1. Die Intendantin und ihr Kontrolleur (tagesschau.de, Gabi Probst & René Althammer & Jo Goll & Daniel Laufer & Oliver Noffke)
Eigentlich soll im öffentlich-rechtlichen System ein Verwaltungsratsvorsitzender die Arbeit des Intendanten oder der Intendantin überwachen. Der rbb-Verwaltungsratsvorsitzende Wolf-Dieter Wolf und die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger pflegten jedoch ein enges, womöglich freundschaftliches Verhältnis, wie neu aufgetauchte Dokumente belegen. Auf Kosten der Beitragszahler erfreute man sich an Delikatessen wie Entenstopfleber (deren Herstellung in Deutschland übrigens aus guten Gründen verboten ist, Anmerkung des “6-vor-9”-Kurators) und Champagner und wäre sogar fast miteinander verreist.
2. Im Auftrag der Pressefreiheit (journalist.de, Celine Schäfer)
Beim “journalist” zeichnet Celine Schäfer der Werdegang von Vera Deleja-Hotko nach, die das Rechercheteam von “FragDenStaat” leitet. Dort recherchiere sie auf Grundlage von Dokumenten, die sie und ihr Team durch Informationsfreiheitsgesetze erhalten. Bis zu ihrer jetzigen Position war es für Deleja-Hotko ein harter und entbehrungsreicher Weg: “Wäre ich es nicht schon aus meiner Schulzeit gewohnt gewesen, so viele Stunden zu arbeiten und Nachtschichten zu machen, hätte ich diesen Weg nicht gehen können.”
3. Die eigenen Irrtümer mitdenken (boersenblatt.net, Lennart Schaefer)
In die Debatte um das Zurückziehen von Begleitbüchern zu einem Winnetou-Spin-off schaltet sich Lennart Schaefer ein und räumt mit Missverständnissen auf: “Es geht nicht um die Empörung einer Gruppe von Aktivisten auf Social Media, sondern um die Kritik der Betroffenen. Es gibt auch keine Zensur, weil nichts verboten wurde, sondern nur Rücksicht genommen. Es steht auch keine Bücherverbrennung vor der Tür, weil das aus einer Diktatur hervorgegangen ist und es gerade um das Gegenteil geht – um Vielfalt, darum, allen zuzuhören und alle verstehen zu wollen.”
4. Gericht verurteilt Querdenker wegen Mordaufrufen im Netz (rnd.de)
Ein 63-jähriger Betreiber einer Facebook-Gruppe wollte die von anderen Gruppenmitgliedern geposteten Hasskommentare und Mordaufrufe partout nicht löschen. Das Amtsgericht Weiden hat den “Querdenker” daraufhin zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten und einer Zahlung von 1.200 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung verurteilt.
5. Newsletter Netzwerk Recherche 212 (netzwerkrecherche.org, Daniel Drepper & Albrecht Ude)
Wie immer eine Empfehlung wert, nicht nur für Journalistinnen und Journalisten aus dem Investigativbereich: der Newsletter des Netzwerk Recherche (nr). Die neueste Ausgabe liefert den gewohnten aktuellen Überblick über Nachrichten, Veranstaltungen, Seminare, Stipendien und Preise. Außerdem gibt es Informationen zur alljährlichen nr-Jahreskonferenz, die am 30. September und 1. Oktober dieses Jahres in Hamburg stattfindet. Im Pressespiegel gibt es zudem wertvolle Lesetipps zu ausgesuchten Themen.
6. Streaming Wars (tagesspiegel.de, Joachim Huber & Hannes Breustedt & Andrej Sokolow)
In wenigen Tagen feiert der ehemalige DVD-Verleiher und heutige Streaminganbieter Netflix ein Jubiläum, doch die Freude dürfte getrübt sein: “An seinem 25. Geburtstag am 29. August steht der Streaming-Marktführer unter Druck wie selten zuvor und es ist unklarer als je zuvor, wer die Streaming Wars gewinnt.”
1. DJV begrüßt fristlose Kündigung (djv.de)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) begrüßt den gestrigen Schritt des rbb-Verwaltungsrats, den Vertrag der ehemaligen Intendantin Patricia Schlesinger außerordentlich und fristlos zu kündigen: “Das war überfällig. Die fristlose Kündigung von Patricia Schlesinger ist ein erster Schritt, um Schaden von der gesamten ARD abzuwenden”, so der DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall: “Damit stellt der Verwaltungsrat eine wichtige Weiche bei der Aufarbeitung des Skandals und wendet hoffentlich weiteren finanziellen Schaden vom RBB ab.”
Schlesinger selbst sieht sich hingegen als politisches Opfer und “Sündenbock”.
Weiterer Lesehinweis: “Nach dem Rücktritt von Patricia Schlesinger hat Hagen Brandstäter die Leitung des RBB übernommen. Nun ist er für mehrere Woche krankgeschrieben.” – Schulte-Kellinghaus vertritt Brandstäter (tagesspiegel.de, Kurt Sagatz).
2. So unterschiedlich arbeiten die Gremien bei ARD & Co. (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 8:34 Minuten)
Für die Aufsichtsgremien der neun ARD-Anstalten, des ZDF und des Deutschlandradios gälten laut einer Deutschlandfunk-Recherche jeweils sehr unterschiedliche Regeln. Die Gremienbüros seien zum Teil mit wenig Personal besetzt, und bei der Überwachung der Finanzen gebe es Auffälligkeiten, befindet Christoph Sterz, der sich mit einem Fragenkatalog an die zuständigen Gremien gewandt hatte.
3. Rechtspopulistisches Comeback auf YouTube? (tagesschau.de, Carla Reveland & Pascal Siggelkow)
Carla Reveland und Pascal Siggelkow haben sich angeschaut, was der frühere “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt auf Youtube so treibt. Die Frage sei: “Kann Reichelt mit seinem im Juli gestarteten Kanal die für sich auserkorene Lücke zwischen boulevardistischen oder konservativen Medien und den sogenannten Alternativen Medien schließen und erfolgreich bedienen?”
