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Ceci n’est pas une Lolita

Vor gut einem halben Jahr wurde den Springer-Blättern “Bild” und “B.Z.” per einstweiliger Verfügung untersagt, weiter über den angeblichen “Lolita-Skandal” bei Hertha BSC zu schreiben (BILDblog berichtete).

Jetzt hat der Verein auch Gegendarstellungen erwirkt, und zwar in der Samstagsausgabe der “B.Z.” …

Gegendarstellung - in der BZ vom 22.8.2013, S. 14, schreiben Sie unter der Überschrift "Die Spieler tauschten Lolitas Herz und ihren Körper wie Schuljungen Panini-Bilder" über Lizenzspieler von Hertha BSC Folgendes: "Worum geht es? Um Sex? Ja. Sex mit einer 16-jährigen? Ja. Sex, auch mit einem verheirateten Mann? Ja. Sex im Kinderzimmer, während unten die kleinen Geschwister spielten? Ja." Hierzu stellen wir fest: Keiner unserer Spieler hatte mit der in dem Artikel erwähnten Jugendlichen Sex. Berlin, 3.9.2013 Rechtsanwalt Christian-Oliver Moser für die Hertha BSC GmbH & Co. KG aA, vertreten durch die Hertha BSC Verwaltung GmbH, diese vertreten durch die Geschäftsführer Ingo Schiller und Michael Preetz - Anmerkung der Redaktion: Nach dem Berliner Pressegesetz sind wir zum Abdruck dieser Gegendarstellung unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt verpflichtet.

(Klick für größere Version.)

… und am gleichen Tag auf der Titelseite der Berliner “Bild”-Ausgabe:Gegendarstellung - In der BILD vom 23.08.2013, S. 1, titeln Sie über die angebliche Fußball-Lolita (16) Folgendes: "So war der Sex mit den Hertha-Stars" Hierzu stellen wir fest: Keiner unserer Spieler hatte mit der hier erwähnten Jugendlichen Sex. Berlin, 3.9.2013 Rechtsanwalt Christian-Oliver Moser für die Hertha BSC GmbH & Co. KG aA, vertreten durch die Hertha BSC Verwaltung GmbH, diese vertreten durch die Geschäftsführer Ingo Schiller und Michael Preetz. Anmerkung der Redaktion: Nach dem Berliner Pressegesetz sind wir zum Abdruck dieser Gegendarstellung unabhänhig von ihrem Wahrheitsgehalt verpflichtet.

Zum Hintergrund: Im August hatte sich das Mädchen bei der “B.Z.” gemeldet und angegeben, eine Affäre mit mehreren Hertha-Spielern gehabt zu haben. In mehreren Titelgeschichten hechelten sich “B.Z.” und “Bild” durch die “schmutzigen Details” aus dem Kinderzimmer, veröffentlichten angebliche Chatprotokolle und zeigten das Mädchen auf seitenfüllenden Fotos in Hotpants.

Wie sich später herausstellte, hatte das Mädchen die Geschichte aber offenbar erfunden. In einer eidesstattlichen Erklärung gab sie an, den Reportern eine gefälschte Unterschrift ihrer Mutter vorgelegt zu haben. Sie erstattete Selbstanzeige und versicherte außerdem schriftlich, sie habe die “B.Z.” belogen und in Wirklichkeit nie Geschlechtsverkehr mit einem Hertha-Profi gehabt (was die “B.Z.” nicht davon abhielt, noch drei weitere Titelgeschichten zum “Lolita-Skandal” zu veröffentlichen.)

Wenige Tage später wurden sämtliche Artikel aus den Online-Portalen von “B.Z.” und “Bild” gelöscht — das Landgericht Berlin hatte die Berichterstattung untersagt, weil seiner Ansicht nach keine Genehmigung der Eltern vorlag. Das allein sei schon ein grober Verstoß gegen das Presserecht.

Mehrere Wochen lang habe die “B.Z.” an der Geschichte recherchiert, sagt Hertha-Anwalt Christian-Oliver Moser, samt Fotoshooting und so weiter, doch es habe nicht ein einziges persönliches Aufeinandertreffen zwischen den Journalisten und den Eltern des Mädchens gegeben — schon allein das hätte ein warnender Hinweis für die Reporter sein müssen. “Die ‘B.Z.’ hat zumindest billigend in Kauf genommen, dass da etwas faul sein könnte”, sagt Moser, “aber sie wollte sich ihre eigene Geschichte nicht zerstören.”

