Suchergebnisse für ‘statistik’

Xavier Naidoo, Terror-Propaganda, y-Achse

1. Nehmt dem NDR den Eurovision Songcontest aus der Hand!
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Erst die Naidoo-Nominierung, dann der Protest, nun der NDR-Rückzieher: Johannes Kram — durch sein Engagement für Guildo Horn dem “Eurovision Song Contest” eng verbunden — bittet ARD-Chef Lutz Marmor, den “ESC” vor dem NDR zu retten. Michael König plädiert dafür, gleich die gesamte ARD von der Veranstaltung fernzuhalten. Arno Frank bescheinigt den Verantwortlichen Ahnungslosigkeit und “wenig Rückgrat”. Sonja Álvarez fragt sich, ob die ARD bald auch ganze Sendungen absetze, “wenn der Protest bloß groß genug ist”. Hans Hoff und Claudia Tieschky führen das Umkippen des NDR vor allem auf “die eigenen Mitarbeiter im Sender” zurück.

2. Flüchtlingskrise in den Medien: Exzesse der Engstirnigkeit
(spiegel.de, Georg Diez)
“Was soll man etwa davon halten, wenn der Chefredakteur von ‘Cicero’ schreibt, es gebe eine ‘Pflicht’ zum ‘Ungehorsam’ gegen Angela Merkel? (…) Oder was soll man davon halten, wenn der Chefredakteur vom ‘Handelsblatt’ schreibt, Angela Merkel sei ‘die Kanzlerin der Flüchtlinge, aber nicht die der Deutschen’?” Georg Diez vom “Spiegel” hält davon: nicht viel.

3. Inside the surreal world of the Islamic State’s propaganda machine
(washingtonpost.com, Greg Miller hnd Souad Mekhennet, englisch)
Was bringt junge, gebildete Menschen dazu, sich einer Terror-Miliz wie dem “Daesh” (eine gute Erklärung der verschiedenen Bezeichnungen für den sogenannten “Islamischen Staat” gibt es bei “Vox”) anzuschließen? Eine wichtige Rolle spielen dabei professionelle Medienarbeit und Werben in den sozialen Netzwerken. Die “Washington Post” hat mit einem ehemaligen Kameramann des “Daesh” gesprochen, der unter anderem Hinrichtungen filmen musste. Ein erschreckender Einblick in die Propaganda-Maschinerie des Terrors.

4. Iranisches Gericht verurteilt US-Journalisten zu Haftstrafe
(sueddeutsche.de)
Jason Rezaian, Korrespondent der “Washington Post”, muss offenbar ins iranische Gefängnis. Das hat das Revolutionsgericht in Teheran hinter verschlossenen Türen entschieden. Wie lang die Haftstrafe wegen Spionage und Gefährdung der nationalen Sicherheit ausfällt, ist allerdings noch nicht bekannt.

5. Shut up about the y-axis. It shouldn’t always start at zero.
(vox.com, Johnny Harris und Matthew Yglesias, englisch, Video, 2:33 Minuten)
“Vox” wagt das Undenkbare und bricht mit der heiligsten Regel aller Statistiker und Datenjournalisten: “The truth is that you certainly can use truncated axes to deceive. (…) It’s long past time to say no to y-axis fundamentalism.” Vorsicht ist allerdings trotzdem geboten, denn wer die y-Achse beschneidet, kann damit Fakten verzerren und Stimmung machen — so wie es einige ältere Beispiele (siehe Link Nummer 2) zeigen.

6. Beim Zeichnen ist kaltes Blut besser.
(planet-interview.de, Adrian Arab)
Karikable Politiker, Angela Merkels Mimik und das Zeichnen auf dem Tablet — Adrian Arab hat sich für “Planet Interview” ausführlich mit dem Karikaturisten Heiko Sakurai unterhalten.

Adblock, Tanit Koch und Kai Diekmann, syrischer Kellner

1. Adblock Plus: Porno-Seiten und Gewinnspiel-Scam als Akzeptable Anzeigen
(mobilegeeks.de, Bernd Rubel)
Hinter den beiden populärsten Werbeblockern “Adblock Plus” und “Adblock” steckt die Kölner Firma Eyeo. “Mobile Geeks” hat deren Geschäftsmodell ausführlich durchleuchtet. Anstelle des (zum Scheitern verurteilten) Versuchs einer Zusammenfassung: Artikel lesen, danach alle Produkte von Eyeo deinstallieren und gegebenenfalls auf Alternativen wie “Ghostery” oder “uBlock Origin” ausweichen (und Webseiten, die man unterstützen will, auf die Whitelist setzen).

2. Von Diekmanns Gnaden
(taz.de, Jürn Kruse)
Kai Diekmann geht, Tanit Koch wird ab 1. Januar 2016 neue “Bild”-Chefredakteurin. Doch Diekmann bleibe Herausgeber, kümmere sich als Oberchef um die “großen Linien” der “Bild”-Marken und throne als “König Kai I.” sowieso über allen, schreibt Jürn Kruse. Dazu auch: Hans Leyendecker über Kai Diekmann, Birgit Baumann und Anne Fromm über Tanit Koch.

3. Gegen Griechenland-Klischees
(wdr5.de, Sabine Brandi, Audio, 27:45 Minuten)
Michalis Pantelouris ist Journalist und Publizist, halb Deutscher, halb Grieche, kennt beide Länder und insbesondere die jeweilige Medienszene. Wenn Pantelouris also das Griechenland-Bild in Politik und Medien als “von hanebüchenen Vorurteilen und von unglaublichem Unwissen geprägt” bezeichnet, dann sollte man diese Einschätzung ernst nehmen.

4. Sorry, New York Times: Your Big China Story is “Old News.”
(motherjones.com, James West, englisch)
Am Dienstag sorgte eine Recherche der “New York Times” für mittelgroße Aufregung in China und den USA, auch deutsche Medien griffen die Meldung auf. Demnach beschönige China seine CO2-Statistik und verbrenne deutlich mehr Kohle als angegeben. Das Problem laut “Mother Jones”: Diese Informationen sind bereits seit Februar bekannt und längst nicht so überraschend, wie es die “New York Times” darstellt.

5. Der Jochen-Breyer-Arbeitsnachweis
(fussballmachtspass.de)
Er hat es schon wieder getan: “Gut ein Jahr nach dem ‘Das Ding ist durch, oder?’-Debakel im Gespräch mit Jürgen Klopp tappte Breyer diesmal im Talk mit Guardiola und Mertesacker gleich in mehrere Fettnäpfchen”, urteilt das Fußballportal “FUMS” und wertet den Abend als “bittere 0:3-Klatsche” gegen ZDF-Mann Jochen Breyer.

6. Medien aus aller Welt übernehmen Meldung des Satire-Portals “Der Postillon”
(watson.ch)
Am Montag meldete “Der Postillon”: “Einziger anwesender Syrer auf Syrien-Friedens­konferenz in Wien serviert Häppchen”. Dass es sich dabei um Satire handelt, war manchen Nachrichtenportalen offenbar nicht klar, schreibt watson.ch: “Internationale Medien haben die Story nun dummerweise ein bisschen zu ernst genommen — und als wahre Meldung weiterverbreitet.”

Wie falsche Bilder von Flüchtlingen entstehen

Es ist nicht unwichtig, welche Bilder man im Kopf hat, wenn man über Flüchtlinge redet.

Wenn “Spiegel Online”-Kolumnist Jan Fleischhauer über Flüchtlinge redet, hat er zwei Bilder im Kopf, aber wenn es nach ihm geht, passt nur eins davon zur Realität.

