1. Tausende Forscher publizieren in Pseudo-Journalen (sueddeutsche.de, Till Krause & Katrin Langhans)
Immer mehr Pseudoverlage schreiben Forscher und Unternehmen an und bieten gegen Bezahlung eine Publikation in einem wissenschaftlich anmutenden Journal. NDR, WDR, “Süddeutsche Zeitung” sowie weitere nationale und internationale Medien haben gemeinsam recherchiert. Die Ergebnisse sind erschreckend: Weltweit sollen 400.000 Forscherinnen und Forscher in Fake-Journalen veröffentlicht haben. Die Zahl solcher Publikationen habe sich in den vergangenen fünf Jahren weltweit verdreifacht, in Deutschland gar verfünffacht.
Weiterer Lesehinweis: Forscher müssen ständig publizieren — das schadet der Wissenschaft (sueddeutsche.de, Patrick Illinger)
2. Falschmeldung über kroatische WM-Spenden (fr.de, Danijel Majic)
Haben Sie auch auf einem der diversen Onlineportale gelesen, dass die kroatische Nationalmannschaft ihre 23 Millionen WM-Prämie für wohltätige Zwecke gespendet hat? Tolle Sache, oder? Stimmt nur leider nicht.
3. “Die Zeit” öffnet das Overton-Fenster (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Mit deutlichen Worten kritisiert Thomas Knüwer die “Zeit”. Diese scheine “nicht zu realisieren, dass sie Teil eines größeren Problems ist: Sie öffnet rechtsextremen Gedanken den Weg ins Bildungsbürgertum — und genau das wurde von den Rechten so kalkuliert.” Als Belege führt er vor allem die Seenotrettungsdebatte, aber auch einen aktuellen Text über die AfD an. “Gäbe es noch die Haltung einer Gräfin Dönhoff, wäre dieser Text so nie erschienen”, so Knüwer.
4. Unsichtbar und unverzichtbar (deutschlandfunk.de, Benjamin Hammer)
Auslandskorrespondenten in fernen Ländern und Krisenregionen sind oft auf einheimische Helfer angewiesen. Benjamin Hammer berichtet im “Deutschlandfunk” von seinen beiden Helfern im Gazastreifen, die sich um Transport, Sicherheit und Kontakte kümmern.
5. Wenn Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet werden: das ist kein Beziehungsdrama, sondern Mord (editionf.com, Helen Hahne)
Letztes Jahr wurden 147 Frauen in Deutschland von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Oftmals werden diese Morde als “Beziehungs-” oder “Eifersuchtstaten” deklariert und damit sprachlich marginalisiert. Helen Hahne hat sich mit den verschiedenen Aspekten dieses Verschleierungsvokabulars auseinandergesetzt.
6. Rheinneckarblog muss 9000 Euro Strafe zahlen (horizont.net)
Der Betreiber des “Rheinneckarblogs” soll auf Betreiben der Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 9.000 Euro zahlen, nachdem er vor einiger Zeit einen erfundenen Bericht über einen angeblichen Anschlag in Mannheim veröffentlicht hatte. Wie nicht anders zu erwarten, sieht sich Blogbetreiber Hardy Prothmann als Opfer: “Die Staatsanwaltschaft verfolgt mit diesem Strafbefehl politische Ziele gegen einen auch für sie unbequemen Journalisten.”
1. Berichterstattung und Haltung kann man nicht trennen (spiegel.de, Sascha Lobo)
In der URL steht noch der ursprüngliche Titel : “Donald Trump in den Medien: Kotze muss man Kotze nennen!” Und das trifft den Kern von Sascha Lobos Text: “Trump erbricht sich und das Gros der Berichterstattung tut, als könne man das Ergebnis in Form einer Restaurantkritik besprechen.” Oder vornehmer ausgedrückt: “Mit den Instrumenten politischer Normalität versucht der Journalismus, das Aberwitzige zu verarbeiten.”
3. ARD: “Auch Unterhaltung ist Public Value” (dwdl.de, Timo Niemeier)
Was gehört zum Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen? Wie viele Unterhaltungsformate sollen ARD und ZDF künftig noch zeigen dürfen? Darüber werde derzeitig heftig diskutiert, wie Timo Neumeier bei DWDL ausführt. Während das ZDF dazu weitgehend schweige, würde die ARD sich in Sachen Unterhaltung klar positionieren.
4. Gut gemeint, aber nicht gut genug (zeit.de)
Die “Zeit”-Chefredaktion hat eine erneute Stellungnahme zur Causa “Oder soll man es lassen?” abgegeben. Man bedauere unter anderem, dass ein “anderer Eindruck” entstehen konnte und bescheinigt sich selbst: “Gut gemeint, aber nicht gut genug”.
5. Antisemitismus durchdringt das Netz (tagesschau.de)
Nach einer Studie der TU Berlin ist der Antisemitismus so weit verbreitet wie noch nie in deutschen Blogs, Medien und Online-Kommentaren. In mehr als der Hälfte der untersuchten Texte seien Stereotype aufgetaucht, wie sie seit Jahrhunderten kursieren: die Juden als Fremde, Andere, Böse oder Wucherer.
