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Wenn zwei sich streiten

Das las sich gestern fast schon wie ein Happy-End. Zweieinhalb Wochen nachdem das Prominentenpaar Sylvie und Rafael van der Vaart seine Trennung bekannt gegeben hatte, titelte “Bild”:

Sylvie & Rafael van der Vaart - ALLES WIEDER GUT! Angeblich...

Im Inneren erfuhr der Leser dann auf einer halben Seite “alles über das Liebes-Comeback”:

Der eine ist ohne den anderen nur die Hälfte Wert; So läuft das Liebes-Comeback bei den van der Vaarts ab

Nun, was war passiert? Die “Bild”-Leute Christiane Hoffmann und Babak Milani erklären es gleich zu Beginn ihres Artikels:

“Der Duft nach dem Regen …

Das Gefühl nach dem Weinen …

Der Klang einer zweiten Chance …”

Sylvie van der Vaart (34) öffnete gestern Mittag öffentlich ein wenig ihr Herz. Drei Zeilen postete sie bei “Facebook”, dazu ein Foto des Sonnenaufgangs am Hamburger Hafen. Ihre Worte lassen erahnen, was für ein Gefühlschaos sie in den letzten zwei Wochen durchlebt hat. Sie signalisieren die Hoffnung auf Romantik, auf die Rückkehr der Liebe, auf die Ruhe nach dem Sturm.

Einmal in Fahrt, schwingen sich die Autoren in fast schon Wagner’sche Höhen auf:

Sylvie ohne Rafael ist wie Currywurst ohne Curry. Ein Großteil IHRER Karriere hat das starke Fundament der “Familie van der Vaart”.

Wenn du wirklich liebst, musst du irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es die Liebe nicht ohne das Leiden gibt. Die Liebe ist nicht so perfekt wie Sylvies blonde Föhnfrisur. Streit, Konflikt und böse Worte gehören dazu. Du darfst nur den Respekt nicht verlieren und deine Liebe. Und dich selbst.

Denn der Duft nach dem Regen ist wundervoll …

Hach ja.

Bild.de widmete sich derweil ebenfalls dem Dreizeiler:Sylvies hoffnungsvoller Facebook-Eintrag - Sie wünscht sich doch so sehr, dass es wieder klappt

Und lieferte gleich einen Screenshot mit:

Sylvie postete am Mittwoch diese drei Zeilen auf Facebook

Gepostet wurden “diese drei Zeilen” also auf einer Seite namens “Sylvie van der Vaart NEWS” — doch die ist, wie sich nach knapp viersekündiger Recherche zeigt, nicht das offizielle Profil der Moderatorin, sondern eine Fan-Seite. Frau van der Vaart selbst hat mit den Worten, die ihr “Bild” und Bild.de in den Mund legen und genüsslich ausschlachten, in Wirklichkeit also nichts zu tun.

Das stellten auch die wahren Verfasser des “hoffnungsvollen Facebook-Eintrags” gestern auf ihrer Seite klar:
Liebe BILD-Zeitung, liebe CHRISTIANE HOFFMANN und BABAK MILANI es freut uns dass sie unsere "Fan-Seite" (wie oben angegeben) lesen und hieraus Informationen für ihre Berichterstattung auf bild.de beziehen. Jedoch würden wir uns freuen wenn sie unsere Worte nicht als Sylvie's Worte ausgeben. Besagtes "Hafenfoto mit hoffnungsvollen Worten" haben WIR gepostet, und nicht Sylvie. Ihre Redaktion arbeitet seit Jahren sehr gut mit Frau van der Vaart zusammen. Bitte respektieren Sie Ihre Privatsphäre und produzieren Sie nicht immer neue Schlagzeilen aus Worten die nicht einmal von Sylvie selbst stammen! Vielen Dank!

Bild.de hat die betreffenden Artikel mittlerweile gelöscht.

Schon seit Jahren pflegen Sylvie van der Vaart und “Bild” ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Frau van der Vaart, ihres Zeichens “Model, Moderatorin usw.” (Bild.de), war bereits mehrfach als Kolumnistin für das Blatt tätig, sie spielte beim “Bild-Super-Manager” mit, stylte einen “Bild”-Reporter um und war einen Tag lang Chefredakteurin bei Bild.de. “Bild am Sonntag” warf einen Blick in Sylvies Kleiderschrank, “Bild” bummelte mit ihr durch ihre Heimat Eppendorf, und Bild.de zeigte sie in Dessous, in Dessous und in Dessous.

Als die Eheleute van der Vaart zu Beginn des Jahres — exklusiv in “Bild” — ihre Trennung bekannt gaben, war also schon abzusehen, dass sich das Blatt mit der Post-Trennungs-Berichterstattung nicht gerade zurückhalten würde. Dass sich die Redakteure aber dermaßen ins Zeug legten, hat dann doch ein wenig überrascht.

