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What the Hack!

Über den Diebstahl der Daten von deutschen Politikern und Medienschaffenden war noch kaum etwas bekannt, da hatte “Bild” schon einen Verdacht.

Normalerweise ist das eine Methode der Hacker des russischen, auf Cyberkrieg spezialisierten Militärgeheimdienstes GRU.

Als Urheber oder Unterstützer kämen Staaten wie Russland und China infrage, hieß es zunächst. Besonders Russland steht im Verdacht, seit Jahren massiv Hackerangriffe auf Deutschland zu befehlen. Auch ein Zusammenwirken Russlands mit rechtsextremen deutschen Gruppen sei nicht auszuschließen.

Dass ausgerechnet keine Daten der rechtspopulistischen und kremlnahen AfD veröffentlicht wurden, könnte laut Gaycken auch eine falsche Fährte sein, um die Hintermänner der Attacke im russischen Sektor zu verorten. Oder eben ein Hinweis auf die Beteiligung russischer Kräfte im Hintergrund.

Bei russischen Geheimdiensten heißt solches Material “Kompromat” — Erpressungs-Material.

Dritte Spur: der russische Militärgeheimdienst GRU. Putins Cyberkrieger hackten sich bereits ins Bundestagsnetz. Reste dieser Angriffe könnten jetzt für den erneuten Daten-Angriff genutzt worden sein

Schon 2017 warnte General Michael Hayden, Ex-Direktor der CIA, in BamS vor Hacker-Attacken aus Russland: “Ihr Deutschen solltet euch Sorgen machen!”

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Auch Politik-Redakteur Julian Röpcke kam schon früh auf Russland zu sprechen:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: You didn't see me using the word Russia so far as there is no evidence for its involvement so far. But what I can say is that hackers needed months if not years to collect, inspect, categorize and describe the leaked data, pointing at a group of high professionalism.

Die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz, widerspricht Röpcke heute in der “FAZ”: Es gebe “kaum Indizien dafür, dass es sich um einen großen Hack handeln könnte. Auch deutet nichts darauf hin, dass die Verantwortlichen mit besonderer technischer Expertise vorgegangen wären.”

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Röpcke ist bei “Bild” einer der Hauptautoren in dem Fall, atemlos schreibt und twittert er seit Tagen darüber. Schon wenige Stunden nach Bekanntwerden behauptete er:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: The leaked data, which was illegally collected until October 2018 and released December 2018, but just found now, is still publicly available. I searched through it 5 hours last night, read maybe three percent of it and already found cases of corruption and bad political scandals.

Doch selbst heute, über drei Tage später, ist immer noch unbekannt, welche “cases of corruption” und “bad political scandals” Röpcke da entdeckt haben will. Oder ob er sich das einfach nur ausgedacht hat. Das Wort “corruption” nahm er später zurück und ersetzte es durch “nepotism”. Belege bleibt Röpcke aber bis jetzt schuldig. In der gedruckten Ausgabe vom Samstag widersprach ihm selbst das eigene Blatt. Auf die Frage “WIE BRISANT IST DAS MATERIAL?” antwortete “Bild”:

Nach erster Einschätzung sind keine Skandal-Akten dabei.

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Röpckes größter scheinbarer Scoop erschien gestern bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Cyber-Alarm in Deutschland - Die Spur der Hacker - Exklusiv! Bild-Recherchen enthüllen brisante Details

“Bild” habe “Unglaubliches” recherchiert, heißt es da:

BILD-Recherchen führen nun zu einem Hacker, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile [von denen die Daten veröffentlicht wurden] ist.

Doch das, was dann “nach BILD-Informationen” und “laut BILD-Recherchen” “exklusiv” folgt — vieles davon stand mehr als einen Tag zuvor bereits bei “RT”. Darunter auch der Name des “Hackers, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile ist”, die Namen der Plattformen, auf denen er aktiv sein soll, der Name der Person, deren Profilbild er verwendet, und so weiter. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.

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In ihren Artikeln liefern Röpcke und “Bild” dabei immer so viele Details und Screenshots zu den veröffentlichten Daten und den Seiten, auf denen sie veröffentlicht wurden, dass es für die Leserschaft ein Leichtes ist, sie selbst zu finden. Heute schreibt “Bild”:

Allein eine Datei mit dem Namen […] wurde seit Sonntag mehr als 3000 mal aufgerufen. Hinter ihr verbergen sich funktionierende Links zu mehr als 1000 Datensätzen von Politikern und Prominenten. Es ist davon auszugehen, dass sich am Sonntag und Montag abermals Hunderte die illegal erbeuteten Informationen auf ihre Rechner herunter luden.

Kein Wunder. Dank “Bild” wussten sie genau, wonach sie suchen mussten.

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Der größte Witz zum Thema aber kam mal wieder vom “Bild”-Chef persönlich:

Wie geht Bild mit den Daten um? Bild-Chef Julian Reichelt: Es geht um enorme Mengen von Daten, die offensichtlich mit der Absicht verbreitet werden, Politiker als angreifbar, korrupt oder unanständig darzustellen. Dennoch gehört zu unserem journalistischen Auftrag, das Material zu sichten und auszuwerten - nicht in Bezug auf moralische Verfehlungen, sondern mit Blick auf mögliche strafbare Handlungen, illegale Absprachen oder Bestechlichkeit. Das ist unsere Pflicht als freies Medium. Dass wir dabei auch höchst private Daten bis zu Familienfotos oder privaten Chats sichten müssen, gefällt uns selbst nicht. Nutzen werden wir solche sensiblen Daten aber in keinem Fall, nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit Dank an Moritz H., Michael E. und Benno S.!

Nachtrag, 8. Januar: Heute hat das BKA einen Verdächtigen festgenommen. Es ist nach ersten Erkenntnissen kein russischer Militärgeheimdiensthackerspion, sondern ein 20-jähriger Schüler aus Mittelhessen.