Weiterer Lesetipp: Zuckerberg will Beiträge von Holocaust-Leugnern nicht entfernen lassen (spiegel.de)
6. In den Facebook-Kommentarspalten deutscher Discounter offenbart sich wahres Wutbürgertum (vice.com, Rebecca Baden)
Heutzutage haben Verbraucher neben den gesetzlichen Möglichkeiten eine Waffe, von der sie gerne Gebrauch machen: Den wütenden Facebook-Eintrag beim Lebensmitteldiscounter oder Hersteller. Rebecca Baden hat für “Vice” einen Tag lang die öffentlichen Beiträge auf den Facebook-Seiten von Lidl, Aldi und Co. gelesen und dabei viel über die deutsche Wutkultur gelernt.
1. Ist der Rundfunkbeitrag verfassungskonform? (sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Heute wird in Karlsruhe über vier Verfassungsbeschwerden gegen den Rundfunkbeitrag entschieden. Carolin Gasteiger stellt die Kläger und ihre Beweggründe vor und erklärt, welche Folgen das Urteil haben könnte.
2. “Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt”: Kalkofes bittere Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre (meedia.de, Nora Burgard-Arp)
Bei “Meedia” zieht Oliver Kalkofe Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre und rechnet mit den Fernsehsendern ab: “Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt — und das zahlt sich jetzt zurück. Die Zuschauer wechseln zu den Streamingdiensten. Das heißt, die Fernsehanstalten müssen sich jetzt besinnen und anfangen, auch inhaltlich anders zu denken. Erfolg neu definieren, und zwar nicht mehr nur über diese imaginäre, nicht existente Quote, die einfach nur ein Schätzwert ist und die auf einem Fernsehverhalten basiert, das in dieser Form seit 30 Jahren nicht mehr existiert. Nur dann haben sie eine Chance.“
3. Man muss das Gift benennen (spiegel.de, Andreas Borcholte)
Das Landgericht Regensburg hat einer Klage des Mannheimer Popsängers Xavier Naidoo stattgegeben, mit der dieser sich gegen eine Äußerung wehrte, nach der er Antisemit sei (“das ist strukturell nachweisbar”). Andreas Borcholte kommentiert die Entscheidung: “Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl seine Texte antisemitische Klischees enthalten. Zu den Risiken und Nebenwirkungen muss man keinen Arzt oder Apotheker befragen, um zu ahnen, dass mit dieser juristischen Dialektik viel Spielraum für all jene entsteht, die in ihren Songtexten oder sonstigen Kunstwerken mit Ressentiments, kruden Theorien und Hass zündeln wollen.”
4. Jeder ist abhängig vom Rechtsstaat (lto.de, Klaus F. Gärditz)
In einem Gastbeitrag für “Legal Tribune Online” beschäftigt sich der Jurist Klaus F. Gärditz mit dem Phänomen der Justizverweigerung als mediale Selbst-Inszenierung. Aus politischem Opportunismus würden gerichtliche Entscheidungen ignoriert. Dies untergrabe das institutionelle Vertrauen in die Institutionen des Rechtsstaats, von deren Funktionieren im Ernstfall alle abhängig seien.
5. UN müssen Journalisten retten (reporter-ohne-grenzen.de)
Mehrere Dutzend Journalisten sitzen im Südwesten Syriens auf der Flucht vor der Regierungsarmee fest: Die Grenze zu Israel ist geschlossen, Jordanien nimmt keine syrischen Flüchtlinge mehr auf und der Grenzübergang zu Jordanien ist seit Anfang des Monats unter Kontrolle der syrischen Armee. “Die UN und die Nachbarländer müssen sofort die Evakuierung der 69 eingeschlossenen Journalisten in die Wege leiten”, so ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. “Jede Stunde zählt. Den Journalisten droht Lebensgefahr, wenn sie in die Hände der Regierungstruppen gelangen.”
6. Die Macht des Selfies (deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff, Audio, 5:22 Minuten)
Die Wissenschaftlerin Kristina Steimer leitet das neugegründete Selfie-Forschungsnetzwerk in München, das an das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft angegliedert ist. Das Selfie sei mehr als ein Produkt narzisstischer und aufmerksamkeitssüchtiger Millennials: “Ich glaube, dass diese Zuschreibung eher eine Art von Kapitulation ist, vor der Komplexität und Unüberschaubarkeit des Selfie-Phänomens.” Mit dem “Deutschlandfunk” hat Steimer über die verschiedenen Aspekte der Selfie-Forschung gesprochen.
Ich ärgere mich gerade. Ich ärgere mich über Journalisten angesehener Medienhäuser, die von einem Mordaufruf gegen sie berichten, den es nicht gibt. Ich ärgere mich über Journalisten, die ihre Redlichkeit und das Vertrauen in ihre Verlage beschädigen und damit Kollegen beleidigen, die tatsächlicher Verfolgung ausgesetzt sind. Die manipulative, weil Mitleid- und Solidarität-triggernde Empörungs-Tweets absetzen, welche den Verdacht nahelegen, dass sie mit dem Mittel der Täter-Opfer-Umkehr von eigenen Fehlern ablenken wollen. Und ich ärgere mich über Journalisten, die all das Mordaufruf-Gerede nachplappern, weil es ihnen in ihr Weltbild passt.
Doch der Reihe nach.
Die Wochenzeitung “Die Zeit” veröffentlichte vergangenen Donnerstag ein Pro & Contra zur Frage der Legitimität privater Seenotrettung von Geflüchteten. Massive Kritik gab es vor allem für die in der Überschrift formulierte Frage “Oder soll man es lassen?”, wohl auch, weil aus ihr nicht klar hervorging, dass mit “es” nur die private Seenotrettung gemeint war und nicht die Seenotrettung im Allgemeinen:
In einem “SZ”-Kommentar kritisiert Heribert Prantl die “Zeit”. Man dürfe Menschen nicht als Sache betrachten und behandeln. So ein Pro & Contra sei vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiere die Menschenwürde:
Wer sich auf eine solche Denkweise einlässt, der landet bei der Folter und bei der Todesstrafe.
