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Franz Josef Wagner und der ausgefranste Barte des Propheten

Anfangs war es noch die Faszination für den Menschen Martin Schulz, die “Bild”-Briefchef Franz Josef Wagner inspirierte. Dieser Lebensweg! Am 26. Januar, also zwei Tage nachdem bekannt wurde, dass nicht Sigmar Gabriel, sondern Martin Schulz die SPD im Bundestagswahlkampf führen wird, schrieb Wagner:

Lieber Martin Schulz,

Sie sind ein Kanzlerkandidat wie aus einem Roman. Ich hätte gerne die Filmrechte. Da ist ein Junge, der nur Fußball im Kopf hat. Er ist mit der B-Jugend Vizemeister geworden. Fußballprofi wollte der Junge werden. Eine schwere Verletzung beendete seinen Traum.

Im Gesicht des Kanzlerkandidaten Schulz sieht man nicht die Narben – aber wie verheilt sind die Wunden in seiner Seele? Er ist Schulabbrecher, er ist ein Junge ohne Zukunft. Er beginnt zu trinken, sich die Welt schönzutrinken. Gerichtsvollzieher stehen vor seiner Tür. Er denkt an Selbstmord. Er ist ein Gespenst aus Alkohol und Trübsinn.

Wie man aus all dieser Scheiße rauskommt, davon handelt der Roman. Wie man die Kurve kriegt. Wie man wieder ein Bürger wird. Das ist der Roman des Martin Schulz.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Aus dieser Faszination für seinen Romanhelden wurde schnell mehr. Wagner verliebte sich “quasi”. Den Brief, den er am 6. Februar in “Bild” veröffentlichte, adressierte er nicht an Martin Schulz, sondern an “Umfrage-König Schulz”:

Lieber Umfrage-König Schulz,

es scheint, als wären alle blindverbliebt in Sie. Blindverliebt ist die schönste Liebe. Es ist das Verliebtsein.

Da ist jemand, der seine Fehler nicht vertuscht. Schulabbrecher, Alkoholiker. Da ist jemand, der nicht mit Schummel-Doktor-Titeln Karriere macht.

Wir sind verliebt in einen Guttenberg von unten.

Ich mag Schulz, wie er redet. Er entzückt, bezaubert SPD-Wähler.

Ich bin quasi verliebt in ihn. Er verspricht mir so viel, aber ich weiß nicht, was.

Verliebte weinen viele Tränen.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Einige Tränen und neun Tage später ist die Romanze allerdings schon wieder zu Ende. Franz Josef Wagner ist nicht mehr “blindverliebt”, plötzlich kann er wieder sehen. Und was er da sieht, lässt ihn erschrecken: einen Bart! Ja, doch, Martin Schulz trägt einen Bart. Wobei, nein, eigentlich ist das nicht mal ein Bart, das ist ein “Spinnennetz”, “ein ausgefranster Teppich”. Wagner schreibt heute:

Lieber Martin Schulz,

der Wert eines Menschen hängt nicht von Äußerlichkeiten ab. Aber bitte, rasieren Sie sich! Ein Kanzlerkandidat sollte nicht so ein Spinnennetz vor seinem Gesicht haben.

Sie wollen das Gesicht Deutschlands werden, mit diesem ausgefransten Teppich im Gesicht.

Warum rasieren Sie sich nicht?

Weil Sie keine Zeit haben? Weil alles wichtiger ist als rasieren? Oder weil Sie mit Ihren 61 Jahren noch immer ein Revoluzzer sein wollen?

Ihr Bart irritiert mich. Ich weiß nicht, was er bedeuten soll.

Eine anständige Rasur dauert zehn Minuten. Man seift sein Gesicht ein, bis die Barthaare weich werden.

Und dann schneidet man von unten nach oben.

Und dann hat man ein glattes Gesicht.

Das glatte Gesicht von Martin Schulz will ich sehen.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Dass Franz Josef Wagner mal findet, dass die Fußballer des FC Bayern München in der Kabine auf Deutsch über Goethe und Schiller sprechen sollten, und später schreibt, dass nun wirklich nicht wichtig sei, dass die Fußballer des FC Bayern München in der Kabine auf Deutsch über Goethe und Schiller sprechen, ist typisch für den “Bild”-Kolumnisten. Genauso, dass er das “Dschungelcamp” mal für genau das Richtige und mal für genau das Falsche in Zeiten des Terrors hält.

Meist liegen einige Jahre zwischen widersprüchlichen Wagner-Briefen. Dass er sich dieses Mal innerhalb weniger Wochen erst in einen Menschen verliebt, und seine Gefühle dann mangels Rasur erkalten — das ist selbst für Franz Josef Wagner ein besonderes Dramolett.

Mit Dank an @Thomann_J und @Thosch73 für die Hinweise!

Trumps Mann fürs Grobe, Springer vs. Burda, Pufpaffs treue TV-Hasser

1. Trump-Berater über US-Medien: Ihr seid die Opposition
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Donald Trump hat bekanntermaßen den früheren Breitbart-Chef und Rechtsausleger der Republikaner Steve Bannon zum “Counselor to the President” ernannt. Bannon ist damit der ranghöchste Berater im Weißen Haus. Nun holzt er entsprechend los, behauptet, dass die Medien “zu 100 Prozent” falsch berichtet hätten und nennt dabei ausdrücklich die “Washington Post” und die “New York Times”. Matthias Kolb erklärt die Hintergründe und weist am Ende auf eine pikante Meldung der “Washington Post” hin, nach der Bannon sowie vier andere Mitglieder des engsten Trump-Zirkels in zwei Bundesstaaten in den Wählerlisten auftauchen: “Dies ist genau jener angebliche “Wahlbetrug”, über den sich Trump beschwert und den er – ohne jegliche Grundlage – als Erklärung ausführt, wieso Hillary Clinton knapp drei Millionen mehr Stimmen erhielt.”

2. Ein schmaler Grat: Springer gegen Burda
(irights.info, Till Kreutzer)
Schon seit einiger Zeit wirft der Springer Verlag den Leuten von “Focus Online” vor, sich systematisch beim Bezahlangebot “Bildplus” zu bedienen, sprich Meldungen zu übernehmen. Juristisch ist das Ganze nicht einfach wie iRights-Anwalt Till Kreutzer schreibt. In dem Fall ginge es weniger um Fragen des Urheberrechts als um solche des Wettbewerbsrechts. Dem gegenüber stünde die Freiheit von Informationen. Egal wie die Klage Springers gegen Burda ausginge, sei es jedoch eine Frage von (Doppel)Moral: “Solange es nicht verboten ist, können Verlage oder ihre Redaktionen das vielleicht so machen. Aber die andere Frage ist: Sollte man es machen? Insbesondere, wenn man zu einem Verlag wie dem Burda-Verlag gehört, der für sich reklamiert, Qualitätsmedien herzustellen.”

3. Konstruktive Glückwünsche
(taz.de)
“Emma” wird 40 und die “taz” lässt zu diesem Anlass sieben Frauen zu Wort kommen, die mit der Zeitschrift groß geworden sind. Neben den zu erwartenden Geburtstagsglückwünschen gibt es auch einiges an Kritik. Und apropos Kritik: Für “turi2” hat Tatjana Kerschbaumer die aktuelle Jubiläumsausgabe der Emma einer Blattkritik unterzogen.
Und Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele spricht in der “taz” unter anderem über die Gefahr, dass die “Emma” vor lauter Antiseximus rassistisch werden könnte: “Auf dem rechten Auge blind”

4. War on Facts
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Adrian Lobe schreibt über die Gefahren von Trumps Politik als Reality-Show: “Trumps Krieg gegen die Wirklichkeit besteht darin, dass er seine Politik der Logik der Reality TV unterwirft, in der etablierte und bewährte Spielregeln des politischen Betriebs (Verfassungstreue, Respektierung der Grundrechte, Achtung von Minderheiten) nicht mehr gelten und Medien nur noch Zuschauer sind. Die Folge ist, dass die Lüge gar nicht mehr sanktioniert wird, weil sie als akzeptiertes Stilmittel und Schmiermittel seiner Show-Politik quasi mit dazugehört.”

