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Politmagazin, Sprachautomat, Turi2

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Das typische Politmagazin”
(ndr.de, Video, 3:09 Minuten)
Ein typischer Beitrag eines Politmagazins.

2. “Der Boulevard auf der Anklagebank”
(nzz.ch, Jörg Krummenacher)
Vor dem Kreisgericht in Flawil: “In bemerkenswerter Offenheit hatte sich ‘Blick’-Blattmacher Urs Helbling bei der Vernehmung gegenüber dem Staatsanwalt geäussert. Es spiele beim ‘Blick’ keine Rolle, bestätigte er, ob Bilder illegal besorgt würden, solange sich der eigene Journalist nicht strafbar mache. Amtsgeheimnis- oder Persönlichkeitsverletzungen dritter Personen würden hingegen in Kauf genommen.”

3. “SRG-SRF: Der Einzeltäter und das Establishment”
(infosperber.ch, Robert Ruoff)
Robert Ruoff beschäftigt sich mit den vom Schweizer Fernsehen nachträglich in einen Beitrag eingefügten Fangesängen: “So hat der Einzeltäter in der Sportredaktion des Schweizer Fernsehens doch nur im Interesse der versammelten Obrigkeit gehandelt. Im Interesse des Schweizerischen Fussballverbands und der Vereine, die ihre plakativen Anstrengungen gegen die Fan-Gewalt mit dem neuen Konkordat ungestört über die Bühne ziehen wollen. Im Interesse der Kantonalen Justizdirektoren, die damit politische Handlungsfähigkeit demonstrieren. Vielleicht auch im Interesse von Vermarktungs-Unternehmen, die ebenfalls eine heile, Politik-freie Sportwelt präsentieren wollen (alles andere wäre geschäftsschädigend).”

4. “Digital photography experts confirm the integrity of Paul Hansen’s image files”
(worldpressphoto.org, englisch)
Nach Vorwürfen der Bildmanipulation prüft ein Expertengremium das World Press Photo of the Year 2013: “It is clear that the published photo was retouched with respect to both global and local color and tone. Beyond this, however, we find no evidence of significant photo manipulation or compositing.” Ein ausführlicher Beitrag des Anklägers, Neal Krawetz, findet sich auf hackerfactor.com.

5. “Mensch gegen Maschine: Radioleute, das kommt auf euch zu”
(besser-optimieren.de, Nils Glück)
Nils Glück setzt der Nachrichtensprecherin des Deutschlandfunks die Leistung eines Sprachautomaten entgegen: “Leichte Schwierigkeiten hat die Software noch mit englischen Wörtern, die in deutsche Sprache eingebettet sind. Aber ansonsten: Nicht schlecht!”

6. “Nicht weit gekommen, turi2? Der Mann ist tot!”
(120sekunden.com, Martin Giesler)

Angelina Jolie, Fangesänge, Offshore-Leaks

6 vor 9

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1. “SRF macht aus Stille Fan-Gesang”
(tagesanzeiger.ch, Christian Zürcher)
Bei der Zusammenfassung eines Fußballspiels schneidet das Schweizer Fernsehen Fan-Gesänge in die Stille eines Fanprotests. Siehe dazu auch “Fussball-Tonmanipulation: Chefs tauchen ab” (tagesanzeiger.ch, Maurice Thiriet und Christian Zürcher).

2. “Gigabyte-Gigantismus”
(journal21.ch, René Zeyer)
Für René Zeyer verwandelt sich der Offshore-Leaks-Scoop immer mehr in einen Presseskandal: “Während der angebliche Riesenscoop ‘Offshore Leaks’ schon längst verröchelt ist, machte die News, dass staatliche Behörden schon seit Jahren im Besitz dieser Daten sind, keine grossen Schlagzeilen mehr. Sehr verständlich, denn selbst den vor kurzem noch vor Wichtigkeit berstenden beteiligten Journalisten wird es zunehmend blümerant. Schwant ihnen doch: Sie wurden im besten Fall als nützliche Idioten missbraucht – und wissen nicht mal, von wem. Ihre grossartige monatelange und schweisstreibende Auswertungsarbeit war für die Katz.”

3. “Markus Wiegand über Lockerungsübungen beim ‘Handelsblatt'”
(newsroom.de, Markus Wiegand)
Markus Wiegand befragt “Handelsblatt”-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs und streitet mit ihm hinterher um die Autorisierung: “Ziemlich unerfreulich fanden wir allerdings, dass Jakobs drei Fragen, die ihm nicht passten, samt Antwort einfach strich.”

