Suchergebnisse für ‘CDU’

Nach der Umfrage ist vor der Umfrage

Wenn Journalisten mit Statistiken jonglieren, ist immer äußerste Vorsicht geboten. Bei Umfrageergebnissen verhält es sich offenbar ganz ähnlich. Fangen wir bei “stern.de” an.

Zwei Tage nachdem Schwarz-Gelb Ende Januar bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Schlappe hinnehmen musste, hatte das Portal doch noch eine gute Nachricht für die Anhänger von Union und FDP:stern-RTL-Wahltrend - Keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene

“stern.de” weiß:

Die Union kann weiter zuversichtlich auf das Wahljahr blicken.

Denn im “stern-RTL-Wahltrend” hält sie “mit 42 Prozent (…) einen ihrer besten Werte seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist”. Die SPD hingegen “verharrt weiter im Tief: Zum zweiten Mal in Folge erreicht sie nur 23 Prozent”.

Durchgeführt wurde die Befragung für den “stern-RTL-Wahltrend” vom Forsa-Institut, dessen Chef Manfred Güllner ebenfalls zu Wort kommt:

Dass die SPD trotz des rot-grünen Wahlerfolgs in Niedersachsen bundesweit schwach bleibt, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner nur auf den ersten Blick ein Gegensatz.

Auf den zweiten Blick ist ihm dann vielleicht etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, dass sein Institut die Umfrage vom 14. bis 18. Januar durchgeführt hat – also mehrere Tage vor der Niedersachsenwahl. Dass die Wahl die Umfrageergebnisse nicht beeinflusst hat, könnte also durchaus daran liegen, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht mal begonnen hatte.

Das müssten die Leuten bei “stern.de” eigentlich auch bemerkt haben, denn am Ende des Artikels schreiben sie selbst:

Datenbasis: 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, befragt vom 14. bis 18. Januar 2013, statistische Fehlertoleranz: +/- 2,5 Prozentpunkte. Institut: Forsa Berlin.

Und schon am Anfang des Textes:

Im stern-RTL-Wahltrend, der vor der Wahl in Niedersachsen erhoben wurde, (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Und auch sonst beweist “stern.de” viel Geschick darin, inhaltliche Widersprüche einfach zu ignorieren. Während es noch in der Überschrift heißt, es gebe “keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene”, und im Teaser, Schwarz-Gelb habe im Wahltrend “triumphiert”, stellt sich dieser Triumph im Text ein bisschen anders dar: Die FDP ist bundesweit nämlich “nur auf 4 Prozent” gekommen — und wäre damit nicht mal im Parlament. Nicht die besten Voraussetzungen für eine schwarz-gelbe Zukunft.

Eine ähnliche Verrenkung hat heute “Spiegel Online” hinbekommen: Umfrage: Union legt trotz Schavans Plagiatsaffäre kräftig zu

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt der ehemaligen Bildungsministerin klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von “Stern” und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Dass die Union “trotz Schavans Plagiatsaffäre” zulegt, mag ja sein. Das heißt aber nocht nicht, dass sie es “trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt” tut:

Der Doktortitel wurde Frau Schavan am 5. Februar aberkannt. Durchgeführt wurde der Wahltrend, wie “Spiegel Online” selbst schreibt, “in der Zeit vom 4. bis 8. Februar”. Einige Befragte konnten also noch gar nichts von der Aberkennung des Doktortitels wissen. Vom Rücktritt wussten sogar noch weniger der befragten Personen — niemand, um genau zu sein. Denn der wurde erst einen Tag nach der Umfrage bekanntgegeben.

Mit Dank an Jascha H.

Nachtrag, 20.10 Uhr: “Spiegel Online” hat sich unauffällig korrigiert. Der betreffende Absatz lautet nun so:

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Debatte um ihre Doktorarbeit klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von “Stern” und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Und aus dem Satz …

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt.

… ist Folgender geworden:

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt – also noch vor dem Rücktritt der Ministerin. Diese zog sich am 9. Februar vom Amt der Bildungsministerin zurück.