5. Türkei sperrt neues Onlinemedium “Özgürüz”
(spiegel.de)
Die Türkei hat das kritische Onlinemedium “Özgürüz” gesperrt. Und zwar bereits bevor es richtig losgehen sollte, wie “Correctiv”-Verantwortlicher und “Özgürüz”-Herausgeber Markus Grill auf Twitter meldete.

6. Die treuesten Zuschauer sind oft die, die einen hassen.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Sebastian Pufpaff ist ein deutscher Kabarettist, Moderator und Entertainer. In der „Heute-Show“ bekommt er meist die „Arschloch-Rolle“, während er in „Pufpaffs Happy Hour“ als gut gelaunter Gastgeber Comedy- und Kabarett-Kollegen auf die Bühne holt. Im Interview spricht Sebastian Pufpaff über seine Anfänge im Shopping-TV, Sendeplätze für Satire, empfindliche Zuschauer und seine „Schleimfrisur“.

TV-Bühne für Populisten, Faktencheck mit AfD-Höcke, AutismusFAQ

1. Kasperletheater im Weißen Haus
(zeit.de, Daniel-C. Schmidt)
Heute ist es dann also soweit: Donald Trump wird 45. Präsident der USA. Erst kürzlich gab es bei einer Pressekonferenz wieder einen Vorgeschmack darauf, wie er mit Medien umgeht — ruppig und respektlos. Daniel-C. Schmidt fragt daher in Richtung US-Journalisten: “Sind sie also vorbereitet auf den nächsten US-Präsidenten, der in den vergangenen Monaten so keinerlei Hehl daraus gemacht hat, wie sehr er Journalisten verabscheut?” Er schaut, wie sich Mitarbeiter von “Washington Post”, “New York Times” und “Chicago Tribune” auf Trump einstellen. Ebenfalls zum Thema: Ein offener Brief im Namen der US-Presse von Kyle Pope, Chefredakteur der “Columbia Journalism Review”, der durchaus als Kampfansage verstanden werden kann (englisch) sowie die Forderung der “Reporter ohne Grenzen” an Donald Trump, die Feindseligkeiten gegen Journalisten zu beenden.

2. Talkshows: Bühne frei für Populisten
(wdr.de, Georg Restle, Naima El Moussaoui & Andreas Maus, Video, 8:08 Minuten)
Bieten TV-Talkshows rechten Provokateuren zu oft eine zu große Bühne? Georg Restle, Naima El Moussaoui und Andreas Maus haben alle 141 Sendungen der ARD- und ZDF-Talkformate aus dem vergangenen Jahr ausgewertet und sich dabei unter anderem gefragt: “Schüren Talkshows Ängste? Verstärken sie Hysterie?” Um ein ganz ähnliches Thema geht es im “Tagesanzeiger”-Interview mit dem Publizistikwissenschaftler Uwe Krüger: “Rechte machen eine Talkshow spannend”. Für Krüger ist das Quotendenken der TV-Redaktionen der Grund für die vielen Einladungen an “AfD”-Politiker.

3. Herr Höcke und die Fakten
(br.de, Matthias Hacker)
Eigentlich hat Moritz Hoffmann etwas ganz simples gemacht: Der Historiker hat sich mehrere Aussagen angeschaut und überprüft, ob sie stimmen. In seinem Fall waren es die Aussagen des “AfD”-Rechten Björn Höcke aus dessen Rede in Dresden vor einigen Tagen. Viele stimmten nicht, Hoffmann korrigierte sie und veröffentlichte seine Korrekturen bei Twitter. Der Post ging durch die Decke. Im Gespräch mit Matthias Hacker erzählt Moritz Hoffmann von den Reaktionen auf seine Aktion und der Möglichkeit, auf diese Weise mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die man sonst nicht mehr erreicht.

4. Pressefreiheit ausgesetzt
(taz.de, Andreas Zumach)
Ausgesperrte Journalisten am “UN”-Sitz in Genf, keine Journalistenfragen im Berner Bundeshaus — Chinas Staatspräsident Xi Jinping war zu Gast in der Schweiz, und die Schweizer Behörden taten viel dafür, dass kritische Worte und Fragen ihn nicht erreichten. “Durch eine beispiellose Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit wurde der Staatschef vor Kritik bewahrt”, schreibt Andreas Zumach.

5. What it feels like for a girl
(annesophiekeller.ch)
Gegen Hassbriefe sei sie, das schreibt Anne-Sophie Keller selber, inzwischen “auf eine kranke Art abgehärtet.” Als neulich aber einer dieser “ganz banalen Hassbriefe eines Clinton-Gegners” nicht bei ihr, sondern im Briefkasten ihrer Mutter landete, habe sie das mehr getroffen als sonst. Deswegen hat sie bei sich auf der Seite nun einen Text veröffentlicht “über das, was für viele Schweizer Journalistinnen Redaktionsalltag bedeutet: Hassbriefe, Drohungen, Belästigungen.”

6. Autismus in den Medien
(autismusfaq.de)
Autismus werde “in den Medien immer wieder als Metapher für Empathielosigkeit, Versagen und mangelndes Denkvermögen verwendet”, kritisiert das Duo hinter der Seite “AutismusFAQ”. Für mehr Aufklärung zum Thema gibt es dort Antworten auf Fragen zum Autismus. Zum Beispiel: “Ist Autismus eine passende Metapher für emotionale Kälte?” Der Text ist auch ein Appell an alle Medien: “Bitte verwendet Autismus nicht als Metapher für politisches und anderes Versagen.”

BILDblog hält Winterschlaf (11)

Zack — schon wieder ist ein Jahr (fast) vorbei. Wie schon in der Vergangenheit, machen wir hier jetzt für ein paar Tage Pause. Im Januar 2017 sind wir mit neuen Beiträgen wieder für Sie da!

Ein großer Dank geht an alle Leser! Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten, ein paar schöne freie Tage und einen guten Start ins neue Jahr. Ein besonders großer Dank geht an all jene, die uns in diesem Jahr mit Hinweisen versorgt haben. Leider schaffen wir es zeitlich nie, allen nachzugehen. Vielen aber schon. Und deswegen geht ein ganz besonders großer Dank an diese Personen, deren Hinweise zu Blogeinträgen geführt haben:

@19Rhyno04, @Alyama1, @BalderHelix, @coralandmauve, @dienetzpilotin, @diet_mar, @EFCRODGAU1999, @gabrielvetter, @griboe, @Hasi_Goreng, @herrnkoenig, @HoechDominik, @i_am_fabs, @im_fo, @JimmyRuppa, @KaiOliverKraft, @levinuzz, @macerarius, @mir70, @moethe, @Pertsch, @Pilzeintopf, @ralfheimann, @SteffiinneSonne, @StrohhutPirat, @TanteEla74, @TypischerTyp,@vierzueinser, @VM_83, @Wasserbanane, Alex, Alexander B., Alexander K., Alexander M., Arnd Z., Axel B., Bas Tian, basti, Ben F., Ben, Bernd, Bernhard W., Boris R., C. F., Carsten N., Chris H., Christian H., Conny S., Daniel N., Daniel, David S., Dominik H., Dominik N., Eiko M., Eugen F., Fab, Fabian S., Florian G., Florian, flurfunk-dresden.de, Gabriel M., Gero D., Götz M., Hanuš G., Hauke H., Helena, henry, Herma R., Ingolf L., Jan H., Janna H., Jannis C., Jens L., Johanna, Johannes K., Johannes R., Jonas J., Jonas, Jörn J., Julian H., Julius A., Kai, Katja, Lars B., Lennart, Lukas H., Lutz K., Marcus D., Markus E., Markus M., Martin S., Martin, Matthias K., Matthias M., Michael H., Michael W., Michel M., Micky B., Moritz D., Moritz K., nikita, Nold, Ole, Pascal S., Patrick B., Peter U., Philip W., Philipp S., pwco, Ralf H., Roland B., Rosemarie H., Samuel G., Sander, Sascha K., Sebastian M., Sebastian S., Sebastian, Sinisa M., Sisi T., Stefan K., Stefan N.,Stefan W., Susanne G., Thomas N., Thomas R., Thomas S., Thorsten H., Tobias N., Torben W., Totte, Uwe K., Volker S., Yannik S.

Sollte es in der Zwischenzeit irgendwo medial richtig knallen, unterbrechen wir natürlich unseren Winterschlaf. Außerdem präsentieren wir Ihnen nach Weihnachten jeden Tag ein Best-of aus zwölfeinhalb Jahren BILDblog.

