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Nicht neu: “Bild” tut Grünen-Politiker Unrecht

Sinnentstellende Montagetechniken beherrscht “Bild” übrigens nicht nur beim Arrangement aus dem Zusammenhang gerissener Zitate. Das geht auch mit Fotos.

Grad jüngst zum Beispiel sah’s so aus, als illustriere “Bild” ihre Berichterstattung über den “Grüne Jugend”-Sprecher und Graffiti-Befürworter Stephan Schilling mit einem großen Foto, das ihn vor einer fies beschmierten Häuserwand zeigt.

Nur gibt es dieses Foto gar nicht.

Zwar hatte sich Schilling tatsächlich für “Bild” vor einer Graffiti-Wand fotografieren lassen, wie er sagt, wenn man ihn fragt. Doch habe man sich ausdrücklich darauf verständigt, dass ihn die Fotos “nicht vor irgendwelchen Schmierereien” zeigen. Das Foto, so Schilling, sei dauraufhin auf einem alten Fabrikgelände vor einer Wand bei einem Jugendfreizeitklub entstanden – und sieht deshalb ursprünglich genau so aus wie das bei Bild.de (siehe Ausriss links).

Für die gedruckte “Bild” hingegen (siehe Ausriss rechts) wurde das Originalfoto manipuliert: Die farbenfrohe Graffiti-Wand im Bildhintergrund wurde gegen eine weitaus tristere, mehrere Kilometer entfernt und ohne Schilling entstandene Aufnahme ausgetauscht. Und selbst die dazugehörige “Bild”-Formulierung über Schilling (“Findet Graffiti (wie auf dem Foto im Hintergrund) in Ordnung”) wirkt derart suggestiv montiert, als wolle sie in die Irre führen und die Wirklichkeit bewusst verschleiern.

Aber wie gesagt: Dass (und wie) sich “Bild” gern kritisch mit Politikern der Grünen auseinandersetzt, ist ja nicht neu.

Neu: “Bild” tut CDU-Politiker Unrecht

Man kann geteilter Meinung darüber sein, wie sinnvoll es ist, Graffiti-Sprayer strafrechtlich und per Hubschrauber zu verfolgen. Man kann das beispielsweise gut finden. Oder auch nicht. Der 21-jährige Stephan Schilling hat sich eher für Letzteres entschieden, wofür er von der “Bild”-Zeitung am gestrigen Samstag als “Milchgesicht” bzw. “grünes Milchgesicht” beschimpft wurde – und als “Chef der ‘Grünen Jugend'” bezeichnet, wiewohl er doch nur deren Sprecher ist. Aber naja: Dass (und wie) sich “Bild” gern kritisch mit Politikern der Grünen auseinandersetzt, ist nicht neu und bekannt.

Wirklich übel mitgespielt hat die “Bild” diesmal aber weniger dem “Milchgesicht” Schilling als vielmehr dem Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Christoph Stölzl (CDU). Denn unmittelbar im Anschluss an den O-Ton eines FDP-Politikers, der laut “Bild” einen Rücktritt Schillings fordere und ihm “ein gestörtes Verhältnis zum Rechtsstaat” unterstellt, folgt ein Zitat Stölzls – genauer gesagt, dieses:

“Hier zeigt sich die häßliche Fratze der Freude am Rechtsbruch!”

Und in der Tat hat Stölzl das gesagt – als Teilnehmer am “1. Internationalen Anti-Graffiti-Kongress” nämlich, der (von “Bild” leider mit keinem Wort erwähnt) am vergangenen Donnerstag in Berlin stattfand. Nur: Stölzls umstrittenes Zitat bezieht sich offenbar mitnichten auf Schilling, wie “Bild” sogar mühelos in anderen Tageszeitungen aus dem Axel Springer-Verlag hätte nachlesen können. Dort nämlich heißt es:

“Christoph Stölzl (CDU), bezeichnete Graffiti als ‘abgestandenen Abfall der Comic-Malereien der 60er Jahre. Hier zeigt sich die häßliche Fratze der Durchsetzungs-Gesinnung und der Freude am Rechtsbruch.’
(“Berliner Morgenpost” vom 8.4.2005)

Oder noch kürzer:

“‘Hier zeigt sich die häßliche Fratze der Freude am Rechtsbruch.’ Christoph Stölzl (CDU) über Graffiti
(“B.Z.” mit Datum vom 7.4.2005)

Mit Dank an Arne S. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 22:47:
Schilling selbst findet es übrigens okay, dass man ihn als “Chef” bezeichnet.