Da wäre zum einen das hier, das er auf der Facebook-Seite der Grünen-Politikern Katrin Göring-Eckardt gefunden hat:

“Es ist das, was man ein herziges Bild nennt”, schreibt Fleischhauer. “Wer keine Seele aus Stein hat, der möchte das Kind an die Hand nehmen und an einen sicheren Ort bringen.”

Und dann das andere Bild, auf der Titelseite der “FAZ” vom 30. September:

“Man sah darauf Neuangekommene, die auf ihre Registrierung als Asylbewerber warteten”, schreibt Fleischhauer. “Ein Kollege, mit dem ich telefonierte, fragte mich, ob ich bemerkt habe, dass es sich von vielen Flüchtlingsfotos unterscheide. Er hatte recht: Es gab darauf weder Kinder noch Frauen. Man sah ausschließlich Männer, die sich an weißen Sperrgittern gelehnt die Zeit vertrieben.”

Und das, findet Fleischhauer, treffe die “Migrationswirklichkeit” “leider” viel besser als das herzige Kinder-Bild:

Wer wie Katrin Göring-Eckardt vor allem schutzbedürftige Kinder sieht, hält jeden für einen Unmenschen, der laut über die Grenzen der Aufnahmefähigkeit nachdenkt. Was die Migrationswirklichkeit angeht, sprechen die Fakten leider gegen die Fraktionsvorsitzende der Grünen und für die “FAZ”: Rund 70 Prozent derjenigen, die zu uns kommen, sind allein reisende, junge Männer.

Es ist also klar, welches Bild Fleischhauer in die Köpfe seiner Leser bringen will:

Fleischhauer schreibt:

Bislang spielt sich die Krise abseits der Innenstädte ab, wo die Leute, die in der Flüchtlingsdebatte den Ton angeben, gerne wohnen. Wer durch die Einkaufszonen von Hamburg oder München schlendert, würde nie auf die Idee kommen, dass man in vielen Kommunen nicht mehr weiß, wie man der Lage Herr werden soll. Aber dieser Zustand des seligen Nebeneinanders kann sich schnell ändern. Der Soziologe Armin Nassehi, der übrigens ein Befürworter von mehr Zuwanderung ist, spricht von einer “Maskulinisierung” des öffentlichen Raums, auf die man sich beizeiten einstellen sollte.

Man wird sehen, wie das aufgeklärte Deutschland reagiert, wenn das neue Eckensteher-Milieu die inneren Großstädte erreicht. Für die #Aufschrei-Welt, in der schon ein zu offensiver Blick auf Po oder Busen einen sexuellen Übergriff markiert, verheißt das Wort “Maskulinisierung” jedenfalls nichts Gutes.

Für Fleischhauer offenkundig auch nicht. 70 Prozent junges, männliches “Eckensteher-Milieu”, du liebe Zeit!

Woher er diese Zahl hat, verrät er allerdings nicht.

Vielleicht von Boris Palmer. Der Grünen-Politiker hatte nicht nur die gleiche Zahl, sondern vermutlich auch ähnliche Bilder im Kopf wie Fleischhauer, als er Ende September in der “taz” über Flüchtlinge sprach:

“Derzeit sind über 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer, die ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frauen, der Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualität oder Umweltschutz in der Gesellschaft haben als wir Grüne. Machen wir uns nichts vor: Die Aufgabe ist riesig.”

Seit Palmer und Fleischhauer geistern die Behauptungen immer wieder durch die Medien. Vor drei Wochen zum Beispiel in einem Interview der “Welt”:

Die Welt: Über 70 Prozent der Flüchtlinge sind allein reisende junge Männer. Der Soziologe Armin Nassehi warnt schon vor einer Maskulinisierung des öffentlichen Raums. Was heißt das im Alltag?

Oder in der “Huffington Post”:

Und über noch etwas sollten sich die Politik und die Deutschen keine Illusionen machen: Rund 70 Prozent der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Junge Männer – egal welcher Herkunft und welches Glaubens – sind besonders anfällig dafür, Gewalttaten zu begehen.

Auch Leser machen sich die Behauptungen zu eigen:

Wie stellen sich unsere Politiker künftig diese Gesellschaft eigentlich vor, wenn mehr als 70 Prozent der Asylanwärter und Flüchtlinge junge Männer sind, die andere Vorstellungen haben von Religion, Meinungsfreiheit, Toleranz, vom Rollenverständnis Mann/Frau, für die in ihrer bisherigen Lebenswirklichkeit christliche Werte und Demokratie bislang Fremdworte waren (…)?

Ganz besondere Aufmerksamkeit erregen die Aussagen aber bei jenen, die von den Medien sonst eigentlich nicht so viel halten und von den Flüchtlingen erst recht nicht:

Auch in rechtspopulistischen Zeitungen, auf ausländerfeindlichen Hetzseiten und in Naziforen werden die Aussagen dankbar aufgegriffen.

Quellen (außer Fleischhauer oder Palmer) oder Belege für diese Behauptung finden sich nirgends.

Wir haben uns daher mal vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die aktuellsten Daten über das Alter und Geschlecht von Asylbewerbern besorgt. So sehen sie (für die von Januar 2015 bis einschließlich September 2015 gestellten Anträge) aus:

Altersgruppe männlich weiblich
bis unter 16 43.482 36.743
16 bis unter 18 9.706 2.948
18 bis unter 25 56.539 14.743
25 bis unter 30 34.517 11.685
30 bis unter 35 23.075 9.858
35 bis unter 40 15.213 7.549
40 bis unter 45 10.058 5.003
45 bis unter 50 6.263 3.336
50 bis unter 55 3.513 2.213
55 bis unter 60 1.870 1.521
60 bis unter 65 965 839
65 und älter 834 967
unbekannt 2 1
Gesamt 206.037 97.406

Der Anteil der jungen Männer — sagen wir mal: 18 bis 35 Jahre — an der Gesamtzahl der Flüchtlinge beträgt demnach nicht 70, sondern 38 Prozent. Selbst wenn man “junge Männer” als 16 bis 40 Jahre definiert, kommt man nur auf 46 Prozent.

Es stimmt, dass überwiegend männliche Flüchtlinge in Deutschland Asyl suchen (rund 70 Prozent). Doch fast die Hälfte davon ist entweder minderjährig oder älter als 35.

Viele “besorgte” Bürger und Medien stellen insbesondere die jungen, allein reisenden Männer unter den Flüchtlingen als Gefahr dar. Behauptungen wie die von Fleischhauer und Palmer erleichtern ihnen die Panikmache, denn wenn sogar die Gutmenschenmedien 70 Prozent Eckensteher-Flüchtlinge ausmachen, ist die endgültige Schändung des Abendlandes ja praktisch nicht mehr aufzuhalten.

Den Hetzern kommt dabei auch zugute, dass durch die Betonung des (falschen) “junge Männer”-Anteils ein anderer Ausschnitt der (tatsächlichen) Migrationswirklichkeit verzerrt wird: der Anteil der Kinder.

70 Prozent der Flüchtlinge sind junge, alleinstehende Männer – es gibt kaum Kinder.

Aber gerade sie tauchen in den Pressebildern auf. Die Medien informieren nicht mehr, es wird mit Gefühlen manipuliert: Die großen Augen eines verlorenen Kindes können selbst ein Herz aus Stein erweichen. Viele im Land wollen helfen, weil sie den Ernst der Lage vollkommen falsch einschätzen und die Krise noch nicht in den Innenstädten angekommen ist.

So schreibt es ein Autor des “Kopp”-Verlags. Die Rechnung ist ja auch nicht allzu schwer: Wenn schon 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer sind, kommen noch alte Männer dazu, dann junge Frauen, alte Frauen — da muss die Zahl der Kinder ja gering sein.