Datenleck, Geldverbrenner Youtube, Menschenverbrenner DSDS

1. Warum wir nichts über den Hackerangriff berichtet haben und jetzt doch diesen Artikel schreiben
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
“BuzzFeed News Deutschland” hat sich mit dem letzten großen Hackerangriff beschäftigt und die Erkenntnisse ausnahmsweise nicht in einem Artikel sondern in einem 27-teiligen Twitter-Thread niedergeschrieben. Der Grund: “Wir hatten so viele Fragezeichen, dass wir dachten: Das können wir nicht in einen Artikel packen. Die Menschen wollen von uns Antworten, keine Fragen.” Nach zahlreichen Reaktionen auf Twitter hat man sich entschieden, der Thematik doch einen Artikel zu widmen.
Weiterer Lesehinweis: Die netzpolitik.org-Analyse: Alles außer AfD: Was wir über das große Datenleck wissen (Markus Reuter).
Der Fall um die geleakten Daten wirft zudem die Frage auf, ob Journalistinnen und Journalisten die privaten Chatverläufe von Politikerinnen und Politikern lesen dürfen. Die Medienforscherin Jessica Heesen sagt dazu in der “taz”: “(…) bei einer Unterhaltung zwischen einer prominenten Persönlichkeit und ihren Familienangehörigen würde ich aus medienethischer Sicht keine ausführliche Analyse betreiben, sondern allenfalls einen kurzen Blick darauf werfen, um den Vorgang einzuordnen. Das muss ausreichen.”
Und zu guter Letzt die Lese-Empfehlung für: “Ups, ich hab’ ja doch was zu verbergen.” 5 Lehren für Journalist:innen aus dem #Hackerangriff (medium.com, Daniel Moßbrucker).

2. Youtube Advertising 2018: Welcher Spot hat massiv Geld verbrannt, welcher hat gezündet?
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Christoph Burseg vom Youtube-Analyse-Tool “Veescore” hat für “OMR” ausgewertet, welche deutschen Werbetreibenden sich beim Youtube-Marketing geschickt anstellen — und welche Ihr Geld verschwendet haben. Zentrale Fragestellung der Analyse: Wie viele Views benötigt der Advertiser mit seinem jeweiligen Werbevideo, um jeweils einen neuen Abonnenten für seinen Kanal zu generieren? Die Ergebnisse reichen von grotesk viel bis überraschend wenig.

3. Kachelmann: “Ich arbeite für den MDR, nicht die ARD”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jörg Kachelmann moderiert an der Seite von Kim Fisher seit dem 4. Januar wieder die MDR-Talkshow “Riverboat”. Im “DWDL”-Interview spricht er über seinen “Fuck the ARD”-Spruch, sein Verhältnis zu vielen Printmedien, seine Ziele und die Angst vorm Scheitern.
Mittlerweile kann sich Kachelmann etwas entspannen, zumindest, was die Quote anbelangt: “The Voice Senior” endet blass, “Riverboat” holt mit Kachelmann-Comeback beste Zuschauerzahl seit fast einem Jahr (meedia.de, Jens Schröder).
Hilke Lorenz hat sich die Sendung angeschaut und für die “Stuttgarter Zeitung” besprochen: Der allzu forsche Herr Kachelmann.

4. Abgründe sind wichtig im Leben
(54books.de, Tilman Winterling)
Die “Süddeutsche Zeitung” hat mit der Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg über “Männer und männliche Eigenschaften” gesprochen und sich unter anderem nach ihren Erfahrungen mit Sexismus erkundigt. Tilman Winterling hat das Interview gelesen und ist dabei nicht aus dem Kopfschütteln herausgekommen.

5. Solidarität für Fabrizio! – Nicht der DSDS-Kandidat war respektlos, sondern die Sendung, die ihn vorgeführt hat.
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der vergangenen Ausgabe von “Deutschland sucht den Superstar” wurde genußvoll das Scheitern eines schwulen 21-jährigen Kandidaten zelebriert. Vom “respektlosesten Kandidat aller Zeiten” war danach in den Medien die Rede, die nur zu gern der überdrehten RTL-Inszenierung folgten. Johannes Kram hat näher hingeschaut und erklärt, wie bei “DSDS” derartige Fremdschäm- und Empör-Elemente eingebaut werden. Sein Resümee: “Der Mut eines jungen Mannes, zu sich selber zu stehen, wurde missbraucht für die Inszenierung einer Vernichtung. Ja, Fabrizio hat sich schlecht geschlagen. Vor allem aber hatte er das Pech, dies in einem Format zu tun, das darauf angewiesen ist, daraus Kapital zu schlagen. Wer hierfür Schadenfreude empfindet oder gar Wut auf den Kandidaten, weil er sich so für dessen peinliches Anderssein schämt, der muss sich fragen lassen, wie peinlich ihm das eigene Anderssein ist.”

6. Kann man die russische Mafia mit Powerpoint erklären?
(faz.net, Allegra Mercedes Pirker)
Die “FAZ” hat den “Tatort” vom Sonntagabend einem Faktencheck unterzogen und dazu verschiedene Sachverständige befragt, darunter ein Experte vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, die Sprecherin des Bundeskriminalamts und ein Rechtsmediziner.

Muslimische Wölfe sofort abschieben! Das Jahr in “Bild”

2018 war kein schönes Jahr für die “Bild”-Zeitung. Sie wurde von der “Titanic” blamiert, musste Jörg Kachelmann Hunderttausende Euro zahlen, wurde neun Mal öffentlich vom Deutschen Presserat gerügt und musste auf der Titelseite eine Gegendarstellung ihrer geliebten Helene abdrucken.

Das Schlimmste aber, und das wird selbst an den Chefetagen nicht spurlos vorbeigegangen sein, waren die Verkaufszahlen. Laut IVW war die letzte Auflagenmeldung von “Bild” die schlechteste seit 64 Jahren. Schon im ersten Quartal dieses Jahres war die verkaufte Auflage um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen.