Hertha will auch weiter juristisch gegen die Berichterstattung vorgehen, ebenso wie die Jugendliche selbst. Denn wie uns ihr Anwalt auf Anfrage erklärte, haben “Bild” und “B.Z.” die Abschlusserklärung zwar hinsichtlich der Fotos abgegeben, nicht aber hinsichtlich der Wortberichterstattung.

Übrigens hatte das Mädchen 5.000 Euro von der “B.Z.” bekommen, die nach Aussage ihres Anwalts aber umgehend wieder an Springer zurückgezahlt wurden. Bemerkenswert dabei: Die Journalisten hatten dem Mädchen zunächst offenbar 1.500 Euro geboten — für den Fall, dass sie den Vertrag selbst unterzeichnete. 5.000 Euro sollte es nur dann geben, wenn ein Elternteil den (wortgleichen) Vertrag unterschreibt. Daraufhin habe sie die Unterschrift ihrer Mutter kopiert.

Küss mich, wo die Sonne nie scheint

Peking und andere chinesischen Metropolen leiden mal wieder unter extremer Luftverschmutzung. Aber Smog Not macht ja bekanntlich erfinderisch:

Peking versinkt im Smog - Jetzt scheint die Sonne von Bildschirmen! - Am späten Nachmittag lässt die Regierung den Sonnenuntergang auf Bildschirmen untergehen

Smogalarm in Peking: Die 12-Millionen-Metropole versinkt in Abgasen. Sogar die Sonne kommt kaum durch den dichten Dunst. Die chinesische Regierung lässt bereits auf öffentlichen Bildschirmen und Displays die Sonne auf und untergehen.

Auch der “Express” berichtet …

Auf den großen Bildschirmen, die sonst für touristische Sehenswürdigkeiten werben, werden jetzt virtuelle Sonnenaufgänge gezeigt.

… ebenso wie Blick.ch

Damit die Bürger nicht vergessen, wie schönes Wetter aussieht, hat man nun auf den Bildschirmen am Platz des himmlischen Friedens in Peking die Bilder angepasst.

… die “Berliner Morgenpost”

So installierte die Regierung am Tiananmen-Platz eine riesige LED-Wand, um Licht ins derzeitige Dunkel der 20-Millionen-Einwohner-Metropole zu bringen.

… und “Spiegel Online”:

Ein gigantischer LED-Schirm auf dem Tiananmen-Platz in Peking zeigt einen virtuellen Sonnenaufgang. […] Die Menschen strömen mit Schutzmasken über Mund und Nase zu den großen Plätzen der Stadt, dorthin, wo große Bildschirme normalerweise touristische Sehenswürdigkeiten bewerben. Nur hier können die Chinesen in diesen Wochen einen Sonnenball erblicken.

Auch in internationalen Medien fand die kuriose Geschichte vom virtuellen Sonnenauf- bzw. -untergang (so ganz können sich die Journalisten da nicht einigen) reichlich Beachtung.

In die Welt gesetzt wurde die Meldung von der nicht gerade für ihre Zuverlässigkeit bekannte “Daily Mail”, was aber niemanden der abschreibenden Journalisten gestört hat. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass der “Daily Mail”-Reporter gar nicht in Peking sitzt, sondern in New York. Oder dass die Bildschirme schon seit 2009 auf dem Platz stehen. Oder das Logo der Touristen-Behörde der Provinz Shandong, das man bei etwas näherer Betrachtung unten rechts auf dem Bildschirm erkennen kann — und das nicht ohne Grund dort zu finden ist.

Denn das Sonnen-Video hat in Wirklichkeit einen ganz anderen Hintergrund, wie ein Journalist aus Peking berichtet:

Die Wahrheit ist, dass der Sonnenaufgang sicher weniger als zehn Sekunden zu sehen ist — als Teil einer Tourismus-Werbung für die chinesische Provinz Shandong. Die Werbung wird jeden Tag gespielt, das ganze Jahr über; unabhängig davon, wie schlimm die Verschmutzung ist. Der Fotograf hat das Foto einfach in dem Moment geschossen, als der Sonnenaufgang erschien.

