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Mit nicht existenten Mordaufrufen Stimmung machen. Oder soll man es lassen?

Ich ärgere mich gerade. Ich ärgere mich über Journalisten angesehener Medienhäuser, die von einem Mordaufruf gegen sie berichten, den es nicht gibt. Ich ärgere mich über Journalisten, die ihre Redlichkeit und das Vertrauen in ihre Verlage beschädigen und damit Kollegen beleidigen, die tatsächlicher Verfolgung ausgesetzt sind. Die manipulative, weil Mitleid- und Solidarität-triggernde Empörungs-Tweets absetzen, welche den Verdacht nahelegen, dass sie mit dem Mittel der Täter-Opfer-Umkehr von eigenen Fehlern ablenken wollen. Und ich ärgere mich über Journalisten, die all das Mordaufruf-Gerede nachplappern, weil es ihnen in ihr Weltbild passt.

Doch der Reihe nach.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte vergangenen Donnerstag ein Pro & Contra zur Frage der Legitimität privater Seenotrettung von Geflüchteten. Massive Kritik gab es vor allem für die in der Überschrift formulierte Frage „Oder soll man es lassen?“, wohl auch, weil aus ihr nicht klar hervorging, dass mit „es“ nur die private Seenotrettung gemeint war und nicht die Seenotrettung im Allgemeinen:

Ausriss Die Zeit - Oder soll man es lassen?

In einem „SZ“-Kommentar kritisiert Heribert Prantl die „Zeit“. Man dürfe Menschen nicht als Sache betrachten und behandeln. So ein Pro & Contra sei vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiere die Menschenwürde:

Wer sich auf eine solche Denkweise einlässt, der landet bei der Folter und bei der Todesstrafe.

Auch die Publizistin Ingrid Brodnig beanstandet die Fragestellung. Diese sei ein Beispiel für „False Balance“ im Journalismus: Journalisten seien darauf gedrillt, „beide Seiten“ zu beleuchten. Dies führe im schlimmsten Fall dazu, dass menschenfeindliche Positionen denkbare Optionen werden:

Es ist ein Irrtum, dass ausgewogener Journalismus bedeutet, man gibt allen Meinungen Raum — egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind. Dieses Streben nach „alle Seiten müssen vorkommen“ kann im Journalismus dazu führen, dass wir plötzlich Menschenrechte infrage stellen.

Bei „Deutschlandfunk Kultur“ kritisiert Journalistik-Professor Klaus-Dieter Altmeppen die von der „Zeit“ gewählte Form des Beitrags:

Man kann diese Frage natürlich stellen, aber dann muss sich die „Zeit“ auch die Frage gefallen lassen, was das denn soll, diese Frage zu stellen.

Es sei ganz einfach eine Frage von Humanität und Menschenwürde, Leben zu retten. Und da gebe es kein Contra.


Doch hier soll es nicht vornehmlich um die inhaltliche Bewertung des „Zeit“-Artikels gehen, sondern um die Legende vom Mordaufruf gegen „Zeit“-Redakteure.

Der Versuch einer Chronologie - 12. Juli 2018, 12:04 Uhr

Auf Twitter reagiert „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff auf die vielerorts als unanständig und inhuman empfundene „Zeit“-Überschrift mit einer gespiegelten, ebenso unanständigen und inhumanen Gegenfrage samt Pro-Contra-Abstimmung:

Screenshot des Tweets von Tim Wolff - Zeit-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen? Wahlmöglichkeiten: Pro und Contra

(Mittlerweile wurde der Tweet von Twitter gelöscht. Zunächst war Wolff mehrfach mitgeteilt worden, dass Beschwerden vorlägen, denen man jedoch nicht stattgegeben habe. Inzwischen hat Twitter offenbar seine Meinung geändert, den Tweet gelöscht und Wolff mit einer zwölfstündigen Sperre belegt.)

12. Juli 2018, 13:55 Uhr

Der renommierte Medienmanager und ehemalige Chefredakteur von „Zeit Online“ Wolfgang Blau kommentiert:

Screenshot des Tweets von Wolfgang Blau - Zwei Wochen nach dem Amoklauf bei der Capital Gazette schlägt der Chefredakteur des Magazin Titanic vor, Journalisten zu erschießen und einer Autorin das Gesicht mit heißem Wasser zu verbrühen. Und sagt, dann bestimmt das sei Satire. Nein, das ist Aufruf zum Mord.