Darum musste sich “Bild” dieses Jahr in besonderem Maße auf alte Stärken besinnen. Ein kleiner Rückblick.

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Das Tier des Jahres

Der Wolf. Das Lamm. Und die ewig grausame Geschichte von Tod und Verderben.

Hurz!

Stellte sich später heraus, dass es doch kein Wolf war, ließ “Bild” das natürlich unerwähnt.

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Das Geschlecht des Jahres

Von den “Gewinnern” des Tages auf der Titelseite waren über 80 Prozent — Männer.

Auch von den Verlierern waren über 80 Prozent männlich. Selbst Tiere und Gegenstände tauchten in dem Ranking häufiger auf als Frauen.

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Die Religion des Jahres

Gehen wir doch mal die großen durch. Also. Hinduismus: kam in der Print-“Bild” in diesem Jahr genau einmal vor. Der Buddhismus kam immerhin auf zwei Erwähnungen. Das Judentum kam auf sieben, das Christentum auf 28. Der Islam auf 266.

Und anders als bei anderen Religionen sind beim Islam für “Bild” nur zwei Gefühlsrichtungen zugelassen: Angst und Empörung. Das war auch 2018 nicht anders, und relativierende Fakten blieben dabei selbstverständlich unbeachtet.

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Der Skandal des Jahres

Über 800 Mal hat “Bild” in diesem Jahr das Wort “Skandal” gedruckt, am größten und empörtesten im Frühjahr — beim großen:

Auch “BAMF-Skandal” genannt. BAMF, ihr wisst schon, diese von einer “Skandal-Chefin” geleitete und mit “Skandal-Akten” vollgestopfte “Skandal-Behörde”.

Und als ein paar atemlose Wochen später herauskam, dass der Fall nicht mal ansatzweise so wild war, wie von “Bild” dargestellt, war das der Redaktion wie viele Titelschlagzeilen wert? Genau.

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Der Experte des Jahres

Brauchte “Bild” in diesem Jahr ein knackiges Zitat, war einer sofort zur Stelle:

Prof. Michael Wolffsohn (München) spricht aus, was vielen schwerfällt: “Trump, über den viele lachen, hat mit seiner Strategie mehr erreicht als seine Vorgänger.”

Ob zu Trump, zu Putin, zur Bundeswehr, zum ZDF — das ganze Jahr über versorgte der “Publizist und Historiker” (je nach Bedarf auch mal “Bundeswehr-Historiker” oder “Hochschullehrer des Jahres”) Michael Wolffsohn die “Bild”-Redaktion zuverlässig mit “deutlichen Worten”, auch und am liebsten zu hochkontroversen Themen. Und praktischerweise war er dabei immer einer Meinung mit “Bild”.

Als “Bild” sich darüber beklagte, dass Deutschland sich nicht genug gegen die Gasangriffe in Syrien einsetze, beklagte sich auch Michael Wolffsohn über die “bundesdeutsche Drückebergerei”:

Wolffsohn: “Auf der einen Seite hören wir seit Jahrzehnten ‘Nie wieder Auschwitz!’. Über die damals von deutschem Gas Ermordeten wird heute in Deutschland geweint, gegen die jetzige Auschwitz-Variante wird nichts getan.”

Als “Bild” sich über den Rassismus-Vorwurf von Mesut Özil empörte, empörte sich auch Michael Wolffsohn:

Als “Bild” mit einer Kampagne für Friedrich Merz als CDU-Vorsitzenden kämpfte — Michael Wolffsohn kämpfte mit:

(Fazit: “Den größten Respekt hätten die mächtigsten Machos der Welt vermutlich vor Friedrich Merz.”)

Als “Bild” sich über eine antisemitische Karikatur in der “Süddeutschen Zeitung” echauffierte, wetterte auch Wolffsohn:

Als Michael Wolffsohn dann im Herbst einen Preis von einer Stiftung bekam, ließ die “Bild”-Zeitung im Gegenzug eine Meldung auf der Titelseite springen — und kürte Wolffsohn ein paar Wochen später, Überraschung: zum “Gewinner” des Tages.

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Das Kleidungsstück des Jahres

Socken: 53 Erwähnungen.
Pullover: 70 Erwähnungen.
Bikini: 90 Erwähnungen.
Unterhose: 50 Erwähnungen.

Kopftuch: 133 Erwähnungen.

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Der Irrsinn des Jahres

Das zentrale Thema der wochenlangen Hysterie: Ausländer. Kriminelle Ausländer. Und was alles passieren könnte, wenn wir da nicht sofort etwas tun, und zwar: “Abschieben!”

Wenn sich dann herausstellte, dass sie falsche Vorwürfe verbreitet hatte, gab sich die Redaktion große Mühe, die Korrektur möglichst gut zu verstecken. Oder brachte erst gar keine.

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Das Gefühl des Jahres

… beschreiben die “Bild”-Leser am besten selbst:

Aber kein Wunder, konnten sie doch ein weiteres Jahr Tag für Tag lesen, dass wir überschwemmt werden von Terroristen und Kindsmördern, und dass uns, wenn wir uns nicht bald zur Wehr setzen, die kriminellen Ausländer mit Sicherheit alle umbringen. Wenn uns bis dahin nicht schon die Wölfe gefressen haben.

Nachtrag, 27. Dezember: Der Vollständigkeit halber: Auch wenn in der Collage im Abschnitt “Die Religion des Jahres” ein Beispiel mit “Islamismus” zu sehen ist — bei den 266 Nennungen handelt es sich tatsächlich nur um Nennungen des Wortes “Islam”. Schon klar: Wenn man nach “Islam” sucht, findet man in den Ergebnisse auch Treffer wie “Islamismus” (da steckt ja schließlich die Buchstabenkombination “Islam” drin). Diese Treffer haben wir allerdings nicht mitgezählt.

