1. “Wie Medien Wörter machen” (sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Die Erfindung und Verbreitung von Wortschöpfungen wie “Döner-Morde” oder “Quassel-Imam”.
2. “Wie der Mindestlohn tatsächlich die Pressefreiheit gefährdet” (surfguard.wordpress.com)
SurfGuard erzählt von einer Begegnung mit dem Auslieferer seiner Zeitung: “Menschen, die sich für niedrig qualifizierte Arbeit interessieren, machen einen Bogen um Zeitungsboten-Jobs, weil sie anderswo den Mindestlohn bekommen, dort aber nicht.”
3. “Verehrte Verleger” (welt.de, Stephanie Nannen)
Stephanie Nannen, Enkelin von Henri Nannen, vermisst die Verleger: “Ein guter Verleger stellt sich in der Not vor seine Redaktionen und lässt ihnen ansonsten Freiheit. John Jahr war so einer. ‘Ihr könnt über alles schreiben’, hat er gesagt. ‘Es muss nur stimmen.’ Jahr war Verleger, nicht nur einfach jemand, der seine Arbeit liebte – er war, was er tat.”
4. “Geächtet aus Angst vor Ebola” (berliner-zeitung.de, Johannes Dieterich)
Johannes Dieterich kehrt aus Liberia zurück, und wird gemieden: “In den folgenden Tagen und Wochen werde ich auf der Straße umgangen, vom Zahnarzt und Friseur nach Hause geschickt und zu Festen wieder ausgeladen. ‘Wegen der Kinder’ will eine Cousine meiner Frau das jüdische Neujahrsfest lieber alleine feiern. Da helfen auch sämtliche Erläuterungen über die tatsächlichen Infektionswege nicht weiter – die Angst wird als irrational und damit als vernunftresistent erklärt. Selbst meine Frau wird zur Einschränkung ihrer Sozialkontakte gezwungen, schließlich könnte auch sie inzwischen kontaminiert sein.”
5. “‘Liebe ist kein Algorithmus'” (jungewelt.de, Thomas Wagner)
Der Konzerngeschäftsführer “Public Affairs” bei der Axel Springer AG, Christoph Keese, befasst sich in einem Interview mit dem ehemaligen Zentralorgan der FDJ, der “jungen Welt”, mit dem “verlockenden und nachvollziehbaren” Gedanken der demokratischen Planwirtschaft: “Es könnte tatsächlich sein, dass die sozialistische Planwirtschaft an der damals noch nicht vorhandenen Technologie gescheitert ist und dass eine neue Planwirtschaft unter digitalen Vorzeichen möglich wäre. Die Cloud und das Internet sind die besten Instrumente dafür, denn sie würden die zentrale Planungsbehörde, die das Problem vieler sozialistischer Staaten war, überflüssig machen.”
1. “Ukraine-Konflikt: Kritik an Medienhäusern” (ndr.de, Video, 6:21 Minuten)
Die Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt: Rund 300 Menschen demonstrieren vor dem Redaktionsgebäude des “Spiegel” in Hamburg, die ARD-Tagesschau und die ARD-Tagesthemen erhalten täglich stapelweise kritische Post (ab 4:28 Minuten).
2. “Als-ob-Information” (demystifikation.wordpress.com)
Stefan Wagner misst eine von der ZDF-Sendung “Frontal21” in einem Beitrag (youtube.com, Video, ab 5:15 Minuten) verwendete Grafik nach.
3. “Kein Liebling der Massen” (wdr.de, Video, 8:35 Minuten)
Die WDR-Sendung “Sport Inside” beleuchtet die Abschottung von Fußballer Mario Götze durch PR und Werbung.
4. “Deshalb nervt PR” (blog.tagesanzeiger.ch/offtherecord, Christian Lüscher)
Christian Lüscher listet zehn Methoden auf, wie Öffentlichkeitsarbeiter versuchen, Journalisten für ihre Sache zu gewinnen.
