Archiv für Dezember, 2018

„BILD checkte die Fakten“ und wirft sie dann durcheinander

Bei zwei Gruppen bringen die „Bild“-Medien besonders gern falsche Zahlen in Umlauf oder reißen richtige Zahlen aus dem Zusammenhang: bei Geflüchteten/Asylbewerbern und bei Hartz-IV-Empfängern. Daher sollte man bei so einem Artikel — heute erschienen auf der „Bild“-Titelseite — doppelt misstrauisch sein:

Ausriss Bild-Titelseite - Zwei von drei Flüchtlingen leben von Hartz IV

„Bild“ schreibt:

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hat die Integration der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt gelobt. „Ich bin selbst überrascht, dass das so schnell geht“, sagte Kramer der „Augsburger Allgemeinen“. BILD checkte die Fakten. So steht es um Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt:

► Von 1,6 Mio. Migranten aus den Haupt-Fluchtländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) sind aktuell 360 000 beschäftigt (Sept. 2018). Das sind 41 % mehr als vor einem Jahr!

► Aber: Zwei von drei Migranten aus den Flüchtlingsländern (63,7 %) beziehen Hartz IV.

Die Verbindung aus „So steht es um Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt“ und „Zwei von drei Migranten aus den Flüchtlingsländern (…) beziehen Hartz IV“ ist mindestens irreführend: Es stimmt zwar, dass 63,7 Prozent dieser Personengruppe Hartz IV bezieht (womit auch die Überschrift auf der „Bild“-Titelseite, für sich genommen, richtig ist) — allerdings sind dort auch Kleinkinder und Greise eingerechnet, die noch nicht oder nicht mehr arbeiten können. Die Zahl bezieht sich also auf alle „Migranten aus den Flüchtlingsländern“, egal wie alt.

Nimmt man hingegen, wie die Bundesagentur für Arbeit es macht (Excel-Tabelle, siehe Tabelle „T-Quoten“, Spalte „Arbeitslosenquote mit eingeschränkter Bezugsgröße“), nur die 15- bis 65-Jährigen, ergibt sich eine Arbeitslosenquote von 36 Prozent im September 2018 (zum Vergleich: im September 2017 lag sie noch bei 44,8 Prozent). Das ist immer noch deutlich höher als der Durchschnitt in Deutschland, aber eben auch deutlich niedriger als die 63,7 Prozent.

Im Artikel bei Bild.de war interessanterweise Platz für die Arbeitslosenquote der 15- bis 65-Jährigen. Auf der Bild.de-Startseite allerdings hat die Redaktion Erwerbsfähige und Gesamtbevölkerung wieder durch­ei­n­an­der­gewor­fen:

Screenshot Bild.de - So ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt wirklich - Zwei von drei Flüchtlingen leben von Hartz IV

Dazu auch:

Katsching! Ein Mensch ist tot

Eine Stadt in Trauer. Ein Verein unter Schock. Eine Familie in Fassungslosigkeit.

Das schreiben „Bild“ und Bild.de zum Tod von Herbert Gentner, der am frühen Samstagabend, kurz nach Abpfiff der Bundesligapartie zwischen dem VfB Stuttgart und Hertha BSC, noch im Stadion starb. Herbert Gentner war der Vater von VfB-Kapitän Christian Gentner.

„Eine Familie in Fassungslosigkeit“, analysiert die „Bild“-Redaktion also. Sie will das eigene Handeln aber ganz offensichtlich nicht anpassen und die Familie Gentner nicht in Ruhe trauern, etwas Fassung zurückgewinnen lassen. Stattdessen will sie Klicks abgreifen, Abos verkaufen und Auflage machen. Sie will Geld verdienen mit dem Tod eines Menschen. Denn seit Samstag feuern die „Bild“-Medien wie am Fließband Artikel zu dem Thema raus. Eine Auswahl.

Bild.de berichtete — wie andere Medien auch — recht schnell über den tragischen Vorfall im Stadion des VfB Stuttgart. Noch am späten Samstagabend folgte diese Schlagzeile:

Screenshot Bild.de - Hier ahnt der VfB-Kapitän nicht nichts vom Todes-Drama - Während Gentner ein Interview gibt, bricht sein Vater im Stadion zusammen

„Bild am Sonntag“ hatte das Thema auf der Titelseite und groß im Blatt:

Ausriss Bild am Sonntag - Drama in der Bundesliga! Vater von VfB-Kapitän stirbt im Stadion

Im Laufe des Sonntags legte Bild.de nach. Die Redaktion begann mit ihren Spekulationen zur Todesursache:

Screenshot Bild.de - Die wichtigsten Fragen zum Todes-Drama - Woran starb Gentners Vater?

Die Antwort auf den Klickköder hat das Bild.de-Team hinter die Bezahlschranke gepackt.

Gestern am Abend die nächste „Bild plus“-Story:

Screenshot Bild.de - Drama um Vater von VfB-Star Gentner - Der Tod kam 45 Minuten nach dem Siegtor
(Unkenntlichmachung durch uns. Der Krankenwagen ist laut „Bild“-Redaktion leer.)

