Suchergebnisse für ‘PIN’

Probleme mit Telegram, Zielscheibe NDR, Weitere Reformen angemahnt

1. Was die Politik gegen Hetze und Gewaltaufrufe tun kann
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein & Christoph Sterz, Audio: 6:29 Minuten)
Derzeit würden Messengerdienste nicht vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz erfasst, wenn sie zur Individualkommunikation bestimmt seien. Telegram stelle in gewisser Weise eine Ausnahme dar, denn hier können öffentliche Kanäle von einer großen Anzahl von Personen abonniert werden. Demnach müsse Telegram offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden und rechtswidrige Inhalte innerhalb von sieben Tagen löschen. Doch das Bundesamt für Justiz beißt sich an dem Messenger bislang die Zähne aus, erklärt der Experte für Internetrecht Matthias Kettemann: “Telegram will einfach nicht”.

2. NDR wird Zielscheibe von Querdenkern
(verdi.de)
Am dritten Advent haben sich mehrere Hundert Verschwörungsgläubige der Gruppierung “Freie Niedersachsen” zu einem “Querdenker”-Protest vor dem NDR-Landesfunkhaus in Hannover versammelt, berichtet das ver.di-Magazin “Menschen machen Medien”: “Der Versammlungsort sei von den Initiatoren aus dem verschwörungsideologischen Spektrum nicht zufällig gewählt worden und knüpfe an frühere Angriffe an: Bereits im November 2019 hatte die rechtsradikale NPD einen Zug durch die Innenstadt von Hannover organisiert, die sich ebenfalls gegen den NDR richtete.”

3. Weitere Reformen angemahnt
(medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Bei der Aktion “Unsere Medien” haben sich mehr als einhundert Personen aus Kultur, Medien, Wissenschaft und Politik für eine Stärkung und Weiterentwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien ausgesprochen. Mit ihrem Appell würden sie sich an die politisch Verantwortlichen richten, aber auch an die Sender selbst, und die Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Modells in Deutschland und Europa als Voraussetzung für funktionierende Demokratien fordern: “Mit diesem Appell an Medienpolitik und Rundfunkanstalten unterstützen wir die Idee und die Existenz unabhängiger öffentlich-rechtlicher Medien in Deutschland und Europa. Im digitalen Zeitalter brauchen wir sie noch mehr denn je. Gleichzeitig verbinden wir unsere Unterstützung mit der Forderung nach mehr Transparenz und grundlegenden, nachhaltigen Veränderungen.”

Bildblog unterstuetzen

4. Springer-Führungskräfte müssen Beziehungen am Arbeitsplatz offenlegen
(tagesspiegel.de)
Der Medienkonzern Axel Springer hat seinen Firmen-Verhaltenskodex zu persönlichen Beziehungen am Arbeitsplatz überarbeitet: “Wir müssen und wollen klarer formulieren, welches Verhalten wir gerade von Führungskräften im Falle von möglichen Interessenskonflikten am Arbeitsplatz erwarten, und unser Handeln konsequent daran messen”, so der Personalvorstand in einem Schreiben an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Einer der Gründe für die Anpassung dürfte der Fall des jüngst unrühmlich ausgeschiedenen (Ex-)”Bild”-Chefredakteurs Julian Reichelt sein.

5. Überfremdung
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Sebastian Pertsch und Udo Stiehl werfen im Rahmen ihres Projekts “Floskelwolke” einen sprach- und medienkritischen Blick auf vielbenutzte Formulierungen. Diesmal nehmen sie sich das Wort “Überfremdung” vor: “Wäre der Begriff ein Shopping-Artikel, hieße es wohl: Personen, die dieses Wort verwendet haben, nutzten auch die Kampfbegriffe Asylindustrie, das Boot ist voll, Einfallsrouten, Flüchtlingswelle, Lügenpresse, Passdeutsche und raumfremde Menschen.”

6. Magazin “Time” kürt umstrittenen Tesla-Chef Elon Musk zur “Person des Jahres”
(rnd.de)
Das Magazin “Time” hat Elon Musk zur “Person of the Year” gekürt. “Die Person des Jahres ist ein Zeichen für Einfluss, und nur wenige Menschen haben mehr Einfluss auf das Leben auf der Erde und möglicherweise auch auf das Leben außerhalb der Erde als Musk”, habe der “Time”-Chefredakteur zur Begründung geschrieben. Nun ja, darüber ließe sich trefflich streiten, zumal mit den Impfstoff-Erfindern aus Sicht des “6-vor-9”-Kurators geeignetere Kandidaten zur Verfügung gestanden hätten. Die wurden jedoch von “Time” auf das Nebengleis “Helden des Jahres” geschoben und tauchen damit nicht großformatig auf dem Cover auf.

KW 47: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Mord in den Medien: Gehen Reporter zu weit?
(ndr.de, Johannes Koch, Video: 15:47 Minuten)
Nach dem Mord an einer Frau und ihren beiden Kindern in Bispingen fielen unzählige Journalisten und Journalistinnen in dem niedersächsischen Ort ein. Dabei wurden oft Grenzen der Berichterstattung überschritten, Trauernde gefilmt und weinende Nachbarn vor laufender Kamera befragt. Reporter Johannes Koch war selbst vor Ort und blickt deshalb besonders nachdenklich auf das Thema: “Ich habe als Reporter für die ARD und den NDR aus Bispingen berichtet und in den Tagen und Wochen danach habe ich immer überlegt: Wem nützt das was, dass wir da berichten? Ich hatte teilweise wirklich das Gefühl, da läuft irgendwas falsch.”

