Archiv für Juni 20th, 2018

„Welt“: Pseudoseriöses Unken über Mesut Özil in „Bild“

Fußballprofi Mesut Özil schlägt derzeit enorm viel Hass entgegen. Insofern ist die heutige „Welt“-Titelseite durchaus bemerkenswert:

Ausriss Welt-Titelseite - Deutschland hat Mesut Özil viel zu verdanken

Redakteur Christoph Cöln kommentiert im Blatt:

Seit Özils dummen, falschen Fotos mit Recep Tayyip Erdogan hat eine noch dümmere Hetzjagd auf den Fußballer eingesetzt. Er scheint in Deutschland Staatsfeind Nummer eins zu sein.

Cöln erwähnt „endlose Tiraden in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten“, den dumpfbackigen Auftritt des dumpfbackigen Mario Basler bei „Hart aber fair“ am späten Montagabend und er schreibt über Lothar Matthäus:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam.

Bei Welt.de ist die Passage zu Matthäus noch etwas länger:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam. Die Aussage suggerierte, dass der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Einwanderer Identitätsprobleme hat, dabei spielt Özil seit seiner Jugend in der Nationalmannschaft, er ist einer ihrer verdientesten Repräsentanten.

Doch auch hier: kein Hinweis darauf, wo Lothar Matthäus „pseudoseriös und verschwörerisch“ rumunken darf. Welche Redaktion ermöglicht sowas Infames? Wo kann Matthäus suggerieren, Özil habe Identitätsprobleme?

So sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung gestern aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Zwei Sätze, die uns bewegen - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

Matthäus‘ infames Rumunken bewegt die „Bild“-Mitarbeiter — und zwar so sehr, dass sie die unfundierte Fernanalyse auf Seite 1 gepackt haben.

Das Matthäus-Zitat auf der Titelseite ist allerdings nur der zwischenzeitliche Höhepunkt einer „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil. Die Redaktion lässt in letzter Zeit keine Möglichkeit aus, den Nationalspieler runter- und rauszuschreiben. Eine Auswahl aus den vergangenen Tagen:

10. Juni:
Screenshot Bild.de - Kritik an Nationalspieler - Mario Basler würde auf Mesut Özil verzichten

12. Juni:
Screenshot Bild.de - Nachgehakt - Özil denkt an sich, nicht an das Team!

13. Juni:
Screenshot Bild.de - Klartext von Effe - DFB hätte Özil & Gündogan rauswerfen müssen!
Screenshot Bild.de - Erste DFB-Pressekonferenz aus Russland - Wird Özil nur WM-Ersatz, Herr Löw?
Screenshot Bild.de - Wir haben Konkurrenzkampf - Löw will sich nicht auf Özil festlegen
Screenshot Bild.de - Protokoll zum ersten Training in Russland - Nachdenklicher Auftritt von Özil

14. Juni:
Screenshot Bild.de - Rekord-Nationalspieler stellt seine DFB-Startelf auf - Matthäus setzt zwei Jogi-Stars auf die Bank

Für Mesut Özil ist dagegen kein Platz!

15. Juni:
Screenshot Bild.de - Verpiss dich du Idiot - Theaterchef beschimpft Özil auf Twitter

16. Juni:
Screenshot Bild.de - Fifa-Pressekonferenz im Livestream - Bringt Jogi Reus für Özil?

17. Juni:
Screenshot Bild.de - 0:1 gegen Mexiko - Diese Pleite macht uns WM-Angst

Und Löw setzt auf seinen Liebling. Trotz Erdogan-Affäre, trotz der Pfiffe der eigenen Fans und der fehlenden Spielpraxis steht Mesut Özil (29) in der Startelf – wie in all seinen 26 WM- und EM-Spielen.

Screenshot Bild.de - Bild-Kommentar - Ich habe auf dem Platz keine Weltmeister gesehen

Und Özil?

Er ist ja seit dem Erdogan-Foto abgetaucht und zog das konsequent durch.

18. Juni:
Screenshot Bild.de - Zwei Weltmeister auf die Bank! So muss Jogi gegen Schweden aufstellen

ÖZIL RAUS! Seit 2009 hält Löw seinem Spielmacher Mesut Özil (29) die bedingungslose Treue! Belohnt wurde er dafür zuletzt nur noch sehr selten.

19. Juni:
Screenshot Bild.de - Körpersprache eines toten Froschs - Basler vernichtet Özil!

Und dann eben das bereits erwähnte Mätthäus-Zitat:
Screenshot Bild.de - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte gestern Abend:

Screenshot des Tweets von Ulf Poschardt - Mesut Özil ist mit seiner introvertierten Melancholie und seiner existenziellen Sorge (Heidegger) deutscher und europäischer als die reaktionären Widerlinge, die ihn jetzt anzählen.

Auf unsere Frage, ob er dabei an bestimmte Leute oder auch Redaktionen denke, hat Poschardt leider nicht geantwortet.

