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Ehrenlose Staaten, ARD muss Bericht korrigieren, Zulässiger “Pinocchio”

1. Ehrenlose Staaten
(taz.de, Christian Rath)
Der Bundesgerichtshof habe in einem Grundsatzurteil entschieden, dass ein Staat keine persönliche Ehre und keine Persönlichkeitsrechte besitze und daher nicht auf Unterlassung gegen Medienberichte klagen könne. Folglich sei Marokko mit seinen Klagen gegen die “Süddeutsche Zeitung” und “Zeit Online” gescheitert. Die Redaktionen hätten dem Land in ihrer Berichterstattung den mutmaßlichen Einsatz der Spionagesoftware Pegasus vorgeworfen.

2. Auch ARD korrigiert Bericht nachträglich und entschuldigt sich
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die ARD habe für einen Fehler im “Bericht aus Berlin” um Entschuldigung gebeten. Durch einen Zusammenschnitt von Aufnahmen des CDU-Parteitags sei fälschlicherweise der Eindruck erweckt worden, Angela Merkel habe nach der Wiederwahl von Friedrich Merz zum CDU-Parteichef im Saal applaudiert. Tatsächlich sei Merkel zum Zeitpunkt der Ergebnis-Bekanntgabe gar nicht mehr vor Ort gewesen. Der Sender habe den Beitrag in der Mediathek umgehend korrigiert und auf den zeitlichen Zuordnungsfehler des an sich authentischen Bildmaterials hingewiesen.

3. Staats­an­walt­schaft sieht “Pinoc­chio” als zuläs­sige Kritik an Merz
(lto.de)
Die Staatsanwaltschaft Heilbronn habe ein Ermittlungsverfahren gegen einen Facebook-Nutzer eingestellt, der Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Online-Kommentar als “Pinocchio” bezeichnet habe. Laut den Behörden handele es sich bei diesem Vergleich nicht um eine strafbare Beleidigung, sondern “um eine von der Meinungsfreiheit gedeckte und damit zulässige Machtkritik”.

Bildblog unterstuetzen

4. ZDF: Neue Regeln für Programmbeschwerden
(verdi.de, Volker Nünning)
Das ZDF habe seine Beschwerdeordnung novelliert, um mit strengeren Regularien auf die stark gestiegene Zahl von Programmbeschwerden und auf gezielte digitale Beschwerdekampagnen zu reagieren. Künftig müssten Eingaben an den Fernsehrat neun klare Kriterien erfüllen, darunter vollständige Kontaktdaten. Außerdem müssten “Beschwerden respektvoll und angemessen formuliert sein, insbesondere dürfen sie ‘keinen beleidigenden, erpresserischen oder nötigenden Charakter’ haben.”

5. So navigieren Verlage durch die kritische Phase
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Laut einer aktuellen Branchenumfrage befinde sich die Verlagslandschaft in einer kritischen Transformationsphase, in der ein kontrollierter Abschied vom schrumpfenden Printgeschäft durch wachsende Digitalerlöse abgefedert werden müsse. Parallel dazu steige der Konsolidierungsdruck. Viele Medienhäuser seien nach wie vor existenziell vom Traffic der großen Tech-Plattformen abhängig. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz werde zwar branchenweit als notwendig betrachtet, erfordere jedoch dringend neue Standards und EU-Regulierungen.

6. Britische Datenschützer verhängen Millionenstrafe gegen Reddit
(spiegel.de)
Die britische Datenschutzbehörde ICO habe eine Strafe von umgerechnet rund 16,5 Millionen Euro gegen Reddit verhängt. Die Plattform habe Minderjährige nicht ausreichend geschützt, da sie ihrer gesetzlichen Pflicht zur besonderen Absicherung von Kindern nicht nachgekommen sei. Laut ICO reiche eine einfache Selbstauskunft der Nutzerinnen und Nutzer nicht aus. Reddit habe Widerspruch gegen die Entscheidung angekündigt.

Felix Austria?, “Pinkstinks” zieht Bilanz, Scheiterndes EU-Gesetz

1. Medien im Blickpunkt
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann)
Am Wochenende finden in Österreich die Nationalratswahlen statt. Welche Rolle spielen die Medien im Wahlkampf und welchen Einflüssen sind sie ausgesetzt? Darauf versucht der Deutschlandfunk in einer kleinen Beitragsserie zu antworten. Der Österreichische Rundfunk (ORF) sieht sich beispielsweise stetigen Angriffen der FPÖ ausgesetzt. Reformpläne der Partei sähen drastische Eingriffe bei Finanzierung und Führungsstruktur vor. Die ÖVP wiederum geht gegen die Wochenzeitung “Falter” vor, die Seltsamkeiten bei den Parteifinanzen enthüllt hatte. Ein Skandal, der von den österreichischen Boulevardmedien weitgehend ignoriert und ausgeblendet wurde. Die Chefin von Reporter ohne Grenzen habe in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die österreichischen Medienunternehmen eher konservativ eingestellt sind. Und der Wien-Korrespondent des Deutschlandfunks macht auf eine Besonderheit aufmerksam, die Medien anfällig für politische Einflussnahme mache: In Österreich hätten Ministerien und Behörden viel Geld für Anzeigenkampagnen zur Verfügung, das sie gezielt einsetzen können.