Ein Traum von einem Sozialdemokraten

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist seit dieser Woche nicht mehr Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan (CDU), weil ihr die Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf den Doktorgrad entzogen hat.* In der Dissertation von Frau Schavan seien “in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden”, begründete die Universität ihre Entscheidung.

Für Tilman Krause, Leitender Literaturredakteur bei der “Welt”, ist der Fall Schavan kein Einzelfall, sondern Symptom einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Er schreibt:

Der Fall Schavan erinnert noch einmal an einen Umstand, der dem Vergessen anheimzufallen droht, aber zum Verständnis unserer Gegenwartsnöte unabdingbar ist: Der Ausverkauf von Bildung, der naive Glaube, jeder könne ein Intellektueller sein und der Aufstieg ins Bildungsbürgertum lasse sich in zwei, drei Jahren bewältigen – all diese törichten Illusionen sind auf sozialdemokratischem Mist gewachsen.

Krause fragt, was man von einer Frau halten solle, die, “aus einfachen Verhältnissen kommend, promovieren will um jeden Preis, hauptsächlich aber ohne vernünftig studiert zu haben” und die – “mit anderen Worten” – “Bildung missverstand wie Honecker den Sozialismus”.**

Nimmt man dazu noch die Tatsache, dass Annette Schavan ihre Fahrt ins akademische Glück im Fach Erziehungswissenschaften angestrebt hat und sich dafür an der Universität Düsseldorf immatrikulierte, dann hat man ein so lupenreines sozialdemokratisches Aufstiegsmuster beisammen, dass man schon fast wieder an der Daseinsberechtigung der CDU zweifeln möchte, wenn solche Lebensläufe sich jetzt dort finden statt in der SPD, wo sie hingehören.

Krause liefert dann eine “kleine Erinnerung an die universitäre Landschaft, wie sie sich im Jahr von Annette Schavans Dissertationsanstrengung, also 1980, darbot”. Erziehungswissenschaften seien damals in etwa das gewesen, was heute “Kulturmanagement” oder “Journalistik” seien: “ein Non-Fach, eine intellektuelle Simulation”.

Im Falle von Annette Schavan kam es aber laut Tilman Krause noch schlimmer:

Und nun Düsseldorf. Wer aus Nordrhein-Westfalen stammte und auf sich hielt, schickte seine Kinder doch nicht nach Düsseldorf! Bonn, Münster, Köln waren die renommierten Ausbildungsstätten, Bochum galt als interessante Reformuniversität, aber Düsseldorf, 1965 gegründet, stand nun wirklich für gar nichts – außer für den sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle.

Die Uni Düsseldorf ist für Krause also quasi der betongewordene “sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle”.

Und tatsächlich hatte die Landesregierung NRW 1965 die Umwandlung der bisherigen Medizinischen Akademie in eine “Universität Düsseldorf” beschlossen.

Der “Spiegel” schrieb damals:

Nordrhein-Westfalen, den anderen Bundesländern bislang nur in den Einnahmen und Einwohnern weit voraus, entwickelt sich nun zum hochschulreichsten Land der Bundesrepublik. Treibende Kraft ist Kultusminister Professor Paul Mikat, Geburtshelfer von fünf Universitäten (Bochum, Dortmund, Ostwestfalen, Aachen, Düsseldorf).

Paul Mikat war Mitglied der CDU. So, wie überhaupt die ganze Landesregierung unter Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) damals aus CDU und FDP bestand.

Mit Dank an Ralf B.

*) Nachtrag/Hinweis, 19.30 Uhr: Streng genommen ist es wohl so, dass Frau Schavan ihren Doktorgrad zumindest solange behält, bis das Verwaltungsgericht Düsseldorf über ihre Klage gegen die Aberkennung entschieden hat.

**) Nachtrag/Hinweis, 9. Februar: In der Onlineversion steht nun “die mit anderen Worten Bildung missverstand wie Ulbricht den Sozialismus”. Zuvor hatte dort – wie in der Printversion – “Honecker” gestanden. Die Universität Düsseldorf steht aber immer noch für den “sozialdemokratischen Traum”.

dapd  

Ein Mann trinkt sich nach oben

Die Nachrichtenagentur spot on news (“die neue deutsche Nachrichtenagentur für Unterhaltung”) bestimmt täglich einen “Verlierer des Tages”.

