Archiv für Juni 15th, 2018

Fünf Jahre „Bild plus“: Geld machen mit getöteten Menschen

Auf der „Bild“-Titelseite gab es am Dienstag Torte:

Ausriss Bild-Zeitung - Bild-Plus feiert Geburtstag und 400.000 Abos - Die besten Geschichten, die besten Videos, der beste Service: Vor fünf Jahren, im Juni 2013, startete Bild das digitale Premium-Angebot Bild-Plus. Jetzt wurde pünktlich zum Geburtstag die Marke von 400.000 Abonnenten geknackt. Bild-Plus ist damit das erfolgreichste digitale Bezahlangebot für News, Sport und Unterhaltung in ganz Europa.

Nun gibt es beim „digitalen Premium-Angebot BILDplus“ aber nicht nur „die besten Geschichten, die besten Videos, den besten Service“. „Bild plus“ steht auch für ekliges Geldmachen.

Ein paar Beispiele aus den vergangenen Jahren …

Nach dem Tod einer 19-Jährigen im Januar 2015 schlagzeilte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Familiendrama in Darmstadt - L. musste sterben, weil sie ihren Freund liebte

Den eher seltenen Namen haben wir unkenntlich gemacht. Das Gesicht die Bild.de-Redaktion — allerdings nicht aufgrund einer ethischen Überzeugung oder aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Bild.de versuchte lediglich, mit dem Foto einer Verstorbenen Kohle zu verdienen. Denn hinter der Paywall konnten alle Leserinnen und Leser, die ein Abo hatten, die Frau ohne Unkenntlichmachung sehen. „Bild plus“ ist auch das Versprechen: Wer zahlt, kann Opfer in aller Ausführlichkeit anglotzen.

Und nur nebenbei: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Bild.de die Erlaubnis der Eltern hatte, das Foto der 19-Jährigen zu zeigen. Oder dass die Redaktion sie überhaupt gefragt hatte — denn beide Elternteile saßen zur Zeit der Veröffentlichung schon länger in Untersuchungshaft.

Eine andere „Bild plus“-Geschichte: Als eine Frau im Oktober 2016 schon mehrere Tage verschwunden war, und bereits eine Mordkommission ermittelte, schrieb Bild.de auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Ihr Verschwinden wirft weiter Fragen auf - Doros letzte SMS

Das Gesicht der Frau haben wir verpixelt, das unscharfe Handydisplay kommt von Bild.de. Die Redaktion wollte nämlich mit „Doros letzter SMS“ Geld verdienen: Nur wer zahlt, darf alles sehen — in diesem Fall war es die letzte Kurznachricht einer möglicherweise verstorbenen Person (Bild.de: „Wurde sie getötet und verscharrt?“), mit der das „Bild“-Team versuchte, Abos zu verkaufen.

Ein weiteres Beispiel: Im März dieses Jahres berichtete Bild.de über einen schrecklichen Fall, bei dem eine 17-Jährige lebensgefährlich mit einem Messer verletzt wurde:

Screenshot Bild.de - Screenshot Bild.de - Scharia-Gericht im Kinderzimmer - Bruder rammt seiner Schwester Messer in die Brust - Schwer verletzt - Familie dreht Video von der Tat - Mit Video

Der Hinweis „MIT VIDEO“ war tatsächlich so gemeint, wie man direkt befürchtet. Bild.de zeigte die Aufnahmen, die die Familie gemacht hatte. Für Leserinnen und Leser ohne „Bild plus“-Abo erschien folgender Teaser:

Mit BILDplus lesen Sie das grausame Protokoll einer Familie ohne Gnade, verhaftet in einem vorsintflutlichen Weltbild. Außerdem dazu, das Video der schrecklichen Tat — von der Familie gefilmt.

Unter welches Qualitätsmerkmal des „Premium-Angebots“ „Bild plus“ fällt das wohl? „Die besten Geschichten“? „Die besten Videos“? „Der beste Service“? Auf jeden Fall ist das billigster, menschenverachtender Sensationsjournalismus.

