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Wertloses Kohlurteil, Todenhöfers Freitag, Yücel-Lesung

1. Nachrichtenchef Michael Klein über Journalisten und Politiker: Diekmanns Urteil über Kohl ist journalistisch wertlos
(kress.de, Michael Klein)
Der frühere “Bild”-Chef Kai Diekmann hat seine persönlichen Erinnerungen an Altkanzler Helmut Kohl journalistisch verarbeitet. Das sei problematisch, wie Michael Klein, der Nachrichtenchef “Wetzlarer Neue Zeitung”, findet. Diekmann sei mit Kohl persönlich befreundet gewesen, es fehle an der nötigen journalistischen Distanz. Das mache Diekmanns Urteil über Kohl journalistisch wertlos, denn Urteilsfähigkeit resultiere aus Unbefangenheit.

2. Lieber verwanz’ ich als G20
(zeit.de, Patrick Beuth)
Während die mediale Aufmerksamkeit dem G20-Gipfel gehörte, verabschiedete der Bundesrat kurz vor der Sommerpause neue Regeln zum Einsatz von Staatstrojanern. Trickreich hat man dafür gesorgt, dass das Thema wenig Beachtung findet. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn die Verfassungsbeschwerde der “Gesellschaft für Freiheitsrechte” behandelt wird.

3. Schreiben unter Todenhöfer
(taz.de, Peter Weissenburger)
Vor etwa einem halben Jahr hat “Freitag”-Verleger Jacob Augstein den Publizisten Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber der linken Wochenzeitung gemacht. Eine Entscheidung, die nicht unumstritten war und auch heute noch für Unruhe in der Belegschaft sorgt. So hätten die stellvertretende Chefredakteurin, der Textchef, die Art Director und eine Reihe freier AutorInnen das Blatt verlassen. Wobei Todenhöfer bisher kaum Einfluss auf die Arbeit der Redaktion genommen hätte und nur einmal im Monat zur Konferenz erscheine. Nachtrag: Der Vollständigkeit halber hier der Kommentar des “Freitag”-Chefredakteurs Christian Füller bei “turi”, der der Darstellung widerspricht.

4. Hamburger
(sueddeutsche.de, David Denk)
Der aktuelle “Spiegel” erschien ausgerechnet am G20-Wochenende in der eigenen Stadt mit einem Ernährungstitel. Dies sorgte an einigen Stellen für Unverständnis und Spott. Der G20-Gipfel sei zwar im Heft und online behandelt worden, aber die Signalwirkung sei schwierig.

5. 30.000 Meldungen in 30 Tagen: Google unterstützt Roboterjournalismus
(wired.de, Cindy Michel)
Google finanziert im Rahmen der “Digital News Initiative” ein Projekt für automatisierten Journalismus: Bots sollen für die britische Nachrichtenagentur Press Association (PA) jeden Monat bis zu 30.000 Texte verfassen. Tim Dawson, Chef einer Journalistengewerkschaft, sieht das Projekt mit gemischten Gefühlen. Es könne Journalisten entlasten, aber auch in den Augen von Verlegern überflüssig machen: “Ich habe nur Angst davor, dass wir so eine Menge drittklassiger Artikel bekommen, die nach viel aussehen, aber doch nur computergeneriert sind. So können die Verlage dann noch mehr Reporter entlassen.”

6. Macht mehr Laune als ein Autokorso
(faz.net, Oliver Jungen)
In Köln fand eine prominent besetzte Solidaritätsveranstaltung für Deniz Yücel statt. Günter Wallraff, Oliver Welke, Thomas Gottschalk und Olli Dittrich trugen Texte des von der Türkei inhaftierten Journalisten vor. “FAZ”-Autor Oliver Jungen war angetan von der Aktion: “Leichten Herzens verließ man diese Veranstaltung, die nicht nur gezeigt hat, wie wichtig öffentliche Aufmerksamkeit für die Verfolgten und Inhaftierten in Unrechtsregimen ist, sondern auch, welche gesellschaftsbildende Macht im Humor steckt.”

6-vor-9-Spezial: G20-Gipfel in Hamburg

1. BKA entzieht Journalisten G20-Zulassung – Presseverbände verlangen Klärung
(stern.de, Petra Gasslitter)
Während des G20-Gipfels entzogen Beamte des Bundeskriminalamtes mehreren Journalisten die Akkreditierung. Und zwar ohne Begründung und wiederholt. Beim Mediensekretär der Gewerkschaft Verdi hätten sich verschiedene Journalisten gemeldet, denen man die Akkreditierung abgenommen hätte. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, hat sich beim BKA beschwert. Dort heißt es in einer Stellungnahme: “Im Rahmen der Akkreditierung für den G20-Gipfel wird eine Sicherheitsprüfung durchgeführt.” Und weiter: “Das Bundespresseamt entscheidet gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden über einen möglichen Entzug der Akkreditierung. Das war in einigen Fällen gegeben.”
Auch der ARD-“Faktenfinder” berichtet über die Vorfälle: Keine Auskunft zum Ausschluss von Journalisten

2. Die Presse ist beim G20-Gipfel in Hamburg nicht mehr sicher
(huffingtonpost.de, Flo Smith)
Der Fotojournalist Flo Smith hat nach eigenen Angaben bereits an zahlreichen Brennpunkten der Welt als Reporter gearbeitet, unter anderem drei Jahre im Irak und in der Türkei bei den Gezi-Protesten. Und doch empfand er seine bisherigen Einsätze als “Ponyhof” im Vergleich zu dem, was er in Hamburg erlebt hätte: Ihm und seinem Kameramann sei von einer Polizistin mit voller Absicht und dem Kommentar “”Fuck the press, fuck, fuck!” Pfefferspray ins Gesicht gesprüht worden.

