Archiv für Februar 18th, 2020

„Sein Leben ist ein Märchen“. Und der Artikel auch

Einen boulevardtauglichen Namen hat „Bild“-Hollywood-Korrespondent Norbert Körzdörfer für Bong Joon-ho schon mal gefunden:

Screenshot Bild.de - Parasite-Regisseur - Wer ist der neue King Bong von Hollywood?

Und die Geschichte, die Körzdörfer über den südkoreanischen Regisseur, der für „Parasite“ jüngst vier Oscars bekommen hat, erzählen kann, passt auch wunderbar: „King Bong“, dessen Film von einer armen Familie handelt, die sich bei einer reichen Familie einnistet, komme ebenfalls aus einer armen Familie:

Er kam von einer armen Familie und war fasziniert vom US-Kino — „Der weiße Hai“ oder „Der Pate“.

Eine ähnliche Story ist seine Thriller-Satire „Parasite“.

Story: Eine arme Familie schleicht sich in die Villa von Millionären. Es ist eine Satire, ein Märchen und endet [entfernt wegen Spoilergefahr]. Bong lachend: „Wenn meine Familie so eine Villa haben möchte, würden wir 500 Jahre dafür arbeiten müssen.“

Aber mit 4 Oscars ist sein Wert derartig gestiegen, er wird für seinen nächsten Film 5 Millionen fordern können — und Gewinn-Beteiligung.

Jetzt kann er sich auch eine Villa in Seoul kaufen — oder in Hollywood. Sein Leben ist ein Märchen, das wahr geworden ist.

Wir haben starke Zweifel, dass das alles so stimmt, und dass Bong Joon-ho das so gesagt hat. Eher denken wir, dass Norbert Körzdörfer hier eine Erzählung fabriziert, die zwar passend klingt, aber wenig mit der Realität zu tun hat.

Bong Joon-hos Vater war Professor und Designer. Er verdiente offenbar so gut, dass seine Ehefrau nach der Geburt ihres ersten Kindes ihren Job als Grundschullehrerin aufgeben konnte. Die Familie konnte es sich leisten, dass Bong Joon-ho an der Yonsei Universität studierte, einer privaten Elite-Universität in Seoul. Genauso sein Bruder Bong Joon-soo.

Das Zitat von Bong Joon-ho, dass dessen Familie „500 Jahre“ für „so eine Villa“ arbeiten müsste, dürfte Norbert Körzdörfer maximal aus dem Zusammenhang gerissen — um nicht zu sagen: erfunden — haben. Es gibt eine ganz ähnliche Aussage am Ende von „Parasite“: Während die Credits laufen, singt die Hauptfigur Kim Ki-woo ein Lied, in dem es darum geht, dass er 564 Jahre arbeiten müsste, um sich das Haus aus dem Film kaufen zu können. Bong Joon-ho hat den Text zu diesem Song zwar geschrieben. Darin schrieb er aber nicht über sich selbst.

Es würde auch nicht so richtig passen, dass die Familie des Regisseurs so lange für eine Villa arbeiten müsste. Ein Bruder ist Professor, eine Schwester unterrichtet ebenfalls an einer Universität. Und auch Bong Joon-ho hatte schon vor „Parasite“ enorme Erfolge mit seinen Filmen, auch in kommerzieller Hinsicht: „The Host“ aus dem Jahr 2006 hat mehr als 89 Millionen US-Dollar an den Kinokassen eingespielt, „Snowpiercer“ (2013) nur etwas weniger. Mit „Okja“ (2017) produzierte Bong Joon-ho auch einen Film für Netflix. Das Budget: 50 Millionen US-Dollar. Die Aussage, dass er sich erst „jetzt“, nach seinem Erfolg mit „Parasite“, „auch eine Villa in Seoul“ kaufen könne, dürfte also Quatsch sein. Das müsste er schon vorher gekonnt haben.

Nun kann es natürlich sein, dass Bong Joon-ho trotz der hier von uns aufgeführten Punkte aus einer armen Familie kommt und dass er das mit den 500 Jahren irgendwo mal in irgendein Mikrofon gesagt hat. Daher haben wir bei „Bild“ und bei Norbert Körzdörfer nachgefragt, woher die Informationen und das Zitat stammen. Wir haben keine Antwort bekommen.

Mit Dank an Maximilian A. für den Hinweis!

