Archiv für Kölnische Rundschau

Urbane Legenden über Political Correctness (3)

Die Zahl deutschsprachiger Medien, die noch nicht auf die Falschmeldung hereingefallen ist, die BBC hätte die Formulierungen „vor Christus“ und „nach Christus“ abgeschafft, sinkt weiter.

Die „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“, das Überbleibsel der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“, ist natürlich schon aufgrund ihres Namens von der Sache betroffen und schreibt in einer Glosse:

Nach mehr als zweitausend Folgen das Aus: Die BBC setzt Christus ab. In allen Sendungen des europäischen Leitmediums soll fortan nach einer Empfehlung der Senderleitung bei Nennung einer Jahreszahl auf den Zusatz „vor“ oder „nach Christus“ (BC für „before Christ“ und AD für Anno Domini) verzichtet werden. Stattdessen sind die Formulierungen „vor“ und „nach unserer Zeitrechnung“ („before common era“ und „common era“ oder kurz: BCE und CE) zu gebrauchen. Der Christusbezug sei, so der Sender, in einer „multiethnischen Gesellschaft“ nicht mehr angemessen, weshalb ...

Also noch einmal in aller Kürze:

  • Es gibt keine solche Empfehlung der Senderleitung.
  • Jede Redaktion kann selbst entscheiden, welche Formulierung sie verwenden will.
  • Die Formulierung „(before) common era“ wird schon länger in Schulen gelehrt, in Universitäten verwendet und auf den Religionsseiten der BBC im Internet benutzt.
  • Es gibt keine Erklärung des Senders, wonach der Christusbezug in einer „multiethnischen Gesellschaft“ nicht mehr angemessen sei (im Übrigen geht es um Religionen, nicht um Ethnien).

Auch die Österreichische Zeitung „Die Presse“ verbreitet die Mär vom Sprachdiktat durch die BBC. Der frühere Chefredakteur und heutige Wiener Bistumssprecher Michael Prüller hat seine aktuelle „Culture Clash“-Kolumne ganz auf die falschen Behauptungen gegründet und schreibt:

Man kann (…) einwenden, dass durch Aktionen wie die der BBC wir immer mehr zu Kultureunuchen werden. Das, was für Irritationen sorgen könnte, schneiden wir besser weg. Es scheint mir aber künftige Konflikte eher heraufzubeschwören als zu verhindern, wenn man uns weismachen will, dass der Preis, den wir für zunehmende Diversität zu zahlen haben, die kulturhistorische Entmannung ist.

Noch einmal: Die „Aktion“ der BBC, durch die sich Prüller kulturhistorisch zwangsentmannt fühlt, besteht in Wahrheit darin, ihren Mitarbeitern die freie Wahl zu lassen.

Der „Kölnischen Rundschau“ war es unterdessen nicht genug, den Unsinn selbst in einem Artikel zu verbreiten („Bei der BBC wird Jesu Geburt nicht mehr genannt“); sie lässt es nun auch ihre Leser tun und veröffentlichte folgende Zuschrift:

Ich lese, dass die BBC nicht mehr die Begriffe „vor Christus“ und „nach Christus“, sondern mit Rücksicht auf andere Ethnien in England „vor“ oder „nach unserer Zeitrechnung“ verwenden möchte, die „Nicht-Christen weder beleidigen noch befremden“. Wenn das so stimmt, sollte die BBC auch nicht mehr die britische Fahne zeigen, die gleich drei christliche Kreuze enthält. Außerdem müsste die Queen bei Ihrer Thronrede vor beiden Häusern des Parlaments, wo sie sich mit einer Krone mit christlichem Kreuz präsentiert, ebenfalls tabu sein.

Armes England, das seine Herkunft verleugnet und sich kriecherisch seinen Ethnien anbiedert, die dies außerdem nicht einmal wollen.

Ein „England, das sich kriecherisch seinen Ethnien anbiedert“ — man muss der „Kölnischen Rundschau“ fast dankbar sein, dass sie dokumentiert, welche Art von Ressentiments sie mit ihrer Falschmeldung bedient.

