Archiv für Dezember 12th, 2018

„Bild“ macht Wladimir Putin zum Stasi-Mitarbeiter

Große Freude heute bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Nach Bild-Enthüllung - Die Welt staunt über Putins Stasi-Ausweis

Gut, „Nach BILD-Enthüllung“ wäre es nur dann, wenn man eine Entdeckung der Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden, über die die „Bild“-Medien gestern berichteten, wirklich als „BILD-Enthüllung“ sieht. Aber von solchen Details wollen sie sich in der „Bild“-Redaktion nicht bremsen lassen:

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein geheimer Stasi-Ausweis!

Die Entdeckung von BILD ging um die Welt.

Die „Washington Post“, die Londoner „Times“ und selbst russische Medien berichteten über die bisher unbekannten Dokumente, die der einstige KGB-Offizier „Major Wladimir Putin“ von den Spitzeln der DDR-Stasi 1985 ausgestellt bekam.

Bereits gestern schrieb „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht:

28 Jahre nach DDR-Ende dachte selbst die Stasi-Unterlagenbehörde (BStU), alle Geheimnisse zu kennen. Doch jetzt entdeckte Dokumente belegen: der einstige KGB-Offizier und heutige Kremlchef Wladimir Putin (66) war bis zum Fall der Mauer auch Mitarbeiter des berüchtigten Staatssicherheitsdienstes!

Auf der gestrigen Titelseite geht es erstmal nur um Putins „Stasi-Ausweis“:

Ausriss Bild-Titelseite - Als KGB-Spion in Dresden - Putins geheimer Stasi-Ausweis entdeckt!

Zwei Seiten später ist der heutige Präsident Russland bereits „Stasi-Mann“ gewesen:

Ausriss Bild-Zeitung - KGB-Spion Putin - Seine Tarnung als Stasi-Mann

Und im Text von Helfricht dann eben „Mitarbeiter des berüchtigten Staatssicherheitsdienstes!“

An der Folgerung, der nun aufgetauchte Ausweis belege, dass Wladimir Putin Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen ist, haben manche Leute allerdings erhebliche Zweifel. Zum Beispiel die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde, die ja immerhin „Putins geheimen Stasi-Ausweis“ entdeckt haben. Noch gestern Abend veröffentlichten sie eine entsprechende Mitteilung, in der unter anderem steht:

Wer als Verbindungsoffizier des russischen Geheimdienstes KGB seinen Dienst in der DDR versah, wurde mit einem Hausausweis der zuständigen MfS-Dienststelle ausgestattet. Dies trifft auch auf den MfS-Hausausweis von Wladimir Putin zu, der in Dresden von 1985-1990 seinen Dienst als ein dem KGB-Verbindungsoffizier untergeordneter Offizier verrichtete. (…)

In den Bezirken der DDR erhielten die KGB-Vertreter damit Zugang zu den Bezirksverwaltungen des MfS. Das war auch der Fall bei Wladimir Putin, der damals für die KGB-Dienststelle im Bezirk Dresden tätig war und aus diesem Grund einen Hausausweis von der MfS-Bezirksverwaltung bekam. Nach bisherigem Forschungsstand ist die Ausstellung eines Hausausweises auf der oben beschriebenen Basis kein Hinweis darauf, dass Wladimir Putin für das MfS gearbeitet hat. Der Ausweis war Teil der Ausstattung für die Erledigung der Aufgaben des KGB in der Zusammenarbeit mit dem MfS. Welche Aufgaben zu erledigen waren, sind dem Hausausweis nicht zu entnehmen und auch in der Existenz eines solchen Ausweises nicht zu erkennen.

Und Konrad Felber, der die Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden leitet, und den „Bild“ als Entdecker des Ausweises präsentiert, sagt auch noch mal: „Das heißt aber nicht automatisch, dass Putin für die Stasi gearbeitet hat“.

Damit geht die sagenhafte Erfolgsgeschichte von „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht weiter: Nachdem er das Katzenbenzin erfunden, die seit Jahrzehnten bekannte „Wahrheit über den Dresdner Feuersturm“ enthüllt, Hitlers Cognac entdeckt und den Sandmann in den Westen verkauft hat, hat er nun auch noch Wladimir Putin zum Stasi-Mitarbeiter befördert.

Mit Dank an Benjamin J. für den Hinweis!