3. Kampf gegen “Online-Hetzjagd”
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Im Zuge der Auseinandersetzungen um den G20-Gipfel kam es in den sozialen Medien mehrfach zu Falschmeldungen und Gerüchten. In Hamburg wurden zum G20-Gipfel beispielsweise keine Panzer eingesetzt, es gab keinen Angriff auf ein Krankenhaus, die “Rote Flora” wurde nicht gestürmt und Tote gab es bei den Krawallen auch nicht. Doch derartige Falschmeldungen wieder einzufangen ist nicht einfach. Die Hamburger Polizei habe es durch Richtigstellungen auf Twitter versucht, während die “Deutsche Polizei-Gewerkschaft” (DPolG) und “Bild” dafür gesorgt hätten, dass sich die Falschmeldungen munter weiter verbreiten.

4. Journalisten in Demos – wie funktioniert das?
(ennolenze.de)
Enno Lenze erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen als Journalist auf politischen Demonstrationen, ob links oder rechts. Von der Polizei sei er fast immer ordentlich behandelt worden und sogar mehrfach am Rande von Demos eskortiert worden, wenn er aus der Menge bedroht wurde. Sein Fazit: “Insofern bin ich mit dem System zufrieden – es müssen aber alle Beteiligten ihre jeweiligen und wenigen Kriminellen outen und der Strafverfolgung zuführen.”

5. Selfie vor Krawallkulisse
(spiegel.de)
Das Bild des jungen Manns, der sich mit seinem iPhone vor dem Lagerfeuer der Kapitalismusgegner fotografiert, verbreitete sich rasend schnell im Netz. Viele bezweifelten die Echtheit des Bildes und unterstellten eine Photoshop-Montage. Doch dem sei nicht so: “Eine Prüfung der Metadaten des Bildes deckt sich mit den Angaben des Fotografen zum Entstehungszeitpunkt und Aufnahmeort. Eine einfache fotoforensische Analyse unserer Bildredaktion liefert keine Anhaltspunkte für eine Manipulation. Bei Twitter melden sich Personen zu Wort, die die Szene mit eigenen Augen gesehen haben wollen.” Mittlerweile hat sich das Bild des “Riothipsters von der Schanze” zu einer Art Meme entwickelt.

6. Mein Abend mit Ivanka
(abendblatt.de, Ulrich Gassdorf)
Zum Abschluss die Einladung zu einer Runde Fremdschämen: Der Chefreporter des “Hamburger Abendblatts” berichtet in einer Sternstunde des Journalismus über seine Begegnung mit Ivanka Trump in einem Hamburger Restaurant.

ZDF-Doku-Voyeurismus, News-Hacker, Berichterstattung über Kriminalität

1. Bitte weinen für die Kamera
(taz.de, Jens Müller)
In wenigen Wochen jährt sich zum ersten Mal der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München. Ein naheliegender Zeitpunkt für einen Rückblick wird sich das ZDF gedacht und die Dokumentation “Schatten des Verbrechens” in Auftrag gegeben haben. Jens Müller findet in der “taz” kritische Worte für den seiner Ansicht nach misslungenen Film. Die Doku sei nicht einfach nur schlecht, sondern ein Ärgernis wegen seines reißerischen Voyeurismus. Auch die “FAZ” urteilt: “Diese Doku ist ein Lehrstück, weil sie so gut wie alles falsch macht.”

2. Kriminelle Ausländer in den Medien
(de.ejo-online.eu, Anna Carina Zappe)
Die Ereignisse in der Silvesternacht 2015/16 in Köln hatten Auswirkungen über die spätere Kriminalitätsberichterstattung. Aus einer Untersuchung der Universität München geht hervor, dass nach den Ereignissen in Köln vermehrt die Attribute “Ausländer”, “Migrationshintergrund”, “Asylbewerber” und “Nordafrikaner” vorkamen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass über Sextaten berichtet wurde, sei erheblich gestiegen. Warum die Journalisten ihr Selektionsverhalten geändert haben, bliebe jedoch im Bereich der Spekulation und könne verschiedene Gründe haben.

3. Zeitungsverleger: „Das wollen wir uns nicht vorschreiben lassen“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Warum lässt der “Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger” (BDZV) seinen Platz auch ein Jahr nach Neubesetzung des ZDF-Fernsehrats leer, obwohl er laut Staatsvertrag einen Vertreter entsenden könnte? Nun, das hat mit einem Passus des ZDF-Staatsvertrags zu tun, an dem sich der BDZV stört. Boris Rosenkranz erklärt auf “Übermedien” die Hintergründe des medienpolitischen Tauziehens.

4. Was tut das ZDF gegen “Hate speech”?
(mediendienst-integration.de, Yvette Gerner)
In einem Gastbeitrag erklärt Chefin vom Dienst in der “ZD”F-Chefredaktion Yvette Gerner wie der Sender mit Hasskommentaren umgeht und welche Strategien sich bewährt haben. Bei aller Ernsthaftigkeit helfe manchmal auch eine Portion Humor: “Ein besonders effektives Mittel, Hass und Häme den Stachel zu nehmen, sind eine gewisse Leichtigkeit und Humor beim Umgang mit den Kommentaren. Eine kluge, witzige Antwort hilft oft mehr als eine reine Auseinandersetzung auf der Sachebene — denn Hatern geht es nur zum Teil um die Sache.”