Heute macht dann auch die „Bild“-Zeitung mit. Der Tod von Herbert Gentner, die angebliche Todesursache und der Ablauf am frühen Samstagabend im Stadion sind die große Titelgeschichte:

Ausriss Bild-Titelseite - Sekunden-Tod im Stadion nach 2:1-Sieg - So starb der Vater des Stuttgart-Kapitäns

Im Blatt fast eine komplette Seite:

Ausriss Bild-Zeitung - Vater von VfB-Star Gentner starb im Stadion - Der Tod kam 45 Minuten nach dem Siegtor

Zitate im Text belegen, dass die „Bild“-Schnüffeleien im privaten Umfeld von Herbert Gentner bereits begonnen haben; „Bild“-Reporter haben sich schon mit dem zweiten Vorsitzenden des örtlichen Fußballvereins unterhalten und „Vertraute“ des Verstorbenen aufgetrieben.

„Bild“ schreibt, dass „Bild“ „DIE WICHTIGSTEN FRAGEN“ beantworte. Die entscheidende haben sich die „Bild“-Mitarbeiter aber offenbar nicht gestellt: „Was zur Hölle machen wir hier eigentlich?“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Missbrauchs-Nachrichtensperre, Gemein(de)schreiber, Lügen-Charts

1. Ein Urteil, über das (fast) niemand spricht
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Dem Kurienkardinal George Pell (77) wird in Australien Missbrauch Minderjähriger vorgeworfen. Dass man wenig über den Fall erfährt, liegt an der von der australischen Justiz verhängten weltweiten Nachrichtensperre. Marco Bertolaso erklärt, warum sich der „Deutschlandfunk“ nicht an diese Nachrichtensperre halte: „Das Thema ist weltweit bedeutsam. Es ist bedeutsam für die deutsche Gesellschaft. Der Missbrauch durch Priester und die langen Jahre der Vertuschung haben auch unser Land erschüttert. Auch in Deutschland sind viele Menschen Opfer geworden. Und auch bei uns wird über die Rolle der Kirche diskutiert. Dabei geht es nicht zuletzt um den Vatikan und seine hohen Vertreter wie Kardinal Pell. Die Relevanz des Themas steht also außer Frage.“

2. Stimmverlust
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der amerikanische „Weekly Standard“ gehörte zu den wenigen konservativen Medien, die Kritik am US-Präsidenten übten. Weil dem Geldgeber die Blattlinie nicht passte, muss die Zeitschrift nun dichtmachen. Die Blattmacher suchen jetzt finanzielle Unterstützung für ein Nachfolgeprojekt. Ob dieses Projekt je wieder an den Einfluss des „Weekly Standard“ herankommt, sei jedoch fraglich.

3. Boswiler Gemeindeschreiber: Medien-Richter kennen keine Gnade
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der Gemeindeschreiber des Schweizer Dorfs Boswil hat auf Facebook allerlei hässliche Botschaften hinterlassen. Dies griff die Schweizer Boulevard-Tageszeitung „Blick“ in ihrer Berichterstattung auf. Was danach geschah, erzählt und bewertet Rainer Stadler in seiner „NZZ“-Kolumne.

4. „Richtig Stimmung machen“
(taz.de, Aron Boks)
Beim „Adbusting“ werden bekannte Markennamen und Logos gekapert und in Fake-Plakate eingearbeitet. Bekanntes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Das gefakte Werbeplakat, auf dem sich Coca-Cola vorgeblich gegen die AfD positionierte. Die „taz“ hat sich anlässlich des konkreten Falls mit einem PR-Berater über Marketingstrategien von großen Konsummarken unterhalten.

5. Das sind 8 der erfolgreichsten Falschmeldungen auf Facebook 2018
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
„BuzzFeed News“ hat recherchiert, welche Falschmeldungen 2018 auf Facebook besonders erfolgreich waren. Erschreckend: Acht der erfolgreichsten Falschmeldungen hätten mehr Facebook-Interaktionen bewirkt als fast alle Artikel der größten Nachrichtenseiten in Deutschland. Wichtigste Verbreiter dieser Falschnachrichten seien die AfD und die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach gewesen.

6. Volks-Rock’n‘-Proll
(spiegel.de)
Der heimatverliebte Volkstümler und Schlagersänger mit Schlagseite Andreas Gabalier überzog auf seinem Abschlusskonzert die als linksliberal geltenden Zeitungen „Standard“ und „Falter“ mit allerlei Schmähungen. Er glaube, dass Redakteure der — seiner Ansicht nach traditionsfeindlichen — Blätter „undercover in der Halle“ seien, um „verheerende Geschichten“ zu schreiben.

Jetzt nehmen uns die Muslime auch noch das Schwimmbad weg (2)

Nehmen wir für einen Moment mal an, dass das, was am Dienstag in „Bild“ stand, stimmte. Dann hätte die Geschichte vom Bremer Vater, der mit seiner Tochter nicht ins Schwimmbad darf, „weil Muslime im Bad sind“ (BILDblog berichtete), eine neue Wendung:

Screenshot Bild.de - Schlechte Kommunikation - Behörde bestätigt Schwimmverbot für Papa

Jetzt stellt es sich anders da: Der Schwimmtermin sei ein regelmäßiger stattfindender Termin für u. a. muslimische Frauen, in den die Gruppe von Tim F. ausnahmsweise reinrutschte — Männer tatsächlich unerwünscht!