4. “Generation Befristung”
(journalist.de, Monika Lungmus)
Monika Lungmus über Arbeitsbedingungen in zwei Klassen: “Prekäre Arbeitsverhältnisse sind auch in der Medienbranche längst Normalität. (…) DJV-Tarifexpertin Gerda Theile schätzt, dass mittlerweile 90, vielleicht sogar 95 Prozent der Neueinstellungen bei Verlagen erst einmal befristet erfolgen.”

5. “Angelina Jolie lässt sich vorsorglich die Brustdrüsen entfernen…”
(josephinechaos.wordpress.com)
Die Berichterstattung zur Brustoperation von Angelina Jolie. Ärztin Josephine ist sich sicher, “dass unfassbar viele Frauen in den nächsten Monaten aufgelöst bei ihren Gynäkologen vorstellig werden, mit der Frage nach Testung auf o.g. Gendefekt”. Siehe dazu auch “My Medical Choice” (nytimes.com, Angelina Jolie, englisch).

6. “Alles, was Sie lieben, an einem Ort: Dem Münchner Gerichtssaal”
(twitter.com/WorkingMonkey, Bild.de-Screenshot)

Werbeblocker, Süddeutsche Zeitung, ZDF

6 vor 9

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1. “Bitte schalte deinen Adblocker aus!”
(golem.de, Jens Ihlenfeld)
In einer “konzertierten Aktion” bitten mehrere deutsche Nachrichtenportale ihre Leser darum, den Werbeblocker auszuschalten. “Seiten wie Golem.de haben also ein doppeltes Problem: Sie verzichten aus Rücksicht auf die eigenen Nutzer auf besonders nervige, aber dadurch auch besonders gut bezahlte Werbeformen, dennoch ist der Anteil der Adblock-Nutzer besonders hoch, was sich ebenfalls negativ auf die Einnahmen auswirkt.”

2. “Sie nutzen einen Werbeblocker, my ass”
(fraumeike.de)
Frau Meike wird ihren Werbeblocker nicht ausschalten, denn “Werbung wurde dafür erfunden, Menschen zu manipulieren”: “Liebe Onlinemagazine, die ich zum Teil seit Jahren lese oder gelesen habe: Ihr habt in all der Zeit noch nie versucht, auch nur einen Cent Geld von mir für Euer Onlineangebot zu bekommen. (…) Ihr habt mich nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich Euer Angebot gratis oder gegen Geld nutzen möchte, Ihr habt es mir einfach gratis vorgesetzt!”

3. “Topfvollgold oder komm mit ins Regenbogenland …”
(onlinejournalismus.de, Thomas Mrazek)
Thomas Mrazek spricht mit Mats Schönauer und Moritz Tschermak vom Regenbogenpresse-Watchblog Topfvollgold.de: “Die tatsächliche Geschichte ist völlig egal. Wichtig ist allein, dass ein Prominenter oder irgendjemand aus der Nähe irgendeines Königshauses darin vorkommt. Die Wahrheit muss dann so verdreht werden, dass die Redaktion am Ende die Worte ‘Skandal’, ‘Drama’, ‘Enthüllung’, ‘pikant’, ‘geheim’, ‘Alkohol’ oder ‘Baby’ in die Überschrift packen kann. Je mehr dieser Begriffe in der Schlagzeile vorkommen, desto besser.”

4. “How the 2013 World Press Photo of the Year was faked with Photoshop”
(extremetech.com, Sebastian Anthony, englisch)
Dem World Press Photo of the Year 2013 von Paul Hansen wird Manipulation vorgeworfen: “Now, the event itself isn’t a fake — there are lots of other photos online that show the children being carried through the streets of Gaza — but the photo itself is almost certainly a composite of three different photos, with various limbs spliced together from each of the images, and then further manipulation to illuminate the mourners’ faces.”

