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Assange-Anklage, Informationselite-Paywall, Satire bitte auch senden

1. Die Anklage gegen Assange ist eine Warnung an alle Journalisten
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Was die US-Justiz gegen “WikiLeaks”-Gründer Julian Assange vorbringt, sei äußerst dünn, befindet Bastian Obermayer auf Süddeutsche.de. Große Teile der Anklage würden normale Recherchearbeit beschreiben: “Wenn solche Anklagen Schule machen, und wenn Journalisten — egal ob sie Australier sind wie Assange oder eben Deutsche — deswegen mit Verhaftung und Auslieferung in die USA rechnen müssen, dann leben wir tatsächlich in einer dunklen Zeit für den Enthüllungsjournalismus.”
Weitere Lesehinweise: Der ehemalige “WikiLeaks”-Mitarbeiter James Ball erklärt im Gespräch mit Jannis Brühl (“SZ”), warum er Julian Assange für hochmütig hält — und man den Verhafteten dennoch unterstützen müsse: “Wir gingen die Depeschen durch, er ging Twitter durch”.

2. Die gesellschaftlichen Folgen von Paywalls: Sind wir auf dem Weg zur Informationselite?
(nzz.ch, Cosmin-Gabriel Ene)
Cosmin-Gabriel Ene kritisiert die Tendenz der Verlage, wichtige Online-Inhalte nur noch nach Abschluss eines kostspieligen und bindenden Abos herauszurücken. Die Verleger würden damit ihren Kunden die Möglichkeit vorenthalten, einzelne Texte oder Tagesausgaben zu geringen Preisen nach Bedarf zu kaufen, so Ene: “Dabei wäre in der Welt gedruckter Presseerzeugnisse niemand je auf die Idee gekommen, den Verkauf der Einzelausgabe zu unterbinden.” Sein Kommentar in Richtung der Verlage: “Dass die Leser bei solch einer Missachtung ihrer Kundenbedürfnisse den Verlagen den Rücken kehren, sollte eigentlich kein Medienmanager übersehen. Egal, mit wie viel Selbstmitleid er vom Sündenfall der Kostenlos-Kultur im Netz lamentiert.” Nicht ganz unwichtig ist dabei aber wohl auch der Hinweis, dass Ene ein Unternehmen gründete, das eine Paywall-Lösung zum Einzelartikelkauf anbietet.

3. Armin Wolf an ORF-Chef: “Scharfe Satire auch senden”
(derstandard.at)
Am Samstag fand in Österreich die Romy-Verleihung statt, ein Film- und Fernsehpreis, der in Erinnerung an die Schauspielerin Romy Schneider jährlich von der Tageszeitung “Kurier” vergeben wird. ORF-Anchorman Armin Wolf hat sich dort nicht nur für seine vierte Romy bedankt, sondern auch den Senderverantwortlichen ins Gewissen geredet. Dabei ging es unter anderem um eine Satiresendung, in die der Sender eingegriffen hatte. (Weitere Informationen dazu: Satire wird zum Drahtseilakt: “Vom Neonazi zum Sportminister — eine typisch österreichische Karriere”: Warum der ORF ein Stück über Vizekanzler Strache aus dem Programm nahm (sueddeutsche.de, Peter Münch).)
Weiterer Lesehinweis: Wolfs vollständige Dankesrede gibt es bei ihm im Blog.

4. Richtig & Wichtig (S01E01): Überwachungsstaat
(youtube.com, Tilo Jung)
Nachdem das ZDF mit den beiden Machern des Aufwachen-Podcasts Tilo Jung und Stefan Schulz zwei Sendungen ihrer politischen Late Night Show “Richtig und Wichtig” aufgezeichnet hatte, verschwanden die Bänder über ein Jahr in irgendeinem düsteren Keller der Anstalt. Nun hat ZDF Neo den Piloten ausgestrahlt — an einem Sonntagmorgen um 4:55 Uhr … Wer so früh noch nicht wach war: Bei Youtube kann man sich die Sendung anschauen.

5. Google und Facebook haben Probleme mit der Transparenz
(tagesspiegel.de, Nico Schmidt)
Gemäß einer Recherche des europäischen Journalisten-Netzwerks “Investigate Europe” kommt der Kampf gegen Fake News zur Europawahl nur schleppend voran. Und immer noch gibt es keine Verpflichtung der großen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter, ihren Nutzern anzuzeigen, wer für welche politischen Werbeanzeigen gezahlt hat.
Weiterer Lesehinweis: Rechtsextreme Hetze: Youtube sperrt Kanal des “Volkslehrers” (tagesspiegel.de, Alexander Fröhlich).

6. Warum die Brexit-Verschiebung uns alle freuen sollte
(dwdl.de, Hans Hoff)
“DWDL”-Kolumnist Hans Hoff freut sich, dass der Brexit verschoben ist. Er hatte bereits arbeitslose Phoenix-Journalisten und Langeweile bei Twitter und Facebook befürchtet. Doch jetzt könne es, Gott sei Dank, weitergehen mit der großen Brexit-Show.

7. Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu “Enteignungen” macht…
(twitter.com, Lorenz Meyer)
Der “6 vor 9”-Kurator auf Twitter: “Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu “Enteignungen” macht, erklärt den Leuten, dass es sich nicht um “Raub” handelt. Der Staat muss im Gegenzug nämlich eine Entschädigung zahlen und die muss “angemessen” sein. Es ist also eine Art verordneter Kauf.”

Die Mär von den linken Medien, Russlands Internet, Fremdschämen

1. Deutscher Journalismus: linksgrün und abgehoben
(katapult-magazin.de, Sebastian Haupt)
Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten “linksgrün und abgehoben” seien. Ja, dass die Medien insgesamt links seien. Sebastian Haupt hält die Behauptung für wissenschaftlich nicht haltbar. Sie zeige, wie aus korrekten Daten Falschmeldungen erzeugt werden. Der Beitrag verweist nicht nur auf seine Quellen, sondern ist mit einigen hilfreichen Grafiken illustriert.

2. Russland will sich vom globalen Internet abkoppeln
(sueddeutsche.de, Silke Bigalke)
In Russland plant der Kreml ein Gesetz für ein “souveränes Internet”, welches das russische Runet vom Rest der Welt abkoppelt. An heutigen Donnerstag wird die Duma in der zweiten und wichtigsten Lesung über das Gesetz abstimmen. Doch es gebe Hoffnung: Experten würden bezweifeln, dass sich die geplante digitale Mauer an Russlands Grenzen technisch umsetzen lässt.