2. Juan Moreno – Ehrenretter des Journalismus
(ardaudiothek.de, Jörg Thadeusz, Audio: 31:14 Minuten)
Der Journalist Juan Moreno deckte beim “Spiegel” vor knapp drei Jahren gegen viele Widerstände den Fall um Claas Relotius auf, der sich als einer der größten Betrugsskandale in der deutschen Mediengeschichte erwies. Jörg Thadeusz hat sich mit Moreno über dessen neues Buch mit Auslandsreportagen und seine journalistische Reisetätigkeit rund um die Welt unterhalten.

3. Wieso haben sich Medien den PR-Hund aufbinden lassen?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 29:07 Minuten)
Seit Jahrzehnten kursiert in vielen Medien die Geschichte von Schäferhund Gunther, der dank einer Millionenerbschaft in Saus und Braus lebe und eine Villa besitze, die früher mal Madonna gehörte. Bei solch einer Story kann man schon mal misstrauisch werden. Der neue “Übermedien”-Redaktionschef Frederik von Castell wurde nicht nur misstrauisch, sondern ging der Sache nach – mit der Erkenntnis: Der Hund ist eine Ente! Holger Klein hat sich mit Frederik von Castell über die Recherche unterhalten und ihn gefragt, inwieweit ihm seine Erfahrungen als Faktenchecker dabei geholfen haben.

Bildblog unterstuetzen

4. Journalismus auf TikTok?
(journalistik.blogs.uni-hamburg.de, Amelie Marie Weber, Audio: 22:58 Minuten)
Die Journalistin Amelie Marie Weber hat für die Funke Mediengruppe den Bundestagswahlkampf auf TikTok mit dem Format “DuHastDieWahl” begleitet. Nun war sie zu Gast bei Volker Lilienthal in der Ringvorlesung “Kommunikation als Beruf”. Dort hat Weber über ihre Erfahrungen mit Journalismus auf TikTok gesprochen und Tipps zur Karriereplanung gegeben.

5. Talk: Erfolgreich frei sein – das sind die besten Tipps!
(mediummagazin.de, Alexander Graf, Audio: 1:08:32 Stunden)
Beim dritten “Medium Magazin Talk” geht es um freiberuflich tätige Journalistinnen und Journalisten, sogenannte Freelancer: Wie überzeugt man eine Redaktion von seinem Themenvorschlag? Wo findet man Kontakte? Wie verhandelt man richtig und auf Augenhöhe? Darüber sprechen der “Medium-Magazin”-Chefredakteur Alexander Graf und der freie Journalist Florian Sturm.

6. Wie ein deutscher Influencer in einen drohenden Atomkrieg stolpert
(youtube.com, Walulis Story – SWR3, Video: 17:15 Minuten)
Es ist etwas überraschend, aber der bekannteste Parfüm-Influencer der Welt kommt aus Deutschland und nennt sich “Jeremy Fragrance”. Eben jener Influencer war neulich in Pakistan zu Besuch und hat sich dort für eine PR-Kampagne einspannen lassen. Eine Geschichte, die gleichermaßen ernste wie lustige Aspekte hat, wie das “Walulis”-Team recht unterhaltsam herausarbeitet.

Mediale Mitschuld?, Warten auf den Tod von Zhang Zhan, TikTok-Mutproben

1. Haben Medien Mitschuld an der Impfquote?
(deutschlandfunk.de, Bettina Schmieding, Audio: 35:37 Minuten)
Welche Rolle nehmen Medien in der gesellschaftlichen Diskussion über das Thema Impfen ein? Was hätte besser laufen können in der Berichterstattung über die Corona-Impfungen? Darüber diskutieren im Deutschlandfunk der eine Impfung ablehnende Handwerker Karsten Heinsohn, die Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt, der Immunologe Carsten Watzl und Bettina Schmieding aus der Medienredaktion des Deutschlandfunks.

2. Warten auf den Tod von Zhang Zhan
(faz.net, Liao Yiwu)
Die chinesische Videobloggerin Zhang Zhan berichtete aus Wuhan, als dort das Coronavirus ausgebrochen war. Sie wurde zu vier Jahren Haft verurteilt – eine Strafe, die einem Todesurteil gleichkommt, wenn man sich den erschütternden Gastbeitrag des Schriftstellers und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Liao Yiwu durchliest: “Millionen Chinesen verfolgen das Schicksal von Zhang Zhan. Sie alle wissen, dass der Totengott erscheinen wird, sei es in der Gefängniszelle oder sei es wie beim chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der 2017 offiziell zwar ‘zur medizinischen Behandlung begnadigt’ worden war, aber dennoch in Gefangenschaft gestorben ist.”

3. Traust du dich eh nicht!
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Auf der vermeintlich so harmlosen Videoplattform TikTok zirkulieren immer mal wieder virale Mutproben, sogenannte Challenges, die keineswegs harmlos sind, sondern lebensgefährlich sein können. Nun hat TikTok Jugendliche, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher zum Thema befragen lassen und will an einigen Stellen nachbessern. Doch reicht das? Skepsis bleibe angebracht, schreibt Lisa Hegemann, zumal TikTok unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern keine Zahlen zur Verfügung stelle.

Bildblog unterstuetzen

4. Die 20 spektakulärsten Gründe, übers Fernsehen zu schreiben
(dwdl.de, Peer Schader)
Das Medienportal “DWDL” wird 20 Jahre alt (an dieser Stelle: herzlichen Glückwunsch!), für Kolumnist Peer Schader ein willkommener Anlass, auf das Startjahr 2001 zurückzublicken. Thematisch passend baut er seinen Beitrag in Form einer Rankingshow auf: “Die 20 spektakulärsten Gründe, übers Fernsehen zu schreiben – im Jahr 2001 und heute”.

