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“Bild” wählt Zitat des Tages vom SS-Sturmbannführer

Ausriss Bild-Zeitung - Zitat des Tages - Es ist mein Job, nie zufrieden zu sein - Wernher von Braun, deutscher Raketeningenieur (1912 - 1977)

“Deutscher Raketeningenieur” schreibt die “Bild”-Redaktion in der ganz kurzen Biografie über Wernher von Braun, der das heutige “ZITAT” des Tages auf der Titelseite des Boulevardblatts liefert. Dabei war von Braun viel mehr: Vater der Raumfahrt, in leitender Position bei der NASA, ausgestattet mit 25 Ehrendoktortiteln, großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, Goldene Medaille der Humboldt-Gesellschaft und so weiter.

So jemanden kann man zitieren.

Vorher war Wernher von Braun NSDAP-Mitglied. Er machte Karriere bei der SS, bis zum Sturmbannführer. Adolf Hitler ernannte ihn persönlich zum Professor. 1944 bekam von Braun das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern verliehen. Er forderte immer wieder KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte an, war an ihrer Ausbeutung beteiligt. Wernher von Braun war im Konzentrationslager Buchenwald und suchte dort selbst Häftlinge aus, die in der Raketenproduktion arbeiten mussten. Er sah nach eigener Aussage die “Hungergestalten”, die bei der unterirdischen Produktion in einem Stollen eingepfercht waren. Rund um den Bau von von Brauns V2-Rakete sollen nach SS-Akten 12.000 Zwangsarbeiter gestorben sein, manche Schätzungen gehen von mehr als 20.000 Toten aus. Zeitzeugen berichten, dass von Braun die Leichen bei seinen Inspektionen nicht habe übersehen können.

Will man wirklich ein Zitat dieses Mannes auf der eigenen Titelseite haben?

Denn die Frage ist doch auch: Womit war Wernher von Braun “nie zufrieden”? Mit seiner eigenen Leistung und der seiner NASA-Kollegen beim Wettlauf um die erste Mondlandung? Oder mit den sich zu Tode schuftenden Zwangsarbeitern aus den Konzentrationslagern? Sowohl als auch?

Man kann sich nicht mit der einen Seite von Wernher von Braun auf der eigenen Titelseite schmücken, ohne die andere dazuzubekommen.

Mit Dank an @paulschm und @_marc_baumann für die Hinweise!

Kachelmann-Freispruch-Verurteilung, Mafia-Buch, Veganer-Inszenierung

1. Jörg Kachelmann: Verurteilt trotz Freispruch
(Panorama, Robert Bongen & Fabienne Hurst, Video, 14:25 Minuten)
Der Fall Kachelmann ist ein großes Versagen von Justiz und Medien. Obwohl Deutschlands berühmtester und renommierter Wettermoderator unschuldig ist, verliert er seinen Job bei den Öffentlich-Rechtlichen, sein Geld, seine Reputation. Er bleibt bei vielen “verurteilt, trotz Freispruch”. “Panorama” hat den Fall aufgegriffen und in einem Filmbeitrag kritisch aufgearbeitet.
Weiterer Lesetipp: Filmautorin Fabienne Hurst auf “Zeit Online”: Unschuldig und doch verurteilt.

2. “Gehörn S’ jetzt zua Mafia oda ned?”
(taz.de, Lisa Ecke)
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat entschieden: In Petra Reskis Mafia-Buch müssen Teile geschwärzt werden. Der EGMR gab einem italienischen Gastronomen recht, der sein Persönlichkeitsrecht verletzt sah, weil er darin mit der organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht wurde. Die “taz” hat mit der Autorin über die Auswirkungen des Urteils gesprochen: “Dieser widersinnige Umgang mit Verdachtsberichterstattung betrifft allerdings nicht nur mich, sondern praktisch jeden, der auf die unglückselige Idee kommt, über die Mafia in Deutschland zu berichten.”

3. Preisverfall in der Bildbranche – Die Untergrenze der Angemessenheit?
(message-online.com, Chantal Alexandra Pilsl)
Laut Marktbeobachtungen des “Bundesverbands professioneller Bildanbieter” geht es mit den Bildhonoraren beständig abwärts. Chantal Alexandra Pilsl hat sich in der Branche umgehört, wie sich der Preisverfall auf Agenturen und Fotografen auswirkt und ob die Abwärtsspirale aufzuhalten ist. In mehrfacher Hinsicht lesenswert, denn es geht dabei auch um konkrete Zahlen.