5. “Wie kleine Tricks die Botschaft vergrößern”
(faz.net, Michael Hanfeld)
“Kann das ZDF erklären, warum ein Resümee über eine Veranstaltung nebst Bewertung ihres Ablaufes bereits kurz nach deren Eröffnung erfolgt?”, fragt CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt in einem Brief an ZDF-Intendant Thomas Bellut. “Das kann das ZDF nicht wirklich: Das Interview mit dem ‘Eventmanager’ habe in der Eröffnungsphase des Konvents stattgefunden, sich aber ‘lediglich um Fragen der Inszenierung’ gedreht, sagte ein ZDF-Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung. (…)”

6. “‘SZ-Leaks’ – Die Suche nach einem Skandal”
(dagmar-woehrl.de)
Politikerin Dagmar Wöhrl stellt ihre Korrespondenz mit der “Süddeutschen Zeitung” online: “Ich werde auch weiterhin die Fragen der Süddeutschen Zeitung mitsamt deren Androhung rechtlicher Schritte gegen mich, sowie meine Antworten und die damit im Zusammenhang stehenden Dokumente veröffentlichen.”

Der Postillon, CNN, Offshore Leaks

6 vor 9

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1. “Viele Pennies mit Satire: ‘Der Postillon’ über Geld, Vermarktung und sein Büro im Kinderzimmer”
(lousypennies.de, Karsten Lohmeyer)
Ein Interview mit Stefan Sichermann vom “Postillon”: “Ich kann schwer nachvollziehen, dass sich Journalisten bis heute nicht ums Geld kümmern. Ich sage jetzt nicht, dass man im Internet gefällig und nur für die Anzeigenkunden schreiben muss, aber man sollte sich damit beschäftigen, wie das journalistische Arbeiten und das Geldverdienen zusammenhängen.”

2. “FAZ: ‘Integrationsunwillige’ mitschuldig am NSU-Terror”
(publikative.org, Patrick Gensing)
Patrick Gensing kritisiert einen Kommentar von Jasper von Altenbockum in der FAZ: “Von Altenbockum dichtet den rassistischen Terror zum Kampf gegen Islamisten um, um diesen für die eigene Ideologie einsatzfähig zu machen.”

3. “#offshoreleaks: Der seltsame Scoop”
(carta.info, Wolfgang Michal)
Nachdem die “Süddeutsche Zeitung” am 5. April versichert, dass Daten aus den Offshore-Leaks keinesfalls an die Regierung weitergegeben werden, erfährt sie jetzt, “dass die Quelle die Daten 2009 den dortigen [amerikanischen, australischen und britischen] Behörden angeboten und 2010 auch übergeben hat”. “Auch die deutschen Behörden werden Zugriff auf diese Unterlagen bekommen, heißt es aus dem Finanzministerium.” Siehe dazu auch “Die lange Reise der 260 Gigabyte” (sonntagszeitung.ch, Daniel Glaus).

4. “Politiker sind keine Maschinen – Wie es ist, von sich in der Presse zu lesen”
(dagmar-woehrl.de)
Politikerin Dagmar Wöhrl notiert, wie es ihr beim Lesen von Artikeln über sich ergeht: “Ein Fragenkatalog kommt meistens nur in Verbindung mit Problemen. Nach fast 20 Jahren im Bundestag habe ich mir abgewöhnt, Pressemitteilungen an überregionale Blätter und Medien zu schicken. Vier Jahre lang habe ich versucht Interviews zur Entwicklungspolitik zu führen. Für mich ein hoch spannendes und zukunftsrelevantes Thema. Dies interessiert aber niemanden.”

5. “Gobierno pide a ‘Bild’ rectificación por publicación contra Bogotá”
(eltiempo.com, Patricia Salazar, spanisch)
Aus Kolumbien erhält “Bild” eine Bitte um Richtigstellung der Behauptung, Bogotá sei “die kriminellste Stadt der Welt”.

6. “Nancy Grace and Ashleigh Banfield Hold Split-Screen Interview in Same Parking Lot”
(theatlanticwire.com, Dashiell Bennett und Philip Bump, englisch)
Zwei CNN-Reporterinnen berichten per Split-Screen live von einem Parkplatz in Phoenix. Siehe dazu auch “The Standlot” (thedailyshow.com, Video, 4:56 Minuten).

NachDenkSeiten, Bogotá, Charles Ramsey

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1. “Zeitungen: Eine Branche verharrt im Gestern”
(cicero.de, Petra Sorge)
Petra Sorge war am “European Newspaper Congress” in Wien: “Man bunkert sich in seiner glanzvollen Welt ein, während draußen die Moderne an die Tür klopft. Statt sie hereinzulassen, verleiht man sich Orden. (…) Ansonsten tauschte man Rezepte aus, die vor zehn Jahren schon als modern galten: lockeres Zeitungsdesign mit mehr Weißraum, freigestellte Fotos, tiefgründige Erzählgeschichten, Infografiken.”