5. Wenn Hacker die Headlines bestimmen
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass Hacker sich Zugang zu Nachrichtenseiten verschafften und erfundene Meldungen absetzten. So 2013 als Cyberkriminelle über das Twitter-Konto der Nachrichtenagentur “AP” meldeten, es hätte angeblich eine Explosion im Weißen Haus gegeben. Die Medienhäuser müssen sich besser schützen, doch das kostet Geld: “An der Integrität der Informationssysteme hängt auch die Integrität des Journalismus und damit einer demokratischen Gesellschaft. Allein, nicht jedes Medienhaus hat die finanziellen Mittel für eine robuste IT-Sicherheit. Wenn Pressefreiheit immer zu einer Frage der Technik wird, ist das eine Gefahr für die Demokratie.”

6. CNN steht nach Trumps Video-Attacke nun selbst in der Kritik
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Unlängst postete Donald Trump ein älteres Video, in dem er, geschauspielert, einen Wrestlingmanager vermöbelt. Der Unterschied zum Originalfilm von damals: Der Kopf seines Opfers war durch das Logo des Nachrichtensenders “CNN” ersetzt worden. CNN gelang es, den Mann ausfindig zu machen, der das Video manipuliert hatte. Seinen Klarnamen wolle man nicht nennen, mache dies jedoch davon abhängig, ob er sich daran halte, sein “hässliches Verhalten” nicht zu wiederholen. Eine Formulierung, die auf Kritik stößt.

Hetzername, Fette Diätwerbung, Suizidklickmasche

1. Urteil: taz darf Hetzer weiter beim Namen nennen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
In einem öffentlichen Facebook-Kommentar forderte ein Mann unter Angabe seines Klarnamens, man müsse „Genderlesben und Politikern jeweils 8×9 mm in das dumme Gehirn zu jagen.“ Die “taz” berichtete über den Vorgang und nannte dabei auch den Namen des Kommentierers. Dagegen setzte sich dieser zur Wehr und verklagte die Zeitung auf Unterlassung. Mit der Behauptung, jemand hätte sich Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und unter seinem Namen kommentiert. In zweiter Instanz entschied das Gericht nun, dass der Kläger tatsächlich der Urheber der Hassbotschaft sei und sich die Berichterstattung gefallen lassen müsse.

2. Bei Diät-Werbung macht sich der Bauer-Verlag einen schlanken Fuß
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet auf “Übermedien” über die freche Schleichwerbungsmasche von „Alles für die Frau“ aus dem Bauer-Verlag: “Jede Woche schwärmt die Redaktion darin im Wechsel für jeweils ein bestimmtes Diätprogramm, homöopathisches Schlankmittel und eine Fitnessstudiokette. Eine ernsthafte oder gar kritische Auseinandersetzung mit den Programmen und Produkten findet nicht statt. Über 130 solcher Artikel sind in den letzten zweieinhalb Jahren erschienen (so weit reicht unser Archiv zurück; insgesamt sind es wahrscheinlich noch viel mehr).”

3. “Kernmodell Journalismus” statt e-Commerce
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Der “Deutschlandfunk” hat mit Eric Gujer, dem Chefredakteur der “NZZ”, über die Zukunft des traditionsreichen Schweizer Medienhauses gesprochen. Natürlich geht es um Fragen der Finanzierung, denn die “NZZ” leistet sich unter anderem eine kostspielige Auslandsberichterstattung. Die Konzepte der Konkurrenz will Gujer nicht übernehmen: “Das, was ja die meisten anderen unter multimedialer Strategie verstehen, heißt ja: Wir haben noch einen e-Commerce-Shop für Hundefutter. Und wir machen noch irgendeine Inserate-Plattform für Immobilienanzeigen im Internet und solche Dinge. Und das wollen wir dezidiert nicht. Wir glauben daran, dass das Kernmodell Journalismus, gute Inhalte, auch heutzutage noch lohnen kann.”

4. Langer Atem
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Der Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in drei Verfahren vor dem Landgericht Köln erfolgreich gegen die Berichterstattung über eine Auseinandersetzung mit einem Fotografen und einem Kameramann auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2014 gewehrt. Es ging um Behauptungen, Grönemeyer hätte zwei Fotoreporter geschlagen und verletzt. Angeblich von Videos belegt, die sich als “bewusst unvollständig”, also irreführend zusammengefügt herausgestellt hätten. Der Fall sei damit noch nicht abgeschlossen: Vermutlich werde die Staatsanwaltschaft Köln die Fotografen wegen Verdachts der Falschaussage anklagen.

5. Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz
(ndr.de, Gudrun Kirfel)
Medien berichten reißerisch über ein WhatsApp-Spiel, das Jugendliche angeblich in den Tod treiben will: die angebliche “Blue Whale Challenge”. Doch gibt es das Spiel überhaupt? Das würden viele Journalisten selbst nicht wissen, aber trotzdem munter drauflos fabulieren. “Zapp” hat recherchiert, was an der Sache dran ist. Nicht viel: Außer einigen Trittbrettfahrern, die mit dem Hype um das angebliche Spiel Klicks machen, haben die Zapper nichts gefunden.

