“Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen” habe es gegeben, schrieb die “Hamburger Morgenpost” vor zwei Monaten groß auf ihrer Titelseite, und zwar in der Hamburger Villa des Unternehmers Frank Otto. Dort sei eine “Teenie-Party” mit 300 Gästen aus dem Ruder gelaufen.
Eine Teenie-Party in der Nacht zu Sonntag in der Hamburger Villa von Medienunternehmer Frank Otto (61) und Dschungelstar Nathalie Volk (22) ist derart ausgeufert, dass mehrfach die Polizei auftauchen musste. Für drei Jugendliche endete die Nacht in Handschellen.
Am Ende des Artikels kam auch Otto selbst zu Wort, der die Sache allerdings etwas anders darstellte. Er erklärte, dass …
in der Villa selbst alles friedlich gewesen sei. Randale hätten demnach Leute gemacht, die zu der Party gar nicht eingeladen waren und auf der Straße vor dem Anwesen bleiben mussten.
Trotzdem titelte die “Mopo”-Redaktion:
Heute musste sie auf ihrer Titelseite und im Innenteil eine Gegendarstellung abdrucken:
Allerdings ist bereits das, was die Redaktion in der Überschrift schreibt, falsch. Und es wird auch nicht richtiger, wenn Autor Christian Henning diese Art Zusammenfassung ähnlich im Artikel wiederholt:
Als die Tarnung als Tauch-Resort so perfekt ist, dass tatsächlich (deutsche) Touristen dort ankommen, müssen die Geheimagenten Tauch- und Fitness-Kurse anbieten. Hauptsache, niemand merkt, dass die meisten Gäste auf den Zimmern Flüchtlinge sind, die um ihr Leben bangen.
In der Tat geht es in “The Red Sea Diving Resort” um einen Geheimdienst (den Mossad), der Geflüchtete (Äthiopierinnen und Äthiopier jüdischen Glaubens) rettet. Das Team des Mossad pachtet zum Schein ein verlassenes, am Roten Meer gelegenes Resort im Sudan. Es kommen dann etwas überraschend auch richtige Touristen, für die der Mossad ein Urlaubsprogramm organisieren muss. Die Geflüchteten aus Äthiopien werden in den 130 Minuten, die der Film dauert, allerdings kein einziges Mal als Urlauber getarnt und sie sind auch nicht Gäste des Resorts, wie Bild.de schreibt. Sie verstecken sich nach ihrer Flucht vor dem äthiopischen Bürgerkrieg in einem sudanesischen Flüchtlingslager, das ganz woanders im Land liegt. Das vom Mossad gepachtete Resort dient lediglich als der Ort, zu dem sie bei Dunkelheit in Lastwagen gefahren werden, um dort in Boote zu steigen, die sie nach Israel bringen. Die Geschichte basiert auf der “Operation Brüder”.
“Bild”-Autor Christian Henning hat den Film offenbar überhaupt nicht gesehen. Oder er hat ihn gesehen, allerdings kaum verstanden.
Dafür hat er es aber hinbekommen, bei Bild.de selbst in einer Filmrezension Stimmungsmache gegen Muslime unterzubringen. Zum “Haken” an dem Vorhaben des Mossad schreibt er:
Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden.
Ohne Einschränkung, ohne Differenzierung. Kein “manche”. Kein “einige”. Nicht mal ein “viele”. Laut Bild.de sind pauschal alle Muslime Judenhasser.
Nachtrag, 12:27 Uhr: Bild.de hat die zwei oben zitierten Sätze zum Sudan als “überwiegend muslimisches Land” sowie zu den Muslimen, die pauschal Juden hassen würden, ohne irgendeinen Korrekturhinweis aus dem Artikel gestrichen.
Nachtrag, 12:59 Uhr: Nun hat die Redaktion auch eine Anmerkung hinzugefügt:
Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: “Muslime hassen Juden.” Der Satz wurde ersatzlos entfernt.
Nachtrag 19:48 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Text inzwischen ein weiteres Mal überarbeitet. Nun sind auch die Sätze “Im Sudan ist ein Menschenleben eher wenig wert. Ein jüdisches umso weniger.” rausgeflogen.
Außerdem hat die Redaktion ihre “Anmerkung” am Ende des Artikels noch einmal überarbeitet:
Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: “Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden. Ein Menschenleben ist dort nichts wert. Ein jüdisches umso weniger.” Für diese falsche Pauschalisierung bitten wir um Entschuldigung. Der Absatz wurde ersatzlos entfernt.