Und damit Ihnen der Lesestoff auf keinen Fall ausgeht, haben wir eine Übersicht mit all unseren Beiträgen aus diesem Jahr zusammengestellt. Klicken Sie sich doch mal durch:

» Terror-Alarm ohne Gewehr
» Nicht alles, was hitler ist, ist verboten (3)
» Heinz Hermann Thiele trinkt keine Entschlackungstees
» Verzettelte Drohungen
» SO kannst Du vortäuschen, dass Du ein journalistisches Portal bist
» Wer hat’s gemunkelt?
» Gute Vorsätze
» Die Opfer der „Bild“-Zeitung
» “Ich dachte, es gibt ethische Grenzen
» Sag mal Klettergerüst
» Wie der „Focus“ jahrelang über kriminelle Ausländer geschwiegen hat
» Die „Welt“ verheimlicht, dass nichts verheimlicht wurde
» Linke Nummer mit Mutti
» Das muss man sich mal vorstellen
» Presserat billigt nacherzählten Terror-Fehlalarm
» “BILD wird jede Chance nutzen, um mir zu schaden”
» “Bild”-Online-Chef: “BILDblog marschiert für Pegida”
» Das Schweigerkartell
» Bei Schwarzarbeit macht den Griechen keiner was vor
» “Ebenso böswillig wie falsch”
» Sie helfen
» So viel Klartext muss sein
» Medien ermitteln: Es war menschliches Versagen!
» Katastrophenjournalismus heute — eine Anleitung
» Aber der Sportteil!
» Journalismus-Irrsinn: Berichten mit Augenmaß!
» Wie gemein! Wer setzt solche Gerüchte in die Welt?
» Foto: Privat
» Völker, klaut die Signale
» Opferfotos bei Facebook klauen — was hält Mark Zuckerberg davon?
» Geier Sturzflug (2)
» “Blick” macht 15-Jährigen zum Dopingsünder
» Peter Lustig war kein Kinderhasser
» Persönlichkeitsrechte? Ehrensache!
» Sein Wort in ihren Ohren
» Der Minister, die Schauspielerin und die Medien
» Bei „Yahoo“ kann man noch ungestört „Todesstrafe für Ausländer“ fordern
» Sehen alle gleich aus (12)
» Gestreckter Stoff mit Hitler
» „Bild“ macht friedliche Moslems zu radikalen Islamisten
» Wenn die „Bild“-Zeitung erscheint, stirbt ein Promi
» 1+1+1+1+1=2
» Bild dir dein Frauenbild
» Der ehrenhafte Julian Reichelt und die grausamen Fotos aus Syrien
» „Der allergrößte Teil der Medien hat sich sehr gut verhalten“
» Wie gut ist „Bild“ wirklich?
» Clickbait aus Leidenschaft
» Die Anschläge von Brüssel im Breaking-News-Modus
» Schnell, schneller, „Focus Online“
» Heute anonym XXVI
» So sieht Journalismus heute aus
» Presserat hält „Galgenmann“-Fotos für unzulässig
» Medien tappen in gigantische Superrattenfalle
» Die grausame Wahrheit über die „Huffington Post“
» „Eigentlich ist es noch viel krasser“
» Nazi-Skandal Reloaded
» Jeder zehnte Journalist berichtet falsch über kriminelle Flüchtlinge
» Bild.de befördert Edward Snowden zum Russen-Spion
» Der Tod eines Toreros in Zeitlupe
» „Focus Online“ fällt auf einen 85 Jahre alten Witz rein
» „Focus Online“ klaut einen erfundenen Asteroiden
» „Extrem drastisches Video“, munter retweetet
» Wie „Bild“ mit „Sex-Mob-Alarm“ Vorlagen für rechte Hetzer liefert
» Die bigotten Hüter des Urheberrechts
» Falsches Spiel des Jahres
» Genies unter sich
» Das besondere „Bild“-Mitgefühl
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: Amoklauf in München
» Das Attentat von München und die Medien
» „The European“ wärmt den „Sex-Mob-Alarm“ auf
» Foto-Tumult im Freibad
» Bild.de macht den Deutschen Angst
» Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel
» Hinterher ist Bild.de immer schlauer
» Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer
» Kokain im alten Zopf
» Dirk Hoerens nächste halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer
» Verfahrene Verbotsfantasien
» Was, wenn Bild.de den Flüchtlingsdeal platzen lässt?
» Wolf, Du hast die Gans gestohlen
» „500 Euro Bild-Zeitung-Leserreporter? Hör auf jetzt!“
» Überschriften sind kein Kinderspiel
» Heinz Buschkowsky und das falsche „Pokémon“-No-Go im Islam
» Burgerjournalismus beim „Express“
» „Bild“ sucht den verschwundenen Chinesen. Wir suchen mit.
» Und wer denkt mal an uns?
» Bild.de und die offizielle Nominierung für den Friedensnobelpreis
» „Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern
» „Bild“ schon wieder am Grab von Andreas L.
» Das Phantom der Burka
» 25 lesenswerte Medienreflexionen zu #Rio2016
» Es war nicht ihr Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandburkini
» Den Papageien zum Kolumnisten machen
» Durchfall! Kollaps! Schenkelklopfer!
» Der „Express“ erklärt Köln zum Kriegsgebiet
» Herbert Grönemeyer hat keine 28-Jährige geheiratet
» „Blitz-Heilungen“ kann nicht mal „Bild“ voraussehen
» Das ist doch wohl ein schlechter Witz
» Hallöchen Voyeurchen
» Völlig versemmelt
» Und arbeitslos ist er auch noch
» Mit Bindestrich und ohne Würde
» Falsches über die Fälscher
» Bei Anruf Witwenschütteln
» Lach- und Unsachgeschichten
» Auch mal die andere Seite zeigen
» Telling Lies
» Die nackte Halbwahrheit
» Des Kaisers neuer Name
» Ob rot, ob braun, Bild.de schreibt nur über blonde Frau’n
» Diagnose: eine ernst zu nehmenden Computerspielwerbesucht
» Die Rügen-Könige aus dem Axel-Springer-Hochhaus
» „So wird aus positiv plötzlich negativ“
» „Pixel-Irrsinn“-Irrsinn bei Bild.de
» Einen wichtigen Punkt vergessen
» Das falsche Senegalesen-Zitat von Andreas Scheuer und die Medien
» Zum „Sex-Killer“ erklärt
» „Bild“ zeigt private Fotos von getöteten Menschen
» „Wir helfen“ – beim rechten Verwirrspiel
» Besondere Aufmerksamkeit
» „Die Moral der Moralapostel“
» Das Oktoberfest in den Medien
» Linke Nummer mit der/die ComputerIn
» Recherchieren? „An einem Sonntag ein bissl schwierig“
» „Bild“ wühlt in Gerwald Claus-Brunners In­tim­sphä­re
» „Focus Online“ fällt auf Simpsons-Wiesn-Witz mit Schwarzenegger rein
» Krankgeschrieben
» Was für eine Katastrophe
» Aus dem Gerichtssaal auf die Titelseite
» Heute beginnt das Kandidatinnen-Vergessen
» „Das war noch nicht die Pointe“
» „Völlig absurd!“
» Gabor Steingart und „Bild“ pöbeln im Geistersupermarkt gegen die EU
» Uwe Böhnhardts DNA war nicht an Peggys Skelett
» „Österreich“ sprach mit Bob Dylan, als es die Zeitung noch gar nicht gab
» Tatsachsenbehauptung
» Die Horror-Clown-PR-Kampagne von Bild.de
» „Spiegel Online“ widerlegt Propaganda-Vorwurf mit Propaganda
» Mit „Bild mobil“ jetzt nicht das Mindeste bekommen
» So eine Erde kann man schon mal übersehen
» Bild.de schiebt Wladimir Putin ein britisches Kriegsschiff unter
» Bild.de wärmt einen Grusel-Clown in altem Frittenfett auf
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: US-Wahl
» We are BILDblog. And we don’t approve this message.
» Prinz Harry wehrt sich gegen den britischen Boulevard
» D’oh!
» Wie haben die Fake-Promis reagiert?
» Atomkoffer! Trump! Apokalypse!
» Donald Trump will weiter einen Einreisestopp für Muslime
» Antworten auf kritische Fragen? Nicht mit Nikolaus Blome
» Spannerfotos von Kindern? Das wird man ja wohl noch andeuten dürfen
» Lob im Tarnanzug
» Hohe Fehlerquote
» „Die Sensation liegt in der Luft“
» „Bild“ spricht Reisewarnung für Bochum aus
» Schlecht, schlechter, Geschlechtertrennung
» ARD-Fusions-Irrsinn bei „Bild“
» Opfer bringen
» Ein Einschub voller Verachtung
» Alfred Draxlers 84 Cent zu den „Zwangsgebühren“
» ÜBER
» „Bild“ beschneidet Foto und Urheberrecht
» Herbert Grönemeyer wurde immer noch nicht auf „La Fabrique“ getraut
» Im Westen leider viel Neues
» „Bild“ bietet Rainer Wendt Plattform für Generalverdacht
» Die Fotobeschaffer von Hameln
» „Bild“ der Frau
» Warum neu recherchieren, wenn’s anderswo schon falsch steht?
» Stilecht ohne Recherche
» Nichts ist so alt wie die falsche Burkini-Meldung von vor vier Monaten
» Thilo Sarrazins falsche Fakten über Flüchtlinge
» Fehlierer des Tages
» „Merry Christmas“ über Aleppo
» Wo ein Kläger, da eine Unterlassungserklärung
» „Bild“ liefert falsches Futter für Islamhasser und rechte Hetzer
» Der Anschlag von Berlin und die Medien
» Absage von Wagner
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: Anschlag in Berlin