2. Berliner Verwaltungsgericht stuft “Bild”-Livestreams als Rundfunk ein
(sueddeutsche.de)
Sind Livestream-Angebote als zulassungspflichtiger Rundfunk einzustufen? Im Fall von “Bild” und den bei Bild.de erscheinenden Videoformaten “Die richtigen Fragen”, “Bild-Sport-Talk” und “Bild-Live” hat das Berliner Verwaltungsgericht dies bejaht. Noch ist nicht bekannt, ob der Axel-Springer-Verlag gegen das Urteil in Berufung geht.

3. Warum Fake News sich so gut in deinem Gedächtnis festsetzen
(fachjournalist.de, Maren Urner)
Die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin Maren Urner beschäftigt sich in ihrem Buch “Schluss mit dem täglichen Weltuntergang” mit den Fragen, inwieweit die tägliche Informationsflut unserem Gehirn schadet und warum es “Fake News” so leicht bei uns haben. Der “Fachjournalist” veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch, in dem Urner auch erklärt, wie wir unser Gehirn vor Falschinformationen schützen können.

4. “Le Monde” bleibt unabhängig
(faz.net, Jürg Altwegg)
Lange Zeit wurde erbittert um die Vorherrschaft bei der französischen Tageszeitung “Le Monde” gekämpft — siehe dazu auch den “FAZ”-Text Die Schlacht um “Le Monde” wird immer heißer. Nun hat der Kampf ein für die Redaktion gutes Ende genommen: Die Haupteigentümer haben ein Abkommen getroffen, das der Redaktion Unabhängigkeit garantiert.

5. EU-Leistungsschutzrecht droht schon vor dem Start zu scheitern
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Viele haben es prophezeit, jetzt scheint es einzutreten: Das EU-weite Leistungsschutzrecht ist weitgehend wirkungslos. Google schränkt die Darstellung von Links auf Medienseiten ein und entgeht somit der von Verlagen erhofften Pflicht zu Lizenzzahlungen. Alexander Fanta erklärt die verschiedenen Positionen sowie die Argumente der Kritikerinnen und Kritiker.

6. Pinkstinks zieht Bilanz aus zwei Jahren Sexismus-Monitoring
(horizont.net, Ingo Rentz)
Die Anti-Diskriminierungs-Plattform “Pinkstinks” bietet seit zwei Jahren eine Seite zum Melden von sexistischer Werbung an. Und das durchaus erfolgreich: Man habe fast zehnmal so viele Einreichungen erhalten wie der Deutsche Werberat. Bei “Horizont” werden die eingereichten Meldungen aufgeschlüsselt und analysiert.

Wachhund “taz”, Shopping mit Silke und Holger, Philosophia Nonsensis

1. taz ist “Wachhund der Öffentlichkeit”
(blogs.taz.de, Jony Eisenberg)
Die “taz” hatte nach dem Einzug der AfD in den Bundestag zu den Hintergründen der AfD-Abgeordneten und ihren Mitarbeitern recherchiert. Dagegen war ein mittlerweile ehemaliger Bundestagsmitarbeiter juristisch vorgegangen, dessen rechtsradikale Vergangenheit von der “taz” aufgedeckt worden war. Nachdem die “taz” in erster Instanz unterlag, kündigte das Oberlandesgericht nun an, ihr recht zu geben. Eine Entscheidung von herausragender Bedeutung für die Berichterstattung über die AfD und deren Bundestagesmitarbeiter, wie “taz”-Jurist Jony Eisenberg anmerkt.

2. Newsrooms: Notwendig oder nicht?
(politik-kommunikation.de, Kathi Preppner)
Parteien wollen gerne die Kontrolle über ihre öffentliche Wahrnehmung haben. Im Social-Media-Zeitalter liegt es nahe, eigene Medienkanäle zu schaffen und diese direkt zu bespielen. Manche Parteien haben dazu sogenannte “Newsrooms” eingerichtet, in denen sie an der journalistischen Aufarbeitung ihrer Botschaften basteln. “politik & kommunikation” hat sich bei den großen Parteien umgehört, wie sie in Sachen Kommunikation und Medienarbeit verfahren.

3. Provokant gefragt
(deutschlandfunk.de, Susanne Lettenbauer, Audio: 5:56 Minuten)
Der österreichische Milliardär und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz ist auch Medienunternehmer und steckt direkt beziehungsweise indirekt hinter dem österreichischer Privatfernsehsender ServusTV und der Rechercheplattform “Addendum”. Mateschitz fiel in der Vergangenheit durch rechtspopulistische Äußerungen auf. Ist “Addendum” deshalb eine Art “Breitbart der Alpen”? Eher nicht, findet Susanne Lettenbauer im Deutschlandfunk.

4. “Philosphia Perennis” veröffentlicht irreführende Liste von Fällen, bei denen angeblich Ausländer Personen vor Züge stießen
(correctiv.org, Philip Steeg)
“Correctiv” hat einen Artikel des rechten Blogs “Philosophia Perennis” mit einer Liste “ausländischer Gleisschubser” auf seine Wahrhaftigkeit untersucht. Das Ergebnis: “Bei etwa der Hälfte waren die Täter entweder unbekannt oder deutsche Staatsbürger. Die Behauptung, dass ausschließlich Ausländer an den Delikten beteiligt seien, stimmt nicht.”