5. “‘Diese professionelle Demutsheuchelei ist mir auf Dauer zu anstrengend'” (persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Ein Interview mit Peter Wälty, Leiter Digitalentwicklung und stellvertretender Chefredaktor von “20 Minuten”: “Wir kriegen 5’000 Leserbilder im Monat, davon zeigen wir vielleicht 50. Dasselbe bei den Leserkommentaren. Wir kriegen täglich um die 5’000, aber nur deshalb, weil wir die Kommentarfunktion nach 24 Stunden schliessen. Würden wir das nicht tun, hätten wir doppelt so viele.”
6. “Helmut Markwort: ‘Ja, ich bin Moritz Rodach'” (newsroom.de, Bülend Ürük)
Helmut Markwort gibt zu, unter dem Pseudonym Moritz Rodach für “Focus Online” über den FC Bayern München geschrieben zu haben: “Ich bin ja nicht nur Fan, sondern auch Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern. Jeder weiß das. Natürlich auch die Kollegen von Online, als sie mich baten, ihnen ein paar Fakten von einer Reise mit den Bayern durchzugeben. Es war eine Gelegenheitsarbeit – und in meinem grundsätzlichen Bemühen, ein objektiver Journalist zu sein, meine subjektive Schwachstelle.”
1. “Death knocks: the dark side of journalism” (irishtimes.com, Anonymous, englisch)
Ein anonymer Autor erzählt von der im deutschen Sprachraum als Witwenschütteln bekannten Praxis des Belagerns von Angehörigen nach Unglücksfällen: “Welcome to the death knock, part of the secret life of a tabloid journalist. It’s a practice carried out by at least one Irish newspaper reporter every day of the week. After the death or serious injury of any Irish person, the same modus operandi applies in newsrooms across Dublin.”
3. “Das Geld reicht nicht für alle” (medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Nick Lüthi rechnet aus, wie viel ein festangestellter NZZ-Redakteur schreiben müsste, wenn er mit Honoraren bezahlt würde, die freie Mitarbeiter im Feuilleton erhalten (116 Euro für 6000 Zeichen).
5. “Die Hölle, das sind die anderen” (sueddeutsche.de, Anant Agarwala)
Anant Agarwala berichtet vom “Kotzhügel” am Oktoberfest: “Selfie-Jäger grasen den ganzen Hügel nach Beute ab, legen sich neben alles, was bewusstlos scheint, und grinsen in die Kamera.”
6. ” Günther Oettingers Netzkompetenz: Der Digitalkommissar und die Dummheit” (spiegel.de, Christian Stöcker)
Christian Stöcker befasst sich mit Aussagen des designierten EU-Kommissars für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oettinger: “Oettingers Einlassung belegt nicht nur, dass er keine Ahnung von aktuellen Ereignissen und Zusammenhängen hat, die in den Kernbereich seines künftigen Ressorts fallen. Sie reflektiert auch eine Grundeinstellung, die sich in etwa so zusammenfassen ließe: Wer das Internet benutzt, ist selbst schuld.”
Die Beschwerdeausschüsse des Presserats haben in ihren jüngsten Sitzungen sechs Rügen, 20 Missbilligungen und 16 Hinweise ausgesprochen. Die Hälfte der Rügen ging an die “Bild”-Gruppe.
Etwa hierfür:
(Unkenntlichmachungen von uns.)
So hatten die Kölner “Bild”-Ausgabe und Bild.de Anfang des Jahres über ein Verbrechen in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen berichtet. Die Redaktionen nannten den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen sowie persönliche Details des Patensohns und zeigten ein Foto von ihm, das lediglich mit einem kleinen Alibi-Balken versehen war. Kurz darauf erwies sich der Mann jedoch als unschuldig (BILDblog berichtete).
Nach Ansicht des Presserats ist die Berichterstattung vorverurteilend und identifizierend und verstößt damit gegen Ziffer 13 (Unschuldsvermutung) des Pressekodex. “In Anbetracht des Ermittlungsstandes hätte über ihn nicht identifizierend berichtet werden dürfen”, befand der Ausschuss und sprach gegen “Bild” und Bild.de eine Rüge aus. Bei Bild.de ist der Artikel übrigens immer noch unverändert online.