In Wahrheit aber ist fast jeder dritte Flüchtling minderjährig, jeder vierte ist jünger als 16. Allein in diesem Jahr haben laut BAMF bis Ende September fast 7.500 unbegleitete und 85.000 begleitete Minderjährige Asylanträge gestellt.

Keine Frage: Wer nur schutzbedürftige Kinder sieht, verkennt die Realität. Wer 70 Prozent junge Männer und kaum Kinder sieht, verkennt sie aber auch.

Die Statistiken für 2014 sehen übrigens ähnlich aus (und sind für jeden einsehbar, sogar für Journalisten und Politiker). Anteil der jungen Männer: 37 Prozent. Anteil der Kinder unter 16: 28 Prozent.

Ob die jungen Männer allesamt alleine reisen und oft an Ecken stehen, welches Verständnis sie von der Rolle der Frau, von Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualität und Umweltschutz haben, ist den Statistiken übrigens nicht zu entnehmen.

Bei diesem Teufel-an-die-Wand-Malen nach Zahlen fällt auch unter den Tisch, warum vor allem junge Männer nach Europa flüchten. Dafür gibt es viele Gründe, die zum Beispiel die „Süddeutsche Zeitung“ vor Kurzem genauer betrachtet hat:

„In vielen Familien, die in Gefahr geraten, reichen die Ressourcen einfach nicht aus, um mehr als einem Mitglied die Flucht nach Europa zu finanzieren”, sagt Bernd Mesovic von Pro Asyl. Aus verschiedenen Gründen würden dann eher die jungen Männer als Frauen oder Ältere und Kinder auf den Weg geschickt.

So sind Männer etwa in der Regel körperlich stärker und – je nach Herkunft – häufig besser ausgebildet als Frauen. Deshalb gelten ihre Chancen als größer, eine gefährliche Reise zu überleben und am Zielort Arbeit zu finden. Häufig stellen sie aus traditionellen Vorstellungen heraus den Haupternährer – und stehen damit in der Verantwortung, für die Familie zu sorgen.

Auch die Gefahr, als Kämpfer zwangsverpflichtet zu werden, motiviert laut Experten viele Männer zur Flucht:

“Männer wollen so vermutlich einer direkten Beteiligung am Kampfgeschehen entgehen”, sagte Pro-Asyl-Chef Günter Burkhardt SPIEGEL ONLINE. Die Gefahr, getötet oder zwangsrekrutiert zu werden, sei für sie etwa im Bürgerkriegsland Syrien sehr hoch.

Darüber hinaus „kümmern sich in vielen Fällen Frauen um den Nachwuchs und bleiben aus diesem Grund eher in den Herkunftsländern zurück“, erklärt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Für Frauen komme in manchen Gebieten zudem das Risiko hinzu, auf der Flucht verschleppt und vergewaltigt zu werden, so Pro Asyl.

Es ist also, wie die “Süddeutsche” feststellt, …

nicht überraschend, dass sich – unabhängig vom konkreten Anlass der Flucht – eher Männer auf die gefährliche Reise machen, während die Familien in der Hoffnung zurückbleiben, dass sie später über eine Familienzusammenführung ohne Risiko nachreisen können – oder aus der Ferne vom Mann versorgt werden.

All das spielt bei Fleischhauer, Palmer, den Rechtspopulisten und Nazis keine Rolle. Sie stürzen sich auf die eine Zahl, die eine falsche Zahl, und erzeugen damit ein verzerrtes und unvollständiges Bild, das seit Wochen weitergetragen und verfestigt wird.

Und dann war da noch Kai Gniffke, der Chefredakteur von “ARD Aktuell”. Der “Focus” schrieb vor zwei Wochen:

Die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ zeige nicht immer ein richtiges Bild der nach Deutschland drängenden Flüchtlingen. Das hat „ARD aktuell”-Chefredakteur Kai Gniffke jetzt eingeräumt.

Vor Branchenexperten in Hamburg sagte Gniffke: „Wenn Kameraleute Flüchtlinge filmen, suchen sie sich Familien mit kleinen Kindern und großen Kulleraugen aus.“ Tatsache sei aber, dass „80 Prozent der Flüchtlinge junge, kräftig gebaute alleinstehende Männer sind“.

Also:

„Wir müssen sensibel sein, damit die Bildauswahl nicht allzu sehr auf Kinder fokussiert wird“, kündigt der Chefredakteur gegenüber FOCUS an.

Die, die sonst nur Lügen in der Presse sehen, glaubten diese Nachrichten ausnahmsweise sofort und verkündeten triumphierend:



Der “Focus”-Artikel mit den Aussagen Gniffkes dient den Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten sogar als Beleg dafür, dass “der Begriff ‘Lügenpresse’ absolut richtig!!” sei. Die Argumentation:

Wenn also diese Berichterstattung über die Flüchtlinge ansich „getürkt“ ist, dann sind es andere Themen aus der Flüchtlingskrise ebenso. Der mediale Modder fängt an zu stinken!

Zu offensichtlich wurde in den Medien gelogen, das „saubere Bild“ konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Jeder wusste, dass sie lügen und somit ist der Begriff „Lügenpresse“ absolut richtig!!

(gefunden auf einer Seite, auf der man “Weltnetz” statt “Internet” sagt.)

Bloß ist das zentrale Zitat von Gniffke …

… völliger Unsinn. Wir haben ihn gefragt, wie er auf die Zahl kommt. Seine Antwort: Dieses “angebliche Focus-Zitat ist komplett falsch”.

Es gibt allerdings einen Mitschnitt seiner Aussagen (ab 47:30), und der zeigt: Der “Focus” hat Gniffke weitgehend korrekt zitiert. Er sagte:

Immer, wenn wir Flüchtlinge zeigen und wenn die dann als Beispiel vorkommen, dann sind das Familien. Meistens: Frauen, Kinder… Tatsächlich ist es aber so: 80 Prozent der Flüchtlinge sind kräftig gebaute, junge Männer. Die da überwiegend auch alleine kommen. Wie gesagt: Die Berichterstattung sieht aber irgendwie sehr familiär aus. Nun kennt jeder Journalist das: Och, nee, das ist viel schöner, auch als Kameramotiv, als Bildmotiv – da nimmste kleine Kinder, ist total nett. Aber es verbiegt ein bisschen tatsächlich die Realität.

Seine Aussage ging noch weiter:

Deshalb haben wir dann auch gesagt: Wir machen jetzt mal ein Soziogramm, und zwar in der Hauptausgabe, 20 Uhr: Wer sind das? Wo kommen die her? Hmm, fast die Hälfte kommt aus Ländern, wo wir sagen: Uiuiui, da eine politische Verfolgung nachzuweisen, wird schwer, zumal wenn es sich noch um EU-Beitrittskandidaten handelt. Das müssen wir den Leuten mal sagen. Wir müssen denen sagen: Das sind junge Männer. Wir haben denen gesagt: Was haben die für einen Bildungsgrad? Und und und. Aus welchen Zusammenhängen kommen die.
Nee, ich glaube nicht, dass wir da blinde Flecken haben. Und, wirklich, gegen das Extremistische hilft dann auch tatsächlich nur informieren, Fakten liefern und widerlegen – sonst wüsste ich keinen Weg.

Wir auch nicht.

Mit Dank an Martin.

Nachtrag, 5. November: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass ja nicht alle Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, die Gesamtzahl der Flüchtlinge in Deutschland also höher sei als die vom BAMF registrierten 300.000. Daran besteht auch kein Zweifel.

Das Bundesinnenministerium teilte im August mit, es rechne damit, …

dass in diesem Jahr bis zu 800.000 Asylbewerber bzw. Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden.