Alle Ausgaben unserer werktäglichen “6 vor 9”-Linkliste finden Sie hier. Die Arbeitsnachweise unserer Clickbait-Taskforce hier. Die “Perlen des Lokaljournalismus” hier. Benedikt Franks Kolumne “Mut zur Wirrheit” über das “Compact”-Magazin hier. Johannes Krams Kolumne “Politically Correct!” hier. Ralf Heimanns Kolumne “Im Abseits” hier. Und Leo Fischers “Bildbetrachtung” hier.

Viel Spaß damit!

Bild  

“Bild” liefert falsches Futter für Islamhasser und rechte Hetzer

“Bild”-Kolumnist Franz Josef Wagner hat sich entschieden: “Die schlimmste Nachricht dieser Tage” ist die “verbotene Weihnacht” an einer Istanbuler Schule, schlimmer noch als “Aleppo” und “Attentate”:

Das Weihnachtsverbot ist für mich die Grenze.

Es ist ein Kulturbruch geschehen.

Christen sollen nicht mehr Weihnachtslieder singen. Für mich ist das die schlimmste Nachricht dieser Tage.

Mit riesigem Schrecken dürfte Franz Josef Wagner heute bei der täglichen “Bild”-Lektüre festgestellt haben, wie das Weihnachtsfest und die christliche Tradition angeblich überall in Deutschland geschändet wird. Zu ihrem Arikel über das “WEIHNACHTSVERBOT an türkisch-deutscher Schule” (das inzwischen wieder aufgehoben ist) …

… haben die Festtagsexperten von “Bild” für ihre heutige Ausgabe nämlich eine Übersicht zusammengestellt, wo überall in der Republik das Abendland so untergeht:

Was das zeigen soll, ist klar: Die grünlinksversifften Multikultispinner, ob in Hildesheim, Berlin-Kreuzberg, Kassel oder sonst wo, kuschen vor all den zugewanderten Muslimen, werfen vor lauter politischer Korrektheit unsere christlichen Werte über Bord und verleugnen unsere Tradition. Weihnachtsmärkte? Christstollen? Alles futsch! Passt mal besser auf, dass Weihnachten nicht bald ganz verboten wird.

Nur: So gut wie keiner der Punkte, die “Bild” nennt, stimmt. Der Reihe nach:

  • Christophorusschule

“Bild” schreibt:

Der Chor der Christophorus-Schule in Hildesheim verzichtete beim Weihnachtskonzert auf Lieder mit “christlichem Bezug”, weil Flüchtlinge dabei waren. Später dementierte die Schule den Zusammenhang.

Erstmal: Die Christophorusschule liegt nicht in Hildesheim, sondern in Elze, westlich von Hildesheim. Das Gerücht, dass die Schule “beim Weihnachtskonzert auf Lieder mit ‘christlichem Bezug'” verzichtet haben soll, stammt von der “Hildesheimer Allgemeinen Zeitung”. Und tatsächlich dementierte die Schule den Zeitungsbericht (PDF):

Die missverständliche und inhaltlich falsche Berichterstattung der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 09.12.2016 über das CJD Weihnachtskonzert in Sarstedt hat einige Fragen aufgeworfen.

In diesem Zusammenhang möchten wir auf Folgendes hinweisen:

1. Die CJD Christophorusschule Elze hat bei keinem der diesjährigen Weihnachtskonzerte auf Lieder christlichen Inhalts verzichtet.

2. Der Autor des Artikels, Herr Peter Hartmann, war bei keinem unserer Konzerte anwesend.

3. Das Programm des Konzerts am 03.12.2016 in der Kirche der Heilig Geist Gemeinde, Sarstedt, besteht aus 26 Weihnachtsliedern und Werken, die alle einen christlichen Bezug aufweisen.

4. Die Teilnahme von Schülern der Sprachlernklasse hat den christlichen Charakter des gesamten Programms in keiner Weise verändert.

Im Programmheft des Konzerts (PDF) findet man Lieder wie “Maria durch ein Dornwald ging” oder “Weil Gott in tiefster Nacht erschienen” oder “Amen”. Die zwei Songs, die Mitglieder der “Chorklasse I” und der Sprachlernklasse (das sind vermutlich die Flüchtlinge, von denen “Bild” schreibt) gesungen haben, sind “Macht euch bereit” von Rolf Zuckowski:

Macht euch bereit!
Macht euch bereit!
Jetzt kommt die Zeit
auf die ihr euch freut.
Bald schon ist Weihnacht
fröhliche Weihnacht.

Und “Still senkt sich die Nacht hernieder” von Gerhard Wohlgemuth:

Still senkt sich die Nacht hernieder.
Rings das Land liegt tief verschneit
und es klingen alte Lieder:
O du schöne Weihnachtszeit!
O du schöne Weihnachtszeit!

Klingt nicht gerade so, als hätte die Christophorusschule “die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen.”

  • Kreuzberger Wintermarkt

In Berlin-Kreuzberg heißt ein Weihnachtsmarkt “Kreuzberger Wintermarkt”, um andere Religionen zu schonen.

Um den “Kreuzberger Wintermarkt” haben die “Bild”-Medien schon einige Märchen gesponnen. Die “Bild am Sonntag” fragte vor zwei Jahren beispielsweise:

Und schrieb dazu:

Wird auf dem Altar der politischen Korrektheit die christliche Tradition geopfert?

Sowie:

Natürlich ist die Institution Weihnachtsmarkt an sich nicht wichtig. Aber wo führt es hin, wenn es schon verpönt ist, das Wort Weihnachten nur im Munde zu führen? Sind das christliche Erbe, unsere Kultur, unser Selbstverständnis, unser Wertekanon, auf das Treiben einer “Religionsgemeinschaft” geschrumpft?

Wir haben damals beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nachgefragt, ob es stimmt, dass sich der Markt “Wintermarkt” nennen musste, weil die Politik das aus Rücksicht vor Religionen oder Ausländern so wollte. Ein Sprecher sagte uns:

Ich kann alle beruhigen: Das Abendland bleibt weiter bestehen, genauso wie die Weihnachtsmärkte in Friedrichshain-Kreuzberg — in diesem Jahr und auch in den nächsten Jahren. Wie die Märkte sich nennen, ist uns total egal.

Und auch eine Sprecherin des “Kreuzberger Wintermarktes” bestätigte uns damals, dass ihr Team den Namen und das Konzept aus freien Stücken gewählt habe, ohne politische Einflussnahmen oder Rücksicht auf Vorschriften.

Damit liegt “Bild” schon mal in zwei Punkten daneben.