Falls es jemand nicht mitbekommen haben sollte: Ein privater Kita-Träger hatte sich dazu entschlossen, beim Mittagessen kein Schweinefleisch mehr anzubieten. Die “Bild”-Redaktion machte aus dieser Kleinigkeit, die, wenn überhaupt, für eine Lokalzeitung von Interesse gewesen wäre, eine Riesennummer auf Seite 1, andere Medien sprangen auf, rechte Hetzer übernahmen das Thema, es gab eine Menge Hass und Drohungen gegen die zwei betroffenen Kitas. Aufgrund dieser ganzen Ereignisse setzte die Kita-Leitung ihre Entscheidung aus und will sie bei den nächsten Elternabenden besprechen.
Damit hatte sich das Thema für “Bild” allerdings noch nicht erledigt. Der stellvertretende Chefredakteur Timo Lokoschat legt heute noch einmal nach:
Den “Leiter der Leipziger Kita” — also den Mann, der sich aktuell mit Drohungen von rechten Spinnern rumschlagen muss — bezeichnet Lokoschat als “überengagierten Bessermenschen” und schreibt:
Schweinefleisch und Gummibärchen sollten künftig tabu sein. Und: Statt Weihnachts- und Ostercafé standen plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita.
Die Behauptung, dass Schweinefleisch und Gummibärchen in den zwei Kitas “künftig tabu sein” sollten, also: verboten, hält sich hartnäckig. Tatsächlich wollte die Kita-Leitung künftig schlicht kein Schweinefleisch mehr fürs Mittagessen bestellen. Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder in der Kita Würstchen essen oder gelatinehaltige Gummibärchen naschen, dann können sie ihren Kindern nach wie vor Würstchen oder gelatinehaltige Gummibärchen mitgeben. Ein Verbot von Schweinefleisch gibt es nicht.
Und auch, dass “statt Weihnachts- und Ostercafé (…) plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita” stünden, hat sich Lokoschat ausgedacht. Der Terminkalender der Kitas sah schon immer und sieht auch jetzt Feste und Thementage aller möglichen Religionen vor: christliche, jüdische, hinduistische, muslimische. Das “nur” in Lokoschats Satz ist genauso falsch wie das “plötzlich”.
Tatsächlich wurde den Eltern heute ein neuer “Jahresplan” für die zwei Kitas zugeschickt. Und tatsächlich gibt es dort zwei auffällige Änderungen: Der eingetragene Termin am 6. Dezember 2019, der bisher “ElternCafe” hieß, heißt in der heute rumgeschickten Version “Nikolausfeier”. Und der Termin am 7. April 2020, der bisher ebenfalls “ElternCafe” hieß, heißt nun “Oster Cafe”. Ein Vater sagte uns allerdings, dass im vergangenen Jahr auch schon Nikolaus und in diesem Jahr auch schon Ostern gefeiert wurde (was sonst wird wohl am 6. Dezember und an einem Tag in der Karwoche gefeiert?).
Was Lokoschat verschweigt: Sowohl in der alten Version des “Jahresplans” als auch in der neuen ist für den 11. November, den Martinstag, ein sehr christliches Martinsfest eingetragen. Am 13. September soll es ein chinesisches Mondfest geben (zum Hintergrund: eine der beiden Einrichtungen heißt “Konfuzius Kindergarten”). Am 26. Januar soll in den Kitas das chinesische Neujahr gefeiert werden. Am 24. Februar Fasching. Und am 17. Juli das Zuckertütenfest für die Kinder, die sich Richtung Grundschule aufmachen. Wie gesagt: alles sowohl im alten als auch im neuen “Jahresplan”. Was es weder in der einen noch in der anderen Version gibt: ein Feier zu einem muslimischen Fest. Dafür gibt es einen Eintrag zu Bayram, also zum muslimischen Zuckerfest. Allerdings soll das in den Kitas nicht gefeiert werden — es soll ein Thementag dazu stattfinden: für den 25. Mai ist im alten wie im neuen Kalender “Thementag Bayram” vermerkt. Genauso sollte es in den Kitas schon immer Thementage zum jüdischen Sukkot und zum hinduistischen Diwali geben. Zum muslimischen Ramadan gibt es erst in der neuen Version des “Jahresplans” einen Thementag; im alten waren lediglich der Beginn und das Ende des Fastenmonats als Termine vermerkt. Ein Vater sagte uns, dass die Kinder an den Thementagen nicht teilnehmen müssen. Sie können stattdessen auch spielen oder malen.