“Instinktloser Unsinn!” – “Bild” lässt Ministerin Weihnachten abschaffen

Und plötzlich …

Screenshot Bild.de - Karten-Kuddelmuddel im Kanzleramt - Zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht - Plötzlich ist von Weihnachtsfest die Rede

Wobei “Plötzlich” in diesem Fall bedeutet: Die “Bild”-Redaktion hat einen Fehler gemacht, und der große Mist, den sie verbreitet hat, fliegt den Mitarbeitern gerade um die Ohren. Dieses “Plötzlich” ist eine Art Korrektur im Gewand eines weiteren Vorwurfs.

Es geht um die Weihnachtskarte — oder besser: die Weihnachtskarten — von Annette Widmann-Mauz, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Am späten Dienstagabend schreiben Franz Solms-Laubach und Filipp Piatov bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Das ganze Land wünscht zurzeit “Fröhliche Weihnachten” auf Karten, doch ausgerechnet die Integrationsbeauftragte kriegt das nicht hin.

Auf der Weihnachtskarte, die Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz (52, CDU) mit ihrer Pressestelle verschickt, sind zwar Weihnachtsmann-Mützen, Baumschmuck und Engel mit Heiligenschein zu sehen, es fehlt aber das wichtige Wort: Weihnachten!

Stattdessen steht dort: “Egal woran Sie glauben … wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr.”

Am Mittwoch reicht die “Bild”-Zeitung ihren aussichtsreichen Beitrag zum Wettbewerb “Wer erschafft den größten Elefanten aus der kleinsten Mücke?” ein:

Ausriss Bild-Titelseite - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten

… schreibt die Redaktion auf der Titelseite. Und auf Seite 2:

Ausriss Bild-Zeitung - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Daneben der Kommentar von Solms-Laubach (“Instinktloser Unsinn!”) und ein Brief von Franz Josef Wagner (“Liebe Integrationsministerin”).

Die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration soll also Weihnachten “abgeschafft”, sich “vor dem Wort Weihnachten” gedrückt, “unser christliches Fundament” verschwiegen haben. Blöd nur, dass eine weitere aktuelle Grußkarte von Annette Widmann-Mauz existiert. Und darin stehen Dinge wie “ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2019” oder “Öffnen wir unsere Herzen für das Geheimnis der Heiligen Nacht”. Dazu der Spruch des Theologen Angelus Silesius: “Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und wacht.” Alles sehr, sehr christlich.

Während die Karte, bei der Solms-Laubach und Piatov und “Bild” das Abendland untergehen sehen, in einer Auflage von 100 Exemplaren an Journalistinnen und Journalisten und Redaktionen gegangenen und von Widmann-Mauz’ Presseteam verschickt worden sein soll, soll die andere Karte in einer Auflage von 1000 Exemplaren an Kolleginnen und Kollegen im Bundestag, Freunde in der CDU, Kirchen, Religionsgemeinschaften gegangen sein.

“Bild” lag also heftig daneben. Doch anstatt einfach zu sagen: “Wir lagen daneben”, schreibt die Redaktion, dass “plötzlich” eine “zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht” sei, und zündet die nächste Stufe. “Bild” gestern:

Ausriss Bild-Zeitung - Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte - Warum ist sie Integrationsministerin?

So macht man Menschen fertig.

Im Hauptartikel — dieses Mal interessanterweise ohne Autorennamen — geht es unter anderem um Widmann-Mauz’ Studienabbruch und ihr angebliches Versagen als Integrationspolitikerin. Die Redaktion wirft ihr vor, “dass sie es auch nach acht Monaten im Amt noch nicht geschafft habe, ein Freitagsgebet in einer Moschee zu besuchen.” Was wäre wohl in “Bild” los, wenn Annette Widmann-Mauz in diesen acht Monaten dreimal in der Moschee, aber nicht so oft im Gottesdienst gewesen wäre?

Der kleine Kasten unten rechts auf der Seite (“Die zweite Karte der Staatsministerin”) ist die Art, wie die “Bild”-Mitarbeiter zeigen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Und dazu gehört auch, dass sie noch einmal auf Annette Widmann-Mauz einschlagen: “Parteiintern christlich, nach außen beliebig — ein bemerkenswerter Widerspruch.”

Vermutlich hätte aber auch eine größere Korrektur nicht mehr viel gebracht. Bei Bild.de durften die Leserinnen und Leser bereits über die berufliche Zukunft der Integrationsbeauftragten abstimmen. In den Sozialen Netzwerken haben die Hetzer, denen “Bild” das nächste Opfer zum Fraß vorgeworfen hat, Widmann-Mauz längst beleidigt und beschimpft. Die AfD, Erika Steinbach und all die anderen ganz Rechten konnten auf ein neues Thema aufspringen und taten das auch zahlreich. CDU-Politikerinnen und -Politiker haben sich von “Bild” zu kritischen Äußerungen bringen lassen. “Integrationsexperte” Ahmad Mansour durfte auch noch was sagen.

Und “Bild” hatte das nächste Kapitel in der traditionellen JahresendErzählung, dass in Deutschland Weihnachten abgeschafft werde.

Für die Fehler, die die Redaktion dabei gemacht hat, musste sie nicht mal um Entschuldigung bitten. Sie hat einfach noch einen draufgesetzt.

Georg Streiter, der früher selbst bei “Bild” gearbeitet hat und später stellvertretender Regierungssprecher war, hat bei Facebook einen sehr lesenswerten Beitrag zur “Bild”-Berichterstattung über Annette Widmann-Mauz veröffentlicht.* Er schreibt darin unter anderem:

Wer — wie ich — lange Jahre bei Boulevard-Zeitungen gearbeitet hat, kennt auch die Kniffe, mit denen man immer halbwegs überleben kann, auch wenn man gerade ins Klo gegriffen hat. Eine Rettungs-Regel z.B. lautet: wenn Du falsch berichtet hast, lass die Korrektur aussehen wie eine neue Enthüllung. Die veredelte Variante: zünde zusätzlich ein großes Feuerwerk, das ablenkt. Ein Musterbeispiel dafür ist die versuchte Hinrichtung der Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Annette Widmann-Mauz (CDU), durch die “Bild”-Zeitung.