Falschen im Visier, Medienphänomen „Gelbwesten“, Politisches Adbusting

1. Ermittlungen wegen CumEx-Files: Angriff auf die Pressefreiheit?
(daserste.ndr.de/panorama)
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den Investigativjournalisten und „Correctiv“-Chefredakteur Oliver Schröm. Im Oktober hatte „Correctiv“ gemeinsam mit 18 Medienpartnern die Rechercheergebnisse zum Cum-Ex-Skandal veröffentlicht, der als größter Steuerraubzug Europas (geschätzter Schaden: mehr als 55 Milliarden Euro) in die Geschichte eingehen könnte. Anstatt Schröm (und die anderen an der Aufdeckung Beteiligten) mit dem Verdienstkreuz auszuzeichnen, ermittelt man gegen ihn wegen angeblicher „Anstiftung zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen“.
Weiterer Lesehinweis: Journalismus ist kein Verbrechen: Der offene Brief von „Correctiv“ an Justizministerin Barley und Finanzminister Scholz: „Sehr geehrter Herr Finanzminister Olaf Scholz, wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Ihren Kollegen in Europa endlich unsere Staatskassen vor Ausplünderung zu schützen. Sehr geehrte Frau Justizministerin Katarina Barley, wir fordern Sie auf, investigative Recherchen von Journalisten nicht zu kriminalisieren. Sorgen Sie dafür, dass Journalisten nicht wegen Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen strafrechtlich verfolgt werden können. Der Rechtsstaat muss sich auf die Verfolgung der Täter konzentrieren. Steuerraub ist ein Verbrechen. Journalismus nicht.“
Bei „Spiegel Online“ ordnet Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, den Fall juristisch ein: „Pressefreiheit stößt manchmal an Grenzen“.

2. Absage an eine Gesellschaft
(spiegel.de, Nils Minkmar)
Die französischen „Gelbwesten“ sind das perfekte Medienphänomen, wie Nils Minkmar bei „Spiegel Online“ ausführt: „Man kann etwas Revolutionsfolklore hineindeuten, nach Belieben personalisieren und viel Häme gegen Macron verbreiten. Gescheiterter Star, das lesen die Leute ja gern. Aber diese Deutungen verkennen die fundamentale, ja intime Dimension der Verzweiflung in Frankreich. Sie hat mit der Erkenntnis zu tun, dass der Nationalstaat nicht mehr viel, aber Europa noch lange nicht genug vermag, um normale Bürger zu fördern.“

3. Livestreams von Schießereien
(twitter.com, Martin Kaul)
„taz“-Reporter Martin Kaul erklärt auf Twitter, warum aus seiner Sicht Leute ohne journalistischen Hintergrund keine Livestreams von Schießereien erstellen sollten.

4. Wenn Unternehmen unfreiwillig gegen die AfD werben
(faz.net, Jonas Jansen)
Jonas Jansen berichtet über die aktuellen Fälle von politischem Adbusting. Dabei handelt es sich um gefälschte Wahlplakate, auf denen bekannte Marken vermeintlich eine politische Botschaft verkünden. Für großes Aufsehen hatte kürzlich ein angebliches Coca-Cola-Plakat gesorgt („Sag nein zur AfD“). Nun wurde ein Nutella-Plakat gefälscht und das Bild davon in den sozialen Medien verbreitet. Die Einordnungen der Adbustings gehen auseinander: Die Aktivisten sehen sie als legitime politische Äußerung, die betroffenen Unternehmen als Sachbeschädigung und Rufgefährdung.

5. Übersetzungsautomaten statt Sprachbarrieren
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Die Übersetzungstechnologie hat in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Medienhäuser könnten davon profitieren, indem sie ihre Publikationen demnächst in verschiedenen Sprachen anbieten und dadurch ausländische Märkte erschließen. Dabei sind sie jedoch auf Unternehmen wie Google und deren Übersetzungsdienste angewiesen. Adrian Lobe sieht neben den Chancen auch die Risiken: „Die Gefahr dabei ist, dass der Internetkonzern nicht nur die Verbreitung von Inhalten kontrolliert (wer sieht welche Artikel?), sondern dass dem Konzern auch eine Sprachmacht zuwächst, indem seine Algorithmen Auslegungsregeln für Übersetzungen festzurren. Es geht dabei nicht um Stilkritik, sondern um die Deutungshoheit über Begrifflichkeiten. Ob man die Ausschreitungen in Chemnitz als einen „wütenden Mob“ (angry mob, so die NYT) oder „Hetzjagd“ bezeichnet, macht in der politischen Bewertung der Vorkommnisse einen erheblichen Unterschied.“

6. 26 Jahre später …
(twitter.com, Patrick Bahners)
Vor 26 Jahren hatte Patrick Bahners in der „FAZ“ über die plagiatsverdächtige Doktorarbeit von Margarita Mathiopoulos geschrieben und dafür eine Gegendarstellung kassiert. 26 Jahre später schließt sich der Kreis: Die Potsdamer Honorarprofessorin verliert ihren zusammenplagiierten Doktortitel nun endgültig. Ihre Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde abgelehnt.