Wenn der stellvertretende “Bild”-Chefredakteur Timo Lokoschat also schreibt, dass “plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita” stehen, obwohl er wissen muss, dass das nicht stimmt, schließlich scheint ihm der “Themenplan der Kita” vorzuliegen, dann ist das eine glatte Lüge.
Eigentlich hatten sie ja ziemlich Großes vorgehabt, die Leute bei “Bild”:
Am 20. Juli 2019 wird BILD mit einem Themenspezial zum 50ten Jahrestag der ersten bemannten Mondladung nicht nur an die spektakulären Momente erinnern, sondern vor allem den Blick in die Zukunft richten.
… versprach der Axel-Springer-Verlag vor einigen Wochen in einem PDF, das potenzielle Werbekunden für die “Mond-BILD” anlocken sollte. Sogar mögliche Themenideen gab es schon:
Und natürlich die möglichen Anzeigenformate:
Gestern war es dann so weit. Oder sagen wir: wäre es so weit gewesen. Denn von der groß angekündigten “Mond-BILD” war nicht viel zu sehen.
Bloß die “Bild”-Titelseite von damals (“Legendär!”) und im Innenteil ein Interview mit dem Verbindungssprecher der ersten Mondlandung. Ansonsten: zappenduster.
Offenbar fanden die Werbekunden die Idee dann doch nicht so pralle. (Tatsächlich findet sich in der Ausgabe nicht eine einzige Anzeige.)
So ein Pech aber auch! Dabei hätte es doch wirklich so viele spektakuläre Mond-Momente gegeben, an die “Bild” hätte erinnern können. Vor allem in der eigenen Berichterstattung:
Letztere Frage wurde übrigens an anderer Stelle beantwortet, und zwar von Franz Josef Wagner, der über den “lieben Neil Armstrong” schrieb:
Er sah keine Aliens, er hörte nicht die Posaunen Gottes. Der Grund, warum er ein Großer ist, ist, dass er keine Angst hat.
Und dass Wagner ein Großer ist, vor allem, wenn es um Weltallwissen geht, ist ja ohnehin bekannt:
Schön auch folgende Mond-Geschichte, die “Bild” zum Tod von Neil Armstrong vor sieben Jahren brachte:
Aber kommen wir nochmal zurück zu der “legendären” Titelseite von damals, mit der “unvergessenen” Schlagzeile: “Der Mond ist jetzt ein Ami”. Darauf sind sie bei “Bild” so stolz, dass sie sie in der gestrigen Ausgabe noch mal groß über eine ganze Seite gedruckt haben:
“Es ist eine Schlagzeile, die die Geschichte beschrieben und selbst Geschichte gemacht hat”, schreibt “Bild”. “Die vielleicht berühmteste BILD-Schlagzeile” aller Zeiten!
Der US-Astronaut Neil Armstrong betrat um 3:56 Uhr MEZ am 21. Juli 1969 den Erdtrabanten: “Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein gewaltiger Sprung für die Menschheit.” Und in Hamburg, im 6. Stock der BILD-Chefredaktion, dichtete Peter Boenisch: “Der Mond ist jetzt ein Ami”.
Boenisch habe sich die Schlagzeile einfach so “aus dem Ärmel geschüttelt”, schrieb auch Franz Josef Wagner mal.
Schaut man sich die Titelseite von damals ein bisschen genauer an, erkennt man allerdings, dass es nicht Boenisch gewesen sein soll, der sich den Satz ausgedacht hat. Sondern:
Also entweder haben sie damals gelogen, oder sie lügen heute. Vielleicht war Boenisch aber auch “Bild”-Chefredakteur und heimlich bei der NASA. Und vielleicht ist er auch schon ins All geflogen, und vielleicht hat er da auch ein paar Aliens getroffen. Und vielleicht hat er ein paar von denen mit zur Erde gebracht, und vielleicht heißt einer davon Franz Josef mit Vornamen, das würde jedenfalls einiges erklären.
Mit der Arbeit “unserer Landeschefs”, wie Bild.de sie nennt, sind ziemlich viele Leute ziemlich zufrieden, das ergab jedenfalls eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und n-tv, in der es um die Zufriedenheit mit der Arbeit der Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen der einzelnen Bundesländer geht.