Nun ist es aber recht offenkundig, dass der Wortlaut des Tweets von Tim Wolff einen derartigen Mordaufruf nicht hergibt. Nur zur Erinnerung: Der „Titanic“-Chefredakteur reagierte mit einer ungehörigen Gegenfrage auf eine aus der Sicht von vielen ungehörige Frage (die, was wir am 12. Juli noch nicht wissen, der verantwortliche Redakteur später selbst als Fehler bezeichnen wird).

Die gespiegelte Gegenfrage stellt vor allem ein rhetorisches Mittel dar. Sie ist ein Vergleich, der verdeutlichen soll, wie unverschämt die Denkweise ist, die einer solchen Frage zugrunde liegt. Vielleicht ist es daher noch nicht mal Satire, sondern nur sehr zugespitzte Gegenrede. Man kann Wolffs Gag gut finden oder auch nicht. Was er auf jeden Fall nicht ist: ein ernst gemeinter Mordaufruf. Und das ist jedem klar, der soweit alphabetisiert ist, dass er aus einem Zusammenhang sinnentnehmend lesen kann.

Das Märchen vom Mordaufruf macht unter Journalisten dennoch weiter die Runde.

12. Juli 2018, 15:05 Uhr

Nun lässt die Chefredakteurin der „Deutschen Welle“ ihrer Empörung freien Lauf:

Screenshot des Tweets von Ines Pohl - Was soll das? Schaut Euch mal um in der Welt, solche Aktionen sind weder lustig noch öffnen sie irgendwelche Perspektiven. Das ist schlicht Aufruf zum Mord. Pfui!

12. Juli 2018, 21:31 Uhr

Und „FAZ“-Redakteur Philip Plickert schreibt:

Screenshot des Tweets von Philip Plickert - Zeit-Redakteurin fragt, ob die private Seenotretter im Mittelmeer nicht auch Schlepperei ermuntern und ob dieses Retten von Migranten wirklich richtig ist. Dafür gibt es jetzt Tötungsaufrufe gegen Zeit-Mitarbeiter. Sagt viel über unsere Refugees-Welcome-Fanatiker.

Hier ließe sich einiges anmerken: Zum Setzen des Wortes Seenotretter in Anführungszeichen und der dadurch deutlich gemachten Unterstellung, es handele sich gar nicht um eine Rettung, oder zum diffamierenden Ausdruck „Refugees-Welcome-Fanatiker“. 
Doch bleiben wir bei der Legende von den „Tötungsaufrufen gegen „Zeit“-Mitarbeiter“.

12. Juli 2018, 21:38 Uhr

Nur wenige Minuten später twitterte der verantwortliche „Zeit“-Redakteur Bernd Ulrich:

Screenshot des ersten Tweets von Bernd Ulrich - Ich habe heute am eigenen Leib mitbekommen, wie es ist, wenn die flüchtlingsfreundliche Gemeinde ins Gefecht zieht. Arsch offen, Zeit-Redakteure töten? Zivilisationsbruch, die Zeit aus dem Diskurs raus, mit Kaffee verbrühen, maßlose Enttäuschung.
Screenshot des zweiten Tweets von Bernd Ulrich - ich kann besser erspüren, warum Leute aus Trotz weiter nach rechts gehen. Ich bin kein fragiles Gemüt, bei mir wird das nicht passieren. Aber man sollte schon mal überlegen, ob Humanismus mit nichthumanem Sprechen erreicht werden kann. Gute Nacht Freude

Auch hier könnte man einiges anmerken, zum Beispiel zum selbstmitleidigen und passiv-aggressiven Duktus und dem abschätzigen Gerede von der „flüchtlingsfreundlichen Gemeinde“, die gegen Ulrich und die „Zeit“ angeblich ins „Gefecht“ gezogen sei. Zur Wortwahl und Rechtschreibung, die wohl Emotionalität und Nachdenklichkeit signalisieren soll. Oder zu dem kühnen Vorwurf, dass derartige Kritik für den Rechtsruck in Deutschland verantwortlich sei. Hier soll es jedoch nur um die Bemerkung „Zeit-Redakteure töten?“ gehen, die sich auch bei Ulrich wiederfindet.