Heute ist es dieser Mann:

Da hat Bernd Busemann (CDU) wohl ein Gläschen zu viel getrunken: Der niedersächsische Ministerpräsident wurde in Hannover mit Alkohol am Steuer erwischt. Jetzt muss er seine Fahrlizenz für einige Wochen abgeben, eine Geldstrafe zahlen und bekommt vier Punkte in Flensburg. […]

Der niedersächsische Ministerpräsident Bernd Busemann? Die “Neue Presse” aus Hannover (!) glaubt’s; die “Welt” macht daraus sogar eine doppelte Überschrift:

(Bernd Busemann ist — noch — niedersächischer Justizminister.)

Mit Dank an Hans.

Cinema, Krautreporter, GEMA

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Seriencheck wird zum Offenbarungseid der ‘Cinema'”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath prüft nach, was die Zeitschrift “Cinema” als Serienhighlights 2013 einstuft. “Nach 14 Seiten Titelstory mit 36 vorgestellten Serien ist das Ergebnis ernüchternd. Nur über 13 der Serien lässt sich verlässlich sagen: Sie sind US-Serienhits.”

2. “Das Amalgam”
(faz.net, Volker Zastrow)
Gab es bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Zweitstimmenkampagne der CDU? Nein, schreibt Volker Zastrow, “es geht um die gute alte Manipulation. Die Analysen sind gar keine, sie geben sich nur als solche aus. Ins Gewand der Objektivität haben sich politische Forderungen gekleidet: Der Punkt, auf den sie sich richten, liegt nicht in der Vergangenheit (die Niedersachsenwahl), sondern in der Zukunft (die Bundestagswahl). Gemeinsames Interesse aller, die solche Analysen nicht einfach nur nachplappern oder abschreiben, sondern absichtsvoll in die Welt setzen: Die FDP soll im Bund nicht so stark werden wie in Niedersachsen.”

3. “Dschungeltexter Jens Oliver Haas: ‘Ein Jahr Pause wäre jetzt gut für das Format'”
(stefan-niggemeier.de)
Jens Oliver Haas, Autor der Moderationstexte der RTL-Sendung “Ich bin ein Star – holt mich hier raus”, im Interview. “Der Dschungel lebt zum größten Teil nicht von den Prüfungen und Schatzsuchen, sondern von dem, was zwischen den Kandidaten passiert und sich entwickelt.”

4. “Interview mit Sebastian Esser zum Start der Plattform Krautreporter”
(medialdigital.de, Ulrike Langer)
Ulrike Langer befragt Sebastian Esser zum Start von Krautreporter.de.

5. “Hummels: ‘Ich habe mit keiner Silbe das
Spielsystem der Nationalmannschaft kritisiert'”

(bvb.de)
Mats Hummels vermisst in einer Vorabmeldung des “Focus” einen “entscheidenden Satz”.

6. “GEMA versus YouTubes Top 1000”
(apps.opendatacity.de)
Über 60 Prozent der 1000 weltweit meistgesehenen YouTube-Videos sind in Deutschland nicht verfügbar, “weil YouTube davon ausgeht, dass die Musikrechte ‘möglicherweise’ bei der Musikverwertungsgesellschaft GEMA liegen.” Siehe dazu auch “Über unsere App: GEMA versus YouTubes Top 1000” (datenjournalist.de).

taz, taz.de  

Alte Kotze, neu erbrochen

Deniz Yücel hat bei der “taz” ungefähr den Posten inne, den bei “Bild” Franz Josef Wagner, beim “Tagesspiegel” Harald Martenstein und bei der “Welt” Henryk M. Broder bekleiden: Er pfeift als Kolumnist auf Politische Korrektheit, Logik oder auch einfach nur Fakten, bricht mit Konventionen und in die Tastatur und gefällt sich als Mischung aus Wutbürger, Stammtischgänger und ADHS-Grundschüler.