Womöglich wird die Zahl aber noch deutlich höher sein. In einem Interview sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor zwei Wochen:

Schweriner Volkszeitung: Die Prognose, dass in diesem Jahr 800 000 Flüchtlinge und Asylbewerber ist nicht mehr zu halten, oder?

De Maizière: Ich werde keine neuen Zahlen nennen. Jedenfalls nicht in den nächsten Wochen. Jede neue, womöglich höhere Prognose würde von den Schleppern missbraucht. Als die Bundesregierung die Prognose auf 800 000 für dieses Jahr erhöht hatte, kam in Afghanistan das Gerücht auf, wir würden 800 000 afghanische Flüchtlinge zu uns einladen.

Gehen wir also mal großzügig von 1,5 Millionen in Deutschland ankommenden Flüchtlingen im Jahr 2015 aus. Dann müssten unter den 1,2 Millionen Flüchtlingen, die in den BAMF-Zahlen nicht erfasst sind, 936.000 junge Männer sein, um sagen zu können: 70 Prozent aller erfassten und nicht-erfassten 1,5 Millionen Flüchtlinge sind junge Männer.

Der Anteil der jungen Männer an den 1,2 Millionen nicht-erfassten Flüchtlingen müsste also 78 Prozent betragen – ein mehr als doppelt so großer Anteil wie unter denen, die laut BAMF in diesem Jahr einen Asylantrag gestellt haben. Und ebenfalls doppelt so groß wie unter denen, die im vergangenen Jahr einen Antrag gestellt haben. Und doppelt so groß wie unter denen, die 2014 europaweit Asylanträge gestellt haben. Wir sehen keinen Grund, warum das so sein sollte.

Nachtrag, 11. November: Boris Palmer hat uns kurz nach Erscheinen unseres Eintrags eine Mail geschickt, die wir mit seinem Einverständnis hier veröffentlichen:

Ich schätze die Arbeit von bildblog sehr. Daher freue ich mich, dass Sie der Frage nachgehen, wer die Flüchtlinge sind und meine Aussage, 70% der Flüchtlinge seien junge Männer, kritisch hinterfragen.

Vorneweg: Es ist desaströs , dass wir keine Ahnung haben, was nun eigentlich stimmt. Die Statistik des Bamf sagt nichts mehr aus, weil sie nur noch einen kleinen Teil der Flüchtlinge erfasst – im Oktober weniger als ein Fünftel. Für die öffentliche Debatte ist es extrem wichtig, dass möglichst bald präzise Zahlen zu Zahl, Herkunft, Alter, Geschlecht, Bildung und Qualifikation der Flüchtlinge erhoben werden. Sonst kann man nicht vernünftig diskutieren, wie wir als Gesellschaft auf die Herausforderung reagieren, die Einwanderung in diesem Maßstab darstellt.

Ich habe im September in der taz darauf aufmerksam gemacht, dass ein Großteil der Flüchtlinge junge Männer sind – bis dahin in der öffentlichen Debatte wenig beachtet – und dabei die Zahl 70% genannt. In einem mündlichen Interview. Meine Quelle war keine offizielle Statistik, sondern mündliche Informationen von Verantwortlichen in der Flüchtlingsverwaltung und der Augenschein in Erstaufnahmeeinrichtungen und Unterkünften. Die Zahl habe ich nie als exakten Wert begriffen.

Anders als Sie in bildblog schreiben, ist die Größenordnung aber durchaus plausibel. Die Statistik des Bamf, die Sie heranziehen, enthält noch einen großen Anteil von Asylbewerbern aus dem Balkan. Denn in der ersten Jahreshälfte kamen mit Abstand die meisten Asylbewerber aus den Balkanstaaten. In dieser Gruppe sind in der Tat sehr viele Kinder und der Frauen. Die Reise ist eben nicht so weit und gefährlich wie von Syrien oder Afghanistan. Da diese Menschen so gut wie alle keinen Asylanspruch haben und das Land verlassen müssen, sind sie für die Frage nach Integrationserfordernissen, um die es im Kontext meines Interviews in der taz ging, nicht entscheidend.

Betrachtet man die Zahlen ohne die Flüchtlinge vom Balkan, liegt sogar die Zahl des Bamf schon bei etwa 50% junger Männer. Da man sicher annehmen kann, dass eine Familie sich viel schwerer tun wird, allein und unregistriert in Deutschland Fuß zu fassen, als ein junger Mann, ist es auch plausibel, den Anteil der nicht Registrierten in dieser Personengruppe noch höher anzusetzen. Mit dieser Hypothese lässt sich der Eindruck aus den Erstunterkünften, dass weit überwiegend junge Männer Asyl suchen, gut bestätigen.

Entscheidend ist für mich allerdings, dass es auf die exakte Zahl nicht ankommt. Die Aussage, dass sehr viele junge Männer alleine zu uns kommen und dies entweder ein großes soziales Problem für diese Männer oder Familiennachzug in siebenstelliger Höhe bedeutet, ist richtig. Und darauf kommt es in der Debatte an. Denn zumindest in dieser Hinsicht hat Jan Fleischhauer schon einen Punkt getroffen: Über sehr lange Zeit wurde die Berichterstattung über Flüchtlinge von Kinderbildern dominiert. Das weckt Emotionen und ist an sich nicht zu beanstanden. Für die Debatte müssen aber die Fakten benannt werden.

Ich finde alles gut, was diese Debatte sachlich voranbringt. Daher besten Dank für Ihren Beitrag

Es müssten „die Fakten benannt werden“, schreibt Palmer. Also gut.

Sein Hauptgegenargument sind die Flüchtlinge vom Balkan. Er schreibt:

Betrachtet man die Zahlen ohne die Flüchtlinge vom Balkan, liegt sogar die Zahl des Bamf schon bei etwa 50% junger Männer.

Das wollten wir überprüfen und haben das BAMF gebeten, uns die Zahlen aufgeschlüsselt nach Alter, Geschlecht und Herkunftsländern zuzuschicken. Antwort:

(…) leider haben wir keine Altersgruppen nach Herkunftsländern. Ich kann Ihnen also leider nicht weiterhelfen.

Wo also hat Palmer die BAMF-Zahl her, wenn nicht mal das BAMF sie hat? Wir haben ihn gefragt. Geantwortet hat er nicht. Sie dürfte also ebenfalls erfunden eine Schätzung sein.

Gestern hat Palmer übrigens einen Gastbeitrag für die „FAZ“ geschrieben, in dem er unter anderem – das BAMF kritisiert:

Fortsetzung: hier.

Lügenpresse, Russland Task Force, Dunja Hayali

1. “Stern”-Umfrage zeigt: Mittelgroße Zahl von Deutschen findet irgendwas mit Lügenpresse
(stefan-niggemeier.de)
44 Prozent der Deutschen stimmen den “Lügenpresse”-Vorwürfen von “Pegida” zu. Das titelt jedenfalls der “Stern” über einer eigenen Umfrage, die in den vergangenen Tagen die große Runde machte. Stefan Niggemeier kritisiert, dass nicht klar sei, welche Frage den Befragten dabei genau gestellt wurde. Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung, spricht im “Deutschlandfunk”-Interview ebenfalls von Problemen bei der Wahl der Methodik und Fragestellung. Und Stefan Fries wundert sich, dass eine ähnliche Umfrage des WDR ergab, dass deutlich weniger Leute den “Lügenpresse”-Vorwürfen zustimmen.

