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Verkäsungszulage, Überangebot, YouTube

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “LSR und Blogger: Was sagen die Verlage dazu? Klare Kante?”
(robertbasic.de)
Robert Basic fragt bei Medienverlagen nach, was denn nun das Leistungsschutzrecht für Presseverleger für Blogger bedeutet.

2. “Überangebot ist der Medien Tod”
(cicero.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz stellt bei den Medien zu viel des Gleichen fest: “Wenn wir heute von medialen Angeboten im digitalen Zeitalter sprechen, dann geht es nur sehr vordergründig um die vermeintliche Zahlungsunlust des Publikums oder eine Gratismentalität, die quasi mit der Geburt des Internet wie ein Meteroiteneinschlag über uns gekommen ist. Es geht schlicht und ergreifend darum, dass wir viel von dem haben, von dem wir früher mal dachten, es könnte davon gar nicht zu viel davon geben.”

3. “Käse vom Amt”
(oeffentlichkeitsgesetz.ch, Otto Hostettler)
Das Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft verlangt eine Gebühr von 275.000 Franken, um Einsicht in eine Liste von Empfängern der Verkäsungszulage zu gewähren. “Bevor die Liste herausgegeben werden könne, müssten sämtliche 2500 Subventionsempfänger schriftlich ‘angehört’ werden, behauptet das Bundesamt.”

4. “A Day in the Life of a Digital Editor, 2013”
(theatlantic.com, Alexis Madrigal, englisch)
Alexis Madrigal erzählt ausführlich aus seinem Alltag als Digitalredakteur von “The Atlantic”: “While the top six or seven viral hits might make up 15-20 percent of a given month’s traffic, the falloff after that is steep. And once you’re out of the top 20 or 30 stories, a really, really successful story is only driving 0.5 percent or less of a place like The Atlantic’s monthly traffic. But that’s the best-case scenario. In most cases, even great reported stories will fizzle, not spark. They will bring in 1,000 or 3,000 or 5,000 or 10,000 visitors. You’d need thousands of these to make a big site go.”

5. “YouTube Deutschland vs. YouTube International”
(gugelproductions.de)
Bertram Gugel vergleicht YouTube in Deutschland und den USA: “Von sieben Fokuskategorien (Beliebt, Musik, Sport, Spiele, Filme, TV Shows, Nachrichten und Spotlight) in den USA sind in Deutschland nur ganze drei (Beliebt, Sport, Spiele) verfügbar. Es lohnt sich also ein Blick in die fehlenden Kategorien zu werfen um festzustellen, welche Bereiche und Features im deutschen Angebot fehlen.”

6. “Absage aus Deutschland erschüttert den Grand-Prix”
(bakublog.tv, Presse)

Bild  

Eine Herzensangelegenheit des Hauses

Bevorzugt nach der Ausstrahlung eines TV-Films (gefühlt: nach jedem verdammten “Tatort”), manchmal aber schon davor, beantwortet “Bild” die drängende Frage, wer denn die manchmal “geheimnisvolle”, häufig “tote”, aber immer “schöne” junge Frau da auf dem Bildschirm gewesen sei. Mal gibt es dazu ein Interview, mal nur ein großes Foto mit einem Hinweis auf den aktuellen Beziehungsstatus der Abgebildeten.

Heute schwärmt die Zeitung von “Kino-Darling” Jennifer Ulrich, die eine “Mega-Rolle” habe:

Das heißt: Mehr noch schwärmt “Bild” von dem Film, in dem Jennifer Ulrich diese Mega-Rolle spielt:

Dieser Film wird jedes Zuschauer-Herz höherschlagen lassen!

Sat.1 zeigt heute um 20.15 Uhr die Dahinschmelz-Komödie “Herztöne”, produziert von der Hit-Schmiede “Teamworx”.

Es sei “der Film zum Bestseller”, erklärt “Bild”.