(Übersetzung von uns.)

Der Autor verweist auf ein ähnliches Werbe-Video auf der offiziellen Tourismus-Website von Shandong, in dem ebenfalls viele Sonnenaufgänge zu sehen sind — und fährt fort:

Schande über alle Medien, die diese Farce verbreitet haben. China hat durchaus seine Probleme, doch die Medien haben bewiesen, dass sie viel zu sehr darauf aus sind zu kritisieren, nur um über den Schock-Faktor Klicks zu generieren. Pekings Verschmutzung ist schon schlimm genug ohne diese unehrliche Sensationsgier.

Time.com, “CBS News” und andere internationale Medien haben sich inzwischen korrigiert. Die deutschsprachigen Medien nicht.

Mit Dank an Lars A.

Nachtrag, 23. Januar: “Spiegel Online” hat den Text transparent korrigiert.

AP  etc.

Fackellauf und Fahnenfluch

Beim olympischen Fackellauf in Russland ist am Wochenende ein Mann festgenommen worden. Den Grund dafür beschreibt die Nachrichtenagentur AP so:

Ein homosexueller Aktivist ist bei dem Staffellauf mit der olympischen Fackel in Russland festgenommen worden, weil er eine Regenbogenfahne zeigte. Von seinen Freunden ins Internet gestellte Fotos zeigen Pawel Lebedew, wie er die Fahne herausholt und dann von Sicherheitsleuten überwältigt wird.

Viele deutsche Medien griffen die Meldung auf:
Schwuler Demonstrant bei Olympia-Fackellauf festgenommen - Bei einem Staffellauf mit der olympischen Fackel ist ein homosexueller Aktivist festgenommen worden. Er hatte am Rande der Strecke eine Regenbogenfahne gezeigt.

(Screenshot: abendblatt.de)

In den Artikeln entsteht der Eindruck, als hätten die Sicherheitskräfte den Mann plötzlich in der Menge entdeckt und sofort festgenommen — nur “weil er eine Regenbogenfahne zeigte.”

Was der Leser aber nicht erfährt: Es gibt noch mehr Fotos von dem Vorfall. Und die legen einen etwas anderen Schluss nahe. Denn der Aktivist hat die Flagge nicht etwa nur “am Rande der Strecke” gezeigt, sondern die Absperrung durchbrochen:Screenshot: https://vk.com/wall-38905640_219636?&offset=20Screenshot: https://vk.com/wall-38905640_219636?&offset=20Screenshot: https://vk.com/wall-38905640_219636?&offset=20Screenshot: https://vk.com/wall-38905640_219636?&offset=20

Auch eine Sprecherin der Aktivistengruppe erklärte später:

“[Lebedew] wurde festgenommen, weil die Straße für den Fackellauf gesperrt war und niemand vor die Absperrung durfte.”

(Übersetzung von uns.)

Die Regenbogenflagge war in diesem Fall also offensichtlich doch nicht der (alleinige) Grund für das Einschreiten der Sicherheitsleute — auch wenn so etwas durchaus zu Putins Umgang mit Homosexuellen passen würde.

Mit Dank an Uwe S.

Nachtrag, 23. Januar: Queer.de hat sich kritisch mit unserem Beitrag auseinandergesetzt: “Die Absperrung in unseren Köpfen”

Bild  

Enteignet Gysi!

Gab es eigentlich schon einmal eine Bundesregierung, die mit so viel Macht ausgestattet war wie die neue Große Koalition? Fragen wir die “Bild”-Zeitung von heute:

Die Große Koalition steht. Heute wird Angela Merkel (59, CDU) als Bundeskanzlerin vereidigt. Ihre Große Koalition hat mehr Macht als jede Regierung in 50 Jahren zuvor — und nie war die Opposition so schwach.
(Seite 1)

Seit fast 50 Jahren war keine Regierung im Bundestag und Bundesrat mit so viel Macht und mit solch erdrückender Mehrheit ausgestattet wie diese Große Koalition.
(Seite 4 oben)

Es ist die mächtigste Regierung seit mehr als 40 Jahren! (…) Die Liliput-Opposition aus Linkspartei und Grünen ist machtlos.
(Seite 4 unten)

Wenn wir das nicht ganz falsch interpretieren, meint die “Bild” also, dass es in den vergangenen 40 bis 50 Jahren keine Bundesregierung gab, die so mächtig war wie die neue Große Koalition. Sie ist so mächtig, dass es überhaupt nur eine Institution in Deutschland gibt, die es mit ihr aufnehmen kann.

