Suchergebnisse für ‘Presserat’

Online-Kommentare, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus

1. “Im Land der ‘gleichgeschalteten Medien'”
(fr-online.de, Katja Thorwarth)
Nach der FAZ (“Meine Tage im Hass”) schreibt sich auch die FR ihren Frust über pöbelnde Online-Kommentatoren von der Seele. Neben der Wiedergabe vieler, “zum besseren Verständnis in Ansätzen korrigiert[er]” Fäkalausdrücke macht Katja Thorwarth eine wichtige Feststellung: “Der Schrei über Zensur ist vollkommen deplatziert, denn Zensur kann nur dort greifen, wo es um das Grundrecht der Meinungsfreiheit geht. Und an diesem Punkt verwechseln viele User die Kommentarspalten im Internet mit dem Tresen ihrer Stammkneipe.” Auf Twitter sind sich Stefan Plöchinger und Wolfgang Blau einig: Es hilt nur “gescheit moderieren”.

2. “Meinungsfreiheit ja, Beleidigung nein”
(dw.de, Naser Schruf)
Drei Tage und rund 180 Presserats-Beschwerden (derstandard.at) nach dem “herrlichen Shitstorm” (stefan-niggemeier.de) melden sich die von Nicolaus Fest geschmähten Muslime zu Wort. Naser Schruf beleuchtet das laute und überwiegend empörte Echo in der arabischen Presse, Sanjay Patel kritisiert die langjährige “islamfeindliche Marschroute” (migazin.de) der “Bild”, Canan Topçu wünscht “Bayramınız kutlu olsun” (zeit.de), und Koray Yilmaz-Günay spricht in der “taz” über Islamophobie unter Konservativen.

3. “Ton gegen Juden in Deutschland verschärft sich”
(berliner-zeitung.de, Thomas Kröter)
Die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel untersucht soziale Medien, Online-Kommentare, Chats und Foren auf antisemitische Äußerungen. Während Ausmaß und Intensität zugenommen hätten, sei eines gleich geblieben: “Über 60 Prozent kommen aus der sogenannten Mitte” und leugnen “vehement, antisemitisch eingestellt zu sein”. Weniger Grund zur Besorgnis sieht dagegen der Historiker Wolfgang Benz (tagesspiegel.de).

4. “Wer ist der Kriegstreiber?”
(spiegel.de)
Als hätte der “Spiegel” auf Alexander Becker gehört (meedia.de), steht im “SPIEGELblog” erstmals seit Monaten keine Eigen-PR, sondern eine Rechtfertigung. Und zwar für das von Frank Lübberding kritisierte und vom Postillon bespottete (der “Löschbeirat” vereint Kritik und Spott) Cover. Der Tenor: Weil die Artikel im Heft nicht kriegstreiberisch seien, ist die Titelzeile “Stoppt Putin jetzt!” auf dem Heft ebenso harmlos.

5. “Wir brauchen kein Radio der Zukunft, wir brauchen es jetzt”
(diskurslabor.de, Tom Leonhardt)
Das “National Public Radio” hat mit seiner neuen App “NPR One” die “Idee von personalisierbarem Radio auf eine sehr stilvolle und gut umgesetzte Art und Weise salonfähig gemacht”. Ein Vorbild für deutsche Anstalten sieht Marc Krüger (netzpiloten.de): “Was wäre, wenn alle ARD- und Deutschlandradio-Sender ihre Podcasts in einer App wie ‘NPR One’ anbieten würden? […] Was für eine großartige Möglichkeit, einmal Gesendetes (und Bezahltes) haltbar zu machen!”

6. “Missliebige Offenlegung”
(taz.de, Anne Fromm)
Ja, das ZDF hat eine Folge der Kabarettsendung “Die Anstalt” aus der Mediathek gelöscht. Nein, das ist keine Zensur, sondern eine “Frage der Korinthenkackerei” zweier “Zeit”-Journalisten, wie Max Uthoff es ausdrückt (youtube.com) – eine Darstellung, die Jochen Bittner allerdings zurückweist (twitter.com). Anne Fromm fasst den Streit zusammen und meint: “Das ZDF hat zwar in letzter Zeit Einiges verbockt, steht diesmal aber offenbar ziemlich gut da.” Stellungnahmen von Bittner und Joffe gibt es bei Telepolis.

“Putin, schau in die Gesichter
dieser 100 Opfer!”

Zur postkatastrophalen Berichterstattung in den “Bild”-Medien gehört immer auch eine “Galerie der Trauer”, in der die privaten, oft aus dem Internet geklauten Fotos der Opfer präsentiert werden. Meist auf der Titelseite, meist riesengroß und meist ohne jede Unkenntlichmachung. Dazu allemöglichen Details über ihr Privatleben, woher sie kamen, welche Musik sie gerne hörten, ob sie frisch verliebt waren.

Man konnte das schon nach dem Attentat von Utøya erleben, nach dem Amoklauf in Winnenden, nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg, nach dem Busunfall in der Schweiz, nach dem Verschwinden von Flug MH370. Und auch jetzt, nach dem Absturz von MH17:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Seit gestern zeigt Bild.de in dieser Galerie Fotos von 100 (!) Opfern des Unglücks, darunter auch viele Kinder, nennt ihre vollen Namen und viele persönliche Details (die überwiegend mutmaßlich aus sozialen Netzwerken und ausländischen Medien stammen). Nur 20 der 69 Fotos tragen einen Quellennachweis, die meisten davon “Privat”.

Schon am Wochenende hatten “Bild”, “Bild am Sonntag” und Bild.de einige der Fotos gezeigt und private Informationen veröffentlicht, auch dort größtenteils ohne Quellenangaben.

