Archiv für Juni 8th, 2018

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Wie „Bild“ Brücken für die AfD baut

Bevor die Leute in der „Bild“-Redaktion sich nach der nächsten Landtags- oder Wasauchimmerwahl wieder über den „Rechts-Rumms“ in Deutschland wundern und irgendwie versuchen, die hohen Prozentzahlen der AfD zu erklären: Ihr mischt da kräftig mit. Und zwar mit Titelseiten wie dieser von heute:

Ausriss Bild-Zeitung - Haftbefehl nach entsetzlichem Mord - Wenn er abgeschoben worden wäre, würde sie noch leben
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Es geht um den grausamen Tod eines 14-jährigen Mädchens, die vermutlich von einem Flüchtling aus dem Irak erdrosselt wurde. Und um es bereits an dieser Stelle klar zu sagen: Ja, natürlich können und sollen Medien über einen solchen Fall berichten. Gern auf Seite 1. Gern als große Titelgeschichte. Sie sollen ihn auf keinen Fall verschweigen. Die entscheidende Frage ist nur, wie sie berichten. Wie sie die jeweilige Geschichte drehen. Wie sie zuspitzen. Ob und wie sie mit ihren Schlagzeilen zündeln.

Vermutlich stimmt die Aussage auf der „Bild“-Titelseite, dass das Mädchen noch leben würde, wenn der wahrscheinliche Täter zuvor abgeschoben worden wäre (was freilich nicht heißt, dass die Schuld bei einem Mord bei den für die Abschiebung zuständigen Behörden zu suchen ist, sondern immer noch beim Mörder). Es ist die Erzählung, die die „Bild“-Redaktion gewählt hat, die so vergiftet ist: Der Tod des Mädchens rückt in den Hintergrund — die Abschiebung des vermutlichen Täters ist der Hauptaspekt. Man könnte diese Titelzeile eins zu eins in einen AfD-Tweet oder Beatrix-von-Storch-Post bei Facebook verwandeln. Und man könnte der Partei dann völlig zu Recht vorwerfen, dass sie versucht, aus einem Tod Kapital zu schlagen.

Und so hilft die „Bild“-Redaktion der AfD enorm mit derartigen Schlagzeilen. Sie gibt die Schwerpunkte, die Sprache, die Aufregung bei Asyl- und Flüchtlingsthemen morgens am Kiosk vor. Und die Partei muss sie am Mittag in ihren plumpen Parolen nur noch aufgreifen. „Bild“ baut noch immer jeden Tag den inhaltlichen Rahmen für Tausende Büro- und Baustellengespräche. Und tut das in einer Form, die es der AfD sehr leicht macht, daran anzudocken.

Wir haben uns mal alle „Bild“-Titelseiten seit dem 1. März angeschaut, also dem Tag, an dem Julian Reichelt auch „Bild“-Print-Chef wurde. 23 Artikel haben wir gefunden, die mit den Themen Asyl und Flüchtlinge zu tun haben. Wobei die Verteilung interessant ist: Bis zum 20. April, also in über eineinhalb Monaten, sind gerade mal eine kleine und ein große Titelgeschichte erschienen:

Ausriss Bild-Zeitung - Die Asyl-Tricks der Einbrecher-Banden
Ausriss Bild-Zeitung - CDU-Politikerin kassiert mit Flüchtlings-Hotel ab

Ab dem 21. April dann 21 große beziehungsweise kleine Artikel. Der 21. April war der Tag, an dem „Bild“ mit dem „ASYL-SKANDAL“ beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufmachte:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Skandal - Bestochen? Amts-Chefin genehmigt 2000 Anträge einfach so

Danach ging es so richtig los:

