei seinen Vorhersagen auch schon heftig danebengelegen hatte. Klaus Raab schreibt über das Phänomen der Prognostiker und nennt das Ganze eine „Berufskrankheit“.

3. Filmemachen ist ein dreckiges Geschäft
(sueddeutsche.de, Vivien Timmler)
Auf Initiative von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) unterzeichneten einige Vertreterinnen und Vertreter der Film- und Fernsehwirtschaft ein Papier, mit dem sie sich zu mehr Umweltschutz bei ihrer Arbeit verpflichten. Vivien Timmler ordnet die grundsätzlich positive Aktion ein, die in der jetzigen Form jedoch nur eine allgemein gehaltene Absichtserklärung sei.

4. Motor und Welt
(zeit.de, Ulrich Stock)
Die Mitgliederzeitschrift des ADAC wird es in der bisherigen Version nicht mehr geben. Aus der „motorwelt“ wird die „MotorWelt“, doch das ist bei Weitem nicht die einzige Änderung. Der Autoklub will seine Mitglieder nämlich nicht mehr mit seiner Postille zwangsbeglücken und spart sich das Verschicken der zuletzt über 13 Millionen Exemplare. Ulrich Stock hat sich die neue Variante angeschaut, von der es „nur“ 5 Millionen Exemplare geben soll, die von den Mitgliedern jeweils abgeholt werden müssen.

5. ARD/ZDF: Gehaltssteigerung in „Zeiten von knapperen Kassen“
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ist oft und gerne vom Spardruck die Rede. Gerade die Chefs lamentieren ausgiebig vom Sparen in „Zeiten von knapperen Kassen“ und setzen an vielen Stellen den Rotstift an. An einer Stelle scheint der Spardruck jedoch nicht so groß zu sein: bei den eigenen Gehältern — die werden nämlich fleißig weiter gesteigert. Jakob Buhre hat sich die Mühe gemacht und die Daten zusammengetragen, ausgewertet und in einer Tabelle (PDF) festgehalten. Es sind Zahlen, die in ihrer Großzügigkeit für sich sprechen.

6. Juan Moreno: Die Rede des Journalisten des Jahres 2019
(youtu.be, medium magazin, Video: 9:38 Minuten)
Juan Moreno ist zum Journalisten des Jahres 2019 gewählt worden. Seine mit viel Nachdenklichkeit und Humor gewürzte Dankesrede ist auch eine rührende Liebeserklärung an seine Frau.