3. “Sie werden kürzen, bis irgendwann nichts mehr da ist”
(fr.de, Karl Doemens)
Nahezu alle Regionalzeitungen in den USA haben mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Anzeigenkunden sind oftmals zu Google oder Facebook abgewandert. Mit der Folge, dass viele Zeitungen schließen mussten und inzwischen 171 Landkreise ganz ohne Lokalzeitung auskommen müssen. Und es könnte noch schlimmer kommen: Der US-Medienkonzern Gannett, zu dem rund 100 Lokalzeitungen gehören, ist ins Visier eines Hedgefonds geraten. Und der hat sich unter anderem auf das Ausschlachten krisengeschüttelter Zeitungen spezialisiert.

4. Die Wahrheit unter Zeitdruck
(kontextwochenzeitung.de, Nele Günther)
Eine junge Frau will Journalistin werden, doch als nach zwei Semestern Grundstudium die Entscheidung zwischen Journalismus und PR ansteht, entscheidet sie sich für die PR. In einem Beitrag für die “Kontext Wochenzeitung” erklärt Nele Günther, warum sie dem Journalismus den Rücken gekehrt hat. Es hat mit fehlender Wertschätzung und einer angemessenen Entlohnung zu tun: “Reich werden war nie mein Ziel, aber arm sein genauso wenig.”

5. Dresdner Demokratie
(taz.de, Michael Bartsch)
In der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) streiten die beiden Gremien “Versammlung” und “Medienrat” über die Abberufung des Geschäftsführers. Die wieder offen ausgebrochenen Animositäten zwischen den beiden Einheiten ginge auf die Gründungsphase der SLM im Jahr 1991 zurück.

6. Eine Branche erniedrigt sich selbst
(spiegel.de, Markus Böhm)
Markus Böhm war bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises. Dieser habe schon immer eine zu große Nähe zur Politik und zu viele Fremdschäm-Momente gehabt. Dieses Jahr sei er jedoch stellenweise schlicht niveaulos gewesen. Böhms Resümee: “Wenn sich der Preis präsentiert wie dieses Jahr, ist er überflüssig. Allein schon, weil er dem Image der Branche und der Spielerschaft schadet und nicht einmal seine Gewinner gut aussehen lässt. Von einem großen Kulturpreis könnte er so kaum weiter entfernt sein.”

Lobbyismus und Dirty Campaigning, Axel V.s 500 Freunde, Inszenierungen

1. EU-Urheberrechtsreform: Zensur ist nicht der Zweck
(wolfgangmichal.de)
Als Musterbeispiel der Irreführung bezeichnet Wolfgang Michal den Streit um die europäische Urheberrechts-Reform: “Nicht die Zensur von Inhalten, sondern die Pflicht zur Lizenzierung ist der Kern der EU-Urheberrechtsreform: Handlungen sollen nicht verhindert, sondern zu Geld gemacht werden. Die entscheidenden Fragen sind also: Wohin fließt das Geld? Und: Wer macht durch fortschreitende Kommerzialisierung das “freie Internet” kaputt?”
Weiterer Tipp: Stefan Niggemeier hat sich im “Deutschlandfunk” zum Lobbyismus der Zeitungen in eigener Sache geäußert. Niggemeier kritisiert die einseitige und teilweise verzerrende Berichterstattung und nennt dafür auch Beispiele (deutschlandfunk.de, Audio: 5:44 Minuten).
Der Jurist Thomas Stadler kommentiert auf seinem Blog: “Das was wir hier beobachten können, ist nichts anderes als eine Form des Dirty Campaignings, bei dem die Grenzen zwischen politischem Lobbyismus und Journalismus verschwimmen. Diese Form der politischen und medialen Auseinandersetzung scheint endgültig auch hierzulande angekommen zu sein und sie benutzt dieselben Techniken, die einen Trump an die Macht gebracht und den Brexit ermöglicht hat.” (internet-law.de).
Und noch ein Lesetipp: Die “FAZ” konnte anscheinend Unterlagen einsehen, welche die Haltung der Bundesregierung in Sachen Urheberrechtsreform in ein neues Licht rücken würden: “Demnach soll Deutschland auch deshalb den Kompromiss mittragen, weil diese Haltung mit einem vollkommen anderen Projekt verknüpft wurde, nämlich mit einem Zugeständnis Frankreichs im Streit um die Nord-Stream-2-Gaspipeline. So schätzt es jedenfalls ein mit der Sache befasster Beamter ein.”

2. Das Axel-Voss-Interview von @frauhegemann, annotiert. Ein Drama in 13 Tweets.
(twitter.com/SimonHurtz)
Der Journalist Simon Hurtz nimmt auf Twitter das aktuelle “Zeit”-Interview mit Axel Voss (CDU), dem “Vater der Urheberrechtsreform”, auseinander. Die Lektüre des Gesprächs lohnt, wenngleich man im Verlauf immer fassungsloser wird. Zum Ende hin behauptet Voss nämlich, man könne für 500 Facebook-Freunde fremde Texte online stellen, weil dies ein “geschlossener Kreis” sei. Eine interessante rechtliche These und höchst fraglich, ob dies die Verleger ebenso sehen. Aber Voss hat ja eh interessante Internet- und Rechtsauffassungen. Siehe auch: Axel Voss will nicht sagen, ob er Fotos geklaut hat, und löscht stattdessen 12 der 17 fraglichen Facebook-Beiträge (buzzfeed.de, Karsten Schmehl & Marcus Engert).

3. “Wir bekommen wahnsinnig gute Kommentare auf Facebook und wahnsinnig beknackte”
(journalist-magazin.de, Leif Kramp & Stephan Weichert)
Das Medienmagazin “journalist” hat mit Torsten Beeck gesprochen, dem “Leiter Platform Partnerships & Engagement” bei “Spiegel Online”. Es geht um Nutzerbeteiligung und Partizipationskultur, vor allem auf den großen Plattformen wie Facebook. Beeck kritisiert den Umgang der deutschen Medien mit Kommentaren insgesamt: “Ich finde, dass es in Deutschland keiner schafft, Nutzern halbwegs auf Augenhöhe zu begegnen. Es geht oft nur um die Möglichkeit, Traffic zu generieren. Es ist nicht so, dass Redaktionen sich inhaltlich dafür interessieren, was ihre Nutzer da schreiben. Ich kenne keine.”