Deutliche politische Willenserklärung

Am Sonntag war Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Die “Bild”-Zeitung ist, kurz gesagt, unglücklich mit dem Ausgang und sehr, sehr, sehr unglücklich, dass womöglich Heide Simonis Ministerpräsidentin bleibt. Und bei Zeitungen ist das nicht anders als bei Menschen: Wenn jemand emotional sehr aufgewühlt ist, leidet häufig die Rationalität.

Am Dienstag beginnt der “Bild”-Kommentar zur Wahl mit folgendem Satz:

Deutlicher als die Wähler in Schleswig-Holstein kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Wenn Kommentator Georg Streiter ein bisschen weniger erregt gewesen wäre, wären ihm vielleicht doch ein paar Möglichkeiten eingefallen, eine noch deutlichere Willenserklärung abzugeben als eine, bei der CDU und FDP zusammen 46,8 Prozent der Wählerstimmen bekommen haben. Etwa die Möglichkeit, dass sie zusammen eine knappe Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass sie zusammen eine deutliche Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass die CDU eine absolute Mehrheit der Stimmen bekommen hätte. Doch, doch, sowas gibt’s, und das sind deutliche politische Willenserklärungen.

Am Mittwoch titelt “Bild” “Aufstand gegen Dänen-Partei”. Wer probt den Aufstand? Nicht die Mitglieder des SSW, wie man annehmen würde, oder das Volk an sich, sondern der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, der ihr das Recht zum Mitregieren abspricht.

Am Donnerstag schreibt “Bild”, jetzt sei “eine offene Diskussion über Neuwahlen in Schleswig-Holstein entbrannt!” Die “offene Diskussion” besteht darin, dass zwei CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein und ein CDU-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern Neuwahlen fordern.

Ebenfalls am Donnerstag schreibt “Bild”, es werde “bereits über mögliche Abweichler in den Reihen der SPD spekuliert, die der Wahlverliererin, Ministerpräsidentin Heide Simons, bei der geplanten Wiederwahl am 17. März ihre Stimme versagen könnten”. Wer spekuliert? Richtig: Die CDU, genauer: ihr Landessprecher Henning Görtz.

Und wenn man also so richtig emotional aufgewühlt ist und die Unzufriedenheit so gar nicht weggehen will, suchen sich Menschen gerne Außenseiter, Minderheiten, auf die sie ihren Zorn projizieren können. Wie praktisch, dass sich da im konkreten Fall gleich eine Gruppe anbietet: die Dänen.

Warum dürfen diese zwei Dänen die deutsche Politik bestimmen?

fragt “Bild” groß am Dienstag, worauf mindestens dreierlei zu antworten ist: Erstens ist der eine “Däne” gar kein Däne, sondern Friese. Zweitens haben beide “Dänen” die deutsche Staatsbürgerschaft (was “Bild” konsequent verschweigt). Und drittens entscheiden nicht so sehr “zwei Dänen” als vielmehr 51.901 Wähler des SSW.

“Bild” bringt außerdem die Frage auf, ob auch andere Minderheiten die deutsche Landespolitik mitbestimmen könnten, “(z. B. eine ‘Türken-Partei’ in NRW)”, und beantwortet sie so:

Ja. Voraussetzung ist aber der deutsche Paß, um für ein deutsches Parlament zu kandidieren. Für eine “Türken-Partei” würde die übliche Fünf-Prozent-Hürde gelten. Und: Nur Türken mit deutschem Paß dürften sie wählen.

Der letzte Satz ist gleich doppelt irreführend: Natürlich dürften auch nicht-türkischstämmige Deutsche eine solche “Türken-Partei” wählen. Vor allem aber suggeriert “Bild”, dass der SSW auch von Dänen ohne deutschen Pass gewählt werden durfte. Keineswegs. Wahlberechtigt waren auch in Schleswig-Holstein ausschließlich deutsche Staatsbürger.

