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Razzia, Political Correctness, Pasten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Strafverfolgung: Warum wir keine Bilder rausgeben”
(blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Eine “bundesweite Razzia bei Fotografen” (tagesspiegel.de) führt zu Protesten. Die “taz” erklärt, warum sie freiwillig keine Bilder herausrückt: “Wenn Demonstranten mitbekommen, dass Pressefotografen ihre Bilder der Polizei überlassen, müssen sie befürchten, von den Demonstranten als Hilfspolizisten wahrgenommen zu werden. Und das heißt in Fällen wie diesen auch, dass unsere Fotografen – genau wie der Polizist – zusammengeschlagen würden. Die Arbeit wäre zu gefährlich. Journalisten sind darauf angewiesen, von allen Beteiligten als unabhängige Berichterstatter wahrgenommen zu werden.”

2. “I ♥ Political Correctness!”
(kleinerdrei.org, Daniel)
Daniel liebt Politische Korrektheit: “Political Correctness ist super, weil sie dazu führt, dass weniger Leute diskriminiert werden. Das führt zu einem besseren und angenehmeren Zusammenleben für alle und macht die Welt zu einem besseren Ort. So einfach ist das.”

3. “Aussteigen oder bleiben?”
(medienwoche.ch, Joel Weibel)
Noch drei Monate lang ist Joel Weibel als Journalist angestellt. Doch will er wirklich beim Journalismus bleiben? “Will ich mir das antun, angesichts der Tatsache, dass derjenige Journalismus, den ich gerne machen würde, in der Schweiz noch von ein paar wenigen privilegierten Journalisten betrieben werden kann und sich der Rest mit den Brosamen abfinden muss?”

4. “Warum ihr euren koksenden Schwager nicht eure Pressetexte schreiben lassen solltet”
(noisey.vice.com, Lisa Ludwig)
Lisa Ludwig gibt Tipps, was man beim Texten von Pressemitteilungen für neue Musik besser vermeidet. Siehe dazu auch “Danke für diesen inneren Monolog, Al Walser” (20min.ch, Kaspar Isler).

5. “Wie ein Twitterer das Lewandowski-Gerücht ins Rollen brachte”
(11freunde.de, Andreas Bock)
Ein Interview mit @breitnigge, dessen Tweet “vermutlich von einem italienischen User falsch interpretiert und nicht als Nebengeräusch, sondern als Ursache gewertet” wurde. “Im Laufe des Dienstags hat sich diese Meldung auf Twitter verselbständigt, ganz so, als sei ich die verlässliche Quelle dieses Gerüchts.”

6. “Mehrheit der Internetgemeinde will Schavan im Amt lassen, weil sie schon 1980 copy & paste mit Schreibmaschine beherrschte”
(eine-zeitung.net)
“So schreibt beispielsweise ein User auf SchülerVZ: ‘wer schon 1980 ohne computer so sauber pasten konnte ist völlig zu recht bildungschef.'”

Reisejournalisten, Entpolitisierung, Stalker

6 vor 9

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1. “Der rastende Reporter”
(nzzfolio.ch, Florian Leu)
Florian Leu verbringt eine Woche unter Reisejournalisten: “Die Woche auf dem Nil besteht aus Tempelführungen, Dorfbesichtigungen, endlosem Dämmern auf Deck, ausufernden Gelagen an Land und einer Frage, die die Angestellte der Agentur fast stündlich stellt: ‘Ist es recht?’ Einmal fragt sie auch, ob sie die Artikel lesen könne, bevor sie in Druck gingen. Wir sagen zu, natürlich unter Berufung auf unsere Unabhängigkeit.

2. “Im Takt der Ticker”
(carta.info, Jasmin Faller)
Ein Interview mit Stefan Niggemeier: “BILD versucht im Moment, seriös zu wirken und schlägt an ein paar Stellen nicht mehr ganz so offensichtlich über die Stränge wie früher. Viel davon ist aber nur Fassade. Dahinter verletzen die Journalisten des Blattes immer noch regelmäßig Persönlichkeitsrechte, sie haben nicht mehr Skrupel als früher.”