4. Angebliche Staatsgefährdung: Ministerien halten Namen von Lobbyisten unter Verschluss
(abgeordnetenwatch.de, Sabrina Winter)
Die Transparenz-Initiative abgeordnetenwatch.de hat bei den Ministerien nachgefragt, welche Lobbyisten dort ungehindert ein und aus gehen können, weil man ihnen einen sogenannten Hausausweis ausgestellt habe. Einige Bundesministerien würden ein großes Geheimnis daraus machen und brächten zweifelhafte Gründe dafür an. So antwortete das Verteidigungsministerium: “Das Bekanntwerden der Information [kann] nachteilige Auswirkungen auf militärische und sonstige sicherheitsempfindliche Belange der Bundeswehr haben.”

5. taz durfte Namen nennen
(blogs.taz.de, Patricia Hecht)
Der Presserat hat entschieden: Die “taz” durfte den Namen des notorischen Ärzte-Anzeigers Yannic Hendricks nennen. Hendricks habe anonymisiert Interviews über seine Anzeigen gegeben “und damit eine breite öffentliche Diskussion zu diesem Thema befeuert”. Damit habe er sich zu einer Person des öffentlichen Interesses gemacht, so der Ausschuss.

6. Die Selbstinszenierung der Parteien
(zdf.de, Florian Neuhann, Video: 3:42 Minuten)
Die ZDF-Sendung “Berlin Direkt” berichtet über die Selbstinszenierung in der Politik: Immer mehr Parteien und Ministerien produzieren ihre Nachrichten selbst — teilweise in eigens dafür eingerichteten Studios unter professionellen Bedingungen. Die Absicht: Totale Kontrolle über Inhalte und Wirkung und das Vermeiden von lästigen Journalistenfragen.
Weiterer Lesetipp: Die Wissenschaftler Jan Rau (GESIS-Leibniz Institut für Sozialwissenschaften) und Felix M. Simon (Reuters Institute for the Study of Journalism) beschäftigen sich mit dem Thema Agenda Setting der Parteien im Internet, speziell mit der AfD, und den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie: Agenda Setting im Internet: Rechts(außen) führt, der Rest folgt (hamburger-wahlbeobachter.de).

Wes Brot ich ess, des Auto ich verteidige

Warum berichtet die “Bild” eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

… fragte uns eine Leserin vor einer Weile. Und tatsächlich fiel in den letzten Monaten ganz besonders auf, wie sehr sich die “Bild”-Medien für ihre Freunde in der Autoindustrie ins Zeug legen.

Als etwa das Bundesverwaltungsgericht Anfang vergangenen Jahres entschied, dass Kommunen Fahrverbote für ältere Dieselautos verhängen können, reagierte “Bild” entsetzt.

Bild-Titelseite: Wir sind DI-ESEL der Nation!

… und “Bild”-Redakteurin Sissi Benner warnte:

Dieses URTEIL gefährdet Existenzen!

“Wie sehr können wir uns in Deutschland eigentlich noch selbst schaden?”, fragte sie. Dieses Urteil sei einfach nur “rücksichtslos”. Feuerwerke zu Silvester seien schließlich ebenfalls umweltschädlich, aber die verbiete ja auch niemand.

Ein paar Tage später veröffentlichte die “Bild”-Redaktion ein großes “Diesel-Manifest”:

DAS BILD-MANIFEST - DEUTSCHLAND SOLLTE STOLZ AUF DEN DIESEL SEIN!

Die Kritik am Diesel sei kompletter “Blödsinn”, schrieben die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel und führten verschiedene Zahlen und Studien an, mit denen sie den Diesel verteidigten. Bei genauerem Hinschauen zeigte sich jedoch, dass sie Zahlen aus dem Zusammenhang gerissen und wichtige Fakten verschwiegen hatten, um den Diesel besser aussehen zu lassen.

Kurz darauf veröffentlichte das Umweltbundesamt eine Studie zu den Gesundheitsbelastungen durch Stickstoffdioxid. Ergebnis:

Die NO2-Konzentrationen in der Außenluft in Deutschland führen zu erheblichen Gesundheitsbelastungen. Dies zeigt eine Studie des Umweltbundesamts (UBA). Demnach lassen sich für das Jahr 2014 statistisch etwa 6.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die NO2-Hintergrund-Belastung im ländlichen und städtischen Raum zurückführen.

Eine “bedeutende Ursache für schädliche Stickoxide in der Atemluft”, so die Präsidentin des Umweltbundesamts, seien “eindeutig Diesel-Pkw”.

“Bild” reagierte — entsetzt.

Bild-Titelseite - Ergebnis von Abgas-Studie dreist verfälscht - So pfuscht das Umweltministerium mit Tausenden Diesel-Toten

Das Blatt warf der Behörde “PANIKMACHE” und die “Hinrichtung des Diesels!” vor. Die Behörde habe Fakten unterdrückt, um “den Diesel an den Pranger zu stellen”. Im Kommentar sprach “Bild”-Redakteur Stefan Voswinkel von der “Diesel-Hysterie der Öko-Apostel” und forderte im gleichen Atemzug “eine sachliche Diskussion”.

Und so sachlich ging’s dann bei “Bild” weiter:

Bild-Titelseite - Bild kämpft für Ihren Diesel

BILD setzt ein Zeichen für den Diesel! Ab heute ist unser Aufkleber überall dort kostenlos erhältlich, wo es BILD gibt. Setzen auch Sie ein Zeichen und kleben ihn auf Ihr Auto!

In der gleichen Ausgabe widmete Franz Josef Wagner seinen Brief an die “Lieben Diesel-Fahrer” (“Dein Diesel ist ein Familienmitglied. Plötzlich soll er eine Dreckschleuder sein. Was für ein Quatsch!”), und im Innenteil schrieb Stefan “Sachliche Diskussion” Voswinkel:

Massiv wurde in den letzten Monaten gegen den Diesel gestänkert. Von der Deutschen Umwelthilfe als Stinker gebrandmarkt und mit Fahrverboten bedroht, vom Bundesumweltamt ohne wissenschaftliche Beweise mit 6000 Toten durch Abgase in Verbindung gebracht. Millionen Diesel-Fahrer beklagen hohe Wertverluste, viele Fahrzeuge gelten als unverkäuflich.