… schreiben die „Bild“-Medien.

Und es ist schon ein ausgesprochen interessanter Fokus, den sie an dieser Stelle gewählt haben: „ein regelmäßiger stattfindender Termin für u. a. muslimische Frauen“. Sie hätten nämlich genauso gut schreiben können: „ein regelmäßiger stattfindender Termin für u. a. katholische Frauen“. Oder: „ein regelmäßiger stattfindender Termin für u. a. jüdische Frauen“. Oder: „ein regelmäßiger stattfindender Termin für u. a. Frauen, die nicht religiös sind“. Oder einfach: „ein regelmäßiger stattfindender Termin für Frauen“. Denn der Termin, den „Bild“ meint, ist ein Frauenbadetag. Davon gibt es monatlich zwei in dem betreffenden Bremer Schwimmbad: jeden zweiten Samstag im Monat ohne Kinder, jeden letzten Samstag im Monat mit Kindern. Für alle Frauen, egal ob religiös, egal welche Religion.

Die Bremen-Redaktion der „Bild“-Zeitung hätte also irgendwas titeln können wie „Wegen Frauenbadetag — Vater darf mit Tochter nicht ins Schwimmbad“. Vermutlich hätte dann selbst der wütendste „Bild“-Leser verstanden, dass es nicht völlig überraschend ist, dass ein Mann nicht zum Frauendbadetag darf. Stattdessen titelte die Redaktion aber:

Ausriss Bild-Zeitung - Wegen Musliminnen - Behörde bestätigt Schwimm-Verbot für Papa Tim
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Wenn Frauenbadetag ist, zu dem auch (aber nicht nur!) Musliminnen gehen können, und ein Mann dadurch nicht ins Schwimmbad darf, sind laut „Bild“-Redaktion also die Musliminnen schuld.

Auf der Facebookseite von „Bild“ (wo der Artikel mit den Worten „Wegen Musliminnen — Behörde spricht Schwimmverbot für Papa aus“ verlinkt ist) reagieren die Leserinnen und Leser mit Kommentaren wie:

Rassismus gegen Deutsche!

Ja, das ist erst der Anfang, wir sind bald fremd im eigenem Land

Wie tief will Deutschland eigentlich noch sinken…

Nun müssen wir allerdings einmal zurück an den Anfang. Wir haben ja schon angedeutet, dass mit dem „Bild“-Text etwas nicht stimmen könnte. Und: Es stimmt etwas mit dem „Bild“-Text nicht. Ein Frauenbadetag spielt in dem Fall, anders als von „Bild“ behauptet, überhaupt keine Rolle.

Der Sprecher der Bremer Sozialbehörde, der auch im Artikel der „Bild“-Medien zu Wort kommt, sagte uns auf Nachfrage, dass eine unglückliche Entscheidung der Mutter-Kind-Gruppe, die Tim F. mit seiner Tochter besucht, und zu der auch muslimische Frauen gehören, zum Ausschluss des Mannes beim Schwimmbadbesuch geführt habe: Die Frauen hätten sich gewünscht, dass nur Frauen mit zum Schwimmen kommen.

Der Vater selbst sei bei der Planung des Ausflugs nicht dabei gewesen und habe daher auch nichts dazu sagen können. Es sei bedauerlich, dass diese Entscheidung über den Kopf des Mannes hinweg gefallen sei und man ihn vor vollendete Tatsachen gestellt habe.

Er habe auch dem „Bild“-Reporter mitgeteilt, dass ein Frauenbadetag nicht der Grund für den Ausschluss des Mannes gewesen sei, so der Sprecher der Sozialbehörde. Warum dieser das dann trotzdem geschrieben hat, könne er sich auch nicht erklären.

Zeitstempel-Gelbwesten, Maskupedia, Eine Vergewaltigung ist kein Sex!

1. Verschwörungstheorien wegen eines Tweets
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Sabine Wachs)
Nach dem Anschlag in Straßburg zirkuliert in Kreisen der protestierenden „Gelbwesten“ die Verschwörungstheorie, der französische Staat stecke dahinter. Als angeblicher Beleg dient unter anderem ein Tweet einer Polizeipräfektur mit einem scheinbar entlarvenden Zeitstempel. Die Gründe dafür sind jedoch technischen Ursprungs. Patrick Gensing und Sabine Wachs erklären das Phänomen, das auf Twitter in ähnlicher Form immer wieder für Verwirrung sorgt.

2. It’s a man’s world: Wie weibliche Editorinnen von der Wikipedia verdrängt werden
(netzpolitik.org, Carolina Schwarz)
Carolina Schwarz hat für das Gesellschaftsmagazin „ROM“ aufgeschrieben, wie schwer es Frauen bei Wikipedia haben. „Oh, Hasilein, lösch dich von Wikipedia und kümmer dich lieber um das, was du wirklich gut kannst: shoppen, putzen und deinen Mann umgarnen.“ Solche Sätze musste sich beispielsweise die Wikipedia-Editorin „Sophia“ (Pseudonym) anhören. Anderen Frauen sei es ähnlich ergangen. Der Verein Wikimedia kenne das Problem und versuche gegenzusteuern. Wie es gelöst werden kann, bleibe jedoch offen.