Ausriss Bild-Zeitung - Bin-Laden-Leibwächter kassiert 1100 Euro Stütze
Ausriss Bild-Zeitung - Schiebt den Bin-Laden-Leibwächter endlich ab
Ausriss Bild-Zeitung - Polizisten-Mörder darf nicht abgeschoben werden
Ausriss Bild-Zeitung - 150 Asylbewerber jagen Polizei davon
Ausriss Bild-Zeitung - Sollte Flüchtlings-Randale vertuscht werden?
Ausriss Bild-Zeitung - Lagerfeld rechnet mit Flüchtlings-Politik ab! Ich hasse Madame Merkel
Ausriss Bild-Zeitung - Arzt erklärt, warum er Asylbewerber nicht mehr behandelt
Ausriss Bild-Zeitung - Ex-BAMF-Chef will Asyl-Skandal klären lassen
Ausriss Bild-Zeitung - Das hat die Flüchtlings-Krise bisher gekostet
Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Behörde ließ wirklich jeden rein
Ausriss Bild-Zeitung - Staatsanwaltschaft ermittelt gegen deutsche Asyl-Chefin
Ausriss Bild-Zeitung - Sechs Tote klagen an - Ihre Mörder hätten gar nicht hier sein dürfen
Ausriss Bild-Zeitung - 50 Flüchtlinge gehen auf Polizisten los
Ausriss Bild-Zeitung - So dreist missbrauchen Klaubanden unser Asyl
Ausriss Bild-Zeitung - Tausende falsche Asyl-Bescheide - Bild sprach mit der Chefin der Skandal-Behörde
Ausriss Bild-Zeitung - 55 Millionen Euro im Asyl-Chaos versenkt
Ausriss Bild-Zeitung - Messer-Angriff im Intercity - Junge Polzistin erschießt Flüchtling
Ausriss Bild-Zeitung - Seit 2000 - Asyl-Behörde ließ 46 Islamisten ins Land
Ausriss Bild-Zeitung - Nach Bin Ladens Leibwächter der nächste Abschiebe-Skandal um einen Terroristen - Und wir werden sie einfach nicht los
Ausriss Bild-Zeitung - Leiche gefunden - Flüchtling unter Mordverdacht flieht aus Deutschland

Und heute dann eben:

Ausriss Bild-Zeitung - Haftbefehl nach entsetzlichem Mord - Wenn er abgeschoben worden wäre, würde sie noch leben

Seit dem 21. April im Schnitt etwa alle zwei Tage eine große oder kleine Titelstory über Asyl/Flüchtlinge. Als hätte die Redaktion erkannt, dass der Skandal beim BAMF der richtige Zeitpunkt ist, um die Streichhölzer wegzupacken und das Sturmfeuerzeug zum weiteren Zündeln rauszuholen.

Und natürlich hat diese Fokussierung und Verdichtung immense Auswirkungen darauf, wie „Bild“-Leserinnen und -Leser das Geschehen in Deutschland wahrnehmen. Man muss nur mal kurz auf die „Bild“-Facebookseite schauen und dort in die Kommentare unter Artikeln, die mit dem Thema Asyl zu tun haben. Eine der am häufigsten verwendeten Wörter: „Bananenrepublik“. „In was für einer Bananenrepublik leben wir eigentlich?“ „Deutschland ist auch nur noch eine Banenrepublik!“ „In dieser Bananenrepublik macht doch schon lange jeder, was er will.“ Vorausgesetzt, sie informieren sich vornehmlich oder ausschließlich in „Bild“ und bei Bild.de, kann man den Verfassern dieser Sätze nicht mal eine richtigen Vorwurf machen. Denn wenn man nur „Bild“ liest, muss man aktuell wirklich den Eindruck haben, dass Deutschland eine „Bananenrepublik“ ist, in der überall „vertuscht“ und gemodert wird, in der niemand mehr sicher ist, in der es einen „SKANDAL“ nach dem anderen gibt, und in der die Behörden gar nichts mehr hinbekommen.

Welcher Partei hilft das Bild, dass es unter Angela Merkel und der großen Koalition drunter und drüber geht, wohl besonders?