Eine weitere Rüge erhielt Bild.de für die Berichterstattung über den Mord an einem zwölfjährigen Mädchen. Das Portal hatte den Artikel mit einem Foto des Kindes bebildert, obwohl Opfer von Verbrechen — insbesondere Minderjährige — laut Pressekodex besonderen Schutz genießen (Richtlinien 8.2 und 8.3). Die Redaktion argumentierte später, die Familie habe in der Lokalzeitung selbst eine Todesanzeige mit Foto veröffentlicht. Dieses Argument ließ der Presserat jedoch nicht gelten:
Aus einer Todesanzeige in einem anderen Medium, die sich an einen kleineren Personenkreis richtet, lässt sich nicht auf eine grundsätzliche Einwilligung zu einer identifizierenden Abbildung schließen. Zudem war in der Todesanzeige nicht die Rede von einem Gewaltverbrechen. Diesen Zusammenhang stellte erst BILD Online in der Berichterstattung her. Besonders schwer wog aus Sicht des Gremiums zudem, dass das Mädchen unmittelbar neben seinem Mörder abgebildet wurde. Dies verletzt die Gefühle der Angehörigen.
Die Nürnberger “Bild”-Redaktion wurde gerügt, weil sie über ein laufendes Strafverfahren wegen eines Drogendelikts berichtet und dabei viele Details zu dem Betroffenen genannt hatte. Der Presserat erkannte darin einen schweren Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Ein überwiegendes öffentliches Informationsinteresse an der identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Dass sich die Redaktion auf die Beschwerde hin zwar bei dem Betroffenen, nicht aber bei den Lesern entschuldigt hatte, sei keine “ausreichende Wiedergutmachung im Sinne des Pressekodex”.
Doppelt gerügt wurde die Berichterstattung von Welt.de über den Suizid einer Nachwuchssportlerin. Die Redaktion hatte in zwei Artikeln (darum auch zwei Rügen) ausführlich über persönliche Details der jungen Frau geschrieben — etwa über ihre psychischen Probleme und die Beziehung zu ihrem Freund — und damit “tiefgreifend” in ihre Privatsphäre eingegriffen, wie der Presserat befand. “Zudem spekulierte die Redaktion über die Beziehung zwischen Eltern und Tochter und stellte hierdurch indirekt Schuldzuweisungen für den Suizid in den Raum.” Die Berichterstattung verstoße gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und insbesondere Richtlinie 8.7 (Selbsttötung), nach der die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung gebietet — vor allem mit Blick auf mögliche Nachahmer.
Übrigens hatten auch andere Medien detailliert über den Suizid berichtet und über die Hintergründe spekuliert. Beim Presserat gingen aber nur Beschwerden über Welt.de ein.
“Focus Online” schließlich wurde mit einer Rüge belegt, weil das Portal “unangemessen sensationell” über einen Überfall in Ecuador berichtet hatte. Auf einem Video war unter anderem ein blutüberströmtes Opfer zu sehen, das aus einem Bus stürzte. Aus Sicht des Presserats verstößt die Darstellung der sterbenden Menschen gegen Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. “Focus Online” argumentierte zwar, das Video sei zu Fahndungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, doch das ließ der Beschwerdeausschuss nicht gelten. Die Täter seien zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits gefasst, der Fahndungszweck also nicht mehr gegeben gewesen.
Die “Maßnahmen” des Presserates:
Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:
einen Hinweis
eine Missbilligung
eine Rüge.
Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.
Von den 20 Artikeln, die missbilligt wurden, erschienen sieben in “Bild” bzw. bei Bild.de.
Ein Brief von Franz Josef Wagner wurde missbilligt, weil er darin den Ex-Präsidenten der Ukraine als “egoistisches, luxuriöses Schwein” bezeichnet hatte. Diese Herabwertung verstoße gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), entschied der Beschwerdeausschuss.
Missbilligt wurden außerdem das Foto von einer privaten Trauerfeier, das Foto eines flüchtenden Ladendiebes und der Screenshot eines Facebook-Profils, auf dem persönliche Details zu Täter und Opfer einer Straftat zu erkennen waren (alles bei Bild.de erschienen; jeweils Verstöße gegen Ziffer 8).