6. Alessio geht es nicht gut
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
Manchmal geraten Kinder von Promis ins Fadenkreuz von Social Media und werden zu Opfern von Hass und Spott, der eigentlich ihren Eltern gilt. So zum Beispiel beim Sohn des mittlerweile getrennten Promipaars Sarah und Pietro Lombardi, aber auch beim Sohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. “taz”-Autorin Hengameh Yaghoobifarah plädiert für mehr Zurückhaltung: “Das öffentliche Leben als Promi-Kind ist belastend genug. Der zusätzliche Hohn ist unnötig und geschmacklos.”

Gewaltfixierte G20-Medien, Schweizer Rechtsdruck, Unprivilegierte Quelle

1. Journalisten fixieren sich auf Gewaltdarstellungen
(deutschlandfunk.de, Claudia van Laak)
Das Berliner “Institut für Protest- und Bewegungsforschung” nimmt die G20-Proteste zum Anlass, um eine Studie zur Berichterstattung über Großdemonstrationen vorzustellen. Die mediale Berichterstattung gehorche ungeschriebenen Gesetzen. Gewaltfixierung ist eines davon. Die Studie kritisiere, dass Demonstrationen in vielen Fällen als lediglich folkloristisch beschrieben würden, es fehlten Hinweise darauf, welche wichtige Rolle Demonstrationen für eine funktionierende Demokratie hätten. In Bezug auf den G20-Gipfel in Hamburg appelliere einer der Protestforscher an die Journalistinnen und Journalisten, die Rolle der Polizei kritischer zu hinterfragen als bislang.
Dazu gleich noch eine weitere Leseempfehlung: Schrödingers Camp oder die Versammlungsfreiheit vor dem Gesetz, in der der gesamte Ablauf um das Protestcamp von einem Juristen, auch für Nicht-Juristen lesbar, aufgearbeitet wird.

2. Rechtsdruck
(sueddeutsche.de, Charlotte Theile)
Nach Angaben der “NZZ am Sonntag” will ein ominöser, AfD-naher Verein mit Verbindungen in die Schweiz eine eigene Zeitung herausbringen: den “Deutschland-Kurier”. Das Blatt soll angeblich mit einer Druckauflage von 200.000 Exemplaren starten und 30 Cent pro Zeitung kosten. Bei dem Projekt mit dabei: Der ehemalige Chefredakteur der “Bild”-Zeitung Peter Bartels. Aber auch andere Schweizer Publikationen planen die Expansion nach Deutschland. “SZ”-Autorin Charlotte Theile dazu: “Aus Schweizer Sicht ist die Deutschland-Strategie naheliegend: Im Vergleich ist die deutsche Medienlandschaft politisch eher links, man vermutet eine Lücke rechts der bestehenden Zeitungslandschaft – und sieht im deutschen Medienmarkt vieles in Bewegung. Hier mitzumischen, das ist sowohl für bürgerlich-liberale Stimmen wie die NZZ als auch für stramm rechtskonservative Journalisten interessant.”

3. Merkel macht’s nur zu sechst: Die bizarren Verhandlungen ums TV-Duell
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Am Sonntag, den 3. September findet das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin und SPD-Kanzlerkandidaten statt, das von “ARD”, “ZDF”, “RTL” und “Sat1” ausgerichtet wird. Hinter den Kulissen wurde zäh um die Modalitäten gerungen, zu einem bestimmten Zeitpunkt stand die Veranstaltung sogar auf der Kippe. Ein Vorgang, den Stefan Niggemeier auf “Übermedien” zu Recht als “bizarr” bezeichnet und der verschiedene Deutungsmöglichkeiten zulässt.

4. Merkel muss Freilassung von Journalisten fordern
(reporter-ohne-grenzen.de)
Noch vor Beginn des G20-Gipfels wird sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping treffen. Dies nimmt “Reporter ohne Grenzen” zum Anlass, an die Unterdrückung von Journalisten und Blogger in China zu erinnern. Mindestens 103 Medienschaffende säßen derzeit wegen ihrer Arbeit in Haft. Auf der Rangliste der Pressefreiheit stehe China auf Platz 176 von 180 Staaten.

5. Warum viele Journalisten der Polizei alles glauben
(medium.com, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat plädiert dafür, nicht alle Aussagen der Polizei ungeprüft hinzunehmen, obwohl diese oft als “privilegierte Quelle” eingestuft wird: “Es ist zwar nachvollziehbar, dass es bequem für Redaktionen ist, nicht jede Polizeimeldung über einen Autounfall nachrecherchieren zu müssen. Doch wie kann eine Presse behaupten, sie sei frei und unabhängig, wenn sie staatliche Quellen nicht gleich behandelt wie alle anderen auch? Ist ihr nicht klar, dass sie funktionalisiert wird? Nämlich von der Seite, die von der ungefilterten Weitergabe und dem Nicht-Hinterfragen ihrer Mitteilungen profitiert.”