Vom Deutschen Presserat bekam Yücel im Dezember eine “Missbilligung”, weil er über Thilo Sarrazin geschrieben hatte:

So etwa die oberkruden Ansichten des leider erfolgreichen Buchautors Thilo S., den man, und das nur in Klammern, auch dann eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur nennen darf, wenn man weiß, dass dieser infolge eines Schlaganfalls derart verunstaltet wurde und dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.

(Das mit dem “Schlaganfall” war auch noch sachlich falsch.)

Nach der Landtagswahl in Niedersachsen schreibt Yücel heute einen Abgesang auf den vermutlich scheidenden Innenminister Uwe Schünemann, den er, wie es so seine Art ist, mit “Tschüss, Kotzbrocken!” überschrieben hat.

Yücel bezeichnet Schünemann als “beste[n], weil dümmste[n] Innenminister der westlichen Welt” und führt aus:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele oder Fußfesseln für Schulschwänzer, ob Nachtischverbot für Stützeempfänger, Arbeitsdienst für Fünfjährige oder Hymnenpflicht für Blogger – keine Forderung, die zu absonderlich oder zu faschistoid gewesen wäre, als dass Schünemann im Laufe seiner zehnjährigen Amtszeit sie nicht erhoben hätte oder bei der man hätte sicher sein können, dass er sie nicht noch irgendwann erheben würde.

Wer das zweifelhafte Vergnügen hatte, Anfang Juli 2012 Yücels Kolumne über den niedersächsichen Innenminister Uwe Schünemann lesen zu müssen, könnte an dieser Stelle ein Déjà-vu erlitten haben, denn damals hatte Yücel geschrieben:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele, Fußfesseln für Schulschwänzer, Knast für Fünfjährige, Nachtischverbot für Stützeempfänger – keine Forderung, die nicht zu abwegig oder autoritär wäre, als dass Schünemann sie nicht schon erhoben hätte oder sie nicht noch erheben würde.

Wenig später fährt Yücel heute fort:

“Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher”, sagte er über sich und bekannte sich, um auch mal so etwas wie eine menschliche Seite zu zeigen, zu seiner “Leidenschaft für Gummibärchen”.

Vor einem halben Jahr klang das bei ihm so:

“Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher”, sagt er über sich. Und um sich auch mal von einer menschlichen Seite zu zeigen, bekennt er sich auf seiner Homepage zu seiner “Leidenschaft für Gummibärchen” – und spätestens jetzt weiß man, dass die einzige Leidenschaft, zu der so einer fähig ist, der präfaschistische Furor des entfesselten Kleinbürgers ist.

Heute witzelt Yücel vor sich hin:

Doch während andere niedersächsische Politiker später Karriere machten und Bundesminister (Trittin, von der Leyen), Bundesvorsitzende (Rösler, Gabriel), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff) wurden, blieb Schünemann in Niedersachsen.

Im Sommer hatte er geschrieben:

Er hadert damit, dass andere niedersächsische Politiker später Karriere machten. Sie wurden Bundesminister (Trittin), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff). Nur Schünemann blieb, was er immer war. Und seit dort eine Frau Ö. oder Ü. am Kabinettstisch sitzt, ist er nicht einmal mehr der bekannteste niedersächsische Minister der Welt.

Sogar den – auf Aygül Özkan bezogenen – Umlaut-Kalauer hat er heute an anderer Stelle noch einmal aufgewärmt:

Denn der war kein Dutzendminister in der deutschen Provinz; er ist auch nicht so leicht zu ersetzen wie die andere (zumindest in Fachkreisen) halbwegs bekannte niedersächsische Ministerin, für die sich gewiss eine andere Frau Ö. oder ein Herr Ü. finden lassen wird.

Nun ist es nicht so, dass Deniz Yücel seine gesamte Kolumne aus dem Juli 2012 recycelt hätte: Ein paar Passagen hat er nicht wiederholt — vielleicht, weil er sie zuvor schon einmal wiederholt hatte.

So schrieb er vor einem halben Jahr:

Doch Schünemann genügt sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

Also ziemlich genau das, was er schon im Januar 2006 in der “Jungle World” in einem Text über Schünemann geschrieben hatte:

Doch Uwe Schünemann (CDU) genügen sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden, vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

“taz”, 2012:

Vielleicht wird seiner Ehefrau Ines im Supermarkt hinterhergetuschelt: “Die Ärmste, ihr Mann ist schon bald 50 und immer noch nur Landesminister!” – “Wie sie das bloß aushält?” – “Wenn meiner immer nur so was bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.”