Richtig:

16 “Bild”-Mitarbeiter werden gezeigt, die von nun an kritisch über die Bundesregierung berichten sollen, was womöglich den als erstes genannten Bela Anda (SPD), den früheren Regierungssprecher Gerhard Schröders, selbst verblüfft hat. Die Kernkompetenz der 16 liegt anscheinend überwiegend in lustig gemeinten Wortspielen …

“Ich mache Theater, wenn Kultur nur als Gedöns behandelt wird!”

“Ich schieße scharf, wenn das Verteidigungsministerium ein Chaos-Haus bleibt!”

“Ich haue auf den Putz, wenn die Kosten für Mieter und Eigentümer explodieren.”

“Ich sage ‘Stop!’, wenn Autofahrer über die Maut Finanzlöcher stopfen müssen.”

… teilweise aber auch in Hybris:

“Ich lasse nicht zu, dass Jobs kaputtgemacht und Arbeitgeber drangsaliert werden.”

Zunächst aber greift “Bild” nicht die Regierung an, sondern die Opposition aus Linkspartei und Grünen: “Noch nie”, schreibt “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann in seinem Kommentar, “gab es einen Bundestag, in dem die Opposition ganz ohne bürgerliche Stimmen auskommen musste.”

Auf die Regierungserklärung von Angela Merkel wird künftig Oppositionsführer Gregor Gysi antworten. Der Mann, der die alten SED-Kader salonfähig machte.

Das ist nicht gut für Deutschland!

Wenn es keine bürgerliche Opposition im Bundestag gibt, dann muss sich diese Stimme außerhalb des Parlaments Gehör verschaffen.

Deshalb geht BILD in die Opposition. Und wird Außerparlamentarische Opposition. APO!

Die Anmaßung als “APO” kann man als eine nachträgliche Verhöhnung der Bewegung sehen, die von der “Bild”-Zeitung Ende der sechziger Jahre diffamiert und mit größter Schärfe bekämpft wurde.

Bei der Gelegenheit klittert “Bild” aber ein bisschen auch die noch nicht so weit zurückliegende Geschichte und behauptet: “BILD hatte mit seinen Vorhersagen zur GroKo recht!”

Am 15. Juni 2013 hätte das Blatt geschrieben: “Die Große Koalition kommt zurück!“ und damit auch recht behalten. Das ist richtig. In demselben Artikel sagten Nikolaus Blome (heute “Spiegel”) und Stephan Haselberger aber u.a. auch “klar” voraus, dass die FDP in den Bundestag einziehen werde und die Union “(wie so oft) an der Urne schlechter abschneiden [wird] als vorher in den Umfragen”. Nun ja.

Eine weitere angeblich richtige Vorhersage laut “Bild” von heute:

8. November 2013: “Wird Gabriel der Mega-Minister der Großen Koalition?” BILD sagt Gabriel als Vizekanzler und als Minister für das “Mega-Projekt Energie” und für das “Mega-Projekt Wirtschaft” voraus — und BILD liegt wieder richtig.

Kunstvoll hat “Bild” in den Zitaten das dritte “Mega-Projekt” weggelassen, das sie ihm damals zugeschoben hatte: Das “Mega-Projekt Infrastruktur”. Von einem “speziell auf ihn zugeschnittenen Mega-Ressort für Energie, Wirtschaft und Infrastruktur” hatte “Bild” damals gesprochen — von der Infrastruktur ist heute keine Rede mehr.

Kai Diekmann kündigt an:

BILD wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade.

Und bestimmt: ohne Besinnung.

Von alten Enten und toten Hunden

Wenn jemand im Internet die Geschichte vom toten Hund erzählt, dann wird sie in der Regel so eingeleitet:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten … mein Chef erzählte sie mir und es soll sich um Bekannte von ihm handeln.

