Archiv für Juni 26th, 2018

„Bild“ lässt „Tagesschau“ Merkels Rücktritt fordern

Ein Kommentar eines Journalisten oder einer Journalistin, ob nun in der gedruckten Zeitung oder online, im Radio oder im Fernsehen, spiegelt immer die Meinung des Journalisten oder der Journalistin wider. Die im Kommentar geäußerten Ansichten lassen sich nicht automatisch auf eine Redaktion übertragen. Sowas lernen Kommunikationswissenschaftler bereits im ersten Semester an der Uni. Und trotzdem müssen wir es hier noch mal aufschreiben, weil die „Bild“-Zeitung heute diese Schlagzeile auf ihrer Titelseite hat:

Ausriss Bild-Titelseite - Räumen Sie das Kanzleramt - Verbrannte Erde - Tagesschau rechnet mit Merkel ab!

Bei Bild.de war die Sache bereits gestern Abend gut sichtbar auf der Startseite platziert:

Screenshot Bild.de - Offene Rücktrittsforderung - Tagesschau rechnet mit Kanzlerin ab

Grundlage für beide Artikel ist ein Kommentar des ARD-Korrespondenten Malte Pieper über Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darin heißt es unter anderem:

Geschätzte Angela Merkel, nach fast 13 Jahren Kanzlerschaft gibt es auf europäischer Ebene für Sie, außer spürbarer Abneigung, nichts mehr zu gewinnen. Das haben alle Treffen der letzten Monate gezeigt. Helfen Sie deshalb mit, den scheinbar unabwendbaren Trend nach europäischer Spaltung statt Einigung endlich aufzuhalten! Räumen Sie das Kanzleramt für einen Nachfolger, dessen Name nicht so belastet ist, wie es der Ihre ist.

Das ist die Meinung von Malte Pieper, nicht die Meinung der „Tagesschau“. Es ist die Rücktrittsforderung von Malte Pieper, nicht die Rücktrittsforderung der „Tagesschau“.

Die „Bild“-Überschrift „Tagesschau rechnet mit Merkel ab“ ist also schon mal irreführend. Und auch beim Texteinstieg von „Bild“ und Bild.de wird es nicht besser:

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Rücktrittsforderung! Ta-ta!-Ta-ta-ta-taaaa!“

Ausgerechnet die öffentlich-rechtliche „Tagesschau“ der ARD überraschte gestern — vor allem in Ton und Schärfe — mit einer Rücktrittsforderung an die Kanzlerin.

Das ist gleich in doppelter Hinsicht falsch. Erstens, weil die Rücktrittsforderung eben nicht vom „Ersten Deutschen Fernsehen“ beziehungsweise von der „Tagesschau“ kommt, sondern — wir schreiben es hier gern noch einmal — von Malte Pieper. Und zweitens ist Piepers Kommentar nie im Fernsehen gelaufen, sondern im Radio und als Text bei Tagesschau.de.

Etwas weiter hinten im „Bild“-Beitrag darf dann doch noch jemand von der „Tagesschau“ erklären, dass es sich nicht um einen Kommentar der gesamten Redaktion handelt, sondern um eine Meinung einer Einzelperson:

Ist DAS eine Meinung eines Korrespondenten oder die Haltung der „Tagesschau“?

Auf BILD-Anfrage teilte Chefredakteur Kai Gniffke mit: „Journalistische Kommentare werden grundsätzlich als solche gekennzeichnet und geben immer nur die Meinung des bzw. der Kommentierenden wieder.“

Die „Bild“-Redaktion weiß also, dass es sich nicht um „die Haltung der ‚Tagesschau'“ handelt (natürlich wusste sie das auch schon vor Gniffkes Statement). Und trotzdem knallt sie ihre Schlagzeilen auf den „Bild“-Titel und die Bild.de-Startseite. Bei Bild.de erfahren das alles übrigens nur Abonnenten — es handelt sich schließlich um einen „Bild plus“-Text.

„Bild“-Chef Julian Reichelt verbreitete bereits gestern am Vormittag bei Twitter die falsche Behauptung zur Rücktrittsforderung durch die „Tagesschau“:

Screenshot Tweet von Julian Reichelt - Die Tagesschau fordert im Kommentar den Rücktritt von Angela Merkel und wirft ihr vor, verbrannte Erde hinterlassen zu haben.

Das ist ganz interessant: Reichelt twittert über einen Kommentar eines öffentlich-rechtlichen Journalisten, der sich mit einer Rücktrittsforderung an Angela Merkel wendet. Dazu keine Kritik durch den „Bild“-Chef, etwa wegen des belehrenden Tons. So weit, so okay. Vor nicht mal einer Woche twitterte Reichelt über Markus Grill, den Berliner Bürochef des Investigativressorts von NDR und WDR:

Screenshot Tweet von Julian Reichelt - Ich persönlich finde, dass Tweets von öffentlich-rechtlichen Kollegen sich nicht in dieser belehrenden und parteiischen Weise an Parteien wenden sollten. Die Öffentlich-Rechtlichen haben keinen Weltbild-Umerziehungsauftrag.