5. Rezo-Style als neues YouTube-Genre: Zerstörungsversuche vor den Wahlen in Österreich
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Das Video “Die Zerstörung der CDU” des Youtubers Rezo war ein sensationeller Erfolg (16 Millionen Aufrufe), den nun auch andere wiederholen wollen: Anlässlich der bevorstehenden Parlamentswahlen in Österreich gehen gleich mehrere Youtuber mit ähnlichen Videos an den Start. Die Abrufzahlen sind derzeit eher bescheiden und ein Einfluss auf das Wahlergebnis erscheint unwahrscheinlich. Laut Leonhard Dobusch können diese und ähnliche Videos im Rezo-Style dennoch als “Indiz für eine breitere Politisierung von YouTube” gelten.

6. Silke und Holger kaufen sich eine Zeitung
(neues-deutschland.de, Tim Wolff)
Die DuMont-Mediengruppe hat ihren Berliner Verlag mitsamt Druckerei und “Berliner Zeitung” verkauft. Neue Eigentümer sind Silke und Holger Friedrich, ein in der Medienbranche bislang weitgehend unbekanntes Unternehmerpaar. Ex-“Titanic”-Chef Tim Wolff hat sich einige Äußerungen des medienunerfahrenen Pärchens angeschaut. Sein Befund: “Nein, hysterisch wird im Angesicht von Silke und Holger niemand, denn sie sind ein hervorragendes Beispiel dafür, was die beiden Deutschlands und die Weltläufte hervorgebracht haben: Menschen, die pathologisch beliebig Wörter von schwammiger Bedeutung aneinanderreihen und das Ergebnis mit so etwas wie »Haltung« verwechseln.”
Zusätzlicher Hörtipp: Silke und Holger Friedrich im ausführlichen Interview bei radioeins (radioeins.de, Jörg Wagner & Daniel Bouhs, Audio: 1:10:09 Stunden).

“Spiegel”-(Selbst)-Betrug, Multipler Pinocchio, Abschied vom Pümpel

1. SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen
(spiegel.de, Ullrich Fichtner)
In einer “Rekonstruktion in eigener Sache” schreibt “Spiegel”-Redakteur Ullrich Fichtner über einen Betrugsfall im eigenen Haus. Ein mit Preisen überhäufter Star-Reporter habe “in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert”. In seiner Stellungnahme schreibt Fichtner, um welche Fälschungen es sich handelte und wie es, aus seiner Sicht, dazu kommen konnte. Außerdem hat die “Spiegel”-Redaktion ein FAQ zum Thema verfasst: Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Weiterer Lesehinweis: Ex-“Spiegel”-Reporter Relotius wird erster Preis aberkannt (dwdl.de, Alexander Krei).

2. Lügendetektor
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Die “Washington Post” ordnete beim Factchecking die Falschheit von Aussagen bislang mit ein bis vier Pinocchio-Nasen ein. Nun führt sie den “Bottomless Pinocchio” ein, für Politiker, die eine offensichtliche Lüge mehr als zwanzigmal wiederholen. Erster Betroffener ist US-Präsident Donald Trump, der im laufenden Jahr 86-mal behauptet habe, die USA hätten mit dem Bau der Grenzmauer begonnen, obwohl dies nachweislich falsch sei.

3. Lieber Einheimisches als Ausländisches?
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio, 6:04 Minuten)
Gemäß einer neuen EU-Verordnung dürfte es für ausländische Investoren schwerer werden, in deutsche Medienhäuser zu investieren. Die Unabhängigkeit der Medien sei aber durch nationale Monopolisten genauso gefährdet, so Medienökonom Bjørn von Rimscha im Interview mit dem “Deutschlandfunk”.

4. Pubertät als einzigartiges Weltereignis
(deutschlandfunkkultur.de, Sigrid Löffler, Audio, 4:02 Minuten)
Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat einen neuen Bücher-Trend festgestellt, nach dem Frauen die ganze Welt, Männer jedoch nur sich selbst erklären würden. Natürlich hat sie dafür einige aktuelle Beispiele parat, in denen Männer ihre Jugend zum Drama verklären würden. Egal, wie “mickrig und banal” diese in Wahrheit gewesen sein mag.

5. Rechts­be­griffe, vom Bild­zei­tungs­leser ver­standen
(lto.de)
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Boris Becker muss mit der “Bild”-Schlagzeile leben, dass er das Haus seiner Mutter verpfändet habe. Becker hatte darauf abgestellt, dass es sich formaljuristisch um keine Pfändung gehandelt habe und damit bislang auch juristisch Erfolg gehabt. Nun entschied das Bundesverfassungsgericht, dass es auf das Verständnis eines Laien ankommt und der Begriff “Verpfändung” in diesem Fall erlaubt sei.

6. Tetsche – der Meister des gehobenen Blödsinns verabschiedet sich vom stern
(stern.de, Kester Schlenz)
Nach 44 Jahren erscheint diese Woche das letzte Mal ein Tetsche-Cartoon im “Stern”. Kester Schlenz hat den berühmten Humoristen bei sich zu Hause besucht, in seiner umgebauten alten Dorfschule, auf deren Dach Tetsches Markenzeichen thront: ein überdimensionaler Pümpel.
Update Während es im “Stern”-Beitrag so aussieht, als hätte Tetsche aus eigenem Antrieb seinen Abschied erklärt (“Tetsche fand, dass man aufhören solle, wenn es noch schön ist.”), liest sich das auf seiner eigenen Homepage ganz anders: “Durch große Umbau- und Spaßmaßnahmen beim Stern ist die Tetsche-Seite tatsächlich rausgeflogen! Sorry … An mir lag’s nicht!”