Deutlicher als “Bild” kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Polizist. Tot!

Ein Rentner aus Gießen wehrte sich mit einer Pistole gegen die Zwangsräumung seiner Wohnung. Die Polizei versuchte, die Situation in den Griff zu bekommen. Und “Bild” titelt:

Wie aber kam es zu dem Unglück?

Der 77-Jährige hatte sich in seiner Wohnung verschanzt. Als die Polizei die Wohnung stürmen wollte, schoss der Rentner.

Und dabei ist einer der Polizisten ums Leben gekommen?

Nein, ganz und gar nicht. Eigentlich war’s nämlich so, weiß “Bild” im Text zur Schlagzeile:

“Zwei Mal schießt das SEK zurück. Eine Kugel trifft den wütender [sic] Mann tödlich.”

Nicht der Polizist, sondern der Rentner ist also bei dem Einsatz ums Leben gekommen. Und “Bild” schließt mit dem Satz: “Kein Beamter verletzt.”

Erhebliche politische Bedeutung

Noch so ein Diekmann gefällig (wieder aus “Cover”)?

Frage:

“Ein investigativer Journalist, der frei für Ihre Zeitung arbeitet, bietet Ihnen vertrauliche Informationen (aufgezeichnete Privattelefonate, heimlich geschossene Fotos und Videoaufnahmen etc.) über die Liebesaffäre einer 19-jährigen Studentin mit einem verheirateten prominenten Mitglied der deutschen Bundesregierung zur Veröffentlichung an. Kaufen Sie ihm das Material ab?

Antwort:

“Ja – um es vom Markt zu nehmen und dem Betroffenen zu geben. Das ist übrigens keine fiktive Annahme, sondern bereits häufiger geübte Praxis. Denn wer mit wem etwas hat, ist Privatsache. Ausnahme: Die Affäre hat erhebliche politische Bedeutung, weil sie die Sicherheit der Bundesrepublik bedroht.”

Ob die (ja: die) Affäre von Oliver Kahn neulich auch die Sicherheit der Bundesrepublik bedroht hat? Oder bloß die der Bundesliga?

TV-Verbot für die schöne Polizistin

Mist, verschlafen. Am Nachmittag des 3. Juni schon lief die letzte Folge des ZDF-Polizei-Laienspiels “Einsatz täglich”, und “Bild” hat’s nicht gemerkt. Wär ja auch nicht so tragisch gewesen, aber mit ein bisschen Erfindungsreichtum kann man auch vier Wochen später noch Saft daraus saugen. Einfach: “Serie mangels Quoten vor einem Monat eingestellt” kann man nun natürlich nicht drüber schreiben. Stattdessen steht also in “Bild”: “TV-Verbot für die schöne Polizistin”. Merke: Wenn schon der Zeitpunkt nicht stimmt, sollte wenigstens auch der Inhalt falsch sein.

Michelmann frei, ZDF prüft Sanktionsklauseln, Bachmann-Preis

1. In Syrien festgehaltene Eva Maria Michelmann ist frei
(wdr.de, Alexa Schulz)
Die Kölner Journalistin Eva Maria Michelmann sei nach WDR-Informationen frei und am Freitag in Deutschland gelandet. Seit über drei Jahren habe sie als registrierte Journalistin im kurdischen Autonomiegebiet Nordsyriens gearbeitet. Im Januar 2026 sei sie dann beim Einmarsch von Truppen der syrischen Übergangsregierung in Raqqa ohne Angabe von Gründen festgenommen worden. Michelmanns Bruder habe von Folter durch Elektroschocks und einem sehr schlechten Zustand berichtet. Gelungen sei die Freilassung schließlich durch die Bemühungen des deutschen Konsulats und, so der Bruder, durch öffentlichen Druck.