Ebenfalls zum Thema:

Zensurmaschine EU, Themensetzung bei Talkshows, NR-Leuchtturm-Preis

1. „Diese Upload-Filter wären regelrechte Zensurmaschinen“
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Es ist soweit: Heute stimmt die EU über die Reform des europäischen Urheberrechts und damit auch über die umstrittenen Upload-Filter ab. Kern des dafür einschlägigen neuen Artikel 13: Online-Plattformen wie Youtube und Facebook sollen bereits im Moment des Uploads für etwaige Urheberrechtsverstöße ihrer Nutzer haften. Dem können sich die Plattformen nur entziehen, wenn sie Upload-Filter installieren, die jede Datei auf urheberrechtliche Unbedenklichkeit prüfen. Simon Hurtz hat sich mit der Europapolitikerin und Urheberrechts-Spezialistin Julia Reda unterhalten, die in der Regelung eine Gefährdung des freien Netzes sieht.
Weil es heute ein wichtiges Thema ist, hier drei weitere einschlägige Beiträge:
EU kopiert erfolgloses deutsches Gesetz (deutschlandfunk.de, Thomas Otto im Gespräch mit Isabelle Klein)
Lobbying für Leistungsschutzrecht: Günther Oettingers Doktrin (taz.de, Anne Fromm & Daniel Bouhs)
Die zehn Mythen des Leistungsschutzrechts (golem.de, Friedhelm Greis)

2. „Was bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen“
(spiegel.de)
Wenn Frauen (Männer)Fußball kommentieren, scheint bei einigen Männern alles auszusetzen. Das lässt sich auf unschöne Weise am Beispiel der Fußball-Kommentatorin des ZDF Claudia Neumann zeigen, die im Netz auf übelste Weise angegangen wird.

3. Leuchtturm-Preis 2018 für MeToo-Rechercheteam der ZEIT
(netzwerkrecherche.org)
Der „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ des „Netzwerk Recherche“ geht in diesem Jahr an das MeToo-Rechercheteam der „Zeit“. Damit würdigt der Verein die Recherchen und Veröffentlichungen zur Affäre um Dieter Wedel. Die Vorsitzende von „Netzwerk Recherche“, Julia Stein: „Es ist den Autorinnen und Autoren der ZEIT zu verdanken, dass mit ihrer Recherche ein altes Wertesystem ins Wanken geraten ist: Was an Sexismus und bisweilen sogar an Despotismus lange hingenommen wurde, darf nun nicht mehr sein.“
Weiterer Lesehinweis der Vollständigkeit halber: Das Sternchen-System: Thomas Fischers Zeit-kritische Anmerkungen zum Medien-„Tribunal“ gegen Dieter Wedel (meedia, Thomas Fischer vom 29.01.2018)

4. Abmahnungen bei Creative Commons: Wer, Warum, Was tun?
(irights.info, Paul Klimpel)
Manche Nutzer greifen zur Bebilderung ihrer Beiträge auf freie Inhalte zurück, die mit einer Creative-Commons-Lizenz versehen sind und erleben ihr blaues Wunder, wenn eine Abmahnung des Lizenzgebers bei ihnen eintrudelt. Der Rechtsanwalt Paul Klimpel erklärt die Thematik und gibt konkrete Tipps, worauf zu achten ist.

5. Großteil der Nothilfe für türkische Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Passend zum Weltflüchtlingstag hat „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht, wofür der Großteil der Nothilfe verwendet wurde: Für 111 verfolgte Journalisten, von denen 58 im Exil leben müssen. In einem Zweiminuten-Video stellt „Reporter ohne Grenzen“ einige der betroffenen Journalisten vor. Lohnenswert, weil aus den abstrakten Zahlen plötzlich Gesichter werden.

6. Die Flüchtlinge waren nur eine Phase
(zeit.de, Theresa Krinninger, Carolin Ströbele, Julius Tröger, Andreas Loos und Alsino Skowronnek)
In letzter Zeit hatten viele den Eindruck, dass deutsche Talkshows von Flüchtlingsdebatten dominiert werden. „Zeit Online“ hat sich an die Fleißaufgabe gemacht, die Themen und Quoten von 900 Sendungen auszuwerten: „Die überraschendste Erkenntnis war, dass 2017 und im ersten Halbjahr 2018 die Themen Islam, Flüchtlinge, Integration und Terrorismus eher unterrepräsentiert waren. Insofern trifft der Vorwurf die deutschen Talkerinnen und Talker zumindest zum falschen Zeitpunkt.“

Man muss jedoch erwähnen, dass sich die Rechercheure nach eigener Aussage bei der Zuordnung und Kategorisierung der Sendungen nur an den Sendungstiteln und nicht an den tatsächlichen Inhalten und/oder Teildebatten orientiert haben. Diese Überschneidungen könnten das statistische Ergebnis sicher verändern und das subjektive Empfinden mancher Zuschauer in einem anderen Licht erscheinen lassen.