Oder genauer:

Bezaubernder Bestseller: "Herztöne" von Katja Kessler

Bei all dem Alliterationsamok und dem Komposita-Overkill war in “Bild” offenbar kein Platz mehr, um zu erklären, wer diese Katja Kessler eigentlich ist, die diesen “bezaubernden Bestseller” da geschrieben hat: Langzeit-Kolumnistin und Chefredakteursgattin.

Die Elle machen

Stefan Reisinger, Stürmer von Fortuna Düsseldorf, hat sich beim Spiel gegen Schalke 04 verletzt.

Nicht die einzige Verletzung bei der Fortuna, wie Bild.de weiß:

Die Liste der Verletzungen bei Fortuna ist diese Saison ellenlang. Und die Liste mit den daraus resultierenden Ausfallzeiten noch viel länger.

Und tatsächlich:

Ein Auszug: Bruno Soares (Hüftbeuger) 7 Monate, Stelios Malezas (Oberschenkel) 4 Monate, Jens Langeneke (Knie) 3 Monate, Mathis Bolly (Rücken) 6 Wochen, Bruno Soares (Hüftbeuger) 7 Monate, Stelios Malezas (Oberschenkel) 4 Monate, Jens Langeneke (Knie) 3 Monate, Mathis Bolly (Rücken) 6 Wochen, Ronny Garbuschewski (Adduktoren) 6 Wochen, Leon Balogun (leichter Faserriss) 4 Wochen

Allerdings wäre die Liste natürlich etwas kürzer, wenn man die ersten vier von sechs Namen nicht doppelt aufführen würde. (Was in der gedruckten “Bild” übrigens auch geklappt hat.)

Mit Dank an Niko.

Alle Müll

Manchmal sitzen auch wir vor den Arbeiten der “Bild”-Redaktion und wissen nicht, was wir sagen sollen. Wir könnten abermals den stellvertretenden “Bild”-Sportchef Walter M. Straten zitieren, der nach dem Suizid von Robert Enke gesagt hatte, seine Zeitung wolle künftig bei der Benotung von schlechten fußballerischen Leistungen sensibler vorgehen.

Aber womöglich spricht die Berichterstattung über die “Müllhalde Hoffenheim” (gemeint ist die Mannschaft der TSG Hoffenheim) auch für sich:

MÜLLHALDE HOFFENHEIM: 300 Mio Euro in die Tonne getreten. Die besten Bilder vom Bundesliga-Samstag: Hoffenheims Versager (in orangener Müllmann-Kluft)

Mit Dank an Gregor G.

Die Jagd nach der nackten Wahrheit

Als die Österreicherin Natascha Kampusch im Sommer 2006 nach achtjähriger Gefangenschaft plötzlich wieder auftauchte, begann im deutschsprachigen Journalismus eine Jagd. Eine völlig groteske Jagd, die nur ein einziges Ziel hat: Die Antwort auf die Frage, ob Natascha Kampusch Sex mit ihrem Entführer hatte.

Die Jagd beginnt im Jahr 2006. Am 23. August erfährt die Welt, dass das Mädchen wieder aufgetaucht ist. Acht Jahre lang war sie verschwunden, gefangengehalten von Wolfgang Priklopil, der sich noch am Tag ihrer Flucht das Leben nimmt. Jetzt ist sie frei und wohlauf, es ist eine Sensation. Überall auf der Welt berichten Medien über den spektakulären Fall aus Österreich. Und bereits zwei Tage später wird deutlich, was einige daran am allermeisten interessiert:

(…) Vielleicht hat er das Mädchen zu seiner Sex-Sklavin gemacht, vermuten österreichische Medien.

“Bild”, 25.08.2006

***

(…) HAT DER KIDNAPPER SEIN OPFER SEXUELL MISSBRAUCHT?

“Aus meiner Sicht, ja”, meint die Polizistin. “Aber Natascha ist das noch nicht bewusst. Sie sagt, sie hat immer alles freiwillig gemacht.”