4. Beck-Verlag soll die Zusammenarbeit mit Hans-Georg Maaßen aufkündigen (lto.de, Hasso Suliak)
Der erzkonservative CDU-Rechtsaußen und Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen arbeitet am Grundgesetz-Kommentar des renommierten Verlags C. H. Beck mit und bearbeitet dort ausgerechnet das Asylgrundrecht. Das sorgt für heftige Kritik bei Autoren, Juristinnen und Anwaltsverbänden. Der Co-Bundessprecher der Neuen Richtervereinigung wird beispielsweise mit folgenden Worten zitiert: “Der Beck Verlag zeigt damit abermals mangelnde Reflexion über die Verantwortung, die gerade der deutschen Rechtswissenschaft im Kampf gegen Rechtsextremismus und Faschismus zukommt.”
5. Das Ende der ersten Nachkriegszeitung (verdi.de)
Die “Aachener Nachrichten” gelten als erste freie und demokratische Zeitung in Deutschland, doch heute stehen sie vor dem Aus beziehungsweise vor der Verschmelzung mit der “Aachener Zeitung” – mit unangenehmen Folgen für die Beschäftigten: “Wie aus dem Haus zu hören ist, haben die neuen Besitzer bereits angekündigt, sich der Tarifbindung entziehen zu wollen.”
6. Ein großer Zeitungsmacher mit Witz und Esprit (tagesspiegel.de, Hermann Rudolph)
Theo Sommer, Publizist, langjähriger Chefredakeur und später Herausgeber der “Zeit”, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. In seinem Nachruf erinnert Hermann Rudolph an das Leben und Wirken des großen Zeitungsmachers.
1. CDU-Generalsekretär fordert Untersuchungsausschuss zur RBB-Affäre (tagesspiegel.de, Kurt Sagatz & Hannes Heine & Alexander Fröhlich & Benjamin Lassiwe)
Wenn es nach dem Willen des CDU-Generalsekretärs Mario Czaja geht, könnte es bald schon im Berliner Abgeordnetenhaus einen Untersuchungsausschuss zu den Vorgängen beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) geben. “Offenbar lebte die RBB-Spitze in einem fragwürdigen System, einer gefährlichen Geschäftskultur. Das sollte ein Untersuchungsausschuss aufklären”, so Czajas Begründung. Derweil sei im Intranet des RBB eine von Chefredakteur David Biesinger und der Compliance-Beauftragten Anke Naujock-Simon unterzeichnete Drohung an Whistleblower erschienen, keine internen Daten an Journalisten und Journalistinnen herauszugeben – auch nicht an solche, die für den RBB tätig seien, berichtet der “Tagesspiegel”.
2. “Welt”: Ein Herz für Verfassungsfeinde? (volksverpetzer.de, Annika Brockschmidt)
Die “Welt” veröffentlichte unlängst ein Interview mit einem Abgeordneten des argentinischen Parlaments, der auch als künftiger Präsidentschaftskandidat gehandelt wird – dem rechtslibertären Javier Milei. Die Zeitung habe es Milei ermöglicht, seine menschenfeindlichen Äußerungen ohne Kontext wiederzugeben, kritisiert Annika Brockschmidt. “Welt”-Chef Ulf Poschardt und die Redakteurin Anna Schneider schienen sogar ganz begeistert von den Ansichten des “Anarcho-Kapitalisten”, der häufig mit Donald Trump und Jair Bolsonaro verglichen wird. Brockschmidt hat aufgeschrieben, warum sie das Vorgehen der “Welt” für gefährlich hält.
3. FragDenStaat ist jetzt offiziell Presse (fragdenstaat.de, Arne Semsrott & Aiko Kempen & Hannah Vos)
Die Pressefreiheit gilt nun auch für “FragDenStaat”. Allerdings nicht wegen der journalistischen Arbeit der Transparenzinitiative, sondern weil die Macherinnen und Macher zum Beleg ihrer Presseeigenschaft einige ihrer Recherchen ausgedruckt und zu einem Druckerzeugnis gebündelt haben. So hat jedenfalls das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entschieden.
4. Liebling, ich habe den Konzern geschrumpft: Rabe muss liefern (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Bei RTL gab es am Mittwoch einen Personalwechsel an höchster Stelle: Der bisherige Co-CEO Stephan Schäfer geht, Thomas Rabe übernimmt. Keine leichte Aufgabe, wie Thomas Lückerath findet: “Thomas Rabe übernimmt RTL Deutschland nicht aus einer Position der Stärke. Viel mehr ist es der Versuch aufzuräumen, was er angerichtet hat.” Aber auch andere TV-Sender würden gerade schwierige Zeiten erleben, so Lückerath: “ARD, Seven.One und RTL Deutschland stehen aus unterschiedlichsten Gründen vor unterschiedlichen Herausforderungen. Und was ist eigentlich mit dem ZDF? Aus Mainz hört man in diesen Wochen nicht viel, was einerseits daran liegen könnte, dass man dem Wettbewerb inzwischen so weit enteilt ist, dass das laute Lachen vom Lerchenberg über den großen Abstand zum Rest des Feldes verhallt. Oder aber die Mainzelmännchen checken gerade noch einmal ganz genau alle Verträge und Quittungen im Haus.”
5. Frank Plasberg gibt seine Talkshow auf (faz.net)
Nach fast 22 Jahren und knapp 750 Sendungen gibt Frank Plasberg seinen Moderationsjob bei “hart aber fair” an Louis Klamroth ab. Dieser sei laut WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn “ein kluger und sensibler Beobachter unserer Gesellschaft”. “hart aber fair” werde “sich ändern und doch dem wichtigsten Grundsatz treu bleiben: dass in der Sendung Politik auf Wirklichkeit trifft und sich dabei erklären und bewähren muss.”
6. Das ist Oliver Janich (deutschlandfunk.de, Pia Behme & Annika Schneider)
Der Politikwissenschaftler und Verschwörungs-Experte Josef Holnburger kommentiert im Deutschlandfunk die Festnahme des Verschwörungsideologen Oliver Janich auf den Philippinen. Die genauen Hintergründe seien noch unklar. Außerdem stehe nicht fest, ob Janich tatsächlich nach Deutschland überstellt werde. In der Verschwörungs- und Unterstützerszene herrsche jedoch große Betroffenheit: “Die reichweitenstärkste Sprachnachricht, in der verkündet wurde, dass Oliver Janich verhaftet wurde, wurde mehr als 400.000-mal aufgerufen”, so Holnburger.