3. “Brüderle-Debatte: Die passive Revolution im Journalismus”
(heise.de/tp, Marcus Klöckner)
Die “Entpolitisierung des Politischen in den Medien” schreite voran, glaubt Marcus Klöckner: “Längst haben sich die älteren, erfahreneren Journalisten in den Redaktionen mit den Vertretern der Generation ‘Irgendwas mit Medien’, deren politisches-kritisches Verständnis allzu häufig zwischen den populärkulturellen Leitplanken von Keinohrhasen, Zweiohrküken, Lady Gaga und ‘Wir sind Papst’ zu finden ist, arrangiert und verbunden.”

4. “Leser, Redaktionen, und die Justiz: Was nach dem Shitstorm kommen muss”
(augsburger-allgemeine.de, sbo)
Das Augsblog greift die Beschlagnahmungsaktion im eigenen Haus auf: “Der Shitstorm über Volker Ullrich und den Beschlagnahmebeschluss ebbte so schnell ab, wie er sich entwickelt hatte. Bereits am Mittwoch sprach in den sozialen Netzwerken kaum noch jemand über den Fall.” Siehe dazu auch die Sicht von Volker Ulrich (taz.de, 30. Januar).

5. “Moral, Maßstäbe, Diskurs: der Grimme-Preis und das ‘Dschungelcamp'”
(grimme-institut.de, Uwe Kammann)
Uwe Kammann, Direktor des Grimme-Instituts, nimmt Stellung zur Kritik an der Nominierung der sechsten Staffel von “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” für den Grimme-Preis.

6. “Weil das hier eben doch nicht nur Internet ist”
(serotonic.de)
Seit fast sieben Jahren wird serotonic von einem Onlinestalker belästigt.

Til Schweiger, Monopolisten, Alkohol

6 vor 9

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1. “Online-Tristesse”
(annalist.noblogs.org, anne)
Die deutsche Online-Presselandschaft werde “beraten von Horden von Klickzahl-Steigerungs-Schlaumeiern”: “Wer braucht denn einen ‘Ticker’, der eine Debatte der Präsidentschaftskandidaten kommentiert? Wenn mich das interessiert, kann ich es mir selber angucken. Seit einer Weile wird uns simuliert, dass die Präsidentschaftswahlen so wichtig sind, als fänden sie hier statt. Selbst die Kindernachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Logo berichten darüber.”

2. “Das Fernsehen als Restzeitmedium – eine Analyse”
(dwdl.de, Klaudia Wick)
Das Fernsehen ist “zu einem Restzeitmedium geworden, das erst eingeschaltet wird, wenn wir für alles andere zu müde, zu zerstreut, zu ausgepowert sind”, schreibt Klaudia Wick. “Und die Programmplaner, die mit ausgeklügelten Strategien unsere Umschaltimpulse ausmerzen und so den Audience Flow optimieren, tragen zu dieser Entwicklung viel bei.”

3. “Schwere Prüfung”
(tagesspiegel.de, Christian Tretbar)
Christian Tretbar möchte seit Anfang Mai gerne “die fortlaufenden Controllingberichte der Flughafengesellschaft und der Flughafengeschäftsführung” des Flughafens Berlin Brandenburg einsehen. “Vorläufiges Fazit: Es ist kompliziert. Für normale Bürger ohne journalistischen Hintergrund oder juristischen Sachverstand, für die also, für die das IFG eigentlich gemacht ist, wird das Durchfechten eines Antrags zu einem heiklen Unterfangen.”

4. “Schweiger und die Zensur”
(faz.net)
Das Management von Til Schweiger bietet Interviews an – aber nur unter der Auflage, dass “alle Texte zu den Interviews komplett zum Gegenlesen vorgelegt werden”. “Sogar Zwischenüberschriften sollten kontrolliert werden dürfen.”

5. “Die Arroganz der Monopolisten”
(spiegel.de, SPIEGEL-Red.)
“Mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz” versuchten Firmen wie Apple, Google oder Facebook “die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen”, beklagt die “SPIEGEL-Red.”: “Aus dem Quartett der dominierenden Vier – Apple, Amazon, Facebook, Google – ist ein quasi allmächtiges Oligopol geworden. Was ihnen nicht gefällt, sortieren sie aus. Sie sind Zensoren aus eigener Kraft.”

6. “Nüchtern”
(welt.de, Benjamin von Stuckrad-Barre)
Benjamin von Stuckrad-Barre trinkt seit sechseinhalb Jahren keinen Alkohol mehr. “Noch ein Wasser, bitte. Durst habe ich natürlich überhaupt nicht mehr nach dem inzwischen etwa zwölften Glas, aber es ist einfach besser, auch etwas in der Hand zu haben.”

