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Man muss sich schämen

In ihrem großen “LIVE-TICKER” zum Coronavirus schrieb die “Bild”-Redaktion am vergangenen Freitag:

Webasto beklagt Ausgrenzung von Mitarbeitern
Die Angst vor dem Coronavirus führt offenbar zur Ausgrenzung von Webasto-Mitarbeitern und deren Angehörigen. “Uns erreichen vermehrt Meldungen von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehören, dass sie und ihre Familien von Institutionen, Firmen oder Geschäften abgewiesen werden, wenn bekannt wird, dass sie bei Webasto arbeiten”, sagte der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Freitag. “Wir verstehen, dass die aktuelle Situation Menschen verunsichert und auch ängstigt, aber das ist eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter.”

Einer Sprecherin zufolge haben Mitarbeiter unter anderem davon berichtet, dass ihre Eltern oder Ehepartner von deren Arbeitgebern nach Hause geschickt worden seien. Kinder seien von Kindergärten nicht mehr angenommen worden. In einem Fall habe es zudem eine Autowerkstatt mit Verweis auf das Virus abgelehnt, das Auto eines Mitarbeiters zu reparieren.

Diese Ausgrenzung ist natürlich völlig daneben. Gut, dass Bild.de dem Webasto-Vorstandsvorsitzenden die Möglichkeit gibt, deutlich zu sagen, dass diese Situation “eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter” sei.

Einen Tag später beantwortete “Bild” dann “DIE WICHTIGSTEN FRAGEN ZUM AUSBRUCH DER SEUCHE”. Darunter diese:

Screenshot Bild.de - Muss ich mich schämen, wenn ich aus Angst vor Ansteckung asiatisch aussehenden Menschen aus dem Weg gehe?

Anders als bei den Webasto-Angestellten, wies bei der Ausgrenzung “asiatisch aussehender Menschen” niemand darauf hin, dass dies für die Betroffenen “eine enorme Belastung” sei. Stattdessen lieferte ein “Angst- und Traumaforscher” eine Rechtfertigung:

Christian Lüdke, Angst- und Traumaforscher: “Aus fachlicher Sicht ist die Angst absolut nachvollziehbar. Wir Menschen haben ein gleichbleibendes Angstniveau. Was sich ändert, ist die Angstrichtung. Und durch die aktuellen Realängste vor dem Corona-Virus bedeutet das, dass sich unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Chinesen richtet.”

Lüdke weiter: “Angst ist eine Grundbefindlichkeit und muss ernst genommen werden. Sie lässt uns in einen Überlebensmodus schalten. Und sie hilft uns letztlich, mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen.”

Das ist die komplette Antwort auf die Frage. Keine weitere Einordnung, kein Hinweis auf Rassismus. Bei “Bild” wird der Eindruck vermittelt, dass es völlig in Ordnung und sogar hilfreich wäre, um “mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen”, wenn man Menschen nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Herkunft anders behandelt und Angst vor ihnen hat.

Beim “Tagesspiegel” beschreibt Marvin Ku den Rassismus, den er erlebt, “seit sich das Coronavirus ausbreitet”. Und auch der “Express” schreibt in seiner Sonntagsausgabe, “dass die ganz subjektive Sorge vor einer Ansteckung offenbar in generelle Ausgrenzung und Rassismus umschlagen kann” — was sich auf einen Fall bezieht, bei dem eine Frau mit ihrer Tochter fluchtartig einen Kölner Asia-Markt verlassen hat. Auf Seite 1 macht die Redaktion so auf das Thema aufmerksam:

Ausriss Titelseite Kölner Express - Coronavirus-Panik - Angst vor Kölns Chinesen - Die wehren sich: Wir sind nicht krank. Das ist Rassismus.

Was bewirkt so eine Titelseite wohl (bei der Passanten, wenn sie am Kiosk vorbeigehen, nicht mal die Unterzeilen richtig sehen können): Dringt die Kritik an der falschen Angst durch? Oder befeuert sie sie?

Mit Dank an Barbara W. und Mario V. für die Hinweise!