“Vice”-Exodus, Lanze für Lanz, Königspinguine und Kopfbälle

1. “So weit kann man gehen”
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
In einer gemeinsamen Aktion verlassen alle acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der österreichischen “Vice” die Redaktion. Der Grund: Umstrukturierungen, die die “Vice”-Zentrale in Berlin für die Redaktionen in Deutschland, der Schweiz und Österreich plant. Im Interview mit der “SZ” erklärt Vize-Chefredakteurin Hanna Herbst, warum sich die Redakteurinnen und Redakteure nicht von Deutschland aus steuern lassen wollen.
Weiterer Lesehinweis: Bei “Meedia” kommt die “Vice”-Chefin zu Wort: Laura Himmelreich zum Vice-Exodus in Austria: “Möchte nicht Chefin von Leuten sein, die nicht zu meinem Team gehören wollen”

2. Neuanfang mit Schleudertrauma
(deutschlandfunk.de, Nicole Markwald, Audio, 4 Minuten)
Die “Los Angeles Times” hat bewegte Zeiten hinter sich. Im “Deutschlandfunk” erzählt Redakteurin und Gewerkschafterin Carolina Miranda von den letzten Monaten: “Wir sahen Chefredakteure kommen und gehen, wir sind der Gewerkschaft beigetreten, wir bekamen einen neuen Eigentümer und dann sind wir auch noch umgezogen. Es fühlt sich wie ein Schleudertrauma an — wir freuen uns über einen neuen Besitzer, der Journalismus für wichtig hält, aber wir mussten uns auch nach fast einem Jahrhundert von unserem Zuhause verabschieden.” Eine spannende, in Teilen boulevardeske Geschichte, fast wie aus dem Netflix-Universum.

3. Was machen Zeitungen online besser als Radiosender?
(radioszene.de, James Cridland)
Radio-“Futurologe” James Cridland ist unzufrieden mit den Websites der Radiosender, die sich oft auf einen Livestream ihres Hörangebots beschränken: “Ein Livestream ist eine feine Sache, und es gibt sicherlich ein Publikum dafür. Aber auch Zeitungen bieten auch längst mehr als die plumpe PDF-Version ihrer neuesten Ausgabe. Vielleicht sollten auch mehr Radiosender sich die Vorteile des Internets zunutze machen und mehr bieten als nur das Audio-Pendant einer PDF-Datei.”

4. 7 Gründe, weshalb “Markus Lanz” besser ist als sein Ruf
(dwdl.de, Timo Neumeier)
Auf “DWDL” bricht Timo Neumeier eine Lanze für Markus Lanz und dessen Talkshow beim ZDF. Sendung und Moderator würden oftmals kritisiert, doch das Format sei seit zehn Jahren erfolgreich, und dafür gebe es gute Gründe.

5. Warum schwindet die größte Kolonie der Kaiserpinguine? Weshalb schaden Kopfbälle Frauen mehr als Männern? Science Media Newsreel No. 19 (30.07. bis 05.08.2018)
(meta-magazin.org)
Wie kommt Wissenschaft in die Massenmedien? Welche Themen erfahren die größte mediale Aufmerksamkeit und wird zutreffend berichtet? Diesen Fragen geht das “Science Media Center” in seinem wöchentlichen Rückblick nach. Diesmal dabei: Eine Meldung aus dem Journal “Antarctic Science”, nach der die einst weltgrößte Königspinguin-Kolonie schrumpft, und die Erkenntnis aus dem Fachjournal “Radiology”, dass Kopfbälle bei Frauen größeren Schaden anrichten als bei Männern.

6. Ich bin jetzt auch auf Twitter, und es ist die Hölle
(welt.de, Boris Pofalla)
Boris Pofalla hat sich vor ein paar Monaten mit einem Fantasienamen auf Twitter angemeldet und damit etwas geradezu Unvorstellbares für sich gewagt: “Ich war bei ICQ, AOL, Yahoo und bei Myspace, ich bin auf Instagram und auf Facebook, aber Twitter habe ich mir immer verkniffen. So wie ich es mir auch immer verkneife, mitzukommen, wenn bei einer Party mal wieder Leute zu dritt auf der Toilette verschwinden und ihnen vor lauter Fröhlichkeit danach die Augen aus dem Kopf zu laufen scheinen wie zwei zu weich gekochte Eier.“
Ein Rant, der mit der Erkenntnis schließt: “Der nächste Weltkrieg, da bin ich mir sicher, wird mit einem Tweet beginnen.”