1. Januar:
Love-Story ohne Happy-End

1. Januar:
Sylvie und Rafael van der Vaart: Ehe kaputt!

2. Januar:
Schon nächste Woche muss Rafael ausziehen

2. Januar:
Nach diesem Foto war Schluss!

2. Januar:
Die frisch getrennten Van der Vaarts

2. Januar:
Sylvie und Rafael: Woran zerbrach ihre Ehe?

2. Januar:
Warum scheitern so viele Bilderbuch-Ehen?

2. Januar:
Post von Wagner: Liebe van der Vaarts

3. Januar:
Sylvie van der Vaart zu BILD: "Ich liebe ihn immer noch, aber die Trennung ist endgültig"

3. Januar:
Was passierte genau in der Silvester-Nacht?

3. Januar:
Was wird jetzt aus Söhnchen Damian?

3. Januar:
Rafael und Sylvie van der Vaart sprechen in BILD: Die Karriere killte ihre Liebe!

3. Januar:
Wie lange spielten sie nur noch das perfekte Paar?

3. Januar:
Das sagen Fans, Kollegen und die Welt

3. Januar:
Van der Vaart trägt noch die Liebes-Schuhe

3. Januar:
Welche Rolle spielt die Busenfreundin?

4. Januar:
Sylvie van der Vaart beim therapeutischen Shoppen

4. Januar:
Wurde Sylvie zu stark für ihren Mann?

4. Januar:
Hat diese Holländerin was mit der Trennung zu tun?

4. Januar:
Wieso quatschen sie von Liebe und trennen sich doch?

5. Januar:
Wegen Ehe-Zoff: Linken-Politiker fordern Sperre für van der Vaart
5. Januar:
Welche Rolle spielt Sylvies mysteriöses Medium?

6. Januar:
Sabia Boulahrouz weicht nicht von Sylvies Seite

6. Januar:
Glück gejagt, Liebe verloren

7. Januar:
Van der Vaarts Busenfreundin: Auch ihre Ehe ist kaputt!

7. Januar:
Sylvies Psycho-Trainerin: Ist sie die Schluss-Macherin?

7. Januar:
Van der Vaart jetzt auch noch verletzt

8. Januar:
Van der Vaart: Verletzung wegen Ehe-Aus?

10. Januar:
Möbelwagen da! Van der Vaart zieht aus

13. Januar:
Nach dem Ehe-Aus: Das ist van der Vaarts sturmfreie Bude

Am 16. Januar dann die Überraschung:Sylvie: "Wir wollen es wieder miteinander versuchen"

“Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, verrät Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug bei einem Treffen vor wenigen Tagen. UND: “Ich liebe Rafael immer noch so sehr!”

Doch im Laufe des Tages wurde das Ehe-Wirrwarr immer verrückter.Ehe-Wirrwarr immer verrückter

Am Mittwochmorgen überraschte uns die Nachricht vom Liebes-Comeback der van der Vaarts: “Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, soll Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug am Rande eines Termins verraten haben und der druckte es prompt in seinem Magazin. (…)

Nun ließ die Moderatorin den Bericht jedoch zurückweisen. Sie habe zu diesem Thema gar kein Interview gegeben, von einer Versöhnung könne keine Rede sein, teilte ihr Management mit. Das Paar stehe in gutem Kontakt, alles andere müsse die Zukunft zeigen.”

Diese Zukunft erschnupperte “Bild” dann, wie eingangs beschrieben, gestern aus dem “Duft nach dem Regen”. Eine Korrektur der Ente findet sich heute nicht im Blatt. Nur der dürre Hinweis, dass Sylvie van der Vaart ab 22. Februar eine neue RTL-Show moderieren wird. Ganz ohne Lyrik.

Mit Dank an Rene W., Frederik S., Tinnef, Nora R. und Sarah.

Blogger, Paywalls und Liveticker

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

Heute endet ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisierten in den vergangenen Wochen die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS wählten täglich sechs besondere Links aus und stellten sie im BILDblog und auf djs-online.de vor. Heute ausgewählt von Eva Thöne und Angela Gruber.

1. “Ist Bloggen ein Auslaufmodell?”
(Der Freitag, Wolfgang Michal)
Bequemer, effizienter und nicht so viele gemeine Kommentare: Weniger Internetnutzer schreiben auf Blogs offen ihre Meinung: “Ein Blog gleicht eher einer zugigen Haltestelle als einer Wohlfühlnische”, sagt Wolfgang Michal. Und beschwert sich über den “Neobiedermeier” einer Netzgemeinde, die es sich in ihrer Facebook Filterblase gemütlich gemacht hat.

2. Vertauschte Rollen
(Nieman Journalism Lab, Ken Doctor)
Die New York Times hat sie schon. Andere Zeitungen werden ihrem Beispiel wohl bald folgen und um ihre Internetauftritte eine Paywall ziehen, sagt Ken Doctor. Er analysiert, warum der rein netzbasierte Journalismus bei digitalen Erlös-Strategien den großen Verlagshäusern hinterherhinkt – und bald nachziehen muss.

3. “Wenn es Liveticker nicht gäbe, irgendjemand müsste sie erfinden”
(JakBlog, Christian Jakubetz)
Beim Krisentreffen zur Zukunft des TSV 1860 München war die Münchner “tz” ganz nah dabei – was so beim Livetickern passieren kann, wenn eigentlich gar nichts passiert, kommentiert Christian Jakubetz.