BILD meint deshalb: Es reicht!

Tatsächlich sei die Luft in Deutschland “so gut wie nie zuvor”, und “auch die Altlasten durch Euro-5-Diesel lösen sich in Luft auf.”

Und dann kamen noch vier Männer zu Wort. Nicht etwa Wissenschaftler oder Politiker, sondern:

Artikel mit Stimmen von Dieter Zetsche, Harald Krüger, Herbert Diess und Wolfgang Kopplin

Der Chef von Daimler, der Chef von BMW, der Chef von VW und der Chef von Ford. Sie alle durften noch einmal betonen, wie toll und sauber ihre Diesel doch seien, und dass ein Fahrverbot ja nun wirklich nichts bringe.

Eine komplette Seite widmete die Redaktion ihrem Kampf für den Diesel. Darauf außerdem zu finden:

– ein Foto des “Diesel-Friedhofs von Kalifornien” (“So wie auf diesem Foto wird es bei uns hoffentlich nie aussehen …”)

– ein Artikel darüber, dass die Deutsche Umwelthilfe fünf Millionen Euro Steuergelder bekommt (“5 Millionen Steuergeld für die Diesel-Hasser!”)

– ein Artikel darüber, dass auch Autohersteller gegen die Nachrüstung sind; dort kommen noch einmal der BMW-Chef und noch einmal der Ford-Chef zu Wort.

Als dann im November das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied, dass bald in einigen Stadtteilen Essens, einschließlich Teilen der Autobahn 40, einige Diesel nicht mehr fahren dürfen, reagierte “Bild” — entsetzt.

Bild-Titelseite - Neues Diesel-Urteil - Erstes Fahrverbot auf Autobahn

“So kann es nicht weitergehen!”, kommentierte “Bild”-Redakteur Tom Drechsler: “Solche Urteile sind nicht nur der Todesstoß für den Diesel. Sie bedrohen das Auto an sich. Und damit unser Land.”

Kommentar - Angriff auf unser Land! von Tom Drechsler

Vor zwei Monaten dann:

Bild-Titelseite - 107 Lungenärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub

Und wieder verteidigte das Blatt die Autos gegen die “Feinstaub-Hysterie”. Der “Rauch einer Zigarette” zum Beispiel sei ja “um das Mehrfache giftiger” als unsere Luft. (Im Übrigen hatte sich der Anführer der “107 LUNGEN-ÄRZTE” ziemlich verrechnet).

Kurz darauf:

Bild.de - Zehn Mitrede-Fakten zum Diesel-Durcheinander

Auch dieser Artikel könnte direkt aus der PR-Abteilung eines Autobauers stammen: Autos seien in Wahrheit gar nicht so schlimm, unsere Luft werde immer sauberer, Kritik sei nicht wissenschaftlich fundiert, sondern politisch motiviert. Wieder gaben sich die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel größte Mühe, die Autobranche mit verzerrten Fakten und Scheinargumenten zu verteidigen. So lautete einer ihrer Punkte allen Ernstes:

2010 überschritt die Zahl der Autos auf der Erde erstmals die Milliardengrenze, bis 2020 werden es 1,3 Milliarden sein. Die Lebenserwartung der Menschen steigt aber jedes Jahr. Laut WHO in den letzten 50 Jahren um 20 Jahre. Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung: 80,8 Jahre.

Auch bei anderen Themen nimmt die “Bild”-Zeitung immer wieder eine Autoindustrie-freundliche Position ein. Beim Tempolimit zum Beispiel oder bei den “Gaga-Mess-Stationen” — und verdreht oder verschweigt die Fakten dabei so, dass es den Chefetagen der Autobauer in den Kram passen dürfte.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsfrage:

Warum berichtet die “Bild” eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

Stimmt das denn eigentlich? Schalten die Autohersteller so viel Werbung in den “Bild”-Medien?

Um das herauszufinden, sind wir alle Ausgaben der “Bild”-Zeitung und der “Bild am Sonntag” durchgegangen, die in diesem Jahr bislang erschienen sind. Anhand der Preislisten des Verlags (PDF & PDF) haben wir dann ausgerechnet, in welchem Wert einzelne Branchen in diesem Jahr Anzeigen geschaltet haben. Und siehe da:

Grafik mit den Werten der von verschiedenen Branchen geschalteten Anzeigen in Bild und BamS vom 2. Januar bis 20. März 2019 - Discounter 50,1 Millionen Euro - Autohersteller 9,9 - Pharmaunternehmen 4,9 -  TV-Sender 2,7 - Telekommunikation 2,5 - Baumärkte 1,8 - Glücksspiel 1,3

Allein in den ersten elf Wochen dieses Jahres haben Autohersteller Anzeigen im Wert von fast 10 Millionen Euro in “Bild” und “BamS” geschaltet. Die Discounter waren die einzige Branche, die mehr investierte.

In vielen “Bild”-Regionalausgaben ist die Zahl der Autoanzeigen sogar noch größer, weil dort zusätzlich lokale Autohäuser werben. Hinzu kommen Autoanzeigen bei Bild.de, in “Auto Bild” und anderen Zeitschriften und Onlineportalen von Axel Springer.

Wie viel die Autobauer tatsächlich für die Werbung gezahlt haben, ob sie von “Bild” die üblichen Rabatte bei Anzeigen oder inzwischen einen besonderen Freundschaftspreis bekommen, wissen wir natürlich nicht. Und ob wirklich ein Zusammenhang besteht zwischen den vielen Autoanzeigen und der Pro-Auto-/Anti-Öko-Apostel-Berichterstattung der “Bild”-Medien, oder ob das alles bloß Zufall ist, können wir auch nicht mit Gewissheit sagen.

Eines steht aber fest, sei es bei den Autos oder bei der “Bild”-Zeitung: Ganz sauber sind sie nicht.

Herr Grindel Herr Grindel, Rape Day auf “Steam”, Dialog für Störer?