Er habe “arge Probleme”, so Streiter, “mit dem fanatischen Kurs, den der aktuelle Chefredakteur fährt.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 27. Dezember: Der Facebook-Post von Georg Streiter ist inzwischen nicht mehr für jeden lesbar. Streiter hatte uns gegenüber bereits angekündigt, dass er seinen Text zu gegebener Zeit wieder auf “privat” stellen werde.

Wikimedia verliert Rechtsstreit, Abtreibungsgegner, Whistleblower

Hinweis: Im Lauf des Tages folgt aus aktuellem Anlass eine “6 vor 9”-Sonderausgabe, die sich ausschließlich der “Causa Relotius” bzw. der “Causa Spiegel” widmet.

1. Wikimedia verliert Rechtsstreit: Weniger freie Inhalte, mehr Abmahngefahr
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Museen können ihren Besuchern verbieten, Fotos von gemeinfreien Werken anzufertigen. Gleichzeitig sind die von den Museen angefertigten Fotos der Ausstellungsstücke als “Lichtbild” gemäß § 72 Abs. 1 des Urheberrechtsgesetzes für fünfzig Jahre geschützt. Die Folgen dieser Entscheidung seien laut netzpolitik.org weitreichend “und betreffen gleichermaßen individuelle Nutzer gemeinfreier Werke und Plattformen wie Wikimedia Commons, die Fotos gemeinfreier Werke online frei zugänglich anbieten. Sie müssen nämlich zukünftig nicht nur klären, ob ein Werk gemeinfrei, also der urheberrechtliche Schutz bereits abgelaufen ist. Sie müssen darüber hinaus auch die Zustimmung des Fotografen des Bildes des gemeinfreien Werkes einholen oder nachweisen, dass das Bild selbst schon vor über 50 Jahren gemacht worden ist. Beides ist in vielen Fällen überaus schwierig, wenn nicht gar unmöglich.”

2. Verbraucherjournalismus: Lösungen für Alltagsprobleme
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
“Finanztip”-Chefredakteur und “Verbraucherjournalist” Hermann-Josef Tenhagen erzählt, welches Lebensmotto ihn antreibt, wo er seine Verantwortung sieht und warum das Ressort attraktiver ist, als viele denken: “… im Grunde genommen sind wir im Verbraucherjournalismus an den großen Fragen dran. An den Fragen von Freiheit des Einzelnen und von Gerechtigkeit. Denn zum Verbraucherjournalismus gehören auch Themen wie der VW-Skandal, mit dem Betrug der Konzerne, den Dieselfahrverboten und den Fragen: “Warum darf es die blaue Plakette nicht geben?” “Was steckt da eigentlich dahinter?””

3. Mitte Januar wird gerichtlich entschieden, ob wir den Namen eines Abtreibungsgegner öffentlich nennen dürfen
(buzzfeed.com, Juliane Loeffler)
Der Abtreibungsgegner Yannick Hendricks hat “BuzzFeed News” verklagt, weil die Seite seinen Namen öffentlich genannt hat. Juliane Loeffler berichtet vom Stand der Auseinandersetzung.

4. Next chapter: Internet – SPEX macht online weiter
(spex.de, Dennis Pohl)
Als vor einigen Wochen das Ende der gedruckten “Spex” (Magazin für Popkultur) bekanntgegeben wurde, herrschte vielerorts Trauer. Nun gibt es Neuigkeiten: “Spex” wird mit dem 1. Februar 2019 online weitergeführt. Dennis Pohl zu den Gründen: “Weil dieser spezielle Masochismus, den es wohl schon immer für engagierten Pop-Journalismus brauchte, zu tief in uns verwurzelt ist. Vor allem aber, weil wir an SPEX glauben. Also daran, dass es weiterhin eine Stimme braucht, die abseitigen, marginalisierten, diskriminierten und aufrührerischen Positionen in Pop und Gesellschaft zu Gehör verhilft.”

5. Nach 25 Jahren und 200 Kolumnen bin ich jetzt WIREDless
(wired.de, Johnny Haeusler)
Nachdem der Medienkonzern Condé Nast bereits das deutschsprachige “Wired”-Printmagazin eingestellt hat, geht es nun auch mit der Website zu Ende. Anlass für “Wired”-Kolumnist Johnny Haeusler auf seine Zeit bei dem Onlinemagazin zurückzublicken, in der er rund 200 Online-Kolumnen verfasst hat.

6. Rechtsextremes Muster bei Bundeswehr und Polizei – Whistleblowerschutz überfällig
(whistleblower-net.de, Vera Hanna-Wildfang & Antonia Peißker)
Anlässlich der rechtsextremen Umtriebe bei Bundeswehr und hessischer Polizei, verlangt das “Whistleblower-Netzwerk” einen besseren Schutz von Hinweisgebern: “Whistleblowern werden bei der Polizei Hinweise auf Missstände ganz besonders schwer gemacht. Die eingeschränkten Meldemöglichkeiten der Polizist*innen sowie das von der Gesellschaft weitgehend abgeschottete System machen geschütztes Whistleblowing aber im Gegenteil ganz besonders notwendig.”
Update: Die Redaktion von whistleblower-net.de scheint den von uns verlinkten Text ohne jeden weiteren Kommentar gelöscht zu haben.
Update 2: Der Text ist wieder online.

“Spiegel”-(Selbst)-Betrug, Multipler Pinocchio, Abschied vom Pümpel

1. SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen
(spiegel.de, Ullrich Fichtner)
In einer “Rekonstruktion in eigener Sache” schreibt “Spiegel”-Redakteur Ullrich Fichtner über einen Betrugsfall im eigenen Haus. Ein mit Preisen überhäufter Star-Reporter habe “in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert”. In seiner Stellungnahme schreibt Fichtner, um welche Fälschungen es sich handelte und wie es, aus seiner Sicht, dazu kommen konnte. Außerdem hat die “Spiegel”-Redaktion ein FAQ zum Thema verfasst: Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Weiterer Lesehinweis: Ex-“Spiegel”-Reporter Relotius wird erster Preis aberkannt (dwdl.de, Alexander Krei).