“Bild”, 25.08.2006

***

(…) Die Beamtin geht auch davon aus, dass das Mädchen sexuell missbraucht worden ist – “doch das ist ihr nicht bewusst, sie ist der Meinung, es freiwillig gemacht zu haben”. Natascha schilderte auch den Tagesablauf in Gefangenschaft: Sie frühstückte mit der Sex-Bestie, musste im Haushalt helfen.

***

Seine Sklavin – Sie musste für ihn putzen. Er forderte auch Sex von ihr

(…) Was spielte sich im Keller ab? Eine Polizistin sagt, sie glaube, dass Priklopil Natascha zum Sex zwang: “Aber sie sagt, sie habe das immer freiwillig gemacht.”

“Express”, 26.08.2006

***

Zum Sex gezwungen? Natascha und ihr Entführer hatten intime Kontakte

Die mehr als acht Jahre gefangen gehaltene Österreicherin Natascha Kampusch hatte der Polizei zufolge sexuellen Kontakt zu ihrem Entführer.

“Nürnberger Nachrichten”, 28.08.2006

Nun, bis hierher unterscheidet sich dieser Fall nicht wesentlich von anderen, in denen entführte Kinder wieder aufgetaucht sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier über den “sexuellen Kontakt” zwischen Opfer und Entführer spekuliert wird, ist im heutigen BoulevardJournalismus nichts Ungewöhnliches und zum Teil sicherlich unserem eigenen Voyeurismus geschuldet. Detaillierte Schilderungen der durchlebten Qualen sind zum Pflichtprogramm in der Berichterstattung geworden; wer über ein entführtes Kind berichtet, berichtet im selben Atemzug auch über das, was es durchmachen musste. Es scheint, als gehöre das dazu.

Und wenn heutzutage deutsche Journalisten – so wie im Fall von Stephanie R. vor ein paar Jahren geschehen – in einer großen Magazingeschichte die Leiden eines 13-jährigen Mädchens nachzeichnen, das “mehr als 100-mal” missbraucht wurde, gehört es offenbar auch dazu, dass geschildert wird, wo und wann und wie der Entführer das Mädchen vergewaltigt hat – und woran es dachte, “während er in ihr” war. Der “Spiegel” jedenfalls hatte 2006 kein Problem damit, solche Details zu veröffentlichen.

Read On…

dpa  

Zwischen Arm und Milz passt immer noch ein R

Arm und Milz werden selbst von schlechtesten Medizinstudenten nur selten verwechselt — das eine hängt beidseitig an den Schultern herunter, das andere liegt nur ein Pils von der Leber entfernt im Bauchraum. Insofern ist es auf den ersten Blick verwunderlich, wenn die Deutsche Presseagentur (dpa) eine solche Korrektur verschicken muss:

(Berichtigung: Milz statt Arm)
Spanischer Schiedsrichter verliert Milz nach Angriff eines Spielers

Valencia (dpa) – Ein brutaler Angriff auf einen 17 Jahre alten Fußball-Schiedsrichter hat in Spanien für große Empörung gesorgt. Der junge Referee ist bei einem Spiel von zwei Amateurteams in Burjassot bei Valencia so schwer verletzt worden, dass ihm die Milz entfernt werden musste. […]

Wobei die dpa selbst den Hinweis gibt, wie es dazu kommen konnte:

## Berichtigung
– Im Text wurde wegen eines Übersetzungsfehlers durchgehend berichtigt: Milz (statt Arm)

Und tatsächlich ist die Auflösung dann geradezu lächerlich naheliegend:

el brazo = der Arm
el bazo = die Milz

Diese Unterscheidung ist ganz hilfreich, wenn man im Urlaub zum Arzt muss. Oder wenn man das nächste Mal einen spanischsprachigen Artikel übersetzen muss.

Die meisten deutschsprachigen Online-Medien, die diesen Fehler übernommen hatten, haben inzwischen die korrekte Version online. Bei krone.at hat der junge Mann immer noch einen “Arm” verloren, beim “Südkurier” sicherheitshalber einfach beides:

Der junge Referee ist bei einem Spiel von zwei Amateurteams in Burjassot bei Valencia so schwer verletzt worden, dass ihm ein Arm amputiert werden musste. […]

Der Schiedsrichter verlor große Mengen an Blut und wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Dort sahen die Ärzte keinen anderen Ausweg, als dem jungen Mann die Milz zu entfernen.