6. Journalist erteilt «SVP-Blatt» eine Absage
(persoenlich.com)
Krsto Lazarevic arbeitet zurzeit als Osteuropa-Korrespondent für verschiedene Print- und Onlinemedien. Als sich die Schweizer “Weltwoche” bei ihm nach den Nachdruckrechten eines Artikels erkundigt, nutzt er die Situation für eine Generalabrechnung mit dem Blatt. Hier soll nicht alles verraten werden, aber Lazarevic würde eher den “Paradeplatz mit seiner Zunge sauberlecken” …

Prioritätenfrage, Trumps Kriegserklärung, Daur-Werbesendung

1. Setzen die Netzaktivisten die richtigen Prioritäten?
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal überlegt, ob die Gegner des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes auf dem richtigen Weg waren: “Statt darüber nachzudenken, ob eine private Medienholding, die zwei Milliarden Kleinsender unter ihrem Dach versammelt, wirklich so groß und so privat bleiben kann, arbeiteten sich die meisten Netzaktivisten an den unausgegorenen Paragraphen des NetzDG ab und stilisierten das Gesetz zum Totengräber der Meinungsfreiheit. Sie waren blind für die Prioritäten. Sie haben sich auf den Berliner Politikbetrieb und dessen Paragraphen-Output konzentriert, während das eigentliche Problem von ihnen wie eine lässliche Fußnote behandelt wurde. Die Argumentation der Netzaktivisten wäre stimmiger gewesen, wenn sie die Demokratisierung der sozialen Netzwerke ganz oben auf ihre Agenda gesetzt hätten.”

2. «Es ist eine Kriegserklärung»
(tagesanzeiger.ch, Walter Niederberger & Robert Rosenthal)
Der US-Journalist und Leiter des “Center for Investigative Reporting” Robert Rosenthal sagt, Donald Trump strebe “die totale Kontrolle der Nachrichtenlage an”. Die Attacke auf CNN sei Teil einer systematischen Kampagne. Im Interview stellt er seinen Landsleuten darüber hinaus ein erschütterndes Zeugnis aus: “Die Amerikaner wissen kaum mehr, was in der Welt läuft. Sie reisen nicht, sie sind provinziell und sie sind, um ein in den USA selten gebrauchtes Wort zu brauchen, nationalistisch. Niemand scheint es zu kümmern, dass wir fast konstant irgendwo Krieg führen. Mit Trump ist wieder eine weisse, nationalistische Bewegung gross geworden, die von der Angst lebt.”

3. Maas schlägt digitales Antidiskriminierungsgesetz vor
(zeit.de, Patrick Beuth)
Justizminister Heiko Maas hat auf einer Veranstaltung seines Ministeriums gleich drei Neuerungen vorgeschlagen: Ein “digitales Antidiskriminierungsgesetz”, um zu verhindern, dass Teile der Bevölkerung durch Softwareentscheidungen benachteiligt werden, ein Transparenzgebot für Algorithmen und die Gründung einer Digitalagentur, einer Art staatlicher Algorithmenaufsicht. Mit einer schnellen Einführung sei jedoch nicht zu rechnen und schon gar nicht in dieser Legislaturperiode.
Weiterer Lesetipp: Max Biederbeck auf “Wired” — “Jetzt will er die Algorithmen: Das „Wie“ bleibt der Justizminister schuldig”

4. Rocco und seine Brüder installieren „Walk of Shame“ vor Axel Springer Haus in Berlin
(urbanshit.de)
Die Aktionsgruppe “Rocco und seine Brüder” hat vor dem Axel Springer Haus in Berlin einen „Walk of Shame“ installiert. Auf dem Boden montierte Tafeln prangern Arbeitsweise und Methoden von “Bild” an. Ein 4 1/2 Minuten langes Video dokumentiert die Aktion und erklärt die Beweggründe für die Aktion.

5. Crowdsourcing im Journalismus: Der Nutzer, dein Freund und Helfer
(fachjournalist.de, Bernd Oswald)
Crowdsourcing als Chance für den Journalismus: Bernd Oswald hat sich die verschiedenen Bereiche angeschaut, in denen Journalisten und Nutzer zum beiderseitigen Vorteil zusammenarbeiten können und nennt gelungene Beispiele. Crowdsourcing stärke die Leser-Marken-Bindung, so sein Fazit: “Engagierte Leser verbringen mehr Zeit mit dem Medium und wahrscheinlich teilen sie Beiträge, an denen sie mitwirken, auch häufiger. Noch wertvoller für Journalisten können Hinweise für oder sogar die Mitarbeit der Nutzer bei der Recherche sein. Damit das klappt, muss eine Redaktion ihre Community pflegen und glaubwürdig zeigen, dass die Mitarbeit der Nutzer gewünscht ist.”

6. Die Daur-Werbesendung
(manager-magazin.de, Bianca Lang)
Das “Manager Magazin” hat mit einer der erfolgreichsten Instagrammerinnen Deutschlands gesprochen, der 22-jährigen Caro Daur. Sie hat etwa eine Million Follower, ihr Jahresumsatz wird auch auf eine Million geschätzt. Geld, das von der Modeindustrie kommt, die damit Caro Daurs “Content” entlohnt oder um es in ihren Worten zu sagen: “Der Content ist meine Persönlichkeit, der durch mein Umfeld und meine Tätigkeit geformt wird.”

“Ihr Gaffer seid echt das Letzte!” Aber eure Fotos nimmt “Bild” gern

Die “Bild”-Medien haben ja auch mal Recht. Zum Beispiel, wenn es um Gaffer und Schaulustige bei Unfällen geht. Bei diesem Thema platzt “Bild”-Chefreporter Peter Tiede nämlich schon mal der Kragen:

Und zwar in diesem Artikel:

Ende April schrieb Tiede seinen Gaffer-Kommentar und fand darin ziemlich deutliche Worte, Großbuchstaben und Ausrufezeichen für die “verhaltensgestörte Stau-Pegida” sowie die “Schwarm-Verblödung und Gruppen-Verrohung auf unseren Autobahnen”:

Das macht mich rasend: Wieder sind Retter und Helfer auf dem Weg zu einem schweren Autobahn-Unfall blockiert und bei ihrer Arbeit auch noch beschimpft worden!