Auch die Publizistin Ingrid Brodnig beanstandet die Fragestellung. Diese sei ein Beispiel für “False Balance” im Journalismus: Journalisten seien darauf gedrillt, “beide Seiten” zu beleuchten. Dies führe im schlimmsten Fall dazu, dass menschenfeindliche Positionen denkbare Optionen werden:
Es ist ein Irrtum, dass ausgewogener Journalismus bedeutet, man gibt allen Meinungen Raum — egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind. Dieses Streben nach “alle Seiten müssen vorkommen” kann im Journalismus dazu führen, dass wir plötzlich Menschenrechte infrage stellen.
Man kann diese Frage natürlich stellen, aber dann muss sich die “Zeit” auch die Frage gefallen lassen, was das denn soll, diese Frage zu stellen.
Es sei ganz einfach eine Frage von Humanität und Menschenwürde, Leben zu retten. Und da gebe es kein Contra.
Doch hier soll es nicht vornehmlich um die inhaltliche Bewertung des “Zeit”-Artikels gehen, sondern um die Legende vom Mordaufruf gegen “Zeit”-Redakteure.
Auf Twitter reagiert “Titanic”-Chefredakteur Tim Wolff auf die vielerorts als unanständig und inhuman empfundene “Zeit”-Überschrift mit einer gespiegelten, ebenso unanständigen und inhumanen Gegenfrage samt Pro-Contra-Abstimmung:
(Mittlerweile wurde der Tweet von Twitter gelöscht. Zunächst war Wolff mehrfach mitgeteilt worden, dass Beschwerden vorlägen, denen man jedoch nicht stattgegeben habe. Inzwischen hat Twitter offenbar seine Meinung geändert, den Tweet gelöscht und Wolff mit einer zwölfstündigen Sperre belegt.)
Der renommierte Medienmanager und ehemalige Chefredakteur von “Zeit Online” Wolfgang Blau kommentiert:
Nun ist es aber recht offenkundig, dass der Wortlaut des Tweets von Tim Wolff einen derartigen Mordaufruf nicht hergibt. Nur zur Erinnerung: Der “Titanic”-Chefredakteur reagierte mit einer ungehörigen Gegenfrage auf eine aus der Sicht von vielen ungehörige Frage (die, was wir am 12. Juli noch nicht wissen, der verantwortliche Redakteur später selbst als Fehler bezeichnen wird).
Die gespiegelte Gegenfrage stellt vor allem ein rhetorisches Mittel dar. Sie ist ein Vergleich, der verdeutlichen soll, wie unverschämt die Denkweise ist, die einer solchen Frage zugrunde liegt. Vielleicht ist es daher noch nicht mal Satire, sondern nur sehr zugespitzte Gegenrede. Man kann Wolffs Gag gut finden oder auch nicht. Was er auf jeden Fall nicht ist: ein ernst gemeinter Mordaufruf. Und das ist jedem klar, der soweit alphabetisiert ist, dass er aus einem Zusammenhang sinnentnehmend lesen kann.
Das Märchen vom Mordaufruf macht unter Journalisten dennoch weiter die Runde.
Hier ließe sich einiges anmerken: Zum Setzen des Wortes Seenotretter in Anführungszeichen und der dadurch deutlich gemachten Unterstellung, es handele sich gar nicht um eine Rettung, oder zum diffamierenden Ausdruck “Refugees-Welcome-Fanatiker”. Doch bleiben wir bei der Legende von den “Tötungsaufrufen gegen “Zeit”-Mitarbeiter”.
Nur wenige Minuten spätertwitterte der verantwortliche “Zeit”-Redakteur Bernd Ulrich:
Auch hier könnte man einiges anmerken, zum Beispiel zum selbstmitleidigen und passiv-aggressiven Duktus und dem abschätzigen Gerede von der “flüchtlingsfreundlichen Gemeinde”, die gegen Ulrich und die “Zeit” angeblich ins “Gefecht” gezogen sei. Zur Wortwahl und Rechtschreibung, die wohl Emotionalität und Nachdenklichkeit signalisieren soll. Oder zu dem kühnen Vorwurf, dass derartige Kritik für den Rechtsruck in Deutschland verantwortlich sei. Hier soll es jedoch nur um die Bemerkung “Zeit-Redakteure töten?” gehen, die sich auch bei Ulrich wiederfindet.
Und die beim Deutschen Journalisten-Verband einzieht. Dort kommentiert Hendrik Zörner im hauseigenen Blog:
Geht’s noch? Da ersaufen im Mittelmeer täglich Menschen, die Armut und Unterdrückung in ihren Heimatländern entkommen wollen. Hierzulande entspinnt ein Blatt eine akademische Diskussion über das Für und Wider von Humanität. Und unter dem Deckmantel der Satire wird ein kaum verdeckter Mordaufruf in die Welt gesetzt.