4. “Mal schnell rüberwhatsen”
(Handelsblatt, Nils Rüdel)
Die WhatsApp Inc. ist derzeit eines der erfolgreichsten Startups im Silicon Valley: Mehr als 18 Milliarden Nachrichten weltweit seien an Silvester über die Smartphone-Anwendung verschickt worden, meldete das Unternehmen. Experten aber warnen vor Sicherheitslücken.

5. Die Macht der Gefühlssymbole
(W&V, Linda Ross)
Werden in einem Facebook-Post Emoticons verwendet, steigt die Interaktionsrate beträchtlich, behauptet eine neue Studie. Die Nutzer sind demnach auch eher gewillt, solche Posts zu liken. Doch Vorsicht: Emoticon ist nicht gleich Emoticon.

6. “We own the weekend”
(Guardian, Observer, Video)
Guardian und Observer übernehmen die Herrschaft über Samstag und Sonntag – zumindest im neuen Werbespot für die Wochenendausgaben der beiden Zeitungen. Und ein gealterter Hugh Grant darf dazu auch drei Sätze sagen.

Terroristen, Andrew Sullivan und Silvester

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Daniel Schrödel und Hakan Tanriverdi.

1. Wer kritisch berichtet, landet hinter Gittern
(F.A.Z., Carl-Eugen Eberle)
In der Türkei unterscheidet die Justiz nicht zwischen Terroristen und Journalisten, die über Terrorismus schreiben. 72 Journalisten sind dort in Gefängnissen eingesperrt. Sie sind Opfer einer umstrittenen Antiterrorgesetzgebung.

2. 2013: Six Tech & Media Stories to Watch
(Time, Sam Gustin)
Das TIME-Magazine über wichtige “Technik und Medien”-Themen 2013: Rupert Murdochs Ambition im Sportfernsehen, 3D-Drucker und das Ende des Patentkriegs zwischen Google, Apple und Samsung.

3. New Year, New Dish, New Media
(The Daily Beast, Andrew Sullivan)
Andrew Sullivan hat lange Jahre für US-Medien wie “The Atlantic” und “The Daily Beast” gebloggt. Jetzt hat er sich dazu entschieden, seinen Blog – den er zusammen mit Patrick Appel und Chris Bodenner betreibt – bezahlpflichtig zu machen. Keine Werbung soll es geben, 19.99 pro Jahr sollen die Nutzer zahlen. “Hence the purest, simplest model for online journalism: you, us, and a meter. Period. No corporate ownership, no advertising demands, no pressure for pageviews … just a concept designed to make your reading experience as good as possible, and to lead us not into temptation.”

4. Zeitungen zwischen Anspruch und Realität
(meedia.de, Peter Littger)
In der Krise offenbaren Zeitungen ihr Selbstverständnis, schreibt Peter Littger. Sie halten sich für systemrelevant und übersehen dabei, dass sie in einem Wettbewerb stehen, den sie nie gewinnen können: Mit den Öffentlich-Rechtlichen. Am Ende des Artikels gibt der Beratungsunternehmer fünf Reformvorschläge für das Jahr 2013.

5. Silicon Valley vs. Brüssel: Warum bisher kein wichtiger Internetdienst in Europa entstanden ist
(Berliner Gazette, Nicolas Kayser-Bril)
Internet-Startups aus Europa haben viele gute Ideen. Der Datenjournalist und Programmierer Nicolas Kayser-Bril schreibt, warum sie sich trotzdem international nicht durchsetzen.

6. Silvester in Neukölln
(YouTube, Video)

Bunte  etc.

Keine Trennkost bei Weight Watchers

Die Feiertage haben noch gar nicht angefangen, aber die “Bunte” erzählt schon mal, wie man “mit Disziplin und der richtigen Diät” die “Weihnachtspfunde” schnell wieder loswird:

Oliver Kahn und Kati Witt verraten exklusiv in BUNTE, wie sie es geschafft haben.

In zwei Worten: Weight Watchers.

Kahn und Witt sind Werbefiguren für das amerikanische Unternehmen und seine Abnehm-Methode. Und die “Bunte” hat fünf vermeintlich redaktionelle Seiten in den Dienst der Werbebotschaft gestellt.

Das klingt im Gespräch von “Bunte”-Redakteurin Aline Götz mit Kati Witt dann zum Beispiel so:

Und wie haben Sie es geschafft?

Die Treffen mit einer Ernährungsberaterin von Weight Watchers haben mich neu motiviert und ich habe angefangen, Ernährung aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Hätten Sie das nicht auch ohne fremde Hilfe geschafft?

Ich finde, man darf und soll Unterstützung annehmen.

Von Oliver Kahn lassen sich die “Bunte”-Frauen Aline Götz und Margit Pratschko unter anderem erzählen, wie toll man mit dem Unternehmen mit dem Handy abnehmen kann:

Eine Diät erfordert eiserne Disziplin — als ehemaliger Hochleistungssportler für Sie kein Problem, oder?

Natürlich habe ich eine gewisse Disziplin. Aber man braucht gar nicht diesen Überwillen. Es ist eher eine Bewusstseinsveränderung. Ich habe gelernt, Nahrungsmittel richtig einzuschätzen, vor allem auch wie gesund etwas ist. Und mit Unterstützung durch eine App ist das Punktezählen gar nicht so anstrengend.