1. 16 Anwälte vertreten RBB in Causa Schlesinger (t-online.de)
In der Auseinandersetzung mit seiner ehemaligen Intendantin Patricia Schlesinger bringt der rbb offenbar sage und schreibe 16 Anwälte in Stellung. Beim “Tagesspiegel” fragt Kurt Sagatz ungläubig: “Mehr als eine Million Euro allein für Anwaltshonorare?” Unterdessen hat die rbb-Geschäftsleitung ihre Gehälter und Bonuszahlungen offengelegt, die Bezüge der abberufenen Intendantin Schlesinger jedoch nicht publik gemacht. Bei “DWDL” berichtet Thomas Lückerath von einer weiteren Auswirkung des Schlesinger-Skandals: “ARD Media sagt exklusives Werbekunden-Dinner ab”. Für das Medienmagazin “Zapp” ist Caroline Schmidt nach Berlin gereist und hat sich bei rbb-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern erkundigt, wie sie mit dem zwangsläufig entstandenen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust umgehen. Außerdem gibt es von “Zapp” eine halbstündige Sondersendung: Der Fall Schlesinger und die Folgen: “Wie konnte es dazu kommen, dass fragwürdige Beraterverträge, dienstlich abgerechnete Abendessen in der Privatwohnung und eine luxuriöse Büro-Ausstattung offenbar weder im RBB selbst noch in den Aufsichtsgremien auffielen?” (ndr.de, Kathrin Drehkopf, Video)
2. Schröders Büro ist eine eigene Behörde (lto.de)
Das Bundeskanzleramt muss dem Journalisten Arne Semsrott (“FragDenStaat”) keine Auskunft darüber erteilen, welche Gesprächstermine das Büro von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in den Jahren 2019 bis 2022 vereinbart hat. Das entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Schröders Büro sei eine “eigenständige Behörde”.
4. “Totales Desaster” für die gesamte Buchbranche (buchmarkt.de, Gerhard Beckmann)
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sollte sich unbedingt gegen die Aufnahme von Amazon entscheiden, findet Gerhard Beckmann. Dem Unternehmen müsse vielmehr entschlossen entgegengetreten werden: “Heute bedarf es in der Bundesrepublik eines entschiedenen, konsequenten Vorgehens der Verlage und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gegen Amazon, gegen ein sich selbst als ‘Technologie’-Konzern adelndes US-Handelsunternehmen: zum Schutz von Autoren und Lesern, von Büchern, Bildung, Kultur und Unterhaltung, gegen Amazons skrupellosem Missbrauch von Gesetzen, Regeln, historisch gewachsenen und sinnvollen Usancen unseres Buchmarkts.”
5. Saudi-Araberin für Twitter-Botschaften zu 34 Jahren Haft verurteilt (tagesspiegel.de)
In Saudi-Arabien sei eine Frau zu 34 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie sich auf Twitter für Frauenrechte eingesetzt habe. Die Mutter zweier Kinder mit lediglich 2.600 Followern, habe “denjenigen Hilfe geleistet, die versuchen, die öffentliche Ordnung zu stören und falsche und böswillige Informationen zu verbreiten”, so der Vorwurf. Wie die Nachrichtenagentur AFP mitteilt, studiere die Saudi-Araberin Zahnmedizin in England und sei überraschend während eines Urlaubs in ihrem Heimatland festgenommen worden.
6. Oliver Janich auf den Philippinen festgenommen (spiegel.de)
Wie der “Spiegel” berichtet, ist der szenebekannte Verschwörungsradikale Oliver Janich auf den Philippinen verhaftet worden. Die dortigen Behörden würden wegen des Verdachts einer Straftat gegen Janich vorgehen. Außerdem liege seit April ein deutscher Haftbefehl wegen öffentlicher Aufforderung zu Straftaten sowie Beleidigung gegen ihn vor. Janich gilt als einer der radikalsten deutschen Verschwörungsideologen.
1. Dank Soraya: Niemand kann so gut schlecht in die Zukunft sehen wie “Echo der Frau” (uebermedien.de, Mats Schönauer)
Die Funke Mediengruppe hat für ihre Klatschblätter seit zwei Jahrzehnten eine “Hellseherin” am Start, die mit “durchwachsener Erfolgsbilanz” (Zitat eines Funke-Sprechers) zu beiderseitigem Vorteil in die Glaskugel schaut: Die Funke-Blätter bekommen Sensationsmeldungen, die “Hellseherin” möglichen Kundenzulauf. Mats Schönauer hat dem Verlag eine Reihe von Fragen geschickt und sich wegen einer Funke-Schlagzeile an den Deutschen Presserat gewandt. Die Reaktion des Funke-Imperiums fiel erstaunlich aus.
2. Gegen transfeindliche Medienberichte (tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Mehrere Organisationen haben eine Petition gegen transfeindliche Medienberichterstattung gestartet: “Zunehmend werden Medienbeiträge veröffentlicht, in denen von ‘Trans* als Trend’, von angeblich unsicheren Frauenschutzräumen, von einer sogenannten ‘Trans*-Ideologie’ oder von ‘Mädchen, die keine Mädchen sein wollen’ die Rede ist. Diese Berichterstattungen gehen soweit, die Existenz von trans* Personen zur Debatte oder sogar in Frage zu stellen. Sie schüren Ängste und Hass gegenüber trans* Personen, ihrer rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Gleichstellung, indem diese als ‘gefährlich’ für die Mehrheitsbevölkerung dargestellt werden.”
3. Warum Julian Assange nur wenig Unterstützung erhält (infosperber.ch, Rainer Stadler)
Im Fall von Julian Assange seien die Reaktionen aus der Medienwelt auffällig “lau”, die Solidarität sei äußerst schwach ausgefallen, findet Rainer Stadler. In seiner Analyse stellt er Überlegungen an, woran das liegen könnte.