1. DFB-Präsident Grindel sorgt mit Interview-Abbruch für Wirbel
(dw.com, Joscha Weber)
DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht im “Deutsche Welle”-Interview über die Zukunft des Weltfußballs und mögliche neue Wettbewerbe. Doch plötzlich findet das Gespräch ein jähes Ende: Anscheinend verärgert wegen der Nachfragen zu einer 25-Milliarden-Dollar-Offerte für die FIFA, knöpft sich Grindel das Mikro ab und stürmt davon … Im Netz hagelt es Kritik und Spott.
Weiterer Lesehinweis: Das Interview in voller Länge gibt es hier: DFB-Präsident Reinhard Grindel: “Wenn wir die Klub-WM nicht veranstalten, machen es kommerzielle Anbieter” (dw.com, Florian Bauer).

2. “Dieses Urteil ist für mich ein Signal”
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 9:15 Minuten)
Im “Deutschlandfunk” geht es um die Aufhebung des Urteils gegen die österreichische grüne Ex-Abgeordnete Sigi Maurer, die mit obszönen Privatbotschaften via Facebook belästigt worden und trotz vorliegender Beweise vom Inhaber des Accounts unter anderem wegen übler Nachrede verklagt worden war. Der für den “Spiegel” arbeitende Korrespondent Hasnain Kazim begrüßt die Entscheidung. Kazim hat im Laufe seiner Karriere schon unzählige Hassmails bekommen. Einige davon hat er in seinem Buch “Post von Karlheinz” verarbeitet. Kazim kündigte auf Twitter an, verstärkt gegen die Verfasser von Hassbriefen vorgehen zu wollen. Auch wenn er vor Gericht nicht unbedingt mit einem Erfolg rechnen könne. Außerdem kommt Christian-Oliver Moser, Anwalt für Presserecht, zu Wort, der Noah Becker, den Sohn von Boris Becker, bei seiner Klage gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier vertreten hatte.

3. Lasst sie ihre Arbeit machen!
(taz.de, Finn Holitzka)
Im ZDF-“Morgenmagazin” ist gestern eine zeternde Zuschauerin vor laufenden Kameras aus dem Publikum aufgestanden und hat sich rabiat zwischen die Moderatoren gedrängt. Das “Morgenmagazin”-Moderatorenduo ist ruhig geblieben. Die Moderatorin Dunja Hayali hat der pöbelnden Störerin sogar ein Gespräch angeboten. “taz”-Autor Finn Holitzka lobt in seinem Kommentar die “souveräne und deeskalierende Coolness der Moderatoren”, gibt jedoch zu bedenken: “Dialogbereitschaft gegenüber Personen, die drängeln, pöbeln, blaffen, dürfte als Einladung gesehen werden: Wer laut genug krächzt, kriegt ein Mikro hingehalten.”

4. «Alle meine heiklen Artikel werden im Ausland publiziert»
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Der afghanische Investigativjournalist und Menschenrechtsaktivist Hassan Hakimy schreibt zu Themen wie Korruption, Vergewaltigung und Zwangsverheiratung von Kindern. Während einer Europareise hat er sich mit der “Medienwoche” unterhalten. Es geht um Medienfreiheit in Afghanistan, die afghanischen Flüchtlinge in Europa und Drohungen gegen ihn: “Wenn ich in Afghanistan bin, habe ich konstant Angst: Vielleicht sterbe ich jetzt; vielleicht bringt mich in einer Stunde jemand um.”
Weiterer Lesetipp: Soziale Medien im Nahen Osten: Tipps für Journalisten (de.ejo-online.eu, Damian Radcliffe & Payton Bruni).

5. Die Diskussion um diese Autorinnen-Liste zeigt, wie unsichtbar Frauen auf Wikipedia sind
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Autorin Theresa Hannig wollte auf Wikipedia eine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen anlegen. Das Normalste auf der Welt, möchte man meinen, aber weit gefehlt: Ein wahrscheinlich männlicher Wikipedia-Editor reichte umgehend einen Löschantrag ein. Lisa Ludwig erklärt den Vorgang, der nicht nur konkrete, sondern grundsätzliche Fragen aufwirft.

Update: In ihrem Blog schreibt Theresa Hannig in einem Nachtrag: “Nach der überwältigenden Unterstützung vieler, vieler Leute auf Twitter und in der Löschdiskussion, wurde der Löschantrag heute Nachmittag zurückgezogen.”

6. Aus Spaß belästigen, vergewaltigen und töten
(zeit.de, Thomas Lindemann)
Kulturjournalist Thomas Lindemann schreibt über die Vorankündigung eines “Vergewaltigungsspiels” auf der Spieleplattform Steam und deren ungenügende Abgrenzung gegenüber gewaltverherrlichendem Digitalschund: “Am Ende scheitert also auch die weltgrößte Spieleplattform daran, klare Grenzen zwischen Sex, Sexualität, Sexismus und Gewalt zu definieren. Dabei ist Rape Day nur ein Teil eines größeren Problems. Seit vergangenem Sommer können Entwickler und Entwicklerinnen ihre Spiele auf Steam veröffentlichen, ohne dass diese vorher geprüft werden. Seitdem finden sich dort Nazi-Spiele, Pornos aller Art, auch Fakes, die gar nicht spielbar sind. Überall wird derzeit gegen Uploadfilter gewettert — hier würde man sich welche wünschen.”

Eins, zwei, Polizei

Vergangene Woche legte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) dem Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf einen Bericht vor. Darin enthalten: Jede Menge Statistiken zum Tagesordnungspunkt “Kriminalitätsentwicklungen im Hambacher Forst”. In dem Rest-Wald am rheinischen Braunkohle-Revier gehe es wild zu, so der Innenminister.

Allein im Zeitraum vom 03.10.2018 bis zum 28.01.2019 führte [die Polizei] über 1.500 Einsätze im Hambacher Forst sowie in den daran angrenzenden Ortschaften durch.

… heißt es in dem Bericht etwa. Und weiter:

Für den Auswertezeitraum 01.01.2015 bis 31.12.2018 wurden im Kriminalpolizeilichen Meldedienst – Politisch motivierte Kriminalität mit Bezug zum Hambacher Forst insgesamt 1.674 Straftaten erfasst.

Diese Zahlen sind natürlich beeindruckend und beunruhigend. Entsprechend machten sie auch die mediale Runde.