Geeignet für die politische Agitation

Vergangene Woche hat das Bundesarbeitsministerium den “Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung” (PDF) vorgelegt, dessen Exegese seitdem von allen Seiten betrieben wird.

Ferdinand Knauß, Redakteur beim Onlineportal der “WirtschaftsWoche”, ist der Ansicht, dass es Armut in Deutschland “nur noch in der Statistik” gebe. Er schreibt lieber von der “Vergrößerung der sozialen Unterschiede – um es einmal möglichst emotionsfrei auszudrücken”. Man müsse das alles mal im Verhältnis sehen.

Über Menschen, die vor Bürgerkriegen, Verfolgung oder Hunger ihre Heimat verlassen, schreibt Knauß deshalb:

Sie riskieren mit rostigen Booten auf dem Mittelmeer ihr Leben, um ein Dasein mit 224 Euro zu führen, das nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nicht einmal “menschenwürdig” ist. Weswegen Asylbewerber demnächst 336 Euro erhalten werden.

Und überhaupt:

Ein durchschnittlicher Deutscher des Jahres 1946 würde die Existenz eines Asylbewerbers oder eines Hartz-IV-Empfängers des Jahres 2012 sicher für alles andere als menschenunwürdig oder ärmlich halten.

Statt Armut gebe es in Deutschland höchstens schlechte Menschen:

Wenn heute Menschen sich selbst oder – noch schlimmer – ihre Kinder verwahrlosen lassen, ist das nicht die Folge materieller Not, sondern persönlichen Versagens.

Dass trotzdem von Armut gesprochen wird, ist aber sicher kein Zufall. Denn der Begriff ist emotionaler als “soziale Ungleichheit”. Er löst Mitleid aus: Erb”arm”en. Und er ist daher gut geeignet, für die politische Agitation. Sozialpolitiker und die Wohlfahrtsindustrie können nicht wirklich wollen, dass die Armut aus den Statistiken verschwindet. Denn wer die Bekämpfung eines Problems zu seinem Beruf gemacht hat, hat kein Interesse daran, dass das Problem endgültig gelöst wird.

Knauß selbst hat das Problem allerdings noch nicht mal verstanden.

Die Definition von “arm” und “armutsgefährdet” zitiert er zunächst zutreffend:

Das Statistische Bundesamt definiert jeden als arm, der weniger als 40 Prozent des mittleren Einkommens der Deutschen zur Verfügung hat. Wer bis zu 60 Prozent davon hat, ist “armutsgefährdet”.

Dann fährt er fort:

Wenn nun ein gütiger Spender über alle Deutschen gleichmäßig verteilt einen Geldsegen niedergehen lassen würde, dann würde das an der Zahl der Armen und Armutsgefährdeten überhaupt nichts ändern. Denn dann stiege ja auch das mittlere Einkommen der Deutschen, also die Größe an der sich die Armut bemisst. Diese statistische Armut verschlimmert sich nach dieser Methode sogar, wenn die Preise und die Einkommen am unteren Ende gleichbleiben, aber die Einkommen am oberen Ende steigen. Wenn also statt mittellosen Asylbewerbern alljährlich zehntausende Multimillionäre nach Deutschland einwanderten, würden die Einheimischen dadurch “ärmer” – zumindest in der Sicht der Bundes-Statistiker und der Beamten in Ursula von der Leyens Sozialministerium, die den Bericht “Lebenslagen in Deutschland”, alias Armuts- und Reichtumsbericht, verfasst haben.

Der erste Teil dieser Ausführungen ist richtig: Auch wenn plötzliche alle Menschen in Deutschland das Doppelte oder Dreifache zur Verfügung hätten, bliebe der Anteil der “Armen” oder “Armutsgefährdeten” gleich groß.*

Der zweite Teil hingegen ist falsch. Und das hat mit dem Begriff des “mittleren Einkommens” zu tun, dem sogenannten Median. Man erhält diesen Wert, indem man alle Bürger sortiert nach Einkommen in einer Reihe aufstellt und denjenigen, der dann genau in der Mitte steht, fragt, was er verdient.

