Archiv für Februar 6th, 2020

„Bild“ auf Zitate-Jagd

Das ist eine ganz schön heftige Aussage, die „Bild“-Reporter Celal Çakar „Verkäufer Johan“ auf der Messe „Jagd & Hund“ entlockt haben soll:

Am Stand von „HHK Safaris“ treffen die BILD-Reporter auf Berater Johan. Er macht ein Angebot für 18 Tage Safari in Simbabwe für 54 700 Dollar (knapp 50 000 Euro). Der Abschuss von Tieren kann dazu gebucht werden: Giraffe rund 2700 Euro, Zebra 1300 Euro, Löwe 36 400 Euro.

Braucht man einen Jagdschein?

Verkäufer Johan: „Du musst halt schießen können und bezahlen. Wir fahren bei Leoparden auf 30 Meter ran, schießen dem Tier erst in die Beine, du kannst es dann erlegen.“

Dieses Zitat passte auch bestens in die Geschichte, die Çakar und dessen Kollegin Christina Drechsler von der Jagdmesse in Dortmund mitgebracht hatten:

Ausriss Bild-Zeitung - Die perverse Preisliste der Tierkiller

Beim Deutschen Jagdverband haben sie sich über die Aussage von „Verkäufer Johan“ ziemlich gewundert: „Als ich das Zitat gesehen habe, ist mir die Kinnlade auf den Tisch gefallen“, sagt uns Stephan Wunderlich, der beim Verband für die Auslandsjagd und den internationalen Artenschutz zuständig ist. Daher hat er bei Johan Bezuidenhout nachgefragt, ob er das, was in „Bild“ und bei Bild.de steht, wirklich gesagt hat. Bezuidenhout antwortete, er habe so etwas nie gesagt. Der Reporter, mit dem er gesprochen hat, habe ihm die Worte im Mund umgedreht: „He put totally wrong information in the newspaper.“

Die Aussage, so wie sie in „Bild“ steht, passe auch schon inhaltlich nicht, sagt Stephan Wunderlich: Niemand werde mit einem Auto an Leoparden herangefahren. „Die 30 Meter sind die Distanz beim Ansitz auf Leoparden.“

Wunderlichs Verband hat zu dem Zitat im „Bild“-Artikel eine Pressemitteilung herausgegeben:

Der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) in Deutschland haben zwischenzeitlich den anerkannten Berufsjäger mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser ist schockiert: „Es stimmt, dass ich mich mit einem Journalisten der BILD unterhalten habe. Aber diese Behauptung ist eine Lüge. Der Journalist hat mich bewusst falsch zitiert. Sonst hätte er keine Story.“ Für den tatsächlichen Wortlaut des geführten Interviews gibt es Zeugen. Demnach habe Johan Bezuidenhout auf Englisch gesagt, dass nach einem schlechten Treffer, etwa auf dem Vorderlauf, immer eine Nachsuche durchgeführt wird und diese erläutert. Dieses Vorgehen ist auch in Deutschland aus Tierschutzgründen Pflicht.

„Nicht mal, wenn jemand nicht so gut Englisch spricht, darf so ein Zitat daraus entstehen“, sagt Stephan Wunderlich: „Das ist rufschädigend.“

Die „Bild“-Geschichte wurde international von anderen Medien aufgegriffen, etwa in der Schweiz vom „Blick“ und in England von der „Sun“.

Wir haben bei „Bild“ nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibt, dass das veröffentlichte Zitat von Johan Bezuidenhout so gefallen ist. Sprecher Christian Senft antwortete: „ja.“

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Dresdner Desaster, Geschäftsmodell Panikmache, Diagnose vom toten Arzt