Nur: Diese Zahlen sind auch mindestens irreführend. Anett Selle ist Reuls Bericht für die “taz” durchgegangen und hat dabei festgestellt: Zu “polizeilichen Einsätzen für diese außergewöhnliche Lage” zählt der Innenminister etwa auch normale Streifenfahrten und Verkehrsunfälle. Selle kommt auf 56 bis 79 Einsätze (wohlgemerkt: 56 bis 79 von 1500), die in einem direkten Zusammenhang mit der Besetzung des Hambacher Forsts stehen.

Und weiter:

Bei den “1.674 Straftaten” zwischen 2015 und 2018 ist es nicht viel besser. Zunächst zeigt die Tabelle keine Straftaten, wie Reul wörtlich behauptet, sondern den Verdacht auf Straftaten. Die Tabelle zeigt, wie viel und was in vier Jahren angezeigt wurde — aber eine Anzeige macht noch keine Straftat. Auch, dass von 1.674 Strafanzeigen in vier Jahren mehr als ein Drittel wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz erfolgten, und davon 90 Prozent im Jahr 2015, kann nicht als Beleg für die von Reul behauptete zunehmende Kriminalität dienen.

Die Gleichsetzung von Strafanzeigen und Straftaten ist unter Innenpolitikern recht beliebt und wird von Journalistinnen und Journalisten oft (wahlweise wissentlich oder unwissentlich) übernommen.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) schrieb zwar von “1700 Strafverfahren wegen politisch motivierter Taten” und schränkte ein:

Wie viele Täter dann später tatsächlich verurteilt wurden, ist unklar.

Die Statistiken in dem Bericht hatte sich dort aber offenbar niemand genauer angeschaut:

Allein von Oktober 2018 bis Ende Januar 2019 gab es dem Bericht zufolge 1500 Polizeieinsätze im Hambacher Forst und den angrenzenden Ortschaften.

Die Online-Redaktion der “Welt” übernahm von der dpa eine gewisse Skepsis, titelte aber auch:

Screenshot Welt.de - Brandsätze und Zwillenbeschuss - 1500 Polizeieinsätze im Hambacher Forst seit Oktober 2018

In einer späteren Fassung arbeitete die dpa die Unterschiede zwischen Strafverfahren und Verurteilungen deutlicher heraus, ließ Kritiker zu Wort kommen und verbreitete die Zahl von 1500 Polizeieinsätzen nicht mehr, wie Nachrichtenchef Froben Homburger auf Twitter dokumentierte.

Bild.de titelt indes immer noch fröhlich:

Screenshot Bild.de - Innerhalb von drei Jahren - 1700 Straftaten im Hambacher Forst

Mit Dank an @roxar90 für den Hinweis!

Framing-Eigentor, “Digitaler Gangster” Facebook, Artikel 13

1. Das Eigentor: Wie die ARD rechten Kritikern in die Karten spielte
(haz.de, Imre Grimm)
Dominierendes Thema in der Medien-Berichterstattung ist derzeit das Framing-Gutachten, das die Sprachforscherin Elisabeth Wehling für die ARD angefertigt hat. Imre Grimm kommentiert: “Die Empörung mag überdreht und bigott sein, doch für die ARD ist das “Framing Manual” ein klassisches Eigentor. Sie wollte ihr Image verbessern — und hat das Gegenteil erreicht.”
Stefan Niggemeier nennt das Ganze auf “Übermedien“ “eine absurde Debatte um ein misslungenes Papier”. Die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab spricht im “Deutschlandfunk” von einen Denkanstoß für die interne Diskussion: “Es ist kein Geheimpapier, sondern es ist schlicht und ergreifend nicht für die Öffentlichkeit gedacht.”
Detlef Esslinger kritisiert in der “SZ” die Kritiker, die in Zusammenhang mit dem Gutachten von “Umerziehung” und “Neusprech” sprechen: “Mehrere Autoren nutzen die Werkzeuge der Linguistik, um eine Linguistin zu diskreditieren, weil sie der ARD empfiehlt, sich mithilfe ihres Fachs gegen die Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu wehren. Dies ist ebenso raffiniert wie infam.”
Mittlerweile hat die ARD laut “SZ” auch die Kosten für das von ihr beauftragte “Framing Manual” offengelegt: Die “Workshop-Unterlage” (Ulrich Wilhelm, ARD-Vorsitzender) habe in Verbindung mit den veranstalteten Workshops 120.000 Euro gekostet.

2. “Wir überschätzen Desinformation in sozialen Medien maßlos”
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Der “Spiegel” hat mit dem in Washington lehrenden Politikwissenschaftler und Geheimdienstexperten Thomas Rid über Geheimdienst-Operationen im Netz gesprochen. Sind staatlich gelenkte Desinformationskampagnen in sozialen Medien tatsächlich ernstzunehmende Angriffe auf unsere Demokratie, wie von manchen westlichen Politikern befürchtet? Rid ist gelassen: “Ich bin zumindest absolut sicher, dass wir Desinformation in sozialen Medien maßlos überschätzen. Gerade im Vergleich zu anderen Ansätzen wie dem Hacken von Politikern und der Veröffentlichung ihrer Daten und Dokumente, dem Hacken von Wahlinfrastruktur oder der Finanzierung von rechtsextremen Parteien.”
Weiterer Lesehinweis: Link 3, der zumindest in Großbritannien anderes befürchten lässt.

3. Massive Rechtsverstöße
(deutschlandfunk.de, Tobias Armbrüster & Mirjam Kid, Audio: 5:38 Minuten)
Welche Rolle spielte Facebook bei Desinformationskampagnen und Wahlbeeinflussung in Großbritannien, und welche Auswirkungen hatten diese beispielsweise auf das Brexit-Referendum? Britische Parlamentarier haben sich mit den Praktiken von Facebook beschäftigt und einen dramatischen Abschlussbericht vorgelegt: Das Unternehmen habe vorsätzlich und wissentlich gegen Datenschutz- und Wettbewerbsrecht verstoßen. Originalzitat: “Unternehmen wie Facebook, die sich selbst vor und über dem Gesetz sehen, sollte es nicht erlaubt werden, sich wie ‘digitale Gangster’ in der Online-Welt aufzuführen”.