Bis sich die Balken biegen (10)

Vielleicht braucht man bestimmte Medikamente, die derzeit nicht geliefert werden können, um dieses Balkendiagramm aus der Wochenendausgabe der “Eßlinger Zeitung” verstehen zu können. Ohne blickt man jedenfalls nicht ganz durch:

Ausriss aus der Eßlinger Zeitung - In den Apotheken kommt es trotz des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung von 2019 zu Lieferengpässen bei bestimmten Medikamenten. Wie sind Ihre Erfahrungen? - dazu Balken, die überhaupt nicht zu den dargestellten Prozentwerten passen

Mit Dank an Thomas für den Hinweis!

“Bild” spielt üblen Klimafehlpass

Irgendwas mit Geflüchteten, irgendwas gegen die Grünen — das landet bei “Bild” und Bild.de selbstverständlich auf der Titel- und Startseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Heftige Kritik von anderen Parteien - Grüne wollen deutschen Pass für Klima-Flüchtlinge
Screenshot Bild.de-Startseite - Plan der Grünen - Klima-Flüchtlinge sollen deutschen Pass bekommen

Über den “PLAN DER GRÜNEN” schreiben Filipp Piatov, Karina Mössbauer und Peter Tiede:

Kann jeder Klima-Flüchtling bald Deutscher werden?

Dieser Grünen-Plan hat es in sich: Ganze Bevölkerungsgruppen sollen wegen des Klimawandels umsiedeln dürfen. Und zwar AUS der ganzen Welt IN die ganze Welt!

Es geht um sogenannte Klimapässe. Das “Bild”-Trio erklärt das folgendermaßen:

Klima-Flüchtlinge aus aller Welt sollen in Industrie-Länder auswandern dürfen. Auch nach Deutschland. Und bei Ankunft gleich den deutschen Pass bekommen. “Eine Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land kann eine Option sein”, sagte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (64, Grüne) zum Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Natürlich verdrehen Piatov, Mössbauer und Tiede Claudia Roths “kann eine Option sein” direkt in “gleich den deutschen Pass bekommen”. Und sie verzichten darauf, einen ganz entscheidenden Satz Roths ebenfalls zu zitieren. Auf die Frage “Sollen die Betroffenen bei Ankunft in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten?” antwortete die Grünen-Politikerin im Interview mit dem “Redaktionsnetzwerk Deutschland”:

Das internationale Recht fordert dazu auf, Staatenlosigkeit zu vermeiden. Genau solche Fragen müssen wir also dringend international diskutieren. Eine Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land kann eine Option sein.

(Hervorhebung durch uns.)

Es geht Claudia Roth bei ihrer Aussage zur Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land also nicht um “jeden Klima-Flüchtling”, wie “Bild” es ins Spiel bringt, sondern nur um die, bei denen eine Staatenlosigkeit droht. Ausführlicher wird das in einem Antrag der Bundestagsfraktion der Grünen (PDF) erklärt:

Auch muss sich die internationale Staatengemeinschaft darauf einigen, wie sie mit dem erwartbaren Verlust ganzer Staatsgebiete umzugehen gedenkt. Entsprechende Debatten und Verhandlungen bedürfen deutlich mehr Nachdruck. Wenn absehbar ist, dass beispielsweise Inselstaaten im Pazifik vollständig verschwinden, muss dringend festgelegt werden, welche völkerrechtlichen Folgen der Verlust des Territoriums für die Betroffenen, ihre Staatsangehörigkeit und ihren Schutzanspruch mit sich bringt. Es ist dafür Sorge zu tragen, dass Staatenlosigkeit de facto und de jure verhindert wird. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, Lösungen international voranzutreiben — etwa die Idee eines Klimapasses, dessen individueller Ansatz den Betroffenen ermöglicht, selbstbestimmt und frühzeitig über ihre Migration zu entscheiden.

Roth spricht in diesem Zusammenhang zum Beispiel von “den Bürgerinnen und Bürgern pazifischer Inselstaaten wie Tuvalu oder Kiribati”, “deren Land vollständig im Meer zu verschwinden droht”.