Außerdem zeigte Bild.de ein Foto, auf dem ein Feuerwehrmann ein lebloses Kind in den Armen hält. Zwar war der Körper des Jungen einigermaßen verpixelt worden, dennoch wertete der Presserat die Darstellung als unangemessen sensationell (Ziffer 11), vor allem auch, weil die Bildunterschrift suggerierte, dass es sich um ein totes bzw. sterbendes Kind handele.
Gleich zwei Missbilligungen gab es für die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Piraten aus Somalia, der von Bild.de vorverurteilt (Ziffer 13) und von der gedruckten “Bild” ohne Unkenntlichmachung gezeigt wurde (Ziffer 8).
Weitere Missbilligungen gingen an “Bunte” und Bunte.de (für die Weight-Watchers-PR-Geschichte mit Julia Klöckner), “Playboy”, “Fränkischer Tag Online”, taz.de, “Buxtehuder/Stader Tageblatt”, Derwesten.de, “Hundeleben”, “Express”, Ruhrbarone.de und Tagesspiegel.de.
1. “Über die Kraft einer positiven Sogwirkung und wie verfrühte Kritik sie verhindert” (netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert beobachtet, wie unterschiedlich neue Projekte in Schweden und in Deutschland aufgenommen werden: “Für Deutsche ist ein frühzeitiges Diskutieren aller Vor- und Nachteile ein Muss. Wird ein neues, herausforderndes Vorhaben angeschoben, dann müssen sich die Initiatoren darauf einstellen, dass selbst womöglich vorhandene ehrenwerte Ziele und ein eventuelles allgemeines öffentliches Interesse an der Verwirklichung nicht vor ausgedehnten, mit negativer Tonalität untermalten Analysen schützen.” Siehe dazu auch “kritik-kritiker kritik” (wirres.net, felix schwenzel).
2. “Zensur bei der taz?” (blogs.taz.de/hausblog, tazkommune)
Die “tazkommune” antwortet auf den Beitrag “Warum ich nicht mehr für die TAZ schreibe” von Schriftsteller Raul Zelik: “Die allgemeinen Vorwürfe von Zelik gegen die taz können wir nicht nachvollziehen. Wir verstehen bereits nicht, wie man die Ablehnung eines Textes durch eine Redaktion als ‘Zensur’ bezeichnen kann.”
5. “10 Tipps auf dem Weg zur Normalität” (journalist.de, Jennifer Stange)
Jennifer Stange gibt Tipps, wie man beim Schreiben über Homosexuelle “jenseits von übereuphorischen Riesenschlagzeilen, Klischees und peinlicher Verschwiegenheit die Dinge beim Namen nennt”.
6. “Wie man eine Geschichte schnell erhitzt” (faz.net, Michael Hanfeld)
Als PR-Mann von McDonald’s, wie ihn den “Spiegel” darstellt, tauge Günter Wallraff nicht, schreibt Michael Hanfeld: “Günter Wallraff ist nämlich nicht nur Enthüllungsjournalist, sondern auch so etwas wie ein Mediator: Er verfolgt Geschichten weiter, selbst wenn sie keine Schlagzeilen mehr machen, und schaltet sich in Fällen ein, die nicht groß genug für eine Story sind. Nur zum PR-Mann von McDonald’s, als der er im ‘Spiegel’ mehr oder weniger erscheint, taugt er nicht.”
Vor ziemlich genau zehn Jahren ist hier der erste BILDblog-Eintrag erschienen. Das heißt: Im Sommer haben wir Geburtstag!
Das wollen wir natürlich feiern. Unter anderem auf der re:publica am 6. Mai in Berlin. Aber statt Topfschlagen und Schokokusswettessen haben wir uns ein anderes Spiel überlegt:
Dafür brauchen wir Ihre und Eure Hilfe!
Wir wünschen uns zum Geburtstag, dass Ihr Euch Quizfragen übelegt. Sie sollten natürlich mit BILDblog zu tun haben, nicht zu einfach sein, aber auch nicht zuu schwer, wenn’s geht, unterhaltsam und gerne kreativ.