JA, SCHON WIEDER! Asphalt-Pöbel! Fremdleid-Gaffer! Rettungsgassen-Penner!

In den Tagen nach Tiedes geplatztem Kragen erschien bei Bild.de gehäufte Gaffer-Kritik. Am 3. Mai veröffentlichte das Portal beispielsweise “Die Gaffer-Galerie von der A4” und zeigte dort (verpixelte) Bilder von LKW- und Autofahrern, die mit ihren Handys eine Unfallstelle filmten oder fotografierten:

Drei Verletzte nach einem Crash auf der A4. Ein Transporter ist umgekippt, die Bergung schwierig. Doch statt zügig an der Unfallstelle vorbei zu rollen, halten viele Kraftfahrer skrupellos mit der Handykamera drauf.

Am 18. Mai titelte Bild.de zu einem Unfall auf der A1: “SCHON WIEDER! Gaffer behindern Unfall-Retter”.

Problem bei der Rettung: Die anderen Autos ließen die Retter nicht durch! Christian Bahrs von der Feuerwehr Harpstedt: “Die Rettungsgasse hat wenig bis gar nicht funktioniert. Und auf der Gegenspur hat ein LKW-Fahrer auf dem Standstreifen angehalten und Fotos gemacht, statt zu helfen.”

Nur zwei Tage später der nächste Bild.de-Text: “Gaffer stören Retter nach Massen-Crash!”

Die Rettungsgasse fehlte auf langen Abschnitten, Gaffer stiegen aus ihren Autos und liefend (sic) fotografierend und filmend über die Autobahn! Die Polizei musste eingreifen, sprach Mahnungen aus.

Und so gibt es immer mal wieder die völlig berechtigte Gaffer-Schelte in den “Bild”-Medien. Erst gestern am späten Abend erneut bei Bild.de:

Dutzende Gaffer versammelten sich indes um den Unfallort. Ein junger Mann hielt mit dem Handy drauf.

Heute berichtet das “Bild”-Onlineportal über einen Unfall auf der A9 in Bayern, bei dem nach aktuellem Stand 18 Menschen ums Leben kamen. Dafür benutzt es auch dieses Foto als Aufmacher-Optik:

Als Quelle ist lediglich “privat” angegeben. Die Person, die das Foto geschossen hat, muss sich auf der gegenüberliegenden Autobahnspur befunden haben. Und sie hat es ganz offensichtlich aus einem Fahrzeug heraus gemacht — oben rechts kann man in der Spiegelung der Fensterscheibe das Armaturenbrett und das Lenkrad erkennen. Es sieht stark nach einer Gaffer-Aufnahme aus.

Gaffer sind “echt das Letzte”, findet “Bild”. Außer sie liefern der Redaktion dramatische Fotos.

Mit Dank an Coroline S., Manni, Harald C.-H., Frank L. und Frederik für die Hinweise!

Nachtrag, 4. Juli: Inzwischen haben es noch mehr Aufnahmen, die von Autofahrern stammen, die gestern an der Unfallstelle auf der A9 vorbeigekommen sind und ihr Mobiltelefon gezückt haben, zu Bild.de geschafft.

Dieses Foto — auch hier nur die Quellenangabe “privat” — zum Beispiel:

Die Redaktion hat außerdem ein Handyvideo veröffentlicht, auf dem der brennende Bus zu sehen ist:

Bei “RTL aktuell” lief gestern das gleiche Video, während später im selben Beitrag die problematischen Gaffer thematisiert wurden:

Die “Bild”-Zeitung hat eine Gaffer-Aufnahme — vermutlich ein Standbild aus dem oben bereits erwähnten Handyvideo — sogar auf die heutige Titelseite gepackt …

… und auf Seite 2 gleich eine ganze Gaffer-Foto-Collage veröffentlicht:

Mit Dank an Christian M., Stefan K., @kaeptn99 und @KiCKLOCHONE für die Hinweise!

“FAZ” und “Ehe für alle”: Ein Hass, der keinen Namen trägt

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” veröffentlichte vorgestern, am Tag der Abstimmung über die “Ehe für alle”, einen homophoben Hetztext, den man nicht lesen muss, da er sich mit einem Satz zusammenfassen lässt: Homosexuelle sind Kinderschänder. Auf den Gastbeitrag in der “FAZ”, unter Pseudonym erschienen, folgte große Empörung, die wiederum dazu führte, dass der zuständige Redakteur Reinhard Müller sich äußerte.

Da in dem Hetztext keine Evidenz, keine Wahrheit steckt (außer der einer offensichtlichen persönlichen Tragödie), steckt in ihm auch nichts Journalistisches. Er möchte nichts erklären, nichts diskutieren. Er möchte nur beleidigen, demütigen, hassen. Er möchte auch nichts provozieren, zumindest nichts, was nach allem Wissen rund ums Thema ernsthaft zu debattieren wäre. Da dieser Text kein Journalismus ist, kann man ihn auch nicht nach journalistischen Kriterien besprechen. Man muss ihn betrachten, als das, was er ist: Propaganda, Marketing.

Man muss heute nicht mehr argumentieren, warum die Erde keine Scheibe ist. Man muss danach fragen, warum jemand so tut, als wäre sie eine. Oder besser: Warum ein Medium jemanden vorschickt, so etwas zu tun. Und warum dieser jemand versteckt werden muss, beziehungsweise warum es so aussehen muss, als sei dies der Fall? Warum macht die “FAZ” das? Warum hat sie es nötig? Was ist die dahinterstehende (Marketing-)Strategie?