  • Wintermarkt Flughafen München

(…) um andere Religionen zu schonen. Ähnlich: “Wintermärkte” am Münchner Flughafen

Hier können wir es recht kurz machen: Der Markt, der aktuell am Flughafen in München aufgebaut ist, heißt gar nicht “Wintermarkt”, sondern “Weihnachts- und Wintermarkt”:

Eine Sprecherin des Flughafens sagte uns, dass man den Zusatz “Wintermarkt” mit in den Namen genommen habe, weil der Markt bis zum 30. Dezember geöffnet habe. Und dann sei Weihnachten ja schon lange vorbei. Vorher gibt es allerdings reichlich Aktionen mit christlichem Bezug: Das Christkind schaue vorbei, Besucher könnten Adventskränze binden, an den Ständen gebe es Christbaumschmuck zu kaufen. Kurzum:

Nein, wir verstecken Weihnachten nicht.

  • Wintermarkt Gundelsheim

(…) um andere Religionen zu schonen. Ähnlich: “Wintermärkte” am Münchner Flughafen, in Gundelsheim

Der eintägige Wintermarkt im bayerischen Gundelsheim fand dieses Jahr am 19. November statt. Und das ist auch der Grund, warum er Wintermarkt und nicht Weihnachts- oder Christkindlmarkt heißt. Eine Sprecherin sagte uns, dass man damit durchaus Rücksicht auf eine Religion nehme — auf die christliche:

Den Namen haben wir wegen der Katholiken gewählt. Unser Markt findet immer am Samstag vor dem 1. Advent statt, also nicht in der Weihnachtszeit. Da können wir ihn doch nicht einfach “Weihnachtsmarkt” nennen.

Weihnachtliche Elemente gebe es aber trotzdem: Ein Nikolaus überrasche die Kinder, die örtlichen Vereine spielten vorweihnachtliche Musik.

  • Wintermarkt Altmannstein

(…) um andere Religionen zu schonen. Ähnlich: “Wintermärkte” am Münchner Flughafen, in Gundelsheim und Altmannstein (Bayern).

Der Wintermarkt im bayerischen Altmannstein dauert drei Tage, liegt aber ebenfalls nie in der Adventszeit. Deswegen, so eine Sprecherin, habe man ihn nicht Christkindl-, Advents- oder Weihnachtsmarkt genannt, sondern Wintermarkt: “Der Name würde der Sache sonst nicht gerecht werden.”

Auch in Altmannstein gebe es einen Nikolausauftritt, Chöre sängen Weihnachtslieder. Außerdem könne man an den Ständen Weihnachtskrippen und ähnliches kaufen.

  • Kita in Kassel

Eine städtische Kita in Kassel verzichtete wegen muslimischer Kinder auf ihr Weihnachtsfest.

Grundlage für diese Behauptung dürfte ein Bericht der “Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen” über die Kita im Kasseler Sara-Nussbaum-Haus sein:

Anna Janz, die Jugend-Stadträtin in Kassel, hatte in einem Interview auf der Website der Stadt auf die Vorwürfe geantwortet:

Frau Janz, die HNA titelte „Weihnachten fällt im Kindergarten aus“. Stimmt das?

Anne Janz: Nein, natürlich nicht. In allen städtischen Kindertagesstätten werden die mit dem Weihnachtsfest verbundenen christlichen Traditionen gelebt. Das gilt selbstverständlich auch für die Kita Sara-Nussbaum-Haus. Die Behauptung, dort falle das Weihnachtsfest regelmäßig aus, ist schlicht falsch.

Und:

Die Kritik bezog sich ja konkret auf die Kita Sara-Nussbaum-Haus. Es hieß, die Erzieherinnen dort verzichteten mit Verweis auf die unterschiedlichen Kulturen der Kinder auf christliche Rituale.

Anne Janz: Auch in der Kita Sara-Nussbaum-Haus wird, wie in allen anderen städtischen Einrichtungen, seit Jahren und auch dieses Jahr die Vorweihnachtszeit festlich gestaltet. Die Aussage, dass in den vergangenen Jahren das Weihnachtsfest ausgefallen ist, ist falsch.

In allen Gruppen gibt es einen Adventskalender, aus dem an jedem Tag ein anderes Kind ein “Geschenk” erhält. In jeder Gruppe steht ein Adventskranz, mit den Kindern wird gebastelt, die Kita wird geschmückt und auch dort werden Weihnachtsplätzchen gebacken. In einer der Gruppen wird seit mehreren Jahren in der Adventszeit ein Märchen-Theaterstück eingeübt und den Eltern bei einer Feier vorgeführt. Und der Nikolaus besuchte in den vergangenen Jahren auch die Kinder im Sara–Nussbaum-Haus.

Die Adventszeit und die Nikolausfeier finden statt und werden traditionell und adventlich begangen.

Das Weihnachtsfest an sich — also die Tage vom 24. bis 26. Dezember — feierten die Kitas in Kassel generell nicht, da sie an den Weihnachtsfeiertagen geschlossen seien, so Janz.

Vor knapp zwei Wochen, am 6. Dezember, gab es in der Kita Sara-Nussbaum-Haus ein Nikolausfest, mit Weihnachtsliedern, Nikolausgeschichte und den muslimischen Kindern, die die “Bild”-Zeitung als falschen Grund für ihre falsche Behauptung anführt.

Sechs der sieben Beispiele, mit denen “Bild” zeigen will, dass in Deutschland “aus Rücksicht auf Muslime die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen” würden, stimmen nicht (das Beispiel mit der österreichischen Botschaft konnten wir nicht überprüfen, da wir dort niemanden erreicht haben, der uns Auskunft geben konnte). 32 Zeilen gesellschaftlicher Zündstoff, schnell mal falsch zusammengegooglet und den rechten Hetzern, den Islamhassern, den AfD- und “Pegida”-Marschierern als Futter hingeworfen.

Für Sie geklickt (12)

Wir haben unserer Clickbait-Taskforce in den vergangenen Wochen eine kleine Pause gegönnt, damit sie jetzt wieder so richtig loslegen und sich durch große Teaser-Versprechen und Wahnsinnsüberschriften wühlen kann. Der Vorteil für Sie: Sie sparen Lebenszeit und Gehirnzellen und sind trotzdem top-informiert.

Heute: die vergangene Woche auf der Facebookseite der “Bravo”.

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1. “Ein großes Geschäft auf der Toilette!”
2. “Heftig furzen!”
3. “Gleiches gilt für in der Badewanne furzen!”
4. “Mit dem oder der Ex schreiben!”
5. “Den Tampon wechseln!”
6. “Heftig popeln!”
7. “Dicke Pickel ausdrücken!”

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Mythos.

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“Schon lange”.

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Ein Duschgel namens “Regenbogendusche”.

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Sehnsucht und Neugier oder aber die Verarbeitung von Erlebtem.

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Der Fan hat vorher durch die runtergekurbelte Fensterscheibe in Justin Biebers Auto gegriffen.

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Fürs Döneressen werde es gar keine Strafe geben. Dafür aber, wenn man vom Ordnungsamt ohne einen Kassenbon erwischt werde. Bald solle nämlich “eine Art ‘Beleg-Pflicht’ gelten”. Auch für den Döner. So wie für alles andere, was man sich kauft.

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Klauen bei einer gemeinsamen Shoppingtour.

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1. Po-Massage.
2. Blowjob mit Po-Sicht.
3. Doggystyle.
4. Reiterstellung rückwärts.
5. Analsex.
(man solle aber nur das machen, worauf beide Partner Lust haben)

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Sie hat eine eigene Schuhkollektion.

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In einem schwarzen Kleid mit bunten Blumen drauf. Aber vielleicht doch in Weiß.

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Weil sie auf eine betrügerische Fake-Message reingefallen sind.

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Wenn’s nicht gut wird: Beim nächsten Mal kann’s besser werden.

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1. Humor (“Findet Ihr die gleichen Sachen lustig, habt Ihr also auch jede Menge Spaß in Eurer Beziehung!”)
2. Kommunikation (“Gute Konversationen festigen jede Beziehung <3")
3. Ehrlichkeit (“Wer mit seinem Partner immer offen über alles sprechen kann, hat bisher alles richtig gemacht ;)”)
4. Vertrauen (“Wer weiß, dass er seinem Partner blind vertrauen kann, hat beste Karten für eine glückliche und langanhaltende Beziehung!”)
5. Freundschaft (“Wenn Du für Deinen Schatz nicht nur Liebe, sondern auch eine tiefe Freundschaft empfindest, hast Du den absoluten Jackpot geknackt! :)”)

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Nur Mädels täuschen Orgasmen vor — falsch

Es ist begrenzt, wie oft Jungs im Leben Sex haben können — falsch

Sex ist genauso effektiv wie Sport — falsch

Schamhaar erfüllt keinen Zweck — falsch

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Die eine Hälfte der Haare blau färben, die andere Hälfte pink. Die Haare dann so legen, dass man immer nur eine der Farben sieht. Zum Ändern der Haarfarbe die Haare auf die andere Seite legen.