4. Das Sexismus-Problem des “Spiegel”
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
In seiner “Medienmacher”-Kolumne kritisiert Kai-Hinrich Renner den “Spiegel”. Das Nachrichtenmagazin thematisiere “Macht und Missbrauch”, eiere aber herum, wenn es um Übergriffe im eigenen Haus geht. Im Zuge des Weinstein-Skandals seien sexuelle Übergriffe und Sexismus in dieser Woche Titelthema beim “Spiegel”. Die Geschichte des eigenen Hauses hätte man jedoch schamhaft verschwiegen. Renner bezieht sich auch auf die Erinnerungen von Irma Nelles in ihrem Buch “Der Herausgeber” über Rudolf Augstein, in dem sie von Übergriffen des Magazingründers berichtet hatte.

5. Zeitung will Journalisten mit Waffen ausstatten
(spiegel.de)
Gleichzeitig erschütternde und traurige Nachrichten aus Russland: Die russische Oppositionszeitung “Nowaja Gaseta” sieht keinen anderen Weg, als in Zukunft ihre Mitarbeiter mit Waffen auszustatten. “Wenn der Staat nicht bereit ist, uns zu verteidigen, werden wir uns selbst verteidigen”, sagt der stellvertretende Chefredakteur Sergej Sokolow. Hintergrund ist die gestiegene Angst vor Attacken auf Journalisten im Land wie der jüngste Anschlag auf eine Journalistin des kremlkritischen Radiosenders “Echo Moskwy”.

6. Attila Hildmanns öffentliches Burger-Essen war das absurdeste Werbe-Event des Jahres
(vice.com, Tim Geyer)
Wie ein “BDSM-Sklave, der seiner Herrin auf der Venus den Absatz leckt” fühlte sich Tim Geyer bei einem Presse-Event der etwas anderen Art: Attila Hildmann hatte in seinen veganen Imbiss geladen und etwa 30 Journalisten waren dieser Einladung gefolgt. Als Besucher der Veranstaltung wird der Reporter automatisch Teil der Dramaturgie. Burger werden an die Pressemeute verteilt und alle scheinen sich gegenseitig abzulichten: “Als ich reinbeiße, werde ich von ungefähr zehn Kameras auf Facebook gestreamt. Eine RTL-Journalistin hält mir ihr Mikrofon ins Mampfgesicht und fragt, wie es schmeckt, fast so, als interessiere sie das wirklich.”

Redaktionen springen über Alice Weidels AfD-Stöckchen

Alice Weidel hat also vorzeitig ein TV-Studio verlassen. Die Spitzenkandidatin der AfD bei der anstehenden Bundestagswahl ist gestern Abend in der knapp 100 Minuten dauernden ZDF-Talkrunde “Wie geht’s, Deutschland?” bereits nach 65 Minuten gegangen. Heute gibt es fast keine Redaktion, die nicht bei diesem kalkulierten Eklat mitmacht.

Anders als bei CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, der vor knapp zwei Monaten die Talk-Runde von Sandra Maischberger — ob nun zu Recht oder zu Unrecht — ehrlich empört verlassen hatte, wirkt Weidels Abgang recht gelassen. Die AfD-Politikerin warf CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer noch vor, dass dessen Partei illegale Einwanderung legalisieren wolle, lächelte dabei, dann packte sie auch schon ihre Unterlagen und ging.

Im Verlauf der Sendung gab es mitunter zwar hitzige Debatten, aber keine Situation, die zwangsläufig zum Verlassen des Studios führen musste. Es scheint so, als wollte Alice Weidel unbedingt gehen, egal wann, Hauptsache gehen, vielleicht auch, weil sie und ihre Partei gesehen haben, wie groß das Medienecho nach Bosbachs Aktion war. Über Weidels Aussagen in der ZDF-Sendung hätte heute wohl kaum eine Redaktion ausführlich berichtet. Über den “Eklat im TV” berichten so gut wie alle:

Screenshot Spiegel Online - AfD-Spitzenkandidatin - Weidel verlässt ZDF-Sendung vorzeitig
(“Spiegel Online”)