2. “In Bogotá … sieht BILD jetzt sogar die ‘kriminellste Stadt der Welt'”
(in-bogota.blogspot.de)
“Bild” macht Bogotá zur “kriminellsten Stadt der Welt”.

3. “Generalverdacht ‘Meinungs-Mache’: Wie die NachDenkSeiten billige Ressentiments bedienen”
(deliberationdaily.de, Jan Falk)
Nachdenken über die NachDenkSeiten von Jan Falk: “Nun gibt es natürlich Gründe, insbesondere bei den in der politisch-medialen Bubble in Berlin entstehenden Leitmedien einen Bias in der Berichterstattung zu vermuten. Aber, was den Medienkritikern von Links schon zu denken geben sollte: Geradezu spiegelbildlich zu ihrer Annahme grundsätzlich konservativer Medien monieren eher konservativ oder libertär Orientierte gerne die ‘linke Systempresse’. Beides zugleich kann wohl kaum stimmen. Wir haben es also vermutlich zuallererst mit einem Wahrnehmungsproblem zu tun.”

4. “Wie ich eine Falschmeldung verbreitete”
(bigblog.welt.de, Stefan Anker)
Stefan Anker erklärt, weshalb er eine Falschmeldung weiterverbreitet hatte: “Im konkreten Fall habe ich etwas übernommen, was zuvor Hans-Peter Buschheuer geteilt hatte. Das ist der Chefredakteur des ‘Berliner Kurier’, ich kenne ihn seit gut 20 Jahren persönlich, habe früher mal mit ihm und mal für ihn gearbeitet und würde nicht erwarten, dass er Falsches verbreitet.”

5. “The performing black folks next door”
(economist.com/blogs/johnson, R.L.G., englisch)
Ein Interview mit Charles Ramsey, das sofort zum Mem wurde: “Of course many people are forwarding the video eagerly, in part because Mr Ramsey doesn’t speak like the co-workers in their office towers. But they’re also forwarding it because it’s proof that a poor person is not dumb by virtue of the fact that he doesn’t speak the Queen’s (or, as we say in America, Broadcast) English. On the contrary, he’s clearly quick on his feet in addition to being the kind of person who runs to save strangers.” Siehe dazu auch “The Troubling Viral Trend of the ‘Hilarious’ Black Neighbor” (slate.com, Aisha Harris, englisch).

6. “Die Leser der Regenbogenpresse”
(topfvollgold.de, Infografik)
Alter, Einkommen, Bildung und Geschlecht der Regenbogenpresse-Leserschaft.

Bild  

Vim Vomlands Finderwahnsinn

Seit vergangenem August läuft in “Bild” die Serie “50 Jahre Bundesliga”, in der die Sportredaktion jede Woche zurückblickt: Bunte Anekdoten, “legendäre Fotos” und die jeweilige Abschlusstabelle sollen den Leser an längst vergangene Bundesligaspielzeiten erinnern.

Die gestrige Rückschau auf die Saison 2000/2001 fiel ein bisschen ausführlicher aus als sonst, was damit zusammenhängen könnte, dass es eigentlich nur am Rande um Fußball ging — und hauptsächlich um “Bild”:

BILD-Reporter Vim Vomland: So jagte ich Daum durch Amerika

Detailliert beschreibt Vim Vomland, über viele Jahre der ganz persönliche Christoph-Daum-Beauftragte von “Bild”, wie das damals war, als Christoph Daum das Land verließ, nachdem seine Haarprobe positiv auf Kokain getestet worden war.

Und mit “detailliert” meinen wir so was:

21. Oktober: Ich, der BILD-Reporter, telefoniere gegen 13 Uhr mit Daums Lebensgefährtin Angelika. Sie sagt einen ungeheuerlichen Satz:

“Der Test bei Christoph ist so, als hätte er eine Lkw-Ladung genommen.” Ihre Worte dröhnen in meinen Ohren.

Um 13.45 Uhr fliegt Daum mit dem Lufthansa-Jumbo in der First-Class auf Platz 83 C von Frankfurt nach Miami.