Foto: Wikipedia

Creative Commons-Lizenzen sind eigentlich toll für Redaktionen: Tausende Fotografen stellen ihre Werke im Internet kostenlos zur Verfügung und wollen nicht viel mehr als ein bisschen Anerkennung. Ein besonderer Schatz ist das Bilderarchiv der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die „Wikimedia Commons„. Hier findet man über sieben Millionen Dateien, die jedermann kostenlos nutzen darf — sogar für kommerzielle Zwecke. Allerdings muss man einige Bedingungen erfüllen:

Dies sind im wesentlichen:

  • der Autor muss genannt werden,
  • die Lizenz muss genannt werden, so dass jeder Leser sehen kann: dieses Bild darf er selbst kostenlos weiter nutzen.

Die Umsetzung im Pressealltag sieht jedoch etwas anders aus. So bebildert die „Stuttgarter Zeitung“ einen Artikel über den ehemaligen hessischen Regierungssprecher Dirk Metz so:

Neuer Sprecher für Mappus: Metz will Meinungstrend drehen - Foto: Wikimedia Commons

Der Fehler wird so häufig gemacht, man kann ihn einen Klassiker nennen: Wikimedia Commons ist keinesfalls der Autor, lediglich die Fundstelle des Bildes. Der Fotograf heißt – wie man unschwer der Bildbeschreibungsseite entnehmen kann – Armin Kübelbeck und er hat sein Bild unter die Lizenz „Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported“ – oder kurz: cc-by-sa – gestellt. Damit auch jeder nachvollziehen kann, was darunter zu verstehen ist, sollte möglichst ein Link auf die Lizenz gesetzt werden. Ein korrekter Lizenzhinweis sähe deshalb zum Beispiel so aus:

Foto: Armin Kübelbeck unter cc-by-sa

Ein wenig mehr Arbeit hat sich die „Kölnische Rundschau“ bei einem Artikel über aussterbende Arten gemacht:

Die Gletscher rund um den Globus schmelzen. (Bild: Ben W. Bell/wikimedia)

Der Autor wird genannt, auch ein rudimentärer Hinweis auf die Fundstelle fehlt nicht — allein: Wo ist die Lizenz? Woher soll der Leser wissen, dass er das Bild kostenlos weiter verwenden darf? Korrekt könnte die Bildunterschrift daher lauten:

Die Gletscher rund um den Globus schmelzen. (Bild: Ben W. Bell/wikimedia unter cc-by-sa).

Etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert die im Artikel verlinkte Fotogalerie: Die Redakteure der „Kölnischen Rundschau“ bedienten sich hierfür auch bei Fotografen, die ihre Bilder in der Bilderbörse Flickr eingestellt und nicht zur kommerziellen Verwendung freigegeben hatten. Doch hier scheint das Motto zu gelten: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Schon fast korrekt schaffte es die Online-Redaktion der „Frankfurter Rundschau“ ein Bild zur Illustration eines Artikels über den ermordeten ukrainischen Journalisten Georgi Gongadse zu verwenden:

‘Gedenktafel

Name, Fundstelle, CC-Lizenz – aber welche? Es gibt mehrere Abarten der CC-Lizenz, die mehr oder minder strenge Vorschriften für die Weiterverwendung machen. Nur vier Buchstaben und ein Link fehlen, damit die „Frankfurter Rundschau“ vielen Kollegen eine Nase drehen kann. Die korrekte Bildunterschrift lautete dann:

Gedenktafel in Kiew für „Journalisten, die ihr Leben für die Wahrheit ließen“.
Foto: Elke Wetzig/wikipedia/cc-by-sa



Nachtrag, 22. September, 19 Uhr
: Die Stuttgarter Zeitung hat inzwischen nachgebessert. Der Lizenzhinweis lautet jetzt — fast wie von uns vorgeschlagen — so:

Foto: Armin Kübelbeck unter cc-by-sa

Alleine der Link auf die Lizenz fehlt immer noch. Dies mag freilich am Redaktionssystem liegen: nicht jedes System lässt in Bildunterschriften Links zu.