Screenshot Zeit Online - AfD - Alice Weidel verlässt ZDF-Sendung
(“Zeit Online”)

Screenshot Süddeutsche.de - Bundestagswahl - AfD-Spitzenkandidatin Weidel verlässt ZDF-Talk
(Sueddeutsche.de)

Screenshot FAZ.net - Diskussionsrunde zur Wahl - AfD-Kandidatin Weidel verlässt ZDF-Sendung vorzeitig
(FAZ.net)

Ausriss Bild-Zeitung - Eklat im TV - AfD-Weidel verlässt ZDF-Talk
(“Bild”)

Screenshot Bild.de - Eklat beim ZDF - AfD-Weidel verlässt die ZDF-Sendung
(Bild.de)

Screenshot RP Online - AfD-Spitzenkandidatin verlässt Studio - Alice Weidel sorgt bei ZDF-Wahlsendung für Eklat
(“RP Online”)

Screenshot MDR.de - Eklat im TV - AfD-Spitzenkandidatin verlässt Wahlsendung
(MDR.de)

Screenshot Tagesspiegel.de - AfD-Spitzenkandidatin - Weidel verlässt nach Streit ZDF-Talksendung vorzeitig
(Tagesspiegel.de)

Screenshot Welt.de - AfD-Spitzenkandidatin - Alice Weidel verlässt vorzeitig ZDF-Live-Sendung
(Welt.de)

Screenshot BZ - Wie geht's Deutschland? AfD-Spitzenfrau Alice Weidel verlässt ZDF-Sendung
(bz-berlin.de)

Screenshot ruhrnachrichten.de - Eklat: AfD-Spitzenkandidatin verlässt ZDF-Sendung
(ruhrnachrichte.de)

Screenshot saarbruecker-zeitung.de - AfD-Kandidatin Weidel verlässt ZDF-Wahlsendung vorzeitig
(saarbruecker-zeitung.de)

Screenshot nrz.de - Talkshow - AfD-Spitzenkandidatin Weidel stürmt aus Talkshow im ZDF
(nrz.de)

Man könnte diese Liste noch sehr lange fortführen.

Bunte.de schreibt heute:

Screenshot Bunte.de - TV-Eklat: Über diesen Abgang spricht ganz Deutschland

Genau das ist das Kalkül der AfD: Die Schlagzeilen bringen ihr 18 Tage vor der Wahl eine Aufmerksamkeit, die sie sonst nie bekommen würde. Schon in einem Strategiepapier für den Wahlkampf schrieb die Partei, dass sie “vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken” wolle, negative Reaktionen seien dabei “ganz bewusst” einkalkuliert. Ein gut inszenierter “Eklat im TV” ist sicher eine solche “Provokation”. Bei der anschließenden PR-Arbeit machen die Redaktionen, die unreflektiert jede AfD-Kleinigkeit in eine Überschrift packen, immer wieder freiwillig mit.

Immerhin grübeln manche Medien inzwischen, ob Alice Weidel das nicht doch alles geplant habe. Die kostenlose Wahlwerbung für die AfD haben sie aber längst unters Volk gebracht.

Ist Donald Trump zu weit gegangen?

Vielleicht erinnern sich einige noch, wie das damals als Kind war. Fahrt in den Sommerurlaub. Das Auto vollgepackt. Man selbst auf der Rückbank. Und so nach ein, zwei Stündchen hatte man zum ersten Mal das Gefühl, dass man die Erde langsam wohl umrundet haben müsste. Also fragte man, wann man denn nun endlich da sei, hörte, dass es doch noch eine Weile dauern werde. Und wenn sich das Gefühl ein paar Minuten später wieder einstellte, fragte man eben noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

So konnten Stunden vergehen, und ich habe ein bisschen das Gefühl, dass es den Journalisten mit Donald Trump ganz ähnlich geht. Nur da hält das mit der Fragerei jetzt schon seit zwei Jahren an.

Im August 2015 stellte die damalige “Fox News”-Moderatorin Megyn Kelly Donald Trump in einer Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten eine Frage zu dessen frauenfeindlichen Tweets. Trump fand das unfair. Er bezeichnete die Moderatorin, natürlich via Twitter, als “Bimbo”. Später legte er in einem CNN-Interview noch einmal nach. Eine Entschuldigung lehnte er ab.