Denken wir uns ein Knauß-Land, in dem elf Knaußbürger leben (Schema rechts). Zwei verdienen 1000 Euro, fünf 2000 Euro, drei 3000 Euro — und einer hat sagenhafte 10.000 Euro im Monat. Ihr durchschnittliches Einkommen beträgt 2818 Euro (die Summe geteilt durch elf); das mittlere Einkommen ist das, das bei einer Aufreihung der elf Knaußbürger der sechste hat (*): 2000 Euro. Als “armutsgefährdet” gelten die beiden 1000-Euro-Knaußbürger.

Nun stellen wir uns vor, dass plötzlich zwei weitere Reiche mit 10.000 Euro Einkommen nach Knaußland ziehen. Das durchschnittliche Einkommen steigt deutlich. Das mittlere aber bleibt konstant: diesmal müssen wir bei 13 Einwohnern in der Reihe von arm nach reich den siebten (*) fragen: Auch er hat 2000 Euro.

Würde sich die Armutsdefinition nach dem Durchschnittseinkommen richten, wären nun auch die 2000-Euro-Knaußbürger “armutsgefährdet”. Da sie sich aber nach dem mittleren Einkommen richtet, ändert sich – in diesem Beispiel – nichts.

Der Median ist deshalb eine so praktische statistische Größe, weil eine kleine Zahl von großen Ausreißern den mittleren Wert nur minimal beeinflusst. Der Zuzug von “alljährlich zehntausenden Multimillionäre” würde bei 80 Millionen Einwohnern das mittlere Einkommen nur unwesentlich erhöhen, wenn überhaupt. Und wenn “die Preise und die Einkommen am unteren Ende gleichbleiben, aber die Einkommen am oberen Ende steigen”, dann ändert sich gar nichts am Median und damit an der Zahl der als “arm” oder “armutsgefährdet” klassizifierten.

Und wenn Sie das Gefühl haben, das Alles schon mal gelesen zu haben: Ja, haben Sie. Vor drei Jahren. Damals ging es um die Bürger von Blome-Land.

Mit Dank an Roland F.

*) Nachtrag, 14.20 Uhr: Knauß kann auch an dieser Stelle Unrecht haben, wenn man seinen “gleichmäßig verteilten Geldsegen” wörtlich nimmt (und nicht, wie wir, als Verdopplung oder Verdreifachung begreift): Wenn etwa jeder Knaußbürger 1000 Euro geschenkt bekäme, läge der Median bei 3000 Euro und die Bürger mit einem Einkommen von 2000 Euro (ehemals: 1000) wären nun nicht mehr “armutsgefährdet”.

Noch deutlicher wird das, wenn man annimmt, der “gütige Spender” gebe jedem eine Million Euro. Der Median steigt um 1 Million Euro auf knapp über 1 Million Euro. Da aber selbst der Ärmste 1 Million Euro erhält, hat niemand weniger als 400.000 bzw. 600.000 Euro. Niemand ist mehr “arm” oder auch nur “armutsgefährdet”.

(Es sind allerdings auch Beispiele denkbar, bei denen es tatsächlich keine Auswirkungen auf die “Armutsgefährdung” geben würde: Etwa, wenn jeder unserer Knaußbürger nur 100 Euro zusätzlich bekäme.)

Außerdem hatten wir in unserem Beispiel zunächst “arm” statt “armutsgefährdet” geschrieben, was falsch war.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

2. Nachtrag, 15.30 Uhr: Ferdinand Knauß hat uns eine Stellungnahme zukommen lassen und um eine Veröffentlichung gebeten. Dieser Bitte kommen wir natürlich gerne nach:

Sehr geehrter Herr Heinser,

es freut mich, dass Sie meinen Artikel gelesen haben. Ihre Kritik im Bildblog an meiner Begründung dafür, dass ich den Begriff der “Armut” für die sozial Schwächeren in Deutschland für unangebracht halte, will ich nicht weiter kommentieren. Die Mitleids- und Betroffenheitsprosa, die andere Publizisten von sich geben, ist nicht meine Sache. Wenn Sie die zweite Hälfte meines Artikels gelesen haben, ist Ihnen sicher deutlich geworden, dass ich keinesfalls die soziale Ungleichheit verharmlose. Im Gegenteil. Aber ich sehe das Problem eben eher beim “unverdienten Reichtum”, den das ausufernde Finanzsystem produziert hat.