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Sie hat einen bunten Ring zum Geburtstag bekommen. Nach der “TRENNUNG” von ihrem alten Ring ist sie “IHN” (also den alten Ring) nun “ENDLICH” los. Warum “ER” doch nicht gepasst hat? Keine Ahnung.

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1. “Mädels sagen ihren besten Freundinnen wirklich alles!”
2. “Mädels wollen ihre Freiheit!”
3. “Mädels haben manchmal ein Problem mit seiner Mutter!”
4. “Mädels stalken ihre Ex-Freunde!”
5. “Mädels mögen Komplimente von anderen Jungs!”
6. “Mädels denken viel über die Zukunft nach!”

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Aus Kanada. Auf Platz 6: Südkorea.

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Sex-Fantasien, Ausgaben beim Shopping, Nachrichten vom Ex, was Dich nervt.

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“Nicht lecker, nicht schlimm, eher salzig!”

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Nee, ist nicht komisch. Außer wenn er einen Knick hat oder eine Krümmung wie eine Banane. Dann sollte man zum Arzt gehen.

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Bitte. Keine Ursache.

Ein Einschub voller Verachtung

Heute hat Gabor Steingart noch einmal nachgelegt, und er hat es tatsächlich geschafft, inhaltliche Argumente zu bringen. Der “Handelsblatt”-Herausgeber hat sich in seinem morgendlichen Newsletter “Morning Briefing” noch einmal den möglichen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz vorgenommen. Steingart erklärt, was ihm an Schulz nicht passt: Der Präsident des Europäischen Parlaments sei “ein parteipolitisches Schlitzohr, aber kein Staatsmann”, er liebe die Ränkespiele des Parteienstaates mehr als die Sachpolitik, er habe in Brüssel deutsche Interessen hintangestellt und plädiere stets für zusätzliche Schulden und weniger Sparsamkeit. Schulz sei “ein Umverteilungspolitiker alter Schule” sowie ein “Europäer des Brüsseler Establishments”.

Diese Einschätzungen und Beurteilungen kann man richtig oder falsch finden. Sie orientieren sich aber immerhin an der Sache. Das sah am vergangenen Freitag noch ganz anders aus. Da hatte Gabor Steingart — ebenfalls im “Morning Briefing” — Martin Schulz auf persönlicher Ebene angegriffen:

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

auf vielen Titelseiten wird EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der von Brüssel nach Berlin umziehen will, heute wie ein Erlöser gefeiert. Dass viele Medien diesem im Volk weithin unbekannten Mann — der die Zulassung zum Abitur nicht schaffte, wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand — plötzlich die Befähigung zur Kanzlerschaft zutrauen, ist nur mit journalistischer Telepathie zu erklären.

Ein kleiner Einschub, drei Stichpunkte, um einen Politiker, einen Menschen schnellstmöglich zu diskreditieren, niederzumachen. Natürlich könnte man die Punkte auch umdrehen, wenn man wollte: “Beeindruckend, dass Martin Schulz, der aus seiner früheren Trinkerei kein Geheimnis macht, es trotz einer schwierigen Biographie bis zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gebracht hat.” Steingarts Worte sind stattdessen voller Häme und Menschenverachtung.

Nach “Handelsblatt”-Angaben haben mehr als 500.000 Personen das “Morning Briefing” abonniert:

All diesen Leuten schickt Steingart einen Text, der exakt in die Kerbe haut, in die sonst Politikverdrossene, Stimmungsmacher, die AfD schlagen. Unsachlich und persönlich gegen Politiker und das politische Establishment.

Heute morgen haben wir bei “6 vor 9” einen Text verlinkt, der sich ebenfalls mit den Äußerungen von Gabor Steingart beschäftigt. Peter Ruhenstroth-Bauer schreibt dort:

Da wird in kurzem Staccato einer niedergemacht. Ein Politiker, also einer, bei dessen Kritik man sich des Beifalls des Publikums schnell sicher sein kann.

Nun fand Gabor Steingart seine Einfälle zu Martin Schulz wohl so bemerkenswert, dass er sie gleich zweimal bei Facebook gepostet hat:


Und unter beiden Beiträgen zeigt sich erfreulicherweise, dass Peter Ruhenstroth-Bauer mit seiner Beifall-Prognose danebenlag. Vereinzelt gibt es zwar Zustimmung für Steingarts Worte. Zum größten Teil aber klingen die Kommentare so:

Sehr geehrter Herr Steingart, Ihr Kommentar ist leider ein gutes Beispiel, weshalb heute kaum noch gute Leute in die Politik gehen wollen. Da schafft man es trotz mangelndem Abi bis nach Brüssel, vertritt dort die europäische Idee in schwierigsten Zeiten gegen Separatisten, Nationalisten und Populisten und muss sich dann von Journalisten wegen einer traurigen und für den Betroffenen übrigens ohnehin schon quälenden und zehrenden Erkrankung ans Bein pinkeln lassen. Ich finde das unfair, unwürdig und mies. So eine Beschimpfung hat ein Mensch nicht verdient, der sich so für die Gesellschaft einsetzt!

Fangen jetzt auch noch Journalisten an mit diesem billigen Politikerbashing, das jeden Respekt vermissen lässt? Unglaublich.

Das ist unterste Schublade und hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.

das ist niveaulos!!

Seit wann benötigt man Abitur um Kanzler zu werden?
Und nur weil ein Mann mit jungen Jahren einen Fehler gemacht hat soll ihn das ein Leben lang verfolgen?
Dann hätte Herbert Wehner, einer der populärsten Politiker der Nachkriegszeit, niemals etwas werden können.
Ihr Text liest sich mit viel Verachtung die ihnen nicht steht und die Herr Schulz nicht verdient hat.

Lieber Herr Steingart, Ihr Teasing auf den Artikel ist reißerisch — auf Schulz Biografie geht der Text nicht ein. Das Alkoholthema nur auszupacken, um Stimmung zu machen, ist billig.

Das muss dieser Qualitätsjournalismus sein, den wir vor Trump beschützen müssen.

Ich verstehe nicht, weshalb man gleich so persönlich werden muss? Es ist doch hoch anzuerkennen, was für eine Karriere Schulz, trotz seiner Probleme in frühen Jahren, gemacht hat. Ein bisschen mehr Respekt im
Umgang mit anderen Menschen tut immer gut!

Mensch, Herr Steingart. Das zeugt wirklich von journalistischer Größe und inhaltlicher Auseinandersetzung, wie sie hier dem grantelnden Trinker einen mitgeben. Genau der Journalismus, auf den Deutschland gewartet hat. Stark. Weiter so.

Und Sie nennen sich Journalist? Einfach nur billig! Sie widern mich an, Herr Steingart!

…das nicht vorhandene Abitur und seine überwundene Alkoholkrankheit als Argumente für eine fehlende Eignung zum Kanzler zu machen, ist wirklich sehr unangebracht.

Herr Steingart, nach dem abwertenden Kommentar über Frau Merkel jetzt ein sehr abwertender Kommentar zu Herrn Schulz. Man muss Herrn Schulz nicht mögen, aber diese Art der Berichterstattung ist weit unter Ihrem Niveau und Ihrer Zeitung unpassend. Diese polemische Art zu schreiben vergiftet auch die politische Kultur.

Wow, hämisch auf einer Krankheit herumhacken — echtes Format! Hut ab!

Ojee, ein Versager … Unglaublich, dass das Handelsblatt zum Ramschblatt verkommt.

Klasse finden ich die vielen kritischen Kommentare zu Steingarts beleidigenden und voll daneben liegenden Eingangskommentar zu Schulz!!!

Für ein solches Geschreibsel hat FB leider keinen Button.
Herr Steingart, ihren Text kann man nur mit unterirdisch bezeichen.