Demnach sind in zehn Bundesländern die Befragten mehrheitlich “zufrieden”: in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann, in Schleswig-Holstein mit Daniel Günther, in Niedersachsen mit Stephan Weil, in Hamburg mit Peter Tschentscher, in Thüringen mit Bodo Ramelow, in Hessen mit Volker Bouffier, in Rheinland-Pfalz mit Malu Dreyer, in Sachsen mit Michael Kretschmer, in Bayern mit Markus Söder und im Saarland mit Tobias Hans. In fünf Bundesländern sind die Befragten hingegen mehrheitlich “unzufrieden”: in Mecklenburg-Vorpommern mit Manuela Schwesig, in Brandenburg mit Dietmar Woidke, in Nordrhein-Westfalen mit Armin Laschet, in Sachsen-Anhalt mit Reiner Haseloff und in Berlin mit Michael Müller. In Bremen fragten die Meinungsforscher nicht nach, da dort “gerade ein Wechsel im Amt des Präsidenten des Senats bevorsteht”.
Also: Zwei von drei Ministerpräsidenten beziehungsweise Ministerpräsidentinnen erfüllen ihren Job so, dass die Befragten mehrheitlich zufrieden damit sind. Auf der Bild.de-Startseite und in der Überschrift zum Artikel (dort zusätzlich noch mit Ausrufezeichen) klingt es hingegen, als wäre diese “RUMMS-UMFRAGE” ganz schön desaströs für die beurteilten Politikerinnen und Politiker ausgegangen:
“SO UNBELIEBT”. Angesichts der tatsächlichen Umfrageergebnisse ist das ein ziemlich billiger Versuch, mit undifferenziertem Draufhauen auf Politikerinnen und Politiker auf Clickjagd zu gehen.
Wenn einer Redaktion so gar nichts mehr einfällt, wie sie die jungen Leute, die die Grünen wählen und die sich für mehr Klimaschutz einsetzen, diskreditieren kann, dann kommt sie mit sowas wie “Bild” am vorletzten Donnerstag um die Ecke:
Sie wählen gern grün, wollen Klimaschutz und weniger Plastik. Doch wenn es um Naturschutz beim Freizeitvergnügen geht, nehmen die Feiernden es offenbar nicht so genau.
Berning hat dazu auch ein Beispiel und ein paar Zahlen:
Beispiel: Die Festivalplätze vom vergangenen Wochenende. Der Rasen ist übersät mit Verpackungen, Plastik, Tüten, Papp-Bechern, Flaschen, Dosen und anderen Müll-Relikten der wilden Party-Tage bei “Rock im Park” in Nürnberg. Nicht viel aufgeräumter sieht es nach anderen Festivals aus. (…)
Und das, obwohl gerade junge Menschen gerne auf Konzerten und Festivals feiern — also die Altersgruppe, die zu den größten Anhängern der Grünen gehört. Laut Statista waren ein Drittel der Konzert-/Festivalbesucher 2018 zwischen 20 und 29 Jahre alt. 33 Prozent der unter 30-Jährigen wählten bei den Europawahlen grün.
Ja, klar, die Müllberge, die auf den Fotos zu sehen sind, sind Mist und ärgerlich. Aber die Rechnung, die der “Bild”-Autor aufmacht, und seine Schlussfolgerungen daraus sind auch zum Wegwerfen.
Erstmal: Nicht 33 Prozent aller unter 30-Jährigen (wo dann auch die Nichtwähler dabei wären) haben die Grünen gewählt, sondern 33 Prozent der unter 30-jährigen Wähler. Wir sind uns ziemlich sicher, dass auch unter 30-jährige Nichtwähler auf Festivals gehen.
Aber nehmen wir mal die Zahlen, die “Bild” liefert: Wenn von den rund 33 Prozent der unter 30-jährigen Festivalbesucher wiederum 33 Prozent die Grünen gewählt haben sollten, dann geht es hier um etwa 11 Prozent aller Festivalbesucher, die unter 30 Jahre alt sind und Grün gewählt haben. Und die sollen jetzt für 100 Prozent oder zumindest einen Großteil der Müllberge verantwortlich sein? Wie kommt es, dass “Bild” sich da so sicher ist? Sebastian Berning liefert jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass junge Grünen-Wähler überproportional viel Müll liegen lassen. Und was ist mit den anderen 89 Prozent aller Festivalbesucher? Was mit den zwei Dritteln der Festivalbesucher, die älter als 30 Jahre alt sind? Was mit den 67 Prozent der unter 30-Jährigen, die eine andere Partei als die Grünen gewählt haben sollen? Die haben alle alles aufgeräumt?