Was mir wichtiger ist: Ihre Behauptung, mein Satz (“Wenn also statt mittellosen Asylbewerbern alljährlich zehntausende Multimillionäre nach Deutschland einwanderten, würden die Einheimischen dadurch “ärmer” – zumindest in der Sicht der Bundes-Statistiker …) sei falsch, ist ihrerseits falsch. Natürlich kann man, wie Sie das tun, ein Szenario konstruieren, in dem der Zuzug eines Millionärs die Höhe des Median-Einkommens nicht verändert. Im realen Deutschland aber sind die Einkommen ja gerade nicht so krass ungleich und vor allem nicht so stufig verteilt wie in Ihrem “Knauß-Land” mit seinen elf Knauß-Bürgern, sondern fließend. “Zehntausende Millionäre”, von denen ich spreche, wären eben keine Ausnahmeerscheinungen und hätten daher nicht den gleichen Null-Effekt auf den Median, wie der Ausreißer mit dem “sagenhaften” Verdienst in Ihrem Szenario. Sie geben das wenige Sätze später ja selbst zu, indem Sie nicht “nicht erhöhen” schreiben, sondern “nur unwesentlich erhöhen”. Was wesentlich ist und was nicht, liegt im Auge des Betrachters. Mir ging es jedenfalls um den absurden Effekt als solchen, da er die Fragwürdigkeit der statistischen Armutsberechnung zeigt.

Politische Korrektheit, Hugh Hefner, Rollator

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Warum Islamisten keine Pyramiden sprengen”
(theeuropean.de, Martin Eiermann)
Martin Eiermann thematisiert eine Falschmeldung aus Ägypten: “Islamisten, so konnte man lesen, wollten die ägyptischen Pyramiden sprengen, diese heidnischen Monumente, genauso wie auch bereits die afghanischen Buddha-Statuen von den Taliban in die Luft geblasen wurden.”

2. “Schießen Sie nicht auf den Pappkameraden”
(freitag.de, Matthias Dell und Marc Fabian Erdl)
Eine Untersuchung der Politischen Korrektheit: “Vor 1990 sucht man den Begriff ‘Politische Korrektheit’ in Pressedatenbanken vergeblich. Das Ergebnis ist: null. Im Laufe des Jahres 1990 ändert sich das, und Anfang der neunziger Jahre steigt die Verbreitung rasant, ‘PC’ ist der Darling der Debatten dieser Zeit. Der adjektivische Gebrauch ist schon etwas früher belegt, affirmiert wird die Wendung aber auch da nie.”

3. “Dichtung und Wahrheit”
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Was Heribert Prantl aus der Küche von Andreas Voßkuhle zu berichten weiß.

4. “How journalists can do a better job of correcting errors on social media”
(poynter.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman erinnert an das Jahr 1972: “That’s the year The New York Times decided to start publishing all corrections on page A2, using the same style of language and headlines. That was a moment when a lot of American newspapers started to do the same, rather than scatter corrections throughout their editions. This helped standardize corrections.”

5. “‘Der Staat hat im Schlafzimmer nichts verloren'”
(zeit.de, Jessica Braun)
Ein Interview mit Hugh Hefner, Gründer und Chefredakteur des Playboy: “Ich glaube, was Photoshop im Playboy angeht, herrscht eine falsche Wahrnehmung. Wir bearbeiten die Bilder für die US-Ausgabe nur sehr wenig – viel weniger zum Beispiel als Modemagazine oder Frauenzeitschriften es tun.”

6. “Rentner verliert Kontrolle über Rollator und rast in Menschenmenge”
(der-postillon.com)
“Obwohl glücklicherweise niemand ernsthaft verletzt wurde, entbrennt nun einmal mehr die Diskussion, ob Rollatoren überhaupt sicher sind.”