3. Kritiker über Facebook verfolgt
(reporter-ohne-grenzen.de)
Dass man kritische Stimmen auch im Ausland unterdrücken kann, beweisen die böswilligen Facebook-Angriffe auf den in Deutschland im Exil lebenden Journalisten Trung Khoa Le aus Vietnam. Unbekannte hätten ausgenutzt, dass es auf Facebook bis vor Kurzem möglich war, eine andere Person unwissentlich zum Administrator einer Seite zu machen, auf der in grober Weise gegen die „Community Standards“ vorstoßen wird. Das Resultat in derartigen Fällen: Der unfreiwillige Administrator wurde für die Verstöße verantwortlich gemacht und mit einer Sperre belegt. Christian Mihr, Geschäftsführer der „Reporter ohne Grenzen“: „Facebook eröffnet vielen Journalisten die Chance auf eine freie Berichterstattung, doch offensichtlich kann das Unternehmen solch zensurähnlichen Missbrauch nicht verhindern. Es braucht endlich eine demokratische Kontrolle des Konzerns, um die Rechte der Nutzer wirksam zu stärken.“

4. Die Dinge beim Namen nennen – Warum eine Vergewaltigung kein Sex ist
(genderequalitymedia.org, Vic Schulte)
Es ist eigentlich so einfach: Eine Vergewaltigung ist kein Sex! Dennoch schreiben Medien Vergewaltigungsfälle gerne zu klicksteigernden Sex-Stories um. Vic Schulte zählt einige unschöne Beispiele auf und fasst am Ende zusammen: „Wenn bei Sexualstraftaten statt von Belästigung und Vergewaltigung von „Sex“ die Rede ist, sieht das auf der Titelseite zwar aufregend und ein bisschen skandalös aus und hilft möglicherweise, Verkaufs- oder Klickzahlen in die Höhe zu treiben. Aber durch die Vermischung der Begriffe wird zugunsten der Unterhaltsamkeit ein Gewaltverbrechen trivialisiert und verharmlost.“

5. Erfolgsfaktor Natur – das Genre „Nature Writing“
(fachjournalist.de, Torsten Schäfer)
Journalismusprofessor Torsten Schäfer ist als langgedienter Wissenschafts- und Umweltjournalist Experte für grüne, sprich naturnahe Themen. In einem Beitrag für den „Fachjournalist“ beschäftigt er sich mit dem angloamerikanischen „Nature Writing“. Dieses Literaturgenre erobere den deutschen Buchmarkt und die Feuilletons, werde aber im Journalismus selbst kaum diskutiert — obwohl es viele Chancen für die Lokal- und Umweltberichterstattung biete.

6. Kleinvieh-Strategie: Endemol Shine erstmals an der Spitze
(dwdl.de, Torsten Zarges)
„DWDL“ hat ein Ranking der TV-Produzenten für das Jahr 2018 erstellt. Spitzenreiter ist die Firma Endemol Shine, die mit zehn verschiedenen Formaten unter den 100 meistgesehenen Sendungen des Jahres vertreten ist. Wer sich für das TV-Geschäft interessiert, findet in dem Artikel viele Zahlen und Informationen über das milliardenschwere Geschäft mit der Fernsehunterhaltung.

Wenig Wikipedianerinnen, „Star der Gegenöffentlichkeit“, Tübinger Troll

1. Ermittlungen gegen „CumEx“-Journalisten
(ndr.de, Video, 3:17 Minuten)
Das Medienmagazin „Zapp“ hat sich mit dem Chefredakteur des Investigativbüros „Correctiv“ Oliver Schröm getroffen. Schröm deckte mit seinen Berichten den Steuerbetrug mit „CumEx“-Geschäften auf und steht nun selbst im Visier der Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: Er habe einen Informanten zum „Geheimnisverrat“ angestiftet. Sorgen macht auch eine neue EU-Richtlinie zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen, die sich auf die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten negativ auswirken könnte. Journalistenverbände und Medien warnen vor dem neuen Gesetz.

2. Ein Star der Gegenöffentlichkeit
(journalist-magazin.de, Matthias Holland-Letz)
Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hat eine große Fangemeinde. Seine Verschwörungstheorien treffen anscheinend einen Nerv der Zeit: Gansers Vortrag über die „wahren Hintergründe“ des Anschlags vom 11. September erzielte über eine Million Aufrufe bei YouTube. Der „journalist“ hat sich mit dem „Star der Gegenöffentlichkeit“ getroffen.

3. Warum das Frauenproblem bei Wikipedia so tief sitzt
(spiegel.de, Leonie Bossemeyer)
Wikipedia hat ein tiefsitzendes Problem: In der Online-Enzyklopädie schreiben vor allem Männer die Artikel und das habe negative Auswirkungen, so die Meinung der Kritiker. Frauenbiografien seien zum Beispiel deutlich unterrepräsentiert. Leonie Bossemeyer hat sich die Datenlage näher angeschaut.