Darum gibt Schünemann alles, damit sich seine Frau Ines (47) und die Kinder Milena (17) und Timo (13) nicht für den Papi (sie dürften ihn alle drei so nennen) schämen müssen.

“Jungle World”, 2006:

Mög­lichweise wird im Supermarkt hinter seiner Ehefrau getuschelt: “Die Ärmste, ihr Mann ist nur Landesminister!” – “Wie sie das aushält?” – “Wenn meiner immer nur sowas bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.”

Doch Schünemann gibt alles, damit sich seine Ehefrau Ines (40) und die Kinder Timo (6) und Milena (10) für den Papa (vermutlich werden alle drei ihn so nennen) nicht schämen müssen.

So gesehen ist Deniz Yücel doch nicht der Broder oder Wagner, sondern nur der Wolfram Weimer der Linken.

Mit Dank an Michael F. und ungeruehrt.

Schwangerschaft, New York Post, Hudekamp

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex”
(carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal beobachtet die Debatte um das Leistungsschutzrecht für Presseverleger: “Kein Vergleich ist den Kritikern inzwischen zu blöd, kein Bild zu schief (Nordkorea, Mullah-Regime), um den ‘anti-kapitalistischen’ Impuls in den guten Deutschen wachzurufen.” Siehe dazu auch “Mathias Döpfner darf in der Zeit Google angreifen” (neunetz.com, Marcel Weiss), “Ebenso dreist wie durchsichtig” (ueberschaubarerelevanz.wordpress.com) und “Ausgewogenheit, wie sie Hubert Burda meint” (stefan-niggemeier.de).

2. “Der Medienhype um Kates Baby”
(ndr.de, Video, 4:48 Minuten)
Medien betonen in ihren Berichten über die Schwangerschaft von Catherine Mountbatten-Windsor, dass sie jetzt Ruhe braucht – und belagern das Krankenhaus, in dem sie sich aufhält. Siehe dazu auch “‘Sie übergibt sich!'” (coffeeandtv.de, Lukas Heinser).

3. “Medien fallen auf geschönte Merkel-Wahl rein”
(meedia.de, Eckhard Stengel)
Wurde Angela Merkel mit 97,94 Prozent der Delegiertenstimmen zur CDU-Vorsitzenden gewählt, wie zum Beispiel die FAZ auf ihrer Titelseite schreibt? “CDU und CSU sind die einzigen Bundestagsparteien, die bei Vorstandswahlen auf allen Parteiebenen die Enthaltungen nicht in die Prozentzahlen einrechnen. Zählt man sie mit, kommt Merkel ‘nur’ auf 96,99 statt auf fast 98 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen.”

4. “Der Tod auf dem Titel”
(faz.net, Fabian Nitschmann)
Ein Foto auf der Titelseite der “New York Post” löst Diskussionen aus. Es zeigt eine einfahrende U-Bahn, die kurz darauf einen Mann überfahren hatte. Siehe dazu auch “‘NY Post’ Photographer: I Was Too Far Away To Reach Man Hit By Train” (npr.org, Mark Memmott, englisch).

5. “Hudekamp – Ein Heimatfilm”
(ndr.de, Video, 64:12 Minuten)
Ein Film über Menschen, die in den Hochhäusern des Lübecker Stadtteils Hudekamp wohnen.

6. “Auf Rückenschmerzen spezialisierter Orthopäde hofft auf Freiwerden der Domain kreuz.net”
(der-postillon.com)

Nicht gesagt ist gesagt

Am Dienstag wurde in Berlin der Deutsche Sozialpreis 2012 verliehen. Damit werden seit einigen Jahrzehnten journalistische Arbeiten zu sozialen Themen ausgezeichnet. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war gekommen, sie hielt das Grußwort.

Und so berichtet Bild.de über die Preisverleihung:Merkel rüffelt TV-Macher

Klamaukiger Tatort, immer mehr Scripted Reality und Rosamunde Pilcher im deutschen Fernsehen – seit Jahren wird über die Qualität im TV gestritten.