2. Wo beginnt der KI-Betrug im Journalismus? Die Casdorff-Döpfner-FAZ-Debatte
(ardsounds.de, Jonathan Schulenburg, Audio: 21:54 Minuten)
Anlässlich der Debatte um Künstliche Intelligenz im Journalismus diskutieren Medienethikerin Jessica Heesen und “Tagesspiegel”-Chefredakteur Christian Tretbar bei “BR24 Medien” darüber, wann der Einsatz von KI erlaubt ist und wann eben nicht: “Wo beginnt der KI-Betrug im Journalismus? Und braucht es eine KI-Kennzeichnung oder sind wir einfach zu naiv und es passiert eh schon überall?”
Weiterer Lesetipp: In der “taz” schreibt Anne Fromm: “Die Frage, welche Rolle KI in den Medien spielt, ist also nicht nur eine technologische, sondern auch eine wirtschaftliche. Leistet die Maschine bald schneller und billiger das, was heute teure Re­dak­teu­r:in­nen leisten?” Und ebenfalls lesenswert: Die Grenzen der Detektoren: “Für die Erkennung KI-generierter Texte werden zunehmend Programme wie ‘Pangram’ eingesetzt. Doch wie verlässlich sind diese Detektoren überhaupt?” (taz.de, Raoul Spada)

3. ZDF prüft Sanktionsklauseln in Verträgen nach Kritik
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Das ZDF habe eine Überprüfung von Vertragsklauseln angekündigt, mit denen es Mitwirkende an Sendungen verpflichte, nicht mit Personen auf Sanktionslisten von EU, UN und USA zusammenzuarbeiten. Vor allem der Bezug auf die US-Sanktionen habe Kritik ausgelöst. Beobachter würden um die Unabhängigkeit der Berichterstattung fürchten. Das ECCHR habe eine Rücknahme der Regelung gefordert.

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4. Reichweite auf Big-Tech-Plattformen ist nicht mehr genug
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Zum zehnten Geburtstag des ARD/ZDF-Jugendangebots “Funk” zieht Leonhard Dobusch eine positive Bilanz. Das Experiment, ohne linearen Sender direkt auf kommerziellen Plattformen für junge Zielgruppen zu publizieren, sei geglückt. “Funk” erreiche einen Großteil der 14- bis 29-Jährigen. Reichweite auf Big-Tech-Plattformen allein genüge aber nicht mehr, so Dobusch. Nötig seien mehr wiederkehrende Live-Formate, eigene tagesaktuelle Nachrichtenangebote sowie mehr Engegement jenseits der kommerziellen Drittplattformen.

5. Recherche wird zur Superkraft
(verdi.de, Bärbel Röben)
Bärbel Röben berichtet von der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche (NR), die beim NDR in Hamburg mit über 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattgefunden habe. Der NR-Vorsitzende Daniel Drepper habe vor autoritären Angriffen auf den Journalismus gewarnt, sich für Deutschland aber optimistisch gezeigt. Ein Rückblick habe den Wandel der investigativen Recherche vom männlich geprägten Gegeneinander hin zu kollegialer Teamarbeit nachgezeichnet. Die investigative Recherche könne nicht durch KI ersetzt werden.

6. Das Verhör der Ingeborg Bachmann
(ardsounds.de, Barbara Kaufmann, Audio: 55:57 Minuten)
Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Er wurde von der Stadt Klagenfurt im Gedenken an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gestiftet. “In einer dreitägigen Lese-Veranstaltung treten vorausgewählte Bewerber nacheinander an und tragen etwa 25 Minuten lang bislang unveröffentlichte Prosatexte oder Ausschnitte vor”, schreibt die Wikipedia zum Bachmann-Preis. Bei SWR Kultur widmet sich Barbara Kaufmann in einem Audioessay den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte der Veranstaltung: “Ingeborg Bachmann war Schriftstellerin, aber sie wurde zu einer Marke und einem Preis. Die Bachmann. Die große Tochter der Stadt Klagenfurt. Wer hat ihr dieses Image verpasst?”

Selbst schuld, “Fatales Signal”, Essenz der Fotografie

1. Selbst schuld
(taz.de, Ambros Waibel)
Ambros Waibel kommentiert die jüngsten Entwicklungen im Journalismus: Der geschriebene Journalismus sei an seiner Verdrängbarkeit durch Künstliche Intelligenz selbst schuld, weil er ohnehin von Phrasen und vorhersehbaren Mustern lebe, die eine KI mühelos nachbilde. Bestand habe nur, wer Selbstgesehenes berichte, echte Neuigkeiten liefere oder Fakten essayistisch verknüpfe. Das aber sei teuer und müsse exklusiv vermarktet werden. Die Antworten lägen am Ende nicht in der Technik, sondern bei den Menschen, die sich fragen müssten, welchen Journalismus sie wollen.
Weitere Lesetipps: KI-Verdacht und Fehler: Holtzbrinck verdient mit Schrottbuch über “Colonia Dignidad” (msn.com/faz.net) und dju legt 5 Punkte für KI-Einsatz vor (verdi.de).