4. So oft könnten Verlage künftig an Bezahlartikeln verdienen
(golem.de, Friedhelm Greis)
Eigentlich ist es eine Win-Win-Situation: Suchmaschinen wie Google sorgen dafür, dass Inhalte aufgerufen werden. Die Rechteinhaber dieser Inhalte (zum Beispiel Medien- und Nachrichtenseiten) freuen sich über die von Google vermittelten Besucher, denen sie Werbung ausspielen können. Das reicht den Verlegern jedoch nicht, sie wollen von Google eine zusätzliche Vergütung kassieren. Und das sogar für die Links auf Artikel, die hinter einer Paywall stehen. Friedhelm Greis erklärt das lukrative Modell der angestrebten Mehrfachvergütung.

5. Fake News unfaked
(freitag.de, Martin Andree)
Der Medienwissenschaftler Martin Andree beschäftigt sich mit der Debatte um den Begriff „Fake News“ und setzt dabei lange vor Trump an. Wenn man den Begriff, wie oft geschehen, bis zur Unkenntlichkeit verallgemeinere, seien Fake News tatsächlich so alt wie die Lüge und damit wie die Menschheit: „Dann kann man tatsächlich etwa Ramses II. zum Urvater der Fake News erklären, der nach der verlorenen Schlacht von Kadesch (1274 v. Chr.) seinen ruhmreichen Triumph in Stein meißeln ließ: Nicht weniger als 2.500 hethitische Streitwagen soll der Pharao mit eigener Hand zurückgeworfen haben.“
Weiterer Lesehinweis, passend zum Thema Trump: Der Nachrichtenapparat bin ich — US-Präsident Trump streitet sich mit demokratischen Oppositionsführern und -führerinnen. Ein CNN-Video zeigt die Eskalation (taz.de, Aron Boks).

6. Übers schwäbische Stöckchen gesprungen
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Kaum ein Bürgermeister Deutschlands ist so bekannt wie der Tübinger OB Boris Palmer. Das liegt an seinen Provokationen, Troll-Aktionen und sarkastischen Sarrazinismen. Es liege aber auch an den Medien, die über jedes Stöckchen springen, die Palmer ihnen hinhalte, wie Arno Orzessek in seiner Glosse findet.

„Bild“ macht Wladimir Putin zum Stasi-Mitarbeiter

Große Freude heute bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Nach Bild-Enthüllung - Die Welt staunt über Putins Stasi-Ausweis

Gut, „Nach BILD-Enthüllung“ wäre es nur dann, wenn man eine Entdeckung der Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden, über die die „Bild“-Medien gestern berichteten, wirklich als „BILD-Enthüllung“ sieht. Aber von solchen Details wollen sie sich in der „Bild“-Redaktion nicht bremsen lassen:

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein geheimer Stasi-Ausweis!

Die Entdeckung von BILD ging um die Welt.

Die „Washington Post“, die Londoner „Times“ und selbst russische Medien berichteten über die bisher unbekannten Dokumente, die der einstige KGB-Offizier „Major Wladimir Putin“ von den Spitzeln der DDR-Stasi 1985 ausgestellt bekam.

Bereits gestern schrieb „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht:

28 Jahre nach DDR-Ende dachte selbst die Stasi-Unterlagenbehörde (BStU), alle Geheimnisse zu kennen. Doch jetzt entdeckte Dokumente belegen: der einstige KGB-Offizier und heutige Kremlchef Wladimir Putin (66) war bis zum Fall der Mauer auch Mitarbeiter des berüchtigten Staatssicherheitsdienstes!

Auf der gestrigen Titelseite geht es erstmal nur um Putins „Stasi-Ausweis“:

Ausriss Bild-Titelseite - Als KGB-Spion in Dresden - Putins geheimer Stasi-Ausweis entdeckt!

Zwei Seiten später ist der heutige Präsident Russland bereits „Stasi-Mann“ gewesen:

Ausriss Bild-Zeitung - KGB-Spion Putin - Seine Tarnung als Stasi-Mann

Und im Text von Helfricht dann eben „Mitarbeiter des berüchtigten Staatssicherheitsdienstes!“

An der Folgerung, der nun aufgetauchte Ausweis belege, dass Wladimir Putin Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen ist, haben manche Leute allerdings erhebliche Zweifel. Zum Beispiel die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde, die ja immerhin „Putins geheimen Stasi-Ausweis“ entdeckt haben. Noch gestern Abend veröffentlichten sie eine entsprechende Mitteilung, in der unter anderem steht:

Wer als Verbindungsoffizier des russischen Geheimdienstes KGB seinen Dienst in der DDR versah, wurde mit einem Hausausweis der zuständigen MfS-Dienststelle ausgestattet. Dies trifft auch auf den MfS-Hausausweis von Wladimir Putin zu, der in Dresden von 1985-1990 seinen Dienst als ein dem KGB-Verbindungsoffizier untergeordneter Offizier verrichtete. (…)