13. Juli 2018

Und die beim Deutschen Journalisten-Verband einzieht. Dort kommentiert Hendrik Zörner im hauseigenen Blog:



Geht’s noch? Da ersaufen im Mittelmeer täglich Menschen, die Armut und Unterdrückung in ihren Heimatländern entkommen wollen. Hierzulande entspinnt ein Blatt eine akademische Diskussion über das Für und Wider von Humanität. Und unter dem Deckmantel der Satire wird ein kaum verdeckter Mordaufruf in die Welt gesetzt.

Noch einmal: Beim Tweet des „Titanic“-Chefredakteurs handelte es sich eindeutig nicht um einen Mordaufruf. Tim Wolff erklärt seine Technik mit folgenden Worten:

Ich kenne keine andere Methode, so jemanden in dieser kalten Routine der Bestätigung der mörderischen Verhältnisse zu stören, als ihn kurz spüren zu lassen, wie es sich anfühlt, wenn die eigene körperliche Versehrtheit öffentlich lässig verhandelt wird.

Bleibt die Frage, ob es sich bei der viral gestreuten Mordaufruf-Legende um Vorsatz oder Fahrlässigkeit handelt. Echte Sorgen scheinen sich die Empör-Journalisten jedenfalls nicht gemacht zu haben: Von dem naheliegenden Gang zur Polizei und dem Stellen einer Anzeige ist nichts bekannt. Auch nicht bei der „Titanic“, bei der wir extra nochmal nachgefragt haben.

Der Troll-Journalismus übernimmt

Ein Gastbeitrag von Alf Frommer

Der Journalist Jens Jessen war bisher wohl vor allem Kollegen und „Zeit“-Lesern ein Begriff. Seit dieser Woche kennt ihn zumindest das netzaffine Deutschland zur Genüge: Seine provokative Titelgeschichte über das Ende des Mannes …

Ausriss der Zeit-Titelseite - Schäm dich Mann

… trifft zielgenau sowohl den Nerv der Zeit als auch einen Ton, der Aufmerksamkeit garantiert. Jessen schreibt vom „Triumph des totalitären Feminismus“, vom „Schema des bolschewistischen Schauprozesses“, dem „das System der feministischen Rhetorik“ folge, vom „feministischen Volkssturm“, „diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralisch Minderwertigen“. Es folgten Kritik und Entsetzen in sozialen Netzwerken und Online-Artikeln.

Im Journalismus sind die Troll-Mechanismen der Kommentarspalten nun sogar in Leitartikeln von seriösen Medien zu finden. Trolle sind sattsam bekannt, weil sie jede noch so respektvolle Diskussion im Netz durch hanebüchene Beiträge in ihr genaues Gegenteil umkehren. Aussagen, Behauptungen und Meinungen, die im Grunde nur stören und zerstören wollen, machen eine sinnvolle Lösungssuche vollkommen unmöglich. Was man früher an den „Klowänden des Internets“ bewundern durfte, blickt einem heute von der Titelseite einer journalistischen Institution entgegen.

Genau dies hat Jens Jessen gemacht: Provoziert und verzerrt, um nach Aufmerksamkeit zu heischen. Und er ist damit beileibe nicht allein. Schon vor drei Jahren hatte sich die damalige „Welt“-Journalistin Ronja von Rönne vor dem Feminismus nach eigener Aussage geekelt. Das Thema taugt sowieso hervorragend für Troll-Journalismus, weil man damit zumindest den Nerv vieler Männer treffen kann, die sich benachteiligt fühlen. Das Genre ist gar nicht dafür da, ernstgemeinte Beiträge abzuliefern, sondern soll nur die Aufmerksamkeitsökonomie bedienen. Gut ist, was Klicks, Auflage und Reichweite bringt. Es geht nicht um die Qualität des Debattenbeitrags, sondern um Quantität. Ob radikale Positionen wie „Ekel“ oder der weinerliche Abgesang auf den Mann eine wichtige gesellschaftliche Diskussion weiterbringen, ist komplett egal. Hauptsache, man ist im Gespräch — nicht mit Menschen mit anderen Meinungen, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung. Das macht den Troll-Journalismus so banal wie gefährlich.