Es war eine der ersten Gelegenheiten im Präsidentschaftswahlkampf, bei der man diese Frage las:

Screenshot Stuttgarter Nachrichten - Die Frage lautet: Ist Trump zu weit gegangen?

Zwei Monate später sagte Donald Trump in einem Interview einen Satz, der klang, als gebe er indirekt George W. Bush die Schuld daran, dass die Anschläge vom 11. September 2001 stattfinden konnten. Das Blog “US-Wahl 2016” fragte:

Screenshot US-Wahl 2016 - Ist Donald Trump diesmal zu weit gegangen? Donald Trump mit unsinnigem Seitenhieb auf George W. Bush

Zehn Monate später griff Donald Trump die Eltern eines muslimischen US-Soldaten an, der im zweiten Irak-Krieg gefallen war. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” sah den nächsten Tabubruch und schrieb:

Screenshot faz.net - Veteranen-Eltern geschmäht - Ist Trump dieses Mal zu weit gegangen?

Der “Tagesspiegel” war sich sicher:

Screenshot tagesspiegel.de - Fall Khan und Nähe zu Putin - Donald Trump ist zu weit gegangen

Ungefähr zur gleichen Zeit ließ Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt ein schreiendes Kind aus dem Saal tragen und verspottete die Mutter, nachdem er zunächst gesagt hatte: “Ich liebe Babys.” Der österreichische “Kurier” titelte: “Trump liefert bizarren Auftritt mit weinendem Baby”. Unter dem Artikel stand die Frage:

Screenshot Kuriere.at - Ist Donald Trump diesmal zu weit gegangen?

Doch dann kamen die Wahlen. Trump gewann und kündigte einen Einreisestopp für Muslime an. Eine Ungeheuerlichkeit, fanden viele. Da lag natürlich eine Frage nahe:

Tweet von Top News - Einreisestopp für Muslime in den USA: Ist Trump zu weit gegangen?

Und Trump ging noch weiter. Als ein Richter seine Pläne stoppte, verhöhnte er das Gericht. Der “Stern” hatte einen Verdacht:

Facebook-Post des Stern - Ist Donald Trump vielleicht doch zu weit gegangen? Trumps Supreme-Court-Kandidat reagiert erstmals auf die Justiz-Anfeindungen

Aber langsam schien sich tatsächlich etwas zu tun. Die Kritik kam inzwischen auch von Trump nahestehenden Personen:

Screenshot stern.de - Noch mehr Kritik vom Lieblingssender - Fox-Moderator rebelliert: Trump ist zu weit gegangen

Es blieb aber erneut alles folgenlos — bis Donald Trump überraschend FBI-Chef James Comey rauswarf und die Journalisten rätselten:

Screenshot General-Anzeiger - Ist er mit der Entlassung des FBI-Chefs zu weit gegangen? US-Präsident Donald Trump im Oval Office in Washington.

Doch wieder nichts. Die Mutmaßungen begannen vom Neuen:

Screenshot sueddeutsche.de - Beim nächsten Treffen könnte Trump zu weit gegangen sein

Und wenn ein Gedanke sich erst einmal verfestigt hat — wir kennen das –, taucht er plötzlich in allen möglichen Zusammenhängen auf:

Facebook-Post von N24 - Ist Donald Trump zu weit gegangen? Die SPD will ein Problem lösen - Nachrichten um 12:00 Uhr

Mittlerweile drohte auch der Konflikt mit Nordkorea zu eskalieren. Die ganze Welt machte sich Sorgen. In diesem Fall waren aber ausnahmsweise nicht alle der gleichen Meinung:

Screenshot kleinezeitung.at - Nordkorea - Kim Jong-un ist diesmal zu weit gegangen

Zwischendurch blieb es ein paar Tage ruhig. Es passierte nichts, was die Frage erneut hätte aufwerfen können — bis in Charlottesville eine Horde Rechtsradikaler durch die Stadt marschierte, eine Frau umgebracht wurde, und die Menschen in den USA von ihrem Präsidenten eine Stellungnahme erwarteten.