Oliver Kahn hat mithilfe einer App abgenommen?

Ja! Ich komme gerade vom Mittagessen: Spaghetti mit Scampi. Dann nehme ich mein Smartphone, suche bei “Restaurantgerichte” und weiß sofort: Aha, das sind so und so viele Punkte. Mit der Zeit habe ich ein richtig gutes Gefühl dafür entwickelt, welches Essen etwa wie viele Punkte hat. Ich fange morgens schon an und plane meinen Tag.

Die Überschrift hätte sich das Abnehm-Unternehmen kaum besser selbst ausdenken können (falls es sie sich nicht tatsächlich selbst ausgedacht hat):

OLIVER KAHN hatte zugelegt — wie er die Kilos ohne Quälerei loswurde, verrät er hier

Die beiden Magazin-Artikel gibt es auch in Online–Versionen, die viel kürzer sind, aber natürlich nicht auf die entscheidende Nennung des Produktnamens verzichtet.

Auch Bild.de stellt sich in den Dienst der “Weight Watchers”-Werbung und macht Kahn zum “Abnehm-Titan”. Die Nachrichtenagentur dpa hat ihn in einem Interview nach den “Weight Watchers”-Prinzipien befragt.

Erst vor zwei Tagen hatte “Bild” die Sat.1-Moderatorin Andrea Göpel schwärmen lassen, wieviel sie mit dem Unternehmensprogramm abgenommen habe. Zum vorigen Jahreswechsel war es die Schauspielerin Christine Neubauer gewesen, der die Presse Raum für “Weight Watchers”-Werbung einräumte, unter anderem in “Bild der Frau”, “Bunte” und auf stern.de.

Torwarttor und Taxifahrt zählen doppelt

Mario Balotelli gilt als spezieller Charakter, die Boulevardmedien in ganz Europa berichten gern über sein schwer zu zügelndes Temperament und seine exzentrischen Anwandlungen. Spätestens seit seinen zwei Toren im EM-Halbfinale gegen Deutschland steht der Italiener in Diensten von Manchester City auch bei den deutschen Medien im Fokus.

Gaga-Balotelli 2000 Euro für ein Taxi

Bild.de berichtete am Montag:

Der Stürmer von Manchester City hält offenbar nichts von elektronischen Navigationssystemen. Lieber lässt er sich die Strecke von Manchester nach London von einem Taxifahrer zeigen. Der teure Spaß soll ihn jetzt ganze 980 Euro gekostet haben. Pro Strecke! Inklusive Rückweg blätterte Balotelli also rund 2000 Euro hin.

Am Dienstag zog die gedruckte “Bild” nach. Eine Quelle nennen beide nicht, aber es spricht vieles dafür, dass die Geschichte ursprünglich aus dem englischen “Sunday Mirror” stammt, wo sie am Samstagabend online gegangen war.

Nur, dass der “Mirror” von ganz anderen Zahlen schreibt:

Diesen letzten Einblick in Marios Heißsporn-Welt gewährte sein Agent Raiola in einem Interview mit einem niederländischen Magazin. […]

Ein Taxi von Manchester nach London kostet atemberaubende 400 Pfund in jede Richtung!

(Übersetzung von uns.)

400 Pfund, das sind etwa 495 Euro. Macht 980 für hin und zurück und nicht “pro Strecke!”, wie Bild.de behauptet — und anschließend etwa der “Berliner Kurier”.

Der Sportinformationsdienst (sid) war beim Abschreiben erfolgreicher und kommt auf eine Summe von “insgesamt also rund 1000 Euro”.

“RP Online” hingegen ist das Kunststück gelungen, die Quelle zu nennen, aber die falsche Zahl:

Wie der englische Mirror berichtet, habe Balotelli dafür 980 Euro pro Richtung berappen müssen. Insgesamt also rund 2000 Euro.

Wie realistisch die ganze Geschichte überhaupt ist, steht auf einem anderen Blatt. Von dem “niederländischen Magazin”, dem Balotellis Agent davon laut “Mirror” berichtet haben soll, fehlt nämlich bisher jede Spur.

Mit Dank an Tim.

Bild  

“Tagesschau” hält sich nicht an “Bild”-Termin

“Spinnen die jetzt komplett?”, fragt “Bild” auf der Titelseite und es kann bei dieser Formulierung eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass “die” auch vorher schon nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hätten.

“Die”, das sind diesmal nicht die Griechen und auch nicht die Hartz-IV-Empfänger, sondern die dritten Lieblingsfeinde der “Bild”-Redaktion: die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, im konkreten Fall die ARD und deren “Tagesschau”.

[…] Insider ätzen: Bei der “Tagesschau” geht es zu wie auf dem Berliner Flughafen – große Pläne, aber nichts klappt. Ein neues Nachrichten-Studio verschlingt viele Millonen. Und wird immer teurer, weil (fast) nichts fertig wird.

“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke ließ gestern erklären: “Die Arbeiten für das Studio liegen voll im Budgetplan.” Aber konkrete Zahlen nannte er nicht.