Vomland flog damals hinterher (“Nur mit einem grauen Anzug, ohne Gepäck, aber mit BILD-Fotograf Andreas Pohl”) und versuchte alles, um den frisch entlassenen Trainer von Bayer Leverkusen zu finden.

Doch erst hatte er kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu:

24. Oktober: Daum feiert seinen traurigsten Geburtstag (den 47.). Wir spüren sein Versteck auf. Das Privat-Resort “Windstar”. Ich bekomme Einlass in die Anlage unter dem Vorwand, eine Mitgliedschaft im Golf-Club kaufen zu wollen. Doch in der Villa eines Freundes ist von Daum nichts zu sehen. Wir mieten uns im “Hilton” auf Marco Island, 30 Kilometer südlich von Naples, ein.

Was wir nicht ahnen konnten: Daum wohnt in dem Augenblick nur 100 Meter in einer Strand-Villa entfernt. Als Calmund erfährt, wo die BILD-Reporter absteigen, lässt er Daum durch die Hotel-Tiefgarage vom gemeinsamen Freund Mark Dillon wegbringen. Von Naples ins neue Versteck nach Orlando Altamonte Springs.

Und so beschreibt Vomland, wie tagelang erst nichts und dann wenig passierte:

2. November: Bei mir klingelt um 11.18 Uhr das Handy. “What’s up Maria? – Was gibt es Maria?” Es ist Christoph Daum! Er gehört zu den wenigen, die meinen Taufnamen kennen. Daum: “Mir geht es gut, mich findet keiner.” Auf meinen Vorschlag (“Lass uns treffen!”) antwortet er: “Ich weiß nicht. Mach es gut. Kopf hoch.”

Vomlands hyperaktive Berichterstattung über den “flüchtigen” Daum sorgte schon damals für Erheiterung bei anderen Journalisten, wie zeitgenössische Texte von “Spiegel Online” und der “Berliner Zeitung” zeigen.

Es gab dann aber doch noch ein Happy End:

3. November: [“Daum-Freund” Mark] Dillon ruft an: “Christoph will dich sehen. Aber allein. Halte dich in der Church Street in Downtown Orlando bereit.”

In dem Vergnügungsviertel tippt mir Dillon um 12.47 Uhr auf die Schulter. Durch den Hinterausgang eines Irish Pub geht es über Feuerleiter, Treppen, Hinterhöfe, Parkplätze zu Dillons Auto. Dort werden mir die Augen verbunden. 25 Minuten später halten wir.
Über eine Hintertreppe landen wir in einem Büro im 1. Stock. Da sitzt Daum und lacht: “Mensch, Maria, wo ist dein Problem?”
BILD hat Daum gefunden!

“Gefunden”, so so.

Man kann sich das gut vorstellen, wie Vim Vomland bei einer Treibjagd durch den Wald pflügt, haufenweise unwichtige Details an die Redaktion durchgibt und am Ende dann mit verbundenen Augen von einem Eichhörnchen zum Hirschen geführt wird. Der Hirsch sagt: “Ich habe auf Dich gewartet”, und Vomland ruft: “Ha! Gefunden!”

Alternativ wäre man gerne dabei gewesen, in der Kindheit von Vim Vomland, als er mit den Nachbarskindern Verstecken gespielt hat und immer “Hab dich”, gerufen hat, wenn die anderen Kinder nach Stunden aus ihrem Versteck krochen.

Wirklich ergiebig war das Interview nicht, wie Vomland auch zwölfeinhalb Jahre später noch andeutet:

30 Minuten reden wir über Calmund, seine Kinder, seine US-Zeit, seine nächtliche Hotel-Flucht. Daum: “Vim, sage allen, dass es mir gut geht. Ich hoffe, wir sehen uns unter erfreulicheren Bedingungen wieder.”

Tatsächlich hat Daum damals offenbar so wenig gesagt, dass Vomland seinen Text in “Bild” vom 4. November 2000 mit banalen Details strecken musste. Aber das konnte er damals schon gut:

Der verschollene Daum. Hockt da, hinter einem Holztisch auf einem der sechs grauen Stühle. Füllt irgendwie den ganzen beigefarbenen Neun-Quadratmeter-Raum. Hinter ihm ein Fenster mit Markise. Daum trägt ein hellblaues Hemd (Button down), eine pinkfarbene Krawatte, eine dunkelblaue Sommerhose, graue Slipper. Sein Gesicht ist gebräunt. Und: Sein Haar ist um etwa die Hälfte kürzer als zuletzt in Leverkusen.