Der Godfather of Troll-Journalismus ist und bleibt natürlich Julian Reichelt. Der „Bild“-Chef hat das System perfektioniert und in Serienreife gebracht. An ernsthafter Diskussion ist „Bild“ nicht interessiert, es geht nur darum, gesellschaftliche Reizpunkte zu setzen. Alarmismus, wohin man blickt. Aktuell nutzt Reichelt dazu gern Gesundheitsminister Jens Spahn, der im Grunde ein Troll der Politik ist: Spahn hat die (Internet-)Mechanismen genauso verinnerlicht wie viele Medienvertreter. Er setzt mit kurzen harten Statements („Hartz IV bedeutet nicht Armut“) sogenannte Diskussionen in Gang, die zu nichts führen. Das Duo Reichelt/Spahn arbeitet Hand in Hand, erst vor zwei Tagen wieder auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss der Bild-Titelseite - Groko-Minister tritt Debatte los - Sorge um Recht und Ordnung in Deutschland

Sie zeichnen das Bild eines Deutschlands, in denen kriminelle Clans die Städte übernommen haben, der Islam unsere christliche Kultur zerstört oder niemand mehr Diesel fahren darf. Alles Unsinn oder so nicht wahr. Aber es geht ja nicht um die Sache, sondern darum, den Ton zu setzen und die Agenda zu bestimmen.

Was man bei „Bild“ getrost als moderne Erweiterung des Geschäftsmodells verstehen kann, sorgt für Nachdenklichkeit, wenn auch Medien wie „Welt“ oder „Zeit“ Troll-Journalismus nutzen. Zwar hat schon Maxim Biller in „Tempo“ in seinen „100 Zeilen Hass“ mehr polarisiert als abgewägt, doch „Tempo“ war halt „Tempo“ und Billers Kolumne mehr Kunstform als Debattenbeitrag. Wir können uns darauf einstellen, dass wir nun öfter Artikel wie jene von Jessen oder von Rönne sehen werden. Aber was bringt es? Oft nicht mal den Schreibern selbst etwas. Oder kann sich jemand an irgendeinen relevanten Artikel von Ronja von Rönne aus den vergangenen drei Jahren erinnern? Genau.

Julian Reichelt veröffentlicht E-Mails anderer Leute

Hier sehen wir, was passiert, wenn man es wagt, sich mit „Bild“ anzulegen.

Die Journalistin Petra Sorge hat es gewagt. Sie schrieb einen Artikel, in dem es auch um Kritik an der Berichterstattung des Boulevardblatts geht. Daraufhin verfasste „Bild“-Oberchef Julian Reichelt zahlreiche Tweets über Sorge, er veröffentlichte E-Mails von ihr, eine Kampagne ging los. Es sieht aus wie ein Versuch, Leute abzuschrecken, die kritisch über „Bild“ berichten wollen.

Um diese Passage geht es:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“ Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“ Der Springer-Verlag hingegen teilt mit, es gebe keinen Anlass, den Artikel online zu korrigieren. Die Aussagen des Staatsanwalts seien „rein spekulativ“, seine Behörde habe die Bild dazu niemals kontaktiert, erklärte ein Pressesprecher.

Der Absatz stammt aus einem Text der „Zeit“, aktuelle Ausgabe. Petra Sorge schreibt dort über Günter Lubitz. Dessen Sohn, Andreas Lubitz, hat als Co-Pilot ein Flugzeug in den französischen Alpen bewusst zum Absturz gebracht. Insgesamt starben 150 Menschen. Über Sorges Text hatten wir am Donnerstag bereits etwas gebloggt.