Noch einmal: Beim Tweet des “Titanic”-Chefredakteurs handelte es sich eindeutig nicht um einen Mordaufruf. Tim Wolff erklärt seine Technik mit folgenden Worten:
Ich kenne keine andere Methode, so jemanden in dieser kalten Routine der Bestätigung der mörderischen Verhältnisse zu stören, als ihn kurz spüren zu lassen, wie es sich anfühlt, wenn die eigene körperliche Versehrtheit öffentlich lässig verhandelt wird.
Bleibt die Frage, ob es sich bei der viral gestreuten Mordaufruf-Legende um Vorsatz oder Fahrlässigkeit handelt. Echte Sorgen scheinen sich die Empör-Journalisten jedenfalls nicht gemacht zu haben: Von dem naheliegenden Gang zur Polizei und dem Stellen einer Anzeige ist nichts bekannt. Auch nicht bei der “Titanic”, bei der wir extra nochmal nachgefragt haben.
1. Per Facebook belästigt, dann verklagt (spiegel.de, Hasnain Kazim)
Als die ehemalige österreichische Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer via Facebook zutiefst beleidigende und obszöne Facebook-Nachrichten erhält, macht sie den Vorgang öffentlich. Doch der Besitzer des Accounts, von dem die Nachrichten stammen sollen, bestreitet, der Verfasser zu sein (wenn auch einige Indizien gegen ihn sprechen), und verklagt nun Maurer wegen “Kreditschädigung” und “übler Nachrede”. Rund 60.000 Euro verlangt er von Maurer. Plus die Übernahme der Kosten für das Verfahren.
2. Wie die britische Labour-Partei ihren eigenen Parteichef mit Microtargeting linkte (netzpolitik.org, Leo Thüer)
Man mag es fast nicht glauben, so ungeheuerlich klingt es: Im britischen Parlaments-Wahlkampf 2017 soll Oppositionsführer Jeremy Corbyn von seiner eigenen Partei per Social Media manipuliert worden sein. Führende Funktionäre in der Labour-Parteizentrale hätten Werbeanzeigen auf Facebook im Wert von ein paar Tausend Pfund eingekauft, die ausschließlich für Corbyn und seine engsten Vertrauten ausgespielt wurden. Angebliches Ziel der Labour-Parteiführung: Ihren eigenen Kandidaten von einem allzu linken Wahlkampf abzuhalten.
4. So spielt Horst Seehofer mit den Medien | WALULYSE (youtube.com, Video, 9:05 Minuten)
Fernsehsatiriker Philipp Walulis hat sich angeschaut, wie Horst Seehofer mit den Medien spielt. Es geht um Horserace-Journalismus, tröpfelnde Infos, Rücktritts-Rücktritte, Stimmungsmache und Framing sowie die Unterstützung durch “Bild”.
5. Der Krawallmodus wird ihr nicht helfen (deutschlandfunkkultur.de, Peter Zudeick)
Im politischen Feuilleton bei “Deutschlandfunk Kultur” widmet sich Peter Zudeick in einem Kommentar der “Bild”-Zeitung. Dank fetter Schlagzeilen, dünner Storys und Skandalen, die keine sind, sei “Bild” wieder ganz das alte Krawallblatt. Letztlich würde das jedoch nicht helfen, den negativen Auflagentrend zu stoppen, so Zudeick. (Leider dabei die großen Digtalzuwächse außer Acht lassend, wie Dennis Horn auf Twitter kommentiert.)
6. Liebe Focus-Redaktion, unsere STERN-Kollegen sitzen gerade an der Titelgeschichte “Die 100 besten Ideen fürs Sommerloch”. (twitter.com/grunerundjahr)
Das Verlagshaus “Gruner & Jahr” legt auf Twitter den hauseigenen “Stern” und das Burda-Magazin “Focus” nebeneinander: Beide titeln, wenig einfallsreich, mit den “50 Traumzielen” in Deutschland/vor der Haustür. Humorig schreibt der “Gruner & Jahr”-Twitter-Beauftragte im meta-ironischen Höhöhö-Sound: “Liebe Focus-Redaktion, unsere STERN-Kollegen sitzen gerade an der Titelgeschichte “Die 100 besten Ideen fürs Sommerloch”. Wollen wir bei der Recherche 50/50 machen?” Das könnte lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre: Was das penetrante Perpetuieren der ewig gleichen Sommerlochgeschichte anbelangt, ist der “Stern” nämlich ein unverbesserlicher Serientäter.
1. Wie „Tichys Einblick“ fast einen Skandal beim ZDF-“Politbarometer” aufdeckte (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ein Stamm-Autor des rechten Online-Magazins “Tichys Einblick” meint einen Skandal um das ZDF-Politbarometer aufgedeckt zu haben, doch der eigentliche Skandal ist, dass es keiner ist. Oder um Stefan Niggemeier zu zitieren: “Es handelt sich dabei, freundlich formuliert, um ein Missverständnis.”
Weiterer Lesehinweis: Der Ex-CDU-Politiker Friedrich Merz lehnt die Annahme des Ludwig-Erhard-Preises ab (turi2.de). Er wolle nicht mit dem Stiftungsvorsitzenden Roland Tichy auf einer Bühne stehen. Nach der Absage von Merz seien die Journalisten Rainer Hank, Ursula Weidenfeld, Ulric Papendick und Nikolaus Piper aus der Jury des Preises zurückgetreten, denen nach der Absage von Merz anscheinend aufgefallen ist, für wen sie da in der Jury sitzen.