Jetzt schaltet sich in die Trash-TV-Debatte überraschenderweise Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein!

Nun, dieses “Einschalten” und “Rüffeln” der Kanzlerin bestand aus genau drei Sätzen, wie man hier nachlesen kann. Frau Merkel sagte:

Ich möchte mich auch an die anwesenden Medienvertreter richten. Ich will zwar nicht vorschlagen “mal einen Krimi weniger und stattdessen etwas aus dem richtigen Leben” – aber so etwas in der Richtung. Ich plädiere also für gute Sendezeiten für die Beiträge, die etwas über das wirkliche Leben erzählen.

Auf Bild.de liest sich das dann so:

Mal einen Krimi weniger und stattdessen etwas aus dem richtigen Leben”, gab sie den deutschen TV-Machern auf den Weg. (…) Programmverantwortliche sind also jetzt von oberster Stelle aufgefordert: Weniger Tatort und Landarzt – mehr echtes Leben.

Auch die “taz” schreibt heute:

“Mal ein Krimi weniger und dafür was aus dem richtigen Leben!”

Angela Merkel gibt den Programmverantwortlichen der TV-Sender wertvolle Tipps

Die “taz” hat sich dafür die passendste Stelle im Blatt ausgesucht: Es steht (ohne weitere Kommentierung) in der Rubrik “Gesagt ist gesagt”.

Mit Dank an Christian S.

Zum Lachen ins Kabinett gehen

Nächstes Jahr ist Bundestagswahl und weil ja sonst im Moment in der Welt nicht viel los ist, hat Bild.de schon mal die Glaskugel vom Speicher geholt und schaut jetzt, wie das Kabinett aussehen könnte, falls Deutschland nach der Wahl von einer schwarz-grünen Koalition regiert würde.

Oder, noch unpräziser:

Sieht so das nächste Kabinett aus?

Dass die Grafiker von Bild.de zunächst erst mal die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt (mit “dt”) schwarz unterlegt hatten, als gehöre sie zur CDU/CSU, ist ihnen inzwischen aufgefallen und sieht jetzt nicht mehr so aus:

Aber im Kabinett gibt es neben vielen naheliegenden Ideen eine echte Überraschung:

Und zu guter Letzt: Es wird wieder einen Guttenberg im Kabinett geben.

Karl Theodor-Bruder Philipp Franz Maria Antonius Friedrich Wilhelm Emanuel Johannes Freiherr von und zu Guttenberg wird für die CSU neuer Landwirtschaftsminister. Er ist übrigens aktueller Träger des Ordens “Wider den tierischen Ernst”. Und somit künftig auch zuständig für die Kalauer im Kabinett.

Na ja, fast: Aktueller Träger des Ordens ist der Kabarettist Ottfried Fischer. Dessen Vorgänger war Karl-Theodor zu Guttenberg.

Der war zugegebenermaßen weder im vergangenen Jahr, als er den Orden erhielt, noch in diesem Jahr zum Festakt erschienen, als er die Laudatio auf Ottfried Fischer hätte halten sollen. Beide Male hatte ihn sein kleiner Bruder Philipp vertreten. Aber Ordensträger bleibt nun mal Karl-Theodor.

Eigentlich unvorstellbar, dass die Leute bei “Bild” ihrem einstigen Liebling noch einen Titel abnehmen. So viele hat der ja nicht mehr.

Mit Dank an Marco G., Tobias U., Ferdinand D., Thomas P. und Andreas H.

Hin und Beck (2)

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einer Online-Redaktion und bekommen eine Agenturmeldung auf den Tisch, die mit diesem Absatz beginnt:

Schon vor der ersten Sendung sorgt die Show für jede Menge Schlagzeilen: Jetzt hat Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) seine Teilnahme an Stefan Raabs neuer Polit-Talkshow überraschend abgesagt. Das sagte ein Sprecher des Ministers am Donnerstag “Handelsblatt Online”. Hintergrund sei die Begründung für die Ausladung des Grünen-Fraktionsgeschäftsführers Volker Beck aus der Sendung.