Die Bild.de-Mitarbeiter haben das Video übrigens gelöscht, nachdem sich die zuständige Staatsanwaltschaft bei ihnen gemeldet hatte.

Und noch ein Beispiel: Nach dem Terroranschlag in Manchester im Mai 2017, bei dem 22 Menschen getötet wurden, ein Großteil von ihnen Kinder und Jugendliche, brachte Bild.de einen Artikel über die 18-jährige Georgina. Titel: „Ausgelöscht!“. Der Beitrag bestand fast ausschließlich aus Postings des Mädchens in verschiedenen sozialen Netzwerken. Um ihn lesen zu können, brauchte man ein „Bild plus“-Abo.

Auch das ist „Bild plus“: Geld verdienen mit dem Tod junger Menschen.

Manchmal ist auch einfach die Paywall an sich problematisch, weil die Bild.de-Redaktion ganz entscheidende Informationen erst dahinter verrät.

Im März vergangenes Jahres beispielsweise wollte Bild.de wohl sowas wie Aufklärung betreiben und stellte dafür „Fragen, die sich keiner zu stellen traut“:

Screenshot Bild.de - Tag des Down-Syndroms - Bild fragt Fragen, die sich keiner zu stellen traut - Darf man Mongo zu Ihnen sagen

Die Antwort schon mal jetzt: Nein, darf man nicht. Das ist eine üble Beleidigung.

Das erfuhren auch die Bild.de-Leserinnen und -Leser — blöderweise aber nur jene paarhunderttausend mit „Bild plus“-Abo. Für die anderen Millionen Besucher der Seite hatte die Redaktion an prominenter Stelle ein Schimpfwort reproduziert, ohne die Auflösung zu liefern, dass dessen Verwendung überhaupt nicht in Ordnung ist.

Ein ähnliches Problem bei diesem Bild.de-Artikel aus dem Januar 2018:

Screenshot Bild.de - Nach 1300 Unterrichtsstunden - 4 von 5 Flüchtlingen bestehen Deutschtest nicht

Nur für „Bild plus“-Kunden gab es die Info, dass gar nicht „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die als Analphabeten in einen Sprachkurs kamen, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Das war gleich ein doppelter Unterschied: Es ging weder um alle Flüchtlinge noch um die Frage „bestehen oder nicht bestehen?“, sondern darum, ein gewisses Niveau beim Bestehen zu erreichen. Alle, die kein „Bild plus“-Abo hatten und nur die Überschrift sehen konnten, wurden von Bild.de falsch informiert.

Oder von gestern:

Screenshot Bild.de - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

Nur mit einem „Bild plus“-Abo kann man herausfinden, dass an der „Bild“-Umfrage zum Thema „Zurückweisung von Flüchtlingen“, auf der der Artikel fußt, längst nicht alle 246 Unions-Abgeordneten im Bundestag teilgenommen haben, sondern nur 69 von ihnen. „Merkel ganz allein“ also nur im Sinne von „Merkel ganz allein in Bezug auf 69 von 246 Unions-Abgeordneten“. Für Bild.de-Besucher ohne „Bild plus“-Abo wird das nicht klar.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele aus der Geschichte von „Bild plus“. Es gibt noch viele mehr. Es kommen ständig neue dazu. Und das seit fünf Jahren. Glückwunsch!

Terrorgefahr Nummer 1: das Auto, Lynchjustiz, Sprachlicher Schrott

1. Der Berliner Straßenverkehr ist Barbarei!
(tagesspiegel.de, Stefan Jacobs)
Es soll und darf keine Aufrechnung von Toten geben, doch der Vergleich drängt sich auf: Auf der einen Seite wird ein Mordfall wie der an Susanna F. medial und politisch ausgeschlachtet und dient als Treibstoff für Hass und Hetze. Auf der anderen Seite kommen im Berliner Straßenverkehr binnen 24 Stunden zwei Kinder ums Leben und verschwinden in wenig aussagekräftigen Polizeistatistiken. Und alles geht weiter, als wäre nichts geschehen. Tote und Verletzte im Straßenverkehr sind anscheinend etwas, bei dem viele abgestumpft zur Seite schauen, weil es ihnen „normal“ erscheint. Stefan Jacobs hat einen erschütternden und bewegenden Kommentar verfasst, der auch wegen der darin enthaltenen Wut und Bitterkeit ein Weckruf sein könnte. Für die zuständigen Stellen, Institutionen und Politiker, für uns alle: „Künftige Generationen werden sich wundern, wenn sie aus den Geschichtsbüchern von dieser Barbarei erfahren, die wir uns so lange schon antun.“ Man möchte diesen Beitrag vervielfältigen und per Helikopter über der Stadt abwerfen.