Das Ziel des “Grünen-Plans” ist übrigens auch nicht primär, dass Personen “AUS der ganzen Welt IN die ganze Welt”, etwa nach Deutschland, umsiedeln. Danach gefragt, ob es nicht erstmal darum gehen müsse, “dass Menschen in ihrer Heimat bleiben können”, antwortete Claudia Roth:

Unbedingt, das muss oberste Priorität haben

Und auf die Frage, ob die Menschen, die wegen des Klimawandels bereits heute umsiedeln oder fliehen müssen, “herkommen dürfen” sollen:

Die wenigsten wollen das. Natürlich will die Kaffeebäuerin aus dem Benin nicht nach Bamberg ins Anker-Zentrum. Wenn sie schon umsiedeln muss, dann wenigstens regional. Es geht also primär darum, Mechanismen und Lösungsansätze vor Ort zu unterstützen — in der afrikanischen Tschad-Region zum Beispiel, wo große Dürre herrscht, oder in Bangladesch, wo ganze Landstriche vom Meer verschluckt werden.

Auch im Antrag der Grünen heißt es nicht etwa, dass bloß alle “Klima-Flüchtlinge” nach Deutschland kommen sollen, sondern: “den Betroffenen das Recht zu garantieren, innerhalb ihres Landes, in der Region und gegebenenfalls über die eigene Region hinaus umzusiedeln”.

Das “Redaktionsnetzwerk Deutschland” hat Claudia Roth noch gefragt, ob sie denn keine Sorge habe, mit ihren Forderungen “den migrationsfeindlichen Diskurs zu befeuern”. Roth sagte dazu:

Ich lasse mich in meiner Politik nicht von Angst leiten. Sonst hätten die Angstmacher längst gewonnen.

Der “Bild”-Artikel von heute zeigt, dass die Angstmacher es auf jeden Fall weiter versuchen.

“Bild”-Chef schafft “Weihnachten” ab

Wir wünschen entspannte und besinnliche Feiertage und ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2020.

So lautet der Spruch in der Grußkarte von “Bild”, “Bild am Sonntag” und “B.Z.”, die die Medienjournalistin Ulrike Simon heute bei “Horizont” präsentiert. Aber fehlt da nicht was? Wo steckt denn “das wichtige Wort: Weihnachten”? Will Julian Reichelt, der als Chef der Chefredakteure für alle drei Blätter verantwortlich ist, etwa eines der zentralen christlichen Feste abschaffen?

Eigentlich wäre das alles nicht der Rede wert, wenn es für die “Bild”-Medien vor ziemlich genau einem Jahr nicht der Rede der Aufregung der Kampagne wert gewesen wäre, dass in einer Weihnachtskarte der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz das aus “Bild”-Sicht “wichtige Wort: Weihnachten” fehlte.

Mehrere Tage versuchten sie bei “Bild” und Bild.de, Widmann-Mauz fertigzumachen und aus dem Amt zu schreiben:

Collage mit Screenshots von Bild.de und Ausrissen aus der Bild-Zeitung - Peinliche Karte aus dem Kanzeramt - Integrations-Beauftragte schafft Weihnachten ab - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten - Kritik-Stum wegen beschämender Weihnachtskarte - Warum ist sie Integrationsministerin?

Filipp Piatov und Franz Solms-Laubach regten sich über die “peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt” auf. Solms-Laubach kommentierte zusätzlich: “Instinktloser Unsinn!” Briefonkel Franz Josef Wagner schrieb an die “Liebe Integrationsministerin”. Und die Redaktion ließ den selbst initiierten “Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte” über Widmann-Mauz ziehen. Es war eine typische “Bild”-Kampagne, in der Julian Reichelt und sein Team aus purer Lust auf Krawall eine Kleinigkeit zum großen Skandal aufbliesen. Und für alle ganz Rechten, die das Abendland untergehen sehen, war es ein gefundenes Fressen für Hass und Hetze.

Ulrike Simon schreibt bei “Horizont”, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags das fehlende “Weihnachten” noch bemerkt haben sollen:

Glück gehabt, dass Bild den eigenen Faux-pas in diesem Jahr rechtzeitig erkannte. Pech, dass HORIZONT eine von mehreren tausend Karten vor dem Einstampfen retten konnte.

Mit Dank an Max für den Hinweis!