2. Lügendetektor
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Die “Washington Post” ordnete beim Factchecking die Falschheit von Aussagen bislang mit ein bis vier Pinocchio-Nasen ein. Nun führt sie den “Bottomless Pinocchio” ein, für Politiker, die eine offensichtliche Lüge mehr als zwanzigmal wiederholen. Erster Betroffener ist US-Präsident Donald Trump, der im laufenden Jahr 86-mal behauptet habe, die USA hätten mit dem Bau der Grenzmauer begonnen, obwohl dies nachweislich falsch sei.

3. Lieber Einheimisches als Ausländisches?
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio, 6:04 Minuten)
Gemäß einer neuen EU-Verordnung dürfte es für ausländische Investoren schwerer werden, in deutsche Medienhäuser zu investieren. Die Unabhängigkeit der Medien sei aber durch nationale Monopolisten genauso gefährdet, so Medienökonom Bjørn von Rimscha im Interview mit dem “Deutschlandfunk”.

4. Pubertät als einzigartiges Weltereignis
(deutschlandfunkkultur.de, Sigrid Löffler, Audio, 4:02 Minuten)
Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat einen neuen Bücher-Trend festgestellt, nach dem Frauen die ganze Welt, Männer jedoch nur sich selbst erklären würden. Natürlich hat sie dafür einige aktuelle Beispiele parat, in denen Männer ihre Jugend zum Drama verklären würden. Egal, wie “mickrig und banal” diese in Wahrheit gewesen sein mag.

5. Rechts­be­griffe, vom Bild­zei­tungs­leser ver­standen
(lto.de)
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Boris Becker muss mit der “Bild”-Schlagzeile leben, dass er das Haus seiner Mutter verpfändet habe. Becker hatte darauf abgestellt, dass es sich formaljuristisch um keine Pfändung gehandelt habe und damit bislang auch juristisch Erfolg gehabt. Nun entschied das Bundesverfassungsgericht, dass es auf das Verständnis eines Laien ankommt und der Begriff “Verpfändung” in diesem Fall erlaubt sei.

6. Tetsche – der Meister des gehobenen Blödsinns verabschiedet sich vom stern
(stern.de, Kester Schlenz)
Nach 44 Jahren erscheint diese Woche das letzte Mal ein Tetsche-Cartoon im “Stern”. Kester Schlenz hat den berühmten Humoristen bei sich zu Hause besucht, in seiner umgebauten alten Dorfschule, auf deren Dach Tetsches Markenzeichen thront: ein überdimensionaler Pümpel.
Update Während es im “Stern”-Beitrag so aussieht, als hätte Tetsche aus eigenem Antrieb seinen Abschied erklärt (“Tetsche fand, dass man aufhören solle, wenn es noch schön ist.”), liest sich das auf seiner eigenen Homepage ganz anders: “Durch große Umbau- und Spaßmaßnahmen beim Stern ist die Tetsche-Seite tatsächlich rausgeflogen! Sorry … An mir lag’s nicht!”

Bild.de macht ein O für ein U vor

Zum neuen Film von Clint Eastwood schreibt Bild.de:

In dem Film “The Mule” (dt.: Der Maulwurf) spielt Eastwood einen auf den ersten Blick harmlosen alten Mann.

Harmlos mag er sein, der alte Mann, und das vielleicht auch nur auf den ersten Blick. Aber ein “Maulwurf” ist er damit sicher nicht. Denn “The Mule” heißt korrekt übersetzt “Das Maultier” beziehungsweise “Das Muli” und, wenn man möchte, vielleicht auch noch “Der Dickkopf”. Aber nicht “Der Maulwurf”. Der wiederum heißt im Englischen mole.

Es wäre ja auch merkwürdig, wenn in einem anderen Eastwood-Film, “Two Mules for Sister Sara”, die Aussage

All right, Mr Mule. You were right. You are as stubborn as my mule.

… übersetzt würde mit:

Na gut, Herr Maulwurf. Sie hatten Recht. Sie sind so stur wie mein Maulwurf.

Mit Dank an Fischpott für den Hinweis!

Nachtrag, 15:29 Uhr: Da es in dem neuen Film von Clint Eastwood auch um den Schmuggel von Drogen geht — Bild.de: “In der Eingangsszene des Trailers lenkt er einen Polizeibeamten mit einer Geschichte über Pekannüsse ab. Die hat er nämlich auch im Kofferraum — direkt neben der Tasche mit den geschmuggelten Drogen!” — kommt in diesem Fall noch eine weitere Übersetzung für “The Mule” in Frage: “Schmuggler” oder “Drogenkurrier”.

Mit Dank an Karsten S. für den Hinweis!

Journalistenpreise, Reporterfabrik, Mizzie Meyers “Tatortreiniger”

1. Die Journalisten und Journalistinnen des Jahres 2018
(mediummagazin.de)
Eine rund 100-köpfige unabhängige Fachjury (PDF) hat die Journalisten und Journalistinnen des Jahres 2018 gewählt. Mit dabei: Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby, die Politikjournalistin Melanie Amann und der “Unterhaltungsjournalist” Markus Lanz. “Team des Jahres” wurden die Protokollanten des NSU-Prozesses. Mehr über alle Preisträgerinnen und Preisträger sowie die Begründungen der Jury gibt es auf der Webseite oder in der aktuellen Ausgabe des “medium magazin”.