5. Sonderhefte verabschieden die Kanzlerin: nicht alle werden der Ära Merkel gerecht
(rnd.de, Imre Grimm)
Zum Ende der 16-jährigen Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel liegen zahlreiche Merkel-Sonderhefte am Kiosk – vom “Focus” bis zu “Spiegel”, “Zeit” und “My Illu”. Imre Grimm hat sich die Magazine angeschaut und sie mit einer bis fünf “Merkels” bewertet.

6. Wem steht’s besser?
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter)
Zwei miteinander konkurrierende Frauenzeitschriften haben in ihren Dezemberausgaben ausgerechnet mit demselben Coverfoto aufgemacht. Wie konnte es dazu kommen? Laura Hertreiter ist der Sache nachgegangen. Herausgekommen ist “eine kleine Geschichte von Tüll, Exklusivität und unfreiwilligen Partnerlooks.”

“Österreich” vs. Österreich, Assange totgeschwiegen, Kessel Sternenstaub

1. “Österreich” verklagt Österreich, riesiges Interesse im TV
(dwdl.de, Timo Niemeier)
In Österreich überschlagen sich die Ereignisse: Nachdem es – im Zusammenhang mit den Geschehnissen um Ex-Kanzler Sebastian Kurz – bei der Boulevardzeitung “Österreich” zu einer Razzia gekommen war, kündigt das Blatt eine “Millionenklage” gegen die Republik an. Timo Niemeier erzählt, was sich sonst noch in dem österreichischen Medien- und Politikskandal getan hat.

2. Festgehalten wegen Bildrechten?
(taz.de, David Muschenich)
Bei einer Demo gegen die Räumung des Berliner Wohnprojekts Køpi haben Polizisten den Fotojournalisten Ralph Pache an der Arbeit gehindert und kurzzeitig festgehalten. Auf “taz”-Anfrage gibt eine Sprecherin der Polizei an, die Beamten hätten Pache nicht als Journalisten erkannt. Dem widerspricht der Fotograf: Er habe seinen Presseausweis an einem Band um den Hals getragen und sich direkt als Journalist zu erkennen gegeben. Auch Jörg Reichel, Geschäftsführer der Gewerkschaft dju Berlin, halte es für “völlig unrealistisch”, dass die Polizei Pache nicht als Journalisten erkannt habe.

3. Ein Kessel Sternenstaub
(tagesspiegel.de, Jan Freitag)
Die bekannte Wissenschafts-Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim (Kanal: “maiLab”) ist im ZDF gleich in zwei Formaten zu sehen: in der etablierten ZDF-Sendung “Terra X” und in der neuen Sendereihe “Wunderwelt Chemie”. Außerdem wird sie vom 24. Oktober an auch “MaiThink X – Die Show” bei ZDFneo moderieren. “Hoffentlich mit weniger Choreografie vom Blatt als ‘Wunderwelt Chemie’. Und noch hoffentlicher mit weniger Blockbuster-Musik, die Info-Formate oft verkleistern, als wären es Wagner-Opern”, wünscht sich Jan Freitag: “Millionen Abonnenten von ‘maiLab’ sind keinerlei Effekthascherei gewohnt. Hier folgt die Form der Funktion.”

Bildblog unterstuetzen

4. Julian Assange wird totgeschwiegen
(kontextwochenzeitung.de, Wolfgang Frommlet)
Bei der Freude über die Verleihung des Friedensnobelpreises an die philippinische Journalistin Maria Ressa und den russischen Journalisten Dmitri Muratow komme ein Thema zu kurz, findet Wolfgang Frommlet: “Weder RSF [Reporter ohne Grenzen] noch überregionale Zeitungen sowie ARD und ZDF erwähnen einen der mutigsten Journalisten und Whistleblower der letzten 15 Jahre: Julian Assange. Er wird im wörtlichen Sinne totgeschwiegen.”

5. Journalismus muss nicht neutral sein – aber fair
(medienwoche.ch, Marko Ković)
Neutralität, Objektivität, Unparteilichkeit und Ausgewogenheit seien zwar wichtige journalistische Ideale, findet Marko Ković, sie würden sich in der journalistischen Praxis jedoch kaum umsetzen lassen. Als praxistaugliche Leitplanken böten sich eher Werte wie Fairness, Aufrichtigkeit und Stringenz an: “Das Ziel einer Debatte darüber, wie Journalismus jenseits unrealistischer und teilweise gefährlicher Neutralitäts-Anmassungen funktionieren kann, ist letztlich, den Umgang mit Weltanschauungen im Journalismus in gelenkte Bahnen zu leiten.”

6. Der Jekyll und Hyde der digi­talen Welt feiert Geburtstag
(lto.de)
Google Deutschland feiert seinen zwanzigsten Geburtstag. Im Hinblick auf die bislang aufgelaufenen und noch zu erwartenden juristischen Problemfelder, kommentiert “Legal Tribune Online”: “Der Konzern erlebt seit Bestehen einen Spagat zwischen großem Vertrauen und tiefem Misstrauen. Und er sorgt dafür, dass Juristinnen und Juristen sowie Journalistinnen und Journalisten weltweit keinen Grund haben, über mangelnde Beschäftigung zu klagen. Es ist nicht zu erwarten, dass sich daran bis zum nächsten Jubiläum etwas ändern wird.”