Oder so:

Die folgende Geschichte hat mir ein guter Freund erzählt, die angeblich der Cousine eines Arbeitkollegen pasiert sein soll.

Oder so:

War gestern bei einer Weiterbildungskollegin und die hat mir eine Story erzählt, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie ist wirklich passiert und kein Witz!

Im Kern ist die dann folgende Geschichte immer gleich: Sie handelt von irgendwem, der irgendwann mal in irgendeiner Stadt einen Spaziergang mit seinem Hund gemacht hat. Vor dem Eingang eines Kaufhauses fiel der Hund plötzlich und bedauerlicherweise tot um. Schock, Trauer – und die Frage: Wohin mit dem toten Tier? Irgendjemand besorgte aus dem Kaufhaus einen Karton, der Hund wurde darin verstaut, es gab eine kurze Ablenkung und schwupps! hatte ein Dieb den Karton samt Hund geklaut. Armer Hund, Pech für den Dieb, hihi.

Seit mindestens zwölf Jahren wird diese Geschichte erzählt — in den verschiedensten Varianten. Mal ist es ein Dackel, mal ein Schäferhund, mal ein Berhardiner; mal spielt die Geschichte in Düsseldorf, mal in Frankfurt, mal in Siegen; mal vor einem Eletronik-Laden, mal vor einem Einkaufszentrum, mal vor einer Mode-Boutique. Und nicht nur hierzulande: Auch in Österreich taucht die Story vom geklauten toten Hund seit Jahren immer wieder auf.

Beweise gibt es allerdings nie. Keine Polizeiberichte, keine Überwachungsvideos, keine Fotos. Mit den Betroffenen selbst hat noch nie jemand gesprochen, alles beruht immer nur auf den Aussagen eines Bekannten einer Freundin der Cousine einer Arbeitskollegin. Aber: “wirklich passiert, kein Witz!”

2010 schaffte es eine Version der Geschichte sogar in die “Süddeutschen Zeitung”. Der Autor schrieb:

Manche Geschichten klingen unglaublich und leiden sehr darunter, dass sie in verschiedenen Versionen kursieren. Nun haben allerdings ein paar Freunde in Feldkirchen gerade eine Geschichte zum besten gegeben, die angeblich verbürgt sein soll, wegen einer gewissen emotionalen Delikatesse aber nicht ganz exakt auszurecherchieren ist.

Er hätte auch schreiben können:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten …

In der “SZ”-Version spielt die Geschichte in München vor einem Einkaufszentrum. Hund tot, Karton geklaut.

Es war nicht das erste Mal, dass der tote Hund in der Presse auftauchte. Schon sechs Jahre zuvor hatte die “Badische Zeitung” über einen solchen Fall berichtet. Tatort seinerzeit: Frankfurt, Messegelände. Die “taz” hörte im gleichen Jahr von einem Fall in Speyer, vor dem Media Markt. Vergangenes Jahr schilderte die “Rheinischer Post” einen Fall aus Düsseldorf, Königsallee.

Und weil der “Süddeutschen Zeitung” die Geschichte offenbar so gut gefällt, hat sie gestern gleich noch eine Version erzählt:

Mops-Dieb - Tüte mit totem Hund geklaut

Diesmal: München, Residenzstraße. Vor einem teuren Modegeschäft fällt ein Mops tot um. Und so weiter.

Eine Quelle für die Geschichte hat der Autor nicht angegeben. Spontan hätten wir ja auf die Cousine des Bekannten einer Freundin getippt.

Auf Nachfrage erklärte uns die “SZ”, es gebe gleich zwei Quellen: Und zwar erstens eine Bekannte der Hundebesitzerin. Und zweitens die Angestellten aus dem Modegeschäft. Die hätten versichert, dass zumindest der erste Teil der Geschichte (toter Hund wird eingepackt) wahr sei, das sei ja in ihrem Geschäft passiert. Und der Rest stimme auch, schließlich sei die Dame, deren toter Mops gestohlen wurde, die Schwiegermutter einer ehemaligen Mitarbeiterin. (Wir waren nah dran.)