BILD schon! Über 20 Millionen Euro Gebührengeld wurden für das neue Studio bereits vorab veranschlagt. Fürs Feinste vom Feinen: neues Design, Touchscreens, eine 20 Meter lange HD-Monitorwand, neue digitale Technik.

Das Wort “Gebührengeld” steht da nicht zufällig: “Bild” kämpft schon lange gegen die aus der Sicht der Zeitung viel zu hohen Rundfunkgebühren. Warum die allerdings nicht für ein Studio mit modernster Technik ausgegeben werden sollten, lassen die drei Autoren offen.

“Bild” hat aber noch mehr herausgefunden:

Die “Tagesschau” sollte in ihrem Mega-Studio am 26. Dezember pünktlich zum eigentlichen Geburtstag auf Sendung gehen. “Tagesschau”-Chefredakteuer Kai Gniffke hatte schon am 2. Januar 2012 in seinem Blog geschrieben: “Ende des Jahres nehmen wir unser umgebautes Studio in Betrieb.”

Jetzt plötzlich spricht Gniffke nicht mehr von “Betrieb”, sondern von “Probebetrieb”. WARUM?

Ganz einfach: weil vieles noch nicht funktioniert.

Tatsache: Das hatte Gniffke geschrieben. Nicht geschrieben hatte er allerdings, dass das Studio dann auch schon auf Sendung gehe.

Dass neue Technik nicht immer so funktioniert, wie man sich das wünscht, müssten sie bei “Bild” eigentlich am Besten wissen. Das neue Layout von Bild.de im Moment sorgt noch für einige interessante Effekte:

Andererseits könnte ein nicht funktionierendes Studio natürlich für eine dieser lustigen “Pannen” sorgen, über die “Bild” und Bild.de bei Fernsehsendern so gerne berichten.

In jedem Fall sah sich der NDR, bei der ARD verantwortlich für die “Tagesschau”, gezwungen, mit einer Pressemitteilung auf die “Bild”-Berichterstattung zu reagieren.

Darin erklärt NDR-Sprecher Martin Gartzke unter anderem:

Das neue Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen. Der Starttermin 26. Dezember wurde ausschließlich von der BILD-Zeitung behauptet, wir selbst haben aus guten Gründen bislang keinen solchen Termin gesetzt.

Tatsächlich tauchte das Datum 26. Dezember erstmals auf, als “Bild” (ebenfalls ziemlich ahnungslos) über die “neue” Erkennungsmelodie der “Tagesschau” berichtet hatte.

“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke sagte dann auch auf unsere Frage, dass niemand, der etwas von den Abläufen eines TV-Betriebs verstünde, ein neues Studio am 26. Dezember eröffnen würde: In einer solch schwierigen Phase müsse man quasi mit doppelter Besetzung arbeiten, was “völliger Unfug” wäre, wenn am 2. Weihnachtsfeiertag alle Mitarbeiter bei ihren Familien sein wollten.

Auch der Behauptung von “Bild”, Technikern seien von anderen ARD-Anstalten “eingeflogen” worden, um Fehler zu finden, widersprach Gniffke: Da man im Probebetrieb mit doppelter Besetzung arbeiten müsse (eine Crew fährt das Live-Programm, die zweite die Test-Sendungen), habe man das Team vor Ort mit erfahrenen Journalisten aus den Landesstudios verstärkt.

Das Geraune “mehrerer Insider”, die “Bild” mit den Worten zitiert, das Studio könne am Ende “bis zu 40 Millionen” kosten, kommentierte Gniffke mit den Worten, das geplante Budget von unter 25 Millionen Euro werde “sehr sicher” eingehalten.

Bleibt noch die Fußnote, in der “Bild” behauptete, Anne Will gelte als “Top-Kandidatin” bei der “Tagesschau”, weil die Nachrichtensendung “in Zukunft mehr ‘moderierende Elemente’ enthalten” und die nach Will benannte Talkshow eingestellt werden solle.

Die bezeichnet NDR-Sprecher Martin Gartzke als “völlig befremdlich”. Und fährt fort:

Es gibt keine Entscheidung über die Zukunft der Talkshows. Es gibt auch – anders als von BILD behauptet – keinen Auftrag an eine Intendantin oder einen Intendanten, für Anne Will eine andere Beschäftigung zu suchen; sie moderiert ihre Sendung außerordentlich erfolgreich. Geradezu unsinnig wäre es im Übrigen, angesichts des großen Erfolgs der Tagesschau das bewährte Sprecherprinzip aufzugeben. In diesem Fall zitiert BILD mich vollkommen korrekt mit: ‘Alles Quatsch!‘”

Haltbarkeitsdatum überschritten

Bild.de ist die Mikrowellenküche des Online-Journalismus. Statt aufwendig was Neues zu kochen, wärmen sie dort viel lieber was von gestern auf, das spart Zeit und eine Menge Arbeit.

Selbst Dinge, die schon seit Jahren im Kühlschrank vor sich hingammeln, werden bei Bild.de liebend gerne wieder hervorgeholt.