Donald Trump ließ sich dafür sehr viel Zeit. Als er sich schließlich äußerte, schien die Frage endlich ein für allemal beantwortet zu sein. Aber ganz sicher waren sich die Journalisten doch nicht.

Der “Bayerische Rundfunk” fragte vorsichtig:

Screenshot br.de - Kein klares Nein zu Rechtsradikalen - Ist Trump jetzt zu weit gegangen?

Das wollte auch NDR.de gerne wissen:

Screenshot ndr.de - Charlottesville: Ist Trump zu weit gegangen?

Und als dann noch der CIA-Chef seinem Unmut Luft machte, hielt man es auch bei RTL.de für möglich, dass Donald Trump hier die allerletzte rote Linie überschritten haben könnte:

Screenshot RTL.de - Ist Donald Trump jetzt zu weit gegangen?

Hatte er dann aber doch nicht. Wieder ging alles weiter wie bisher. Vor wenigen Tagen passierte allerdings etwas Ungewöhnliches. Donald Trump trat in Arizona auf. Und bei seiner Kundgebung erwähnte er in wenigen Worten auch seine Kritiker. Es ging um das, was er im Konflikt mit Nordkorea gesagt hatte. Und wenn man seinen Kommentar liest, ahnt man schon, wie es mit den Fragen der Journalisten in den nächsten Wochen weitergeht:

Screenshot Welt.de - Einige sagen, ich bin zu weit gegangen, sagte Trump am Dienstagabend (Ortszeit) vor tausenden Anhängern in Phoenix im Bundesstaat Arizona. Es war nicht stark genug, sagte Trump.

Gratis-“Titanic” gegen Gratis-“Bild” reloaded

Morgen könnte, wir berichteten bereits gestern darüber, in Ihrem Briefkasten eine Gratis-“Bild” stecken. Bisher hatten sie dann vier Möglichkeiten bei Ihrem weiteren Vorgehen:

  • alles völlig egal finden
  • den Briefkasten nie wieder leeren
  • genüsslich die “Bild”-Zeitung lesen

Dank der Partei “Die PARTEI” gibt es seit heute aber noch eine fünfte Möglichkeit: Sie können Ihre Gratis-“Bild” gegen eine Gratis-“Titanic” tauschen. Zumindest, wenn Sie morgen zwischen 13 und 18 Uhr in Hannover sind (weitere Orte siehe “Nachtrag” weiter unten).

In einer Pressemitteilung von heute unterbreitet “Die PARTEI Hannover” folgenden Vorschlag, was Sie morgen mit Ihrem Gratis-“Bild”-Exemplar anfangen könnten:

Der Axel-Springer-Verlag wird am morgigen Donnerstag, den 22.06.2017, erneut an alle Haushalte in der BRD ungefragt eine Bildzeitung zustellen. Doch was tun mit einem Geschenk, das doch eigentlich keiner will? (…)

Eine wünschenswerte Heizstoffspende nach Syrien oder Irak kommt aus logistischen Gründen nicht in Frage, so dass sich Die PARTEI Hannover mit Hilfe ihres exklusiven Sponsors, dem Titanic-Magazin, eine praktikable Lösung des Papierproblems erdacht hat und der Bevölkerung folgendes großzügige Angebot unterbreitet:

Die PARTEI Hannover wird am morgigen Donnerstag, den 22.06.2017 (direkt am Kröpcke, zwischen 13.00 – 18.00h) jede* (in Versalien: JEDE*) “Gratisbild” gegen eine Ausgabe des Faktenmagazins der Marke “TITANIC” umtauschen. Ohne Wenn und Aber!*

* Solange der Vorrat reicht! Danach werden bereits eingenommene Gratis-BILD-Zeitungen gegen Gratis-BILD-Zeitungen getauscht. Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen, max. 3 pro Person!

Also, an alle Hannoveranerinnen und Hannoveraner: Morgen tagsüber ab zum Kröpcke und sich endlich mal ein ordentliches journalistisches Produkt sichern.

Und ja: Dieses Angebot ist ernst gemeint, wie uns auf Nachfrage bestätigt wurde. Vor knapp drei Jahren gab es schon einmal eine große, erfolgreiche “Bild”-gegen-“Titanic”-Tauschaktion.