2. Beliebt, bedroht, beschossen – Leben mit Morddrohungen (ennolenze.de)
Enno Lenze ist Verleger, Autor und Journalist, aber auch Museumsdirektor und politischer Aktivist. Und er zahlt für sein Engagement einen hohen Preis: Derzeit hätten 581 Personen angekündigt, ihn töten zu wollen. (“Wie sie die Reihenfolge festlegen wollen, ist mir unklar — aber wäre für mich dann ja auch das gleiche.”) In einem Blogbeitrag beschreibt Lenze, was das für ihn im Alltag bedeutet, ob in Berlin oder in Kriegsgebieten wie der Autonomen Region Kurdistan.
3. Twitter sperrt meinen Account für zwölf Stunden (internet-law.de, Thomas Stadler)
Rechtsanwalt Thomas Stadler ist wegen eines Tweets zu Horst Seehofer (“Geh endlich sterben, menschenverachtender Zyniker”, verbunden mit einem Link) mit einer zwölfstündigen Twitter-Sperre belegt worden. Zu Unrecht wie er findet: “Mein Tweet bewegt sich äußerungsrechtlich ganz klar im zulässigen Bereich. Mit dem Tweet habe ich Seehofer keinesfalls den Tod gewünscht. Es handelt sich vielmehr um eine drastische Aufforderung endlich zu verschwinden, ähnlich einer Formulierung wie “Fahr zur Hölle”. Der Tweet setzt sich mit kontroversen politischen Aussagen des Innenminsters auseinander und stellt somit eine Kritik an öffentlichen Äußerungen eines Spitzenpolitikers dar.” Stadler hat seinen Beitrag mittlerweile zweimal aktualisiert und um Bemerkungen zu Debattenkultur und Meinungsfreiheit ergänzt.
4. David Berger: Ein Theologe im Kampf gegen „Islamisierung” und „Nanny-Medien” (correctiv.org, Caroline Schmüser)
Der Blog “Philosophia Perennis” ist ein Leitmedium der rechten Szene und in Kreisen der sogenannten “alternativen Medien”. Im Mai habe es die Seite auf Platz 18 der Seiten mit den meisten Social-Media-Interaktionen geschafft, noch vor n-tv.de, taz.de oder Tagesspiegel.de. Die Plattform fällt besonders durch spekulative Berichterstattung, Falschmeldungen und AfD-Nähe auf. Hinter der Seite steckt David Berger, ein katholischer Theologe, der gewissermaßen zum Islamhasser konvertiert ist. “Correctiv” hat die Hintergründe um Person und Seite recherchiert.
5. Drei Pressemitteilungen und eine Abschiebung (keienborg.de)
Der Jurist Marcel Keienborg ist Spezialist für Asyl- und Aufenthaltsrecht und hat deshalb besonders aufmerksam registriert, dass vergangene Woche ein Tunesier abgeschoben wurde, obwohl ein Gericht die Abschiebung untersagt hatte. In einem Blogbeitrag widmet er sich den Pressemitteilungen, die zu diesem Thema vom Verwaltungsgericht veröffentlich wurden. Der Vorgang sei in jeder Beziehung ungeheuerlich: “Wenn Behörden sich nicht mehr verpflichtet fühlen, Gerichten gegenüber vollständige und wahre Angaben zu machen, was eben auch eine gewisse Sorgfalt bei der Lektüre der eigenen Akten voraussetzt, ist letztlich die Effektivität der gerichtlichen Kontrolle der Behörden insgesamt in Frage gestellt.”
Bei “Bild” und Bild.de interessieren sie sich offenbar nicht für den Schutz von hilflosen Personen.
Vor vier Monaten stürzte ein Mann beim Joggen in einem Park in Berlin-Wilmersdorf. Er wurde bewusstlos und liegt bis heute im Koma. Da er keinen Ausweis bei sich hatte und ihn niemand als vermisst meldete, wusste die Polizei lange nicht, wer der Mann ist. Bis gestern. Da meldete sich ein andere Mann, der auf einem von der Polizei veröffentlichten Foto einen Schlüssel wiedererkannte. Mit Hilfe des Anrufers konnten die Beamten die Wohnung des Joggers ausfindig machen und damit dessen Identität klären.
Bild.de veröffentlichte gestern einen Artikel zu der aktuellen Entwicklung. Darin auch dieses Zitat von Uwe Dziuba, Hauptkommissar in der Vermisstenstelle:
Nur drei Absätze später, unter der Zwischenüberschrift “Das ist der Jogger”, nennt die Bild.de-Autorin den Namen des Mannes:
(Unkenntlichmachung durch uns.)
Sie nennt die zwei Vornamen des Mannes und den abgekürzten Nachnamen, auch in der gedruckten “Bild”. Sie nennt das Alter des Mannes und den Namen der Straße, in der sich seine Wohnung befindet (beide Informationen stehen auch in einer Pressemitteilung der Polizei). Sie nennt den Familienstand des Mannes, schreibt, wie lange er bereits in seiner Wohnung wohnt. Sie und ihre Redaktion zeigen ein Foto der Straße, in der sich die Wohnung des Mannes befindet. Sie zeigen ein Foto des Briefkasten des Mannes. Und sie zeigen ein Foto, auf dem der Mann im Koma zu sehen ist, ohne Verpixelung. Dieses Foto hatte die Polizei rausgegeben, als die Identität des Mannes noch nicht geklärt war. Nun ist sie geklärt. Für die “Bild”-Medien offenbar kein Grund, das Gesicht einer hilflosen Person nicht mehr zu zeigen.