KW 40: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Wie tief ist der Medien- und Politiksumpf in Österreich?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 20:02 Minuten)
Das politische Österreich hat in der Vergangenheit einige Skandale durchleben müssen, doch die aktuelle Affäre könnte dafür sorgen, dass Kanzler Sebastian Kurz seinen Posten räumen muss: Sein ÖVP-Team soll vor Jahren mit Steuergeld viele Inserate im Boulevardblatt “Österreich” geschaltet haben, um im Gegenzug wohlwollende Berichte und Umfragen zu erhalten. Bei “Übermedien” spricht Holger Klein mit Florian Klenk, dem Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung “Falter”, über den Medienskandal, die Rolle der Fellner-Brüder, denen “Österreich” gehört, und die Frage, was die Geschehnisse für die österreichische Pressefreiheit bedeuten.
Weiterer Sehtipp: Über die möglichen politischen Folgen spricht Klenk in der ORF-Nachrichtensendung “ZIB Nacht”: Wie tief ist der Medien- und Politiksumpf in Österreich? (tvthek.orf.at, Christiane Wassertheurer, Video: 8:16 Minuten)

2. Propagandamaschine Social Media
(arte.tv, Video: Alexandra Jousset & Philippe Lagnier, Video: 1:34:42 Stunden)
Bei Arte geht es in einem investigativen Dokumentarfilm um die “Ingenieure des Chaos”, die am Computerbildschirm und mit Hilfe riesiger Datenbanken Online-Strategien für Politiker erstellen – Informatiker, Meinungsforscher und Big-Data-Experten: “Um ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen, schüren sie durch Mikro-Targeting und Online-Manipulation den Hass im Netz und heizen die Stimmung immer weiter auf. Sie nehmen dabei in Kauf, dass die Gesellschaft gespalten und der demokratische Diskurs untergraben wird.”

3. Fifty shades of grey – Wie sieht Macht aus?
(deutschlandfunkkultur.de, Christine Watty und Emily Thomey, Audio: 35:48 Minuten)
“Kevin Kühnert und die SPD”, so der Titel einer vielgelobten sechsteiligen NDR-Dokuserie von Katharina Schiele und Lucas Stratmann. Im Podcast “Lakonisch Elegant” von Deutschlandfunk Kultur sind Filmemacherin Schiele und der Drehbuchautor Stefan Stuckmann zu Gast, der die Politsatire “Eichwald, MdB” geschrieben hat. Wie schaut Stuckmann auf die Kühnert-Doku? Was machen solche Settings mit den Menschen darin?

Bildblog unterstuetzen

4. Anfang vom Ende? Facebook in der Krise
(sr.de, Thomas Bimesdörfer & Michael Meyer, Audio: 17:50 Minuten)
Thomas Bimesdörfer und Michael Meyer sprechen mit dem Netzaktivisten Markus Beckedahl (netzpolitik.org) über die aktuellen Vorgänge beim Facebook-Konzern. Sind wir zu abhängig von diesem Diensteanbieter? Und was ist dran an den Vorwürfen der Whistleblowerin Frances Haugen?

5. Friedensnobelpreis für Maria Ressa: Wie die philippinische Journalistin Hass und Drohungen trotzt
(br.de, Linis Lühring, Audio: 27:09 Minuten)
Im Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks geht es um die Verleihung des Friedensnobelpreises an die philippinische Journalistin Maria Ressa, die Auswirkungen der “Pandora-Papers”-Enthüllungen, die umstrittene österreichische Medienförderung und die Diversität im deutschen Fernsehen.

6. Der Königsmacher: Mit den Waffen der Werbung
(arte.tv, Diana Neille & Richard Poplak, Video: 1:23:58 Stunden)
Der PR- und Politikberater Lord Timothy Bell hat es mit seiner umstrittenen Londoner PR- und Onlinemarketing-Agentur Bell Pottinger zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Der Dokumentarfilm gibt Einblicke in den Aufstieg und den Fall der Agentur und ergründet die moralisch fragwürdige Karriere Bells, der unter anderem Margaret Thatcher zu ihrem Ruf als “Eiserne Lady” verhalf.

Vorwürfe gegen Facebook, 30 Jahre Käpt’n Blaubär, Hashtag HandyAlarm

1. Schwere Vorwürfe gegen Facebook
(tagesschau.de, Svea Eckert & Lena Kampf & Georg Mascolo)
Als erste deutsche Medien konnten NDR, WDR und “SZ” mit der Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen sprechen und zahlreiche firmeninterne Dokumente einsehen. Demnach wisse Facebook genau, “dass mexikanische Drogenkartelle über ihre Plattform neue Auftragskiller suchen, Menschenhändler ihre ‘Ware’ anbieten und dass Instagram sehr negative psychische Auswirkungen auf Teenager habe”.
Weiterer Lesehinweis: Bei “Zeit Online” berichtet US-Korrespondentin Rieke Havertz über die jüngst erfolgte Aussage der Whistleblowerin vor US-Senatoren: Das Geschäft mit der sozialen Abhängigkeit.

2. Wenn bei “Bild” der #HandyAlarm geht
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Antje Allroggen, Audio: 6:43 Minuten)
“Bild” hat anscheinend ausgezeichnete Kontakte zu Unions-Abgeordneten, die regelmäßig Informationen durchstechen. Wenn CDU und CSU sich mit anderen Parteien zu vertraulichen Sondierungsverhandlungen über eine mögliche Zusammenarbeit treffen, könne man die Gespräche “auf Twitter quasi eins zu eins nachlesen”, so der Grünen-Politiker Cem Özdemir. Dienen solche Veröffentlichungen der Transparenz oder muss es auch geschützte Räume geben?

3. Fatale Verwechslung
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic & Clara Meyer)
Bildverwechslungen sind immer unangenehm. Zu einer besonders unangenehmen kam es jedoch beim TV-Sender “Welt” (früher N24). Dort hatte man in einem Bericht über den Prozess gegen eine KZ-Sekretärin nicht die Angeklagte, sondern die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch gezeigt.