Mit Dank an Max S.

Nachtrag, 20. Februar: Der “Südkurier” hat alle Hinweise auf einen Arm aus dem Artikel entfernt. Womöglich schon, bevor unser Eintrag hier gestern online ging.

Übers Ziel hinaus

Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius ist heute festgenommen worden, weil er im Verdacht steht, seine Lebensgefährtin getötet zu haben.

So berichteten deutsche Online-Medien heute Mittag darüber:

Bild.de:
Paralympics-Sieger Oscar Pistorius - MORDANKLAGE! Hat er seine Freundin wirklich AUS VERSEHEN erschossen?

“Spiegel Online”:
Mordanklage gegen Pistorius: Todesschüsse um vier Uhr nachts

Tagesschau.de:
Freundin erschossen aufgefunden - Mordanklage gegen Paralympics-Star Pistorius

Heute.de:
Freundin erschossen - Pistorius unter Mordanklage

“Die Welt”:
Paralympics-Star Pistorius wegen Mordes angeklagt

“RP Online”:
Paralympics-Star unter Mordanklage - Der Fall Oscar Pistorius ist ein Rätsel

“Hamburger Abendblatt”:
Freundin getötet: Pistorius unter Mordanklage

Bunte.de:
Oscar Pistorius - Steht unter Mordanklage

“Berliner Morgenpost”:
Mordanklage gegen Sprint-Star Pistorius

Auch viele andere Medien berichteten, jetzt stehe “der ‘Blade Runner’ unter Mordanklage” (mopo.de) oder “die Polizei” (!) habe “Anklage erhoben” (stern.de). Doch wie man es auch dreht: Es stimmt einfach nicht, dass der Mann unter “Mordanklage” steht. Bisher besteht lediglich ein Verdacht. Das ist im Strafrecht ein gewaltiger Unterschied — nicht nur in Deutschland, auch in Südafrika.

Ein deutschsprachiger Anwalt aus Pretoria hat uns auf Anfrage geschrieben:

Die endgültige Anklage wird erst viel später formuliert. Zur Zeit geht es lediglich darum, dass die Polizei eine Mordanklage untersucht. Ob es für Mord Beweise geben wird bleibt abzuwarten (…).

(…) Zur Zeit geht es lediglich um die Frage ob Pistorius auf Kaution freigelassen wird. Bis es zur Verhandlung kommt werden mindestens sechs Monate, wahrscheinlich aber über ein Jahr vergehen.

Immerhin ruderten einige Medien im Laufe des Nachmittags zurück und korrigierten sich (heimlich). “Spiegel Online” etwa hat in der Überschrift die “Mordanklage” durch “Mordverdacht” ersetzt und schreibt:

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Leichtathlet erst am Freitag einem Haftrichter in Pretoria vorgeführt worden. Dieser muss dann entscheiden, ob Mordanklage erhoben wird und ob Pistorius gegen Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt werden kann. Zunächst hatten Nachrichtenagenturen gemeldet, es sei bereits Mordanklage gegen Pistorius erhoben worden.

Stutzig gemacht haben diese Agenturmeldungen aber offenbar niemanden.

Mit Dank an Martin.

Nachtrag, 18.01 Uhr: Bild.de hat die Anklage jetzt ganz übersprungen und aus dem Verdacht schon mal Gewissheit gemacht:Paralympics-Sieger Pistorius erschießt seine Freundin

Sie war die strahlende Frau an der Seite des Sprint-Stars Oscar Pistorius (26). Jetzt ist sie tot!

Der Sportler erschoss seine Freundin letzte Nacht in Südafrika.