Beleidigender Kommentar

Ähm, ich bin ja wirklich sehr oft Ihrer Meinung, Herr Steingart, aber das ist unwürdiges Bashing. Martin Schulz hat es auch ohne Abitur, aber mit vielen Fremdsprachen, geschafft, Karriere zu machen. Ein Alkoholproblem haben weitaus mehr “Führungskräfte” als ein Herr Schulz und er hat es wohl im Unterschied zu vielen anderen überwunden, oder

Mein Gott, ist das billig.

Lieber Herr Steigart, egal welche Meinung Sie über Herrn Schulz haben verbreiten Sie diese bitte ohne Beleidigungen. Ich weiß, gutes Benehmen ist aus der Mode gekommen, aber als Journalist sollten Sie eigentlich den Ehrgeiz haben in Ihren Texten ohne Beschimpfungen auszukommen.

Immerhin das hat Gabor Steingarts Martin-Schulz-Bashing gebracht: Die Erkenntnis, dass die Kommentar-Kultur im Internet doch noch nicht völlig hinüber ist.

Echo-Kammern, Konjunktive, 1 Life

1. Wie sich eine Lüge trotz Dementi rasant verbreitet
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Am Tag nach der amerikanischen Präsidentenwahl machte eine ungeheuerliche Meldung die Runde: Angeblich würden in Austin bezahlte Trump-Gegner für Proteste mit Bussen in die Innenstadt gekarrt. Urs P. Gasche beschreibt Entstehung und Verbreitung der Lügengeschichte: Vom Erst-Tweeter mit lediglich 40 Followern bis hin zum Tweet von Donald Trump höchstpersönlich. Das Erschreckende: Weder Dementi noch spätere Richtigstellung konnten die Verbreitung stoppen.

2. Ein Chefredakteur für Facebook? Auf keinen Fall!
(welt.de, Christian Meier)
Facebook hat dauerhafte Probleme mit dem Umgang mit Hasskommentaren und Falschnachrichten. Diese Woche forderte die Medienkolumnistin der “Washington Post”, Margaret Sullivan, das Netzwerk auf, einen mit Macht, Finanzmitteln und Personal ausgestatteten Chefredakteur anzuheuern.
“Welt”-Medienredakteur Christian Meier hält dies für den falschen Weg: “Was Facebook und alle seriösen Medien brauchen, ist kein Ober-Chefredakteur für die Plattform. Sondern eine intensive Arbeit an einem Netzwerk, das Presse- und Meinungsfreiheit als höchstes Gut behandelt, die redaktionelle Hoheit seiner Medienpartner achtet und dabei Desinformation und Ressentiments effektiv aussortiert.”

3. Justizberichterstattung: „Eine große Kiste Konjunktive“
(fachjournalist.de, Katharina Pencz)
Der langjährige Gerichtsreporter der “Berliner Morgenpost” Michael Mielke spricht im Interview über ethische Grundsätze, den Journalisten als Übersetzer und jede Menge Konjunktive: “Man muss wirklich bei allen Sachen, bei denen es Zweifel gibt, wo etwas nicht sicher ist, den Konjunktiv benutzen. Wenn der Angeklagte aber ein umfassendes Geständnis ablegt, dann schreibe ich nicht mehr “er soll das getan haben”, auch wenn es noch nicht vom Gericht festgelegt wurde. Wenn er es vor Gericht selbst sagt, dann schreibe ich auch, dass er die Tat begangen hat.”

4. Der Kampf gegen Fakenews – und die Ideen, die es bisher gibt
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Konzerne wie Facebook ziehen sich gerne auf den Standpunkt zurück, sie seien reine Infrastrukturanbieter und wollen die Verantwortung für Inhalte gerne auf die Nutzer abwälzen. Bei Hasskommentaren sollen die Nutzer zum Beispiel von der Gegenrede Gebrauch machen. Für Facebook ist diese Empfehlung mehr als praktisch: Sie spart Arbeit und sorgt für weiteren gewinnbringenden Traffic. Was Fake-News anbelangt, gibt es jedoch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. Dennis Horn liefert einen übersichtlichen Abriss der bisherigen Ideen.

5. Fuchs: Die AfD umgeht kritische Nachfragen
(ndr.de, Liane Koßmann, Audio, 5:32 Minuten)
“Lügenpresse”, “Systempresse”, “Pinocchiopresse”: Die AfD geht auf Distanz zu den etablierten Medien und setzt stattdessen auf eigene Verbreitungskanäle. Mit Erfolg: Auf Facebook hat sie mehr Fans als CDU und SPD zusammen. Der Politikberater Martin Fuchs analysiert auf “NDR Info” die Abkapselungsstrategie: “Auf Facebook und in sozialen Netzwerken gibt es das Phänomen der sogenannten Echo-Kammern. Das bedeutet, wenn man Menschen jeden Tag mit denselben Nachrichten bespielt, teilweise auch Fake-Nachrichten, dann glauben die das irgendwann.”

6. Wir haben den Satz “Was ist das für 1 Life?” mit Sprach-Experten untersucht
(vice.com, Lea Albring)
Lea Albring stellt ihrem sprachanalytischen und sprachkritischen Beitrag über die derzeit alles beherrschende Frage “Was ist das für 1 life?” eine Warnung voran: “Wenn euch wegen der 1fältigen Schreibweise schon jetzt das Kotzen kommt: Aussteigen. Dieser Text wird den Scheiß—all1ne schon aus metareflexiven Gründen—richtig hart durchexerzieren!!!!eins11”

Medienversagen, Mafia, Wakaliwood

1. Die US-Wahl, die Medien und ihre Vorhersagen (Links im Text)
(diverse)
In der Wahl von Donald Trump zum künftigen Präsidenten der USA sehen viele auch ein Versagen der Journalisten und ihrer Vorhersagen. Sascha Lobo schreibt in seiner Kolumne bei “Spiegel Online” vom Scheitern der Medien und Meinungsforscher “an den Mechanismen moderner Meinungsbildung” (“Wir müssen aus unseren Fehlern lernen. Sonst ist Trump unser kleinstes Problem”). Bei persoenlich.com sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, Trump sei der “grosse Profiteur einer veränderten Medienwelt” (“‘Trump hat von einer veränderten Medienwelt profitiert'”). Christian Jakubetz schreibt in seinem Blog von einer “bitteren Lektion” für “Journalisten, Medien und Social-Media-Enthusiasten” (“Eine Ohrfeige namens Trump”). Die Wahl von Donald Trump zeige, “wie sehr sich die Bürger von den klassischen Medien abgewandt haben — und andersherum”, so Julian Dörr bei sueddeutsche.de (“Trump und “Breitbart” triumphieren über das Establishment”). Joshua Benton analysiert bei “NiemanLab”, dass sowohl Journalisten als auch Facebook dazu beitrügen, dass sich die Gesellschaft in “two self-contained, never-overlapping sets of information” bewege (“The forces that drove this election’s media failure are likely to get worse”). Rasmus Kleis Nielsen denkt auf seiner Website darüber nach, was die Wahl für die Sozialwissenschaften bedeuten könnte (“‘A desk is a dangerous place from which to view the world.’ Social science and the 2016 elections”). Danah Boyd sagt klipp und klar “I blame the media” und kritisiert fehlende Selbstreflexion der Medien sowie ein mangelndes Verständnis der eigenen Schwächen (“Reality check: I blame the media.”). Jim Rutenberg und James Poniewozik fragen in der “New York Times”, ob sich die Medien von dieser Wahl wieder erholen können (“Can the Media Recover From This Election?”). Und Margaret Sullivan wirft den Journalisten in der “Washington Post” vor, dass sie nicht richtig hingehört und hingeschaut hätten (“The media didn’t want to believe Trump could win. So they looked the other way.”).

2. War das Volksverhetzung?
(faz.net, Michael Hanfeld)
Der Auftritt einer vollverschleierten Konvertitin in der Talkrunde von Anne Will am vergangenen Sonntag hat jetzt auch rechtliche Folgen — eine Rechtsanwältin aus Neuruppin soll Strafanzeige gestellt haben, “‘wegen aller in Frage kommenden Straftaten'”, schreibt Michael Handfeld. In einer Stellungnahme verteidigt “Anne Will”-Redaktionsleiter Andreas Schneider die Einladung der Frau: “Um das ganze Spektrum der Problematik abzubilden, die im Tatort [lief im Vorfeld der Sendung] angespielt wurde, war es Absicht der Redaktion, auch eine radikalisierte Person in die Gesprächsrunde zu laden.”