Inzwischen hat die Bild.de-Redaktion eine wichtige Information aus ihrem Artikel gelöscht. Allerdings nicht den Namen des Mannes, oder den der Straße, in der sich seine Wohnung befindet. Sondern einen Teil des Zitats von Uwe Dziuba, dem Polizeibeamten, der sagt, dass man die Identität des Mannes schützen wolle. So wurde aus …
… auf einmal:
Mit Dank an Daniel B., Ulrike, wolkenzottel und @kentrail_ticker für die Hinweise!
1. “Zeit” gerät nach Pro-und-Contra zur Seenotrettung in die Kritik (sueddeutsche.de, David Denk)
Die “Zeit” hat mit einem Pro und Contra zur Frage der Legitimität privater Seenotrettung massive Kritik ausgelöst. Dabei ging es um die in der Überschrift formulierte Frage “Oder soll man es lassen?” und die “Contra”-Position der “Zeit”-Korrespondentin Mariam Lau. In der Digitalausgabe wurde die Überschrift mittlerweile in “Gut? Oder nur gut gemeint?” geändert. Die Redaktion will darin jedoch kein Eingeständnis eines Fehlers sehen, dem lägen nur “technische Gründe” zu Grunde …
In einem “SZ”-Kommentar kritisiert Heribert Prantl die “Zeit”. Man dürfe Menschen nicht als Sache betrachten und behandeln. So ein Pro und Contra sei vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiere die Menschenwürde. “Wer sich auf eine solche Denkweise einlässt, der landet bei der Folter und bei der Todesstrafe.”
Vor allem auf Twitter wurde der Beitrag intensiv diskutiert. Hier drei Threads, die verschiedene Aspekte beleuchten: Simon Hurtz kritisiert den Text von Mariam Lau, plädiert jedoch für mehr Argumente und weniger Furor: “Bringt es uns wirklich weiter, wenn wir die Zeit jetzt als bürgerliche Bild-Zeitung bezeichnen oder den Untergang des Journalismus heraufbeschwören? Das ist doch genau das angebliche Sprechverbot, das Rechte immer beklagen.” Julian Pahlke von “Jugend Rettet” reagiert mit einer eindringlichen Tweetabfolge über das Sterben im Mittelmeer, wie er es selbst als Augenzeuge erlebt habe: “Der Tod im Mittelmeer ist nicht, wie man immer glaubt, ein lautes Ereignis. Er kommt langsam und wird immer ruhiger. Er ist gerade deshalb so dramatisch weil er so ruhig ist.” Und laut Ingrid Brodnig illustriere die Frage der “Zeit” das Problem der “False Balance” im Journalismus. Journalisten seien darauf gedrillt, “beide Seiten” zu beleuchten. Dies führe im schlimmsten Fall dazu, dass menschenfeindliche Positionen denkbare Optionen werden: “Es ist ein Irrtum, dass ausgewogener Journalismus bedeutet, man gibt allen Meinungen Raum — egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind. Dieses Streben nach “alle Seiten müssen vorkommen” kann im Journalismus dazu führen, dass wir plötzlich Menschenrechte infrage stellen.”
Im Blog der “Zeit” haben sich die verantwortlichen Chefredakteure Sabine Rückert und Bernd Ulrich mit einer Art Stellungnahme an die Leser gewandt: “Wir bedauern, dass sich einige Leser in ihrem ethischen Empfinden verletzt gefühlt haben, und dass der Eindruck entstehen konnte, die ZEIT oder auch Mariam Lau würden einer Seenotrettung generell eine Absage erteilen.”
Das Bedauern der “Zeit”-Verantwortlichen scheint sich jedoch hauptsächlich auf sich selbst zu beziehen: Auf Twitter klagt Bernd Ulrich selbstmitleidig und passiv-aggresiv über die “flüchtlingsfreundliche Gemeinde”. Und trägt dazu bei, dass sich das Märchen von “Mordaufrufen” gegen “Zeit”-Redakteure verbreitet, was sich augenscheinlich auf “Titanic”-Chefredakteur Tim Wolff bezieht, der jedoch keineswegs zu irgendeiner Tötung aufgerufen, sondern eine unanständige Frage mit einer unanständigen Gegenfrage satirisch gespiegelt hat. Nachtrag, 12:24 Uhr: Bernd Ulrich schreibt “nach einmal Drüberschlafen” bei Twitter: “Die Überschrift war ein, war mein Fehler” und kündigt einen eigenen Text zum Thema in der nächsten Ausgabe an.
2. EU-Politiker Axel Voss nutzt auf Facebook urheberrechtlich geschützte Fotos und verrät uns nicht, ob er sie bezahlt hat (buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Axel Voss sitzt für die CDU im EU-Parlament und hat dort das neue und strengere Urheberrecht vorangetrieben. Das neue Gesetz soll unter anderem Plattformen dazu zwingen, urheberrechtlich geschütztes Material mittels Uploadfilter zu blocken und damit ein Veröffentlichen durch Unberechtigte unmöglich zu machen. “BuzzFeed News” hat sich bereits vor ein paar Tagen auf dem Facebook-Profil des Politikers umgeschaut und dort zahlreiche urheberrechtlich geschützte Bilder entdeckt. Auf Nachfragen, ob und wie eine Lizenzierung dieser Bilder erfolgt sei, reagierte das Büro des Politikers ausweichend. Doch nun passiert gerade ein Wunder: Wie auf magische Weise verschwinden immer mehr Einträge von Voss’ Facebook-Seite, bei denen derartige Bilder verwendet wurden.