Bildblog unterstuetzen

4. “Ich gebe keinen Leser und keine Leserin auf”
(journalist.de, Ute Korinth)
Im “journalist”-Interview erklärt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, wie er versucht, mit seinen Auftritten auch jene zu erreichen, die der Wissenschaft widersprechen oder sie verteufeln: “Ich gebe keinen Leser und keine Leserin auf. Auch die Leser*innen der Bild-Zeitung sind bedeutsam. Die muss man versuchen zu erreichen. Was wäre die Alternative? Wir können nicht jeden Tag in bestimmten Zeitungen lesen, dass alles umsonst gewesen ist, dass wir uns die Maßnahmen hätten sparen können, dass sich jetzt herausstellen würde, dass Covid nicht so gefährlich gewesen wäre. Es werden dort ja Legenden geboren, die in Konflikt zu dem stehen, was die Realität beschreibt. Dem muss man sich stellen.”

5. Ausschüttungen der VG Wort an Herausgeber und Förderungsfonds rechtswidrig
(urheberrecht.org)
Das Landgericht München hat entschieden, dass die Ausschüttungen der VG Wort an Herausgeber sowie an den Förderungsfonds Wissenschaft der VG Wort rechtswidrig waren. Geklagt hatte ein Autor, der der Auffassung war, die VG Wort habe aufgrund der besagten Zahlungen seine ihm zustehende Ausschüttungen im Zeitraum 2016 bis September 2019 unzulässigerweise gemindert.

6. 30 Jahre Käpt’n Blaubär: mit der Lizenz zum Flunkern
(rnd.de, Cornelia Wystrichowski)
Genau heute vor dreißig Jahren begann in der “Sendung mit der Maus” die TV-Karriere des Seemannsgarn spinnenden Käpt’n Blaubär. Einer der vielen Erfolgsfaktoren, neben der tollen Synchronarbeit des mittlerweile verstorbenen Wolfgang Völz: Die Figur mische Humor für Kinder mit Ironie für Erwachsene.

“Verschlossene Auster”, Kroymanns Ohrfeige, Rezo der neue Dutschke?

1. Verschlossene Auster 2021 geht an die Hohenzollern
(netzwerkrecherche.org, Günter Bartsch)
Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche vergibt jährlich den Negativpreis “Die Verschlossene Auster”. Diesjähriger Preisträger sind die Hohenzollern: “Über Gerichte und Anwaltsschreiben versucht der Sprecher der Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, Berichterstattung zu beschneiden, die sich um die historisch bedeutsame Frage dreht, ob seine Vorfahren dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben und ob er damit zu Recht oder zu Unrecht auf Entschädigung für enteignete Immobilien und Kunstwerke streitet”.
Weiterer Lesetipp: “Um Angriffe auf die Freiheit von Wissenschaft und Forschung und die damit verbundene Meinungsfreiheit effektiv zu verteidigen, gründet FragDenStaat einen Rechtshilfefonds”: der Prinzenfonds (fragdenstaat.de).

2. Ohrfeige für die Branche
(sueddeutsche.de, Dennis Müller)
Die Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin Maren Kroymann wurde bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Sie nutzte die Gelegenheit, Kritik am Umgang mit der Causa Luke Mockridge anzubringen: “Ich hätte gerne gehabt, dass Verantwortliche für diesen Preis – und auch von dem Sender – die Eier gehabt hätten, zu sagen: Wir solidarisieren uns nicht nur mit unserem beliebten Künstler, sondern mit den Frauen, die betroffen sind.”

3. Bitteres Gerichtsurteil für Online-Marketing-Profis: Münchens Online-Portal muss Content abbauen
(czyslansky.net, Michael Kausch)
Das Onlineportal muenchen.de wurde vom Münchner Oberlandesgericht (OLG) dazu verpflichtet, seine Inhalte herunterzufahren. Das Portal sei zu presseähnlich. Geklagt haben die örtlichen Tageszeitungen: die “Süddeutsche Zeitung”, die “Abendzeitung”, die “tz” und der “Münchner Merkur”. Die Stadt München habe bereits angekündigt, gegen das Urteil des OLG Revision beim Bundesgerichtshof einzulegen.

Bildblog unterstuetzen

4. “Facebook interessiert sich mehr für Wachstum als für Menschen”
(zeit.de)
Die jüngste Serie von Enthüllungsberichten über Facebook geht anscheinend zu großen Teilen auf die frühere Facebook-Managerin Frances Haugen zurück. Haugen beantragte bei US-Behörden offiziell Schutz als Whistleblowerin und soll am morgigen Dienstag vor dem Kongress aussagen. Ein Facebook-Sprecher entgegnete zu den aktuellen Vorwürfen, man versuche täglich, “eine Balance zwischen dem Recht von Milliarden Menschen auf freie Meinungsäußerung und einer sicheren Umgebung für die Nutzer” zu finden.

5. Ist Rezo der neue Rudi Dutschke
(br.de, Hans Jessen)
Kann man den Youtuber Rezo mit Rudi Dutschke, der Symbolfigur der 68er-Bewegung, vergleichen? Auf gewisse Weise schon, findet Hans Jessen: “Besonders in der Befragung der älteren Generation über ihre Verantwortung für die Verhältnisse, die Jüngere als Realität vorfanden, ist eine deutliche Parallele zu Rezos Videoanalysen zu erkennen – Parallele auch deswegen, weil beide, Rudi wie Rezo, Reichweite und Wirkung in gesellschaftliche Lager erziel(t)en, weit über das originäre eigene Klientel hinaus. Das verbindet sie, und das macht sie vergleichbar.”