(Übrigens konnten sie es auch gestern nicht lassen, die Opferporträts für ihre Putin-Kritik zu missbrauchen; bei Facebook und in der URL hieß es zunächst: “Putin, schau in die Gesichter dieser 100 Opfer!” — inzwischen aber nicht mehr.)

Da die “Bild”-Zeitung nicht verrät, wie sie in solchen Fällen an die Fotos kommt (andere Medien im Übrigen auch nicht), können wir über über die Frage, wie sie es diesmal gemacht hat, nur spekulieren. Bei den Angehörigen um Erlaubnis gefragt hat sie aber vermutlich nicht.

Im März 2009, kurz nach dem Amoklauf von Winnenden, wollte das ARD-Magazin “Panorama” vom Axel-Springer-Verlag wissen, wie “Bild” an die Opferfotos gekommen war und ob die Genehmigung der Angehörigen vorlag. Springer-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete:

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Der Sprecher gab in einem Fall sogar indirekt den Eltern die Schuld dafür, dass “Bild” das Schicksal ihres Kindes ausgeweidet hatte: Indem sie einem Nachruf im “Tagesspiegel” zugestimmt hatten, hätten sie das Kind zu einer “relativen Person der Zeitgeschichte” gemacht — und in “solch einem Fall”, so der Sprecher, bedürfe es “keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.”

Medienanwalt Christian Schertz entgegnete jedoch:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt [Von dort hatten die Medien einige der Fotos offensichtich geklaut, Anm.], willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Damals hatte sich auch ein Vater zu Wort gemeldet, dessen Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden getötet wurde und über deren Leben und Sterben “Bild” und andere Medien ebenfalls groß berichtet hatten. Er sagte:

„Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von [meiner Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. (…)

Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.“

Nachtrag: Bild.de und andere Medien haben für die Veröffentlichung der Opferfotos eine Missbilligung vom Presserat kassiert.

Shitstorms, Spiegel, Stellenkürzungen

1. “Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung”
(leitmedium.de, Caspar Mierau)
Gestern ging es an gleicher Stelle um eine Karikatur in der FAZ, die viele Leser als rassistisch kritisiert haben. Heute schreibt Caspar Mierau über die seiner Meinung nach falsche Reaktion: “[Mit den Rechtfertigungsversuchen] macht das Shitstorm-Management einen fatalen und häufig gesehen Fehler: Es produziert einen Skandal zweiter Ordnung.” Auch Anne Fromm bezeichnet die FAZ in der taz als “kritikresistent wie eine Teflon-Pfanne”.

2. “Wulff-Interview stammte aus der Konserve”
(berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Medienschelte von Christian Wulff im “Spiegel” ist bereits sechs Wochen alt. Außerdem wurde das Interview nicht von den Redakteuren geführt, die in der Vergangenheit über Wulff geschrieben hatten, da Chefredakteur Wolfgang Büchner eine vergiftete Gesprächsatmosphäre befürchtete. Große Teile der Redaktion kritisieren Büchner nun dafür, “vor Wulff den Kotau zu machen”.

3. “Why show dead people in the news?”
(fabianmohr.de, englisch)
Manche Fotos, die vor 50 Jahren noch einen Pulitzer-Preis bekommen haben, würden heute nicht mehr gedruckt werden; zu schonungslos stellen sie Tod und Gewalt dar. Fabian Mohr macht einen Vorschlag, woran sich Redakteure bei dieser schwierigen Abwägung orientieren sollten. Zum selben Thema: Margaret Sullivan rechtfertigt das umstrittene Titelbild der “New York Times”. Und Reto Camenisch wirft einem Magnum-Fotografen “pornografische Distanzlosigkeit”, einen “moralischen Totalabsturz” vor.

4. “Zur Schau gestellte Absturzopfer”
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Über pietätlose Fotos ärgert sich auch Rainer Stadler. Der “Blick am Abend” hat auf seiner Titelseite die Portraits von zwölf Kindern abgedruckt, die in der MH17 ums Leben kamen. Diese Bilder stammten von Facebook, wo sie laut Chefredakteur öffentlich zugänglich waren. “Der Presserat würde ihm wohl deswegen die Ohren lang ziehen”, meint Stadler.

5. “Ab und zu kommt mal ein Praktikant”
(kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
“Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv”, so möchte Madsack die “Leipziger Volkszeitung” positionieren – indem bei der einzigen Tageszeitung der Stadt 36 Mitarbeiter entlassen werden.

6. “Our 25 Favorite Unlocked New Yorker Articles”
(longform.org, englisch)
Der “New Yorker” hat alle Artikel seit 2007 und viele ausgewählte Fundstücke aus den Archiven kostenlos veröffentlicht – für drei Monate, dann verschwindet die gesamte Webseite hinter einer “metered Paywall”. Neben den 25 Lesetipps von Longform empfehlen auch Slate und der Business Insider Recherchen und Reportagen, die man bis dahin gelesen oder zumindest abgespeichert haben sollte.

Playboy, Peter Röthlisberger, China

1. “‘Ist sie nicht hübsch?'”
(freitag.de, Elke Wittich)
Weibliche Journalisten zum Thema Fußball: “Manchmal allerdings bleibt auch mir nur Sprachlosigkeit. Wie bei einem Interview mit einem Ostberliner Vereinspräsidenten, der die Frage nach dem ‘Wie geht es denn nun weiter mit dem Klub?’ mit einem ‘Nein, wie sind Sie hübsch!’ beantwortete. Auch alle weiteren Versuche, etwas auch nur halbwegs Zitierbares aus ihm herauszubekommen, beantwortete er mit einer Variation des Hübsch-Themas. Er holte sogar seinen Vizepräsidenten dazu und sagte dem: ‘Schau sie dir an, ist sie nicht hübsch?’ Das komplette Interview haben wir dann übrigens ungekürzt abgedruckt, eine Reaktion des Vereins gab es nie.”