2. Die Propaganda-Offensive der EU wird das Misstrauen gegenüber den Medien stärken
(heise.de, Florian Rötzer)
Um der “‘Desinformationspolitik’ Russlands” etwas entgegenzustellen, will die EU mit einer Task Force für ihre eigene Politik werben und Netzwerke aus Medienvertretern aufbauen. Florian Rötzer gibt zu bedenken: “Die Propagandaoffensive der EU droht aber auch, das Vertrauen in die unabhängige Berichterstattung der nichtstaatlichen Medien noch weiter auszuhöhlen, wenn ausdrücklich ‘unabhängige und pluralistische Medien’ gefördert werden sollen, die dann nicht mehr unabhängig sind.” (Zu der 44-Prozent-“Lügenpresse”-Umfrage siehe Link 1.)

3. Zeitungen sind zäh. Sie sterben langsam
(12app.ch, Michael Marti)
“Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, die so intensiv und kompetent über die Zukunft des Journalismus nachdenken wie Emily Bell.” So beginnt die Einleitung des Interview mit der Medienprofessorin und ehemaligen Digital-Chefin des “Guardian”. Das folgende Gespräch untermauert die eingangs aufgestellte Behauptung.

4. Traduced by all sides, who will defend the BBC?
(theguardian.com, Nick Cohen)
Druck von rechts, Druck von links, ständig drohende Haushaltskürzungen: Die britischen Politiker spielen ein gefährliches Spiel mit der BBC, findet Nick Cohen. Ihr größtes Problem sei dabei ihre große Qualität — die unabhängige Berichterstattung: “In good times, many mainstream politicians would have defended the BBC. But our rolling constitutional and economic crises are, unsurprisingly, producing ideological movements that cannot bear to have their ‘solutions’ questioned or ‘facts’ challenged.”

5. Dunja Hayali: Ein Glücksfall fürs deutsche Fernsehen
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff ist “kein Freund des ZDF-Morgenmagazins”. Trotzdem erwischt er sich “in jüngster Zeit immer öfter mal dabei, doch morgens die Kiste anzuschmeißen”. Der Grund ist: “Dunja Hayali, eine Moderatorin, eine Journalistin, eine Persönlichkeit.”

6. Blattkritik: Tim Wolff, Chefredakteur “Titanic”, über “Tichys Einblick”.
(turi2.de, Tim Wolff)
1. “‘Tichys Einblick’ ist eine sehr aufgeräumte Website.” 2. “Die Anzahl der Beiträge ist übersichtlich, wenn auch nicht so übersichtlich wie die Anzahl der Ansichten.” Das sind zwei von sechs positiven Dingen, die Tim Wolff an der “liberal-konservativen Meinungsseite” des ehemaligen “Wirtschaftswoche”-Chefredakteurs Roland Tichy auffallen. Der Rest seiner Blattkritik fällt weniger gnädig aus.

Bild  

Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Flüchtlinge

Die „Bild“-Zeitung schlägt heute wieder Alarm:

Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Asyl-Ländern steigt

Immer mehr Flüchtlinge landen in Hartz IV! Laut einer neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, die aus Asylzugangsländern stammen, im Juli auf 442 230 gestiegen. Das waren 23,5 % mehr als im Vorjahresmonat. Die meisten kommen aus Syrien (98 494), Irak (56 661), Serbien (56 264), Russland (40 798) und Afghanistan (36 776).

Geschrieben wurde der Artikel von Dirk Hoeren, er stimmt aber trotzdem. Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Statistik der Bundesagentur (PDF):

Doch einen Punkt lässt Dirk Hoeren in seinem Artikel unerwähnt: Nicht nur die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist gestiegen, sondern auch die Zahl der Beschäftigten:

Dazu schreibt die Bundesagentur:

Aus den Asylzugangsländern waren in Deutschland im August insgesamt 495.000 Beschäftigte registriert, das waren 39.000 oder 8,5 Prozent mehr als vor einem Jahr (…). Dabei fiel der Anstieg von Personen mit einer syrischen Staatsangehörigkeit mit 43 Prozent relativ am stärksten aus. Der Anteil von Beschäftigten aus den Asylzugangsländern an allen Beschäftigten beläuft sich auf 1,4 Prozent. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erhöhte sich um 34.000 oder 9,6 Prozent und die geringfügige Beschäftigung um 5.100 oder 4,7 Prozent.

„Bild“ hätte also auch schreiben können:

Zahl der Beschäftigten aus Asyl-Ländern steigt - Immer mehr Flüchtlinge haben einen Job! Laut einer neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Beschäftigten, die aus Asylzugangsländern stammen, im Juli auf 494612 gestiegen. Das waren 8,5 % mehr als im Vorjahresmonat. Die meisten kommen aus Russland (82996), Serbien (72932), Bosnien und Herzegowina (70193), Kosovo (60932) und Ukraine (44135).

Aber so eine Schlagzeile passt halt schlecht zum aktuellen Hilfedie“Asylanten”kommen-Kurs der „Bild“-Zeitung.

Und weil andere Medien ja lieber blind von “Bild” abschreiben, statt sich das Gesamtbild anzuschauen, ist jetzt auch nur der eine Teil der Wahrheit im Umlauf:

Immer mehr Flüchtlinge erhalten Hartz IV
Immer mehr Flüchtlinge erhalten Hartz IV

Von Notdurft-Afghanen und Hetz-Österreichern

Nach einem kurzen Anflug von Besonnenheit sind die “Bild”-Medien inzwischen ja wieder zurück in ihrer gewohnten Spur.

Die österreichischen Boulevardblätter “Österreich” und “Kronen Zeitung” haben den Panikkurs dagegen gar nicht erst verlassen. Seit Wochen schlagen sie auf den Titelseiten immer wieder Alarm:








(Zum Begriff der “Völkerwanderung” hat sueddeutsche.de ein interessantes Interview geführt.)







(Quelle übrigens: Rainer Wendt.)

Die (vorerst) übelste Panikattacke hat sich die “Kronen Zeitung” am vergangenen Wochenende geleistet.

Ein Mann namens Christoph Biró verfasste für die Steiermark-Ausgabe einen Text, der, wir greifen mal vorweg, die journalistische Qualität eines FPÖ-Wahlplakates besitzt und inhaltlich so viel bietet wie ein Flyer von “Pegida”.

Es fängt schon düster an.

Dann legt Biró los. Und wie.

Wir erfahren von jungen, testosteron-gesteuerten Syrern, sie sich äußerst aggressive sexuelle Übergriffe leisten, um es harmlos auszudrücken.

Beispiele oder Quellen nennt Biró dafür nicht. Es bleibt bei diesem einen Satz.

Da schlitzen Afghanen in den ÖBB-Waggons die Sitze auf und verrichten nicht nur ihre Notdurft. „Da sitzen wir nicht!“, sagen sie, „da sind ja Christen draufgesessen!“

Auch das behauptet Biró einfach so, ohne einen einzigen Beleg.

Wir haben selbst mal nachgeschaut und tatsächlich einen Vorfall gefunden: Letzte Woche wurde ein ÖBB-Sonderzug, der 500 Flüchtlinge von Graz nach Linz gebracht hatte, beschädigt; laut kleinezeitung.at hatten die Passagiere „an mehreren Notfallentriegelungsfenstern die Gummileisten heruntergerissen“. Von “Afghanen”, die in den Zügen Sitze aufschlitzen und „nicht nur ihre Notdurft“ verrichten, ist nirgends auch nur ansatzweise zu lesen — außer bei Biró.

In den Notquartieren verwenden sie die sanitären Einrichtungen nicht, sondern erledigen ihr Geschäft just daneben und fordern weibliche Hilfskräfte dann auf: Mach’s weg, dazu bist du ja da…

Wer „sie“ in diesem Fall sind — die Testosteron-Syrer? Die Notdurft-Afghanen? Alle Flüchtlinge? –, verrät Biró nicht. Quellen? Beispiele? Belege? Auch nicht.