6. Wohnwagen-TV auf allen Kanälen: Die Camping-Chroniken von Germania
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader rechnet in seiner “DWDL”-Kolumne mit den “Wirbellosen unter den TV-Sendungen” ab, den Camping-Formaten: “Ein Fernsehen, das nicht nur gänzlich ohne Dramaturgie auskommt – sondern auch vollständig ohne Ambition der verantwortlichen Macherinnen und Macher. Kein TV-Team muss aufwändig nachhelfen, weil sich die nächste kuriose Situation fast immer von selbst ergibt: Camping-Newbies mit der Kamera zu begleiten, ist top – weil die alle Anfängerfehler nochmal von vorn machen (Adapter für den Stromanschluss!); bei den Camping-Profis dabei zu sein, ist aber genauso top – weil die für ihr “Glamping” technisch schon so hochgerüstet haben, dass das fahrende Hightechheim sich anschickt, demnächst die Moderation vom ‘K1 Magazin’ zu übernehmen.”

Journalistische Interessenkonflikte, Bürgertalk, Scientist-Rebellion-Leak

1. “Politisches oder sonstiges Engagement sind generell kein Ausschlussfaktor”
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock war Anfang der Woche in der “Wahlarena” der ARD zu Gast. Im Verlauf des Abends meldeten sich unter anderem zwei Männer zu Wort, die sich jeweils mit ihrem Namen vorstellten. Bei dem einen handelt es sich um ein Mitglied der AfD-Bürgerschaftsfraktion in Lübeck, bei dem anderen offenbar um einen Mitarbeiter des zweitgrößten deutschen Stromerzeugers. Dies wurde jedoch nicht offen kommuniziert. Boris Rosenkranz fragt: “Ein Bürgertalk, in dem auch aktive Parteipolitiker sitzen und Mitarbeiter großer Konzerne – wäre es nicht relevant fürs Publikum, zu wissen, wer diese Leute sind und welchen Hintergrund sie haben?”

2. Journalistische Interessenkonflikte
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 6:00 Minuten)
Der Fernsehsender RTL will seriöser, nachrichtlicher und politischer werden und hat dazu öffentlich-rechtliche Nachrichtengrößen wie Jan Hofer und Pinar Atalay engagiert. Eine wichtige Rolle in der RTL-Politik-Berichterstattung nimmt auch Chefreporterin Franca Lehfeldt ein, die seit Jahren mit FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner liiert ist. Das kann zu möglichen Interessenkonflikten führen.

3. Keine Pressefreiheit im Baumhaus
(freelens.com, David Klammer)
Der Fotograf und Dokumentarfilmer David Klammer war im Dannenröder Forst, um Aufnahmen der dortigen Proteste zu machen. Jetzt soll er dafür zahlen, dass die Polizei ihn aus Baumhäusern geräumt hat. “Ein Unding”, finden Klammer und dessen Anwalt, sie haben Beschwerde eingelegt. Freelens, ein Berufsverband für Fotojournalistinnen und Fotografen, unterstützt David Klammer in dem nun anstehenden Rechtsstreit mit dem Land Hessen.

Bildblog unterstuetzen

4. “Ein Leak – weil es dramatisch ist”
(tagesschau.de, Ingrid Bertram)
Der dritte Teil des Berichts des Weltklimarats (IPCC) soll eigentlich erst im März 2022 veröffentlicht werden. Der Entwurf wurde jedoch bereits im August von einer Organisation namens Scientist Rebellion an Medien geleakt. Die “Tagesschau” hat sich mit den Aktivisten und Aktivistinnen über deren Beweggründe und konkrete Sorgen unterhalten.

5. Kritik am Prozess gegen den Produzenten des Ibiza-Videos
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren mehrere Menschenrechtsorganisationen und Journalistenverbände die “ausufernde Strafverfolgung” gegen den Produzenten des Ibiza-Videos. Sie appellieren: “Die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden muss objektiv und parteiunabhängig erfolgen. Schon der Anschein der politischen Einflussnahme auf die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden birgt eine Gefahr für den Rechtsstaat. Bis Ende 2021 hat Österreich Zeit, die EU-Richtlinie zum Schutz von Whistleblower*innen umzusetzen. Bei diesem wichtigen Projekt muss besonders acht auf den Schutz von Hinweisgeber*innen gelegt werden.”

6. “Bild”-Zeitung muss künftig im Sondermüll entsorgt werden
(der-postillon.com)
“Der Postillon” hat wie immer Informationen, die (aus nachvollziehbaren Gründen) sonst keiner hat: “Nach Appellen von Umweltexperten ist heute die Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) ergänzt worden, die festlegt, wie Abfälle entsorgt werden müssen. Das teilte die Arbeitsgemeinschaft der Sonderabfall-Entsorgungs-Gesellschaften der Länder (AGS) mit. Demnach müssen sämtliche Exemplare der ‘Bild’-Zeitung künftig in den Sondermüll gegeben werden.”

Baden-Württemberg führt nicht die “Steuer-Stasi” ein

Auf der “Bild”-Titelseite gibt es heute große “Stasi”-Aufregung:

Ausriss Bild-Titelseite - Bürger sollen Nachbarn denunzieren - Grünen-Minister führt Steuer-Stasi ein

Genauso auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot Bild.de - Bürger sollen Nachbarn denunzieren - Grünen-Minister führt Steuer-Stasi ein

Im Artikel heißt es dazu:

Die Grünen in Baden-Württemberg haben offenbar keine hohe Meinung von ihren Steuerzahlern: Finanzminister Danyal Bayaz (37, Grüne) führt einen neuen Steuerpranger ein!

Über das “anonyme Hinweisgeberportal für Finanzämter” sollen Baden-Württemberger künftig Bekannte, Nachbarn, Kollegen etc. anschwärzen.

“Bürgerinnen und Bürger können damit sicher und anonym Verstöße gegen Straf- und Steuergesetze melden”, heißt es zur Begründung. Mit dem Portal, dem Ersten bundesweit, könne Steuerbetrug (z. B. Putzfrau, Handwerker schwarz beschäftigen) “künftig noch besser verfolgt werden”.