2. “Beschwerde gegen den ‘Playboy’: Wie der Presserat seine Missbilligung begründet”
(kress.de, Henning Kornfeld)
Wie der Presserat und der Chefredakteur des “Playboy” mit der Beschwerde eines Lesers umgehen: “Der Chefredakteur bezweifelt, dass der Experte, der in seinem Fach äußerst aktiv und offenbar auch anerkannt sei, seine Glaubwürdigkeit für Gefälligkeits-PR aufs Spiel setze. Nur weil der Hersteller möglicherweise nicht unglücklich über die Feststellung des Experten sei, mache dies den Professor noch lange nicht zum Handlanger des Unternehmens.”

3. “Sack Reis in China”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Die Titelseiten wichtiger überregionaler Zeitungen in Deutschland zeigen alle Angela Merkel beim Kochen.

4. “Bad China Articles: Hall of Infamy”
(theanthill.org, englisch, 27. Juni)
“The Anthill” kürt zehn schlechte Artikel über China: “Business Insider reporter in town on a visit goes out ‘to see the ‘real’ China’. Has lunch, pays a lot for it, writes blog post. Contains the poetic photo caption ‘Beijing from the window of my cab’, which pretty much sums it up.”

5. “A list of search results omitted, erased, or censored due to the ‘Right to be forgotten'”
(hiddenfromgoogle.com, englisch)
Eine Liste von Links, die aufgrund des Rechts auf Vergessenwerden von Suchmaschinen-Resultaten entfernt wurden.

6. “‘Der Leser hat recht'”
(blickamabend.ch, Peter Röthlisberger, 1. Juli)
In einem Beitrag für ein Buch des Verbands Schweizer Medien behauptet Peter Röthlisberger, Chefredakteur der kostenlosen Boulevardzeitung “Blick am Abend”: “Der ‘Blick’ lügt nicht, die Blick-Titel erfinden keine Geschichten. (…) Im Idealfall missionieren Boulevardmedien auch nicht für eine Anschauung, nehmen die Leser und User ernst und erklären nicht die Welt, wie sie sein müsste, sondern beschreiben, was ist.”

“Ich mache nur die Fotos – alles andere ist Sache der Redaktionen”

Am Sonntagnachmittag ist vor dem Hamburger Hauptbahnhof ein Mann niedergestochen worden. Er starb wenig später an seinen Verletzungen. Der Täter wurde kurz nach der Attacke in der Nähe des Hauptbahnhofs festgenommen.

Zufällig war auch ein freier Fotograf vor Ort, der einige der Szenen mit seiner Kamera festhielt. Veröffentlicht wurden seine Fotos am Dienstag in der “Bild”-Bundesausgabe, der “Bild Hamburg” und bei Bild.de.

So sah die gedruckte Version (blatthoch auf Seite 3 der Bundesausgabe) aus:

Die Beschreibung des großen Aufmacherfotos lautet:

Das blutüberströmte Opfer sitzt am Boden, die Klinge steckt in seinem Bauch. Direkt hinter ihm: der Messerstecher (blaue Jacke). Geschockte Passanten beobachten die Szene, darunter auch Kinder.

Und zu sehen ist — genau das. Die Augenpartie des sterbenden Mannes ist unkenntlich gemacht worden (in der Online-Version auch die Messerklinge in seinem Bauch), alles andere aber nicht. Im Text erfährt der Leser im Grunde nur, dass ein Mann niedergestochen, der Täter festgenommen und ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen wurde.

Selbst für “Bild”-Verhältnisse ist das eine außerordentlich drastische Darstellung von Brutalität und Leid; entsprechend viele Leser empörten sich darüber bei uns oder in den sozialen Medien.

Wir wollten wissen, wie es zu den Fotos gekommen ist und wie sie in der “Bild”-Zeitung gelandet sind — darum haben wir dem Fotografen ein paar Fragen gestellt.

Er erklärte uns, er arbeite neben der Schule als freier Fotograf und sei an jenem Tag mit einem Kollegen auf dem Weg zur S-Bahn gewesen, als sie eine kurdische Demo entdeckten. Aus journalistischer Neugier seien sie

dort hingegangen, und ich habe angefangen, mit meiner Kamera, die ich fast immer bei mir habe, zu fotografieren.

Plötzlich gab es einen Tumult hinter der Demo, viele bewegten sich dorthin. Für mich war der Grund nicht sofort erkennbar, und so bewegte ich mich ebenfalls aber schnell dort hin. Das erste, was ich wahrnahm, war ein Mann, der offenbar verletzt auf dem Boden zusammensackte. Intuitiv hab ich dann angefangen zu fotografieren, da ich vermutete, dass das Ganze mit der Demo zu tun hatte, vielleicht eine heftigere Schlägerei nach einer Meinungsverschiedenheit, was bei Demos ja durchaus mal vorkommen kann.

Die Menschen drumherum waren sehr erregt, und ich habe weiterfotografiert, bis ich das Messer im Bauch des Mannes entdeckte. Meiner Erinnerung nach war ich kurz geschockt, dann kamen ziemlich schnell die ersten Beamten der DB-Sicherheit, drängten die Passanten weg, und auch die Bundespolizei tauchte auf, während sich die ersten Passanten bereits um den Verletzten kümmerten. Ich habe dann noch weitere herbeigeeilte Beamte der Bundespolizei und DB-Sicherheit beobachtet, wie diese die Passanten hektisch nach dem Täter fragten, und, als sie in Richtung St. Georg liefen, bin ich ihnen gefolgt und habe auch die Festnahme fotografiert und dokumentiert.