Julian Reichelt hat mal gesagt:

Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise

Es deutet alles darauf hin, dass die Wirtschaftlichkeit wieder den Kurs vorgibt.

Weltkompakte Bank-Anzeige, ORF teilverlässt FB, Alles nur geklaut?

1. Da freut sich der Kunde: Welt kompakt verkauft Titelseite an Deutsche Bank – ohne Kennzeichnung als Anzeige
(meedia.de, Alexander Becker)
Auf der Titelseite der „Welt kompakt“ erschien ein ganzflächiges Kampagnenmotiv der Deutschen Bank, das nicht als Werbung gekennzeichnet war. Bei Springer sah man darin zunächst keinen Verstoß gegen den Pressekodex („in ihrer Gesamtanmutung durchaus für den Leser als Anzeige erkennbar“). Nach der Veröffentlichung durch „Meedia“ erfolgte anscheinend ein Sinneswandel: Plötzlich war von „Versehen“ und „Fehler“ die Rede.

2. Teilrückzug: ORF dampft seine Facebook-Auftritte um 80 Prozent ein
(derstandard.at)
Beim ORF ist großes Facebook-Reinemachen angesagt: Von den etwa 70 ORF-Auftritten auf Facebook sollen laut einer internen Mitteilung nur noch rund 15 übrig bleiben. Außerdem will man die Werbeetats für Facebook und Youtube streichen. Als Gründe für den Teilrückzug von Facebook führt der ORF unter anderem „Datenmissbrauch und Intransparenz“ des Netzwerks an.

3. Nützliche Sternchen brauchen keine Amtshilfe
(tagesspiegel.de, Anatol Stefanowitsch)
Wenn es in Diskussionen um geschlechtergerechte Sprache geht, geht es meist sehr lebhaft zu. Gerade um die Daseinsberechtigung alternativer Formen wird oft heftig gerungen. Nun beschäftigt sich der Rechtschreibrat mit dem Gendersternchen. Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin, kommentiert die Diskussion und befindet: „Das „generische“ Maskulinum ist eine grammatische Fiktion.“

4. Hauptsache Krawall
(zeit.de, Matthias Dell)
Matthias Dell hat sich die vergangene Maischberger-Ausgabe angeschaut und in einer lesenswerten Rezension festgehalten, warum er dem Format so gar nichts abgewinnen kann. Und er hat einen guten Tipp parat: „Es ist deshalb durchaus interessant, Maischberger stumm zu gucken. Dann kann man sich den sinnlos-deliranten, aber eben Action suggerierenden Kamerafahrten hingeben wie früher den Bahnstrecken im Nachtprogramm.“
Weiterer Lesetipp: Kulturrat kritisiert TV-Talkshows und fordert Zwangspause (waz.de)
Lesenswert auch Malte Lehming, der im „Tagesspiegel“ feststellt: „Differenzen ertragen: Das müssen Deutsche, die mit sich und anderen klarkommen wollen, noch intensiv üben.“

5. Wer entscheidet, was berichtet wird?
(freitag.de, Juliane Wiedemeier)
Juliane Wiedemeier beschäftigt sich mit den gelegentlich aufflammenden Bemühungen von Medien um direkten Kontakt zur Leserschaft sowie zu Nutzerinnen und Nutzern und macht dies an konkreten Beispielen fest. Bislang habe es sich oftmals nur um halbgare und lustlose Versuche gehandelt: „Wenn sie auch morgen noch kraftvoll zuschreiben wollen, müssen Journalisten mit ihren Nutzern reden. Aber nicht von oben herab und nicht nur sporadisch, wenn es gerade passt.“

6. Liebe @DIEZEIT, wir mögen unsere Titelbilder auch sehr gern.
(twitter.com/Brinkbaeumer)
„Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer ist bei den Kollegen von der „Zeit“ über eine Zeichnung mit einer bemerkenswerten Ähnlichkeit gestolpert. Aber seht selbst …