Das Sprachliche ist an diesem “Bild”-Beitrag vermutlich das kleinste Problem. Aber fangen wir dennoch mit der sprachlichen Ebene an, weil die Art und Weise, wie die “Bild”-Redaktion diese Geschichte erzählt, gut zeigt, welchen Spin sie ihr zu geben versucht.

Da ist zum Beispiel das Wort “Steuerpranger”, das schlicht falsch ist in diesem Zusammenhang. Ein Pranger dient laut Duden dem öffentlichen Verächtlichmachen. Das neue Onlineportal in Baden-Württemberg soll aber niemanden öffentlich als Steuersünder zur Schau stellen. Es geht um die nicht-öffentliche Übermittlung von Anzeigen an die Steuerverwaltung.

Und natürlich geht es den Grünen in Baden-Württemberg nicht um “ihre Steuerzahler”, von denen sie laut “Bild” “keine hohe Meinung” haben sollen, sondern gerade um die Nicht-Steuerzahler, von denen man aus guten Gründen keine hohe Meinung haben kann.

Außerdem ist es höchst tendenziös, dass “Bild” im gesamten Artikel lediglich zwei Beispiele einer möglichen Steuerhinterziehung nennt: “z. B. Putzfrau, Handwerker schwarz beschäftigen”. Natürlich ist die Meldung solcher Fälle über das neue Portal möglich (auch wenn fraglich sein dürfte, ob die Steuerfahndung bei derartigen Kleinigkeiten und entsprechenden Summen, um die es dabei geht, wirklich loslegt). Dass das neue Portal auch die Möglichkeit bietet, Steuerhinterziehung im größeren oder ganz großen Rahmen zu melden, bei denen der Allgemeinheit Millionen Euro flöten gehen, findet bei “Bild” keine Erwähnung.

In eine ähnliche Richtung geht die “Bild”-Aussage, dass Baden-Württemberger “künftig Bekannte, Nachbarn, Kollegen etc.” anschwärzen “sollen”. Dabei geht es vielmehr ums können. Es gibt keine Aufforderung des Ministeriums im Sinne von: “Bitte schwärzen Sie jetzt hier endlich ihre Bekannten, Nachbarn und Kollegen an!” Das Portal bietet eine weitere Möglichkeit, anonym eine Steuerhinterziehung zu melden, egal um wen es dabei geht.

Und damit sind wir bereits beim Inhaltlichen. Denn: Dass Bürgerinnen und Bürger anonym eine Steuerhinterziehung anzeigen können, ist mitnichten etwas Neues. Seit vielen Jahren geht das per Telefon, per Brief oder per E-Mail. Es ist rein technisch zwar richtig, wenn “Bild” mit Blick auf das Portal in Baden-Württemberg von “dem Ersten bundesweit” spricht. Wirklich neu ist daran aber nur, dass es nun diesen zusätzlichen Weg für eine Anzeige gibt, nicht die anonyme Anzeige an sich.

Dennoch hat es die “Bild”-Redaktion geschafft, empörte Politiker-Zitate einzusammeln:

Baden-Württemberg führt die Steuer-Stasi ein!

Politiker sind empört! FDP-Vize Wolfgang Kubicki (69) zu BILD: “Dieses Portal zeigt, was uns droht, wenn Grüne ihre moralischen Vorstellungen über Recht und Gesetz stellen und in staatliches Handeln gießen – und die CDU dem nichts entgegensetzt.”

Fraktionskollege Michael Theurer (54) spricht von “Blockwart-Mentalität”. Für Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann (44) säen die Grünen “noch mehr Misstrauen”.

Linnemann zu BILD: “Es wäre verheerend, wenn ein grüner Finanzminister so etwas bundesweit umsetzen würde.”

Das Echauffieren von Kubicki, Theurer und Linnemann ist bemerkenswert bigott. In Schleswig-Holstein, wo Wolfgang Kubicki seinen Wahlkreis hat, und wo Kubickis FDP mit in der Regierung sitzt, ist es ebenfalls möglich, Steuerhinterziehung anonym anzuzeigen:

Bei Verdacht einer Steuerhinterziehung kann jeder gegenüber der Steuerfahndung Anzeige erstatten. Auch anonyme Anzeigen sind möglich.

In Nordrhein-Westfalen, wo Carsten Linnemann seinen Wahlkreis hat, und wo Linnemanns CDU den Ministerpräsidenten stellt, ist es ebenfalls möglich, Steuerhinterziehung anonym anzuzeigen:

Geht das Finanzamt auch einer anonymen Anzeige nach?

Ja. Aber namentliche Anzeigen besitzen in der Regel größere Bedeutung, weil sie Rückfragen ermöglichen.

Und auch in Baden-Württemberg, wo Michael Theurer seinen Wahlkreis hat, und wo Theurers FDP viele Jahre Teil der Landesregierung war, gab es schon lange vor dem neuen Portal die Möglichkeit anonymer Anzeigen bei Steuerhinterziehung.

Auch in anderen Bundesländer ist das möglich, völlig unabhängig davon, ob dort nun Grüne in der Regierung sitzen oder nicht, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz, in Bayern, in Niedersachsen, in Berlin. Der einzige Unterschied zwischen all diesen Bundesländern und Baden-Württemberg: In Baden-Württemberg gibt es jetzt eine weitere Möglichkeit der Anzeigenübermittlung.