Nachtrag, 16. Februar: Dass Bild.de schreibt, Pistorius habe seine Freundin erschossen, ist natürlich nicht mit einer Vorverurteilung im Sinne von “hat seine Freundin ermordet” gleichzusetzen. Dieser Eindruck ist im ersten Nachtrag vielleicht entstanden. Wir wollten lediglich darauf hinweisen, dass Bild.de die — gewiss sehr wahrscheinliche, aber eben nicht zweifelsfrei erwiesene — Vermutung bereits kurz nach der Festnahme als Tatsache dargestellt hat. Vielleicht sind wir, was den Umgang mit Tatverdächtigen angeht, ein bisschen empfindlich geworden.

Guardian, Gamification, Prestige

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1. “Der Blogger, das Gold und die Startbahn”
(wortfeld.de, Alexander Svensson)
Alexander Svensson sucht (bisher erfolglos) einen Blogger, der, wie der “Spiegel” berichtet, Isländer dazu brachte, in einer Winternacht “ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn” zu blockieren.

2. “Gamification: Warum die Paywall für Medien ein Irrtum ist”
(netzwertig.com, Matthias Sala)
Matthias Sala empfiehlt Zeitungsportalen, sich an der erfolgreichen Spieleindustrie zu orientieren und Angebote im Centbereich zu offerieren, die mittels Kleinsttransaktionen erworben werden können: “Online-Zeitungen sollten dies auch anbieten: die schnelle Suche im Archiv, das Drucken einer Infografik in hoher Auflösung für PowerPoint, das Erstellen eines gelayouteten PDFs für ein Spezialthema oder das Freischalten genauer Statistiken eines Wirtschaftsartikels.”

3. “Genial, geliebt, gefährdet”
(zeit.de, John F. Jungclaussen)
Die Guardian Media Group verliert “jede Woche über eine Million Pfund”. “Lohnkosten für 600  Journalisten, die in der integrierten Print- und Onlineredaktion arbeiten, müssen weiter bezahlt werden. Das Jahresgehalt des Chefredakteurs von 600.000  Pfund erscheint da immer extravaganter. ‘In drei bis fünf Jahren wird uns das Geld ausgehen’, rechnet Geschäftsführer Miller vor.”

4. “Der Zentrallappen des Grauens”
(gehirn-und-geist.de, Steve Ayan)
Ein Bremer Hirnforscher habe den Sitz des Bösen im menschlichen Gehirn entdeckt, schreibt Bild.de. “Das alles wäre zum Lachen, wenn es nicht auch einen bitteren Beigeschmack hätte. Denn der krude Biologismus, den Boulevardmedien in Sachen Gehirn immer wieder bedienen, suggeriert letztlich: Die können nicht anders! Wer das Böse im Hirn hat, der handelt auch so.”

5. “Drei unterschiedliche Debatten, immer derselbe Harald Martenstein”
(blogs.taz.de/reptilienfonds, Heiko Werning)
Heiko Werning will beobachtet haben, dass der prototypische deutsche, weiße Mann, “nennen wir ihn doch einfach Harald Martenstein“, auf verschiedene Debatten gleich reagiert.

6. “Wir Empörten”
(dasmagazin.ch, Christian Schmidt)
Am 13. November 2002 sinkt die Prestige, 64.000 Tonnen Schweröl laufen aus, verpesten die Küste Spaniens und Frankreichs. Ein Besuch vor Ort, zehn Jahre danach.

Superlative, Übergriffe, Affen

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1. “Der kritischste Artikel über Superlative aller Zeiten”
(sportsaal.de, Derhatschongelb)
Der Sportjournalismus neigt zu Superlativen. Dabei wäre Aufmerksamkeit auch bei einer nüchternen Anpreisung sicher: “Ich würde die Videos und Geschichten auch anklicken, wenn sie einfach mit ‘Mittelfeldspieler trifft aus 78 Metern’ oder ‘Torwart schießt Abstoß ins eigene Toraus’ betitelt wären.”