Nachtrag: An folgenden Orten können Sie am Donnerstag, 22. Juni, ebenfalls die Gratis-“Bild” gegen eine Gartis-“Titanic” eintauschen:

  • Göttingen: 13:15 bis 16:45 Uhr, Reinhäuser Landstr. 4, Raum 232 P² Fraktion

Böse Übersetzung

Fangen wir mit drei Binsenweisheiten an: 1) US-Präsident Donald Trump spricht Englisch. 2) Deutsche Medien berichten in der Regel auf Deutsch. 3) Wenn deutsche Medien über eine Aussage von Donald Trump berichten wollen, müssen sie diese Aussage vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Und da liegt das Problem.

Aktuell macht das Trump-Zitat “Die Deutschen sind böse, sehr böse” die ganz große Medien-Runde:








“Spiegel Online” hatte gestern zuerst über Trumps Deutschland-Schelte berichtet. Die Aussage stammt aus einem nicht-öffentlichen Treffen des US-Präsidenten mit Vertretern der EU in Brüssel. “Spiegel Online” schreibt:

US-Präsident Donald Trump hat sich bei seinem Treffen mit der EU-Spitze in Brüssel heftig über den deutschen Handelsbilanzüberschuss beklagt. “The Germans are bad, very bad”, sagte Trump. Dies erfuhr der SPIEGEL von Teilnehmern des Treffens.

Nun kann das englische Wort “bad” vieles bedeuten: schlecht (so beispielsweise von süddeutsche.de übersetzt), schlimm, schwierig, schädlich, mangelhaft und auch ungezogen oder böse. Dass Trump mit “The Germans are bad, very bad” sagen will, dass “die Deutschen” “böse, sehr böse” seien, ist nicht so eindeutig, wie die Titelzeile bei “Spiegel Online” es darstellt. Hätte er “The Germans are evil, very evil” gesagt, wäre es etwas anderes.

Apropos “evil”: Die Nachricht, die “Spiegel Online” gestern Abend exklusiv veröffentlichte, griffen auch englischsprachige Medien auf. Bei der Rückübersetzung vom Deutschen ins Englische machten sie mitunter aus “Die Deutschen sind böse, sehr böse” interessanterweise “The Germans are evil, very evil”:



EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der beim Treffen mit Donald Trump dabei war, hat die Worte des US-Präsidenten inzwischen bestätigt. Juncker sagt allerdings auch:

Ich bin kein Spezialist im Englischen, wie man weiß, aber: “Bad” heißt nicht böse, schlecht reicht.

Mit Dank an Jolf B. für den Hinweis!

Julian Reichelt vergisst den Anschlag von Anders Breivik

Wenn “Bild”-Oberchef Julian Reichelt twittert, wird es häufig unsachlich oder aufbrausend oder beides. Manchmal ist es aber auch einfach faktisch falsch, was er schreibt. Zum Beispiel dieser Tweet von ihm von heute zum gestrigen Anschlag in Manchester:

Tweet von Julian Reichelt - Die (wieder mal) neue Qualität des Terrors von Manchester: Es ist der erste Anschlag in Europa, der sich gezielt gegen Kinder richtet.

Abgesehen von dem Versuch, diesem Attentat etwas Neues, Exklusives zu verleihen: Es stimmt schlicht nicht. Am 22. Juli 2011 fuhr der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik gezielt auf die Insel Utøya, um dort, wo ein Sommercamp mit vielen Jugendlichen stattfand, Menschen zu töten. Auf Utøya starben 32 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren.

Vielleicht sieht Julian Reichelt Anders Breivik nicht als Terrorist, sondern als Verwirrten oder rechten Spinner. Oder er bezog sich in seiner Aussage nur auf islamistischen Terror, ohne es zu schreiben. Aber selbst dann ist seine Behauptung nicht richtig: Am 19. März 2012 fuhr Mohamed Merah, der sich selbst als “Gotteskrieger” bezeichnete, zu einer jüdischen Schule in Toulouse und tötete dort unter anderem drei Kinder.