So wie die Fotostrecke „Doppelgänger des Sports“, die auf Bild.de erstmals im Jahr 2009 veröffentlicht und dann im August 2009, im Februar 2010, im Dezember 2010, im Januar 2011, im September 2011, im November 2011, im Mai 2012, im Juli 2012 und im November 2012 wiederverwertet wurde.

Darin finden sich dann etwa solche “irren Zwillinge”:Die Doppelgänger des Sports - Pavian und Paul Breitner (Fußball-Weiser)

Am vergangenen Donnerstag erschien die Klickstrecke ein weiteres Mal, mittlerweile hat sie ihr Haltbarkeitsdatum aber ein ganzes Stück überschritten:

  • Rene Adler (Foto 13) spielt nicht mehr bei Bayer Leverkusen, sondern beim Hamburger SV.
  • Lucas Barrios (Foto 14) wechselte im Sommer zu Guangzhou Evergrande in China und spielt nicht mehr bei Borussia Dortmund.
  • “Brasilien-Star” Ronaldinho (Foto 17) absolvierte sein letztes Länderspiel für die Seleção im Februar.
  • Rüdiger Kauf (Foto 23) spielt nicht mehr bei Arminia Bielefeld, sondern hat 2011 sein Karriereende bekannt gegeben.
  • Nicolas Anelka (Foto 25) ist seit Anfang 2012 Spieler bei Shanghai Shenhua und nicht mehr beim FC Chelsea.
  • Ashkan Dejagah (Foto 30) spielt seit September nicht mehr beim VfL Wolfsburg, sondern beim FC Fulham.
  • Felix Magath (Foto 43) ist nicht mehr Trainer bei Wolfsburg, sondern seit Oktober vereinslos.
  • Zlatan Ibrahimovic (Foto 45) ist seit dem Sommer bei Paris Saint-Germain unter Vertrag und nicht mehr beim AC Mailand.
  • Michael Ballack (Foto 46) hat seine Karriere im August beendet und spielt nicht mehr bei Bayer Leverkusen.
  • Andrij Schewtchenko (Foto 48) spielt nicht mehr bei Dynamo Kiew und ist seit dem Sommer auch bei keinem anderen Verein mehr unter Vertrag.

Gut, man könnte vor dem Aufwärmen natürlich den Schimmel abkratzen und ein bisschen nachwürzen, aber selbst das ist den Leuten von Bild.de offenbar schon zu viel.

Mit Dank an Steffen S.

Nachtrag, 18.03 Uhr: Einige Leser haben uns noch auf einen weiteren Fehler aufmerksam gemacht: Bei dem Affen neben Paul Breitner handelt es sich offenbar nicht um einen Pavian, sondern um einen Gibbon.

Bild.de, Skateboard, Asylunterkunft

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Unerträglich dämlich”
(taz.de, Anna Klöpper)
Anna Klöpper rezensiert die “Sachsen-WG” auf Bild.de: “Die ‘Sachsen-WG’ zeigt, dass man Scripted Reality offenbar auch prima auf Print/Online übertragen kann. Zwar will man bei Springer weder von Inszenierung etwas hören noch davon, man benutze das Vorbild des Scripted-Reality-TV für das geschriebene Wort.”

2. “Analyse: der typische Bild.de-Nutzer”
(meedia.de, Jens Schröder)
Auf den typischen “Spiegel-Online”-Nutzer folgt der typische Bild.de-Nutzer: “Er ist männlich, zwischen 14 und 29 Jahre alt, hat mindestens einen Realschulabschluss und ist berufstätig. Im Vergleich zu Spiegel Online ist er etwas weiblicher, jünger, etwas schlechter gebildet und verdient weniger Geld. Inhaltlich interessiert sich der Bild.de-Leser vor allem für Boulevard-Themen, gern mit TV-Hintergrund, sowie für Sport und das Thema Geld.”

3. “Presse-Leistungsschutzrecht: Ein Schaden für die Gesellschaft”
(telemedicus.info, Adrian Schneider)
Die Presseverleger und das Leistungsschutzrecht für Presseverleger: “Es ist vollkommen legitim, dass Verlage eine Forderung an die Bundesregierung herantragen. Die Art und Weise, wie aber gleichzeitig mit als journalistische Mittel getarnter Lobbyarbeit Druck aufgebaut wurde, ist ein Missbrauch publizistischer Macht.” Siehe dazu auch “Leistungsschutzrechtsgesetz ist Eingriff in Freiheit des Internets!” (junge-union.de), “Leistungsschutzrecht stoppen!” (vimeo.de, Video, 2:07 Minuten) und “Schluss mit Schweigen – Google-Kampagne bringt Presse zum Reden” (bluereport.net, Samantha Engelmann).

4. “Schluss mit dem Schmarotzertum: t3n fordert Berichterstattungsgebühr”
(t3n.de, Johannes Haupt)
Das Magazin “t3n” fordert “eine Berichterstattungsgebühr (BEG) für Presseverleger”: “Wir meinen: Unternehmerische und persönliche Leistungen, die Medien mittels Berichterstattung ausschlachten, kosten Zeit und Geld. Darum können wir es sehr gut verstehen, dass Berichterstattungsobjekte an den Erlösen der Verleger beteiligt werden wollen.”