Für Julian Reichelt ist bei der Frage, wie sich ein „öffentlich-rechtlicher Kollege“ äußern sollte, am Ende doch wohl nicht entscheidend, gegen wen dieser schießt?

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Vertraulichkeit als Maulkorb, Wahre Welle, Merkel-Podcast-Finanzierung

1. Für den Podcast der Bundeskanzlerin sind eine Million Euro an eine Firma geflossen, die der Union nahesteht
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
Der Podcast der Bundeskanzlerin wirft einige Fragen auf. Da wäre zunächst das üppige Produktionshonorar von (kumuliert) mehr als einer Million Euro, das an eine Firma fließt, die im Wesentlichen dem Politikberater Roland Berger und dem Schwiegersohn von Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber gehörte. Außerdem kritisieren Journalisten, dass die Bundeskanzlerin zu wenig mit ihnen spricht, während die Social-Media-Auftritte zunehmen würden. Und dann bleibt da noch die Sache mit der Gesetzeslücke, die von der Bundesregierung bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit geschickt ausgenutzt werde. Marcus Engert ist all diesen Fragen nachgegangen und hat Meinungen von Experten eingeholt.

2. In eigener Sache: Nvidia-NDA als Maulkorb für Journalisten
(heise.de)
Wenn Firmen Testexemplare an Journalisten rausschicken, bestehen sie oft auf eine vorherige Unterzeichnung einer Vertraulichkeitsvereinbarung (Non-Disclosure Agreement/NDA). Auch der „Heise“-Redaktion werden derartige Vereinbarungen vorgelegt, die dann im Einzelfall geprüft und in der Regel unterzeichnet werden. Doch es gibt Ausnahmen: „Manche Firmen setzen NDAs allerdings auch als Waffen ein. Sie wollen Journalisten nicht nur dazu bringen, sich an Veröffentlichungstermine zu halten, sondern auch mit weitgehenden Vereinbarungen und horrenden Strafandrohungen wohlfeile Berichterstattung erzwingen. Wer sich nicht beugt, wird vom Informationsfluss abgeschnitten.“ Von eine dieser Ausnahmen handelt der Beitrag: Von einer als Maulkorb empfundenen Vereinbarung aus dem Hause Nvidia, einem der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen. Nachtrag, 14:18 Uhr: Die Redaktion von „ComputerBase“ hat sich ebenfalls zum Nvidia-NDA und zum „Heise“-Artikel geäußert — und sieht die Sache etwas anders.

3. Tilo Jungs Fragen auf der Bundespressekonferenz
(twitter.com/TiloJung, Video, 3:07 Minuten)
Innenminister Seehofer hat kürzlich behauptet, dass die „meisten Fake News in Deutschland produziert werden“. Tilo Jung hat auf der Bundespressekonferenz bei Regierungssprecher Seibert nachgefragt, ob er das bestätigen kann. Außerdem: Hat Seehofers Innenministerium empirische Belege für dessen kühne Aussagen?
Weiterer Lesehinweis: „Auch die CSU hat schon solche Fake News verbreitet“ (Interview von Karoline Meta Beisel mit dem Fake-News-Forscher Alexander Sängerlaub, sueddeutsche.de)

4. Ein bisschen Frieden
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Für eine von Google und der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien finanzierte Studie haben Wissenschaftler Hasskommentare im Netz untersucht und „Steuerungsstrategien“ für Redaktionen entwickelt. Dazu haben sie Diskursverläufe bei Tagesschau.de, „RP Online“, „Deutschlandfunk Kultur“ und „RTL aktuell“ untersucht. Eines der Ergebnisse: Bei entschiedener Moderation gebe es in Sachen Hasskommentare sofort einen reduzierenden Effekt.

5. „Facebook löschen? Würde ich nicht machen!“
(universal-code.de, Christian Jakubetz, Audio, 15:47 Minuten)
Christian Jakubetz hat sich mit dem ARD-Digitalexperten Dennis Horn über soziale Netzwerke unterhalten. Als Einstieg ins Gespräch diente das neue Buch des amerikanischen Informatikers und Autors Jaron Lanier. Darin fordert Lanier seine Leser auf, ihre Social-Media-Accounts zu löschen.

6. Wirbel um Wahre Welle TV
(br.de, Stefanie Wagner)
Ein neuer Online-TV-Sender sorgte mit allerlei Social-Media-Tamtam für reichlich Wirbel und heftige Diskussionen im Netz. Dafür war auch die Ankündigung im Verschwörungsstil verantwortlich: „Sehen Sie die Wahrheit hinter der Wahrheit, auf dem weltweit ersten unabhängigen 24h-Online-Sender Wahrewelle.TV. Hier erwarten Sie Nachrichten, Reportagen, Serien und Spielfilme, garantiert unzensiert und zwangsgebührenfrei. Unabhängig, schonungslos, kritisch — das ist Wahrewelle.TV“.
Doch Sorgen sind unangebracht: Was sich wie die Selbstbeschreibung eines Machwerks aus dem Kopp Verlag anhört, ist ein satirisches Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung zur Stärkung der Medienkompetenz.