Zum Beispiel:
Wie nennt man Danny DeVito, wenn er Zitronenlikör kauft?
Welchen ehemaligen Bremer SPD-Politiker nahm “Bild” im vergangenen Jahr tagelang eifrig in Schutz, nachdem dieser wegen diskriminierender Aussagen über Sinti und Roma in die Kritik geraten war?
“Bild” entdeckte 2011 auf einer Demonstration der “Pleite-Griechen” ein Hakenkreuz-Plakat. Darunter, so der Artikel, habe gestanden: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”. Das stimmte aber gar nicht. Woher stammte der Spruch tatsächlich?
Und jetzt seid Ihr dran. Schickt uns Eure Vorschläge bitte bis Mittwochabend (30.4.) an [email protected]. Unter allen Einsendern verlosen wir zehn Tickets für unsere kleine Geburtstagsfeier auf der re:publica (Dienstag, 6.5., ab 18 Uhr, die Tickets sind auch gültig für die anschließende “Web Week Night”).
Also: Wühlt Euch durchs Archiv, durchforstet Eure Erinnerungen — und schenkt uns Quizfragen! Je mehr Vorschläge wir bekommen, desto toller wird’s.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Die Medienmacht der SPD bröckelt: Die DDVG, ihre Zeitungen und Dietmar Nietan” (blogs.faz.net/medienwirtschaft, Jan Hauser)
Jan Hauser beleuchtet die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), das Medienbeteiligungsunternehmen der SPD. “Umstritten war und ist der Besitz, weil die Medien über die SPD berichten – und das unabhängig machen sollten.”
2. “Die Talkshow ist das Dschungelcamp der Mittelschicht” (carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal denkt nach über Talkshows: “Weil die emotionale Anbindung der Zuschauer an eine Talkshow sowohl positiv als auch negativ funktioniert (Hauptsache Emotion!) sind die Moderatoren die Stargäste ihrer eigenen Shows. Die Moderatoren stehen im Mittelpunkt, und folgerichtig heißen die Talkshows wie sie. Die übrigen Gäste sind mehr oder weniger Staffage für die Performance des Moderators.”
3. “Die Hoffnungsträger der Öffentlich-Rechtlichen 2014” (dwdl.de, Torsten Zarges)
Torsten Zarges identifiziert die “die sieben größten öffentlich-rechtlichen Hoffnungsträger 2014”: Bjarne Mädel, Christine Strobl, Daniel Fiedler, Bernhard Gleim, Stephan Denzer, Tom Buhrow und Jan Böhmermann.
5. “Kairos Regierung schüchtert Medienschaffende ein” (derstandard.at, Astrid Frefel)
Astrid Frefel berichtet aus Ägypten: “Am vergangenen Wochenende waren zwei Online-Nachrichtenbüros in Kairo an der Reihe: Sie wurden von Sicherheitsbeamten überfallen; Kameras und Computer wurden konfisziert, die Mitarbeiter festgenommen und später wieder freigelassen.”
Es gab mal eine Zeit, in der die Leute von “Bild” der Meinung waren:
Damals, also vor nicht mal eineinhalb Jahren, schwärmten sie noch von den “smarten Interviews” des “Schwiegermutter-Schätzchens”, lobten die “Schlagfertigkeit” des “sympathischen Südtirolers”, seine “Raffinesse”, seinen “unterhaltsamen Hang zur Perfidie”, und Franz Josef Wagner schrieb, der liebe Lanz sei ein Mensch aus Herz und Schokolade” (was in Wagners Welt offenbar ein großes Kompliment ist).
Doch diese Zeit ist vorbei.
Inzwischen sind sogar die “Bild”-Leute genervt von Lanz, oder zumindest geben sie vor, es zu sein. Der Mitarbeiter von Bild.de beispielsweise, der am Samstag dafür zuständig war, das “Minuten-Protokoll” zu “Wetten, dass..?” zu befüllen, hatte sich offenbar schon vor Beginn der Sendung zum Ziel gesetzt, Lanz auf Teufel komm raus zu verreißen. Jeder Versprecher, jede peinliche Eigenart des “Lanzinators” wird auseinandergepflückt und ironisch kommentiert, nach dem Motto: “Mensch, dieser blöde Lanz schon wieder, aber wir haben’s ja schon immer gewusst.”