Auf die oben zitierte Passage hat sich gestern „Bild“-Chefchef Reichelt eingeschossen. Über mehrere Tweets verteilt richtete er sich an Petra Sorge und die „Zeit“:

Die drei Screenshots, die Reichelt Tweet Nummer eins angehängt hat, sind: eine Stellungnahme des „Springer“-Verlags auf eine Anfrage von Petra Sorge und zwei Mails, die Sorge während ihrer Recherche an den Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa geschickt hatte. Kumpa ist zuständig für die Ermittlungen im Fall Lubitz. Julian Reichelt veröffentlicht also nicht-öffentliche, vertrauliche E-Mails einer Journalistin eines anderen Mediums, die nicht an ihn gerichtet waren und die er sich irgendwie beschafft hat.

Petra Sorge ärgerte sich, ebenfalls bei Twitter, über die „massive Indiskretion“ Reichelts:

Bei der Frage, durch wen Reichelt an die Mails gekommen ist, die Sorge an Staatsanwalt Kumpa geschickt hat, scheidet sie als mögliche Kandidatin also schon mal aus. Nach dem Ausschlussprinzip bleiben dann nicht mehr viele Personen übrig, die die Nachrichten weitergeleitet haben können.

Abgesehen von Julian Reichelts ausgesprochen fragwürdiger Methode, fremde E-Mails zu veröffentlichen, sind die Vorwürfe, die er erhebt, recht merkwürdig. Da ist etwa seine Faszination für Petra Sorges Versuch, etwas möglichst genau zu recherchieren, damit sie es im Indikativ schreiben kann. Ein solcher Versuch ist Reichelt anscheinend so fremd, dass er ihn extra noch einmal herausstellt.

Auch der Vorwurf, dass Petra Sorge eine „Springer“-Stellungnahme weggelassen habe, ist süß. Die längere „Zeit“-Passage am Anfang dieses Blogposts zeigt schließlich, dass die Position des Verlags zur Aussage von Staatsanwalt Kumpa immerhin mehrere Zeilen Platz bekommen hat.

Im Laufe der gestrigen Twitter-Diskussion, nachdem sich auch „Zeit“-Journalist Holger Stark eingeschaltet hatte, wurde etwas klarer, was Julian Reichelt meint, wenn er schreibt, Petra Sorge habe „unsere Stellungnahme dazu“ weggelassen: Er hätte es wohl gern gesehen, dass die „Zeit“ eine ganz bestimmte Passage daraus zitiert. Dass Medien außerhalb der „Bild“-Gruppe ohne seine Einwilligung entscheiden dürfen, was sie zitieren (und was nicht) — damit muss Julian Reichelt wohl zurechtkommen.

Interessant ist, dass er in seinem Ursprungstweet noch die Position von Günter Lubitz erwähnt, verbunden mit dem Vorwurf an Petra Sorge, dass sie „weggelassen“ habe, dass „Herr Lubitz schlicht falsche Tatsachen behauptet hat.“ In einer der Mails von Sorge, die Reichelt veröffentlich hat, schreibt sie:

(…) und nun hat mir Herr Lubitz bezüglich des BILD-Interviews gesagt:

„Diese angebliche ‚Freundin‘ ist eine Erfindung.“ Er sagt, das hätten auch Sie („der Düsseldorfer Staatsanwalt Kumpa“) ihm im Beisein von Zeugen bestätigt.

Das Lubitz-Zitat aus der E-Mail stammt aus der Recherche zum „Zeit“-Artikel. Schaut man sich den letztlich gedruckten Text noch einmal an, sieht man, dass diese Aussage von Günter Lubitz dort gar nicht vorkommt. Warum also aufschreiben, dass dieser möglicherweise irgendwann mal „falsche Tatsachen behauptet hat“, die für die Geschichte aber gar keine Rolle spielen? Nirgends im Artikel gibt es den Vorwurf, dass „Bild“ die Frau erfunden habe. Es wird lediglich der Staatsanwalt zitiert, der der Meinung ist, dass die Geschichte der Frau nicht stimme:

Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“

Sorge schreibt auch nirgends, dass wahr sei, was Staatsanwalt Christoph Kumpa sagt. Stattdessen darf ein „Springer“-Sprecher direkt im Anschluss widersprechen. Petra Sorge bildet also zwei verschiedene Meinungen zu einem Aspekt ab. Anstatt den Absender der Nachricht, die ihm nicht passt, anzugreifen, attackiert Julian Reichelt lieber die Überbringerin.