Der Anschlag gestern nach dem Konzert von Ariana Grande in Manchester bleibt eine abscheuliche, grausame Tat, natürlich auch, wenn es nicht “der erste Anschlag in Europa” ist, “der sich gezielt gegen Kinder richtet.” Und sicher gibt es nach einem derartigen Attentat wichtigere Themen als einen falschen Tweet von Julian Reichelt. Es handelt sich bei ihm aber nun mal um diejenige Person, die beim größten deutschen Online-Nachrichtenportal die Richtung vorgibt und auch bei Deutschlands größter Tageszeitung einiges zu sagen hat. Und das macht das Vergessen von Anders Breivik und Mohamed Merah dann doch erwähnenswert.

Mit Dank an @fiiinix und Ralf H. für die Hinweise!

Deniz-Yücel-Brief, Olaf Utan, “Deppenleerzeichen”

1. „Alles, was ich verlange, ist ein fairer Prozess“
(welt.de, Deniz Yücel)
Der “Welt”-Korrespondent Deniz Yücel sitzt in der Türkei seit vielen Wochen in Einzelhaft. Die Tatvorwürfe sind in höchstem Maße zweifelhaft. Der türkische Präsident Erdogan redet von Spionage und Terrorismus. Nun meldet sich Yücel mit einem Brief, den er seinen Anwälten bei einem Besuchstermin diktiert hat. Er wolle keineswegs “ausgeliefert” werden, sondern verlange einen fairen Prozess.

2. Auch AfD-Anhänger liken “Mainstream-Medien”
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Bislang ist wenig bekannt darüber, wie es zur politischen Willensbildung in sozialen Netzwerken kommt beziehungsweise wie dort Politik gemacht wird. Über Monate hat die “SZ” in einer großen Datenrecherche Facebooklikes gesammelt und ausgewertet. Simon Hurtz hat sich das Datenmaterial angeschaut. Welche Medien sind in den politischen Lagern besonders beliebt? Und worüber wird parteiübergreifend am meisten gelacht?

3. Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik
(sprachlog.de, Kristin Kopf)
Die Sprachwissenschaftlerin Kristin Kopf hatte kürzlich ein Gespräch mit einem dpa-Journalisten. Es ging um Leerzeichen und Bindestriche in Komposita und Schreibweisen, die bei Lesern und Leserinnen immer wieder zu heftigen Reaktionen führen (z.B.: Johannes Gutenberg-Universität, dpa-Kindernachrichten, Würfel Zucker). Nun ist der Artikel erschienen und Kristin Kopf ist vom Ergebnis genervt. Sie erklärt warum und macht uns alle nebenbei ein klein wenig schlauer, was Sprache und Hochmut anbelangt.

4. “Das erspart mir Drohbriefe” – Der Mann hinter Böhmermanns Songs im Interview
(noisey.vice.com, Linus Volkmann)
Jan Böhmermann präsentiert in seiner Sendung “Neo Magazin Royale” gelegentlich Songs aus eigener Herstellung. Maßgeblichen Anteil an diversen bekannten Stücken aus der Show hat der Tonmeister der Sendung. Linus Volkmann hat sich mit dem Mann unterhalten, der sich speziell für Böhmermanns letzten Charterfolg das Pseudonym “Olaf Utan” zugelegt hat.

5. Die AfD und die öffentlich-rechtlichen Medien: „Lassen Sie uns doch mal vernünftig miteinander reden“
(boell.de, Audio, 23:40 Minuten)
Im Podcast der Böll-Stiftung ging es um die Frage, wie die öffentlich-rechtlichen Medien mit der AfD umgehen und wie sie mit ihr umgehen sollten. Im Interview spricht der Rechtsextremismus-Experte David Begrich vom Verein “Miteinander” über die anfängliche “Dauerrepräsentanz des Ressentiments” im Fernsehen, über das paradoxe Verhältnis der Partei zu den Medien, Alternativen zur Talkshow – und über die Unfähigkeit von Politikern, dem vorgeblich “gesunden Menschenverstand“ der AfD eine eigene Sprache entgegenzusetzen.

6. Elefanten, Handcreme und der Papst: Hier arbeitet die „Bunte“-Vizechefin
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz & Mats Schönauer)
Am Landgericht Hamburg steht das Urteil im Prozess Michael Schumacher gegen die „Bunte“ an. Gegenstand des Streits ist eine Geschichte aus der Feder der stellvertretenden Chefredakteurin Tanja May. Wer ist diese Frau und hat sie vielleicht ein süßes Geheimnis? Zum Glück gibt es ein Foto, das Rückschlüsse erlaubt. Rückschlüsse, die mindestens so ernst zu nehmen sind wie die Berichterstattung der “Bunten”.