Trotz all der Schrecklichkeit dieses Ereignisses und der Anteilnahme, die ich hiermit ausdrücklich allen Beteiligten und Angehörigen ausspreche, war es für mich Teil meiner journalistischen Arbeit. So abartig das in dem Zusammenhang klingt. Fotografen dokumentieren das, was geschieht. Dass im Kontext einer Demonstration ein Mensch attackiert wird (auch wenn wir mittlerweile wissen, dass es nichts mit der Demonstration zu tun hatte), ist definitiv bedeutsam und ist es wert, dokumentiert zu werden. Ähnliche Bilder entstanden vieltausendfach in anderen Konflikten — seien sie militärischer oder ziviler Natur gewesen — und dokumentieren Zeitgeschehen, auch wenn man sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung vielleicht noch nicht so eingeschätzt hat.

Ich bin eigentlich sogar sehr froh darüber, dass ich dank der Demo bereits im “Arbeitsmodus” war und das ganze nicht als Privatperson wahrgenommen habe, weil es für mich eine wichtige Distanz bedeutet, die mich im Nachhinein persönlich auch sehr geschützt hat, wie übrigens bei einigen anderen Ereignissen, die ich schon dokumentiert habe, auch.

Das heißt nicht, dass ich als Mensch keine Emotionen habe oder kein Mitgefühl. Ich bin trotzdem der gleiche Mensch wie vorher, nur um ein paar Erfahrungen reicher. Leider gibt es viele Menschen, die voreilig Schlüsse über mich als Privatperson ziehen, anhand der Bilder, die während meiner Arbeit und aus der Distanz heraus entstanden sind. Viele Berufe, die mit menschlich schweren Schicksalen umgehen müssen, brauchen diese professionelle Distanz: Ärzte, Sanitäter etc., also auch Journalisten.

Und wie sind die Fotos in der “Bild”-Zeitung gelandet?

Der Fotograf erklärte:

Die BILD ist in Hamburg immer noch eine der großen Abnehmer, und ich habe die Fotos, wie bei freien Fotografen üblich, den Medien angeboten. Nicht nur und einzig der BILD, aber zu allem Weiteren werde ich professionelles Stillschweigen bewahren, da ich auch in Zukunft noch als Fotograf arbeiten möchte, auch wenn ich natürlich weiterhin und situationsabhängig selbst entscheide, wer, wie und wo meine Fotos nutzt oder nutzen und verbreiten darf. Vielleicht werde ich in Zukunft anders handeln bei der Verbreitung meiner Bilder. Meine persönliche Meinung, zu welchem Medium auch immer, versuche ich übrigens in solchen Momenten professionell zurückzuhalten.

Wir wollten wissen, ob er es in Ordnung findet, das Foto des sterbenden Mannes (so) zu zeigen, darauf schrieb er:

Was ich persönlich ganz und gar nicht in Ordnung finde, ist, dass Passanten, Beteiligte (also auch der Täter) und vor allem auch Kinder so deutlich erkennbar dargestellt und veröffentlicht werden! Allerdings möchte ich nochmal klarstellen, das ich einzig und allein für die Entstehung und das zur Verfügung stellen der Fotos verantwortlich bin. Alles andere ist Sache der jeweiligen Redaktion! Es ist gängige Praxis, dass Fotografen ihre Bilder relativ unbearbeitet und unverändert zur Verfügung stellen und die jeweilige Redaktion diese dann den journalistischen und ethischen Gesetzen und Grundsätzen entsprechend veröffentlicht.

Die Reaktionen, die er auf die Fotos bekommen habe, seien “großteils relativ sachlich” gewesen, doch er habe den Eindruck,

dass viele Personen sich wenig bis gar nicht mit der Arbeit eines Fotojournalisten auskennen, die Situation vor Ort und mich persönlich natürlich noch weniger, und trotzdem ihre Schlüsse auf mich ziehen oder Entscheidungen mich betreffend fällen.

Sein “persönliches Fazit”:

Durch viele zusammenhängende Zufälle habe ich, in dem Moment aus professioneller Distanz, ein schreckliches Ereigniss dokumentiert und diese bildliche Dokumentation verkauft. Diese wurde dann verbreitet. Inwieweit ich Verantwortung für die Art der Verbreitung trage und sie beeinflussen kann (es geht hier um das Unkenntlichmachen von Beteiligten), möchte und kann ich nicht an dieser Stelle klären, für mich selbst werde ich es aber zu gegebener Zeit auf jeden Fall tun, um vor allem für mich und meine Zukunft daraus zu lernen!

Sein “berufliches Fazit”:

Theoretisch hätte die Verbreitung der Bilder ein wenig anders laufen können (!), praktisch ist genau das geschehen, was die Arbeit eines Fotojournalisten bewirken soll: Im besten Fall lösen die Bilder Emotionen bei den Betrachtern aus und stoßen so eine wichtige Diskussion an. Zum Schluss würde ich mir wünschen, dass sich diese Diskussion nun mehr um das eigentliche, schreckliche Geschehen dreht, als um einen Fotografen, der eigentlich nur seine Aufgabe erfüllt hat!

PS: Unseres Erachtens verstoßen “Bild” und Bild.de mit den Artikeln gegen Ziffer 11 (“Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid”) und gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) des Pressekodex, darum haben wir Beschwerde beim Presserat eingereicht.

Nachtrag: Der Presserat sieht es auch so und hat “Bild” und Bild.de öffentlich gerügt.