Das so ziemlich einzige Gute an der Sache ist, dass sich “FAZ”-Redakteur Reinhard Müller ziemlich freimütig in die Karten schauen lässt. Auf die Frage von “Meedia”, warum man den Text unter einem Pseudonym veröffentlicht habe — eine Praxis, die normalerweise angewendet wird, um mutige Stimmen, wie die von Dissidenten vor Repressalien zu schützen –, antwortet Müller:

“Der Autor verweist im Text darauf, ‘wie schwierig das sachliche Argumentieren dieser Angelegenheit in der Gay-Community ist — wer etwas anderes meint, wird gleich als ‘Verräter’ gebrandmarkt’. Diese Befürchtung scheint, wie einige Reaktionen zeigen, nicht unberechtigt gewesen zu sein.”

Es ist also der offensichtliche Versuch, einen homosexuellen Autor mit offensichtlich problematischen kinderbezogenen Phantasien, der sich dafür hasst und diesen Hass auf das Homosexuell-sein und die Homosexuellen übertragen möchte, als mutigen Aufklärer nicht in eigener, sondern allgemeiner Sache darzustellen. Und — noch schlimmer: die Opfer des Hasses zu Tätern zu machen. Wer sich gegen die Unterstellungen und Beleidigungen wehrt, ist der, der den Diskurs erschwert, und nicht jener, der ihn mit Verrücktheiten zubombt.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. Den sogenannten “Waldschlösschen-Appell” gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Müllers vorsätzliche Diffamierung Homosexueller funktioniert dabei wie eine alte Antisemiten-Logik: So, wie die Juden Schuld am Antisemitismus sind, sind es die Homos bei der Homophobie. Beschuldigen doch einfach jemanden, der ihnen gar nichts getan hat.

Noch skandalöser als die Veröffentlichung des Gastbeitrags sind die Erklärungen, die der “FAZ”-Mann ohne den Protest seiner Chefs verlautbaren darf:

“Die ‘Fremde Feder’ ist, wie der Name schon sagt, ein Ort für pointierte, auch provozierende Debattenbeiträge von Fremdautoren. Insofern haben wir mit Reaktionen gerechnet. Uns hat dennoch die Intoleranz einiger Kommentare überrascht.”

Nicht nur im Marketing nennt man das Reframing: Das gezielte Umdeuten eines Kontextes durch eine Verschiebung der Betrachtung. In diesem Fall ermöglicht es dem intoleranten Homo-Hasser, sich als Opfer von Intoleranz zu sehen.

Die Strategie ist also ein Leserservice der besonderen Art: über den Umweg “Fremde Feder” der eigenen konservativen Kernklientel ein Mittel an die Hand geben, mit der diese ihren Hass verklären und bewahren kann. Die “FAZ” möchte offensichtlich nicht auf diese Zielgruppe verzichten, doch statt ihr die Welt zu erklären, die diese nicht mehr verstehen kann, also Journalismus zu machen, hisst sie die weiße Fahne. Eine größere Leserverachtung erscheint kaum möglich.

Ehe für alle, MDR-Pate angeklagt, Abgehört

1. Merkels Privat-Audienz bei „Brigitte“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ausgerechnet ein Talk von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Frauenzeitschrift “Brigitte” ermöglicht nun wahrscheinlich die Öffnung der “Ehe für alle”. Stefan Niggemeier fragt sich, was das über Bundeskanzlerin und “Brigitte” aussagt: “Ein Teil des Spotts, den man nun über die „Brigitte“ liest, ist in Wahrheit Ausdruck der Wut über die Kanzlerin, dass sie sich einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung über das Thema selbst in dem Moment noch verweigert, in dem sie sich bewegt – auch dank der Bühne, die ihr die „Brigitte“ mit dem netten Plauschformat bietet.”

2. Aufgeflogen: Gespräch mit Journalisten abgehört
(ndr.de, Hendrik Maaßen)
In Sachsen wurden Gespräche von mindestens drei Journalisten im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens abgehört und jahrelang gespeichert. Das belegen Unterlagen der Polizei Sachsen, die dem “NDR” vorliegen. Entgegen der gesetzlichen Benachrichtigungspflicht wurden alle drei Journalisten nach eigenen Angaben nicht über die Überwachung informiert. Hintergrund: Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen hatte gegen Personen aus dem Umfeld des Leipziger Fußball-Oberligisten “BSG Chemie Leipzig e.V” wegen des Verdachts auf “Bildung einer kriminellen Vereinigung” ermittelt.

3. Betrogen und bestochen
(faz.net, Michael Hanfeld)
Es sind schwere Vorwürfe, mit denen sich der ehemalige Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks konfrontiert sieht. Das Landgericht Leipzig hat am Dienstag die Anklage gegen ihn zugelassen. Es geht um Betrug in dreizehn Fällen, Steuerhinterziehung in fünf Fällen sowie Untreue und Bestechlichkeit in je einem Fall. Wenn man den Beitrag liest, versteht man, warum der Mann auch als “der Pate des ARD-Unterhaltungsfernsehens” bezeichnet wird.

4. Das sind die größten Herausforderungen für Journalisten
(horizont.net, Katharina Brecht)
Die größten Herausforderungen für Journalisten sind Glaubwürdigkeit, Fake News und Unabhängigkeit. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 1.700 Journalisten. In der Umfrage ging es auch um den Umgang mit Social Media und wie es um das Verhältnis zu Pressesprechern bestellt ist.