2. Per Video zum Journalismus-Versteher
(deutschlandfunk.de, Kai Rüsberg, Audio, 4:54 Minuten)
Eine Online-Journalistenschule für alle soll die vom Redaktionsbüro “Correctiv” ins Leben gerufene “Reporterfabrik” sein. Mehr als 100 Dozenten haben ihr Knowhow beigesteuert: Die “Fabrik” kommt auf derzeit stolze 1.000 Video-Episoden. Der “Deutschlandfunk” hat mit Cordt Schnibben, der das Bildungsangebot managt, und dem “Correctiv”-Chef David Schraven gesprochen.

3. «Diese kleine innere Stimme, die dir sagt, was du tun sollst»
(republik.ch, Ronan Farrow)
Ronan Farrow ist der Mann, dessen Hartnäckigkeit zur Aufdeckung des Skandals um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein geführt hat. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Deutschen Reporterpreises erzählt er von den enormen Schwierigkeiten und Widerständen, die er seinerzeit erlebte: “Als ich mit der Recherche begann, hat mich niemand gefeiert. Und plötzlich stand alles infrage. Meine gesamte Karriere drohte in die Brüche zu gehen. So kompromisslos ich diese Recherche angegangen war, so vollständig fiel irgendwann alles auseinander. Es gab den einen Moment, in dem ich komplett allein dastand. Ich hatte mich geweigert, die Arbeit an dieser Story einzustellen. Mein Vertrag lief aus. Sogar mein Buchverleger liess mich fallen und weigerte sich, auch nur eine einzelne Seite von einem Manuskript anzusehen, an dem ich jahrelang gearbeitet hatte.”

4. Das Jahr 2018 wirft ziemlich viele Fragen auf und die sollten wir dringend diskutieren
(buzzfeed.com, Marcus Engert, Audio, 78 Minuten)
Im “Unterm Radar”-Podcast erzählen die Reporter von “BuzzFeed News” von ihren Recherchen, über die Arbeit in einer Redaktion und über all das, was gelingen, aber auch schiefgehen kann. Für die zehnte Ausgabe haben sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Für einen Jahresrückblick haben sie den Medienjournalisten und “Übermedien”-Macher Stefan Niggemeier eingeladen, der “sehr frustriert” und “mit großer Sorge” auf das Jahr zurückblickt.

5. Abdruck ist Pflicht
(djv.de, Hendrik Zörner)
Bei der Aktion “Fotografen haben Namen 2018” hat der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) ausgewertet, welche Zeitungen besonders korrekt und sorgfältig bei der Namensnennung von Fotojournalistinnen und -journalisten verfahren. Das Feld wird angeführt von “Nordkurier”, “Oldenburgischer Volkszeitung” und der “Freien Presse Chemnitz”. Der DJV-Vorsitzende: “Wir laden alle Redaktionen dazu ein, sich an den als sehr gut bezeichneten Zeitungen zu orientieren.”

6. Diese Frau macht Schluss mit dem “Tatortreiniger”
(welt.de, Elmar Krekeler)
Viele Fans trauern derzeit um ihre geliebte TV-Serie “Tatortreiniger”, die nach zwei Grimmepreisen, sechs Staffeln und sieben Jahren endet. Elmar Krekeler rückt eine Person in den Vordergrund, die hinter dem Erfolg steht: Die Autorin Ingrid Lausund (“Mizzie Meyer”), die alle 31 Folgen geschrieben hat.
Weiterer Lesehinweis: Bei “DWDL” kommt “Tatortreiniger” Bjarne Mädel zu Wort: “Es fühlt sich an, als sei jemand gestorben”.
TV-Tipp: Heute Abend sendet der NDR die beiden letzten Folgen (22:00 Uhr: “Der Kopf”, 22:30 Uhr: “Einunddreißig”). Die 22-Uhr-Folge ist schon jetzt in der Mediathek verfügbar, die 22:30-Uhr-Folge wandert morgen in die Mediathek.

Missbrauchs-Nachrichtensperre, Gemein(de)schreiber, Lügen-Charts

1. Ein Urteil, über das (fast) niemand spricht
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Dem Kurienkardinal George Pell (77) wird in Australien Missbrauch Minderjähriger vorgeworfen. Dass man wenig über den Fall erfährt, liegt an der von der australischen Justiz verhängten weltweiten Nachrichtensperre. Marco Bertolaso erklärt, warum sich der “Deutschlandfunk” nicht an diese Nachrichtensperre halte: “Das Thema ist weltweit bedeutsam. Es ist bedeutsam für die deutsche Gesellschaft. Der Missbrauch durch Priester und die langen Jahre der Vertuschung haben auch unser Land erschüttert. Auch in Deutschland sind viele Menschen Opfer geworden. Und auch bei uns wird über die Rolle der Kirche diskutiert. Dabei geht es nicht zuletzt um den Vatikan und seine hohen Vertreter wie Kardinal Pell. Die Relevanz des Themas steht also außer Frage.”

2. Stimmverlust
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der amerikanische “Weekly Standard” gehörte zu den wenigen konservativen Medien, die Kritik am US-Präsidenten übten. Weil dem Geldgeber die Blattlinie nicht passte, muss die Zeitschrift nun dichtmachen. Die Blattmacher suchen jetzt finanzielle Unterstützung für ein Nachfolgeprojekt. Ob dieses Projekt je wieder an den Einfluss des “Weekly Standard” herankommt, sei jedoch fraglich.

3. Boswiler Gemeindeschreiber: Medien-Richter kennen keine Gnade
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der Gemeindeschreiber des Schweizer Dorfs Boswil hat auf Facebook allerlei hässliche Botschaften hinterlassen. Dies griff die Schweizer Boulevard-Tageszeitung “Blick” in ihrer Berichterstattung auf. Was danach geschah, erzählt und bewertet Rainer Stadler in seiner “NZZ”-Kolumne.

4. “Richtig Stimmung machen”
(taz.de, Aron Boks)
Beim “Adbusting” werden bekannte Markennamen und Logos gekapert und in Fake-Plakate eingearbeitet. Bekanntes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Das gefakte Werbeplakat, auf dem sich Coca-Cola vorgeblich gegen die AfD positionierte. Die “taz” hat sich anlässlich des konkreten Falls mit einem PR-Berater über Marketingstrategien von großen Konsummarken unterhalten.