Und damit war noch längst nicht Schluss. In 23 weiteren Tweets (Stand: Sonntag, 21:56 Uhr) legte der „Bild“-Chef nach. Er erwähnte noch einmal, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Er veröffentlichte eine weitere E-Mail von Petra Sorge. Zwischendurch war er sprachlos und schrieb darüber. Er erwähnte ein weiteres Mal, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Er veröffentlichte noch eine E-Mail von Petra Sorge. Er konstruierte einen „Interessenkonflikt!“, weil Tim van Beveren, der das Gutachten für die Familie Lubitz erstellt hat, und Petra Sorge mal im derselben Stadt waren Petra Sorge mal in einem Artikel auf seiner Website verteidigt hat. Er grub einen anderthalb Jahre alten Tweet von Sorge aus. Er kam noch einmal darauf zurück, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Viele dieser und seiner anderen Tweets wurden von verschiedenen „Bild“-Regionalredaktionen retweetet. Und auch der „Bild“-Hauptaccount schickte eine Vielzahl von Reichelts Nachrichten über Petra Sorge an seine 1,58 Millionen Follower. Kampagnenjournalismus funktioniert auch bei Twitter.

„Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist“

Morgen jährt sich zum zweiten Mal der Absturz des „Germanwings“-Flugs 4U9525. 150 Menschen sind damals in den französischen Alpen ums Leben gekommen, darunter auch Co-Pilot Andreas Lubitz, der die Maschine bewusst zum Absturz gebracht haben soll. Während viele der Hinterbliebenen sich treffen und gemeinsam trauern werden, werden Lubitz‘ Eltern in Berlin bei einer eigens organisierten Pressekonferenz sitzen. Sie wollen ein Gutachten präsentieren, in dem es um Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache gehen soll.

In der „Zeit“ von heute ist ein lesenswertes Stück von Petra Sorge zum Thema erschienen (hier eine Zusammenfassung von „Zeit Online“). Sie hat sich mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas, getroffen und mit ihm über verschiedene Gutachten, Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft, seine Motivation gesprochen:


Der Text handelt auch von der Berichterstattung rund um den „Germanwings“-Absturz. Es geht um ein brennendes Grab, um herumschleichende Reporter, um möglicherweise erfundene Interviewaussagen. Es geht vor allem um die „Springer“-Blätter „Bild“ und „Welt am Sonntag“.

***

Da ist zum Beispiel der „Bild“-Bericht über das Grab von Andreas Lubitz. In der Print-Ausgabe und online hatten die „Bild“-Redaktionen Ende Juni 2015 groß auf der Titel- beziehungsweise Startseite über die Beerdigung des „Germanwings“-Co-Piloten berichtet …


… und dabei auch dessen Grab, niedergelegte Kränze, letzte Grüße von Freunden gezeigt.

Petra Sorge schreibt in ihrem „Zeit“-Artikel:

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden.

Wegen der Veröffentlichung des Fotos folgte ein Gerichtsverfahren, das noch immer nicht endgültig entschieden ist. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof:

Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle „einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“ der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Nun kann man über einen direkten Zusammenhang von Bericht und Feuer nur mutmaßen. Die Tatsache aber, dass „Bild“ und Bild.de trotz des Brandes und der möglichen Gefahr einer weiteren Brandstiftung im vergangenen August wieder mit großen Fotos über das Grab von Andreas Lubitz und den neuen Grabstein dort berichtet haben, wird vor diesem Hintergrund noch ekliger als es eh schon ist.

***

Direkt im Anschluss schreibt Petra Sorge:

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene „Äußerung“ stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte.

Bei den „zwei Journalisten“ dürfte es sich um Mitarbeiter der „Welt am Sonntag“ handeln. Die Wochenzeitung hatte vor gut einem Monat, am 26. Februar, vier Seiten über den „Germanwings“-Absturz veröffentlicht. In dem langen Text findet sich auch diese Passage:

Erstmals überhaupt haben sich die Eltern nun zu Wort gemeldet. Auf Anfrage der „Welt am Sonntag“ schrieben sie: „Zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 ergeben sich auch für uns noch viele unbeantwortete Fragen, merkwürdige Sachverhalte und Zweifel am bisher kommunizierten Unfallhergang. Wir sind momentan selber noch am Recherchieren.“ Zu dem „völlig falsch gezeichneten Bild“ ihres Sohnes wollen sie sich momentan aber noch nicht äußern.