Bundeszentrale für politisches Halbwissen

Neulich haben wir in einem Artikel darauf hingewiesen, dass im Wahl-O-Mat für die kommenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen fälschlicherweise vom Solidaritätszuschlag statt vom Solidarpakt die Rede ist. Darauf reagierte die dafür verantwortliche “Bundeszentrale für politische Bildung” so:

Auf ihrer Facebookseite äußert sich die Bundeszentrale noch ausführlicher:

Die Thesen des Wahl-O-Mat entstehen in einer Redaktionssitzung (…). Wir haben mit der Redaktion gesprochen, die uns die Sache so erläutert hat:

“In der Tat bezieht sich die These nicht auf den Solidaritätszuschlag als Instrument. Da aber die Ergänzungsabgabe “Solidaritätszuschlag” auch eingeführt worden ist, um den “Aufbau Ost” zu finanzieren, steht er in der öffentlichen Debatte immer wieder stellvertretend für die besondere Unterstützung der ostdeutschen Bundesländer. Damit wird aber möglicherweise die Unterscheidung zwischen dem eigentlichen “Solidaritätszuschlag” und dem “Solidaritätspakt” (sic!) verdeckt, eine Unschärfe, die freilich auch in der politischen Diskussion zu finden ist (…). Wir sind uns über die Schwäche der These bewusst, haben lange darüber diskutiert, ob wir sie trotzdem aufnehmen sollten. Trotz ihrer Unschärfe spricht die These eine grundlegende Fragestellung an, die in den vergangenen Monaten insbesondere mit Verweis auf die Lage der Städte im Ruhrgebiet Schlagzeilen gemacht hat. Deswegen war es wichtig, das Thema mit einer These abzudecken. Die Parteien haben verstanden, welche Kontroverse angesprochen wird, und verweisen in ihren Begründungen auf den Solidarpakt.”

Ernsthaft? Weil Politiker es oft falsch sagen und weil der Solidaritätszuschlag irgendwann einmal für den Aufbau Ost eingeführt worden ist, kann einfach alles, was mit dem Aufbau Ost zu tun hat, Solidaritätszuschlag genannt werden?

Und die bpb legt sogar noch nach:

Und noch als kleine Ergänzung hierzu: Die genauen Erläuterungen von Solidarpakt (http://www.bpb.de/suche/?suchwort=Solidarpakt&suchen=Suchen) und Solidaritätszuschlag (http://www.bpb.de/suche/?suchwort=Solidarit%C3%A4tszuschlag&suchen=Suchen) findet man selbstverständlich bei der bpb!

Dumm nur, dass die “genaue Erläuterung” des Solidaritätszuschlags auf bpb.de auch einen dicken Fehler enthält:

Um die ungleichen Lebensverhältnisse in den neuen und alten Bundesländern nach der Wiedervereinigung anzugleichen (…), wurde vom 1. 1. 1995 an ein Zuschlag zur Lohn-, Einkommen- und Körperschaftsteuer von allen Steuerzahlern erhoben. Von der zu zahlenden Steuer wurden zuerst 7,5 % zusätzlich einbehalten, seit 1. 1. 1998 beträgt der “Soli” 5,5 %. Dieser Zuschlagssatz ist nicht befristet und wurde den neuen Bundesländern im Solidarpakt II bis 2019 zugesagt. Das Aufkommen (2008 rund 11 Mrd. Euro) steht dem Bund zu.

Noch einmal (seufz!): Solidaritätszuschlag und Solidarpakt sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Bis 2019 wurden den ostdeutschen Bundesländern im Solidarpakt II Hilfen im Zuge des Länderfinanzausgleiches zugesichert. Kein Cent davon stammt direkt aus den Einnahmen durch den Solidaritätszuschlag, denn “das Aufkommen steht” ja eben “dem Bund zu”. Zwar hat die “Bundeszentrale für politische Bildung” diese Fehlinformation aus der 4. Auflage des Duden Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag, aber der wird wiederum als Lizenzausgabe von der “Bundeszentrale für politische Bildung” verlegt.

Ein weiterer Kommentator auf der Facebookseite von bpb fasst die ganze Misere sehr treffend zusammen:

Was ich nach wie vor nicht verstehe: Wenn die Redaktion das Problem lang und breit diskutiert hat und sich darüber bewusst war, dass es eigentlich um die Mittel aus dem Solidarpakt geht und nicht um den Solidaritätszuschlag: Warum konnte man dann nicht einfach auch “Mittel aus dem Solidarpakt” statt “Solidaritätszuschlag” schreiben? Dann wäre es korrekt und v.a. auch weniger verwirrend, angesichts der Tatsache, dass die Parteien dann auf einmal vom “Solidarpakt” sprechen und nicht vom “Solidaritätszuschlag”. Dass diese “Unschärfe” (man könnte auch sagen: dieser Fehler) auch in der politischen Diskussion zu finden ist, kann doch nicht wirklich ein ernst gemeintes Argument dafür sein, dass die BpB diesen Fehler dann einfach übernimmt und ihm damit durch ihre eigene Glaubwürdigkeit noch weitere Autorität verleiht. Die BpB ist doch eigentlich genau dafür da, die Bürger auf solche falschen Unschärfen aufmerksam zu machen. Genau das nennt man ja politische Bildung. Jedenfalls steht als Aufgabenbeschreibung auf der BpB-Homepage u.a. auch: “Die Aufgabe der Bundeszentrale für politischen Bildung/bpb ist es, Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern.” Und dieser Förderung wäre sicherlich mehr gedient, wenn man die oben diskutierte These anders (=korrekt) formuliert hätte.

Eine Antwort von der Bundeszentrale hat er allerdings keine mehr bekommen.

Bild  

Wie “Bild” Politik und Politiker macht

Ihre Millionenauflage macht “Bild” stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einräumen.

Das ist das Fazit einer Dokumentation, die die ARD über die “Bild”-Zeitung gedreht hat. Die Autoren Christiane Meier und Autor Sascha Adamek haben unter anderem mit Politikern wie Claudia Roth und Gregor Gysi gesprochen, die sich erfolgreich gegen Lügen der “Bild”-Zeitung gewehrt haben; mit dem Lobbyisten Hans-Olaf Henkel, einem ehemaligen “Bild”-Freund, den das Blatt, nachdem er in Ungnade gefallen war, publizistisch vernichten wollte; mit Bela Anda, dem ehemaligen “Bild”-Redakteur und Regierungssprecher unter Gerhard Schröder; mit Edmund Stoiber, der “Bild” als “eine Art direkte Demokratie” bezeichnet, und mit Lukas Heinser, dem Chef des “renommierten, kritischen BILDblogs im Internet“.

Es ist eine unaufgeregte, unspektakuläre, aber erhellende Dokumentation geworden — über die Art wie “Bild” Politik und Politiker macht.

Nachtrag, 23.35 Uhr:

Castro und Pollxu

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Bundesregierung offenbar die Endlagerung ehemaliger karibischer Machthaber in Deutschland erlaubt:

Atom: Erste Zwischenfälle bei Castro-Transport nach Gorleben

Der Fehler ging auf das Konto der Deutschen Presse-Agentur dpa, inzwischen haben aber fast alle Online-Medien, die ihn zunächst übernommen hatten, “Castro” durch “Castor” ersetzt. Bis auf “Zeit Online”.

Mit Dank an Nils K. und Tim L.

Bild  

Ein Gruppensex-Quickie mit Polanski

Heute lernen wir, wie die Stars unter den Promi-Reportern an ihren spektakulären Stücke kommen.

Unsere Lehrerin ist keine geringere als Dora Varro, eine junge Frau, die sich “Teufelsreporterin” nennen lässt und über die die österreichische Fachzeitschrift “Journalist” schon vor Jahren schrieb: “Sie hat Geschichten, von denen länger im Geschäft befindliche Society-Journalisten nur träumen können.”

Diese erschien vor zwei Wochen in “Bild”:

Mein Treffen mit Roman Polanski war wie schlechter Sex

Man sieht, wie nahe sie dem Regisseur Roman Polanski gekommen ist, man ahnt, dass er sogar ihre Hand hält, während sie ihn auf das “heikle Thema” seiner Verhaftung anspricht, was ihn zu einem kleinen Witz animiert.

Dies ist das Foto der Agentur Getty Images, das “Bild” verwendet hat:

Die Frau, mit der Polanski hier spricht und deren Hand er hält, ist gar nicht “Bild”-Reporterin Dora Varro, sondern eine andere Dame. “Bild” hat sie unfreundlicherweise nicht nur abgeschnitten, sondern auch noch ihre Nase wegretuschiert.

Nun könnte man glauben, dass Frau Varro gar nicht mit Polanski gesprochen hat. Das wäre aber falsch. Sie stand mit anderen Reportern und Schaulustigen am Roten Teppich und hat sich von dem Regisseur schnell ein Autogramm geben lassen.