2. “Qualitätsmedien im Web: Artikel werden zur Trägermasse für Klick-Fabriken”
(onlinejournalismusblog.com, Stephan Dörner)
Die Auswirkungen von Page Impressions als Währung für Werbung im Netz: “Der für mich wichtigste Schritt, Qualitätsjournalismus ins digitale Zeitalter zu holen, ist, ihn endlich auch im Onlinejournalismus stattfinden zu lassen. Sobald das passiert ist, können alle Medienhäuser auch über eine Monetarisierung beispielsweise über Paywalls nachdenken. Vorher nicht.”

3. “Analyse: Der typische Bild-Leser”
(meedia.de, Jens Schröder)
“Der typische Bild-Leser” ist “ein Mann im Alter von 40 bis 59 Jahren”, schreibt Jens Schröder. “Er ist zur Haupt- oder Realschule gegangen, arbeitet als Facharbeiter und verfügt über ein Haushalts-Nettoeinkommen von 1.500 bis 2.500 Euro.”

4. “Wahrlich, keine Sternstunde”
(saarbruecker-zeitung.de, Bernard Benrarding)
Bernard Benrarding kommentiert die Vorwürfe einer “Stern”-Journalistin gegen Rainer Brüderle: “Was für eine Heuchelei: Ausgerechnet jene, die permanent mit grellem Sex Auflage machen, schüren die Erregung über angeblichen Sexismus.” Siehe dazu auch “‘Anzügliche Blicke gibt es überall'”, ein Interview mit Wibke Bruhns (tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann).

5. “Normal ist das nicht!”
(kleinerdrei.org, Maike)
Maike versammelt verschiedene Erlebnisse sexueller Übergriffe im Alltag: “Solche Erlebnisse prägen – dabei kann ich noch von Glück sprechen, denn mir ist keine körperliche Gewalt widerfahren. Aber die Angst bleibt und geschürt wird sie immer wieder mit alltäglichen Sexismen, die ich und viele andere Menschen – meist Frauen – auf der Straße erleben.”

6. “Bildunterschrift der Affen”
(juliane-wiedemeier.de)

taz, taz.de  

Alte Kotze, neu erbrochen

Deniz Yücel hat bei der “taz” ungefähr den Posten inne, den bei “Bild” Franz Josef Wagner, beim “Tagesspiegel” Harald Martenstein und bei der “Welt” Henryk M. Broder bekleiden: Er pfeift als Kolumnist auf Politische Korrektheit, Logik oder auch einfach nur Fakten, bricht mit Konventionen und in die Tastatur und gefällt sich als Mischung aus Wutbürger, Stammtischgänger und ADHS-Grundschüler.

Vom Deutschen Presserat bekam Yücel im Dezember eine “Missbilligung”, weil er über Thilo Sarrazin geschrieben hatte:

So etwa die oberkruden Ansichten des leider erfolgreichen Buchautors Thilo S., den man, und das nur in Klammern, auch dann eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur nennen darf, wenn man weiß, dass dieser infolge eines Schlaganfalls derart verunstaltet wurde und dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.

(Das mit dem “Schlaganfall” war auch noch sachlich falsch.)

Nach der Landtagswahl in Niedersachsen schreibt Yücel heute einen Abgesang auf den vermutlich scheidenden Innenminister Uwe Schünemann, den er, wie es so seine Art ist, mit “Tschüss, Kotzbrocken!” überschrieben hat.

Yücel bezeichnet Schünemann als “beste[n], weil dümmste[n] Innenminister der westlichen Welt” und führt aus:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele oder Fußfesseln für Schulschwänzer, ob Nachtischverbot für Stützeempfänger, Arbeitsdienst für Fünfjährige oder Hymnenpflicht für Blogger – keine Forderung, die zu absonderlich oder zu faschistoid gewesen wäre, als dass Schünemann im Laufe seiner zehnjährigen Amtszeit sie nicht erhoben hätte oder bei der man hätte sicher sein können, dass er sie nicht noch irgendwann erheben würde.