3. “Dort verkehren auch Politiker”
(taz.de, Ambros Waibel)
Gestern Abend lief beim “MDR” Ludwig Kendzias Reportage “Revier der Paten — Mafia in Mitteldeutschland” (Video, 29:45 Minuten). Im Interview mit der “taz” erklärt er, warum es schon rein rechtlich schwierig ist, über die Mafia zu berichten: “In Italien ist die nachgewiesene Zugehörigkeit zur Mafia strafbar. Das ist bei uns nicht so und macht es für Journalisten enorm schwierig, identifizierend zu berichten. Wir müssen uns aufs Allgemeine zurückziehen.”

4. O-Töne herstellen? Geht jetzt!
(radio-machen.de, Sandra Müller)
“Adobe”, die Firma, die auch Photoshop entwickelt hat, hat vor einigen Tagen Voco vorgestellt (Video, 7:20 Minuten). Damit kann man — kurz gesagt — am Computer durch die Eingabe oder das Löschen von Wörtern Sprachaufnahmen so verändern, dass ganz neue Aussagen entstehen. Sandra Müller warnt vor dieser “perfekten Audio-Manipulationsmaschine”.

5. Journalisten nicht ins Asylverfahren treiben
(reporter-ohne-grenzen.de)
Nachdem Michael Roth, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, in einem Interview mit der “Welt” verfolgten türkischen Journalisten Asyl in Deutschland in Aussicht gestellt hatte, kritisieren die “Reporter ohne Grenzen”, dass Roths Angebot an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigehe: “Die weitaus meisten der türkischen Medienschaffenden, die sich mit der Bitte um Zuflucht in Deutschland an Reporter ohne Grenzen wenden, wollen weder politisches Asyl noch dauerhaft im Ausland bleiben. Ihnen geht es vielmehr um vorübergehende Zuflucht, bis sich die politische Situation in der Türkei beruhigt hat — und vor allem darum, ihre journalistische Arbeit fortzusetzen. Würden sie politisches Asyl beantragen, könnten sie jedoch während eines Verfahrens von ungewisser Dauer nur sehr schwer eine Arbeit aufnehmen und wären in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.”

6. Wakaliwood: Actionfilme aus Ugandas Slum
(ndr.de, Bastian Berbner, Video, 12:04 Minuten)
Isaac Nabwana braucht gerade mal ein Budget von 160 Dollar, um einen ganzen Spielfilm zu drehen. Nabwana ist Kameramann, Regisseur und die zentrale Person von Wakaliwood, Ugandas Film-Hotspot in Wakaliga. Bastian Berbner war im Slum in der Nähe der Hauptstadt Kampala dabei, als mit Hilfe von Kunstblut in Kondomen und Maschinengewehren aus Abwasserrohren ein neuer Actionfilm im typischen Wakaliwood-Stil entstanden ist.

Spaß-Rassismus, Kiosk-Forschung, Keylogger vor Gericht

1. Wer beendet den Murmeltiertag?
(faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld fühlt sich bei der Debatte um den Rundfunkbeitrag an den Murmeltiertag erinnert. “Es wiederholt sich immer alles, jeden Satz haben wir schon viele Male gehört, jede Entscheidung genau so und nicht anders gewärtigt: Die öffentlich-rechtlichen Sender beklagen, sie hätten zu wenig Geld und brauchten dringend eine Erhöhung der Abgabe. Die Experten der Gebührenkommission Kef rechnen nach, stellen fest, dass dem nicht so ist und schlagen vor, wie hoch der Monatsbeitrag sein soll. Die Ministerpräsidenten schauen sich das Ganze an und folgen der Empfehlung in der Regel beziehungsweise folgen ihr jetzt – wie zu erwarten – nicht, weil das unangenehme Folgen haben könnte.”

2. Spähaktion landet vor Gericht
(taz.de, Sebastian Erb & Martin Kaul)
Der Fall um den in der “taz”-Redaktion eingesetzten Keylogger soll nun juristisch aufgearbeitet werden: Die Berliner Staatsanwaltschaft hat gegen den früheren “taz”-Redakteur Sebastian Heiser Anklage erhoben. Der Vorwurf: Heiser soll zwischen dem 1. Januar 2014 und dem 17. Februar 2015 an verschiedenen Rechnern innerhalb der “taz”-Redaktion mit einem sogenannten Keylogger Daten abgefangen haben. Ob der Angeklagte vor Gericht erscheinen wird, ist jedoch fraglich. Er hatte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn in ein asiatisches Land abgesetzt, mit dem Deutschland kein Auslieferungsabkommen hat.

3. Nach Trump: Dieser Absturz wird heftig werden
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff sieht in seiner neuesten Kolumne eine große Medienkrise auf uns zukommen, sollte Trump die US-Wahlen verlieren: “Gedanken muss man sich auch machen um die Entsorgung der ganzen schlechten Wortspiele. Wenn das Trumpeltier auf dem Trumpelpfad mit Pauken und Trumpeten untergegangen ist, müssen die Konstruktionen ja irgendwo hin. Gibt es schon ein Endlager für Trump-Witze? Mit einer Sonderabteilung für Frisurenwitze? Lagern möglicherweise in der Asse die Trump-Haupthaargags dann gleich neben denen über Angela Merkels verstorbenen Friseur?”

4. Warum ich über den Schwarzen Mann als böse Überraschung nicht lachen kann
(uebermedien.de, Ali Schwarzer)
Samstagabend lief im Ersten die Unterhaltungssendung “Verstehen Sie Spaß?”, ein Showklassiker, der seit den Achtziger Jahren vor allem durch Bemühtheit und Muffigkeit auffällt. Vor der Ausstrahlung war bekannt geworden, dass Moderator Guido Cantz den Schweizer Talkshowmoderator Röbi Koller mit einem “Streich” der etwas seltsamen Art überrascht hat: Er war als klischeehaft verkleideter Schwarz-Afrikaner mit dunklem Make-up, Schlauchlippen und starkem Akzent aufgetreten. Dies hatte im Vorfeld für Unruhe gesorgt, doch die kritischen Stimmen haben den Sender nicht davon abgehalten, die umstrittene Sequenz auszustrahlen. Ali Schwarzer schreibt auf “Übermedien”, warum er über den Schwarzen Mann als böse Überraschung nicht lachen kann.

5. Hamburger Landgericht will “Schmähkritik”-Affäre klären
(horizont.net)
In der Auseinandersetzung um das Böhmermannsche “Schmähgedicht” hat der türkische Präsident Erdogan Anfang Oktober eine juristische Schlappe erlitten: Die Staatsanwaltschaft Mainz hat die Ermittlungen gegen Böhmermann eingestellt, eine Beschwerde Erdogans wies die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz als unbegründet zurück. Nun wird sich ab Mittwoch das Landgericht Hamburg mit der Sache befassen. Dort liegt noch eine Klage des Präsidenten als Privatmann vor, die zum Ziel hat, das Gedicht in Gänze zu verbieten.

6. Entdeckt (62): Nackte, Tote und ein kiffendes Stinktier – 20 Hefte aus den USA
(kioskforscher.wordpress.com, Markus Böhm)
“Kioskforscher” Markus Böhm hat seinen New-York-Trip genutzt, sich in Zeitschriftenläden nach skurrilen Magazinen umzuschauen. Seine Ausbeute: 20 Hefte, die sich um Zielgruppen wie Kiffer, Wildpinkler und Nudisten bemühen. Gleich zu Beginn seiner Umschau widmet er sich “Going Natural”, einem Magazin, bei dem sogar die Autoren nackt sind und das erwartungsgemäß freikörperzentriert ausfällt. “Auf den Rest des Heftes verteilen sich Nachrichten („Veteranen behandeln posttraumatische Belastungsstörung mit Nudismus“), Ausflugstipps („Neues FKK-Restaurant in London“) und ein Kreuzworträtsel („Offizieller FKK-Strand in Florida“ mit acht Buchstaben?), drumherum berichten Nudisten über ihre Sorgen und Erfahrungen.”

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