Die tatsächlichen Antworten Daums damals lassen sich in etwa so zusammenfassen: “Dazu sage ich nichts”, “Mehr dazu nicht”, “Du kannst mit mir reden, aber dazu kein Kommentar.”

Dafür erklärte “Bild” damals das besondere Verhältnis zwischen Daum und Vomland:

Christoph Daum (47) und Vim Vomland (45) – der Trainer und der BILD-Reporter aus Köln. Sie kennen sich schon seit dem Winter ’76. Damals waren sie beide Studenten der Sporthochschule Köln. In der Mensa kamen sie erstmals ins Gespräch. Als Daum Jugendtrainer beim 1. FC Köln war, berichtete Vomland als junger BILD- Mitarbeiter über diese Spiele. Und später über Daums Aufstieg. Intensiv wurde der Kontakt ab Juli 1996: Daum wechselt zu Bayer Leverkusen. Den Klub, über den Vomland fast täglich berichtet. Der Reporter war dabei, als Daum am Tag vor seinem 45. Geburtstag bekannte: “Vim, ich verlasse meine Familie.” Der Reporter erlebte Daum nach dem Unterhaching-Desaster: “Er fiel in sich zusammen. Er tat mir leid.” Jetzt war Vomland der erste Journalist, der Daum nach seiner überstürzten Abreise nach Florida gesprochen hat.

Sogar die “Welt” bezeichnete Vomland damals als Daums “zu Berühmtheit gelangten Spezi”.

Heute schreibt Vim Vomland noch immer für den Sportteil von “Bild”, nur Christoph Daum scheint er seit 2011 nicht mehr gefunden zu haben.

Mit Dank auch an Matthias M.

Hausarbeit, Weltwoche, der Leser

6 vor 9

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1. “Was nicht passt, wird passend gemacht. BILD, deutsche Männer und der liebe Haushalt”
(sexismus-stinkt.de, youngrapunzel)
Die gestrige “Bild”-Titelschlagzeile “Die Hausarbeits-Lüge!”: “Bild bezieht sich hier nicht auf eine wissenschaftliche Studie. Auch nicht auf eine neue, repräsentative Umfrage. Bild bezieht sich auf ein Experiment in einer RTL-Show, das in einer einzigen (!) Familie durchgeführt wurde!”

2. “Kurze Theorie der Leser, dieser Bastarde”
(blog.tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Journalist Constantin Seibt kümmert sich um den Leser: “Der Leser war ein seltsam doppeltes Wesen: Einerseits dumm wie die Nacht – sobald es nur etwas ironisch oder komplex wurde, verstand er angeblich nicht. Andererseits war er findig wie ein Affe: Sobald etwas um drei Ecken möglicherweise ärgern konnte, strich man es. Kein Wunder, hassten wir diesen stumpfen, spitzfindigen Bastard.”

3. “Spiegel, wir müssen reden”
(kessel.tv, Thorsten W.)
Thorsten W. reflektiert seine Beziehung zum “Spiegel”: “Es waren schon immer die Kleinigkeiten, die mich an dir gestört haben. Aber es sind ja immer die Kleinigkeiten. Die kleinen, schlechten Angewohnheiten. Die Sache mit Hitler auf dem Cover. Dein Kulturteil, der immer soo hochnäsig war. Diese latente Arroganz. Alles immer kritisch sehen und Scheiße finden müssen, auch wenn das Leben halt nicht immer Scheiße ist. Diese mit Stolz vor dir hergetragene Nicht-Ahnung von Computer- und Internetthemen.”

4. “Tanz auf zwei Hochzeiten – kein Konflikt?”
(de.ejo-online.eu, Fabio Baranzini)
Eine Studie zeigt, dass 40 Prozent der freien Journalisten in Deutschland auch im PR-Bereich tätig sind.

5. “Der Monster-Prozess”
(journalist.de, Michael Kraske)
Michael Kraske schreibt zum NSU-Prozess: “Es ist absehbar, dass die Medien der Versuchung erliegen werden, den NSU-Komplex auf wenige Hauptdarsteller zu vereinfachen. Dass viele allein das menschliche Drama erzählen werden, weil die ganze Geschichte zu kompliziert ist. Die Medien haben bei der Mordserie versagt, indem auch sie das Offensichtliche nicht erkennen konnten. Am NSU-Prozess könnten sie erneut scheitern.”