4. Pinar Atalay in der Hörbar Rust (radioeins.de, Bettina Rust, Audio: 1:18:53 Stunden)
Die Journalistin Pinar Atalay moderierte viele Jahre die “Tagesthemen” im Ersten, bis sie im vergangenen Sommer zu RTL wechselte. Dort steht sie unter anderem für “RTL aktuell” und das neue Nachrichtenjournal “RTL Direkt” vor der Kamera. In der “Hörbar Rust” erzählt Atalay von ihrer Herkunft, den Umgang mit Interviewgästen und den aktuellen täglichen Herausforderungen in ihrem Job.
5. Wie Medien besser über Traumatisierendes berichten (deutschlandfunk.de, Stephan Beuting, Audio: 34:15 Minuten)
“Wie können Medien über Missstände bei sensiblen Themen berichten, notwendige Informationen vermitteln und dennoch die Bedürfnisse von traumatisierten Menschen berücksichtigen?” Über diese Fragen diskutieren eine Deutschlandfunk-Hörerin, die Psychologie-Professorin Rita Rosner, Journalismus-Trainerin Fee Rojas und Stephan Beuting aus der Dlf-Medienredaktion.
6. Sie sind so frei (sueddeutsche.de, Clara Meyer)
Im Doku-Podcast “Hype & Hustle – Die OnlyFans Revolution” (exklusiv bei Spotify) geht es um den Aufstieg der Monetarisierungsplattform OnlyFans, die vielen Sexarbeiterinnen und -arbeitern ein neues Geschäftsmodell bietet. Clara Meyer hat sich die sechs Folgen angehört. Ihr Fazit: “Hype & Hustle bietet das nötige Hintergrundwissen zu der Plattform, unterhaltsam und unaufgeregt aufbereitet.”
1. Wie dpa mit fragwürdigen Medien auf dem Balkan kooperiert (netzpolitik.org, Alexander Fanta)
16 europäische Nachrichtenagenturen richten derzeit ein gemeinsames Büro in Brüssel ein, den “European Newsroom”. Eingefädelt habe das Großprojekt der dpa-Geschäftsführer Peter Kropsch. Was die Qualität der Inhalte steigern und zu “Kostensynergien” führen soll, wird von Experten und Expertinnen kritisiert, denn das Geld für den Newsroom stammt aus dem Budget der EU-Kommission für Öffentlichkeitsarbeit.
2. Wir präsentieren: Dokukratie (fragdenstaat.de, Arne Semsrott & Stefan Wehrmeyer) “Dokukratie”, das neue Recherchetool von “FragDenStaat” macht unter anderem Kleine Anfragen, Gutachten und Dokumente aus Untersuchungsausschüssen zentral durchsuchbar. “Dokukratie besteht aus zwei zentralen Elementen: Eine Website, über das alle Menschen zentral auf die gesammelten Dokumente zugreifen können, sowie ein offener Scraping-Hub, auf dem die Dokumente gesammelt werden.”
3. Warum ich nicht in die Ukraine gegangen bin (journalist.de, Carsten Stormer)
Der freie Kriegsreporter Carsten Stormer fühlt sich schuldig, nicht in die Ukraine gereist zu sein. In früheren Zeiten sei er ohne Auftrag losgezogen, um vor Ort nach Geschichten zu suchen. Jetzt ahne er jedoch, was dabei herauskommen würde: “In der Ukraine würde ich bestenfalls nur an der Oberfläche kratzen. Für eine Berichterstattung, die Tiefe und Nähe erzeugt, Wissen und Kontext vermittelt, eine Entwicklung aufzeigt, fehlen mir schlicht die Mittel. Große internationale Medien stellen ihren Korrespondenten Sicherheitsberater zur Seite, meist Ex-Militärs, die die Gefahrenlage einschätzen, die Risiken abwägen können und zur Not eine Recherche abbrechen. Man muss einen Fahrer mit Ortskenntnis anstellen, einen Übersetzer bezahlen. Lokale Produzenten, die helfen, Geschichten zu finden, Gegend und Menschen kennen, die Landessprache beherrschen, Benzin, Lebensmittel und eine Übernachtungsmöglichkeit klarmachen. Das gesamte Team muss mit schusssicheren Westen und Helmen ausgestattet sein. Das alles kostet sehr viel Geld.”
4. Russischer Dissident versteigert Nobelpreis-Medaille für Rekordpreis (zeit.de)
Der russische Journalist und Putin-Kritiker Dmitri Muratow ist Mitgründer der mittlerweile zwangseingestellten Zeitung “Nowaja Gaseta” und Inhaber einer Nobelpreismedaille. Diese ließ er nun zugunsten ukrainischer Flüchtlingskinder versteigern. Der Erlös brach alle Rekorde: “Bei einer Auktion in New York erzielte die goldene Medaille einen Erlös von 103,5 Millionen Dollar – rund 98,5 Millionen Euro. Noch nie ist eine Nobelpreismedaille auch nur annähernd für eine solche hohe Summe versteigert worden.”
5. Birte Meier wechselt zu RTL (sueddeutsche.de, Verena Mayer)
Birte Meier, langjährige Redakteurin des ZDF-Magazins “Frontal21”, wechselt mit den ebenfalls von “Frontal21” kommenden Manka Heise und Christian Esser zu RTL und wird dort nach Senderangaben eine “Investigativ-Unit” aufbauen. Meier hatte 2015 das ZDF wegen Lohnungleichheit verklagt. Das Verfahren lief über mehrere Instanzen, wurde jedoch abgewiesen. Dagegen wehre sich Meier nun vor dem Bundesverfassungsgericht.
6. Fynn Kliemann kritisiert “woke linke Szene” (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Der in die Kritik geratene Influencer Fynn Kliemann gab sich zwischenzeitlich reuig, holt nun aber zum Gegenangriff aus. In einer Wutrede auf Instagram beklagt er sich über “Teile der woken, linken Szene” und sieht sich im Zentrum düsterer Machenschaften: “Ich verstehe schon, ihr habt mich mit öffentlichen Geldern groß gemacht, dann habe ich nicht gespurt und genau mit den gleichen Geldern soll ich jetzt zerstört werden.”
