Archiv für Juni 14th, 2018

Fotos von „G20-Plünderin“: Bild.de muss 50.000 Euro zahlen

DIESE Fotos von den G20-Ausschreitungen in Hamburg darf BILD so nicht mehr zeigen — wenn es nach dem Landgericht Frankfurt/Main geht. (…)

BILD zeigt die Fotos dennoch, ohne die Personen zu verfremden — weil die Abbildung von Straftaten, gerade im Zusammenhang mit schweren Krawallen, Plünderungen und Landfriedensbruch bei einem so wichtigen Ereignis wie dem G20-Gipfel, zum Auftrag der Presse gehört.

Das schrieben die „Bild“-Medien am 11. (Bild.de) beziehungsweise 12. Januar („Bild“-Zeitung) dieses Jahres. Es ging um Fotos einer Frau, die während der Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel im Hamburger Schanzenviertel geklaut haben soll. Bei „Bild“ und Bild.de wurde sie als „G20-Plünderin“ bezeichnet. Auf den Fotos ist sie zu erkennen und fällt auf, allein schon weil sie von lauter dunkelgekleideten Menschen umgeben ist und selbst ein pinkfarbenes T-Shirt trägt.

Das Landgericht Frankfurt am Main erließ also eine einstweiligen Verfügung, die „Bild“-Medien durften die Aufnahmen nicht mehr zeigen — und taten es im Januar trotzdem, extra-bockig, interessiert „Bild“ doch nicht, was so ein blödes Gericht will.

Jetzt hat dasselbe Landgericht entschieden, dass Bild.de für den erneuten Abdruck ein Ordnungsgeld in Höhe von 50.000 Euro zahlen muss.* Auf Nachfrage sagte uns Severin Müller-Riemenschneider, der Anwalt der Frau, dass es noch ein weiteres Verfahren gebe, gegen die „Bild“-Zeitung, die die Fotos ja ebenfalls erneut gezeigt hat.

Das Urteil gegen Bild.de ist noch nicht rechtskräftig. Der Springer-Verlag kann noch dagegen vorgehen.

Das Frankfurter Landgericht stellte übrigens schon im Verfahren, das zur einstweiligen Verfügung führte, fest, dass die Frau offensichtlich keinen Landfriedensbruch begangen habe. Eher, so steht es im Urteil, habe sie „geringwertige Sachen“ gestohlen, die bereits vor einer zerstörten Drogerie lagen. Dennoch hätten die „Bild“-Medien die Frau „sichtlich an den (Fahndungs)Pranger“ gestellt, so die Richter.

Mit Dank an @SeWaTUC und @gerdgerdgerdger für die Hinweise!

*Korrektur: Fehler unsererseits: Wir hatten zuerst geschrieben, dass Bild.de die 50.000 Euro an die Frau zahlen müsste, wenn das Urteil rechtskräftig werden sollte. Das stimmt aber nicht. Ordnungsgelder gehen an die Staatskasse.

„Bild“ lässt Angela Merkel allein dastehen

In der heutigen „Bild“-Ausgabe kann man wunderbar sehen, wie die Redaktion Informationen weglässt, verbiegt und zuspitzt, um an eine knallige Titelzeile und eine verkaufsträchtige Geschichte zu kommen. Und zwar an diese hier:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

BILD fragte alle Unions-Abgeordneten des Bundestags, ob sie FÜR oder GEGEN eine Zurückweisung von [in anderen EU-Ländern] bereits registrierten Flüchtlingen [an den deutschen Grenzen] sind. Alarmierend für die Kanzlerin: Von den 246 Bundestagsabgeordneten der Unionsfraktion stellten sich lediglich Sybille Benning, Antje Tillmann und Kees de Vries (alle CDU) hinter die Haltung der Kanzlerin!

Das wäre ohne Frage ein ziemlicher Knaller und ein deutlicher Rückschlag für Angela Merkel — wenn es denn so einfach und eindeutig wäre.

Erstmal: Es ist schon bemerkenswert, wie „Bild“ eine inhaltlichen Frage (für/gegen Zurückweisung) stellt und sie im Nachhinein zu einer Personalfrage (für/gegen Merkel) umdefiniert. Vor allem aber hat die Redaktion auf ihrer Titelseite eine wichtige Information weggelassen: Längst nicht alle der 246 Abgeordneten von CDU und CSU haben auf die „Bild“-Anfrage reagiert. Gerade mal 69 von ihnen schickten eine Antwort. Nur weil jemand auf die Frage „A oder B“ nicht mit „B“ antwortet, sondern gar nichts sagt, heißt das nicht, dass er oder sie nicht hinter der Person steht, die Variante „B“ vorgeschlagen hat. Es kann sein, dass er oder sie nicht hinter dieser Person steht. Aber so eindeutig, wie „Bild“ es suggeriert, ist es keineswegs.

Korrekt müsste die Titelzeile also lauten:

Merkel fast ganz allein unter denen, die uns geantwortet haben! Nur drei von 69 Unions-Abgeordneten, die auf unsere Anfrage reagiert haben, stellen sich hinter die Kanzlerin

Im Blatt erwähnt „Bild“ den mauen Rücklauf zur eigenen Aktion immerhin:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht der Doppelseite mit dem Artikel zur Bild-Anfrage

Na, nicht direkt gefunden? Hier hat die Redaktion den Hinweis versteckt:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht der Doppelseite mit dem Artikel zur Bild-Anfrage, dieses Mal mit Hervorhebung des Hinweises

Obwohl BILD gestern bei allen Abgeordneten-Büros telefonisch oder schriftlich nachfragte, wollten oder konnten bis 19.45 Uhr nur 69 Abgeordnete offen sagen, welche Haltung sie unterstützen.