6. “Das grosse ‘Weltwoche’-Theater”
(nzz.ch, Urs Bühler)
In den “Zürcher Prozessen” im Theater am Neumarkt wurde das Wochenmagazin “Weltwoche” wegen Schreckung der Bevölkerung, Rassendiskriminierung und Gefährdung der verfassungsmässigen Ordnung angeklagt. “6 der 7 Geschworenen folgten dem Antrag der Verteidigung und beschlossen den Freispruch, was ein Grossteil des Publikums konsterniert aufzunehmen schien.” Alle drei Prozesstage zum Nachschauen auf srf.ch.

Verliebt, verlobt, vertan

Am Sonntag veröffentlichte “Spiegel Online” eine Vorab-Meldung aus dem gedruckten “Spiegel”:

Die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU, Dorothee Bär, hat ihren jetzigen Ehemann vor der Heirat nach Informationen des SPIEGEL über Jahre als wissenschaftlichen Mitarbeiter in ihrem Berliner Abgeordnetenbüro beschäftigt. Bärs Ehemann Oliver ist promovierter Jurist.

Damit könnte Bär gegen das Abgeordnetengesetz verstoßen haben. Dieses verbietet den Parlamentariern, Arbeitskosten für Verwandte, Ehe- oder Lebenspartner abzurechnen. Dasselbe gilt auch für Verlobte.

Der letzte Satz ist der Entscheidende, wie wir gleich noch sehen werden.

Am Dienstag veröffentlichte Dorothee Bär auf ihrer Webseite nämlich ein Schreiben (PDF) von Bundestagspräsident Norbert Lammert, den sie um Prüfung gebeten hatte.

Darin erklärt Lammert, dass Frau Bär nicht gegen die entsprechende Passage im “Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder des Deutschen Bundestages” verstoßen habe: Ihr späterer Ehemann sei bis zum 31. Januar 2006 beschäftigt gewesen, geheiratet habe sie ihn am 12. Februar 2006.

Die Behauptung “Dasselbe gilt auch für Verlobte” von “Spiegel und “Spiegel Online” wäre demnach unzutreffend.

In §12, Absatz 3 des AbgG heißt es:

Der Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Mitarbeitern, die mit dem Mitglied des Bundestages verwandt, verheiratet oder verschwägert sind oder waren, ist grundsätzlich unzulässig. Entsprechendes gilt für den Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern eines Mitglieds des Bundestages.

In seinem Schreiben stellt Lammert auch klar, dass mit “Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern” von Abgeordneten “nur solche gleichen Geschlechts zu verstehen sind”.

Tatsächlich wurde der betreffende Satz im Jahr 2001 in den Gesetzestext eingefügt, um dem zeitgleich in Kraft tretenden Lebenspartnerschaftsgesetz gerecht zu werden. Weil Schwule und Lesben nicht “heiraten” dürfen, brauchte es diese zusätzliche Formulierung.

Auf unsere Frage, ob “Spiegel Online” nach der Veröffentlichung von Lammerts Schreiben den entsprechenden Artikel überarbeiten wird, erklärte uns Chefredakteur Rüdiger Ditz, die Redaktion bleibe bei ihrer Darstellung. Sie habe im Vorfeld der Veröffentlichung eigene Informationen bei der Bundestagsverwaltung eingeholt, die anders ausgefallen seien als die jetzt veröffentlichte Feststellung des Bundestagspräsidenten.

Krisenkommunikation, Lutz Marmor, Netflix

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1. “Hoeneß’ großer Coup”
(wiwo.de, Ferdinand Knauß)
Das “Zeit”-Interview mit Uli Hoeneß sei ein “Lehrstück der professionellen Krisenkommunikation”, schreibt Ferdinand Knauß: “Hoeneß exerziert meisterhaft vor, was ein skandalisierter, gefallener Held in so einer Situation tun muss: Ein öffentliches Umdeutungsmanöver ist notwendig, um aus dem für seine Taten selbst verantwortlichen Sünder ein Opfer der Umstände zu machen. Die Zeitredakteure geben ihm dafür die perfekte Vorlage: ‘Halten Sie sich eigentlich für süchtig?’.”