5. “‘Männer, die Skateboard fahren’ – Stellungnahme der Redaktion”
(brigitte.de)
Der kurze Artikel “Erwachsene Männer, die Skateboard fahren: Steig ab, Mann!” löst eine Flut von Kommentaren und mehrere Stellungnahmen der Redaktion aus.

6. “Ein Journalist. Ein Monat. Eine Asylunterkunft.”
(asylblog.ch, Mario Fuchs)

Bild  

Denkt wieder niemand an die Kinder

Man soll ja nie von Vorsatz ausgehen, wo einfache Dummheit als Erklärung auch ausreicht. Vielleicht haben die Leute, die für die Hamburger “Bild”-Ausgabe über den FC St. Pauli schreiben, tatsächlich keine Ahnung von ihrem Gegenstand, wenn sie fragen:

Auch im Artikel rätseln die Reporter fröhlich ahnungslos vor sich hin:

Wieder einmal sorgen Ultra-Fans für Kopfschütteln – und haben offenbar endgültig eine Grenze überschritten!

Wurde die Familie von St. Paulis Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger (57) bedroht? […]

[K]urz nach der Partie am Sonntag war ein Plakat zu sehen mit der Aufschrift: “DENK AN DIE KINDER”.

Eine unfassbare Drohung gegen Stenger, der zwei Söhne im Alter von 8 und 10 Jahren hat?

Gut: Richtige Journalisten würden diese Frage vielleicht nicht ihren Lesern stellen, sondern irgendjemandem, der auch eine Antwort darauf hat. “Recherche” würde man das nennen.

Aber “Bild” hat ja laut eigener Aussage einen Kronzeugen gefunden:

So sieht es St. Paulis zweiter Vize Bernd-Georg Spies (57). Sein Kommentar: “Geschmacklos!” Stenger war vor der Jahreshauptversammlung gestern nicht zu erreichen.

Der FC St. Pauli selbst widersprach heute zunächst mal der Behauptung, das Plakat sei von den eigenen “Ultras” hochgehalten worden:

Dazu stellt der FC St. Pauli folgendes fest, falls es noch nicht bei allen durchgedrungen ist: Ultra Sankt Pauli steht mitnichten auf der Gegengerade, sondern seit über vier Jahren auf der Südtribüne. Somit ist die Interpretation, dass es sich bei dieser Aktion um eine von Anhängern der Ultra-Gruppierung inszinierte handelt, schlichtweg falsch.

Eine Antwort auf die vielen Fragen, die “Bild” so eindrücklich stellt, hätten die Reporter mit ein bisschen Mühe auch finden können: “Vermutlich nicht.”

Das für gewöhnlich gut informierte Fanzine “Übersteiger” erklärt in seinem Blog das Plakat mit der Aufschrift “Denk an die Kinder” nämlich so:

“Denk an die Kinder!” ist seit ein paar Jahren ein Running Gag innerhalb der Fanszene.
Ihr wollt wissen woher das kommt? Gerne!

Im Rahmen der Proteste gegen Montagspiele wurde wiederholt “Scheiß DSF!” auf Plakaten, Flyern und als Ruf im Stadion verwendet.

Bei einem Gespräch zwischen Präsidium und Fanszene wurden wir darum gebeten, auf diese Art der Unmutsäußerungen zu verzichten, denn (Zitat): “Denkt an die Kinder!” Denn die sind ja bekanntlich auch in diesen gefährlichen Stadien oder verfolgen das Spiel stattdessen im Fernsehen. Und: Alternativ könne man ja “Kein DSF!” rufen. Denkt an die Kinder, eben, drum!

Aber dann hätten die “Bild”-Reporter ja nicht mal mehr unbeantwortete Fragen gehabt, mit denen sie ihre Zeitung hätten füllen können. Von einer Story ganz zu schweigen.

Mit Dank an Andreas S., Maik K., Christian G., Martin und Moritz.

Bild  

Hauptsache Gewalt

Es gibt ja quasi nichts, was Journalisten nicht als Rangliste präsentieren könnten:

Wie viele gefährliche Fans hat mein Verein? Bild-Exklusiv: Gewalt-Tabelle der Bundesliga.

“Bild” berichtete am Mittwoch jedenfalls ganz aufgeregt:

Sportlich macht Aufsteiger Frankfurt Spaß. Platz 3 in der Liga. Doch auf den Rängen machen die Eintracht-Fans oft Ärger. Platz 1 in der Gewalt-Tabelle des deutschen Profifußballs.

BILD liegt die bisher geheim gehaltene Liste aus dem Bericht der “Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze” der Polizei exklusiv vor.

Anders als angeblich “Bild” liegt uns die Langfassung des Berichts nicht vor und die ZiS hat bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert. Deswegen können wir auch nicht beurteilen, ob in dieser andere Zahlen stehen als in der gekürzten Version — oder ob “Bild” sich beim Abschreiben schlicht vertan hat.

Die Zeitung jedenfalls schreibt:

Für die Saison 2011/12 sind dort 10603 Gewalt-Fans für 1. und 2. Liga vermerkt. Davon 7830 sogenannte “Kategorie B-Fans” (gewaltbereit) und 2783 aus der Kategorie C (gewaltsuchend). Ein Anstieg von 918 Personen im Vergleich zur Vorsaison.