Ein „Unfallhergang“? Ein „völlig falsch gezeichnetes Bild“ ihres Sohnes?

Aus einer E-Mail-Absage auf eine Interview-Anfrage vom November 2016 macht die „Welt am Sonntag“ im Februar 2017 also die exklusive Nachricht, dass Lubitz‘ Eltern sich „erstmals überhaupt“ geäußert hätten.

„Bild“ und Bild.de griffen das Thema direkt auf:


Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an die Eltern von Andreas Lubitz.

***

Der dritte Abschnitt im „Zeit“-Artikel zur Berichterstattung über die „Germanwings“-Katastrophe ist der brisanteste. Es geht um ein Interview von „Bild“-Reporter John Puthenpurackal aus dem März 2015:



Die Aussagen der angeblichen „Ex-Freundin“ über Lubitz‘ angebliche Ausraster und seine angeblichen Ankündigungen waren nur wenige Tage nach dem Unglück entscheidende Bausteine bei der medialen Konstruktion eines Psychogramms.

„Bild“ schreibt in dem Artikel:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Wir haben den Namen auf ihren Wunsch geändert, sie so fotografiert, dass sie nicht erkannt werden kann. In BILD spricht jetzt die Frau, die diesem Mann sehr, sehr nah war.

Trotz Identitätsprüfung durch Reporter Puthenpurackal und Foto-zeigen-lassen glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa laut „Zeit“ inzwischen, dass die Aussagen in dem „Bild“-Artikel erfunden seien. Petra Sorge schreibt:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“ Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“

„Bild“ wehrt sich im „Zeit“-Artikel gegen diesen Vorwurf.

Wenn Sprache die Wirklichkeit besiegt

Am Montag haben wir gezeigt, dass die Ansprache „Herr Professorin“, die angeblich an der Uni Leipzig eingeführt werden soll, einzig und allein eine Erfindung von „Spiegel Online“ ist – und nichts mit der tatsächlichen Entscheidung der Uni zu tun hat.

Einige Medien haben es aber immer noch nicht kapiert.

Die „Aachener Zeitung“ schrieb am Mittwoch unter der Überschrift „Guten Tag, Herr Bürgermeisterin“:

An der Universität Leipzig müssen sich männliche Dozenten künftig „Herr Professorin“ schimpfen. Kein Scherz.

Auch kein Scherz: Im ZDF-morgenmagazin wurde am Dienstag im „richtig oder falsch“-Gewinnspiel die Frage gestellt, ob sich die Ansprache an der Uni Leipzig in „Herr Professorin“ ändern werde. Die „moma“-Tassen gab es dann für die Antwort „richtig“.

Und in einem Blogeintrag der „Leipziger Volkszeitung“ findet sich dieser schöne Schlusssatz:

Putzende Jungs wären auf jeden Fall ein stärkeres Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit im Alltag als ein Wissenschaftler, der sich mit „Herr Professorin“ ansprechen lassen muss.

Und so gibt es immer noch Journalisten (und Journalistinnen), die sich über etwas lustig machen, das niemand (!) jemals (!) in Erwägung gezogen hat.

Besonders bescheuert aber sind jene Geschichten, in denen die Journalisten das Kunststück vollbringen, den Sachverhalt sowohl richtig als auch falsch wiederzugeben.

So heißt es im Feuilleton der aktuellen „Zeit“:

[…] das generische Femininum soll in der neuen Verfassung der Alma Mater verankert werden. Damit seien, so versichern Fußnoten, alle gemeint, Frauen wie Männer.

Das stimmt. Endlich mal. Und doch schafft es die „Zeit“, noch im selben Satz wieder alles kaputt zu machen:

In Leipzig wird es bald „Herr Professorin“ heißen […].