Horden stürmen die Supermärkte, reißen die Packungen auf, nehmen sich, was sie wollen, und verschwinden wieder. Die Polizei ist machtlos.

Und wieder: Keine Quelle, keine Beispiele, keine Belege.

Solche Supermarkt-Geschichten werden im Übrigen auch in Deutschland immer wieder erzählt – und immer wieder als hetzerische Lügen enlarvt:

Auch in Österreich gibt es solche Geschichten. Der „Standard“ ist ihnen erst vor ein paar Wochen nachgegangen. Ergebnis:

Auch in Österreich entbehren die Gerüchte jeder Grundlage, erklärt die Supermarktette Spar. “Selbstverständlich gibt es keine ‘Freigabe’ von Ladendiebstahl für Flüchtlinge”, heißt es dort. Auch bei Rewe (Billa, Merkur, Bipa) verwehrt man sich “gegen Hetze und böse Gerüchte”. Doch was sagt die Diebstahlsstatistik? Laut Rewe kann weder in Filialen nahe Erstaufnahmezentren wie Traiskirchen und Thalham noch am Wiener Westbahnhof ein “signifikant erhöhter Schwund” festgestellt werden.

“Krone”-Autor Biró erwähnt davon natürlich kein Wort. Auch sonst führt er seine Behauptungen nicht weiter aus, stattdessen kommt er zum wilden Finale seiner (im wahrsten Sinne: beispiellosen) Hetztirade:

Integration? Ein schönes Wort, mehr nicht. Integration kann bestenfalls in Einzelfällen funktionieren.

Spätestens seit Freitag, als sämtliche Ordnungskräfte einfach überrannt wurden; spätestens jetzt, da alle Notquartiere übervoll besetzt sind – und trotzdem Tausende wie auf Kommando über unsere Grenzen trampeln…

… spätestens jetzt ist ALLEN klar geworden – ganz egal, ob rechter Hardliner oder linker Sozialromantiker: Die Grenzen müssen dicht gemacht werden. Die humanitäre Katastrophe muss gestoppt werden, vor allem auch FÜR Österreich und seine Einwohner.

Puh.

Zuallererst sollte man vielleicht diese journalistische Katastrophe stoppen. Das würde die Integration jedenfalls um einiges erleichtern.

Und wenn Sie sich jetzt fragen, wer eigentlich dieser Christoph Biró ist, der diese Zeilen in die Steiermark-“Krone” gespuckt hat — es ist ihr Chefredakteur.

Bald wird sich der Österreichische Presserat mit Birós Ergüssen befassen; bis gestern Abend waren 30 Beschwerden zu dem Text eingegangen.

Keine Frage: Medien müssen auch über die Probleme mit Flüchtlingen berichten, Missstände dürfen nicht heruntergespielt oder verschwiegen werden. “Österreich” und die “Kronen Zeitung” aber klären nicht auf, sie vernebeln und vergiften — dort, wo Nüchternheit und Klarheit dringend nötig wären. Sie verbreiten Angst und schüren Hass.

Und so klang es fast wie eine Erfolgsmeldung, als “Österreich” vorgestern verkündete:

Mit Dank an Stephan E.

Nachtrag, 13.55 Uhr: Im „Kurier“ sagt der Sprecher der österreichischen Polizei heute, Birós Kommentar sei „ein absoluter Blödsinn”. Dabei handle es sich um Facebook-Gerüchte, für die Beweise fehlen.

Erst vor drei Tagen hatte der Polizeisprecher im „Standard“ die Geschichten von plündernden Flüchtlingen dementiert:

“Von diesen Leuten geht keine Gefahr aus. Diese ganzen Meldungen sind ein Blödsinn und dienen nur der Verunsicherung der Bevölkerung”, sagt Fritz Grundnig, Sprecher von Polizei und Innenministerium, im Gespräch mit dem STANDARD am Samstagnachmittag. Erst am Morgen habe man sich wieder mit einer Falschmeldung über einen angeblich geplünderten Discounter-Markt im Raum Leibnitz herumgeschlagen. Die angebliche Plünderung erwies sich als glatte Lüge.
“Dabei wollen diese Menschen nur so schnell wie möglich weiterkommen nach Deutschland, sie haben eine extreme Flucht hinter sich und sind erschöpft”, sagt Grundnig weiter. In den vergangenen Tagen habe sich auch die Behauptung im Internet verbreitet, die Polizei warne die Bevölkerung in der Südsteiermark davor, aus dem Haus zu gehen, das sei “alles Blödsinn, die Polizei warnt vor nix, wir versuchen die Bevölkerung zu beruhigen”, betont Grundnig, “es liegt in der Natur der Sache, dass es zu Verkehrsbehinderungen kommt, aber das ist alles”. (…)

Was der Polizei aber tatsächlich extra Arbeit verursache “und einen Riesenaufwand, den wir momentan nicht brauchen können”, sei dieses dauernde Streuen von Gerüchten, so Grundnig.

Und die Sache mit den Flüchtlingen, die nicht die sanitären Einrichtungen verwenden, sondern „ihr Geschäft just daneben“ verrichten und die weiblichen Hilfskräfte zum Putzen auffordern?

“Stimmt nicht”, sagt Grundnig.

Auch die Behauptung von den aufgeschlitzten Sitzen ist offensichtlich Unsinn. Der Sprecher der ÖBB sagte dem „Kurier“:

Wäre das tatsächlich so, würden von uns keine Sonderzüge mehr fahren.

Die steirische Landtagsabgeordnete Sabine Jungwirth (Grüne) hat Christoph Biró heute in einem offenen Brief aufgefordert, die Quellen für seine Behauptungen offenzulegen.

Die Menschenrechtsorganisation „SOS Mitmensch“ hat die Staatsanwaltschaft Graz unterdessen gebeten zu prüfen, ob Birós Kommentar „unter den Verhetzungsparagraphen (§ 283 StGB) und/oder unter die wissentliche Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte (§ 276 StGB) falle“.

Nachtrag, 23.28 Uhr: Christoph Biró sieht seinen Kommentar inzwischen als “Fehler”, hat erste Konsequenzen gezogen und wird sich “aus eigenen Stücken für einige Zeit aus der Redaktion zurückziehen”. Er habe das Augenmaß verloren, sagte er laut Agentur APA:

Das war ein Fehler, wie er mir in 39 Jahren noch nicht passiert ist. Fehler passieren? Ja, aber dieser ist besonders bedauerlich. Man muss bei diesem Thema ein ganz besonderes Fingerspitzengefühl haben. Und das habe ich vermissen lassen.

Die “Kronen Zeitung” hat sich von Birós Kommentar distanziert.

Ein Wendt für alle Fälle

Wenn deutsche Medien ein knackiges Zitat zur Polizeiarbeit, zu Sicherheits- oder Rechtsfragen brauchen, gibt es eine Universalwunderwaffe: Rainer Wendt. Wendt ist Bundesvorsitzender der “Deutschen Polizeigewerkschaft”. Und in dieser Position immer für ein Interview zu haben — Thema im Grunde egal.

Heftiger Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern bei “Stuttgart21”? Wendt: “Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie.”

Krawalle in Fußballstadien? Wendt: “Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden.” Und: “Wem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben müssen.”

Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Koblenz, die Polizei solle Kontrollen nicht nach Hautfarbe durchführen? Wendt: “Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus.”