Bis sich die Balken biegen (9)

Um zu zeigen, dass das alles ganz schrecklich werden dürfte mit dem designierten neuen SPD-Führungsduo, präsentiert Welt.de:

Screenshot Welt.de - Wirtschaft - Norbert Walter-Borjans - Die bisherige Schulden-Bilanz des künftigen SPD-Chefs

Norbert Walter-Borjans war von 2010 bis 2017 Finanzminister in Nordrhein-Westfalen. Diese Zeit hat sich “Chefökonomin” Dorothea Siems noch einmal genauer angeschaut. Und zu einer richtigen “Schulden-Bilanz” gehört natürlich auch eine ordentliche Grafik. Et voilà:

Screenshot Welt.de - Hoffnungslos überschuldet - dazu eine Grafik laut der der Schuldenstand Nordrhein-Westfalens Ende 2015 etwa 35 Billionen Euro betrug
(Draufklicken für größere Version.)

Nun wäre da erstmal die Frage, warum Welt.de eine Grafik mit “Stand: 31. Dezember 2015” wählt. Walter-Borjans war bis Ende Juni 2017 Finanzminister in Nordrhein-Westfalen. Warum nimmt die Redaktion also nicht den Schuldenstand, den er der Folgeregierung hinterlassen hat? Vielleicht weil dieser etwas niedriger war als jener Ende 2015? Oder vielleicht einfach nur weil diese Grafik schon fertig in irgendeinem Archiv lag, und bei Welt.de niemand Lust hatte, eine neue zu bauen?

Dann wäre da noch die Frage, warum Welt.de den “Schuldenstand nach Ländern inkl. Gemeinden” wählt und nicht nur den der Länder, wenn Walter-Borjans Finanzminister auf Landesebene war.

Vor allem aber wäre da die Frage, wie Welt.de auf diese Zahlen und diese Skalen kommt. Wenn Nordrhein-Westfalen am 31. Dezember 2015 einen Schuldenstand in Höhe von etwa 35.000 Milliarden Euro — also in Höhe von etwa 35 Billionen Euro — gehabt haben soll, dann wäre das Bundesland zu diesem Zeitpunkt weitaus höher verschuldet gewesen als die USA.

Tatsächlich betrug der Schuldenstand des Landes inklusive der Gemeinden und Gemeindeverbände Ende 2015 240,1 Milliarden Euro (PDF, Seite 30). Am 31. März 2019 waren es 230,4 Milliarden Euro — was man übrigens auch bei Welt.de nachlesen konnte.

Die “Schulden je Einwohner”, die laut “Welt”-Grafik im Fall von Nordrhein-Westfalen bei knapp unter 100 Euro liegen sollen, sind in Wirklichkeit hingegen um ein Vielfaches höher: Sie lagen laut Statistischem Bundesamt am 31. Dezember 2015 bei 13.576 Euro, Ende 2018 waren es 12.251 Euro.

Mit Dank an Sven B. für den Hinweis!

“Bild plus” ist kein Gewinn

Seit ein paar Wochen versuchen die “Bild”-Medien, ihre Leserinnen und Leser zu Wettsüchtigen zu Profi-Wettern zu machen. Vor allem einer soll dabei helfen: “Quotenwilly”. In einem Artikel hat die Redaktion erklärt, wie dieser Mann “mit Sport-Wetten 20.000 Euro im Monat” verdient. In einem anderen verriet “Quotenwilly”: “Mit diesen fünf Schritten wurde ich zum Wett-Profi”. Und dann gab es noch die “TRICKS & TABUS VON QUOTENWILLY” mit dem “häufigsten Fehler beim Wetten”.

Seit gestern dürfte klar sein, dass der allergrößte “Fehler beim Wetten” ist, auf Tipps zu vertrauen, die bei Bild.de erscheinen:

Screenshot Bild.de - Quotenwilly - Meine Tipps für Bayern München gegen Borussia Dortmund

Alle* Drei der fünf Wetten, die “Quotenwilly” und die Redaktion zum Spitzenspiel in der Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ausgetüftelt haben, gingen in die Hose:

Screenshot Bild.de - Wette: Dortmund verliert nicht

Geld futsch. Die Dortmunder verloren das Spiel gestern Abend.

Screenshot Bild.de - Wette: Unter 3.5 Tore im Spiel

Geld futsch. Die Münchner gewannen 4:0 — also über 3.5 Tore im Spiel.

Screenshot Bild.de - Wette: Mehr als 3.5 Gelbe Karten

Geld futsch. Es gab insgesamt nur drei Gelbe Karten.