5. „Facebook-Gesetz“ – Eine Ehrenrettung
(carta.info, Christian Humborg)
Das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz* ist besser als sein Ruf, findet Christian Humborg in seiner Kolumne auf “Carta”. Es verteidige die Meinungsfreiheit, weil es die Meinung der anderen, also der Opfer von Hasskriminalität, zu schützen versuche.

6. Unkontrollierbare Scheißstrecke: Warum die Rocket Beans Erfolg haben
(wired.de, Max Biederbeck)
“Wired” war zu Gast bei einem der erfolgreichsten Internet-Kanäle: “Rocket Beans TV” in Hamburg. Die Produktionsfirma hat sich innerhalb von drei Jahren zu einem florierenden Unternehmen mit 90 Angestellten entwickelt. Im weitesten Sinn geht es um Unterhaltung und Nerdthemen: ob Computerspiele, Filme, Musik oder Brettspiele. Max Biederbeck zeichnet die Entwicklung der Firma nach und hat sich angeschaut wie die “Beans” arbeiten.

*Nachtrag, 6. Oktober: In einer früheren Version hatten wir fälschlicherweise vom “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” geschrieben. Das ist natürlich Unsinn.

NetzDG reloaded, Asymmetrische Fakten, Twitters Blockadeverhalten

1. Hate-Speech-Gesetz: Neuer Entwurf gefährdet weiterhin die Meinungsfreiheit
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die große Koalition hat sich offenbar geeinigt und einen neuen, in einigen Punkten entschärften Entwurf zum sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz vorgelegt. Markus Reuter von Netzpolitik.org hält das Gesetz immer noch für eine Gefahr für die Meinungsfreiheit. Und er ist damit nicht allein: Ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Verbänden und Rechtsexperten appelliert an die große Koalition, das fragwürdige NetzDG nicht zu verabschieden.

2. Asymmetrische Fakten
(taz.de, Jörg Wimalasena)
Angela Merkel lässt ihren Mitbewerber ums Bundeskanzleramt Martin Schulz oftmals ins Leere laufen: Auf konkrete Wahlversprechen der Gegenseite reagiert sie mit Schweigen. Der Chef der Forschungsgruppe Wahlen nannte es einst „asymmetrische Demobilisierung“: Zu kontroversen Themen keine Stellung beziehen und hoffen, dass die Wähler der anderen Parteien am Wahltag einfach zu Hause bleiben. Schulz sprach in diesem Zusammenhang von einem „Anschlag auf die Demokratie“. Das „ZDF heute journal“ wollte dem etwas entgegensetzen und wies im Faktencheck auf eine um 0,7 Prozent gestiegene Wahlbeteiligung hin. Was richtig wäre, wenn da nicht die Sache mit dem betrachteten Zeitraum wäre…

3. Meinungsfreiheit? Was Twitter alles blockiert
(spiegel.de, Philipp Hummel)
Das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz sieht drastische Strafen für Plattformbetreiber vor, die rechtswidrige Inhalte nicht innerhalb kurzer Fristen entfernen. Dies kann nach Ansicht von Kritikern zu Überreaktionen auf Seiten der Betreiber führen. “Spiegel Online” hat sich das Löschverhalten Twitters angeschaut und dazu eine Datenanalyse durchgeführt. Das Resümee: “Trotz der vielen fragwürdigen Eingriffe durch Twitter: Wer nicht gerade “Trusted Reporter” ist – in Deutschland hat diesen Rang offenbar nur jugendschutz.net – oder prominent wie Jan Böhmermann, hat es bei Twitter offenbar schwer, Gehör zu finden.”

4. Boulevard = Fake?
(deutschlandfunk.de, Dietrich Mohaupt)
Gymnasiasten in Niedersachsen haben im Unterricht eine App getestet, die ihnen beibringen soll, Fake News zu erkennen. 19 Fragen sollen helfen, auffällige Meldungen aus dem Internet schnell auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen, doch die Methode ist umstritten. Der Vorsitzende des niedersächsischen Philologenverbandes will z.B. die typischen Stilmittel der Boulevardpresse nicht als ein Kriterium für Fake News gelten lassen.

5. Wie die Regierung in Mexiko Aktivisten und Journalistinnen ausspioniert
(boell.de, Caroline Schroeder)
Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Laut der Menschenrechtsorganisation “Article 19” wurden seit dem Jahr 2000 einhundertsechs Medienvertreter umgebracht. Nun wird bekannt, dass die Regierung in den letzten anderthalb Jahren Journalisten mit einer israelischen Software ausspioniert hat, die eigentlich für den Kampf gegen Terrorismus bestimmt ist. Es liegt ein Bericht vor, in dem 12 Fälle ausführlich dokumentiert sind.

6. Reden wir darüber
(sueddeutsche.de, Hannah Beitzer)
“Wege aus der Filter Bubble” hieß die Veranstaltung, zu der u.a. “Gruner + Jahr”, “Spiegel” und “Zeit” nach Berlin geladen hatten. Justizminister Heiko Maas und einige Journalisten diskutierten über Hass im Netz, Fake News, Filterblasen und die Verantwortung sozialer Medien. “Wir wollen miteinander statt übereinander reden” hieß das Motto der Veranstaltung, das jedoch laut Hanna Beitzer von einem bestimmten Netzwerk unterlaufen wird: “Reden kann man mit Facebook, aber es bringt nicht viel.”

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