Eine Stelle hat es dem Protokollanten ganz besonders angetan:
Lanz erklärt nochmals: “Wir sind in Karlsruhe, in einer der schönsten Städte Europas, muss man mal sagen, für die, die es nicht wissen, Neckarstadt.” Davon wussten die Karlsruher bisher nichts, muss man mal sagen, dass ihre Stadt am Neckar liegt. Aber ist Geographie nicht immer auch Auslegungssache?
Hihi, “Neckarstadt”. Das fand der Verfasser dermaßen doof, dass er im Verlauf des “Lanz-Protokolls” noch viermal darauf anspielen musste:
Aber wer nimmt’s schon so genau in Karlsruhe am Neckar?
[…] in einer der schönsten Städte Europas, und fast direkt am Neckar.
Jetzt kommt eine unglaubliche Wette aus den Bergen Österreich, durch die nicht der Neckar fließt.
“[James Blunt] kommt gerade aus China, und heute schon bei uns in Karlsruhe.” Vom Jangtse an den Neckar.
Nun kann man Lanz mit Blick auf “Wetten, dass..?” sicher wieder einiges vorwerfen, doch diese Neckar-Sache gehört eher nicht dazu. Denn wenn man genau hinhört (ab ca. 1.20 Min.), erkennt man, dass er Karlsruhe nicht als “Neckarstadt” bezeichnet, sondern als “Fächerstadt”. Und damit hatte er ausnahmsweise mal absolut recht.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Die Absperrung in unseren Köpfen” (queer.de, Norbert Blech)
Norbert Blech schreibt zur Berichterstattung über die Verhaftung eines Demonstranten am olympischen Fackellauf, so auch über unseren Text “Fackellauf und Fahnenfluch”. “Es ist natürlich in Ordnung, auf eine akkurate Berichterstattung zu pochen – und die Berichterstattung über LGBT in Russland ist gar nicht mal selten mangelhaft. Aber hier wird auf einer Petitesse herumgeritten, die an der eigentlichen Nachricht – Schwuler protestiert nicht grundlos gegen die homophobe Politik und Gesellschaft Russlands – nichts ändert.”
2. “Ein Star ist wunderbar!” (tagesanzeiger.ch, Simone Meier)
Nach 16 Jahren beim gedruckten “Tages-Anzeiger” wechselt Simone Meier zum neuen Newsportal Watson.
3. “Wie die Presse Wulff zum Rücktritt zwang” (cicero.de, Hans Mathias Kepplinger)
Hans Mathias Kepplinger offeriert eine alternative Deutung des Falls Christian Wulff: “Unter der Überschrift ‘Christian Wulff musste Uhr versetzen’ hätte stehen können: ‘Wulff zahlt seiner geschiedenen Frau und seiner Tochter 4.200 Euro Unterhalt im Monat. Deshalb hat er Schulden gehabt. Allerdings haben ihm gute Freunde aus der Klemme geholfen, darunter sein langjähriger Mentor, Egon Geerkens. Er hat ihm 90.000 Euro geliehen und einen günstigen Kredit für sein Haus vermittelt. Wulff hat Geerkens dafür seine Rolex und wertvolle Bücher als Sicherheit überlassen müssen’. Vermutlich hätten die Leser darauf ganz anders reagiert – mit Häme, Spott, Anteilnahme oder Respekt, aber kaum mit Ärger und Wut.”
4. “The Six Things That Make Stories Go Viral Will Amaze, and Maybe Infuriate, You” (newyorker.com, Maria Konnikova, englisch)
Maria Konnikova untersucht die Frage, welche Aspekte Geschichten aufweisen, die häufig weiterverbreitet werden. “The irony, of course, is that the more data we mine, and the closer we come to determining a precise calculus of sharing, the less likely it will be for what we know to remain true. If emotion and arousal are key, then, in a social application of the observer effect, we may be changing what will become popular even as we’re studying it.”