Von Bild.de lernen, heißt auf Satire reinfallen lernen

Als am vergangenen Samstag der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim in Oberhausen auftrat, und viele Türken in die dortige Arena zum Zujubeln kamen, boten sich für Bild.de ein paar tolle Motive, die man bestens für einen Artikel verwenden konnte. Dieses hier zum Beispiel:

Das Foto vom Fähnchen fanden sie bei Bild.de wohl so gut, dass sie es gleich noch mal verwendet haben, für einen Zusammenschnitt des Talkformats “Die richtigen Fragen” zum Yildirim-Auftritt. Im Vorschaubild des Videos ist wieder der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu sehen und dazu die “klare Botschaft” “Von Erdogan lernen heißt siegen lernen.”:

Wir haben auch eine richtige Frage, liebes Bild.de-Team: Habt Ihr morgen Abend um 22:50 Uhr schon was vor? Wenn nicht: Schaut doch mal in die “NDR”-Satiresendung “extra 3” rein.

Da wird es zum Beispiel das Thema “Von Erdogan lernen, heißt siegen lernen” geben, präsentiert von Tobi Schlegl, der am vergangenen Samstag offenbar in Oberhausen war:

Seht Ihr, liebe Bild.de-Bildexperten, auf dem getwitterten Foto auch die kleine Fahne, die da noch halb zu erkennen ist? Kommt uns irgendwie bekannt vor.

Mit Dank an @Polles1895 für den Hinweis!

WAZ, waz.de  

Den bot zum Gärtner machen

Wirklich sicher sind wir auch nicht, was Donald Trump meinte, als er gestern in einer Rede im US-Bundesstaat Florida sagte: “You look at what happened last night in Sweden”. Mit irgendeinem Vorfall in Schweden wollte Trump seinen Zuhörern klarmachen, wie wichtig seine verschärften Einwanderungsgesetze seien, und wie schnell unkontrollierte Einwanderung zu Terroranschlägen führen könne. Nur: In Schweden ist “last night” nichts Dramatisches passiert, das im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik des Landes steht.

Es gibt die Vermutung, dass der US-Präsident Schweden mit dem pakistanischen Sehwan verwechselt haben könnte, wo es tatsächlich gerade erst einen Selbstmordanschlag mit vielen Toten gab.

Wir haben aber noch eine andere Theorie, wie Donald Trump auf die Schreckensmeldung aus Schweden gekommen sein könnte: Zwischen zwei Hasstiraden gegen die US-Medien hat er sich einmal durch Twitter geklickt und ist auf den Account der “WAZ” gestoßen.

Dort steht seit gestern morgen:

Und auch wenn man dem Link folgt und nur die Überschrift des Artikels liest, denkt man noch, es sei in irgendeinem schwedischen Supermarkt etwas Schlimmes passiert:

Wir können Sie aber beruhigen: Es gab kein “Geiseldrama im schwedischen Supermarkt”, also nicht in echt. Samstagabend lief im “ZDF” bloß ein neuer Krimi mit Walter Sittler. Der spielt in Schweden. Und in der Folge von gestern gab es auch eine Geiselnahme im Supermarkt. Das ist alles.

Was erstmal nach ganz dämlichem Clickbaiting aussieht, dürfte an der Automatisierung der “WAZ”-Twitterei liegen. Denn die Redaktion aus Essen schreibt ihre Tweets in der Regel nicht selbst — ein Auto-Twitterer (“(bot)”) übernimmt die Arbeit. Und der greift sich immer nur die Überschrift eines Artikels und schickt diese dann samt Link an die 213.000 Follower.

So wirkt ein Filmplot dann schnell wie eine ernste Nachricht. Und landet in einer Rede von Donald Trump. Oder auch nicht.

Mit Dank an @Amoebication für den Hinweis!

Nachtrag, 20. Februar: Vielleicht lagen wir mit unserer “WAZ”-Twitter-Theorie doch daneben. Donald Trump hat sich inzwischen dazu geäußert, was er mit “You look at what happened last night in Sweden” meinte — er schreibt, er habe sich dabei auf eine Sendung von “Fox News” bezogen.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

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