Bernings Gleichung Grünen-Wähler = jung = Festivalbesucher = Müll-auf-den-Boden-Schmeißer geht nicht auf. Selbstverständlich kann es sein, dass die unter 30-jährigen Grünen-Wähler ihren ganzen Müll auf dem Festival liegen gelassen haben. Es kann genauso sein, dass sie alle ihren kompletten Müll weggeräumt haben. Und es kann irgendwas dazwischen sein. Und natürlich ist es theoretisch möglich, dass unter den vielen unter 30-Jährigen auf dem Festival exakt 33 Prozent die Grünen gewählt haben. Es kann aber auch sein, dass kaum oder überproportional viele Grünen-Wähler dort waren. “Bild” und Berning haben keine Ahnung, wie es wirklich war, bringen aber eine dicke Geschichte.
Nachtrag, 25. Juni: Unsere Frage “Was mit den zwei Dritteln der Festivalbesucher, die älter als 30 Jahre alt sind?” stimmt nicht ganz. Denn die Statistik zeigt, dass ein Drittel der Festival- und Konzertbesucher 20 bis 29 Jahre alt ist. Das heißt: Die anderen zwei Drittel sind entweder 30 Jahre alt und älter oder 19 Jahre alt und jünger.
Wie könnte die Bild.de-Redaktion über das Ergebnis einer Forsa-Umfrage berichten, nach dem sich eine Mehrheit der Befragten (57 Prozent) für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausspricht, ohne dabei ihre Stimmungsmache gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen aus den Augen zu verlieren?
Selbst vor dem Auto macht der Klima-Wahn nicht halt!
Jetzt will der “Klima-Wahn” uns schon das Rasen wegnehmen! Es kommt im Moment aber auch eine ganze Menge für die “Bild”-Leute zusammen: Im Insa-Meinungstrend “verdrängen die Grünen die Union vom ersten Platz, Supermärkte schmeißen Plastik aus ihren Regalen und jeden Freitag trommeln Schüler für den Klimaschutz.” Und “plötzlich”:
Ganz so überraschend, wie Bild.de hier tut, ist dieser “UMFRAGE-HAMMER” dann aber doch nicht. Erstmal: Die Forsa-Umfrage fand nicht etwa vor ein paar Tagen oder vor einer Woche statt, sondern schon vor zwei Monaten, zwischen dem 5. und 15. April. Da lagen beispielsweise die Grünen noch in keinem bundesweiten Meinungstrend vor der Union. Außerdem gab es bereits im Januar dieses Jahres mehrereUmfragen zum Thema Tempolimit, bei der sich eine Mehrheit für eine generelle Beschränkung ausgesprochen hat (bei Welt.de sogar “eine klare Mehrheit von 63 Prozent”). 2012 gab es eine Umfrage von infratest dimap, bei der 53 Prozent für eine “Einführung eines generellen Tempolimits von 120 oder 130 km/h auf den deutschen Autobahnen” waren. Und bereits 2007, als ein generelles Tempolimit ebenfalls diskutiert wurde, war in verschiedenen Umfragen eine Mehrheit “zwischen 54 und 60 Prozent” für eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h.
Diese Mehrheiten, die es also seit mindestens zwölf Jahren gibt, versucht die Bild.de-Redaktion heute als neueste Auswüchse des “Klima-Wahns” abzutun.
Mit Dank an David M. für den Hinweis!
Nachtrag, 17. Juni: Vom “Klima-Wahn”, der “selbst vor dem Auto” nicht halt mache, ist bei Bild.de inzwischen nicht mehr die Rede. Stattdessen:
Selbst vor dem Auto macht das Klima-Bewusstsein nicht halt!
In Russland wird der Film über das Leben von Elton John offenbar nur in einer zensierten Version zu sehen sein, wenn er diese Woche dort in die Kinos kommt. Das berichten Journalisten, die “Rocketman” vorab sehen konnte. Demnach seien unter anderem “alle Szenen mit Küssen, Sex und Oralsex zwischen Männern” von der Vertriebsfirma herausgeschnitten worden.
Bild.de berichtet auch über diesen Vorgang und hat den Artikel zum Thema bei Facebook geteilt. Im Kommentarbereich auf der “Bild”-Facebookseite gibt es seitdem größtenteils Jubel: “Richtig!”, “Gut so!”, “Gute Idee”, “Ich verstehe die Russen.”, “Sollte aber komplett verboten werden”. Von “Homowahn” ist da die Rede, von “schwuppen kamelle”, von “Homo scheisse”. “Schwule-nein danke!” kommentieren “Bild”-Leserinnen und -Leser und: “Das ist die Version die ich mir ansehen würde. Danke! Spart mir den Kotzkrampf!”