Weiterer Lesetipp: Derweil treten neue Vorwürfe gegen Kliemann zutage: “Fynn Kliemann versteigerte digitale Kunstwerke für mehr als 200.000 Euro. Aber weil er sich nach Kontraste-Recherchen nicht an seine eigenen Auktionsbedingungen hielt, könnten ihm Schadensersatzforderungen drohen.” (tagesschau.de, Daniel Laufer)
1. Ruhe jetzt (sueddeutsche.de, Peter Burghardt & Anna Ernst & Bernd Kramer)
Wie gestern in den “6 vor 9” zu lesen war, lässt Josef Joffe, langjähriger Mitherausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, sein Mandat als Herausgeber bis zum Vertragsende ruhen. Dieser Entscheidung vorangegangen waren Vorwürfe, Joffe habe einen mit ihm befreundeten Bankier vor Recherchen seiner eigenen Zeitung gegen das Geldhaus gewarnt. Auf Nachfrage der “Süddeutschen Zeitung” haben sich Joffe und die “Zeit” nun zu dem Fall geäußert, was bei dem seinerzeit mit der Berichterstattung über das Bankhaus befassten Oliver Schröm jedoch auf Widerspruch trifft. Schröm schreibt bei Twitter: “Irgendwie billig, dass @DIEZEIT versucht den Spin zu setzen, wir hätten nicht ausreichend recherchiert und konfrontiert. (…) @DIEZEIT will wohl ihr Josef-Joffe-Problem auf uns Autoren abwälzen.”
2. Henri Nannen und wir (stern.de, Gregor Peter Schmitz)
Ein Rechercheteam des öffentlich-rechtlichen Jugendportals “funk” hat vergangene Woche ein Video veröffentlicht, das sich mit Henri Nannen beschäftigt, dem Gründer, langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des Magazins “Stern”. Dabei geht es insbesondere um Nannens Rolle in der Nazizeit. Nun meldet sich der aktuelle “Stern”-Chefredakteur zu Wort. Man wolle sich der Debatte stellen: “Jede neue Erkenntnis, jedes neue Detail müssen dazu führen, bisherige Bewertungen wieder und wieder infrage zu stellen. Deshalb werden wir in den kommenden Wochen im stern offen um die Frage ringen, wie wir die Person Nannen bewerten, ob er weiter Namensgeber einer Schule sein kann, in der junge Journalistinnen und Journalisten ausgebildet werden, ob einer der renommiertesten Medienpreise seinen Namen tragen und ob Henri Nannen im Impressum unser Gründungsherausgeber bleiben soll.”
4. Nach dem Fall Lisa Fitz (journalist.de, Matthias Meisner)
Die Kabarettistin Lisa Fitz hatte Ende vergangenen Jahres in der SWR-Comedy-Sendung “Spätschicht” fälschlicherweise behauptet, in Europa hätte es 5.000 Tote durch Corona-Impfstoffe gegeben. Nachdem sie dafür kritisiert worden war, verkündete Fitz empört ihren Abschied aus der Sendung. Sie sah sich als Opfer einer “Schmutzkübelkampagne” und sei “medial gesteinigt” worden. Der Journalist Matthias Meisner hat den Fall noch einmal aufgearbeitet und erklärt wichtige Zusammenhänge. Dabei wird klar, dass nicht nur Fitz, sondern auch der SWR Fehler gemacht hat.
5. Julian Reichelt irrt (tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Medienredakteur Joachim Huber schildert im “Tagesspiegel” ein Dilemma: Soll man Tweets des Ex-“Bild”-Chefredakteurs Julian Reichelt kommentieren und Reichelt damit zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen? Oder soll man ihm mit Nicht-Beachtung begegnen? Weil Reichelts Einlassungen zum Maskentragen falsch und gefährlich seien, habe sich Huber für eine Reaktion entschieden: “Meine Zeilen werden einen Julian Reichelt nicht erreichen. Das nehme ich in Kauf. Wichtiger ist, dass die Vorsichtigen, die Umsichtigen, die verantwortlich Handelnden sich nicht verunsichern lassen, von einem Reichelt nicht in die falsche Richtung verführen lassen.”
6. Fynn Kliemann und Caro Daur: Allianz der Influencer (correctiv.org, Gabriela Keller & Pia Siber & Frederik Richter)
Neue Recherchen von “Correctiv” belegen, wie der Medien-Allrounder Fynn Kliemann ein kleines Wirtschaftsimperium errichtete. So soll sich die Mode-Influencerin Caro Daur als stille Gesellschafterin an einer von Kliemanns Firmen beteiligt haben. Ende 2020 habe sich zudem der Betreiber von “Karls Erdbeerhof” mit einer Summe von 500.000 Euro am Kliemannsland beteiligt. Ihm habe die “sprühende, begeisternde Art” Kliemanns gefallen. Außerdem habe sich der Investor Impulse für seine eigenen Erlebnisdörfer erhofft.
Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!
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1. Fynn Kliemann: SCHEISSE bauen (DIY) (youtube.com, ZDF Magazin Royal, Video: 27:54 Minuten)
Allroundtalent und Youtuber Fynn Kliemann ist irre vielseitig: Heimwerken, Immobilien sanieren, Malen, Musik machen, NFTs herausgeben – und am Anfang der Pandemie hat er sogar Corona-Masken organisiert. Zur letzteren Kliemann-Unternehmung liegen dem “ZDF Magazin Royale” brisante Dokumente und Informationen vor, die einige Fragen aufwerfen. In Reaktion darauf hat Kliemann auf Instagram eine Stellungnahme verlesen und dem “Spiegel” ein Interview gegeben (nur mit Abo lesbar): “Natürlich denkt man: Ey, wir verdienen hier Geld!” (spiegel.de, Jonas Leppin & Anton Rainer).
Weiterer Gucktipp: Der Rechtsanwalt Christian Solmecke unternimmt auf Youtube eine erste juristische Einordnung: Böhmermann vs. Fynn Kliemann (youtube.com, Video: 30:33 Minuten).