Bild  

Pittelkaus Pinkelkontrolle bei Honecker

Vor zwanzig Jahren war Mark Pittelkau noch nicht Chefreporter bei der “Bild”-Zeitung. Vor zwanzig Jahren, kurz nach der Wende, war er gerade volljährig, frisch im Westen, arbeitete als Kellner und wollte, wie er selbst erzählt, …

unbedingt Journalist werden. Als Kellner war das schwierig. Ich brauchte eine große Geschichte.

Und die bekam er. Mit Anfang Zwanzig gelang es ihm, den exilierten Erich Honecker in Chile zu treffen. Mehrere Tage lang besuchte er den ehemaligen DDR-Chef und dessen Frau in ihrem privaten Zuhause. Sie verbrachten Zeit miteinander, unterhielten sich, aßen gemeinsam, posierten für Fotos. Pittelkaus große Geschichte.

Sie war seine Eintrittskarte in die Welt der “Bild”-Zeitung. Das Blatt veröffentlichte die Geschichte kurz darauf, im Sommer 1993, als dreiteilige Serie.

“BILD zu Besuch bei Honecker”. Eine Homestory aus dem Exil.

“Bild” wurde nicht müde zu betonen, dass “Bild” damit etwas geschafft habe, was “bisher keinem gelang”; dass Honecker sich “Bild” zum exklusiven Foto stellte, dass er “Bild” exklusive Dinge erzählt habe. “Bild” feierte sich selbst. Dank Mark Pittelkau.

Pittelkau und “Bild” sind heute immer noch stolz auf diese Geschichte. Vor Kurzem, zum 20. Todestag von Honecker, erinnerten sie noch mal feierlich daran, dass “der BILD-Reporter Mark Pittelkau” ja “einer der letzten Gäste des DDR-Diktators” gewesen sei:

Auch diesmal wieder als Serie:

Und wie ist es dazu gekommen? Wie hat Mark Pittelkau, der 20-jährige Kellner ohne journalistische Erfahrung, den Ex-Chef der DDR dazu gebracht, in der “Bild”-Zeitung exklusiv die Hosen runterzulassen?

Indem er ihn nach Strich und Faden belog.

Oder, wie Pittelkau es damals formulierte: Mit einer “List”. Er schrieb Honecker mehrere Briefe, in denen er sich als Jungkommunist ausgab und sich eifrig bei Honecker einschleimte — und der fiel darauf rein. Nach und nach gewann Pittelkau das Vertrauen des 80-Jährigen. Bis er schließlich, im Juni 1993, nach Chile fliegen durfte.

Dort angekommen, spielte Pittelkau weiter den harmlosen Freund aus der Heimat. Er kaufte Blumen, sagte an der Tür sein “Sprüchlein vom Jungkommunisten aus Deutschland auf”, und Honecker empfing ihn “mit offenen Armen”.

„Ach, der junge Genosse aus Deutschland … Komm rein!“

So verschaffte sich Mark Pittelkau, der “liebe Genosse Mark Pittelkau”, Zugang zu den “letzten Geheimnissen” von Erich Honecker. So gelangte er auf die Terasse der Honeckers, in ihr Wohnzimmer, an ihren Esstisch. Fünf Tage lang, von Anfang bis Ende, hielt er seine Tarnung — seine Lüge — aufrecht. “Bild” war in Wahrheit also nicht “zu Besuch”, “Bild” ist eingedrungen und hat spioniert.

Sicher: Wallraff macht das auch immer — sich verkleiden, sich irgendwo einschleichen und dann stolz darüber berichten. Aber bei Wallraff geht es um wichtige Dinge. Um Missstände. Um Informationen, die unbedingt an die Öffentlichkeit gehören.

Bei Pittelkau ging es einzig und allein um Honeckers Privatsphäre. Darum, wie er lebt. Wie gesund oder krank er ist. Welche Marmelade er zum Frühstück mag. Wann er seine Mittagsschläfchen hält. Wie oft seine Kinder ihn besuchen. Was in seinem Einkaufskorb liegt. Welche Farbe sein Füller hat. Wie viele Zigaretten seine Frau raucht. Wie oft er pinkeln geht. Alles sorgfältig protokolliert und abgedruckt in der “Bild”-Zeitung. Aussagen zu Politik, zu Privatem, zum Gesundheitszustand, Größe, Gewicht, Adresse, Höhe der Rente, Länge des Rasens, Name des Pförtners — alles. Alles, was Mark Pittelkau in den fünf Tagen aufsaugen konnte.

Der Pressekodex sagt:

Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.

Auch deutsche Gerichte verlangen in der Regeln ein erhebliches Informationsinteresse der Öffentlichkeit, wenn es um die Verbreitung rechtswidrig erlangter Informationen geht.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum die Honecker-Serie damals anonym erschien. Über den Artikeln stand lediglich: “Von XXX”. (Und vielleicht ist das wiederum der Grund dafür, warum Pittelkau heute so erpicht darauf ist, den Ruhm für damals zu ernten, aber das nur am Rande.)

Jedenfalls dürfte auch Pittelkau gewusst haben, dass er seine Undercover-Recherche irgendwie legitimieren musste, dass sein Artikel einen triftigeren Grund brauchte als die bloße Sensationsgier der Leute. Er schrieb:

Ich wollte wissen: Ist [Honecker] wirklich so krank, wie seine Ärzte behaupten? Oder ist er ein fröhlicher Rentner, der sich auf unsere Kosten einen schönen Lebensabend macht?

Eine “List” im Sinne des Volkes also. Investigativjournalismus zum Schutze des Steuerzahlers.

Und es kann ja tatsächlich sein, dass die deutsche Öffentlichkeit damals unbedingt wissen musste, ob Honecker ihr Geld zum Fenster rauswirft. Aber muss man sich dafür tagelang in sein Leben einschleichen? Muss man eine ganze Artikelserie daraus machen und gnadenlos alles veröffentlichen, was man sieht und hört? Und muss man auch 20 Jahre später immer noch damit rumprahlen?