(SPD-)Ausländer raus!, Dopingjäger, Ex-Präsident mit Einkaufswagen

1. Ausländer raus aus meiner Wahl
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
„Bild“ läuft mal wieder zu großer Form auf, was das Schüren von Ressentiments anbelangt: Zuerst die Geschichte über eine Flüchtlingsfamilie, die monatlich über 7.000 Euro vom Staat bekommt, nun die Empörung über Ausländer, die via SPD-Mitgliederentscheid über das Wohl und Wehe der Republik entscheiden. Hengameh Yaghoobifarah befindet: „… genau das lesen die Bild-Leser_innen gerne, die sich in der herbeifantasierten Position der deutschen Opfer von Merkels Politik wohl fühlen. Und jetzt können sie dank Reichelt das Märchen über die bösen Ausländer, die den demokratischen Deutschen die Wahl verpfuschen – und sich sozusagen in ihre Politik „einmischen“ — weitererzählen.“
Weiterer Lesetipp: “Die ‘Bild’ hat eine Kampagne gegen Ausländer in der SPD gestartet” (“Vice”)

2. Der Dopingjäger
(republik.ch, Ariel Hauptmeier)
Ende 2014 sorgte Hajo Seppelts Film “Geheimsache Doping — Wie Russland seine Sieger macht” für weltweites Aufsehen. Ermittlungen begannen, Funktionäre traten zurück oder flohen, Athleten wurden gesperrt, Organisationen suspendiert und zwei Jahre später die russischen Leichtathletinnen und -athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Ariel Hauptmeier hat eine überaus spannende und lesenswerte Reportage über das Entstehen der Reportage geschrieben.

3. Mehr Sex in die seriöse Tagespresse!
(jetzt.de, Katja Lewina)
Katja Lewina ist es gewohnt, für ihre Texte über Sex angegangen zu werden. Nun hat sich der „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein einen ihrer Texte vorgeknöpft. In einem Kommentar antwortet sie Martenstein und allen anderen Kritikern: „Wann immer jemand behauptet, dass wir zu viel über Sex reden, beweist das nur, dass wir noch lange nicht genug darüber geredet haben. Es bedeutet, dass dieses Thema noch nicht so alltäglich und leicht ist, dass die Menschen es mit einem milden Lächeln abtun könnten, anstatt sich darüber zu ereifern.“

4. Quintessenz einer Karriere
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Der BGH hat entschieden, dass das inzwischen eingestellte Magazin „People“ (Bauer-Verlag) ein Foto des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff veröffentlichen durfte, das diesen beim Einkaufen im Supermarkt zeigt. Im „Deutschlandfunk“ wendet sich Arno Orzessek in einer Glosse direkt an Wulff: „Wer sich so wild entschlossen an die Regenbogen-Presse heranschmeißt wie Sie, aber wegen eines läppischen Einkaufswagen-Fotos vor Gericht zieht, der verdient es, in einem Atemzug mit Lothar Matthäus und Boris Becker genannt zu werden… Besagt doch das kleine Medien-Einmaleins: Dem Boulevard hingeben und zugleich seine Unschuld bewahren, das klappt nie.“

5. Wie Zeitungen Podcasts machen
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
Podcasts wurden anfangs von den großen Medienhäusern belächelt oder schlicht nicht wahrgenommen. Das hat sich geändert: Mittlerweile bieten viele große Verlage eigene Produktionen an. Für den „Journalist“ haben sich die Hörfunk-Experten Sandra Müller und Thomas Becht durch das Angebot der Medienunternehmen gehört.

6. Warum wir nicht gendern
(blog.zeit.de. Meike Dülffer)
Wenn es um Männer, Frauen und Menschen anderen Geschlechts geht, verzichtet „Zeit Online“ auf Gendersternchen, Binnen-I oder den Unterstrich in Substantiven. Wie stattdessen vorgegangen wird, erklärt Textchefin Meike Dülffer und wendet dabei eine pfiffige Guerilla-Taktik an.

ARD-Spiegelfechterei, Präzedenzfall, Hauswinkelspinnen-Hysterie

1. “Simple Schmähkritik”: ARD kontert dem “Spiegel”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der “Spiegel” beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe sehr kritisch mit dem öffentlich-rechtlichen System (“Die unheimliche Macht — Wie ARD und ZDF Politik betreiben”). Die ARD hat mit einer Stellungnahme reagiert, die sie mit dem Wort “Zerrspiegel” überschreibt. Alexander Krei fasst die Antwort des Senders bei “DWDL” zusammen. Weiterer Lesetipp zum Thema: “Zapp” mit “Wie der “Spiegel” Medienpolitik betreibt”.

2. #np13 – Datenjournalismus als Gegenpol zur staatlichen und kommerziellen Datenanalyse
(netzpolitik.org, Johann Stephanowitz, Video, 26:54 Minuten)
Michael Kreil arbeitet bei “Data Science and Storys”, dem Datenjournalismus-Team der Berliner Zeitung “Tagesspiegel”. Auf der “Netzpolitik”-Konferenz gab er unter dem Titel „Datenjournalismus für die Informationsgesellschaft“ einen Überblick über die Möglichkeiten von Datenjournalismus und stellte verschiedene interaktive Projekte vor. Zum Beispiel das Lobbyradar, das die Lobby-Netzwerke der Hauptstadt grafisch darstellt, oder die GSM Map, die zeigt, wie gut die Mobilfunknetze verschlüsselt sind. Sein Vortrag liegt als Video und als Audiomitschnitt vor.

3. Floskel des Monats: Schlechter Tag für die Demokratie
(journalist-magazin.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
War der 24. September ein “schlechter Tag für die Demokratie”? Ganz im Gegenteil finden die Floskel-Experten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in ihrer Monatsglosse: “Trotzdem war die Bundestagswahl auch 2017 wieder ein guter Tag für die Demokratie — weil die freie Wahl eines ihrer wichtigsten Merkmale ist. Selbst wenn das Ergebnis nicht jedem gefällt.”