5. “Zeitungsforscherin: ‘Nachfolgerfrage ist die Achillesferse der deutschen Verlage'” (newsroom.de, Bülend Ürük)
Katharina Heimeier erforscht die Eigentümerstrukturen deutscher Zeitungsverlage: “Statt neue Konzepte zu entwickeln verwenden die Verleger alle Energie darauf, den Markt geschlossen zu halten, auf alten Privilegien zu beharren und hart zu sparen, um die gewohnten Renditen wenigstens halbwegs zu sichern.”
6. “Der Gralsraub von Bayreuth” (faz.net, Christian Wildhagen)
Christian Wildhagen erinnert an den Januar 1914, als die urheberrechtliche Schutzfrist für die Oper “Parsifal” von Richard Wagner aufgehoben wurde: “Zu diesem Zeitpunkt war das Werk eine echte ‘Novität’. Lange vor Erfindung von Schallplatte, CD, DVD oder digitalem Streaming war ‘Parsifal’ in seiner Originalgestalt jahrzehntelang, seit der Uraufführung 1882, wirklich nur in Bayreuth zu erleben gewesen, wobei die strikte Exklusivität erst recht die Neugier schürte und das Stück zum sagenumwobenen Mysterium für wenige Auserwählte erhob.”
Das Bundesverfassungsgericht muss sich zwar öfter mal mit Härtefällen herumschlagen, doch vor Kurzem kam es so richtig dicke für die obersten Richter. Denn diesmal ging es um die gedruckten Gedanken von Franz Josef Wagner.
Der Brief, mit dem sich das Gericht befasst hat, stammt aus dem Jahr 2007 und richtete sich an die “Liebe Latex-Landrätin” Gabriele Pauli. Kurz zuvor war in der (inzwischen eingestellten) “Park Avenue” eine Fotoserie erschienen, in der die ehemalige CSU-Landrätin mit Lackhandschuhen posierte. Das gefiel Wagner ganz und gar nicht. Er schrieb:
Die Fotos sind klassische Pornografie. Der pornografische Voyeur lebt in der Qual, Ihnen die Kleider vom Leib zu reißen. Kein Foto löst in mir den Impuls aus, Sie zu lieben bzw. zärtliche Worte mit Ihnen zu flüstern. Kein Mann liebt eine Frau in einem Porno-Film.
Er fragte: “Warum machen Sie das? Warum sind Sie nach Ihrem Stoiber-Triumph nicht die brave, allein erziehende Mutter geblieben?” — und antwortete selbst:
Ich sage es Ihnen: Sie sind die frustrierteste Frau, die ich kenne. Ihre Hormone sind dermaßen durcheinander, dass Sie nicht mehr wissen, was wer was ist. Liebe, Sehnsucht, Orgasmus, Feminismus, Vernunft.
Sie sind eine durchgeknallte Frau, aber schieben Sie Ihren Zustand nicht auf uns Männer.
Pauli klagte gegen diese Äußerungen und bekam in erster Instanz recht: Das Landgericht Traunstein entschied 2012, Wagner habe in seinem Brief die “Grenze zur Schmähkritik” überschritten. Eine Geldentschädigung bekam Pauli aber nicht zugesprochen.
Nachdem beide Parteien Berufung eingelegt hatten, wies das Oberlandesgericht München Paulis Klage im Herbst 2012 jedoch ganz ab: Wagners Äußerungen seien von der Meinungsfreiheit gedeckt, begründeten die Richter.
Das sieht man in Karlsruhe anders. Nach Ansicht der Verfassungsrichter handelt es sich bei dem Brief “um einen bewusst geschriebenen und als Verletzung gewollten Text”. Wagner ziele mit seinen Formulierungen bewusst darauf ab, Pauli “nicht nur als öffentliche Person und wegen ihres Verhaltens zu diskreditieren, sondern ihr provokativ und absichtlich verletzend jeden Achtungsanspruch gerade schon als private Person abzusprechen”. Daher könne sich hier “die Meinungsfreiheit nicht durchsetzen”.
Das Oberlandesgericht muss nun erneut über den Fall entscheiden.