1. Semperopernball: Desaster in Dresden
(ndr.de, Inga Mathwig & Juliane Puttfarcken & Nils Altland, Video: 6:21 Minuten)
Seit Tagen wird in den Medien über den Semperopernball in Dresden gesprochen. Das Spektakel mit 2.500 Gästen, viel Prominenz und Tamtam genießt eine enorme Aufmerksamkeit und wird vom MDR sogar live übertragen. Doch das Event wurde zum medialen Desaster: Wegen der Verleihung eines Preises an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah al-Sisi bat zunächst Moderatorin Judith Rakers, danach ihre Nachfolgerin Mareile Höppner um Auflösung des Vertrags. Den „Zapp“-AutorInnen Inga Mathwig, Juliane Puttfarcken und Nils Altland ist es zu verdanken, dass endlich mal über die Hintergründe der seltsamen Ordenverleihungspraxis gesprochen wird. Und die sind reichlich bizarr und augenscheinlich von indirekten Eigeninteressen des Veranstalters getrieben.

2. „Panikmache ist ein Geschäftsmodell“
(zdf.de, Marcel Burkhardt)
Marcel Burkhardt hat mit dem Kommunikationsforscher Tanjev Schultz über den medialen Umgang mit dem Coronavirus gesprochen. Die Panikmache sei ein Geschäftsmodell, so Schultz: „Zudem gibt es politische Profiteure — Radikale, Extremisten, die aus der Krise Kapital für ihre Zwecke herauszuschlagen versuchen, indem sie uns verunsichern wollen. Sie fahren Angriffe gegen das System der Wissenschaft, mit dem Ziel, seriöse Strukturen der Wissensvermittlung zu zerstören, um Angst und Schrecken verbreiten zu können.“

3. Es geht auch ohne Klischees
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 4:29 Minuten)
Samira El Ouassil beschäftigt sich in ihrer Medienkolumne mit der klischeehaften Darstellung von Journalistinnen in Film und Fernsehen: „Glaubt man einigen stereotypen Darstellungen von Journalistinnen aus aktuellen Serien, dann habe ich heute mit mindestens einem Politiker gesextet, um an Bundestagsinterna zu gelangen, habe mit mindestens einer Quelle geschlafen, um ein geheimes Passwort zu erhalten, habe später noch ein Arbeitstreffen in einer dunklen Tiefgarage — und werde am Ende des Tages vermutlich aufgrund meines Wissens von einem Bürogebäude gestoßen — um schließlich von einem gutaussehenden Alien mit Cape gerettet zu werden.“

4. Dem Komiker verzeiht man viel
(faz.net, Harald Staun)
Die „FAZ“ hat sich mit dem Comedian Bastian Pastewka unterhalten. Anlass ist die aktuell anlaufende zehnte und letzte Staffel der Serie „Pastewka“, doch es geht im Gespräch um viel mehr: um Pastewkas Humorverständnis, den fiktiven Pastewka und seine Leidenschaft fürs Fernsehen. Pastewka spricht auch über die diversen in die Serie eingebauten, shitstormverdächtigen Provokationen: „Wenn wir in ‚Pastewka‘ — und das haben wir massenhaft gemacht — politische Unkorrektheiten, Frechheiten, Abwertungen gezeigt haben, dann ausschließlich, damit diese fliegenden Bumerangs alle am Hinterkopf der Rolle Bastian Pastewka zerschellen.“

5. Kamel- und Straussenrennen
(pro-quote.de)
Der Verein ProQuote tritt für mehr Frauen in der Medienwelt ein: „Wir fordern, dass 50 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen mit Frauen besetzt werden — wir wollen die Hälfte der Macht!“ In zwei Animationen (Kamel- und Straußenrennen) kann man anschaulich sehen, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren verbessert hat, das Ziel aber noch lange nicht erreicht ist.
Weiterer Lesehinweis für alle, die es detaillierter wissen wollen: Welchen Anteil haben Frauen an der publizistischen Macht in Deutschland? Eine Studie zur Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen, herausgegeben von ProQuote (PDF).

6. „Neue Post“: Toter Arzt stellt tödliche Diagnose
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Bei „Übermedien“ bietet Mats Schönauer seinen beliebten Berufseignungstest an: „Haben Sie das Zeug, Regenbogenredakteur*in zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine knallblattwürdige Schlagzeile daraus zu basteln.“