4. Bundesnetzagentur zwingt Telekom zum Nachbessern
(zeit.de)
Die Bundesnetzagentur hat entschieden: Die sogenannten “StreamOn-Tarife” der Telekom verstoßen nur in Details gegen die Netzneutralität. Bei den Streaming-Tarifen werden datenintensive Audio- und Videodienste wie Spotify, Netflix, Apple Music, Amazon Prime und Youtube nicht auf das Datenvolumen des Vertrags angerechnet. Kritiker sehen in der unterschiedlichen Behandlung der Medientypen einen Verstoß gegen das Gebot der Gleichbehandlung allen Datenverkehrs und sprechen von einem “gefährlichen Präzedenzfall”.

5. Unsere kleine Stadt
(sueddeutsche.de, Viola Schenz)
“Merkurist” ist ein Web-Portal für Lokaljournalismus, das von den Zulieferungen und Vorschlägen seiner Nutzer lebt. Gegründet wurde die Plattform von Manuel Conrad, der das Projekt mit einem Team von Software-Entwicklern hochgezogen hat. Seit zwei Jahren gibt es den “Merkurist” schon, der von bezahlten PR-Texten und sonstigen Anzeigen lebt. Und Investoren, die an diese Form von Journalismus glauben.

6. Invasion! Plage! Bissig! Die alle Jahre wiederkehrende Hauswinkelspinnen-Hysterie der Online-Medien
(meedia.de)
Social-Media-Star ist derzeit die “Hauswinkelspinne” und das hat einen schlichten Grund: Im Herbst werden die Tiere am häufigsten gesehen. Da das Thema viele Klicks generiert, überbieten sich viele Online-Medien geradezu mit sensationsheischenden Beiträgen, bei denen auch fleißig voneinander abgeschrieben wird. Das Medienportal “Meedia” bleibt jedoch gelassen: “Aber wie das so ist mit Medien im Allgemeinen und Online-Medien im Speziellen. Wenn der Winter da ist, wird sich aufgrund der Temperaturen die Spinnen-Hysterie erledigt haben und das „Blitz-Eis“, bzw. der „Russen-Winter“ drohen. Und im nächste Herbst holt dann garantiert wieder jemand das Thema Hauswinkelspinne aus der Schublade.”

Gerichts-TV, FPÖ-Pingpong, Kalter Kaffee

1. Neue Ansichten
(sueddeutsche.de, Wolfgang Janisch)
Nach langem Hin und Her haben sich die Verhandlungspartner auf einen Gesetzentwurf zum Thema Kameras im Gerichtssaal geeinigt. Aufnahmen historisch bedeutsamer Prozesse will man erlauben, jedoch nur Tonaufnahmen gestatten. Ob es in Zukunft ein Justizfernsehen geben wird, hängt unter anderem mit den Kosten zusammen. Beim BGH veranschlagt man das Schaffen einer Infrastruktur auf eine halbe Million Euro.

2. Was die Autoren über die Gründung der VG Wort wissen sollten
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal schreibt über die Entstehung der “Verwertungsgesellschaft Wort” (VG Wort). Bereits Jahre vor der Gründung gab es schon einmal den Versuch, eine Verwertungsgesellschaft der Autoren zu gründen: die „Gesellschaft zur Verwertung literarischer Urheberrechte“, abgekürzt GELU. Und er blickt auf eine Zeit, die gerne ausgeklammert wird: die Dreißiger Jahre.

3. Die Kartelle bestimmen deinen Todestag
(faz.net, Matthias Rüb)
Der 50-jährige Javier Valdez galt als einer der bekanntesten investigativen Reporter Mexikos. Er gehörte zu den Gründern von „Rio Doce“, der wichtigsten Informationsquelle über die organisierte Kriminalität in der Region und schrieb für verschiedene mexikanische Tageszeitungen. Nun wurde Valdez vor dem Bürogebäude des Wochenmagazins “Rio Doce” erschossen, am helllichten Tag und auf offener Straße. Mit ihm hat die Mafia eine Symbolfigur ausgeschaltet.

4. Facebook: Pingpong zwischen FPÖ und oe24.at
(derstandard.at)
Eine Medienagentur hat über 7.000 Facebook-Postings österreichischer Medien analysiert, sie mit der Printberichterstattung verglichen und Themen und Parteien zugeordnet. Viele der Postings fallen durch “stark negative, emotionale Wortwahl” und “beängstigende Inhalte” auf. Interessant ist auch die selektive Beschäftigung mit Parteien: Während die FPÖ in Print im März auf einen Anteil von zehn Prozent der Erwähnungen gekommen sei, hätte die Zuordnung bei den Facebook-Postings bei 21 Prozent gelegen. Bei der Webseite “oe24.at” war der Wert noch höher: Hier konnten 38 Prozent der politischen Berichte auf Facebook der FPÖ zugeordnet werden.

5. Was ihre Fälle unterscheidet – und was sie verbindet
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Am 30. April wurde in der Türkei die deutsche Journalistin Mesale Tolu wegen angeblicher “Terrorpropaganda” inhaftiert. In den sozialen Netzwerken machte die Inhaftierung schnell die Runde, doch die Medien griffen die Thematik erst zwei Wochen später auf. Der Beitrag zeigt die Parallelen, aber auch die Unterschiede zum Fall Deniz Yücel.