In den Bezirken der DDR erhielten die KGB-Vertreter damit Zugang zu den Bezirksverwaltungen des MfS. Das war auch der Fall bei Wladimir Putin, der damals für die KGB-Dienststelle im Bezirk Dresden tätig war und aus diesem Grund einen Hausausweis von der MfS-Bezirksverwaltung bekam. Nach bisherigem Forschungsstand ist die Ausstellung eines Hausausweises auf der oben beschriebenen Basis kein Hinweis darauf, dass Wladimir Putin für das MfS gearbeitet hat. Der Ausweis war Teil der Ausstattung für die Erledigung der Aufgaben des KGB in der Zusammenarbeit mit dem MfS. Welche Aufgaben zu erledigen waren, sind dem Hausausweis nicht zu entnehmen und auch in der Existenz eines solchen Ausweises nicht zu erkennen.

Und Konrad Felber, der die Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden leitet, und den „Bild“ als Entdecker des Ausweises präsentiert, sagt auch noch mal: „Das heißt aber nicht automatisch, dass Putin für die Stasi gearbeitet hat“.

Damit geht die sagenhafte Erfolgsgeschichte von „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht weiter: Nachdem er das Katzenbenzin erfunden, die seit Jahrzehnten bekannte „Wahrheit über den Dresdner Feuersturm“ enthüllt, Hitlers Cognac entdeckt und den Sandmann in den Westen verkauft hat, hat er nun auch noch Wladimir Putin zum Stasi-Mitarbeiter befördert.

Mit Dank an Benjamin J. für den Hinweis!

Falschen im Visier, Medienphänomen „Gelbwesten“, Politisches Adbusting

1. Ermittlungen wegen CumEx-Files: Angriff auf die Pressefreiheit?
(daserste.ndr.de/panorama)
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den Investigativjournalisten und „Correctiv“-Chefredakteur Oliver Schröm. Im Oktober hatte „Correctiv“ gemeinsam mit 18 Medienpartnern die Rechercheergebnisse zum Cum-Ex-Skandal veröffentlicht, der als größter Steuerraubzug Europas (geschätzter Schaden: mehr als 55 Milliarden Euro) in die Geschichte eingehen könnte. Anstatt Schröm (und die anderen an der Aufdeckung Beteiligten) mit dem Verdienstkreuz auszuzeichnen, ermittelt man gegen ihn wegen angeblicher „Anstiftung zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen“.
Weiterer Lesehinweis: Journalismus ist kein Verbrechen: Der offene Brief von „Correctiv“ an Justizministerin Barley und Finanzminister Scholz: „Sehr geehrter Herr Finanzminister Olaf Scholz, wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Ihren Kollegen in Europa endlich unsere Staatskassen vor Ausplünderung zu schützen. Sehr geehrte Frau Justizministerin Katarina Barley, wir fordern Sie auf, investigative Recherchen von Journalisten nicht zu kriminalisieren. Sorgen Sie dafür, dass Journalisten nicht wegen Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen strafrechtlich verfolgt werden können. Der Rechtsstaat muss sich auf die Verfolgung der Täter konzentrieren. Steuerraub ist ein Verbrechen. Journalismus nicht.“
Bei „Spiegel Online“ ordnet Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, den Fall juristisch ein: „Pressefreiheit stößt manchmal an Grenzen“.

2. Absage an eine Gesellschaft
(spiegel.de, Nils Minkmar)
Die französischen „Gelbwesten“ sind das perfekte Medienphänomen, wie Nils Minkmar bei „Spiegel Online“ ausführt: „Man kann etwas Revolutionsfolklore hineindeuten, nach Belieben personalisieren und viel Häme gegen Macron verbreiten. Gescheiterter Star, das lesen die Leute ja gern. Aber diese Deutungen verkennen die fundamentale, ja intime Dimension der Verzweiflung in Frankreich. Sie hat mit der Erkenntnis zu tun, dass der Nationalstaat nicht mehr viel, aber Europa noch lange nicht genug vermag, um normale Bürger zu fördern.“

3. Livestreams von Schießereien
(twitter.com, Martin Kaul)
„taz“-Reporter Martin Kaul erklärt auf Twitter, warum aus seiner Sicht Leute ohne journalistischen Hintergrund keine Livestreams von Schießereien erstellen sollten.

4. Wenn Unternehmen unfreiwillig gegen die AfD werben
(faz.net, Jonas Jansen)
Jonas Jansen berichtet über die aktuellen Fälle von politischem Adbusting. Dabei handelt es sich um gefälschte Wahlplakate, auf denen bekannte Marken vermeintlich eine politische Botschaft verkünden. Für großes Aufsehen hatte kürzlich ein angebliches Coca-Cola-Plakat gesorgt („Sag nein zur AfD“). Nun wurde ein Nutella-Plakat gefälscht und das Bild davon in den sozialen Medien verbreitet. Die Einordnungen der Adbustings gehen auseinander: Die Aktivisten sehen sie als legitime politische Äußerung, die betroffenen Unternehmen als Sachbeschädigung und Rufgefährdung.