Law-and-Order-Verfechter Wendt lärmt zu jedem Thema. Friederike Haupt schrieb schon 2013 in der “FAS”:

Wenn Wendt braungebrannt aus dem Marokko-Urlaub zurück in sein Büro kommt, schmeißt er gleich am ersten Tag die Werbemaschine wieder an. Alle sollen wissen: Der Wendt ist zurück. Darum ruft er zum Beispiel einen Journalisten an und sagt: “Soll’n wir mal ‘ne schöne Geschichte machen?” Wendt fordert dann höhere Strafen für die Bösen oder mehr Personal für die Guten, und der Journalist hat eine Exklusiv-Story: “Und hinterher sind alle zufrieden.”

Rainer Wendts aktuelles Themenfeld: Die Flüchtlinge und alles, was dazu gehört. Da hat er schon ganz beachtlich Schlagzeilen gesammelt:


(Bild.de; interessant auch, wie Wendt in einigen Medien zum Synonym für die Polizeit wird.)

(Bild.de)

(“Focus Online”)

(“Bayernkurier”)

Bei seinem neuesten Schmu Coup half ihm Welt.de:

Abgelegt ist das Interview unter:

Und das ist tatsächlich eine der Kernaussagen Wendts: Die Flüchtlingskrise sorge für mehr Gefahren im Straßenverkehr, bis hin zu mehr Verkehrstoten:

Die Welt: Bleiben auch hoheitliche Aufgaben der Polizei wegen der Flüchtlingskrise schlicht liegen?

Wendt: Eine der Aufgaben, die wir derzeit vernachlässigen müssen, ist die Verkehrsüberwachung. Sie ist teilweise völlig zum Erliegen gekommen. Wir mussten wegen der Einsatzbelastung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise den Blitzmarathon in diesem Jahr ausfallen lassen, die Planungen für den Blitzmarathon im nächsten Jahr liegen auf Eis. Da fehlt uns ein ganz wichtiges Instrument zur Unfallprävention. In allen Bundesländern wird die Verkehrsüberwachung drastisch zurückgefahren — mit fatalen Folgen. Wir stellen bereits jetzt fest, dass wir das deutsche Ziel, bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu senken, klar verfehlen. Wir sind jetzt erst bei 16 Prozent. Die Zahl der Unfalltoten steigt sogar wieder.

Logisch: Wenn man weiß, dass ein Großteil der Polizisten mit “der Flüchtlingskrise” beschäftigt ist, knattert man direkt mit 90 km/h durch die Tempo-30-Zone. Und dann fällt auch noch der Blitzmarathon aus — Raser’s Paradise.

Wendts Gleichung fanden andere Medien logisch und zogen nach:


(“RP Online”)

(“Focus Online”)

(Krone.at)

(“Yahoo News”)

Walter Bau von der “Berliner Morgenpost” fand die These hingegen merkwürdig. Er kommentiert:

Was Polizeigewerkschafter Wendt nicht sagt: Im ersten Halbjahr 2015 hielt sich der Zustrom an Flüchtlingen noch in Grenzen, verglichen mit den Zahlen seit Juli. Die brisante Lage an den Grenzen, die die Polizei vor allem beschäftigt, entstand erst im Sommer. Und zu glauben, die Autofahrer würden gezielt schneller und riskanter fahren, weil sie darauf spekulierten, es gebe gerade weniger Radarfallen, ist realitätsfern. Wendt schürt Ängste zur eigenen Profilierung.

Und “t-online” hat beim “Statistischen Bundesamt” nachgefragt, ob Wendts These plausibel sei. Die Erkenntnis:

Nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Verkehrstoten im August im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres tatsächlich angestiegen (um 18,4 Prozent von 293 auf 335). Allerdings haben die Statistiker dafür eine andere Erklärung als Wendt: “Im vergangenen Jahr war das Wetter im August extrem schlecht. Dann sind die ungeschützten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Zweiradfahrer eher weniger unterwegs”, erläutert Gerhard Kraski vom Statistischen Bundesamt gegenüber t-online.de. Deswegen, so Kraski, sei es wahrscheinlich zu dem Anstieg in diesem Jahr gekommen.

Trotzdem: Die Medien werden Rainer Wendt weiter fleißig zitieren und in Talkshows einladen. Heute Abend sitzt er im “Ersten” bei “Hart aber fair”. Thema: Flüchtlingskrise. Er wird sich ganz bestimmt knackige Sprüche zurechgelegt haben.

Mit Dank an Webwatch und Ben B.

“Pegida”, Adblock-Abmahnung, Nachrichten im Krieg

1. Wie sich der Blick auf Pegida plötzlich ändert
(cicero.de, Thomas Leif)
“Pegida”-Mitläufer seien nicht alle rechtsextrem, doch sie duldeten in ihrer Wut rechtsextreme Positionen, notiert Thomas Leif. Der scheinbar überraschende Aufstieg von “Pegida” zum Jahrestag ist nach dem bereits herbeigeschriebenen Niedergang für den “Cicero”-Autor kein Wunder. Laut Leif empöre sich die Gesellschaft nun, dass die Politik beim Thema “Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft” versage. Dazu fragt auch das Rechercheblog der “Welt”, ob der Verfassungsschutz nun “Pegida” beobachtet, wie Thomas de Maizière sagte — oder sich doch noch sehr zurückhält. Der “Tagesspiegel” berichtet von einem “Pegida”-Angriff auf einen Reporter der “Deutschen Welle”.

2. Bild droht allen Umgehungsversuchen mit Abmahnung
(golem.de, Friedhelm Greis)
Seit vergangener Woche sperrt Bild.de Leser aus, wenn diese einen Adblocker verwenden. Es dauerte nur wenige Tage, bis die ersten Anleitungen auftauchten, wie man die Blockade umgehen kann. Jetzt verschickt der Axel-Springer-Verlag Abmahnungen. Ein Nutzer, der ein entsprechendes Youtube-Tutorial veröffentlichte, soll eine Unterlassungserklärung unterschreiben und Anwaltskosten in Höhe von fast 1.800 Euro übernehmen. Der Leipziger IT-Rechtsexperte Peter Hense zweifelt an der Wirksamkeit: “Der Versuch, durch Abwehrsysteme den werbefreien Genuss von urheberrechtlich geschützten Inhalten zu kriminalisieren, wird jedoch nicht zum Erfolg führen.” Dazu auch: Felix Schwenzel mit der Frage “sind adblock-benutzer ‘pack’?”

3. Nicht immer “immer mehr”
(blogs.deutschlandfunk.de, Johannes Kulms)
Johannes Kulms soll für den “Deutschlandfunk” einen Beitrag über Selbstständige basteln, die mit Hartz IV aufstocken müssen. Immer mehr sollen das sein, schreibt die “arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke” in einer Pressemitteilung. Die dpa habe die Geschichte aufgegriffen, genauso die AFP. Ein Blick auf die Statistik zeige aber: Die Sache mit dem “Immer mehr” stimmt gar nicht.

4. Google News und Qualitätsjournalismus: Googles Head of Strategic News im Interview
(t3n.de, Carsten Christian)
Über kaum ein Thema reden Journalisten so gerne wie über die Zukunft der eigenen Branche. Dementsprechend ist es vielleicht eine gute Idee, die immergleichen Fragen über Qualitätsjournalismus und zukünftige Erlösmodelle mal jemandem zu stellen, der vermutlich noch mehr Einfluss darauf hat als die Medien selbst: Madhav Chinnappa ist bei Google verantwortlich für “Strategic Relations, News and Publishers” und hat unter anderem die “Digital News Initiative” mitentwickelt. Zwar glaubt Chinnappa, dass “immer ein Redakteur gebraucht” werde; er sagt aber auch: “Journalisten müssen heute viel härter arbeiten, um relevant zu sein.”