6. Mit freundlicher Unterstützung von Nespresso
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Im Schweizer “Tages-Anzeiger” erschien ein doppelseitiger Beitrag über Recycling. Das Ganze sollte wie Journalismus aussehen, war in Wahrheit jedoch (oben gekennzeichnete) Werbung für die Kaffeekapseln aus dem Haus Nespresso. Rainer Stadler schreibt in seiner Medienkritik: “Die deutliche Hervorhebung von gesponserten Beiträgen bedeutet nicht, dass darüber hinaus alles sauber verläuft. Der Konsument kann es glauben oder nicht, oder er vermag allenfalls die Konstellationen aufgrund der kontinuierlichen Lektüre eines redaktionellen Angebots einzuschätzen.”

Falscher Faktencheck, Digitale Dopingjagd, Flüchtlingsforschung

1. Vertrauen gibt es nicht umsonst
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die “dpa”-Meldung „Türkische Behörden verbieten Weihnachten.“ sei nicht ganz präzise gewiesen, habe sich jedoch als Segen für die Fakenews-Debatte erwiesen, findet “taz”-Autor Peter Weissenburger: “Ein Gewinn ist diese Episode dennoch. Zwar ist es verunsichernd für JournalistInnen, dass in Zeiten nach Pegida, Köln und der US-Wahl ihre Arbeit regelmäßig angezweifelt wird. Andererseits ist zu begrüßen, dass die etablierten Medien so lernen, sich mehr nach außen hin zu erklären. Das kann verlorenes Vertrauen wieder aufbauen.”

2. Gericht verbietet Journalistenschule falschen Faktencheck
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Kölner Journalistenschule KJS darf nicht mehr behaupten, dass „gut ein Viertel“ der von ihr in einem vermeintlichen „Faktencheck“ überprüften Talkshow-Aussagen von AfD-Chefin Frauke Petry zu beanstanden waren, so Stefan Niggemeier auf “Übermedien”. Petry hätte vor dem Oberlandesgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen das Projekt „Faktenzoom“ erwirkt. Für Niggemeier sicher keine große Überraschung. Er selbst hatte schon im Sommer über die Angreifbarkeit der Auswertung berichtet und auf konkrete Fehler hingewiesen.

3. Flüchtlingsforschung gegen Mythen 4
(fluechtlingsforschung.net)
Auch im vierten Teil der Serie “Flüchtlingsforschung gegen Mythen” kommentieren Mitglieder des Netzwerks Flüchtlingsforschung zweifelhafte Politikeraussagen zur Flüchtlingsthematik. Absolut lesenswert für jeden, der sich nicht damit abfinden will, dass wir (angeblich) in postfaktischen Zeiten leben.

4. Ex-Moderator postet Ku-Klux-Klan-Szene
(tagesspiegel.de, Rosa Feigs)
Der ehemalige Radiomoderator Elmar Hörig äußert sich auf Facebook regelmäßig auf menschenverachtende und geschmacklose Weise. Nun hat die rheinland-pfälzische SPD-Landtagsabgeordnete Giorgina Kazungu-Haß den Social-Media-Pöbler angezeigt. Konkreter Anlass: Eine von Hörig mit Schokoladenweihnachtsmännern nachgestellte Ku-Klux-Klan-Hinrichtungsszene.

5. Digitale Dopingjagd
(dasnetz.online, Martin Einsiedler)
Nach all den Dopingvorfällen der Vergangenheit ist vom “sauberen Sport”, zumindest im Hochleistungssport, nicht viel übrig geblieben. Sportjournalist Martin Einsiedler glaubt, dass neue Methoden des Journalismus bei der Jagd nach Betrügern helfen können. Als Beispiel führt er das von Hajo Seppelt mitgegründete Webportal “sportsleaks.com” an, über das Whistleblower Betrugsfälle im Sport melden und belastende Datensätze, Dokumente oder Ton- und Videoaufnahmen einreichen können. Natürlich unter Wahrung der Anonymität, wie man betont.

6. Zeitschriften, die sich nicht durchgesetzt haben
(titanic-magazin.de)
Die Fachleute von der “Titanic” haben zum Jahresende eine Übersicht der Zeitschriften zusammengestellt, die sich auf dem Markt nicht durchsetzen konnten.

Härter gegen das “Pinkel-Phantom”

An manchen Tagen plagt man sich mit schrecklichen Gedanken, weil man sich schlecht fühlt und die Befürchtung hat, das könnte was Schlimmeres sein. Bei Google sprechen die Symptome gleich für mehrere tödliche Krankheiten, und es wird von Stunde zu Stunde unerträglicher. In der Nacht bekommt man kein Auge zu. Morgens bestellt man zum letzten Mal in seinem Leben ein Taxi und lässt sich zwei Straßen weiter zum Hausarzt fahren. Unterwegs schaut man sich durchs Fenster etwas wehmütig noch einmal die Gegend an, in der man gewohnt hat. Und nach endlosen Stunden im Wartezimmer reicht dem Arzt schon ein flüchtiger Blick in den Rachen, um sagen zu können: “Das ist wohl ein leichter Infekt. Ich schreib’ Ihnen hier mal was auf. In zwei, drei Tagen ist alles wieder in Ordnung.” Und augenblicklich geht es einem besser.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann “Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

So funktionieren Menschen. Der gegenwärtige Zustand ist oft gar nicht das Problem. Es ist eher die Angst davor, dass alles noch schlimmer werden könnte und dann womöglich außer Kontrolle gerät. Das macht viele Menschen wahnsinnig. Leider kann der Hausarzt da nicht immer helfen. Oft kann niemand helfen. Und für den Fall gibt es Politiker.