2. Wer ist Sandra? – Sandra Maischberger im Hotel Matze (mitvergnuegen.com, Matze Hielscher, Audio: 2:35:07 Stunden)
In der aktuellen Ausgabe von “Hotel Matze” begrüßt Matze Hielscher die Journalistin, Fernsehmoderatorin, Produzentin und Autorin Sandra Maischberger: “Warum hatte sie es so eilig mit ihrer Fernsehkarriere und dem Erwachsenwerden? Welche Werte sind ihr wichtig? Ist sie Feministin? Ist sie Pazifistin? Ist sie konservativ? Warum teilt sie ihre Meinung nicht in der Öffentlichkeit? Warum macht sie das, was sie macht?”
3. Viele fühlen sich überrannt (deutschlandfunk.de, Stephan Beuting, Audio: 34:00 Minuten)
Wie und wieviel sollten wir gendern? Darüber diskutieren ein Deutschlandfunk-Hörer, die Trainerin für geschlechtersensible Sprache Katja Vossenberg, Michael Neugebauer von der electronic media school Berlin und Stephan Beuting aus der Deutschlandfunk-Medienredaktion.
4. Anika Heine: Kinderstark-Magazin (wiesoweshalbwarum.podigee.io, Thomas Hartmann, Audio: 56:51 Minuten)
Thomas Hartmann ist Kulturwissenschaftler, Medienpädagoge und Musiker und als wissenschaftlich-pädagogischer Mitarbeiter am Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum beschäftigt. In der aktuellen Ausgabe seines Podcasts über Kindermedien spricht er mit Anika Heine über Deutschlands erste und einzige diversitätssensible Zeitschrift für Kinder: das “Kinderstark”-Magazin.
6. Die Macht der Information (zdf.de, Video: sechsteilige Serie zu je etwa 44 Minuten)
In der ZDF-Dokureihe “Lüge und Wahrheit” geht es um die Macht der Information: “Geht es um Macht, Geld oder Krieg stirbt die Wahrheit oft zuerst. Die Doku-Reihe erzählt, wie mit Lügen Geschichte gemacht wurde und welche Rolle die Medien bei Propaganda und Wahrheit gespielt haben.”
Nordkorea, einst von vielen gefürchtet, taucht in der Berichterstattung heutzutage vor allem in einer Rolle auf: als Lachnummer.
Womit wir auch gleich beim “Stern” wären.
Der macht nicht nur eine ähnliche Entwicklung durch, sondern trägt auch immer wieder dazu bei, dass das niederträchtige Regime Nordkoreas eben nicht gefürchtet oder verachtet wird, sondern belächelt. Mit Geschichten wie dieser:
So steht es seit gut einer Woche bei Stern.de*. Im Artikel feixt die Autorin:
Neues aus Pjöngjang: Nach sagenumwobenen Einhörnern, die man in einer Höhle gefunden haben will, der Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste und ein perfekter Golfspieler gewesen sein soll (gleich bei seinem ersten Versuch sollen ihm elf “Hole in One” gelungen sein), hat die Propagandamaschine nun eine neue Geschichte in Petto. Der Vater von Nordkoreas Oberstem Führer Kim Jong-un soll eine Leckerei erfunden haben, deren Ursprung eigentlich in der mexikanischen Küche liegt und liebend gerne von den feindlichen US-Amerikanern verspeist wird – den Burrito.
Denn die nordkoreanische Propagandazeitung “Rodong Sinmun” habe laut Stern.de behauptet, der Burrito sei ursprünglich im Jahr 2011 von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il erfunden worden. Auch dessen Sohn, der amtierende Diktator Kim Jong-un, habe ein ausgeprägtes Interesse an der Spezialität.
Als Quellen für die Story gibt Stern.de die Boulevardblätter “New York Post” und “The Sun” an.
Tatsächlich wareneszunächstenglischsprachigeMedien, die behaupteten, nordkoreanische Medien hätten behauptet, der Burrito sei eine Erfindung ihres geliebten Führers:
Sie alle berufen sich auf das Propagandablatt “Rodong Sinmun”:
The Rodong Sinmun newspaper, seen as a government mouthpiece, reported that the burrito was thought up in 2011 by Kim Jong-il – the father of current supreme leader Kim Jong-un.
Die Geschichte zog sofort große Kreise und landete schnell auch in deutschen Medien, etwa bei Stern.de oder News.de. Die “Südwest Presse” und ihre regionalen Ableger widmeten ihr sogar einen Platz auf der Titelseite:
Aber was ist dran an der Sache? Nun, auf der Internetseite von “Rodong Sinmun” findet man schnell den Originalartikel, auf den sich alle beziehen. Dort abgebildet: Ein nordkoreanischer Burrito-Stand im Winter, vor dem mehrere Menschen stehen (alle tragen eine Maske und scheinen darunter zu lächeln). Dazu heißt es:
An einem Stand kann man Menschen sehen, die mit Fleisch gefüllte Weizenkuchen essen, und Verkäuferinnen, die die Kunden freundlich über den Nährwert aufklären.
Diese harmonische Szene fügt ihrer Popularität Glanz hinzu.
Wann immer wir Zeuge solcher Szenen werden, erinnern wir uns mit tiefer Ergriffenheit an das Bild des Vorsitzenden Kim Jong Il, der sich bei seiner Führung durch die neu errichtete Werkstatt der Kumsong-Lebensmittelfabrik freute.
Als der Vorsitzende an einem mobilen Servicestand vorbeikam, wies er an, dass die Leute die gefüllten Weizenkuchen aufgewärmt servieren sollten.
Wir erinnern uns noch gut an seine Worte, dass es für unser Volk angenehmer wäre, im Sommer Mineralwasser und im Winter heißen Tee mit Weizenkuchen an den Ständen zu bekommen.
Der verehrte Generalsekretär Kim Jong Un, der die Geschichte der edlen Liebe des Vorsitzenden zum Volk weiterführt, hat ein ausgeprägtes Interesse für die Weizenkuchen, von der Herstellung bis zum Service, und ergriff entsprechende Maßnahmen.