4. Uploadfilter waren gestern
(internet-law.de, Thomas Stadler)
IT-Anwalt Thomas Stadler hat sich den umstrittenen Artikel 13 der Richtlinie über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt näher angeschaut. Die neue Sprachregelung erfordere nicht nur die Einführung der viel diskutierten Uploadfilter, sondern verpflichte Plattformbetreiber, beim Rechteinhaber eine Lizenz zu erwerben: “Anbieter von User-Generated-Content Plattformen wie YouTube, nach meiner Einschätzung aber auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter, werden damit also so behandelt, als würden sie die urheberrechtlichen Nutzungshandlungen ihrer User selbst vornehmen, weshalb sie auch originär dafür verantwortlich wären, sich selbst beim Rechteinhaber eine urheberrechtliche Gestattung (Lizenz) zu besorgen.”

5. TÜV für Glaubwürdigkeit?
(sueddeutsche.de, Jakob Maurer)
Das amerikanische Start-Up “NewsGuard” beurteilt die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Online-Medien. Ein Ampelsystem soll dem Nutzer im Browser die Vertrauenswürdigkeit von bislang 4500 englischsprachigen Nachrichtenseiten anzeigen. Finanzieren will man sich über die Plattformen und Suchmaschinen, die das Tool in ihr Interface aufnehmen. Mit Microsoft habe man sich bereits zu einer Kooperation verabredet: “NewsGuard” soll Teil des auf Windows-System vorinstallierten Webbrowsers Edge werden. Ob das Ganze zielführend ist, wird kontrovers diskutiert. So ist der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller skeptisch und sieht die Gefahr, dass “der Schuss nach hinten losgehen kann”.

6. Lührssen will Spitzenkandidat der Bürger in Wut werden
(weser-kurier.de, Kornelia Hattermann)
Nachdem der Fernsehjournalist Hinrich Lührssen damit gescheitert ist, sich als Spitzenkandidat der Bremer AfD aufstellen zu lassen, hat er die Partei verlassen. Lührssen will nun Karriere bei einer anderen Partei machen, den — Achtung, Realsatire — “Bürgern in Wut”.

Dreistigkeit kostet “Bild” 50.000 €, Billy Six, Polit-Postille “Bild Politik”

1. Ein anderer Aus­schnitt macht noch kein anderes Bild
(lto.de)
Dazu gehört schon eine Menge Dreistigkeit: Obwohl es “Bild” gerichtlich untersagt wurde, das Foto einer “G20-Plünderin” zu zeigen, druckte das Blatt ein sehr ähnliches Foto erneut ab und titelte frech: “Bild zeigt die Fotos trotzdem — Gericht verbietet Bilder von G20-Plünderin”. Die Uneinsichtigkeit kostet “Bild” ein nun auch vom Oberlandesgericht Frankfurt bestätigtes Ordnungsgeld in Höhe von 50.000 Euro.

2. Deutscher Reporter in Haft: Kaum Solidarität mit Billy Six
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Seit zweieinhalb Monaten sitzt der für rechte Medien arbeitende, deutsche Journalist Billy Six in Venezuela im Gefängnis. Gab es bei der Inhaftierung von Deniz Yücel noch Auto-Korsos, Soli-Konzerte, Titelseiten, Zeitungsanzeigen und Aufrufe von Politikern, Künstlern, Intellektuellen, herrscht bei Billy Six ziemliche Stille. Boris Rosenkranz erklärt, warum der Fall Six dem Fall Yücel ähnelt und warum doch alles etwas anders ist.

3. Warum “Bild Politik” zum Flop werden könnte
(haz.de, Imre Grimm)
Der Verlag Axel Springer wirft ein neues wöchentliches Heft auf den Markt: Die am Freitag erscheinende, 50 Seiten starke und 2,50 Euro teure “Bild Politik”. Imre Grimm fragt sich, ob sich der Verlag mit “Bild Politik” und der “Bild”-Zeitung nicht selbst kannibalisieren könnte. Und ist auch ansonsten skeptisch, was den Erfolg von Springers Polit-Postille anbelangt: “Wenn aber “Bild” und “Bild am Sonntag” mit ihrem streitlustigen Journalismus schon derart rasant an Zuspruch verlieren — wen genau will “Bild Politik” dann mit seiner sanfteren Spielart der Politemotion erreichen? Gefühle und Fakten? Mit dem Grundsatz “Fakten, Fakten, Fakten — und immer an die Leser denken” sind schon ganz andere gestartet. Und inzwischen tief in der publizistischen Irrelevanz versackt.”

4. Wie westliche Journalisten über Afrika berichten
(de.ejo-online.eu, Johanna Mack)
Ist die Afrikaberichterstattung westlicher Medien tatsächlich undifferenziert, einseitig und eurozentrisch, wie es oft heißt? Ein Wissenschaftler der Stanford University ist dieser Frage nachgegangen und hat dazu 282 Artikel aus acht britischen und französischen Zeitungen untersucht.

5. Spezialisierte Newsletter als Einnahmequelle
(deutschlandfunk.de, Grit Eggerichs, Audio: 5:41 Minuten)
Der “Tagesspiegel” hat eine neue Einnahmequelle entdeckt: Spezialisierte Newsletter, die sich an Politiker, Unternehmer und Entscheider richten. Grit Eggerichs hat sich die Idee genauer angesehen und geht dabei auch auf die “Politico”-Newsletter ein, die in Europa von etwa 45.000 Abonnenten gelesen werden.

6. Was Relotius uns noch zu sagen hätte
(faz.net, Anna-Lena Ripperger)
Marie Kilg hat einen Twitter-Bot gebaut, der den Reportage-Stil des ehemaligen “Spiegel”-Redakteurs Claas Relotius parodiert. Im Interview mit der “FAZ” spricht sie über die Funktionsweise von @ROB0TIUS und ihre Beweggründe bei dem Projekt: “Ich will mit den Bots, die ich mache, zeigen, dass sie nicht nur für russische Propaganda gut sind, sondern dass sie auch witzig sein können.”

“Bild” schenkt hochgefährliche Aufmerksamkeit

Bei Bild.de geht es heute mal wieder um “Internet-Klicks”, aber diesmal etwas anders:

Screenshot Bild.de - Wahnsinn-Aktionen - Für Internet-Klicks riskieren sie ihr Leben

“sie”, das sind die Roofer in Frankfurt am Main, also zumeist junge Leute, die auf hohe Gebäude oder Kräne in der Stadt klettern und sich dabei selbst filmen oder filmen lassen. “Hochgefährlich und illegal” sei das, mahnt “Bild”-Reporter Stefan Schlagenhaufer in seinem Text. Er zitiert Polizeisprecher Andrew McCormack:

“Dieses Verhalten ist nicht nachvollziehbar, nicht nachahmungswürdig, das ist lebensgefährlich. Wir haben Anzeigen wegen Hausfriedensbuch eingeleitet, wegen Einsatz der Drohnen wird ermittelt.”