Pittelkau beantwortete die Frage, ob Honecker “wirklich so krank” sei, damals jedenfalls so:

Nach 5 Tagen verabschiede ich mich von den Honeckers. Erich hat einen festen, klammerhaften Händedruck. Für einen 80jährigen ist dieser Mann trotz seiner Krankheit zweifellos sehr rüstig. Zäh. Mumien sterben langsam.

Am Abend bummle ich allein durch die Gassen von Santiago. Aus kleinen Restaurants schwappt würziger Peperoni-Duft. Ich sehe Straßenmusikanten mit Gitarren und Mädchen in knappen Miniröcken.

Eine beschwingte Stadt. Sie lebt.

Aber oben auf dem Hügel der Millionäre stirbt ein Mann langsam vor sich hin.

Er ist traurig.

Er hat verloren.

Ich gehe in eine Bar und bestelle ein kaltes Bier. Ein Mädchen lächelt mich an.

Verdammt noch mal, das Leben ist so schön (vor 4 Jahren lebte ich noch hinter Honeckers Mauer).

ENDE

Pittelkau hatte damals immer wieder erwähnt, dass Honecker ein “greiser, grauer, krebskranker” Mann sei, dass sein Haus “langsam zu seiner Gruft” werde. Kein Skandal also, keine Verschwendung von Steuergeldern, nur ein sterbender Mann. Elf Monate später war Honecker tot. Und Pittelkau “Bild”-Reporter statt Kellner.

Mich ekelt das an. Dass Pittelkau dermaßen schamlos in die Privatsphäre einer ahnungslosen Familie eingedrungen ist. Und dass er heute immer noch so stolz, ja fast schon amüsiert davon erzählt. Als ginge es um einen Streich oder gar eine journalistische Heldentat — und nicht darum, zur bloßen Befriedigung der Leserneugier, zur Gewinnmaximierung der “Bild”-Zeitung und zum Antrieb der eigenen Karriere das Vertrauen eines alten Mannes zu missbrauchen und sein gesamtes Privatleben bis ins kleinste Detail an die Öffentlichkeit zu zerren.

Eichhörnchen, Daniel Ellsberg, Literaturclub

1. “#Heftigstyle: Bitte hört auf mit der Prostitution!”
(tobiasgillen.de)
Tobias Gillen warnt journalistisch arbeitende Titel davor, dem Clickbaiting-Erfolg “wie ein Eichhörnchen auf Speed seinen Nüssen” hinterherzurennen: “Qualitativ hochwertige Themen finden ihre Leser auch ohne solche Teaser. Und sie werden auch geteilt.”

2. “Der ‘Literaturclub’ und die ‘Besserwisser'”
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Das Schweizer Fernsehens reagiert auf das von Elke Heidenreich erfundene Heidegger-Zitat mit dem Vorwurf an den (inzwischen von seiner Leitungsposition entbundenen) Moderator Stefan Zweifel, er habe sich “lehrerhaft und besserwisserisch” verhalten. “Ist jemand besserwisserisch, wenn er auf ein falsches Zitat mit heiklem Inhalt aufmerksam machen will? Nein, er nimmt in einem solchen Fall bloss seine journalistische Pflicht wahr.”

3. “‘Snowden würde direkt ins Gefängnis wandern'”
(freitag.de, Daniel Ellsberg)
Whistleblower Daniel Ellsberg begründet, warum er glaubt, dass Whistleblower Edward Snowden in den USA keinen fairen Prozess erhalten würde.

4. “‘Was bei Google unauffindbar ist, existiert für viele nicht'”
(tagesanzeiger.ch, Reto Hunziker)
Für 90 Franken die Stunde sucht Alexander Wenger nach Menschen: “Ich musste zum Beispiel herausfinden, wo ein Mann 1975 gewohnt hat. Das elektronische Archiv des Einwohnermeldeamtes reichte allerdings nur bis ins Jahr 2002 zurück. Teilweise haben die Beamten selbst keine Ahnung, dass ältere Daten beispielsweise im Keller des Gemeindehauses aufbewahrt werden.”

5. “Vergewaltigungswitz der @Bild-Zeitung kein Fall für den Presserat. Ihr erinnert euch?”
(upgrademeblog.com)
Andreas Weck erhält Post vom Presserat. Ein von ihm beanstandeter Witz in “Bild” sei kein Verstoß gegen den Pressekodex.

6. “Tankstelle überfallen: ‘Bild’-Sportreporter muss 13 Monate in JVA Landsberg einsitzen”
(der-postillon.com, Satire)

Der falsche Täter und andere Rügen

Die Beschwerdeausschüsse des Presserats haben in ihren jüngsten Sitzungen sechs Rügen, 20 Missbilligungen und 16 Hinweise ausgesprochen. Die Hälfte der Rügen ging an die “Bild”-Gruppe.

Etwa hierfür:

(Unkenntlichmachungen von uns.)

So hatten die Kölner “Bild”-Ausgabe und Bild.de Anfang des Jahres über ein Verbrechen in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen berichtet. Die Redaktionen nannten den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen sowie persönliche Details des Patensohns und zeigten ein Foto von ihm, das lediglich mit einem kleinen Alibi-Balken versehen war. Kurz darauf erwies sich der Mann jedoch als unschuldig (BILDblog berichtete).