Ein paar Sätze später heißt es:

In Leipzig etwa, wo es bald „Herr Professorin“ heißt […].

Die „Rheinische Post“ machte es nicht besser und schrieb am Montag:

[…] in der Grundordnung der Universität soll künftig nur noch die weibliche Personenbezeichnung stehen. Eine Fußnote ergänzt, dass diese Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

Das ist korrekt. Im Gegensatz zu dem Unsinn, der im nächsten Satz folgt:

In Leipzig lehrt also der Herr Professorin den Herrn Studentin demnächst die Germanistik.

Die „Bunte“ haut derweil mal richtig auf den Putz:DIE SPINNEN, DIE SACHSEN! - Die Uni Leipzig hat die Einführung der einhitlichen Bezeichnung für Professoren beider Geschlechter beschlossen - und die neue Hochschulverfassung sieht nur noch weibliche Bezeichnungen vor! "Herr Professorin" heißen dann offiziell auch Männer. Die Leipziger Hochschuldirektorin Beate Schücking geht aber davon aus, dass Studenten ihren Professor auch in Zukunft mit "Herr Professor" anreden. Ja, was soll das Ganze dann?

Und auch die „Stuttgarter Zeitung“ schafft es in einer verschwurbelten Kolumne, Realität und Fiktion bedenkenlos zu verquicken:

[An der Leipziger Universität] hat ein Senatsbeschluss für die neue Verfassung den Professoren männlichen Geschlechts zumindest sprachlich den Garaus gemacht. Sie werden nun alle als Professorinnen geführt, auch wenn das, wie die Rektorin jetzt verkündet, keine Auswirkung im alltäglichen Umgang haben wird. Trotzdem gilt: So besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Die Kolumne trägt den Titel: „Grüß Gott, Herr Professorin“. Tja – so besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Wir haben am Donnerstag bei „Spiegel Online“ nachgefragt, warum die irreführende Überschrift, auf der dieser ganze „Herr Professorin“-Quatsch beruht, immer noch nicht geändert wurde.

„Spiegel Online“ antwortete uns:

[…] die Zeile „Guten Tag, Herr Professorin“ ist keine Nachrichtenüberschrift, sondern lediglich unser Versuch, humorvoll mit dem Thema der verweiblichten Grundordnung der Universität Leipzig umzugehen. Als Überschrift ist sie eine Anspielung auf die häufig verwendete Formulierung „Frau Professor“. Ähnlich wie die Uni Leipzig in ihrer neuen Grundordnung haben wir die Geschlechterrollen für die Überschrift spielerisch vertauscht und eine Zeile gewählt, die leider mehrfach missverstanden und abgeschrieben wurde. Ein Grund, die Überschrift zu ändern, ist das nicht. Darüber hinaus wurde im Text sowohl das Verfahren als auch die künftige Verwendung der Begriffe genau beschrieben.

Soso.

Die ganze Aufregung um die Entscheidung der Leipziger Uni wirkt noch viel absurder, wenn man sieht, dass an der Universität Karlsruhe schon vor einigen Jahren das generische Femininum eingeführt wurde. Dort ist seither nicht von „Studenten“ die Rede, sondern ausschließlich von „Studentinnen“. Zumindest in der Studien- und Prüfungsordnung (PDF) des Studiengangs Maschinenbau.

Übrigens: Auch die Entscheidung aus Leipzig ist eigentlich keine Neuigkeit mehr. Schon im Dezember 2011 berichteten die „Leipziger Volkszeitung“ (PDF) und die Leipziger Hochschulzeitung „student!“ über die Pläne des Senats. Einen Aufschrei gab es damals nicht.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16. Juni: Wie uns einige Leser mitgeteilt haben, hat das „Morgenmagazin“ seinen Fehler am nächsten Tag richtiggestellt. Und „Spiegel Online“ hat den Teaser schon vor der Veröffentlichung unseres Eintrags geändert. Statt „setzt [die Uni Leipzig] nur noch auf weibliche Bezeichnungen“ heißt es jetzt: „setzt [die Uni Leipzig] in ihrer Grundordnung nur noch auf weibliche Bezeichnungen“.

Manche haben es aber immer noch nicht kapiert.