Manche gehen aber noch ein bisschen weiter. Ein Nutzer bringt den inzwischen abgeschafften Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches ins Spiel, der noch bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und das Leben vieler, vieler Menschen zerstörte:
Ein anderer bezeichnet Homosexualität als “trend krankheit”:
Und einer will “DIESE KRANKHEIT” gleich ganz “VERNICHTEN”:
Diese Kommentare sind seit Tagen online, ohne dass die “Bild”-Redaktion eingreift.
Mit Dank an Fabian für den Hinweis!
Nachtrag, 4. Juni: Auf die Nachfrage eines BILDblog-Lesers hat die “Bild”-Redaktion nun reagiert und den größten Teil der homophoben Kommentare gelöscht. Sie schreibt dazu im Kommentarbereich der “Bild”-Facebookseite:
Nein, solche Kommentare sind nicht normal, zutiefst verachtenswert und werden von uns nicht geduldet. Hier haben wir auf jeden Fall zu spät reagiert, zumal bei einer überschaubaren Gesamtzahl an Kommentaren. Wir sind dabei, Kommentare zu löschen und auch Nutzer zu bannen. Liebe Grüße.
Wenn heute niemand aus der SPD-Führung Verantwortung für das Ergebnis bei der Europawahl übernimmt, und keiner der Parteioberen zurücktritt, könnte das daran liegen, dass sie im Willy-Brandt-Haus möglicherweise nur den “Tagesspiegel” lesen. Denn auf dessen heutiger Titelseite haben die Sozialdemokraten gestern starke 4,8 Prozentpunkte hinzugewonnen. Die Grünen sind hingegen große Verlierer:
Die linken, dickeren Säulen geben bei jeder Partei das Ergebnis der Hochrechnung des ZDF von gestern Abend um 22:25 Uhr an. Diese Werte stimmen soweit. Die rechten, schmaleren Säulen sollen das Ergebnis der Europawahl 2014 darstellen. Und da ist einiges falsch.
Die 27,3 Prozent von vor fünf Jahren, die der “Tagesspiegel” den Grünen zuschreibt, gehören eigentlich zur SPD. Und genauso andersherum: Die 10,7 Prozent, die laut “Tagesspiegel” die SPD 2014 erreicht hat, gehören zu den Grünen. Bei AfD, FDP und Linken ist das Durcheinander noch etwas größer: Die 7,4 Prozent aus 2014 gehören zur Linken, die 7,1 Prozent zur AfD und die 3,4 Prozent zur FDP. Die AfD hat im Vergleich zu 2014 also etwas stärker dazugewonnen als in der “Tagesspiegel”-Grafik angegeben, die FDP hat nicht Prozentpunkte verloren, sondern gewonnen, die Linken hingegen haben nicht gewonnen, sondern verloren.
Der Ursprung dieses multiplen Fehlers dürfte darin liegen, dass der “Tagesspiegel” in der Grafik nicht auf die sich ändernde Rangliste der Parteien reagiert hat. Zum Beispiel bei der FDP: Die war 2014 noch sechststärkste Kraft mit 3,4 Prozent. Während die Partei mit ihren 5,6 Prozent gestern auf Platz 5 vorrückte, hat die “Tagesspiegel”-Redaktion die 3,4 Prozent der FDP von 2014 auf Platz 6 stehen lassen — und so den Linken zugeordnet, die auf diesen Rang abgerutscht sind. Genauso lassen sich die falschen 2014-er-Werte von Grünen, SPD und AfD erklären.
Immerhin fängt die Überschrift auf der “Tagesspiegel”-Titelseite die fehlerhafte Grafik etwas ab: “Grüne jubeln, Groko stürzt ab”.
Weitere sich biegende Balken und falsche Torten gibt es in unserem Archiv.
Nachtrag, 17:28 Uhr: Ein BILDblog-Leser schreibt uns, dass auf der Titelseite seiner “Tagesspiegel”-Ausgabe eine korrekte Wahl-Grafik zu sehen sei.
Der Screenshot, den wir weiter oben verwenden, stammt aus der E-Paper-Version. Und auch bei der gedruckten Variante gibt es Exemplare mit der fehlerhaften Grafik.