Wer das zweifelhafte Vergnügen hatte, Anfang Juli 2012 Yücels Kolumne über den niedersächsichen Innenminister Uwe Schünemann lesen zu müssen, könnte an dieser Stelle ein Déjà-vu erlitten haben, denn damals hatte Yücel geschrieben:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele, Fußfesseln für Schulschwänzer, Knast für Fünfjährige, Nachtischverbot für Stützeempfänger – keine Forderung, die nicht zu abwegig oder autoritär wäre, als dass Schünemann sie nicht schon erhoben hätte oder sie nicht noch erheben würde.

Wenig später fährt Yücel heute fort:

“Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher”, sagte er über sich und bekannte sich, um auch mal so etwas wie eine menschliche Seite zu zeigen, zu seiner “Leidenschaft für Gummibärchen”.

Vor einem halben Jahr klang das bei ihm so:

“Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher”, sagt er über sich. Und um sich auch mal von einer menschlichen Seite zu zeigen, bekennt er sich auf seiner Homepage zu seiner “Leidenschaft für Gummibärchen” – und spätestens jetzt weiß man, dass die einzige Leidenschaft, zu der so einer fähig ist, der präfaschistische Furor des entfesselten Kleinbürgers ist.

Heute witzelt Yücel vor sich hin:

Doch während andere niedersächsische Politiker später Karriere machten und Bundesminister (Trittin, von der Leyen), Bundesvorsitzende (Rösler, Gabriel), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff) wurden, blieb Schünemann in Niedersachsen.

Im Sommer hatte er geschrieben:

Er hadert damit, dass andere niedersächsische Politiker später Karriere machten. Sie wurden Bundesminister (Trittin), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff). Nur Schünemann blieb, was er immer war. Und seit dort eine Frau Ö. oder Ü. am Kabinettstisch sitzt, ist er nicht einmal mehr der bekannteste niedersächsische Minister der Welt.

Sogar den – auf Aygül Özkan bezogenen – Umlaut-Kalauer hat er heute an anderer Stelle noch einmal aufgewärmt:

Denn der war kein Dutzendminister in der deutschen Provinz; er ist auch nicht so leicht zu ersetzen wie die andere (zumindest in Fachkreisen) halbwegs bekannte niedersächsische Ministerin, für die sich gewiss eine andere Frau Ö. oder ein Herr Ü. finden lassen wird.

Nun ist es nicht so, dass Deniz Yücel seine gesamte Kolumne aus dem Juli 2012 recycelt hätte: Ein paar Passagen hat er nicht wiederholt — vielleicht, weil er sie zuvor schon einmal wiederholt hatte.

So schrieb er vor einem halben Jahr:

Doch Schünemann genügt sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

Also ziemlich genau das, was er schon im Januar 2006 in der “Jungle World” in einem Text über Schünemann geschrieben hatte:

Doch Uwe Schünemann (CDU) genügen sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden, vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

“taz”, 2012:

Vielleicht wird seiner Ehefrau Ines im Supermarkt hinterhergetuschelt: “Die Ärmste, ihr Mann ist schon bald 50 und immer noch nur Landesminister!” – “Wie sie das bloß aushält?” – “Wenn meiner immer nur so was bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.”

Darum gibt Schünemann alles, damit sich seine Frau Ines (47) und die Kinder Milena (17) und Timo (13) nicht für den Papi (sie dürften ihn alle drei so nennen) schämen müssen.

“Jungle World”, 2006:

Mög­lichweise wird im Supermarkt hinter seiner Ehefrau getuschelt: “Die Ärmste, ihr Mann ist nur Landesminister!” – “Wie sie das aushält?” – “Wenn meiner immer nur sowas bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.”

Doch Schünemann gibt alles, damit sich seine Ehefrau Ines (40) und die Kinder Timo (6) und Milena (10) für den Papa (vermutlich werden alle drei ihn so nennen) nicht schämen müssen.

So gesehen ist Deniz Yücel doch nicht der Broder oder Wagner, sondern nur der Wolfram Weimer der Linken.

Mit Dank an Michael F. und ungeruehrt.

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