Das ganze ist sogar in einem Video auf Bild.de zu sehen — allerdings ohne den Hinweis, dass wir hier die Teufelsreporterin bei ihrer Arbeit sehen. Dies sind die entscheidenden Sekunden:

Keine Frage: Als Sex ist das nicht gut.

Mit Dank an Thomas H.!

Urbane Legenden über Political Correctness (3)

Die Zahl deutschsprachiger Medien, die noch nicht auf die Falschmeldung hereingefallen ist, die BBC hätte die Formulierungen “vor Christus” und “nach Christus” abgeschafft, sinkt weiter.

Die “Zeit”-Beilage “Christ & Welt”, das Überbleibsel der Wochenzeitung “Rheinischer Merkur”, ist natürlich schon aufgrund ihres Namens von der Sache betroffen und schreibt in einer Glosse:

Nach mehr als zweitausend Folgen das Aus: Die BBC setzt Christus ab. In allen Sendungen des europäischen Leitmediums soll fortan nach einer Empfehlung der Senderleitung bei Nennung einer Jahreszahl auf den Zusatz „vor“ oder „nach Christus“ (BC für „before Christ“ und AD für Anno Domini) verzichtet werden. Stattdessen sind die Formulierungen „vor“ und „nach unserer Zeitrechnung“ („before common era“ und „common era“ oder kurz: BCE und CE) zu gebrauchen. Der Christusbezug sei, so der Sender, in einer „multiethnischen Gesellschaft“ nicht mehr angemessen, weshalb ...

Also noch einmal in aller Kürze:

  • Es gibt keine solche Empfehlung der Senderleitung.
  • Jede Redaktion kann selbst entscheiden, welche Formulierung sie verwenden will.
  • Die Formulierung “(before) common era” wird schon länger in Schulen gelehrt, in Universitäten verwendet und auf den Religionsseiten der BBC im Internet benutzt.
  • Es gibt keine Erklärung des Senders, wonach der Christusbezug in einer “multiethnischen Gesellschaft” nicht mehr angemessen sei (im Übrigen geht es um Religionen, nicht um Ethnien).

Auch die Österreichische Zeitung “Die Presse” verbreitet die Mär vom Sprachdiktat durch die BBC. Der frühere Chefredakteur und heutige Wiener Bistumssprecher Michael Prüller hat seine aktuelle “Culture Clash”-Kolumne ganz auf die falschen Behauptungen gegründet und schreibt:

Man kann (…) einwenden, dass durch Aktionen wie die der BBC wir immer mehr zu Kultureunuchen werden. Das, was für Irritationen sorgen könnte, schneiden wir besser weg. Es scheint mir aber künftige Konflikte eher heraufzubeschwören als zu verhindern, wenn man uns weismachen will, dass der Preis, den wir für zunehmende Diversität zu zahlen haben, die kulturhistorische Entmannung ist.

Noch einmal: Die “Aktion” der BBC, durch die sich Prüller kulturhistorisch zwangsentmannt fühlt, besteht in Wahrheit darin, ihren Mitarbeitern die freie Wahl zu lassen.

Der “Kölnischen Rundschau” war es unterdessen nicht genug, den Unsinn selbst in einem Artikel zu verbreiten (“Bei der BBC wird Jesu Geburt nicht mehr genannt”); sie lässt es nun auch ihre Leser tun und veröffentlichte folgende Zuschrift:

Ich lese, dass die BBC nicht mehr die Begriffe “vor Christus” und “nach Christus”, sondern mit Rücksicht auf andere Ethnien in England “vor” oder “nach unserer Zeitrechnung” verwenden möchte, die “Nicht-Christen weder beleidigen noch befremden”. Wenn das so stimmt, sollte die BBC auch nicht mehr die britische Fahne zeigen, die gleich drei christliche Kreuze enthält. Außerdem müsste die Queen bei Ihrer Thronrede vor beiden Häusern des Parlaments, wo sie sich mit einer Krone mit christlichem Kreuz präsentiert, ebenfalls tabu sein.

Armes England, das seine Herkunft verleugnet und sich kriecherisch seinen Ethnien anbiedert, die dies außerdem nicht einmal wollen.

Ein “England, das sich kriecherisch seinen Ethnien anbiedert” — man muss der “Kölnischen Rundschau” fast dankbar sein, dass sie dokumentiert, welche Art von Ressentiments sie mit ihrer Falschmeldung bedient.

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