Screenshot Bild.de - Wette: Plus 4.5 Ecken für den BVB

Geld futsch. Der BVB bekam nur eine Ecke.** Diese Wette ging auf.

Besonders interessant ist die fünfte Wette, bei der das eingesetzte Geld ebenfalls futsch gewesen wäre, wenn man entsprechend getippt hätte*: Man findet sie nicht mehr in dem Bild.de-Artikel. Dabei schaffte sie es anfangs sogar noch in die Überschrift:

Screenshot Bild.de - Er macht 20.000 Euro pro Monat mit Wetten - Warum ich auf Alcacer-Tore setze

Nun wird sie in dem Beitrag überhaupt nicht mehr erwähnt. Vielleicht war es für eine Redaktion, die sich beim Thema Fußball selbst gern als die am besten informierte inszeniert, dann doch etwas zu peinlich, dass der empfohlene Torschütze Paco Alcácer gar nicht von Anfang an spielte und erst in der 61. Minuten eingewechselt wurde.

Die Anleitung zum Geldverlieren gab es übrigens nur für zahlenden “Bild plus”-Kunden. Oder anders gesagt: Bei Bild.de muss man erst für ein Abo Geld aus dem Fenster werfen, um erfahren zu können, wie man beim Wetten am besten Geld aus dem Fenster werfen kann.

Gesehen bei @fums_magazin. Mit Dank an @Badener21 und @marcozahn für die Hinweise!

*Korrektur, 11. November: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Wette auf Paco Alcácer als Torschütze so konstruiert ist, dass sie nur zählt, wenn der jeweilige Spieler von Anfang an auf dem Platz steht. Tut er das nicht, gibt es den Wetteinsatz zurück — das Geld wäre also nicht futsch, wie von uns fälschlicherweise behauptet.

Mit Dank an Christian L., Sebastian und @crimsonceo für die Hinweise!

**Korrektur 2, 11. November: Den Wett-Tipp mit den BVB-Ecken haben wir offenbar falsch verstanden: Gemeint soll eine sogenannte Handicap-Wette gewesen sein — und nicht eine sogenannten Over/Under-Wette, was wir angenommen hatten. Handicap-Wette bedeutet in diesem Fall: Man wettet darauf, dass der BVB am Ende des Spiels insgesamt mehr Ecken hat als der FC Bayern München, wenn man ihm virtuelle 4,5 Ecken hinzurechnet. Da Borussia Dortmund eine Ecke hatte (mit den virtuellen 4,5 Ecken also 5,5 Ecken) und Bayern München zwei Ecken, ist dieser Wett-Tipp tatsächlich aufgegangen.

Wir bitten, die zwei Fehler zu entschuldigen.

Auch wenn nicht, wie wir anfangs geschrieben haben, alle fünf Wetten in die Hose gingen, sondern drei, finden wir es weiterhin recht problematisch, dass eine Redaktion mit einer so enormen Reichweite wie Bild.de ihre Leserschaft mit Wett-Tipps versorgt — und das alles eingebettet in eine Geschichte eines Mannes, der im Monat 20.000 Euro mit Wetten verdienen soll. Dass auch die Redaktion von einer gewissen Gefahr auszugehen scheint, zeigt ein Hinweis ganz am Ende desselben Artikels:

Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!

Wenn Sie Probleme mit Spielsucht haben oder sich um Angehörige oder Freunde sorgen, finden Sie Hilfe bei der “Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung”. Unter der kostenlosen Hilfe-Hotline 0800 1 37 27 00 erhalten alle Informationen zu Hilfsangeboten rund um das Thema Spielsucht!

Koste es, was es wolle (und wenn es Menschenleben sind)

Vor zehn Jahren starb Robert Enke. Zu diesem Anlass erzählen “Bild” und Bild.de heute noch einmal in einem Protokoll “DIE LETZTEN 50 STUNDEN” des Fußballtorwarts nach:

Screenshot Bild.de - Wie der Nationaltorwart alle täuschte - Die letzten 50 Stunden von Robert Enke

Für zahlende “Bild plus”-Kunden — denn mit dem Tod eines Menschen lässt sich ja immer noch ein bisschen Geld verdienen — rekonstruiert die Redaktion Enkes Suizid und lässt dabei kaum ein Detail aus: Methode, Ort, Vorbereitung, alles wird genannt.