Und damit eine nicht ganz unwesentliche Weiterentwicklung: Die Steuerfahnder können mit dem Hinweisgeber, trotz Anonymität, weiter in Kontakt bleiben und beispielsweise Nachfragen stellen, wenn dieser einverstanden ist. Das gibt Whistleblowern zusätzliche Möglichkeiten (David Böcking weist beim “Spiegel” völlig zu Recht darauf hin, dass Wolfgang Kubickis FDP sich in ihrem Wahlprogramm (PDF) ausdrücklich zum Schutz von Whistleblowern bekennt). Und erhöht die Chance auf eine erfolgreiche Ermittlung. Nicht ohne Grund schreibt etwa die Finanzverwaltung Schleswig-Holsteins: “Namentliche Anzeigen besitzen in der Regel aber höhere Erfolgsaussichten, weil sie Rückfragen ermöglichen.”

Zum Schluss noch einmal zurück zum Sprachlichen: Wenn die “Bild”-Redaktion aus all dem eine neue Stasi macht, und Politiker das willfährig weiterdrehen zu NS-Vergleichen (“Blockwart-Mentalität”), dann verharmlosen sie geschichtsvergessen die Situation in der DDR beziehungsweise im Nationalsozialismus.

Bildblog unterstuetzen

WDR lässt Westen im Stich, “Fake-News”-Eigentor, Sportwetten

1. Unterlassene Hilfeleistung: WDR lässt den Westen im Stich
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Als es in weiten Teilen des WDR-Sendegebiets zu Unwettern mit dramatischen Folgen kam, habe der Sender die Menschen weitgehend im Stich gelassen, kommentiert Thomas Lückerath: “Man kann dem WDR nur raten, sich in der Verteidigung dieses Totalausfalls in Radio und TV nicht zu viel auf einen einsamen Live-Ticker auf der Website oder Twitter einzubilden. Wenn sich die gesamte Kompetenz des mächtig ausgestatteten Westdeutschen Rundfunk in einer Krisensituation, die weite Teile des Landes erfasst hat, in einem banalen Text-Ticker erschöpfen soll, dann ist das ein Armutzeugnis, aber nicht nur: Wenn Angebote im Netz das Angebot im Rundfunk ersetzen soll, dann untergräbt man damit selbst die Legitimation eines bis heute über TV und Radio definierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks.”

2. Wo endet Berichterstattung, wo beginnt Werbung?
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 5:00 Minuten)
Bremens Innensenator Ulrich Mäurer wirft “Bild” eine “besorgniserregende, da gezielt verharmlosende” Berichterstattung über Sportwetten vor und hat sich deswegen an den Presserat gewandt. Der Axel-Springer-Konzern gibt sich unschuldig und weist alle Vorwürfe zurück. Was ist dran an den Vorwürfen? Und welche Rolle spielt der neue Glücksspielstaatsvertrag? Darüber hat der Deutschlandfunk mit Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht gesprochen.

3. Springers neue “Welt”-Strategie ist ein Frontalangriff gegen die “FAS”
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Verlag will die “Welt am Sonntag” mit einer Frühausgabe bereits am Samstag an die Kioske bringen. Ein schlauer Schachzug, wie Gregory Lipinski findet, der sich vor allem gegen die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” richte. Profiteur der neuen “Welt”-Vertriebsstrategie sei Springer-Chef Mathias Döpfner, der sich vor den Investoren von KKR für die schwache Sparte rechtfertigen müsse.

Bildblog unterstuetzen

4. Plädoyer für die Plagiatsjagd
(medienwoche.ch, Lothar Struck)
Lothar Struck hält ein Plädoyer für die Plagiatsjäger, die er als Korrektive für schläfrig gewordene Institutionen bezeichnet: “Sie werden immer dann aktiv, wenn ein Versagen vorliegt. Wenn Promotionsausschüsse ihren Prüfungspflichten nicht ausreichend nachkommen, Lektorate in Verlagen nur oberflächlich ausgeführt werden oder Journalisten in politischer Sympathie Bücher von Mandatsträgern nicht genau untersuchen – dann schlägt ihre Stunde.”

5. Antisemitismus-Eklat um Corona-Bestsellerautor
(t-online.de, Lars Wienand)
Der umstrittene Wissenschaftler Sucharit Bhakdi ist so etwas wie ein Held der Corona-Leugner-Szene. Nun sorgt er mit Äußerungen für Aufsehen, die als antisemitisch wahrgenommen werden können. Der Goldegg-Verlag, der auch Bhakdis letzten Corona-Verharmlosungs-Bestseller veröffentlichte, geht auf vorsichtige Distanz und verlangt von seinem Autoren eine Erklärung. “T-Online”-Redakteur Lars Wienand weist in seinem Beitrag auf einen interessanten Umstand hin: “Bhakdi selbst fasste seine Äußerungen in dem Interview möglicherweise nicht antisemitisch auf: Er sagte in dem Interview auch, er habe Juden verehrt und sei jüdischen Künstlern nachgereist. Marina Weisband, Jüdin, Psychologin und heute bei den Grünen aktive frühere Geschäftsführerin der Piratenpartei, ordnete das auf Twitter ein: ‘Ich glaub ihm das’, schrieb sie. ‘Philosemitismus [jemanden verehren, weil er Jude ist, Anm. d. Red.] ist die kleine Schwester des Antisemitismus. Niemand, der sich als ‘Juden-Verehrer’ bezeichnet, hat ein sauberes Verhältnis.”

6. Fake News Eigentor
(twitter.com, Tilo Jung, Video: 7:07 Minuten)
Tilo Jung dokumentiert auf seinem Youtube-Kanal regelmäßig Veranstaltungen der Bundespressekonferenz. Von der gestrigen Sitzung hat Jung etwas mitgebracht, das er als “Fake News Eigentor” bezeichnet: “Ein ‘Reporter’ von Russia Today hat es heute in der Bundespressekonferenz geschafft, gleich zweimal bei der Verbreitung von Desinformation live entlarvt zu werden.”

Blättern:  1 ... 9 10 11 ... 60