Zum Beispiel die Sache mit den Grusel-Clowns. Mittlerweile schon seit ein paar Wochen verbreiten vor allem “Bild” und Bild.de Angst und Schrecken, indem sie unter dem Deckmantel der Trend-Berichterstattung Menschen dazu ermuntern, sich als Clown zu verkleiden und auf den Straßen andere zu erschrecken.

“Bild”-Leser müssen offenbar nur “Trend aus den USA” lesen, schon denken sie: Hier kann man mal vorne dabei sein, und dann machen sie auch den größten Unfug mit, es muss eben nur ein Trend sein. Die “Bild”-Medien könnten vermutlich auch das Gerücht verbreiten, aus den USA schwappe gerade ein neuer Trend rüber, der darin bestehe, dass Menschen sich in aller Öffentlichkeit laut grunzend einnässen und danach unerkannt verschwinden. Auch da würden sich wahrscheinlich “Bild”-Leser finden, die das für so positiv verrückt hielten, dass sie unbedingt mitmachen wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich davon irgendwer in der Öffentlichkeit belästigt fühlen und zuschlagen würde, wäre recht groß. Schon hätte man die nächste Schlagzeile.

Solche Trends werden schnell zum Selbstläufer. In jeder weiteren Meldung sehen viele Menschen nur eine Botschaft, nämlich: So kommen Sie in die Zeitung. Und dann tauchen immer mehr “Bild”-Leser auf, die in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern stehen und grunzen, während ihnen der Urin aus der Hose läuft.

Auch darüber wird selbstverständlich berichtet, denn das ist ja irgendwie auch ein Spektakel. In anderen Redaktionen fällt während der Morgenkonferenz der Satz: “Das können wir nicht einfach ignorieren.”

Von da an gibt es jeden Tag mindestens einen neuen Fall. Die “Bild”-Zeitung erfindet das Wort “Pinkel-Phantom”, und irgendwann sprechen sie darüber auch in politischen Gremien, wo man das Problem zwar nicht so ganz ernst nimmt, aber doch die Gefahr sieht, dass in der Bevölkerung der Eindruck entstehen könnte, man habe die Lage nicht mehr unter Kontrolle.

Und wenn dieses Stadium erreicht ist, tritt meistens irgendwer mit Verantwortung vor Journalisten an ein Mikrofon und sagt den entscheidenden Satz: “Wir werden härter dagegen vorgehen.”

In der Sache mit den Clowns hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann seine Erklärung schon vor über einer Woche abgegeben:

Kurz darauf hat auch die Polizei noch mal versichert, dass sie ein härteres Vorgehen für notwendig hält:

Und wenn man darüber nachdenkt, was den Menschen sonst noch Angst machen könnte, und das mal googelt, weiß man gar nicht, ob man es beruhigend oder doch eher beängstigend finden soll, dass dieser Medien-Mechanismus anscheinend so verlässlich funktioniert, dass er immer wieder zum Einsatz kommt.

Um nur mal in Bayern zu bleiben. Keine Woche zuvor ging es um die Reichsbürger. Da hatte Herrmann das hier gesagt:

Und die Reichsbürger sind in Bayern ja nicht die Einzigen, zu denen man noch viel zu nett ist:

Hinzu kommen die Kriminellen im Internet:

Nicht zu vergessen die an der Grenze:

Oder die Wirtschaftsflüchtlinge:

Selbstverständlich will Joachim Herrmann auch gegen Islamisten härter vorgehen:

Nicht ganz so häufig liest man später Meldungen wie: “Härteres Vorgehen gegen Horror-Clowns führt zu spektakulären Erfolgen.”

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise ist das härtere Vorgehen oft zwar sensationell erfolgreich, aber die Politiker vergessen regelmäßig, das mitzuteilen, und die Journalisten fragen einfach nicht nach, weil sie entweder froh sind, über die Sache nichts mehr schreiben zu müssen, oder weil sie vergessen haben, dass es das Thema überhaupt irgendwann gab.

Vielleicht erreicht man mit noch mehr Härte aber auch einfach nicht ganz so viel. Und es gibt kaum einen Menschen, der wieder aus seinem Clown-Kostüm steigt, weil er denkt: “Noch unfreundlichere Polizisten? Noch härtere Strafen? Nee, das tu ich mir nicht an. Da erschreck’ ich lieber die Kaninchen im Garten.”

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit. Es kann auch sein, dass die Erfolge in Wirklichkeit egal sind und es am Ende bei diesem Spiel von Medien und Politik um etwas ganz anderes geht — um den Eindruck, dass es jemanden gibt, der sich die Sache mal eben anschaut und dann relativ schnell sagen kann: “Ich verschreib’ Ihnen mal dieses Mittel hier. In zwei, drei Tagen ist alles wieder in Ordnung.”

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