Die gekürzte Fassung des Berichts nennt hingegen diese Zahlen:

Kategorie B: 8.480 Personen, Kategorie C: 2.893 Personen

Der Bericht selbst führt weiter aus:

Gegenüber der vorhergehenden Saison 2010/11 war damit ein Anstieg des Gesamtpotenzials um insgesamt 1.688 Personen (+ 17,5 Prozent) dieser Kategorien zu verzeichnen. Der rechnerische Durchschnitt liegt bei 316 Personen dieser Kategorien je Verein in beiden Bundesligen. Wie bereits in der Zusammenfassung ausgeführt, ist dieser Anstieg der Gesamtzahl der Personen der Kategorien B und C um ca. 1.700 Personen im Vergleich zur Saison 2010/11 im Wesentlichen auf die bereits vor der Saison absehbare brisante Zusammensetzung der 2. BL mit den Absteigern aus der BL (Eintracht Frankfurt und FC St. Pauli) und den Aufsteigern aus der 3. Liga (FC Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig, SG Dynamo Dresden) zurückzuführen, die allein in dieser Liga zu einem Anstieg des dort tätigen Gewaltpotenzials um ca. 1.100 Personen geführte (sic!) hatte. Der Anteil dieses Potenzials in der Bundesliga hatte lediglich im Rahmen der Neubewertung einzelner Störergruppen und auch durch auf- /abstiegsbedingte Schwankungen zu einem geringeren Zuwachs geführt.

Doch die ganze Polizeistatistik ist eher mit Vorsicht zu genießen. Wie unscharf und damit wenig aussagekräftig sie ist, dokumentieren vor allem die Antworten auf den Fragenkatalog von “Spiegel Online”. So wird etwa klar, dass Menschen, die “explizit durch den Einsatz von Tränengas geschädigt wurden”, genauso in die Statistik mit einfließen wie die, die von gewaltbereiten “Fans” verletzt wurden. Darüber, wie viele der 7.298 “freiheitsentziehenden Maßnahmen” letztlich zu Strafverfahren, Gerichtsprozessen und Verurteilungen führten, liegen keine Statistiken vor.

n-tv.de stellt fest:

Ähnlich wie bei der Zahl der Verletzten verhält es sich mit den 11.373 Personen, die die Behörde als Gewalttäter einstuft. Auch sie bewegt sich im Promillebereich.

Selbst “Bild”-Sportchef Alfred Draxler kommt zu dem Ergebnis, dass die sogenannten “gewaltsuchenden Fans” “nur eine kleine Minderheit” seien. Die Statistik und ihre Interpretation durch Polizei und Politik hinterfragt “Bild” aber an keiner Stelle.

Stattdessen schreibt “Bild” über einen Verein, “der noch mehr Problem-Fans hat als jeder Bundesligist – und der kickt in der 5. Liga (Oberliga Nordost)!”:

Beim Berliner FC Dynamo zählt die Polizei 760 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans (zum Teil mit rechtsradikalem Hintergrund). Und das bei einem Zuschauer-Schnitt von 728…

Der gefährlichste Klub in Deutschland!

Der BFC Dynamo widerspricht dieser Darstellung deutlich:

Nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden weist der BFC Dynamo die Anschuldigungen im Bericht der BILD-Zeitung vom 21.11.2012 entschieden zurück! Die dort erwähnten Zahlen und Fakten sind falsch und entsprechen nicht den Tatsachen.

Der Vorstand des Vereins hat sich umgehend mit der zuständigen Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Verbindung gesetzt. Auch von dort sind die in der Bild-Zeitung veröffentlichten Zahlen nicht bestätigt worden. Auch gab es seitens der BILD-Zeitung keine Anfrage an die Senatsverwaltung, so dass der Bericht nur als populistisch bezeichnet werden kann.

“Bild” war gestern unterdessen beim nächsten Thema angekommen:

Gewalt-Fans prügeln im Drogen-Rausch

Die Zeitung schreibt:

Am 11. Spieltag wurden Fans der Frankfurter Eintracht beim Auswärtsspiel in München (0:2) in Nackt-Zelten gefilzt. Bei einem wurde Kokain entdeckt. Kein Zufall?

Kleiner Haken: Das Kokain wurde nicht in den “Nackt-Zelten” entdeckt, mit denen “Bild” sowieso ihre Schwierigkeiten hatte (BILDblog berichtete), sondern ganz woanders.

Die Polizei schreibt:

Weiterhin kam es vor dem Spiel im Bereich des Busparkplatzes zu einer Begegnung von 30 – 50 Frankfurter Fußballfans mit ca. 150 Münchner Ultras. Die beiden Gruppen liefen aufeinander zu und es kam hier zu Auseinandersetzungen. (…) Ein weiterer Frankfurter Fan, der davon gelaufen war, konnte abgesetzt wegen einer weiteren Körperverletzung festgenommen werden. Bei ihm wurde dann auch noch eine Ampulle Kokain aufgefunden.

Mit Dank an Sven P., Moritz N., Benzemama, Olli, Danny W. und Stephan U.

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