2. “Fatales Signal”
(kontextwochenzeitung.de)
“Kontext” habe sich bei einer Recherche auf einen Informanten gestützt, dessen Identität die Redaktion bewusst geheim halte. Vor Gericht hätte sie nun beweisen sollen, dass die Information echt ist. Dafür hätte sie die Quelle preisgeben müssen. Weil das “Kontext”-Team das verweigert habe, um den Informanten zu schützen, habe es den Prozess verloren. Der Bundesgerichtshof habe ein entsprechendes Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt bestätigt. Günter Wallraff, Reporter ohne Grenzen, Verdi und der Deutsche Journalisten-Verband würden warnen, dass damit der Quellenschutz in Gefahr gerate, eine der wichtigsten Grundlagen des investigativen Journalismus.

3. Warum W Social mehr kalter Kaffee als heißer Scheiß ist
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter kritisiert den Start des schwedischen Netzwerks W Social, das sich als europäische Twitter-Alternative inszeniere, mit Datenhosting in Europa und Ausweispflicht ab 18 Jahren. Damit werde Identifizierungspflichten und Alterskontrollen Vorschub geleistet. Außerdem bleibe unklar, warum ein profitorientiertes Start-up mit geschlossenem Code es besser machen solle als die quelloffenen Mastodon, Bluesky und Eurosky.

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4. MDR-Programmdirektor: “Es gibt kein Ranking im Schmerz”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Im Interview spricht der seit April zurückgekehrte MDR-Programmdirektor Boris Lochthofen über die jüngsten Sparmaßnahmen des öffentlich-rechtlichen Senders. Der MDR leide stärker als andere ARD-Häuser unter der ausgebliebenen Beitragsanpassung und einem demografisch schrumpfenden Sendegebiet. Deshalb pausiere man “Tatort” und “Polizeiruf 110” für drei Jahre, gebe das “Mittagsmagazin” an den NDR ab und stelle “MDR um 2” ein. Diese Einschnitte wären laut Lochthofen vermeidbar gewesen, hätten die Länder die von der KEF empfohlene Beitragserhöhung zum 1. Januar 2025 umgesetzt.

5. “Die Essenz der Fotografie ist auch Melancholie”
(dfjv.de, Ralf Falbe)
Damian Zimmermann, seit 2024 Redaktionsleiter des “fotoMAGAZIN”, spricht im Interview über die Lage der professionellen Fotografie und des Fotojournalismus. Das 1949 gegründete Heft richte sich an ambitionierte Amateure, Einsteiger und Profis und könne gegen die frei zugänglichen Inhalte im Internet nur mit Qualität und Tiefe bestehen. Angehenden Fotografinnen und Fotografen rät Zimmermann, weniger auf die Technik zu achten und vor allem das Sehen zu schulen.

6. Kulturjournalismus – kann man damit eigentlich Geld verdienen?
(freienpodcast.letscast.fm, Geraldine Friedrich & Françoise Hauser, Audio: 20:54 Minuten)
Im “Freien-Podcast” von Geraldine Friedrich und Françoise Hauser geht es um die Frage, ob man im Kulturjournalismus heutzutage finanziell überhaupt noch bestehen kann: “Wir haben uns mit dem Musikjournalisten Georg Rudiger unterhalten, wie er sich positioniert und arbeitet – und welche Tipps er Einsteigern mitgeben kann.”