In der Tat: Ein kleiner Stand für gefüllte Weizenkuchen ist mit der mütterlichen Liebe unserer Partei verbunden.
Allem Geschwurbel zum Trotz: Das Blatt behauptet nicht, dass Kim Jong-il 2011 den Burrito erfunden hat. Sondern dass er beim Besuch einer Lebensmittelfabrik (der 2011 stattfand) anwies, den Weizenkuchen lieber aufgewärmt zu servieren, vor allem im Winter.
Dass die amerikanischen und englischen Journalisten daraus etwas völlig anderes machen, und dass deutsche Journalisten den Quatsch einfach abschreiben und sogar auf die Titelseite packen, statt zwei Minuten zu recherchieren, ist aber keine Ausnahme, sondern eine liebgewonnene Tradition. Schauen wir nochmal in den einleitenden Absatz bei Stern.de:
Neues aus Pjöngjang: Nach sagenumwobenen Einhörnern, die man in einer Höhle gefunden haben will, der Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste und ein perfekter Golfspieler gewesen sein soll (gleich bei seinem ersten Versuch sollen ihm elf “Hole in One” gelungen sein), hat die Propagandamaschine nun eine neue Geschichte in Petto. (…)
Nehmen wir die Einhörner, die das Regime laut Stern.de gefunden haben wolle. Eine Geschichte, die seit zehn Jahren immer wieder höhnisch erzählt wird. Dabei steckt dahinter, wie das Wissenschaftsblog “io9” bereits vor zehn Jahren berichtete, wohl schlicht ein Übersetzungsfehler:
Nein, die nordkoreanische Regierung hat nicht behauptet, Beweise für das Einhorn gefunden zu haben. (…) Die Behauptung bezieht sich stattdessen auf einen Ort namens Kiringul [der in Nordkoreas Mythologie eine bedeutende Rolle spielt]. Nordkorea hatte die Entdeckung bereits 2011 verkündet, aber erst vor Kurzem eine Meldung auf Englisch veröffentlicht. In dieser englischen Version wurde der Name des historischen Ortes, Kiringul, irrtümlich als “Einhorn-Höhle” übersetzt – ein sehr anregender Name für Leute aus dem Westen.
Ebenso anregend wie die “Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste”, die es bei News.de aktuell auch wieder in die Überschrift geschafft hat:
Im Artikel heißt es:
Bei seiner ersten Golfrunde soll Kim Jong-il, der verstorbene Vater des amtierenden Herrschers, gleich elf Hole-in-ones geschlagen haben. Eine wirklich besch***ene Idee war es wohl, zu behaupten, die Führer des Landes hätten keinen Stuhlgang. Dagegen ist die angebliche Entdeckung von Einhörnern doch direkt süß.
Ok. Also.
Zunächst der (Nicht-)Stuhlgang. Auch diese Behauptung hält sich seit vielen Jahren (nicht erst seit dem Film “The Interview”) hartnäckig in den Medien. Der älteste Artikel, den wir dazu finden konnten, erschien 2008 auf einer amerikanischen Listicle-Website, die sich auf Kim Jong-ils Wikipedia-Artikel berief. Dort fand sich tatsächlich mal eine (mittlerweile gelöschte) Passage, die lautete:
Überläufer werden mit der Aussage zitiert, dass nordkoreanische Schulen sowohl Vater als auch Sohn vergöttern, und lehren, dass sie nicht wie sterbliche Menschen urinieren oder defäkieren.
Als Quelle dafür wurde wiederum ein Buch angegeben, “The Aquariums of Pyongyang: Ten Years in the North Korean Gulag”, in dem ein nordkoreanischer Journalist sein Leben in einem Internierungslager beschreibt. Wirft man einen Blick in das Buch, stellt sich die Sache aber schnell ganz anders dar. Denn der Autor schreibt:
In meinen kindlichen Augen und denen aller meiner Freunde waren Kim Il-sung und Kim Jong-il perfekte Wesen, unbefleckt von jeder niederen menschlichen Funktion. Ich war wie wir alle davon überzeugt, dass keiner von ihnen urinierte oder defäkierte. Wer könnte sich so etwas bei Göttern vorstellen?
Das mit dem Stuhlgang ist also nicht wörtlich zu verstehen, sondern als Umschreibung dafür, wie der Autor die scheinbare Göttlichkeit der Machthaber als Kind empfunden hat.
Dann die Geschichte mit dem perfekten Golfspiel, die Journalisten seit nunmehr fast 30 Jahren supergern erzählen, aber superungern überprüfen. Zurückzuführen ist sie auf einen 1994 im “International Herald Tribune” veröffentlichten Artikel. Dort schrieb der australische Reporter Eric Ellis über seine Reise nach Nordkorea und berichtete unter anderem von seiner (eigentlich eher nebensächlichen) Begegnung mit einem nordkoreanischen Golfer:
Mr. Park, der zugab, noch nie etwas von Arnold Palmer gehört zu haben, erklärte, dass der “Geliebte Führer” über 18 Löcher eine 34 spielte, darunter fünf Hole-in-Ones. “Er ist ein hervorragender Golfer”, sagte Mr. Park.
Im Laufe der Jahre wurde dieser Nebensatz von Journalisten immer weiter aufgeblasen – aus den fünf Hole-in-Ones wurden elf, irgendwann kamen noch 17 Bodyguards dazu, die dabeigewesen seien und alles bezeugen könnten, und vor allem wurden diese Aussagen nicht mehr irgendeinem Golfer zugeschrieben, sondern zu einer offiziellen Verlautbarung der nordkoreanischen Regierung erklärt.
“Ich bin verwirrt darüber, wie sich diese Geschichte verselbstständigt hat”, sagte Eric Ellis, der australische Reporter, im vergangenen Jahr in einem Interview. Eigentlich sei es ein “völlig unschuldiger, entwaffnender Moment” gewesen: Der nordkoreanische Golfer habe einfach Angst gehabt, etwas Falsches zu sagen, darum habe er sich die absurde Geschichte mit den Hole-in-Ones ausgedacht.