3. „Mehr Kontrolle von außen“ (taz.de, Frederic Valin)
Die “taz” hat mit dem ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt gesprochen. Es geht um die aktuelle Fußball-WM, die Vergabe an Katar, diverse Substanzen und seine Entscheidung, nicht nach Russland zu fahren. Seppelts Resümee: “Die Doping- und Korruptionsskandale der vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. Sport ist bei weitem eben nicht der schöne Schein, den uns die Hochglanzbilder vorgaukeln. Auch im Fußball nicht. Nur, weil die Menschen die WM im Fernsehen gucken, heißt das noch lange nicht, das sie goutieren, was die Fifa macht. Einschaltquoten sind kein ethisches Argument.”
4. “Wie würde es im Netz aussehen, wenn es uns nicht gäbe?” (golem.de, Jennifer Fraczek)
Die rund 40.000 Mitglieder der Facebook-Gruppe #ichbinhier schreiben Erwiderungen auf Hasskommentare. Im Interview mit Golem.de erklärt der Gründer der Online-Initiative Hannes Ley, wie er die Idee aus dem Netz in die echte Welt bringen will: “Unser Ziel ist es, ein Konzept für die Lehrerbildungsinstitute (LBI) zu entwickeln.”
5. Facebook-Chats sind auch nur Briefe (lto.de, Bastian Biermann)
Der Bundesgerichtshof hat ein wichtiges Urteil zum sogenannten digitalen Nachlass gefällt und Eltern, die nach der Todesursache ihrer 15-jährigen Tochter suchen, Zugriff auf deren Facebook-Account gewährt. Damit habe das Gericht den digitalen Nachlass dem analogen gleichgestellt, so Bastian Biermann in seiner Einordnung des Urteils. Im Sinne der Rechtsklarheit sei es jedoch wünschenswert, dass der Gesetzgeber eine eindeutige Regelung zum digitalen Erbe treffe. Bis es soweit ist, rät Biermann zu Vorsorgemaßnahmen zu Lebzeiten.
6. Speechless Speech: Mark Zuckerberg (webtapete.de)
Zum Wochenausklang noch etwas Leichtes: Der für seine “Musicless”-Videos (hier ein Beispiel) bekannte Sounddesigner und Vertonungskünstler Mario Wienerroither hat Mark Zuckerberg vertont.
1. Krone.at-Chefredakteur droht “Kobuk”-Blog mit Klage (derstandard.at)
Gestern empfahlen wir an dieser Stelle einen “Kobuk”-Beitrag, in dem der “Kronenzeitung” vorgeworfen wurde, mit falschen Zahlen Stimmung gegen Radfahrer zu machen (»Von Rad-Rowdys niedergemäht« – So macht die Krone Stimmung). Nun droht der Krone.at-Chefredakteur dem “Kobuk”-Blog mit rechtlichen Schritten, die “diesmal teuer” werden, und merkt in einer privaten Nachricht an, es sei ihm “völlig wurscht, ob ich das gewinne”.
2. Wofür “Bild”, “Stern” und Co. bei Facebook werben (deutschlandfunk.de, Matthias Finger)
Facebook hat sich in Sachen Werbung zu einer “Transparenz-Offensive” entschieden und zeigt nun auf Knopfdruck alle aktiven Werbeanzeigen einer Seite an. Das liefert interessante Ergebnisse und Einblicke.
3. Wie Frauen in sozialen Medien immer noch systematisch fertig gemacht werden (vice.com, Nicole Schöndorfer)
Nicole Schöndorfer hat sich mit dem Hass auseinandergesetzt, der Frauen teilweise im Netz entgegenschlägt. Die Angriffe würden keine individuellen oder beliebigen Aggressionen darstellen, sondern seien klar sexistisch und würden sich gezielt gegen Frauen richten, die sich kritisch äußern: “Die Art, wie Frauen im Netz beleidigt, bedroht und degradiert werden, ist geschlechtsspezifisch, folgt einer Systematik und ist organisiert. Das zu erkennen, kann helfen, sie aufzubrechen und besser damit umgehen zu lernen.”
4. “Zensur ist, wenn du unterdrückst, was ich gut finde” (wolfgangmichal.de)
Wenn ein Beobachter des Politik- und Medienwandels wie Wolfgang Michal mal wieder einen Blogartikel verfasst, weiß man, dass man Qualität erwarten kann, aber auch etwas Zeit mitbringen sollte. Im aktuellen Beitrag beschäftigt sich Michal mit der Entwicklungsgeschichte der Zensur und der aktuellen Debatte über die Balance von Meinungsfreiheit und Zensur in den sozialen Medien.
5. EU-Politiker Axel Voss nutzt auf Facebook urheberrechtlich geschützte Fotos und verrät uns nicht, ob er sie bezahlt hat (buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Der EU-Politiker Axel Voss (CDU) setzt sich seit Jahren für ein schärferes Urheberrecht ein und damit auch für die sogenannten Uploadfilter, mit denen Internet-Plattformen verhindern sollen, dass geschütztes Material hochgeladen wird. Auf seinem Facebook-Profil verwendet der Politiker zur Illustration seiner politischen Anliegen und Mitteilungen Bilder von Presse- und Fotoagenturen. “BuzzFeed News” hat bei Voss nachgefragt, ob diese Bilder bezahlt und lizenziert wurden, die Redaktion habe jedoch nur ausweichende Antworten bekommen.