Saures Katapult, MDR-Bildfälscher, Friedrich Merz und der Journalismus

1. Die Süddeutsche klaut systematisch von Katapult
(katapult-magazin.de, Benjamin Fredrich)
„Katapult“-Chefredakteur Benjamin Fredrich ist mächtig sauer auf die „Süddeutsche“, der er die unautorisierte Übernahme von Inhalten vorwirft: „Ficken Sie sich schwer ins Knie, Herr Weber! Ich veröffentliche Ihre volle Peinlichkeit, Ihr journalistisches Unverständnis darüber, eine Quelle von einer Idee nicht unterscheiden zu können, und Ihre systematische Übernahme unserer Werke.“ Die „Süddeutsche“ reagierte mit einer Stellungnahme, in der sie ihr Bedauern mitteilte und die sofortige Einstellung der Kolumne bekannt gab. Der Vollständigkeit halber muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass anscheinend auch „Katapult“ sich nicht immer vorbildlich verhalten hat.

2. Diese Wörter zensieren YouTuber in ihren Kommentarspalten
(vice.com, Sebastian Meineck)
Mit der Funktion „Gesperrte Wörter“ können Youtuber Kommentare blocken lassen, in denen bestimmte Wörter vorkommen. Das kann nützlich sein, wenn man vermeiden will, dass die eigene Adresse verbreitet wird oder allzu derbe Schimpfwörter verwendet werden. Viele der Youtube-Stars nutzen die Funktion jedoch auch, um Kritik von sich fernzuhalten und um ihr Geschäftsmodell zu schützen. In Kooperation mit dem Youtube-Kanal Ultralativ (Video, 6:14 Minuten) hat sich „Vice“ angeschaut, was Top-Influencer wie Bibi, Dagi, Unge und Co. so alles blockieren.

3. Manipuliertes Foto: Was ist bloß in den MDR gefahren?
(rnd.de, Imre Grimm)
In der MDR-Sendung „Sachsenspiegel“ wurde über eine Demonstration in Dresden berichtet, und dabei wurden auch Bilder der Gegendemonstration gezeigt. Ein Transparent eines Gegendemonstranten war leer — der MDR hatte, ohne dies zu erwähnen oder zu begründen, die Inhalte wegretuschiert. Ein fataler Fehler, wie „RND“-Kommentator Imre Grimm findet: „Gerade in Instagram-Zeiten, in denen fast jedes Foto per Mausklick leicht in das Gegenteil seiner selbst verwandelt werden kann, ist Glaubwürdigkeit im Umgang mit Bildern und Fakten das höchste Gut einer Redaktion. Der MDR hat dieses Gut leichtfertig und unnötig aufs Spiel gesetzt.“

4. Wie ZEIT ONLINE Wissenschaftler bei ihrer Forschung unterstützt
(blog.zeit.de, Elena Erdmann & Philip Faigle & Julius Tröger)
Normalerweise profitieren Medien von der Arbeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Dass es auch andersherum geht, zeigt der spannende Blick hinter die Kulissen bei „Zeit Online“.
Weiterer Lesehinweis: Faszinierend: Wie Julius Tröger für die Zeit komplexe Daten-Welten visualisiert (kress.de, Rupert Sommer).

5. Journalisten müssen von Friedrich Merz nicht gebraucht werden
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Man hätte fast glauben können, dass sich Friedrich Merz vom Gedanken des freien Journalismus verabschiedet hat, so laut und empört war die Aufregung einiger Medien (und des DJV, PDF) über einige seiner Äußerungen bei einer Karnevalsveranstaltung. Dass dem keineswegs so ist, erklärt Medienkritiker Stefan Niggemeier: „Genau genommen sagt Merz nicht, dass traditionelle Medien überflüssig sind. Es sagt, dass sie nicht mehr nötig sind, um eine Botschaft an ein Publikum zu bringen. Das ist nicht dasselbe, und selbst das ist vermutlich zu optimistisch formuliert von Merz: Über ‚institutionalisierte Medien‘ lassen sich in der Regel immer noch viel größere Publika erreichen.“

6. Die Sinnfluencer
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 6:05 Minuten)
Die Evangelische Kirche startet in Deutschland ein „Sinnfluencer“-Netzwerk auf Youtube: das evangelische Content-Netzwerk „YEET“. Brigitte Baetz hat sich angeschaut, was die Kirche in Sachen digitaler Verjüngung unternimmt. Dabei geht es auch um den, vom Kirchenverantwortlichen so bezeichneten, „Frömmigkeitsstil“.