Das ist extrem fahrlässig und kann Menschen in Gefahr bringen. Die “Bild”-Redaktion schreibt das alles auf, als hätte sie noch nie vom Werther-Effekt gehört; als würde sie die deutlichen Warnungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (PDF) und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (PDF) sowie deren Hinweise für Medien nicht kennen; als würde die Wissenschaft nicht eindringlich beschreiben, dass diese Art der Berichterstattung Menschenleben kosten kann; als wäre in vielen Studien weltweit nicht längst nachgewiesen worden, dass das alles nicht nur Theorien sind, sondern reale Gefahren.

Vermutlich ist es aber noch schlimmer: Bei “Bild” wissen sie von all dem. Sie wissen, dass ausgiebige Nacherzählungen von Suiziden weitere Suizide nach sich ziehen können. Aber es kümmert sie nicht.

Sie schaffen es ja noch nicht mal, Minimalvorkehrungen zu treffen: Normalerweise bauen “Bild” und Bild.de in ihre Texte, in denen es um Suizide geht, einen Infokasten ein, in dem steht, an wen sich Menschen mit Depressionen wenden können (zum Beispiel an die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123). Das ist erstmal eine gute Sache, aber letztlich auch nicht mehr als eine Alibiaktion, wenn die Redaktion im selben Artikel Detail um Detail nennt und damit all die Aspekte missachtet, die Berichte über Suizide etwas weniger gefährlich werden lassen könnten. Im Artikel von heute über Robert Enke war nicht mal ein solcher Kasten mit Informationen zu Hilfsangeboten eingebaut. Erst nach Kritik hat die Redaktion ihn bei Bild.de hinzugefügt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Das soll ein Stockfoto sein

“Holland-Hof” und “Holland-Horror” mögen aus Sicht einer Boulevardredaktion schöne Alliterationen sein. Aber was bringt eine schöne Alliteration schon, wenn sie inhaltlich falsch ist? Und auch ohne Alliteration bleibt es falsch, wenn Bild.de vom “HOLLÄNDISCHEN RUINERWOLD-HOF” oder von der “HOLLAND-FAMILIE” schreibt.

Denn der Ort Ruinerwold, in dem vor wenigen Tagen mehrere Menschen entdeckt wurden, die offenbar seit Jahren isoliert auf einem abgelegenen Bauernhof lebten, liegt nicht in Holland, sondern in der niederländischen Provinz Drenthe.

Wobei das falsche Gleichsetzen von Holland und den Niederlanden durch die Bild.de-Redaktion nur eine Kleinigkeit ist im Vergleich zum Lapsus des österreichischen Boulevardportals oe24.at. Dort stand heute auf der Startseite:

Screenshot oe24.at - Report aus den Niederlanden - Wiener soll Mitglied der Moon-Sekte sein - Sekten-Josef: Das soll der Vater der Kinder sein - Dazu ist ein Foto eines Mannes mit Mütze zu sehen, der in der Natur kniet einen kleinen Stock zwischen den Händen hält. Sein Gesicht ist verpixelt
(Unkenntlichmachung im Original.)

Nun ist es eine Sache, lediglich eine solch halbherzige Verpixelung zu wählen, wenn sich der Erkenntnisstand noch im “soll”-Stadium befindet. Die andere Sache ist noch gravierender: Das ist ganz sicher nicht “der Vater der Kinder”. Stattdessen handelt es sich um einen Mann, der für ein Stockfoto posiert und dabei versucht, ein Feuer zu entfachen:

Screenshot der Seite Shutterstock, einem Portal, das Stockfotos anbietet. Die Caption zu dem Foto: Man in hat trying to make a fire with wood stick friction

Dieses Foto kann sich jeder für ein paar Euro herunterladen.

Die Redaktion von oe24.at hat es inzwischen von der Seite entfernt.

Gesehen bei @NusserChristian. Mit Dank an @neudecker, @wahl_beobachter und Daniel K. für die Hinweise!