Während man bei „Bild“ umblättern und mit etwas Suchen herausfinden kann, dass die Titelzeile nicht automatisch bedeutet, dass 243 Unions-Abgeordnete gegen die Position der Kanzlerin sind (wobei die Print-Redaktion natürlich genau weiß, was für eine mächtige Wirkung eine derartige Schlagzeile hat — Auflösung hin oder her), ist es bei Bild.de noch schwieriger, sich ordentlich zu informieren. Denn die Auflösung steckt dort hinter der Paywall:

Screenshot Bild.de - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

Die vielen Bild.de-Leserinnen und -Leser ohne „Bild plus“-Abo erfahren also nicht, dass nur ein Teil der Unions-Abgeordneten sich überhaupt geäußert hat.

Wie verzerrend es ist, aus drei von 69 „nur drei Unions-Abgeordnete“ zu machen, wird klar, wenn man sich die jeweiligen Antworten der einzelnen Abgeordneten anschaut, die die „Bild“-Medien mitliefern. Aus dem Büro von Angela Merkel etwa gab es keine Antwort:

Ausriss aus der Bild-Zeitung, der zeigt, dass das Büro von Angela Merkel nicht geantwortet hat

Nach „Bild“-Logik würde das bedeuten, dass nicht mal Angela Merkel hinter Angela Merkel steht.

Mit Dank an Jochen Z., Marvin und @Facesworld für die Hinweise!

Meinungsfreiheit-Upload-Filter, Risiko für Seppelt, No Peace bei Greenpeace

1. Upload-Filter: Meinungsfreiheit in Gefahr?
(ndr.de, Sabine Schaper & Daniel Bouhs)
Am 20. Juni entscheidet die EU über das neue Urheberrecht und damit auch die sogenannten Upload-Filter. Betreiber von Online-Plattformen müssen nach heutigem Stand unlizensiertes, urheberrechtlich geschütztes Material ihrer Nutzer entfernen, sobald sie davon Kenntnis erlangen. Mit Eintreten des neuen Urheberrechts müssen sie Upload-Filter einrichten, die es verhindern, dass derartiges Material überhaupt erst hochgeladen wird. „Zapp“ hat mit Befürwortern und Gegnern der geplanten Neuregelung gesprochen.
Weiterer Lesetipp: Jimmy Wales und Tim Berners-Lee warnen vor Uploadfiltern (golem.de, Friedhelm Greis)

2. Neuer Chef, neue Linie?
(taz.de, Anne Fromm)
In der Redaktion des „Greenpeace Magazins“ rumort es. Nun hat Greenpeace die langjährige Geschäftsführerin und Co-Chefredakteurin entlassen und den bisherigen Kommunikations-Chef der Organisation als neuen Geschäftsführer eingesetzt. Das ist insofern bemerkenswert, da die Redaktion eigentlich von Greenpeace unabhängig sein soll. Anne Fromm erklärt in der „taz“ die Hintergründe.

3. Coming-out von Jochen Schropp: Lieber STERN, Ihr habt es verbockt!
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Der „Stern“ hat unter der Überschrift „Ich bin Schwul“ eine in Briefform verfasste Coming-out-Erklärung des TV-Moderators und Schauspielers Jochen Schropp veröffentlicht. Johannes Kram kritisiert Verhalten und Berichterstattung der Medien: „Unter dem Vorwand, etwas, das selbstverständlich sein sollte, zu einer Selbstverständlichkeit zu verhelfen, machen sie das Gegenteil. Indem sie das Schwulsein zur eigentlichen News machen und nicht die Schwierigkeit, darüber zu reden, skandalisieren sie nicht die Verhältnisse, sondern das Schwulsein.“

4. Seppelt reist nicht nach Russland
(tagesschau.de, René Althammer)
Nach dem Hickhack um das ihm zunächst verweigerte Visum für die Fußball-WM in Russland, bleibt Hajo Seppelt nun doch überraschend zu Hause. Die Entscheidung traf die ARD nach einem Gespräch mit Außenminister Heiko Maas. Gefährdungsanalysen von u.a. BKA, LKA und der Nachrichtendienste hätten ein „unberechenbares Risiko“ für den in Russland unbeliebten Sportreporter und Dopingexeperten ergeben.

5. Die Algorithmen-Hacker
(journalist-magazin.de, Sonja Peteranderl)
Künstliche Intelligenz und Machine Learning bestimmen immer mehr über uns. Ein Beispiel dafür ist der Schufa-Score, der über unsere Kreditwürdigkeit entscheidet. Doch wie funktionieren die dahinter steckenden Algorithmen? Das sogenannte „Algorithmic Accountability Reporting“ will genau das klären, auch um mögliche Schwachstellen aufzudecken.

6. fiftyfifty
(fiftyfifty-galerie.de)
Das Straßenmagazin „fiftyfifty“ wendet sich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit. Die sinkende Auflage würde das gesamte Hilfsprojekt der Organisation bedrohen. Fürs neue Heft hat man sich daher eine Aktion einfallen lassen: Alle Käufer erhalten einen Gutschein für ein Kunstwerk von Klaus Klinger, einem Künstler, der als „Pionier der Wandmalbewegung“ bezeichnet wird.