6. „Man sollte mit der Verteidigung der Freiheit nicht warten, bis es keine mehr gibt“ (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Jetzt frei verfügbar: Das Gespräch zwischen Medienjournalist Stefan Niggemeier und “Zeit”- und “Tagesspiegel”-Kolumnist Harald Martenstein. Dass die beiden sich überhaupt getroffen haben, grenzt an ein Wunder, denn sie schreiben seit Jahren mehr oder weniger unfreundliche Artikel über den jeweils anderen. Absolut lesenswert, weil die beiden sehr offen miteinander umgehen. Lesenswert ist übrigens auch die persönliche Einordnung des Gesprächs von Felix Schwenzel auf wirres.net, die er jedoch, wie immer, in augenmarternder Kleinschreibung verfasst hat.
1. Kinder in Thailand und Kinder auf dem Mittelmeer (deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Warum bekommen die in Thailand in einer Höhle eingeschlossenen Jugendlichen mehr mediale Aufmerksamkeit als die Flüchtlinge, die im Mittelmeer in Lebensgefahr sind? DLF-Nachrichtenchef Marco Bertolaso kommentiert: “Mit Blick auf die Nachrichtenfaktoren lässt sich festhalten, dass die enorme Aufmerksamkeit für die Kinder in Thailand ein ganz normaler Vorgang ist. Was wir erleben entspricht guten menschlichen Regungen, es passt aber auch zu medialen Gesetzmäßigkeiten.”
Weiterer Lesetipp: Ute Schleiermacher beschäftigt sich auf taz.de mit demselben Thema: “Die Geschichten der Flüchtlinge, die im Mittelmeer in Not geraten, erzählen uns zugleich viel über unser eigenes Versagen und über unseren Rassismus.”
2. »Von Rad-Rowdys niedergemäht« – So macht die Krone Stimmung (kobuk.at, Volker Plass)
Hat sich die Unfallhäufigkeit zwischen Radfahrern und Fußgängern in Wien verdoppelt wie von der “Kronenzeitung” behauptet? Wurden letztes Jahr gar elf Menschen von Radfahrern getötet? Volker Plass ist auf “Kobuk” dieser Frage nachgegangen und siehe da: “… derartige Todesopfer existieren nicht, Radfahren wird in Wien tendenziell sicherer, und Wiens FußgeherInnen müssen sich heute weniger fürchten als früher.”
3. Die anderen Nazis (zeit.de, Angelika Nguyen)
In vier deutschen TV-Krimis des ersten Halbjahres 2018 ging es um Nazifrauen als Hauptfiguren. Dokumentarfilmerin Angelika Nguyen analysiert die Produktionen von “Tatort” und “Polizeiruf” und konstatiert: “Ähnlich wie man den tief verwurzelten Rassismus Südstaaten-Weißer durch Scarlett O’Haras Seelenleben im Roman Vom Winde verweht so richtig begreift, kann man mit diesen TV-Frauenfiguren das radikal menschenfeindliche Weltbild hiesiger Nazis viel besser verstehen als durch Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung. Und die Gefahr besser spüren, die in der menschlichen Normalität dieser Frauen liegt.”
4. Nordkurier erhält Anwaltspost von CDU-Frau Karin Strenz (nordkurier.de, Gabriel Kords)
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Strenz fiel wiederholt als leidenschaftliche Unterstützerin des autoritären Regimes Aserbaidschan auf. Gleichzeitig soll sie über Umwege Gelder aus Aserbaidschan erhalten haben, was den Verdacht auf Korruption aufkommen ließ. Strenz weist mit Nachdruck alle Korruptionsvorwürfe zurück und hat ihre Anwältin ein entsprechendes Schreiben an den “Nordkurier” aufsetzen lassen, der über die Vorgänge berichtet hatte. Dort hat man sich nun für eine neue Sprachregelung entschieden: “Für die Zukunft gibt es also ein neues Wort für das Verhalten von Frau Strenz: Wenn man mit einem autoritären Regime herumkungelt, Geld von dort entgegennimmt, niemandem davon erzählt und dann nicht wissen soll, wo das Geld herkam und sich zur Krönung des Ganzen sogar noch ungerecht behandelt fühlt, wenn sich die Öffentlichkeit darüber echauffiert — dann ist das: strenzen.“
5. Der Wert seriöser Berichterstattung (taz.de, Cornelia Haß)
Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die Gewerkschaft Deutscher Journalisten-Verband (DJV) haben sich auf einen neuen Tarifvertrag für Tageszeitungsjournalisten in Deutschland geeinigt. In einem Gastkommentar erklärt Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß, warum die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union in Verdi (dju) das Tarifergebnis für inakzeptabel hält.
6. Wie man einen Bestseller lanciert (sueddeutsche.de, Marie Schmidt)
Die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) hat bereits vier Bücher von Thilo Sarrazin veröffentlicht. Das fünfte Buch “Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht” will die DVA jedoch nicht publizieren. Nun klagt Sarrazin auf Entschädigung und Schadenersatz von insgesamt 800.000 Euro wegen entgangener Einnahmen aus dem zu erwartenden Bestseller. Im Gespräch mit dem Richter habe Sarrazin Wert auf die Feststellung gelegt, dass das Geld eine “symbolische Bedeutung” habe.