Sehen alle gleich aus (19)

In einem Artikel über die Schauspielerin Beatrice Richter schreibt Bild.de:

Ein Foto von Beatrice Richter mit einer anderen Frau, dazu die Bildunterschrift: Die Schauspielerin mit ihrer Tochter Julia (49) Richter im August 2019 bei der Premierenfeier von Zuhause bin ich Darling in Berlin. In dem Theaterstück stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne

Die Schauspielerin mit ihrer Tochter Julia (49) Richter im August 2019 bei der Premierenfeier von “Zuhause bin ich Darling” in Berlin. In dem Theaterstück stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne

Blöd nur: Die Frau links ist nicht die Schauspielern Julia Richter (die mit Beatrice Richter gar nicht verwandt ist), sondern die Schauspielerin Judith Richter (die tatsächlich die Tochter ist). Sie ist auch nicht 49, sondern 40 Jahre alt.

Ist aber auch egal, bei dem Text scheint es eh nur darum zu gehen, der #MeToo-Bewegung eins reinzuwürgen:

Beatrice Richter über #MeToo

Auch zum Thema #MeToo hat Beatrice Richter eine klare Meinung: “Ich habe manchmal Schwierigkeiten, Mitleid mit Schauspielerinnen zu empfinden, denen ich zugesehen habe, wie sie sich rangeschmissen haben an die verantwortlichen Männer. Wenn diese Frauen heute klagen, diese Männer seien schrecklich übergriffig geworden, hätten ihre Macht ausgenützt, dann kann ich nur sagen: ,Mein Gott, ja!‘”

Dass sie im Originalinterview (nur mit Abo lesbar) direkt im Anschluss gesagt hat, dass man sie “nicht falsch” verstehen solle, dass sie Typen wie Harvey Weinstein “grauenhaft” finde und sie “brechen” könnte, “wenn ich ihn nur anschaue”, hat Bild.de lieber rausgelassen.

Mit Dank an Peter B. für den Hinweis!

“Bild” kann hell sehen (2)

Wie könnte die Bild.de-Redaktion wohl auf die Kritik reagiert haben, dass es zeitlich überhaupt nicht zusammenpasst, was sie schreibt, und dass es dadurch so wirkt, als hätte sie sich einen Artikeleinstieg einfach ausgedacht?

Kurz zur Erinnerung: Bereits am Sonntagabend war bei Bild.de ein Text über eine Party des früheren Fußballprofis Rafael van der Vaart erschienen, in dem die Autoren Babak Milani und Kai-Uwe Hesse beschrieben, was am Montagmorgen passiert sein soll:

Screenshot Bild.de - Autoren: Babak Milani und Kai-Uwe Hesse, veröffentlicht am 13. Oktober 2019 um 22:56 Uhr - Hammer-Party nach Hammer-Abschied - Als die letzten Gäste das East-Hotel verließen, wurde es auf dem Kiez schon hell. Im Restaurant des Nobel-Hauses feierten 560 Gäste das Karriere-Ende von HSV-Star Rafael van der Vaart (36).

Wir haben bei Bild.de nachgefragt, wie das möglich ist. Und wie hat die Redaktion reagiert?

a) “Oh, Mist, stimmt. Da haben wir eine Floskel verwendet, die inhaltlich keinen Sinn ergibt. Wird geändert.”
b) “Völlig richtig — unsere Autoren konnten zu dem Zeitpunkt gar nicht wissen, wann die Party zu Ende war. Wir werden klären, wie es zu der Behauptung kommen konnte.”
c) Das Veröffentlichungsdatum des Artikels ändern, wodurch es so aussieht, als wäre der Beitrag erst am Montagnachmittag erschienen und die Behauptung zum Partyende korrekt recherchiert.

Na?

Screenshot Bild.de - Autoren: Babak Milani und Kai-Uwe Hesse, veröffentlicht am 14. Oktober 2019 um 14:30 Uhr

Es kommt immer mal wieder vor, dass sich das Veröffentlichungsdatum eines Textes bei Bild.de im Nachhinein ändert. Und zwar immer dann, wenn der Text aktualisiert wird. In diesem Fall hat sich am Text allerdings nichts geändert: kein Satz, kein Wort, kein Buchstabe, nicht mal ein Komma. Die Dachzeile ist die alte Dachzeile, die Überschrift ist die alte Überschrift, die Bildunterschriften sind die alten Bildunterschriften. Nur das Datum ist wie von Zauberhand neu.

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