5. Übersetzungsautomaten statt Sprachbarrieren
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Die Übersetzungstechnologie hat in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Medienhäuser könnten davon profitieren, indem sie ihre Publikationen demnächst in verschiedenen Sprachen anbieten und dadurch ausländische Märkte erschließen. Dabei sind sie jedoch auf Unternehmen wie Google und deren Übersetzungsdienste angewiesen. Adrian Lobe sieht neben den Chancen auch die Risiken: „Die Gefahr dabei ist, dass der Internetkonzern nicht nur die Verbreitung von Inhalten kontrolliert (wer sieht welche Artikel?), sondern dass dem Konzern auch eine Sprachmacht zuwächst, indem seine Algorithmen Auslegungsregeln für Übersetzungen festzurren. Es geht dabei nicht um Stilkritik, sondern um die Deutungshoheit über Begrifflichkeiten. Ob man die Ausschreitungen in Chemnitz als einen „wütenden Mob“ (angry mob, so die NYT) oder „Hetzjagd“ bezeichnet, macht in der politischen Bewertung der Vorkommnisse einen erheblichen Unterschied.“

6. 26 Jahre später …
(twitter.com, Patrick Bahners)
Vor 26 Jahren hatte Patrick Bahners in der „FAZ“ über die plagiatsverdächtige Doktorarbeit von Margarita Mathiopoulos geschrieben und dafür eine Gegendarstellung kassiert. 26 Jahre später schließt sich der Kreis: Die Potsdamer Honorarprofessorin verliert ihren zusammenplagiierten Doktortitel nun endgültig. Ihre Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde abgelehnt.

Tell him that they don’t like Mondays

Alfred Draxler hat’s nicht leicht.

Ausriss Bild-Zeitung - Ich fühle mich nur noch als Fan zweiter Klasse!

Der „Bild“-Sport-Chefkolumnist schrieb am Samstag:

Die 2. Liga hat beschlossen, ihr Montagsspiel, das seit 1993 zur Tradition geworden ist, wieder abzuschaffen.

Zurückzuführen ist dies auf massive Proteste der Fans in der Kurve, die Montagsspiele grundsätzlich ablehnen. Und kritisieren, dass die Anhänger der Auswärtsmannschaft aus logistischen Gründen benachteiligt werden.

Ich mag diese Spiele am Montagabend. Ich schaue sie mir zu Hause auf dem Sofa oder in einer Sky-Kneipe an. Aber ich bin wegen der Abschaffung nicht gefragt worden. Und deshalb fühle ich mich nur noch als Fan 2. Klasse.

Hach ja, so ein gemütlicher Fernsehabend auf der Couch. Was beklagen sich die rund 2000 Anhängerinnen und Anhänger des FC St.Pauli beispielsweise eigentlich, die gestern bei wenigen Grad im Stadion in Bochum standen, nachdem sie tagsüber, an einem Montag, 350 Kilometer aus Hamburg bis in den Ruhrpott gefahren sind und bevor sie spätabends 350 Kilometer wieder zurück nach Hamburg fahren mussten, um es heute zur Arbeit zu schaffen?

Nun kann man gegen Alfred Draxlers Gefühlswelt erstmal nichts sagen. Aber gegen seine abenteuerliche Argumentation:

Dabei sind wir doch eindeutig in der Mehrheit. Das Spiel HSV gegen Köln haben an einem Montagabend bei Sky 505 000 Zuschauer gesehen. Die gesamte 2. Liga bringt es bei neun Partien pro Spieltag durchschnittlich „nur“ auf 175 000 Stadionbesucher.

Weil viele Fußballfans am Montagabend den Fernseher einschalten, wenn dort die 2. Liga läuft, soll das automatisch bedeuten, dass sie es befürworten, dass die Spiele am Montagabend stattfinden? Es bräuchte mal eine Umfrage, in der Fans — ob nun Kurvensteher oder Draxlers Sofa-Kompagnons — sagen könnten, was sie von den Montagsspielen halten …

Moment, die gibt’s ja! Der Verein FC PlayFair!, der „kicker“ und das Deutsche Institut für Sportmarketing haben im Februar dieses Jahres die Ergebnisse einer gemeinsamen Umfrage präsentiert. Und die waren eindeutig: Das Spiel am Montagabend um 20:30 Uhr lehnen 91,4 Prozent der 186.254 Fans, die teilgenommen haben, ab. Die restlichen 8,6 Prozent bilden Alfred Draxlers „eindeutige“ „Mehrheit“.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Nachtrag, 16:46 Uhr: Die von uns verlinkte Umfrage von FC PlayFair!, „kicker“ und dem Deutschen Institut für Sportmarketing bezieht sich auf die Anstoßzeiten in der 1. Fußball-Bundesliga. Es ist sicher nicht auszuschließen, dass unter den 186.254 Teilnehmern auch Anhänger von Vereinen der 2. Bundesliga waren. Die Montagsspiele in der 2. Bundesliga starten ebenfalls um 20:30 Uhr.

In Alfred Draxlers Text geht es außerdem auch um die beschlossene Abschaffung der Montagsspiele in der 1. Bundesliga.

Mit Dank an @gerth_micha für den Hinweis!