Nach Ansicht des Presserats ist die Berichterstattung vorverurteilend und identifizierend und verstößt damit gegen Ziffer 13 (Unschuldsvermutung) des Pressekodex. “In Anbetracht des Ermittlungsstandes hätte über ihn nicht identifizierend berichtet werden dürfen”, befand der Ausschuss und sprach gegen “Bild” und Bild.de eine Rüge aus. Bei Bild.de ist der Artikel übrigens immer noch unverändert online.

Eine weitere Rüge erhielt Bild.de für die Berichterstattung über den Mord an einem zwölfjährigen Mädchen. Das Portal hatte den Artikel mit einem Foto des Kindes bebildert, obwohl Opfer von Verbrechen — insbesondere Minderjährige — laut Pressekodex besonderen Schutz genießen (Richtlinien 8.2 und 8.3). Die Redaktion argumentierte später, die Familie habe in der Lokalzeitung selbst eine Todesanzeige mit Foto veröffentlicht. Dieses Argument ließ der Presserat jedoch nicht gelten:

Aus einer Todesanzeige in einem anderen Medium, die sich an einen kleineren Personenkreis richtet, lässt sich nicht auf eine grundsätzliche Einwilligung zu einer identifizierenden Abbildung schließen. Zudem war in der Todesanzeige nicht die Rede von einem Gewaltverbrechen. Diesen Zusammenhang stellte erst BILD Online in der Berichterstattung her. Besonders schwer wog aus Sicht des Gremiums zudem, dass das Mädchen unmittelbar neben seinem Mörder abgebildet wurde. Dies verletzt die Gefühle der Angehörigen.

Die Nürnberger “Bild”-Redaktion wurde gerügt, weil sie über ein laufendes Strafverfahren wegen eines Drogendelikts berichtet und dabei viele Details zu dem Betroffenen genannt hatte. Der Presserat erkannte darin einen schweren Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Ein überwiegendes öffentliches Informationsinteresse an der identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Dass sich die Redaktion auf die Beschwerde hin zwar bei dem Betroffenen, nicht aber bei den Lesern entschuldigt hatte, sei keine “ausreichende Wiedergutmachung im Sinne des Pressekodex”.

Doppelt gerügt wurde die Berichterstattung von Welt.de über den Suizid einer Nachwuchssportlerin. Die Redaktion hatte in zwei Artikeln (darum auch zwei Rügen) ausführlich über persönliche Details der jungen Frau geschrieben — etwa über ihre psychischen Probleme und die Beziehung zu ihrem Freund — und damit “tiefgreifend” in ihre Privatsphäre eingegriffen, wie der Presserat befand. “Zudem spekulierte die Redaktion über die Beziehung zwischen Eltern und Tochter und stellte hierdurch indirekt Schuldzuweisungen für den Suizid in den Raum.” Die Berichterstattung verstoße gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und insbesondere Richtlinie 8.7 (Selbsttötung), nach der die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung gebietet — vor allem mit Blick auf mögliche Nachahmer.

Übrigens hatten auch andere Medien detailliert über den Suizid berichtet und über die Hintergründe spekuliert. Beim Presserat gingen aber nur Beschwerden über Welt.de ein.

“Focus Online” schließlich wurde mit einer Rüge belegt, weil das Portal “unangemessen sensationell” über einen Überfall in Ecuador berichtet hatte. Auf einem Video war unter anderem ein blutüberströmtes Opfer zu sehen, das aus einem Bus stürzte. Aus Sicht des Presserats verstößt die Darstellung der sterbenden Menschen gegen Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. “Focus Online” argumentierte zwar, das Video sei zu Fahndungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, doch das ließ der Beschwerdeausschuss nicht gelten. Die Täter seien zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits gefasst, der Fahndungszweck also nicht mehr gegeben gewesen.

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Von den 20 Artikeln, die missbilligt wurden, erschienen sieben in “Bild” bzw. bei Bild.de.

Ein Brief von Franz Josef Wagner wurde missbilligt, weil er darin den Ex-Präsidenten der Ukraine als “egoistisches, luxuriöses Schwein” bezeichnet hatte. Diese Herabwertung verstoße gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), entschied der Beschwerdeausschuss.

Missbilligt wurden außerdem das Foto von einer privaten Trauerfeier, das Foto eines flüchtenden Ladendiebes und der Screenshot eines Facebook-Profils, auf dem persönliche Details zu Täter und Opfer einer Straftat zu erkennen waren (alles bei Bild.de erschienen; jeweils Verstöße gegen Ziffer 8).

Außerdem zeigte Bild.de ein Foto, auf dem ein Feuerwehrmann ein lebloses Kind in den Armen hält. Zwar war der Körper des Jungen einigermaßen verpixelt worden, dennoch wertete der Presserat die Darstellung als unangemessen sensationell (Ziffer 11), vor allem auch, weil die Bildunterschrift suggerierte, dass es sich um ein totes bzw. sterbendes Kind handele.

Gleich zwei Missbilligungen gab es für die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Piraten aus Somalia, der von Bild.de vorverurteilt (Ziffer 13) und von der gedruckten “Bild” ohne Unkenntlichmachung gezeigt wurde (Ziffer 8).

Weitere Missbilligungen gingen an “Bunte” und Bunte.de (für die Weight-Watchers-PR-Geschichte mit Julia Klöckner), “Playboy”, “Fränkischer Tag Online”, taz.de, “Buxtehuder/Stader Tageblatt”, Derwesten.de, “Hundeleben”, “Express”, Ruhrbarone.de und Tagesspiegel.de.

Man könnte sich das selbst nicht ausmalen

Immer dann, wenn ein Mensch von einer Heuballen-Maschine zerschreddert wird oder sich beim Kitesurfen aus Versehen selbst erdrosselt, wenn jemand überfahren, ertränkt, vom Blitz erschlagen, erschossen, verbrannt, in Stücke gehackt oder auf eine andere brutale oder “bizarre” Weise getötet, verletzt oder gedemütigt wird, immer dann ärgert sich die “Bild”-Zeitung, dass sie nicht mit dabei war.