5. Wenn möglich, bitte senden
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Kleine schwarze Boxen für Syrien: Das Berliner Team von “Media in Cooperation and Transition” liefert Ultrakurzwellentechnik in “Regionen, in denen es kracht.” Die Mini-Sender bringen jeden Tag 18 Stunden “Musik und unabhängige Nachrichten in den Krieg”.

6. Leserzahlen dank Relaunch verdoppelt: NZZ.at feiert zweiten Abonnenten
(nzz.at, Fritz Jergitsch)
Der Österreichableger der “NZZ” hat eine Komplettüberarbeitung bekommen. Und das mit Erfolg: Die Abonnentenzahl sei direkt um 100 Prozent gestiegen — von einem auf zwei.

“Falsche Syrer”, Interviews, #aufschrei

1. “Falsche Syrer”: Wie der Innenminister Gerüchte schürt
(daserste.ndr.de, Robert Bongen & Stefan Buchen)
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat behauptet, dass sich 30 Prozent der Asylsuchenden als Syrer ausgeben, aber eigentlich keine seien. “Panorama” kritisiert, dass für diese Zahl jeder Beleg fehlt. Auf Nachfrage bestätigt das Innenministerium, dass es dazu gar keine Statistiken gibt. Auch Bundeskanzlerin Merkel hat bei Anne Will eine Studie zu Flüchtlingen zitiert, die laut den Krautreportern “problematisch” ist.

2. Verfassungsgericht stärkt Rechte von Demonstrationsbeobachtern
(netzpolitik.org, Nikolai Schnarrenberger)
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, “dass die Dokumentation von polizeilichen Filmteams legal ist.” Wer die Arbeit der Polizei filmt oder fotografiert, dürfe dafür “nicht per se auch einer Identitätsfeststellung unterzogen werden”, schreibt Nikolai Schnarrenberger. Geklagt hatte ein Mitglied der Göttinger Gruppe „BürgerInnen beobachten Polizei und Justiz“.

3. Mit Müll zugeschüttet
(taz.de, Anne Wizorek)
Anfang 2013 verschickte Anne Wizorek den ersten Tweet mit dem Hashtag #aufschrei. Sie wollte ein Zeichen gegen Alltagssexismus setzen. Mittlerweile benutzen selbst Ulf Poschardt und Birgit Kelle den Hashtag. Wizorek fordert deshalb: „#schauhin wenn Rechtskonservative einen Hashtag wie #aufschrei kapern wollen, um ihren rassistischen Müll zu legitimieren.“

4. Das Gegenteil von Ambition: ze.tt und bento
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Byou, Bento, Ze.tt – die Jugendangebote der Verlage sprießen aus dem Boden, und nahezu täglich erscheinen neue Texte, die erklären, warum dies und jenes Portal toll/medioker/peinlich/katastrophal ist, bevorzugt aus Sicht „der Zielgruppe“ (s. Link Nr. 2). Die Kritik von Lorenz Matzat fällt weniger polemisch, dafür aber substantieller aus. Er fragt sich, warum derart schlagkräftige Verlagshäuser wie „Spiegel“ und „Zeit“ nicht mehr gewagt haben und sich auf „den abgegriffenen Mix aus Gifs, Youtube-Videos und Instagram-Bildern“ beschränken, anstatt in Datenjournalismus, mobile Reporting oder mehr Mulitmedia-Kompetenz zu investieren.

5. „Plastikwörter sind schlimme Quellen der Unbill“
(abzv.de, Mario Müller-Dofel)
Steffen Range, Wirtschaftsressortleiter und Digital-Chef bei der „Schwäbischen Zeitung“, hat in seinem Berufsleben nach eigenen Angaben bislang „weit über 1000“ Interview geführt und redigiert. Er sollte also ein Experte für Interviews sein, und dementsprechend folgerichtig erscheint es, mit ihm ein Interview über Interviews zu führen. Range gibt Tipps, wie man sich darauf vorbereitet, wie man langweilige Gespräche durch Redigieren retten kann – und lobt eine umstrittene deutsche Eigenart: „Ich verstehe die Aufregung um das Thema nicht. Die Autorisierungspraxis ist ganz vernünftig.“

6. Poschardts Kinder
(titanic-magazin.de, Oliver Maria Schmitt)
Oliver Maria Schmitt begleitet in Gedanken Ulf Poschardt durch die “Straßen von Großberlin”. Poschardt, “promovierter Polofahrer” und stellvertretender Chef der “Welt”-Gruppe, denkt über seine neusten Journalisteneinkäufe nach, die Mitglieder der “Poschardtjugend”, die “flink wie Schoßhunde, zäh wie Nappaleder und hart wie die Kronkorken von Club-Mate” sind; und über die absolute Story, für die sie ihn “endlasermäßig hart feiern” werden in Berlin.

Brandstifter im Löscheinsatz

Also gut, reden wir noch einmal über die Flüchtlings-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung.

Tatsächlich beziehen die „Bild“-Medien seit einigen Tagen ganz klar Position – für Flüchtlinge und gegen Hetze.

So nennt „Bild“ die rassistischen Übergriffe und Hass-Parolen betont „eine Schande für unser Land“; bezeichnet die rechten Idioten unverblümt als „rechte Idioten“; verdeutlicht immer wieder, wie schlecht es vielen Flüchtlingen ergangen ist und immer noch ergeht; zeigt Möglichkeiten auf, wie man persönlich helfen kann; begleitete Flüchtlinge über mehrere Tage auf ihrem harten Weg nach Deutschland.

In der Titelgeschichte von gestern „entlarvt“ die Zeitung „die sieben größten Lügen über Asylbewerber“, zum Beispiel: „Flüchtlinge sind besonders häufig kriminell“ oder „Flüchtlinge kriegen mehr Geld als Hartz-IVler“.

… und zeigt nebenbei, dass sie durchaus in der Lage ist, ihre reißerischen Boulevardmethoden auch für gute Zwecke einzusetzen. Angekündigt wird die Geschichte nämlich so:

Das ist ziemlich clever, denn die düstere Aufmachung lockt wohl am ehesten diejenigen, die sich dahinter eine Bestätigung ihrer Vorurteile erhoffen – aber dann genau das Gegenteil vorfinden.

Gegen all das können und wollen wir auch überhaupt nichts sagen. Nur muss man bedenken, dass die Berichterstattung bis vor Kurzem noch völlig anders aussah. Und dass die „Bild“-Zeitung genau die Vorurteile, die sie heute „entlarvt“, in den vergangenen Jahren immer und immer wieder mit voller Absicht befeuert hat.

Als „Bild“ das letzte Mal „Die Wahrheit“ versprach …

… hatte das Blatt Statistiken verzerrt, Zitate falsch wiedergegeben und wichtige Fakten verschwiegen, um rumänische und bulgarische Armutsflüchtlinge krimineller wirken zu lassen, als sie in Wahrheit waren.

Ohnehin das Thema Ausländer und Kriminalität:

Oder das Thema Ausländer und Hartz IV:

Auch hier hatte „Bild“ entlastende Fakten einfach unter den Tisch fallen lassen, um sich diese „bittere Wahrheit“ zu konstruieren.

Das Blatt führte seine Leser in die Irre, nahm Hetzer in Schutz, ließ Hetzer gewähren, verdrehte die Wahrheit, dachte sich allerlei schlimme Theorien und Szenarien aus und bereitete damit die Kerbe, in die der Rassistenmob heute so wütend reinhackt.

Nochmal: Man kann die „Bild“-Zeitung natürlich dafür loben, dass sie jetzt mithilft, die rechten Geister zu bekämpfen. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie jahrelang dabei mitgeholfen hat, sie zu rufen.

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