2. “Herr Marmor, Sie als alter Rocker …”
(journalist.de, Hans Hoff)
Ein Interview. Lutz Marmor: “Ein Intendant ist ein Möglichmacher.” Hans Hoff: “Och, echt?” Marmor: “Doch, genau das ist meine Funktion. Ich muss Freiräume schaffen, rechtliche, kreative und journalistische.” Hoff: “Das Zitat hängen sich jetzt ganz viele Redakteure in ihre Büros und gucken immer wieder drauf, weil sie es nicht glauben können.”

3. “Ha, ha, Haltung”
(zeit.de, Tina Hildebrandt)
Ein Besuch bei der ZDF-“Heute-Show”: “In den USA informieren sich viele Zuschauer, vor allem jüngere, längst nicht mehr über die Nachrichten, sondern nur noch durch die Daily Show, eines der Vorbilder der heute-show. In Deutschland ist das inzwischen ähnlich. Auf Partys kann man Dialoge hören wie: ‘Hast du das mit Nordkorea mitbekommen? Ja, ich hab’s in der heute-show gesehen.'”

4. “Wie Internet und US-Serien die Fernsehgewohnheiten ändern”
(tagesspiegel.de, Bodo Mrozek)
US-Serien haben “die Sehgewohnheiten des Publikums nachhaltig verändert”, schreibt Bodo Mrozek: “Psychologische Konzeptionen lösen die einfache Zuordnung in ein moralisierendes Gut-Böse-Schema ab.”

5. “Comeback mit Online-Serien: Netflix ist wieder obenauf”
(blogs.faz.net, Roland Lindner)
Der Gründer von Netflix, Reed Hastings: “Die Idee für Netflix entstand aus einem Alltagsärgernis. Hastings musste 40 Dollar Säumnisgebühr zahlen, weil er den Film ‘Apollo 13’ zu spät in eine Videothek zurückgebracht hatte. Er fragte sich, ob es kundenfreundlichere Wege des Filmverleihs geben könnte. 1997 rief er Netflix zunächst als Versanddienst ins Leben, der Kunden gegen monatliche Gebühr DVDs per Post nach Hause lieferte, die sie beliebig lange behalten konnten – Porto inklusive, ohne jegliche Strafgebühren.”

6. “I’m still here: back online after a year without the internet”
(theverge.com, Paul Miller, englisch)

Computerspiele, Kontrollgremien, Hintern

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1. “Vorsichtige Transparenz – ARD und ihre Kontrollgremien”
(ndr.de, Video, 7:03 Minuten)
Die ARD und ihre Kontrollgremien haben offensichtlich Schwierigkeiten, transparent zu agieren. “Mehrere Arbeitsgruppen sind in Sachen Transparenz am Werk. Im Sommer sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.”

2. “‘Presse-Klagen halte ich für aussichtslos'”
(meedia.de, Alexander Becker)
Ein Interview mit Medienanwalt Ralf Höcker zur Vergabepraxis der Presseplätze am NSU-Prozess: “Rechtlich gesehen gibt es nun mal keine ‘Alpha-Journalisten’, die qua Amt wichtiger sind als Brigitte-Redakteurinnen. Da nehmen sich jetzt einige ein bisschen zu wichtig.”

3. “Hintern statt Hirn und voll für’n Arsch”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Bild.de berichtet über eine “Ent(b)rüstung” über eine “Nackt-Talkshow”, in der Männer “Brüste, Hintern & Co. von Frauen” bewerten.

4. “30 Days Of Sexism”
(kotaku.com.au, Alanah Pearce, englisch)
Videospiel-Journalistin Alanah Pearce hält einen Monat lang Leserkommentare fest: “I make news videos, review videos, I host events, I interview developers and I really, really love what I do. I also happen to be female.”

5. “As One German Weekly Falters, Another Celebrates Big Gains”
(nytimes.com, Eric Pfanner, englisch)
Eric Pfanner vergleicht den “Spiegel” mit der “Zeit”: “Mr. Esser said there was another factor behind the success of Die Zeit. While many newspapers and magazines have been cutting jobs to cope with the crisis in print journalism, Die Zeit has invested heavily. Over the past decade, the editorial staff has grown to 200 from 120.”

6. “What happens when pirates play a game development simulator and then go bankrupt because of piracy?”
(greenheartgames.com, englisch)

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