Selbst wenn die Geschichte vom toten Hund diesmal tatsächlich stimmen sollte, wäre sie schon mindestens ein halbes Jahr alt. Laut  “SZ” soll der Diebstahl “irgendwann in der ersten Jahreshälfte” geschehen sein.

Bei der Münchner Polizei hat man allerdings noch nie etwas von dem Fall gehört.

Mit Dank an Matthias und Basti.

Buzzfeed, Gimmicks, Hamed Abdel-Samad

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Im Unglück ermitteln – wozu eigentlich?”
(eigenwach.wordpress.com)
Carmen Epp stellt den Nutzen einer Unglücksberichterstattung infrage: “Was bringen Bilder von Unglücksfällen dem Leser bzw. Zuschauer? Ich behaupte: wenig. Helfen Aussagen von traumatisierten Personen dem Publikum, sich eine Meinung zu bilden? Ich behaupte: nein.”

2. “Yvonne Bauer: ‘Tom Cruise ist sehr klagefreudig'”
(blogs.faz.net/medienwirtschaft, Jan Hauser und Johannes Ritter)
Yvonne Bauer, Verlegerin der Bauer Media Group, spricht über die Falschberichterstattung ihrer Zeitschriften: “Unsere Redakteure arbeiten verantwortungsvoll. (…) Fehler können natürlich passieren. (…) Faktencheck ist bei uns, wie überall in der Branche, journalistischer Alltag.” Siehe dazu auch die Blogbeiträge zu den angesprochenen Zeitschriften “Freizeit Woche” und “Schöne Woche” im “Topf voll Gold”.

3. “Magazin-Menschen (2): Die Gimmick-Einkäuferin – ‘Quengelfaktor allein reicht nicht'”
(kioskforscher.wordpress.com, Markus Böhm)
Markus Böhm befragt Jana Gurung, die beim Egmont Ehapa Verlag für den Einkauf von Gimmicks verantwortlich ist. “Extras sind wichtig, um im Regal Aufmerksamkeit zu bekommen, schließlich entscheidet auch der Quengelfaktor der Kinder, welches Heft gekauft wird.”

4. “TOP 10 BEST EVER WTF OMG REASONS BUZZFEED FIRED ME, LOL!”
(gawker.com, Mark Duffy, englisch)
Der 53-jährige Mark Duffy wird von Buzzfeed entlassen: “I was ‘officially’ fired at my apartment on Halloween, via a letter delivered by UPS. Inside the envelope were two copies of the legal document, one to sign and return and another for my records. Both copies had CUTE stickers affixed to the first page. I did not LOL.”

5. “Hoffen für Hamed”
(tagesspiegel.de, Caroline Fetscher)
Hamed Abdel-Samad wird seit Sonntag in Kairo vermisst.

6. “Medien adeln einfache Geste Obamas zur Heldentat”
(kobuk.at, Sophia Dollsack, mit Video, 26 Sekunden)

TF1, Tacloban, Sex im Amt

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Schmutzkampagne gegen Landrat”
(buergerblick.de)
Hintergründe zur gestrigen Titelschlagzeile “Bayerischer Landrat: Sex im Amt” der “Bild am Sonntag”, inklusive einer Stellungnahme des betreffenden Landrats.

2. “Lessons in life from the hell of Haiyan”
(blogs.afp.com, Agnes Bun, englisch)
Agnes Bun berichtet über die Verwüstungen durch Taifun Haiyan in Tacloban: “Often people asked me to film them in the mad hope that I would help them to pass on their personal messages. ‘Mother, I am alive,’ they would say in front of my camera. Of course, it was not possible for me to pass on dozens of desperate messages. But how could I get them to understand this? How could I refuse their pleading? How could I quash the only glimpse of hope that they could see amid this complete destruction? Impossible. So I complied — I filmed them, although I knew I would never use these images. They thanked me profusely. It broke my heart to be doing this. I felt guilty and weak. But I also saw that this sad charade seemed to really lift their spirits.”

3. “Hollande hué le 11 novembre : TF1 admet une erreur de manipulation”
(lemonde.fr, inklusive Video, 2:17 Minuten, französisch)
Der französische TV-Sender TF1 räumt ein, in einem Bericht des “Le journal de 20 heures” über den Besuch von Präsident François Hollande in Oyonnax Tonaufnahmen von Buhrufen versetzt zu haben: “Il s’agit ‘d’une erreur regrettable sans volonté de déformation de la réalité’, a ajouté Mme Nayl.”