Und zur Motivation der Roofer schreibt Schlagenhaufer:

Alles nur für Likes bei YouTube und Instagram.

Diese jungen Leute setzen also ihr Leben aufs Spiel, um Aufmerksamkeit für ihre Fotos und Videos zu bekommen. Und was macht Bild.de? Schenkt diesen jungen Leuten reichlich Aufmerksamkeit für ihre Fotos und Videos. Die Redaktion garniert ihren Artikel mit insgesamt zehn Aufnahmen der “Wolkenkraxler”. Als Aufmacher erstmal ein Bild, das einen jungen Mann “mit blanken Händen ohne Sicherung (…) am 240 Meter hohen Kran des Omniturms” zeigt. Dann noch zwei Bilder. Und dann noch …

Screenshot Bild.de - Weitere Fotos der Roofer

Viele davon sind Standbilder aus deren Youtube-Videos, die Bild.de mit so zurückhaltenden Bildunterschriften versehen hat wie:

Todesmutig springt einer der Roofer über den Vorsprung, der andere filmt es mit der Mega-Selfie-Stange

Oder:

Auf- bzw. Abstieg vom Ausleger des Krans — der Roofer sieht aus wie Spiderman

In der Frankfurt-Ausgabe der “Bild”-Zeitung ist der Text ebenfalls erschienen, mit etwas weniger Bildern, dafür aber riesengroß:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei jagt Wolken-Kraxler - Illegal am Abgrund
(Unkenntlichmachung durch uns.)

“Roofer (Dachspitzen-Kletterer) erobern Frankfurts Hochhäuser”, schreibt Stefan Schlagenhaufer dort. Gut, das hat “Bild” ziemlich genau vor vier Jahren schon einmal verkündet, aber warum nicht noch mal? Schließlich kann man dann so heiße Fotos zeigen.

Mit Dank an Michael I. für den Hinweis!

Nazi-Schufa, Relevanzkriterien, Rechte “Alternativmedien” wachsen

1. Das Zentrum für politische Schönheit spielt Nazi-Schufa
(t3n.de, Enno Park)
Die Website “SOKO Chemnitz” des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) löste eine heftige Kontroverse aus. Nun wird behauptet, bei dem Online-Pranger habe es sich um einen “Honeypot” gehandelt, um an die Daten von Neonazis zu gelangen. Enno Park hat begründete Zweifel: “Wahrscheinlicher ist beim derzeitigen Stand aber, dass die ganze Aktion ein Fake war, nicht nur der ursprüngliche “Online-Pranger”, sondern auch das darauffolgende Statement, das Ganze sei nur ein Honeypot gewesen. Das würde bedeuten, dass das ZPS nicht nur Rechtsradikale verarscht hat, sondern alle. Man könnte das dann noch als subversive Guerilla-Aktion feiern, wenn es nicht so große Schäden hinterließe — etwa weil Antifaschisten dabei zusehen müssen, wie ihre Arbeit durch solcherlei “Aktionskunst” diskreditiert wird, ohne dass sie viel dagegen tun könnten. Oder weil Rechtsradikale einmal mehr Gelegenheit bekommen, sich als Opfer aufzuspielen.”

2. Eine Frage der Relevanz
(taz.de, Aron Boks)
Als in Sankt Augustin eine 17-Jährige ermordet wurde, berichtete vielen Medien ausführlich darüber. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Nationalität des mutmaßlichen Täters. Aron Boks fragt: “Welche Relevanzkriterien sind erfüllt, die die umfangreiche Berichterstattung rechtfertigen? Bei Straftaten wie in Sankt Augustin in der Regel keine. Deswegen hört und liest man so selten von ihnen in der überregio­nalen Presse, obwohl Gewalt, Mord und Totschlag täglich in Deutschland passieren.”

3. So wollen Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner die Zeit digitaler machen
(horizont.net, Roland Pimpl)
Die “Zeit” strukturiert um. “Horizont” hat mit den beiden Chefredakteuren Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner über deren neue Zuständigkeiten, neue Ressorts und das Zusammenspiel von Print und Online gesprochen. Eine Enttäuschung für Bahnfahrer, die im Zug mit dem großen Format der Zeitung kämpfen müssen: Die von vielen unterstützte Umstellung auf das kleinere Tabloid-Format wird es nicht geben. Zu groß war die Sorge vor höheren Produktionskosten und möglichen negativen Auswirkungen auf das Anzeigengeschäft.

4. “Journalisten sind schützenswert”
(deutschlandfunk.de, Henning Hübert)
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) klagt in einer Resolution die zunehmende Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten an und fordert besseren Polizeischutz. Es gebe eine “massive Zunahme von persönlichen Anfeindungen, ehrverletzenden Beschimpfungen und auch körperlichen Angriffen auf Bildberichterstatter und Reporter der Agentur insbesondere in Ostdeutschland, aber auch in Regionen Westdeutschlands”.

5. Crowdfunding nach europäischem Vorbild soll auch in den USA den Journalismus retten
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Noch vor den crowdgefundeten Journalismus-Projekten wie “Kautreporter” oder “Republik” gab es in den Niederlanden “De Correspondent”. Dort plant man nun die Expansion: Aus der niederländischen Website soll in den USA im nächsten Jahr “The Correspondent” werden. Adrian Lobe wirft einen Blick auf den amerikanischen Medien-Markt und schätzt die Aussichten des ehrgeizigen Projekts ein.

6. Facebook-Medien-Report, Teil 4: “Alternativ-” und Verschwörungsmedien leiden nicht unter Facebooks Algorithmus-Änderungen
(meedia.de, Jens Schröder)
Der “Facebook-Medien-Report” von “Meedia” zeigt, dass die meisten deutschsprachigen Medienseiten seit Facebooks Algorithmus-Änderung massiv an Likes und Shares verloren haben. Dies gilt jedoch nicht für die rechten bis rechtsextremen “Alternativmedien”, die stabil blieben oder ein rasantes Wachstum aufweisen.

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