2. Angebliche Lynchjustiz nach TV-Reportage: RTL und die Unschuldigen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Hat RTL einem Unschuldigen unterstellt, ein Pädosexueller zu sein, und indirekt dazu beigetragen, dass ein anderer Unschuldiger zusammengeschlagen wurde? Einiges deutet darauf hin, wie Boris Rosenkranz auf „Übermedien“ ausführt.
Weiterer Lesetipp: Wie BuzzFeed News Deutschland zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch recherchiert (buzzfeed.com, Pascale Mueller & Daniel Drepper)

3. So ein Quatschgesetz
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo hat sich in seiner Kolumne das Leistungsschutzrecht für Presseverleger vorgenommen: „Das Leistungsschutzrecht ist ein realitätsfernes Quatschgesetz. Es soll bewirken, dass die Anzeige von Suchergebnissen von Verlagen kostenpflichtig wird. Hört sich nach einem Anti-Google-Gesetz an, ist aber viel größer, denn dadurch könnten Links im Netz kostenpflichtig werden. Kritiker nennen das LSR deshalb „Linktax“, also Linksteuer, zu entrichten allerdings an private Verlage.“ Ein lesenswerter Artikel, der vom Informationsgehalt weit über das übliche Kolumnenformat hinausgeht.

4. Ali Bashar oder Ali B.? Warum wir den Täter mit Namen nennen – Anmerkungen in eigener Sache
(allgemeine-zeitung.de, Christian Matz)
Bei der Berichterstattung zum Mordfall Susanna F. galt es wieder einmal, zwischen Persönlichkeitsrecht und öffentlichem Interesse abzuwägen. Die VRM Mediengruppe hat in allen ihren Printausgaben und Newsportalen einen Text veröffentlicht, der diesen Abwägungsprozess erläutert.

5. Der eigentliche BAMF-Skandal – erst der Rufmord, dann die Recherche?
(community.beck.de, Henning Ernst Müller)
Der Strafrechtler Prof. Dr. Henning Ernst Müller geht mit den Medien ins Gericht, die über den angeblichen Bremer BAMF-Skandal berichteten. Sein Schlussurteil: „Die Rechercheure von SZ, NDR und Radio Bremen haben etwas getan, was sie auf keinen Fall tun durften: Sie haben  Menschen mit Vorwürfen maximal geschadet, um eine Geschichte zu bringen, die schlecht recherchiert und unausgegoren war und damit den Rufmord vor die Recherche gestellt. Und als sich fast zwei Monate später herausstellt, dass sie daneben lagen, haben sie sich weder entschuldigt noch ihre ursprünglichen Berichte transparent berichtigt, sondern einfach geschrieben: „Zunächst hatte es geheißen“.“

6. „Das ist sprachlicher Schrott“
(sueddeutsche.de, Thomas Hummel)
Der Schriftsteller Jürgen Roth beschäftigt sich seit Jahren mit der Sprache rund um den Fußball. Den Fußballreportern empfiehlt er mehr Mut zum Schweigen: „In der Auslassung kann ein Gewinn liegen. Weil man damit zeigt, dass das Ereignis größer ist als die Worte, mit denen man es beschreiben möchte. Der Sport ist immer größer als das, was über ihn erzählt wird. Deshalb gibt es auch keine vernünftigen Fußballfilme. Weil das Spiel größer ist als jede künstlerische Bearbeitung.“
Weiterer Lesetipp: Statistiken sagen wenig über Sieg und Niederlage (deutschlandfunk.de, Matthias Jungblut)