ZDF gibt Unterlassungserklärung ab, Falschbehauptung, Palantir-Klage

1. ZDF gibt Unterlassungserklärung ab und kürzt Anmoderation
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Das ZDF habe eine von Elon Musk über eine deutsche Anwaltskanzlei geforderte Unterlassungserklärung abgegeben und eine Passage der Sendung “ZDFheute live” vom 12. Juni aus der Mediathek entfernt. Die Moderatorin habe in ihrer Anmoderation behauptet, Musk habe zur “Jagd auf Migranten” aufgerufen. Tatsächlich habe Musk einen Beitrag des britischen Rechtsextremisten Tommy Robinson geteilt und zu Protest aufgerufen, nicht aber zu Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten. Das ZDF habe eingeräumt, die Formulierung sei “unpräzise und dadurch missverständlich” gewesen.

2. Einstweilige Verfügung gegen DIE WELT: Gericht untersagt Falschbehauptung
(correctiv.org)
Das Landgericht Hamburg habe eine einstweilige Verfügung zugunsten von “Correctiv” gegen die Axel Springer Deutschland GmbH erlassen, teilt “Correctiv” in eigener Sache mit. Dabei gehe es um einen “Welt”-Kommentar von Andreas Rosenfelder, in dem dieser behauptet habe, “Correctiv” hätte sich für eine Recherche mit der Bundesregierung und dem Verfassungsschutz abgestimmt. Das Gericht habe die weitere Verbreitung dieser falschen Behauptung untersagt.

3. “Die Republik” setzt sich gegen Palantir durch
(netzpolitik.org, Constanze Kurz)
Constanze Kurz berichtet, dass das Handelsgericht des Kantons Zürich bei 22 von 23 Gegendarstellungsforderungen des US-Konzerns Palantir zugunsten des Schweizer Onlinemagazins “Die Republik” entschieden habe. Anlass sei eine Recherche der “Republik” zusammen mit dem WAV-Recherchekollektiv über Palantirs jahrelanges Lobbying bei Schweizer Behörden, in der auch eine interne Bewertung des Schweizer Militärs offengelegt worden sei. Das Urteil sei noch nicht rechtskräftig.

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4. Globale Netzwerke, kooperative Forschung: Erfahrungen des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus
(de.ejo-online.eu, Susanne Fengler & Michel Leroy & Dominik Speck & Merle Van Berkum & Richard Brandt)
Ein Autorenteam des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus an der TU Dortmund reflektiert über mehrere transnationale Forschungs- und Ausbildungsprojekte, darunter vergleichende Studien zur Medienverantwortlichkeit in 44 Ländern und zur Migrationsberichterstattung in Europa und Afrika. Zentrale Herausforderungen seien Asymmetrien bei Ressourcen, Sprache und epistemischer Autorität sowie die Gefahr, westliche Perspektiven zu universalisieren.

5. Neue Aufgaben im Community-Management
(verdi.de, Bärbel Röben)
Bärbel Röben beschreibt die wachsenden Anforderungen an das Community-Management in Medienhäusern. Die “Neuen deutschen Medienmacher*innen” (“NdM”) kritisieren, dass die Arbeit der Community-Managerinnen und -Manager in vielen Redaktionen nicht als vollwertiger journalistischer Beruf anerkannt werde, obwohl die Teams täglich Tausende Kommentare sichten und Hass sowie Desinformation herausfiltern müssten. Laut Interviews mit Community-Redaktionen stammen 74 Prozent der Hasskommentare von rechten Akteurinnen und Akteuren. Die “NdM” fordern unter anderem, Community-Management als Teil der publizistischen Verantwortung zu betrachten.

6. ORF.at soll von Österreichs Medien gemeinsam betrieben werden, schlagen Raiffeisen und Industrie vor
(derstandard.at, Harald Fidler)
Harald Fidler berichtet über ein Strategiepapier von Raiffeisen und Industriellenvereinigung, laut dem die bislang öffentlich-rechtliche Nachrichtenseite ORF.at in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliedert und zu einer gemeinsamen Plattform österreichischer Medien gemacht werden solle. Als Vorbild diene die genossenschaftlich organisierte Nachrichtenagentur APA. Private Medieninhalte könnten auf der reichweitenstarken Seite präsentiert und dort oder auf den eigenen Angeboten vermarktet werden.