Und knapp drei Jahrzehnte später wird sie immer noch erzählt – von kichernden Journalisten, die glauben, sie würden damit die Lachhaftigkeit der Nordkoreaner belegen, ohne zu merken, wen sie damit eigentlich entlarven.
Insbesondere bei Stern.de erscheinen immer wieder solche Geschichten. So behauptete das Portal 2014 zum Beispiel (neben vielen anderen Medien), dass männliche Studenten in Nordkorea laut staatlicher Verordnung nur noch eine einzige Frisur tragen dürften: die von Kim Jong-un (BILDblog berichtete). 2017 reisten zwei australische Studenten nach Nordkorea, um die Geschichte zu überprüfen. Sie kamen zum gleichen Ergebnis wie wir: völliger Quatsch. Doch bei Stern.de steht die Behauptung bis heute unverändert online.
Im Jahr darauf behauptete Stern.de, Nordkorea wolle den USA den Krieg erklären, sobald Windows 10 auf den Markt komme. Als wir die Redaktion fragten, ob es dafür irgendwelche Belege gebe, antwortete sie nicht. Aus gutem Grund: es gab keine. Denn auch diese Geschichte war völliger Quatsch.
Bei einer Sache hat der “Stern” aber Recht: Tatsächlich wird die Propagandamaschine weiterhin fleißig von Medien betrieben. Allerdings nicht nur von nordkoreanischen.
*Nachtrag, 20. Januar: Stern.de hat auf unsere Kritik reagiert und den Burrito-Artikel gestern offline genommen. Außerdem schrieb uns jemand aus der Redaktion, dass man “auch die älteren verlinkten Artikel noch einmal ansehen und in den nächsten Tagen offline nehmen” werde.
1. Der Fluch der Fälschungen: Warum Fake-Bilder im Netz so schwer einzufangen sind (rnd.de, Imre Grimm)
In den Sozialen Medien zirkuliert seit Monaten eine äußerst böswillige Zitatfälschung, mit der Impfgegner einen CDU-Gesundheitspolitiker diskreditieren wollen. Imre Grimm kommentiert: “Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das mediale Dilemma, vor dem Urheber korrekter Zitate angesichts von populären Fälschungen stehen: Jede Berichterstattung leistet nicht nur der Wahrheit, sondern auch der möglichen Verbreitung von Fälschungen Vorschub.” Trotz diverser Richtigstellungen werde das gefälschte Sharepic weiter verbreitet, unter anderem vom Schlagersänger Michael Wendler in dessen Telegram-Kanal.
2. Wenn Journalisten Regierungssprecher werden, befeuern sie einen pauschalen Verdacht (uebermedien.de, Stephan Lamby)
Die “Spiegel”-Redakteurin Christiane Hoffmann, der frühere “Spiegel”-Chefredakteur Wolfgang Büchner und der “taz”-Redakteur Ulrich Schulte haben die Seiten gewechselt und arbeiten künftig als Pressesprecher beziehungsweise -sprecherin für die Bundesregierung. Der Ferrnsehproduzent und Journalist Stephan Lamby hält derartige Wechsel für legitim, rät jedoch zu Sensibilität: “Heute müssen wir Journalist:innen mehr als frühere Generationen auf unsere Außenwirkung achten. Weil wir nun selbst kontrolliert werden. Und deshalb sollten sich alle, die über einen Seitenwechsel nachdenken, darüber klar sein, wie ihr Schritt über die rote Linie von außen wahrgenommen wird. Und auch, ob ein Schritt zurück eines Tages möglich sein wird – oder nicht.”
3. “RT Deutsch” sendet via Serbien (taz.de, Erica Zingher)
Weil der russische Staatssender RT für sein deutschsprachiges TV-Programm hierzulande keine Sendelizenz bekommen hat, ist er auf eine trickreiche Idee gekommen und hat sich die Lizenz in Serbien besorgt. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg sehe darin jedoch “keine ausreichende Grundlage für eine Verbreitung des Programms in Deutschland” und habe deshalb bereits ein Verfahren gegen RT Deutsch eingeleitet.
4. Ein Sender für Corona-Leugner? (tagesschau.de, Srdjan Govedarica)
Der österreichische Privatsender ServusTV ist seit einiger Zeit dafür bekannt, fragwürdigen Corona-Verharmlosern eine Bühne zu bieten und falsche Informationen zur Pandemie zu verbreiten. Nun prüfe die Medienbehörde KommAustria, ob ServusTV dabei Gesetze verletzt habe. Die Publizistin Ingrid Brodnig begrüßt die Prüfung des mit Millionenbeträgen öffentlich unterstützten Senders: Es könne nicht sein, “dass die öffentliche Hand Fehlinformationen inmitten einer Pandemie auch noch indirekt fördert – die dann dazu führen, dass sich möglicherweise weniger Menschen impfen lassen”.
5. Hand in Hand mit Rechtsextremen (belltower.news, Erika Balzer)
Der Verfassungsschutz hat das “Compact”-Magazin jüngst als “gesichert extremistisch” eingestuft. Erika Balzer hat sich angeschaut, mit welchen Themen sich “Compact” beschäftigt und wie dort (rechte) Stimmung gemacht wird. Ihr Fazit: “Die Autor:innen und Chefredakteur Elsässer spielen Rechtsextremen nicht nur in die Karten, sie gehen mit ihnen Hand in Hand in eine Richtung, die demokratische Prozesse ablehnt und stattdessen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Hetze und Verschwörungserzählungen verbreitet.”
6. Chinesische Influencerin muss 181 Millionen Euro Strafe zahlen (spiegel.de)
Die chinesische Schauspielerin und Influencerin Viya ist im Internet als “Livestream-Königin” bekannt. Sie veranstaltet sogenannte Shopping-Livestreams und generiert damit teilweise unglaubliche Umsätze. An einem wichtigen Verkaufstag sollen es mehr als 400 Millionen Euro gewesen sein. Offenbar hat sie jedoch Steuern hinterzogen und wurde von den chinesischen Behörden mit einer Rekordstrafe von umgerechnet 181 Millionen Euro belegt.