Jetzt müssen Sie nur noch ein Foto von Volker Beck raussuchen, einen eigenen Vorspann und eine Überschrift basteln und fertig ist die Laube.

Oder so ähnlich:

15:46 NACH AUSLADUNG VON KURT BECK: Altmaier sagt überraschend Teilnahme an Raabs Talkshow ab. Auf Wunsch des Umweltministers soll Kurt Beck bei Raab-Show ausgeladen worden sein. Altmaier dementiert - und sagt seine Teilnahme ab.

Das Foto zeigt eindeutig Peter Altmaier. Doch darunter prangt diese formvollendete Bildunterschrift:

Peter Altmaier widersprach den Vorwürfen, Kurt Beck sei auf seinen Wunsch hin wieder ausgeladen worden: "Die Behauptung ist schlicht falsch. Ich bin mit Volker Beck befreundet, war mit ihm in vielen Talkshows und werde das gerne auch wieder tun."

Aber Kurt Beck kennt das ja schon.

Nachtrag, 9. November: Bereits gestern Abend hat abendblatt.de Kurt in Volker Beck verwandelt.

Und das beinahe vollständig:

15:46 NACH AUSLADUNG VON KURT BECK

MDR Sachsenspiegel, Ronaldo, Grower

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Rettet die Pressefreiheit!”
(petertauber.wordpress.com)
Politiker Peter Tauber kommentiert aktuelle Mediendebatten: “Leute! Jeden Tag rufen Pressesprecher in Redaktionen an, versuchen Infos weiterzugeben, Geschichten zu platzieren, Hinweise auf vermeintlich falsche Darstellungen zu geben, Hintergrundinfos zu liefern und zu erreichen, dass der Laden für den sie arbeiten, möglichst gut dargestellt wird. Das ist ihr Job. Und dabei kommt es sicherlich auch vor, dass sie sich mal im Ton vergreifen. Journalisten treiben das umgekehrte Spiel und lassen sich für die entsprechenden Infos auch darauf ein, mal was ‘Nettes’ zu schreiben. Für eine gute Geschichte macht man eben Kompromisse. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass Journalisten eine Story schon fertig hatten, aber nur noch den Namen eines Politikers suchten, dem sie ihre ‘Zitate’ in den Mund legen konnten.”

2. “Verkehrte Welt: Zwischen Wahlpartys und Gelassenheit”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Alexander Krei hat sich die US-Präsidentschaftswahlnacht auf verschiedenen TV-Sendern angeschaut. Die Analysen von RTL sind ihm dabei als “wohltuender Kontrast zur Dauer-Wahlparty” auf ARD und ZDF aufgefallen.

3. “Sensationsmeldung des Focus: Christiano Ronaldo tippt auf Lionel Messi”
(hogymag.wordpress.com)
Focus.de verwechselt Cristiano Ronaldo und Ronaldo.

4. “MDR Sachsenspiegel: Shitstorm wegen Dynamo-Symbolbild”
(flurfunk-dresden.de, owy)
Nach Kritik an einer Symbol-Grafik räumt der MDR Sachsenspiegel ein, dass diese “nicht optimal ist und zu Missverständnissen führen kann”: “Wir bedauern das und werden daraus intern Konsequenzen ziehen.”

5. “Haiti ist die schlechtere Show”
(zeit.de, Alexandra Endres)
Alexandra Endres versucht zu erklären, warum auch Zeit.de kaum über die Folgen des Hurrikans Sandy für karibische Länder berichtet hat, auch wenn diese “viel, viel schlimmer” waren, “als sie für die New Yorker je sein könnten”. “Die USA sind uns näher als die Entwicklungsländer der Karibik. Wegen der nahenden Präsidentschaftswahlen war die Aufmerksamkeit der Medienhäuser ohnehin dorthin gerichtet. Und was lag näher, als die Korrespondenten in der Zwangspause, die Sandy dem Wahlkampf verschaffte, über den Sturm berichten zu lassen?” Siehe dazu auch “Zynische Nabelschau” (nzz.ch, René Grossenbacher).

6. “Immer auf die Grower”
(hanfjournal.de)

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