Lösung KI-Checker?, Trafficfresser, Satire scheitert an Söder

1. KI-Checker sind auch nicht die Lösung
(taz.de, Ann-Kathrin Leclere)
Ann-Kathrin Leclere kommentiert den Fall des “Tagesspiegel”-Autors Stephan-Andreas Casdorff, der für mehrere Meinungsbeiträge Künstliche Intelligenz verwendet habe. Wenn Journalistinnen und Journalisten ihre Texte von einer Maschine generieren lassen, würden sie sich selbst abschaffen, so Leclere. Die Leserschaft verlasse sich darauf, Beiträge selbst denkender Menschen zu lesen. Der vom “Tagesspiegel” angekündigten Überprüfung von Texten auf KI-Gehalt erteilt Leclere eine Absage: “Das, was viele heute für typische KI-Sprache halten, stammt oft aus menschlichen Texten, mit denen die Systeme trainiert wurden. Gleichzeitig werden die Modelle immer besser. Ein Wettlauf zwischen künstlicher Textgenerierung und Erkennungssoftware wird das Problem nicht lösen.”

2. FAS nimmt Gastbeitrag von Digitalminister offline
(zeit.de)
Nach einer Recherche der “Zeit” (nur mit Abo lesbar), laut der Bundesdigitalminister Karsten Wildberger mehrere Reden und Texte großenteils von einer KI habe schreiben lassen, habe die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” einen Gastbeitrag von Wildberger offline genommen. Zuvor habe bereits das “Handelsblatt” einen Beitrag depubliziert und ihn nach Prüfung mit einem KI-Hinweis wieder veröffentlicht. Das Digitalministerium habe den KI-Einsatz verteidigt.

3. Google AI Overview: Erst frisst die KI den Traffic, dann zahlen die Leser für News
(computerbase.de, Andreas Frischholz)
Andreas Frischholz analysiert, wie Googles KI-Suche den Medienmarkt umpflügt: Da der “AI Overview” zum Standard werde, verlören die Verlage Reichweite und Werbeeinnahmen. Sie müssten diese Entwicklung durch Paywalls und steigende Abo-Preise ausgleichen. Der Markt werde sich in hochwertige Bezahlinhalte und KI-gestützte Massenabfertigung teilen, prophezeit Frischholz: “Viele Webseiten werden sich aufgrund des ökonomischen Drucks in den nächsten Jahren anpassen müssen – oder sie verschwinden.”

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4. Großbritannien will Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16
(spiegel.de)
Der britische Premierminister Keir Starmer habe in London ein Verbot Sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren angekündigt. Soziale Medien würden Kinder unglücklich machen, so seine Begründung. Großbritannien folge damit Australien, das im Dezember 2025 ein solches Verbot eingeführt habe. Auch Frankreich, Spanien, Griechenland, Norwegen und Österreich hätten entsprechende Schritte angekündigt. Kritiker führen an, dass ein Verbot sich über VPN-Dienste oder gefälschte Geburtsdaten leicht umgehen lasse, und die Auswirkungen einer Altersgrenze kaum erforscht seien.

5. Influencer treiben Online-Käufe bei Jugendlichen in die Höhe
(rnd.de)
Einer Mediensucht-Sonderanalyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (PDF) zufolge beeinflussen Social-Media-Werbung und Influencer-Empfehlungen das Kaufverhalten von Kindern und Jugendlichen erheblich. Kaufentscheidungen entstünden oft aus dem Zusammenspiel von Orientierung an Influencern und algorithmisch beeinflussten Impulsen, erläutert Studienleiterin Kerstin Paschke. Junge Menschen seien dafür entwicklungsbedingt besonders empfänglich.

6. Hihi, Söder
(setup-punchline.de, Bernhard Hiergeist)
Bernhard Hiergeist schreibt, dass die deutsche Satire ausgerechnet an Markus Söder scheitere, obwohl der CSU-Chef die perfekte Zielscheibe abgebe. Satirikerinnen und Satiriker wie der “heute-show”-Reporter Fabian Köster hätten Söder erst zur Witz- und später zur Kultfigur gemacht und damit gerade das normalisiert, was eigentlich ihr Angriffsziel gewesen sei. Hinter den Auftritten des bayerischen Ministerpräsidenten gebe es kein “wahres Ich” mehr. Ähnlich einem Stand-up-Comedian sei die Performance selbst die Realität. Kösters Suche nach dem “echten Söder” laufe daher ins Leere.

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