Aber sie weiß sich zu helfen. Statt grausamer Fotos gibt’s dann eben so etwas:

(Nachtrag, 13. September: Wir haben die erste Zeichnung — “Bauernsohn von Heumaschine zerschreddert” — ausgetauscht, weil sie vom Presserat missbilligt wurde.)

Immerhin kann man den “Bild”-Zeichnern nicht vorwerfen, sie würden sich keine Mühe geben. Beim “Express” dagegen, wo sie sich am Wochenende ebenfalls an einer Illustration versucht haben, wurden nicht nur die moralischen (sofern vorhanden), sondern gleich auch alle ästhetischen Ansprüche mit Schmackes über Bord geworfen:Ausriss:

“Haut endlich ab!”

Gestern Nachmittag schrieb Bild.de im MH370-Liveticker:

Bei den Angehörigen kochen die Emotionen hoch. Im Pekinger Lido Hotel kommt es zu Tumulten. Wütende Verwandte gehen auf wartende Medienvertreter los. Eine Frau schlägt mit der Tasche auf Kameras ein. “Haut ab!”, schreit sie.
Zuvor waren mehrere Verwandte mit tränenüberströmten Gesichtern aus dem Raum gekommen und von Reportern gejagt worden. Einige brachen vor laufenden Kameras auf dem Weg zusammen. Mehrere mussten mit Krankenwagen weggebracht werden.

Und was macht man bei Bild.de mit Menschen, die voller Verzweiflung auf Kameras einprügeln, weil sie endlich in Ruhe gelassen werden wollen, die von Reportern gejagt werden und vor laufenden Kameras tränenüberströmt zusammenbrechen? Genau: Man zeigt ohne Ende die unter diesen Umständen gemachten Fotos von ihnen.

Drei Stunden nach der Ticker-Nachricht veröffentlichte Bild.de über ein Dutzend solcher Aufnahmen — in einem einzigen Artikel.

Wir beschränken uns hier auf die Bildunterschriften:
Schreie der Verzweiflung Viele Angehörige brechen nach der Todesnachricht im Hotel Lido zusammen Wut bei diesem Angehörigen Ein Hinterbliebener nach der Hiobsbotschaft Nach zwei Wochen verlassen gebrochene Angehörige das Hotel Lido in Peking Verwandte von vermissten Passagieren rücken in ihrer Trauer zusammen Unerträglichen Leid Verzweifelt schlägt die junge Frau die Hände vor das Gesicht Tränen bei dieser Hinterbliebenen
 Schmerz
 Eine Angehörige bricht zusammen Eine ohnmächtige Frau wird zu einem Rettungswagen geschoben Trauer
Bild.de ist nicht das einzige Medium, das darin offenbar keinen Widerspruch sieht — oder ihn schlicht ignoriert. Auch “RP Online” schrieb gestern Abend:

Empörung lösen auch die vielen Medienvertreter aus. Sie machen in dem Hotel geradezu Jagd auf die trauernden Verwandten, sobald sie aus dem Saal herauskommen. Es kommt zu Tumulten zwischen verärgerten Angehörigen und Reportern. Mehrere Verwandte schlagen auf Kamerateams ein. “Haut ab, haut ab, haut endlich ab!”, kreischt eine Frau mit verweintem Gesicht. Sie schlägt mit der Tasche gegen eine Kamera. “Lasst uns endlich in Ruhe!”, ruft wütend eine andere Frau.

… und als hätte es diesen Absatz niemals gegeben, werden in der dazugehörigen Klickstrecke auf sieben von acht Fotos trauernde Angehörige gezeigt. Auch “T-Online”, “FR Online”, N24.de, die Münchner “Abendzeitung” und viele andere Medien haben solche Klickstrecken veröffentlicht.

Sicher: Fotos von Trauernden sind nicht per se zu verurteilen. Der Presserat befand etwa nach dem Amoklauf von Winnenden, dass die Veröffentlichung eines Fotos von zwei weinenden Schülerinnen nicht gegen den Pressekodex verstoße — es dokumentiere, im Gegenteil, “auf eindrucksvolle Weise die Trauer und die Verzweiflung”, die nach der Tat herrschten (PDF, S. 20).

Aber gleich zig Bilder von verzweifelten Menschen zeigen, von denen man genau weiß, dass sie nicht fotografiert werden wollen?

Selbst die “Tagesschau” hat damit kein Problem. In der Ausgabe am gestrigen Abend waren fast 30 Sekunden am Stück ausschließlich trauernde und zusammenbrechende Angehörige zu sehen, und Menschen, die sich verzweifelt dagegen wehren, gefilmt zu werden, was offenbar besonders reizvoll-dramatische Aufnahmen produziert. Screenshot: "Tagesschau" vom 24. März 2014, 20 Uhr
Die Sequenz endet damit, wie der Kameramann mit einem hektischen Zoom versucht, noch einen letzten Blick ins Innere des Hotels zu erhaschen, bevor die Tür endlich zugemacht wird.

Mit Dank auch an Daniel.

Nachtrag, 26. März: Auf Anfrage erklärte uns “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke: “Wir haben in der Nachbesprechung der Sendung diese Szene kritisch diskutiert. Im Nachhinein fanden wir es problematisch, diese Menschen zu zeigen unmittelbar nachdem sie die Todesbestätigung ihrer Angehörigen erhalten haben. In einer vergleichbaren Situation würden wir die Szene wesentlich kürzer zu zeigen und auf Großeinstellungen der Trauernden verzichten.”

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