5. Das sind 8 der erfolgreichsten Falschmeldungen auf Facebook 2018
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
“BuzzFeed News” hat recherchiert, welche Falschmeldungen 2018 auf Facebook besonders erfolgreich waren. Erschreckend: Acht der erfolgreichsten Falschmeldungen hätten mehr Facebook-Interaktionen bewirkt als fast alle Artikel der größten Nachrichtenseiten in Deutschland. Wichtigste Verbreiter dieser Falschnachrichten seien die AfD und die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach gewesen.

6. Volks-Rock’n’-Proll
(spiegel.de)
Der heimatverliebte Volkstümler und Schlagersänger mit Schlagseite Andreas Gabalier überzog auf seinem Abschlusskonzert die als linksliberal geltenden Zeitungen “Standard” und “Falter” mit allerlei Schmähungen. Er glaube, dass Redakteure der — seiner Ansicht nach traditionsfeindlichen — Blätter “undercover in der Halle” seien, um “verheerende Geschichten” zu schreiben.

Zeitstempel-Gelbwesten, Maskupedia, Eine Vergewaltigung ist kein Sex!

1. Verschwörungstheorien wegen eines Tweets
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Sabine Wachs)
Nach dem Anschlag in Straßburg zirkuliert in Kreisen der protestierenden “Gelbwesten” die Verschwörungstheorie, der französische Staat stecke dahinter. Als angeblicher Beleg dient unter anderem ein Tweet einer Polizeipräfektur mit einem scheinbar entlarvenden Zeitstempel. Die Gründe dafür sind jedoch technischen Ursprungs. Patrick Gensing und Sabine Wachs erklären das Phänomen, das auf Twitter in ähnlicher Form immer wieder für Verwirrung sorgt.

2. It’s a man’s world: Wie weibliche Editorinnen von der Wikipedia verdrängt werden
(netzpolitik.org, Carolina Schwarz)
Carolina Schwarz hat für das Gesellschaftsmagazin “ROM” aufgeschrieben, wie schwer es Frauen bei Wikipedia haben. “Oh, Hasilein, lösch dich von Wikipedia und kümmer dich lieber um das, was du wirklich gut kannst: shoppen, putzen und deinen Mann umgarnen.” Solche Sätze musste sich beispielsweise die Wikipedia-Editorin “Sophia” (Pseudonym) anhören. Anderen Frauen sei es ähnlich ergangen. Der Verein Wikimedia kenne das Problem und versuche gegenzusteuern. Wie es gelöst werden kann, bleibe jedoch offen.

3. Kritiker über Facebook verfolgt
(reporter-ohne-grenzen.de)
Dass man kritische Stimmen auch im Ausland unterdrücken kann, beweisen die böswilligen Facebook-Angriffe auf den in Deutschland im Exil lebenden Journalisten Trung Khoa Le aus Vietnam. Unbekannte hätten ausgenutzt, dass es auf Facebook bis vor Kurzem möglich war, eine andere Person unwissentlich zum Administrator einer Seite zu machen, auf der in grober Weise gegen die “Community Standards” vorstoßen wird. Das Resultat in derartigen Fällen: Der unfreiwillige Administrator wurde für die Verstöße verantwortlich gemacht und mit einer Sperre belegt. Christian Mihr, Geschäftsführer der “Reporter ohne Grenzen”: “Facebook eröffnet vielen Journalisten die Chance auf eine freie Berichterstattung, doch offensichtlich kann das Unternehmen solch zensurähnlichen Missbrauch nicht verhindern. Es braucht endlich eine demokratische Kontrolle des Konzerns, um die Rechte der Nutzer wirksam zu stärken.”

4. Die Dinge beim Namen nennen – Warum eine Vergewaltigung kein Sex ist
(genderequalitymedia.org, Vic Schulte)
Es ist eigentlich so einfach: Eine Vergewaltigung ist kein Sex! Dennoch schreiben Medien Vergewaltigungsfälle gerne zu klicksteigernden Sex-Stories um. Vic Schulte zählt einige unschöne Beispiele auf und fasst am Ende zusammen: “Wenn bei Sexualstraftaten statt von Belästigung und Vergewaltigung von “Sex” die Rede ist, sieht das auf der Titelseite zwar aufregend und ein bisschen skandalös aus und hilft möglicherweise, Verkaufs- oder Klickzahlen in die Höhe zu treiben. Aber durch die Vermischung der Begriffe wird zugunsten der Unterhaltsamkeit ein Gewaltverbrechen trivialisiert und verharmlost.”

5. Erfolgsfaktor Natur – das Genre „Nature Writing“
(fachjournalist.de, Torsten Schäfer)
Journalismusprofessor Torsten Schäfer ist als langgedienter Wissenschafts- und Umweltjournalist Experte für grüne, sprich naturnahe Themen. In einem Beitrag für den “Fachjournalist” beschäftigt er sich mit dem angloamerikanischen “Nature Writing”. Dieses Literaturgenre erobere den deutschen Buchmarkt und die Feuilletons, werde aber im Journalismus selbst kaum diskutiert — obwohl es viele Chancen für die Lokal- und Umweltberichterstattung biete.

6. Kleinvieh-Strategie: Endemol Shine erstmals an der Spitze
(dwdl.de, Torsten Zarges)
“DWDL” hat ein Ranking der TV-Produzenten für das Jahr 2018 erstellt. Spitzenreiter ist die Firma Endemol Shine, die mit zehn verschiedenen Formaten unter den 100 meistgesehenen Sendungen des Jahres vertreten ist. Wer sich für das TV-Geschäft interessiert, findet in dem Artikel viele Zahlen und Informationen über das milliardenschwere Geschäft mit der Fernsehunterhaltung.

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