Bot-Debatte, Google-Tier, Kramp-Zungenbrecher

1. Ein Bot allein macht keine Revolte. Und auch keine Migrationsdebatte.
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Stammen tatsächlich 28 Prozent der Tweets zum UN-Migrationspakt von Bots, wie die „Welt“ unter Bezug auf eine Studie berichtete? Experten wie der Datenspezialist Luca Hammer haben daran ihre Zweifel. Markus Reuter von Netzolitik.org zählt auf, wer sich bei politischen Debatten jenseits von Bots noch alles einmischt, von Troll-Sockenpuppen und Fake-Influencern bis hin zu staatlich gelenkten Social-Media-Akteuren. Sein Fazit: „Kurzfristig wird die Wichtigkeit und die Schwere der Einflussnahme von Bots für den öffentlichen Diskurs total überschätzt. Langfristig müssen wir aber grundrechtskonforme Wege finden, diese Gefahr zu beseitigen. In diesem Sinne ist der Fokus des Welt-Artikels und der Widerhall, den der Artikel oftmals ungeprüft und ohne Kenntnis der vollständigen Studienergebnisse in anderen Medien erlangte, kritisch zu hinterfragen.“

2. Smartspeaker: Und täglich grüßt das Google-Tier
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Google arbeitet an einer Art Nachrichtenradiosender für Smartspeaker und Smartphones, einer sprachgetriebenen Version von Google News. Journalist und Medienexperte Christian Jakubetz prognostiziert: „Einmal mehr wird ein Großkonzern den Medienunternehmen spürbar voraus sein. Nicht nur, weil ein Konzern wie Google über nahezu unbeschränkte Möglichkeiten verfügt. Sondern auch, weil die klassischen Medienhäuser den selben Fehler machen wie zu Anbeginn des kommerziellen Internets: Sie entwickeln nicht für einen neuen Kanal ein neues Angebot, sondern versuchen einfach nur, einen neuen Markt mit alten Inhalten zu besetzen.“

3. Es geht um Produkte, nicht um Eitelkeiten
(lead-digital.de, Stefan Ottlitz)
Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) war sieben Jahre Chefredakteur bei Süddeutsche.de und ist nun Produktchef beim „Spiegel“. In einem Gastbeitrag spricht er über die Schwierigkeiten, die viele Journalistinnen und Journalisten mit der Vokabel „Produkt“ haben, und erzählt, wie nützlich es sei, Erfahrungen mit der Konkurrenz zu teilen: „Wir haben, als wir das neue Abo-Modell Spiegel+ eingeführt haben, auf unserem Devblog alle Zahlen und Einblicke publiziert. Daraufhin haben sich Kollegen aus anderen Häusern gemeldet, die heute ja weniger Konkurrenten als Weggefährten sind und ihre Erfahrungen geteilt haben. (…) Wer Produktentwicklung als offenen Prozess begreift, lernt schneller von und mit anderen, wie man die digitale Dis­ruption übersteht.“

4. Eine letzte gibt es noch, dann war es das vorerst einmal mit Lesungen.
(facebook.com, Hanna Herbst)
Die Journalistin Hanna Herbst (ehemals „Vice“ Österreich) hat das Buch „Feministin sagt man nicht“ geschrieben. Auf Facebook postet sie einen Text aus ihren Lesungen: „Ehe ich mich versah, nahm mir der Feminismus meine Berufsbezeichnung weg. War ich auf Podiumsdiskussionen kurz zuvor noch Journalistin gewesen, war ich auf einmal Feministin. „Es diskutieren Rechtsanwalt Sepp Hubendübel, Medienimperiumsbesitzer und Schriftsteller Franz Hackenbuchner, Schauspielerin Lise Huber und Feministin Hanna Herbst.“ Eine ganz klare Einordnung, unter der meine Aussagen zu hören und zu werten waren. Ein Disclaimer. Und unter diesem Disclaimer waren auch alle Aussagen und Anliegen für viele quasi zu verwerfen, weil überzogen, weil hysterisch, weil männerfeindliche Männerhasserin. Weil Feministin.“

5. Worin unterscheidet sich ZDFneo vom ZDF, Frau Bilke?
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath hat die neue ZDFneo-Senderchefin Nadine Bilke interviewt, die beim ZDF vorher unter anderem für die Mediathek verantwortlich war. Im Gespräch geht es um lineares und nicht-lineares Fernsehen, die inhaltliche Ausrichtung des Senders und das prominente Erfolgsformat „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann.
Weiterer Lesehinweis: Jakob Buhre war für „Planet Interview“ auf der ZDF-Pressekonferenz: Wenn das „Traumschiff“ zum Pay-Angebot wird, „profitiert der Beitragszahler“.

6. Der Kampf mit den fünf Rs
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Annegret Kramp-Karrenbauers Name ist für ungeübte Zungen sperrig und sprengt die Kurzmeldungsspalte jeder Zeitung. Darf man also das Kürzel AKK in der Berichterstattung verwenden? Und wie sieht die neue CDU-Bundesvorsitzende das Ganze?
Dazu auch: Bei „Übermedien“ haben sie in einem Clip internationale „Ännegreat Crump-Karrenbouwha“-Aussprachen gesammelt.

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