4. “Nach 150 Jahren: US-Zeitung entschuldigt sich für Kritik an Lincoln”
(spiegel.de)
“The Patriot News” entschuldigen sich für einen 1863 publizierten Kommentar zur Gettysburg-Rede von Abraham Lincoln.

5. “Unsere Antwort an die ÖFB-Fußballer”
(österreich.at)
“Österreich” reagiert auf den offenen Brief des österreichischen Fußball-Nationalteams: “Wir verwahren uns ausdrücklich gegen den Vorwurf, Interviews abgedruckt zu haben, die nicht stattgefunden haben. Wir können belegen, dass jedes ÖSTERREICH-Interview auch geführt wurde, und meinen: Wenn man etwas behauptet, sollte man es auch konkret belegen können.”

6. “Beziehungsdrama im Vorderhaus – Der neue Serienkracher aus Deutschland”
(schleckysilberstein.com)

Man sollte nicht die Hälfte weglassen

Der Chef der indischen Bundespolizei steht derzeit massiv in der Kritik. Auf einer Konferenz hatte er seine Haltung gegenüber Sportwetten zum Ausdruck bringen wollen: Diese sollten legalisiert werden, weil ein Verbot schwer durchzusetzen sei.

Seine Wortwahl war allerdings völlig daneben:

Wenn man das Verbot von Sportwetten nicht durchsetzen kann, ist es, als würde man sagen: “Wenn man eine Vergewaltigung nicht verhindern kann, sollte man sie genießen”.

(Übersetzung von uns.)

Ohne Frage ein wirklich dummer Vergleich.

Aber mit Dummheit kennen sich deutschsprachige Medien ja aus. Und so wurde aus dem Zitat heute das hier:

“Focus Online”:
Skandal-Aussage entsetzt indien - Indischer Polizei-Chef rät, Vergewaltigungen zu genießen

Augsburger-allgemeine.de:Polizeichef: "Vergewaltigung sollte man genießen"

Heute.at:Welle der Empörung in Indien - Polizeichef: "Man soll Vergewaltigung genießen"

Hna.de:Abscheulicher Kommentar von Polizeichef: "Vergewaltigungsopfer sollten es genießen"

Bild.de:INDISCHER POLIZEICHEF KOMPLETT IRRE - "Vergewaltigungen sollte man genießen"

20min.ch:INDIENS POLIZEICHEF - "Man sollte die Vergewaltigung genießen"

Welt.de:Indien - Polizeichef rät dazu, "Vergewaltigung zu genießen"

Kurier.at:Polizeichef rät: "Vergewaltigung genießen"

T-online.de:Empörung in Indien - Polizeichef empfiehlt: Vergewaltigun "ruhig genießen"

Dass damit die Aussage des Polizeichefs ziemlich verzerrt wird, hat bislang nur “RP Online” gemerkt – und die Überschrift transparent in “Polizeichef sorgt mit Vergewaltigungs-Vergleich für Proteste” umgeändert.

Mit Dank an Marc B.

Nachtrag, 19.45 Uhr: Bild.de, Welt.de, Hna.de und “Focus Online” haben ihre Überschriften geändert.

Nachtrag, 14. November: Bis auf Heute.at haben sich jetzt auch die anderen Medien mehr oder weniger korrigiert.

Lügen haben dicke Beine

Bild.de schreibt seit gestern Abend:

Gesundheitspolitiker fordern: Straf-Steuer für Dicke!

… und in der Bildunterschrift heißt es:

Übergewichtige sollen nach Auffassung von Gesundheitspolitikern zukünftig eine Strafsteuer zahlen

Im Text wird dann aber schnell klar, dass die Politiker in Wahrheit lediglich vorgeschlagen haben, eine Zusatzsteuer auf besonders fetthaltige und zuckerreiche Nahrungsmittel einzuführen. Und die müssten logischerweise nicht nur Übergewichtige, sondern alle Menschen zahlen.

Merke: Nicht immer ist das drin, was draufsteht — und das gilt nicht nur für Fast Food.

Mit Dank an Jonas L., Patrick G. und Daniel M.

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